Kapitel 3: Eisige Klauen
"... und dann fordert mich dieser Milchtrinker doch tatsächlich zum Armdrücken auf! Ha! Der hätte nicht mal einen Zahnstocher zerbrechen können!
Ich sag's euch, der hatte keine Chance." Gunnar prahlte was das Zeug hielt, während sie die Schauflertunnel durchquerten. Die einzigen, die jedoch groß zuhörten, waren sein Bruder und Cahirah.
"Natürlich. Wenn ich mich recht daran erinnere, warst du wieder mal sternhagelvoll und hast nur gewonnen, weil dein Gegenüber sich von der Schankmaid ablenken ließ." warf Brinjolf ein. Seine Version der Geschichte klang schon etwas glaubwürdiger.
"Hehe, das kann ich ihm nicht verübeln. Aber er hätte auch so oder so keine Chance gehabt." Cahirah konnte sich nicht mehr zurückhalten mit dem Lachen.
"Ihr Norn seid wirklich besonders. Egal, was ihr erlebt, aus euren Mündern hört es sich immer wie eine Heldentat an."
Gunnar verschränkte die Arme vor der vor Stolz geschwollenen Brust. "Tja, bei uns IST auch alles, was wir tun, eine Heldentat!"
"Vorsicht, Gunnar." merkte Ysmir an. "Nicht, dass du dir noch alles zu Kopf steigen lässt."
"Zu spät. Viel zu spät." entgegnete Brinjolf. Lachend lief die Truppe weiter, bis der Tunnel schließlich ein Ende nahm. "Na endlich!" meinte Sif.
"Freut Euch nicht zu früh, erst müssen wir noch ein ganzes Stück durch die Schauflerhöhlen." sagte Aela.
"Na toll...wär auch zu schön gewesen." murrte die Waldläuferin.
"Verlieren wir keine Zeit. Aela, Ihr kennt den Weg, nehme ich an. Wie folgen Euch." beschloss Ysmir. Aela führte sie ein Stück durch die unterirdische Bohrterasse der Schaufler. "Einen Moment." Sie wies die anderen an, kurz zu warten. Dann ging sie auf eine Gruppe von Schauflern zu.
"Genosse Isaak. Seid gegrüßt!" Der Schaufler ging auf die Norn zu und reichte ihr die Hand.
"Ah, willkommen, Genossin. Es freut mich, Euch zu treffen. Und Ihr seid nicht allein, nehme ich an?"
"Nein, nicht ganz. Wir sind im Auftrag des Paktes unterwegs. Wir müssen in die Fernen Zittergipfel."
"Da habt Ihr eine lange Reise vor Euch. Aber ich werde Euch unterstützen, so gut ich kann. Ihr habt unserer Revolution geholfen und es ist Zeit, das unser Volk den Kampf gegen die Drachen unterstützt. Bitte, nehmt Euch, was Ihr braucht."
"Habt Dank, Isaak. Eure Unterstützung wirkt nicht unbemerkt bleiben, das verspreche ich Euch. Wir werden nur nehmen, was wir brauchen." Aela verbeugte sich, obwohl es der Schaufler eh nicht sehen konnte. Sie tat es aus Respekt.
"Meldet Euch bei Quartiermeister Koptev. Er ist bestimmt in der Rüstkammer." fügte Isaak hinzu. Sie gingen weiter durch die Bohrterasse, bis sie an der Rüstkammer vorbeikamen. Eine bemerkenswerte Anzahl an Schauflerwaffen und Metallteilen lag auf den Tischen und in den Kisten, die sich an der Wand verteilten. "Meint ihr, die haben auch ein infundiertes Thermovisier für meine Pistole?" fragte Raegar. Die anderen drehten sich zu ihm um und starrten ihn fragend an.
"Ok, vergesst es. War nur ein Scherz." seufzte der Charr.
"Außer Euch kann vermutlich niemand etwas mit diesen Schauflerwaffen hier anfangen. Wenn Ihr Euch beeilt, könnt Ihr Euch bedienen." sagte Ysmir.
Der Charr wollte gerade loslegen, als ein schriller, metallischer Lärm durch die Höhle dröhnte, noch schlimmer als das Quietschen der Tore.
"Was bei allen Geistern ist das?!" brüllte Ysmir gegen den Lärm an. Die Antwort erhielt er schnell.
"Die Eisbrut greift an!" rief einer der Schaufler, die von Norden aus einem der Tunnelgänge geflüchtet kamen.
"Die Eisbrut-" Bevor er den Satz beenden konnte, fiel er nach vorne um, mit einer Axt im Rücken.
"Macht Euch kampfbereit!" rief Ysmir und zückte seinen Hammer. Sie gingen in Angriffsstellung, als eine Gruppe von zehn Eisbrut-Schergen die Schaufler attackierten. Der erste wurde bereits von einem der Schaufler-Geschütztürme zerfetzt. Diesen nahm der nächste verdorbene Norn auseinander. Ein Pfeil schnellte durch die Luft und brachte ihn zu Fall. "Guter Schuss!" lobte Raegar. "Danke." antwortete Sif. Einer der Eisbrut-Kämpfer kam nun auf die Gruppe zu gerannt.
Er wurde jedoch auf halbem Weg durch eine Kugel gestoppt, die seinen Schädel durchdrang.
"Der war auch nicht übel!" sagte Sif und klopfte dem Charr auf die Schulter. Gunnar, der wie immer voller Tatendrang war, wollte sein Können ebenfalls unter Beweis stellen und schleuderte eine seiner Äxte auf die Gruppe der Angreifer zu. Sie ging daneben und blieb in einem Rohr stecken. "Mist!"
Doch Gunnar hatte sich zu früh geärgert, denn auf einmal wurde das Rohr auseinander gerissen und kochend heißer Dampf ergoss sich auf die Eisbrut.
Sie schrien auf, als ihr Fleisch brannte und sie unter höllischen Schmerzen zu Boden gingen.
"Also das war jetzt wirklich beeindruckend." gestand Sif. Raegar nickte. Gunnar hob triumphierend die Faust. "Ha! Nehmt das! Ich bin eben auch auf große Entfernung tödlich!" jubelte er.
"Das waren noch nicht alle!" rief Ysmir. Er rannte vor und rammte seinen Gegner mit der Schulter.
Dem anderen verpasste er einen Kinnhaken und erledigte ihn mit dem Hammer. Als er sich dem anderen zuwenden wollte, der gerade am aufstehen war, sauste ein haariges Etwas an Ysmir vorbei. "Guter Junge!" sagte Ysmir zu Schnee, der dem Eisbrut-Norn die Kehle zerriss. Die übrigen Drachendiener wurden von den Schauflern überwältigt. "Es kommen noch mehr von draußen!" rief einer von ihnen. "Gut, dann kämpfen wir uns unseren Weg eben frei! Los!" forderte Ysmir die Gruppe auf. Sie kämpften sich durch die Tunnel weiter vorwärts, aber obwohl sie zusammen mit den Schauflern und deren Verteidigungsanlagen der Horde an Drachendienern klar überlegen waren, riss der Schwarm der Eisbrut nicht ab. "Ich hab sieben! Und Ihr?" rief der Charr, während er mit seinen Klauen einen der Söhne Svanirs zerfetzte, weil sein Magazin leer war. "Zwölf!" entgegnete ihm Sif. "Ihr müsst Euch schon mehr anstrengen, wenn Ihr mit mir mithalten wollt!"
"Ich wette 20 Gold, dass ich mehr als ihr beide zusammen schaffe, bis das hier vorbei ist!" warf Gunnar ein. Tatsächlich hatte er bereits fast zwanzig Svanir und Eisbrut erledigt, wobei er natürlich die fünf zu Beginn des Gefechts mitzählte, die er mit seinem missglückten Axtwurf erledigt hatte. "Hast du überhaupt so viel Gold dabei, Bruder?" flüsterte Brinjolf ihm zu. Gunnar zuckte mit den Schultern: eine Geste, die bereits alles sagte. "Eins steht fest: Es sind genug für jeden von uns da!" rief Ysmir, während er sich dem nächsten angreifenden Svanir widmete. "Wenn wir es hier bereits mit so vielen zu tun haben, will ich nicht wissen, wie es draußen aussieht! Ich wusste ja, dass die Ränge der Svanir gewachsen sind, aber mit so vielen hatte ich nicht gerechnet..."
"Da ist es kein Wunder, dass sie so eine Armee aufstellen konnten. Hoffen wir, dass Hoelbrak rechtzeitig gewarnt wird." sagte Aela, wobei man ihr anmerken konnte, dass sie besorgt war. "Keine Sorge. Gegen Euren Vater, Eir, das Wolfsrudel und die anderen haben diese Trottel nichts auszusetzen!" versuchte Sif sie aufzumuntern. Aela war zunächst überrascht, dass sie bereits wussten, dass der Kommandant ihr Vater war. Doch ihre Gedanken wandten sich wieder dem Kampf zu, genauer gesagt dem Svanir, der mit lauten Gebrüll auf sie zu gestürmt kam. Die Wächterin hob die Hand und lies eine Linie aus Licht vor ihr entstehen, gegen die der Svanir mit voller Wucht knallte. Sie konnte nicht anders, als vor Schadenfreude zu schmunzeln, bis plötzlich der Boden, auf dem ihr Gegner lag, bebte und sich ein Steinzahn durch dessen Leib bohrte. Aela sah hinüber zu Brinjolf, dessen Bruder ihm sonst immer den Rücken frei hielt, während er zauberte. Doch Gunnar war selbst zu beschäftigt, da er sich neben Ysmir und Kento mitten in die Welle der Angreifer stürzte, und sein Bruder wurde von zwei Feinden, die der Gruppe in die Flanke fielen, in die Enge gedrängt. Aela lies die Hand vorschnellen und schoss eine Kette aus Licht auf einen von ihnen, die sich um dessen Bein wickelte, und warf ihn mit einem Ruck um. Doch der zweite Angreifer war bereits bei Brinjolf und holte zum Schlag aus. Zu Brinjolfs Glück hielt er inne, als einige knöcherne Hände an seinen Beinen zerrten und ihn festhielten. Der Magier setzte zum Zauber an, aber bevor er ihn beenden konnte wurde sein Gegner von unzähligen, schwarzen Krallen zerfetzt. Er nickte der Nekromantin zum Dank zu, aber sie beachtete ihn nicht weiter und streckte ihre Hände in die Luft, um einen Fleischgolem zu rufen, der wie ein Stier auf die Front der Drachendiener zu stürmte. Alles in seinem Weg wurde umgeworfen und so konnten die drei Krieger die Gegner nach und nach mit Leichtigkeit erledigen. Sie hatten sich durch die Bohrterasse gekämpft und waren nun wieder im Freien. Als sich die Reihen der Angreifer lichteten, hatten die restlichen Svanir ihren Kampfgeist verloren und zogen sich zurück, wobei die meisten von ihnen von Sifs Pfeilen und Raegars Kugeln davon abgehalten wurden. Die Eisbrut jedoch kämpfte weiter bis zum Tod; ihr Wille war ungebrochen. Einer von ihnen, der stämmigste, der sich bisher aus dem Kampf herausgehalten hatte, brüllte den Svanir nach: "Schwächlinge! Ihr wagt es, zu fliehen? Jormag wird Euch Feiglinge bestrafen! Und Ihr, die Ihr es wagt, sich Ihm zu widersetzen!" rief er und wandte sich Ysmir zu.
Während die anderen sich den restlichen Schergen zu wandten, ging Ysmir auf ihren Anführer zu. "Gebt auf und beugt Euch der Macht des Drachen! Kniet nieder vor mir, und vielleicht lasse ich Gnade walten und mache Euch zu einem von uns!" rief der verderbte Norn und hob seinen mit Eis überzogenen Zweihänder. Ysmirs Blick sagte mehr als tausend Worte. "Ihr hättet auch fliehen sollen!" knurrte er und ließ seinen Hammer durch die Luft sausen. Damit hatte sein Gegner zwar gerechnet und versuchte, den Schlag zu parieren, wurde aber von dem kräftigen Hieb ins Straucheln gebracht. Bis er sich sammelte und seine gewaltige Waffe hob, um zurück zu schlagen, zertrümmerte der nächste Schlag von Ysmir sein Schienbein. Er brüllte vor Schmerz und fiel auf die Knie. Doch statt zum letzten Schlag auszuholen, beugte sich Ysmir vor und sagte seinem Feind ins Gesicht: "Wer von uns kniet nun vor wem nieder?" Der Anführer der Eisbrut lachte. "Ihr wisst nicht, wann Ihr eine Schlacht gewonnen habt." brüllte er und riss seine ausgestreckte Hand nach oben, um Ysmirs Kehle zu packen. Dieser lies vor Schreck seinen Hammer aus den Händen gleiten und stemmte sich gegen den eisigen Griff, doch der verdorbene Norn wollte nicht nachgeben. Er war es nun, der Ysmir in die Knie zwang, und er drückte immer fester und fester zu. Seine verderbten, eisigen Augen starrten Ysmir durchdringend an und sein Gesicht verzog sich zu einer grausigen, mordlustigen Grimasse. "Ihr seid nichts weiter als ein stolzer Narr! Seht, welche Macht Euch der Drache hätte verleihen können, wenn Ihr dieses Geschenk nicht abgelehnt hättet. Aber nun habt Ihr Euer erbärmliches Leben verwirkt." Ysmir keuchte und ächzte, doch je mehr er sich anstrengte, desto schneller ging ihm die Luft aus. Sein Blick verschwamm und er konnte spüren, wie ihm das Bewusstsein zu entgleiten drohte. Er hörte seine Kameraden kämpfen, doch keiner von ihnen schien ihm zur Hilfe zu eilen. Dann hörte er in der Ferne eine Stimme: "Ysmir!" Doch er hatte keine Zeit mehr. Er würde keine Sekunde länger durchhalten. Die Hilfe kam zu spät.
Ein Brüllen ertönte, doch es war kein menschliches Brüllen. Es war ein animalisches, wildes Knurren. Der Eisbrut-Norn lockerte seinen Griff und riss die Augen auf, als der Hals, den er umschlang, anfing zu wachsen und ein dichtes, dunkelgraues Fell hervortrat. Bevor er wusste, wie ihm geschah, war es sein Hals, der von zwei riesigen Pranken umklammert wurde. Das Biest knurrte abermals und riss das Maul auf. Seine Zähne bohrten sich in die Kehle des Norn und zerrten und rissen, bis der blutüberströmte Körper leblos zu Boden fiel.
Ysmir keuchte und rang nach Luft, während sein Körper wieder seine ursprüngliche Gestalt annahm. Er kniete neben dem entstellten Leichnam des Anführers und versuchte, seinen Atem zu fangen. "Ysmir!" hörte er Sif rufen, die herbeieilte und sich neben ihn kniete. "Alles in Ordnung? Wir dachten, du hättest alles unter Kontrolle. Ich wollte dir zur Hilfe kommen, aber ich kam nicht durch, es waren noch zu viele, ich - " "Sif, es geht mir gut." antwortete Ysmir und lies sich von Sif aufhelfen. "Schon in Ordnung, es war mein Fehler. Ich hätte mich ihm nicht allein entgegenstellen sollen. Aber ich hab's ja überlebt. Im Gegensatz zu ihm." fügte er hinzu und mit dem Daumen auf seinen Gegner. "Aber schön, dass du dir Sorgen gemacht hast." flüsterte er und legte seine Hände um Sifs Taille. Sie wischte sich eine Träne von der Wange und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. "Mach dir nichts draus, Ysmir!" sagte Gunnar, der von Kopf bis Fuß mit Blut bespritzt war. "Einer von denen hat mich auf erwischt. War aber nur ein Kratzer." Der "Kratzer", der sich über seine halbe Brust erstreckte, blutete ziemlich heftig. Aela musterte die Wunde. "Das solltet Ihr nicht auf die leichte Schulter nehmen, Gunnar. Lasst mich das kurz verarzten, bevor wir - " "Ach was, das verheilt von alleine! Ysmir meint doch ständig, wie sollten uns beeilen. Ich hab schon schlimmeres überstanden." meinte der Krieger. Er war offensichtlich nicht bereit, sich seine Verletzung einzugestehen. "Bruder, sei einmal vernünftig! Ysmir, was meinst du?" fragte Brinjolf. "Gunnar, du bist nicht unverwundbar. Lass dich verarzten. Wir brauchen dich bei voller Stärke." beschloss Ysmir. "Was soll das heißen, bei voller Stärke? Willst du sagen, dass – ach, verdammt nochmal, schon gut! Dann lass ich mich halt zusammenflicken." schnaubte Gunnar genervt. "Na also. Habt ihr nicht letztens gemeint, Ihr wollt Euch öfters verletzen lassen?" sagte Aela mit einem verschmitzten Lächeln.
"Ist sonst noch jemand verletzt?" fragte Ysmir und blickte in die Runde. "Nein? Gut. Ihr habt alle gut gekämpft! Das waren mehr, als ich erwartet hätte. Hoffen wir, die Pakt-Soldaten hatten weniger Probleme."
"Ha, Probleme? Hätte ich gewusst, dass es hier so viele von den Trotteln gibt, hätte ich mehr Munition für den Granatwerfer eingepackt!" lachte der Charr.
"Dann hättet Ihr ja am Ende vielleicht doch noch gewinnen können!" entgegnete Sif. "Also ich bin bei dreiundzwanzig!" sagte sie stolz.
"Hmm... dreiundzwanzig. Nicht schlecht. Nun ja, da hinten liegt Nummer vierundzwanzig!" sagte der Ingenieur und zeigte mit der Pistole auf einen durchlöcherten Svanir. Sif zückte einen Pfeil und schoss ihn in den Leichnam. "Vierundzwanzig."
"Der war schon tot."
"Er hat noch gezuckt."
"Er hat noch gezuckt, weil Gunnar fast über ihn drüber gestolpert ist!"
"Verdammt... Das gibt's doch nicht!"
"Gewonnen!"
"Seid Ihr zwei jetzt mal fertig?" stöhne Floxx genervt.
"Schon gut." sagte Ysmir. "Wir brechen eh erst auf, sobald Aela Gunnar verarztet hat. Übrigens..." Ysmir drehte sich zu Sif und Raegar um und zeigte auf den toten Anführer. "Der hier zählt für zwei." Die drei brachen in Gelächter aus, während die Asura den Kopf schüttelte und sich von den "dämlichen Bookahs" entfernte.
Cahirah stand neben Brinjolf und grübelte. "Warum zählen sie denn, wie viele Gegner sie erledigt haben?" fragte sie. "Unter uns gesagt: Ich weiß es selbst nicht. Vielleicht ist das so ein Charr-Ding." erklärte Brinjolf. "Das waren früher doch auch nur Norn wie Ihr. Vielleicht hatten sie sogar Familien und wurden gegen ihren Willen verdorben." meinte die Sylvari. Brinjolf sah sie entgeistert an. "Äh... Nun, ja, vielleicht, aber..." stammelte er. Die Sylvari fing an zu lachen. "Das war ein Scherz." kicherte sie. "Ein Scherz? Ich... Der war jetzt aber wirklich gemein." sagte der Magier schmunzelnd. "Ich dachte nicht, dass ihr Sylvari so einen Galgenhumor habt!" fügte er hinzu. "Einen... was?"
"Ähm, schon gut. Nicht so wichtig."
Aela hatte Gunnars Brust inzwischen mit einem Verband umwickelt. "Braucht Ihr den wirklich?" maulte ihr Patient.
"Könnt Ihr nicht einfach mit der Hand wedeln und das Ding ist geheilt?"
"Ha, als wäre das so einfach! Die Wunde ist viel tiefer, als Ihr zugebt. Früher oder später wärt Ihr umgekippt, Ihr seid ja jetzt schon ganz bleich. Die Blutung habe ich gestoppt, aber die Wunde muss von alleine heilen." erklärte Aela, während sie ihre Hand auf den Verband legte. Gunnar starrte grimmig auf den Verband.
"Ich hoffe, das Ding stört mich nicht beim Kämpfen."
"Ihr solltet Euch vielleicht mal einen Tag Pause gönnen und etwas raus halten, Gunnar. Zu Eurem eigenen Wohl." mahnte ihn die Wächterin. Der Krieger schnaubte und gab ihr einen vernichtenden Blick. Sie seufzte. "Na schön, passt einfach auf, dass die Wunde nicht weiter aufreißt. Je vorsichtiger Ihr seid, desto eher dürft Ihr Euch wieder ins Getümmel stürzen."
"Danke, Mama!" spottete Gunnar und stapfte wütend zu den anderen. Aela sah ihm mit teils verärgertem, teils besorgten Blick nach.
Ysmir musterte Gunnar und seinen Verband. "Gut, Ihr seid versorgt. Dann lasst uns keine Zeit verlieren. Da drüben war früher das Himmelshöh-Gehöft, ein Stützpunkt des Paktes. Leider mussten sie ihn schon lange aufgeben. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kerle hier von dort kamen. Das Arundon-Tal liegt gleich dahinter, da wartet der Pakt auf uns. Kommt!" sagte Ysmir und wies die Truppe an, sich in Bewegung zu setzen.
Als sie im ehemaligen Lager ankamen, waren sie überrascht, nicht die einzigen zu sein. Jedoch waren es weder Svanir noch Eisbrut, die sie erwartet hatten. Eine Asura in der Rüstung der Wachsamen ging auf die Truppe zu. "Da seid Ihr ja endlich! Wir haben die Kämpfe gehört und wollten Euch unterstützen, aber wie ich sehe habt Ihr das gar nicht nötig gehabt." sagte die Asura und blickte in die Runde. Ysmir erkannte sie und salutierte. Sif und Kento schlossen sich ihm an. "Kommandantin Dena! Ich hatte nicht erwartet, Euch hier zu treffen." sagte der Norn überrascht. "Ja, ich hatte eigentlich auch andere Pläne, aber der Kommandeur des Paktes hatte darauf bestanden." seufzte die Kommandantin und murmelte irgendetwas von "dieser zu groß geratene Bookah". Sie sah, wie Ysmir die restlichen Soldaten musterte, deren Anzahl doch sehr überschaubar war. "Wir sind im Arundon-Tal in einen Hinterhalt dieser Eishirne geraten. Die Hälfte hat es nicht geschafft." erklärte sie trocken. "Das sind alle, die noch übrig sind. Aber so, wie ihr mit denen da hinten fertig geworden seid, müssten wir ohne weitere Probleme bis zum Erdbeben-Bassin vorstoßen können. Allerdings ist der Weg durch das Arundon-Tal blockiert, und ich habe nicht vor, direkt in den nächsten Hinterhalt zu laufen. Wir werden von hier aus über das Kammfelslager und dann durch den Abgrund der Verzweiflung gehen. Das ist der schnellste Weg." erklärte Dena.
"Kommandantin, verzeiht mir, wenn ich Euch unterbreche, aber es gibt etwas, das Ihr erfahren solltet, bevor wir unser weiteres Vorgehen besprechen." warf Ysmir ein. Die Asura gab ihm einen strengen Blick, aber nickte. "Ich höre." "Die Svanir bauen eine Streitmacht in den Wanderer-Hügeln auf. Sie haben den Norden bereits überrannt." erklärte Ysmir. "Höre ich da richtig? Ihr wollt mir weismachen, dass diese Drachendiener eine Armee direkt vor Hoelbrak aufbauen?" fragte Dena, die kein Wort von dem zu glauben schien. "Wir haben es gesehen, Kommandantin." fügte Kento hinzu. "Sie haben das komplette nördliche Tal über Nacht verdorben. Und zudem haben sie einen mächtigen Mesmer in ihren Reihen, der das ganze hinter einem Schleier verborgen hat, damit niemand es bemerkte." Die Kommandantin sah erst Kento in die Augen, und dann Ysmir. "Das kann doch nicht sein... Ihr müsste Euch irren!" Aber als sie in die Runde blickte, und die ernsten Gesichter sah, wusste sie, dass an der Geschichte etwas dran sein musste. Sie atmete tief durch. "Diese gerissenen Mistkerle!" knurrte sie und ballte ihre kleinen Hände zu Fäusten.
"Dann müssen wir dringend Truppen nach Hoelbrak schicken. Aber wenn sie den Norden blockiert haben... Verdammt! Kein Wunder, dass Ihr so lange gebraucht habt."
"Die Löwengarde hat einen Boten nach Hoelbrak entsandt, nachdem wir sie gewarnt haben." fügte Sif hinzu. "Aber wer weiß, ob er es geschafft hat."
"Hoffen wir es. Wir können ihnen im Moment keine Unterstützung zukommen lassen. Wir müssen uns auf unsere Aufgabe konzentrieren." beschloss die Asura.
"Also, wie ich bereits erwähnte, sollten wir uns von hier aus nach Norden aufmachen. Je früher, desto besser." erklärte die Kommandantin und rollte die Karte hastig zusammen, als sie fertig war. "Gut, wenn wir dann endlich fertig sind hier, würde ich vorschlagen, dass wir uns beeilen. Außer Ihr habt noch mehr schlechte Neuigkeiten für mich." Da dies jedoch nicht der Fall war, machten sich der Aufklärungstrupp mit der Kommandantin und ihren verbliebenen Soldaten auf den Weg nach Norden, zum Kammfelslager. Das Lager war schon lange verlassen, nachdem es die Eisbrut überrannt hatte. Die Überreste des Lagers ragten unter einer Schicht aus Eis aus dem Boden empor, wie ein Mahnmal, das jedem die zerstörerischen Macht des Drachen zeigen sollte. In den letzten Jahren hielten sich die meisten Reisenden jedoch aus gutem Grund vom Eisklammsund fern, so dass außer den Drachendienern nur noch die Kodan, Schaufler und gelegentlich Truppen des Paktes oder mutige Abenteurer dort unterwegs waren. Nicht weit von dem ehemaligen Lager lag die Schlucht, die als "Abgrund der Verzweiflung" bekannt war. Die Grawle, die diese Schlucht bewachten, beteten Jormag an und verteidigten dieses Gebiet stets aggressiv gegen Fremde. Ihre Zahlen waren allerdings sehr gering, wie es bei den Grawl-Stämmen so üblich ist, und gegen eine große Gruppe mit ausreichender Bewaffnung hätten sie nicht viel entgegenzusetzen gehabt. Aber als die besagte Gruppe auf dem Hügel über dem Eingang der Schlucht stand, merkten sie schnell, dass irgendetwas nicht stimmte. Sif nahm die Grawle, die dort unten standen, mit ihren Adleraugen unter die Lupe. "Hmm... seltsam." murmelte sie, während sie die Gestalten näher untersuchte. "Seht ihr das? Diese Grawle sehen wie Eisbrut aus." stellte sie fest. Ysmir kniff die Augen zusammen, denn auf die Entfernung sahen die Grawle für ihn ganz normal aus. Schließlich erkannte aber auch er das Eis, das sich um den Körper der affenartigen Wesen gebildet hatte. Es sah aus, als wären sie eingefroren worden und kurz darauf wieder aus dem Eis gebrochen. Das Fell darunter war schneeweiß, und Ysmir hätte schwören können, dass er blaues Leuchten in ihren Augen sah. "Eisbrut-Grawle, das hat uns gerade noch gefehlt..." brummte der Norn.
"Habt ihr etwa Angst vor ein paar gefrorenen Grawlen?" spottete Dena, die ihre Waffe bereits gezogen hatte und das Schwert, das nicht viel länger als der Arm eines Norn war, überprüfte. "Damit tun wir den Kerlen vermutlich sogar einen Gefallen. Wir haben schon genug Zeit verloren, also erledigen wir das hier schnell." meinte die Asura. "Da hinten in der Schlucht sind noch einige Grawle, und in dieser Position sind sie klar im Vorteil." stellte Aela fest. Sie versuchte, die Lage zu analysieren.
"Wenn wir da einfach durchmarschieren, werden sie uns ordentlich zusetzen. Wir sind ihnen vielleicht überlegen, was die Bewaffnung angeht, aber Eure Soldaten haben auch einiges einstecken müssen, Kommandantin. Vielleicht wäre ein... diskreteres Vorgehen angebracht." sagte sie etwas kleinlaut, da sie die Kommandantin nicht verärgern wollte, obgleich die Norn fünfmal so groß war. "Ihr klingt ja schon beinahe wie meine Kollegen vom Orden!" lachte Raegar, und ging mit seinem Granatwerfer in den Händen an den Rand des Hügels. "Ein sauberer Schuss, und diese Kerle - "
"Oh nein, das lasst Ihr bleiben, Raegar!" rief Ysmir und trat vor den Charr, der bereits die richtige Stelle suchte, um die Grawle unter Beschuss zu nehmen. "Damit schaltet Ihr nicht nur die Grawle aus, sondern uns gleich mit! Wenn Ihr auch nur einen Schuss von diesem Ding abfeuert, werden wir unter einem Meer aus Schnee und Fels begraben!" erklärte er dem Ingenieur.
"Hmrpf... Ich schätze, Ihr habt nicht ganz unrecht. Aber wenn uns dieser Kampf Verluste kostet, seid Ihr dafür verantwortlich." sagte der Charr kühl.
"Besser sie sterben im Kampf, als durch die eigenen Truppen." erwiderte Ysmir, und gab Raegar einen Blick, der selbst einen Zenturio der Charr zum Schweigen gebracht hätte. "Wer sagt denn, dass wir überhaupt kämpfen müssen?" warf Aela ein. "Seht ihr die Höhle da drüben nicht? Wir können die Grawle ganz einfach umgehen, und diesen Weg nehmen. Es ist kein großer Umweg, und vermutlich sind wir so schneller, als wenn wir uns den Weg freikämpfen müssen." erklärte die Wächterin. Ysmir wägte die Optionen ab. "Guter Vorschlag. Wir gehen durch die Höhle." beschloss er.
"Schön, dann übernehmt Ihr nun die Führung. Immerhin ist es Eure Mission." merkte Dena an, während sie ihr Schwert mit einem Seufzen wieder einsteckte, und murmelte noch leise "Wehe, das ist ganze lohnt sich nicht."
"Los, im Laufschritt!" spornte Ysmir die Gruppe an, die sich sofort in Bewegung setzte. Die Pakt-Soldaten schienen leicht dankbar zu sein, da sie alle doch ziemlich mitgenommen waren. Ysmir sah sofort, dass es sich bei diesen jungen Leuten nicht um die erfahrensten Kämpfer handelte, die der Pakt zu bieten hatte. Natürlich war er für die Unterstützung dankbar, aber sie taten ihm doch leid, da sie in dem Hinterhalt vermutlich viele Kameraden verloren hatte. Wenn das einem Trupp unter der Leitung einer fähigen Kommandantin passieren konnte, warum nicht auf seinen Leuten? Wieder einmal plagten ihn die Zweifel, als sie die Eishöhle betraten, die an der Schlucht vorbei führte. Er war so tief in Gedanken versunken, dass er nicht bemerkte, dass er ein gutes Stück vor dem Rest des Trupps lief. Die Kommandantin war die Erste, die zu ihm aufschloss. "Wisst Ihr, Bookah – verzeiht, Ysmir, richtig? Ihr habt meinen Respekt." gestand Dena. "Ihr habt eine schwere Last auf Euch genommen, indem Ihr diesen Trupp anführt. Ich weiß, was es bedeutet, Leute anzuführen. Und leider allzu oft auch in den Tod zu schicken."
Ysmir dachte einen Moment, die Asura könne Gedanken lesen. Er hatte schon derartige Gerüchte gehört, aber verwarf die unangenehme Vorstellung schnell wieder.
"Eure Leute haben sich genau wie die meinen freiwillig gemeldet. Also gebt Euch nicht die Schuld, falls es Tote gibt, sonst folgt Ihr Ihnen schneller, als Euch lieb ist. Ich weiß, das klingt hart, aber wir haben einen Krieg zu gewinnen. Ihr müsst Erfolg haben, koste es was es wolle. Ich habe auch Kameraden, Freunde, an Zhaitan verloren. Je eher Ihr das versteht und Euch darüber nicht Euer kleines Hirn zerbricht, desto schneller können wir den nächsten Drachen von unserer Liste streichen."
"Ich... danke Euch, Kommandantin. Ihr habt eine recht... pragmatische Denkweise. Aber ich glaube, ich verstehe." antwortete Ysmir. "Falls Ihr mir die Frage gestattet, kennt Ihr den Kommandeur schon lange?" fragte er.
"Denngar? Seit etwa drei, vier Jahren. Wieso fragt Ihr?"
"Ich schätze, ich war einfach neugierig. Ihr habt ihn vorhin erwähnt."
"Wir sind uns irgendwo am Lornar-Pass begegnet. Meine Gilde hatte gerade so einen Skritt verfolgt, der ständig für Ärger gesorgt hat. Als wir ihn endlich gefunden hatten, lag der Kerl flach auf dem Boden, und neben ihm saß Denngar, mit einem Buch in der Hand."
"Ein Buch?" fragte Ysmir überrascht.
"Ja, ein Buch. Ob Ihr's glaubt oder nicht, Denngar kann lesen." scherzte sie. "Als wir ihn gefragt haben, wie es dazu kam, hat er geantwortet, dass der Skritt einige Bücher aus der Abtei gestohlen hatte. Ich glaube, seine Worte waren: So schnell klaut der nichts mehr! Dann haben wir uns noch ein wenig unterhalten, und schließlich meinte er, er würde sich gerne unserer Gilde anschließen."
"Ihr seid in einer Gilde?" fragte Ysmir. „Ich dachte, das wäre eher so ein... Menschen-Ding."
"Ja, eigentlich ist es das. Ich habe keine Ahnung, wie es sich so schnell in ganz Tyria durchsetzen konnte. Vermutlich wollten alle der Klinge des Schicksals nacheifern. Wie dem auch sei, so hab ich diesen großen Bookah kennen gelernt. Aber genug geschwafelt."
Der kurze Marsch durch die Höhle verlief ruhig, bis auf ein paar Kobolde, die hier und dann von der Decke gestürzt kamen, aber keine wirkliche Gefahr darstellten. Einer hatte seinen Spaß mit Gunnar, der immer wieder um sich schlug, das geflügelte Wesen aber nie erwischte. Bis es einen halben Meter zu tief flog. Danach flog es gar nicht mehr. Als sie den Ausgang erreichten, sahen sie bereits die Hügel, hinter denen gleich das Erdbeben-Bassin lag, der letzte Ort vor dem Gebirge, das die Grenze zu den Fernen Zittergipfeln markierte. Bald hatten sie endlich das erste Ziel erreicht. Ysmir drehte sich um, bevor sie weiter gingen, um sich zu vergewissern, dass jeder noch anwesend war. Genau in diesem Moment hörte er ein grässliches Brüllen, als sich der Himmel kurz verdunkelte, und das Geräusch von Flügeln in der Luft. Er wirbelte herum und wandte seinen Blick gen Horizont, aber das Etwas war so schnell in den Wolken verschwunden, wie es gekommen war.
"Oh, verdammt. Das ist nicht gut... Sie ist zurück."
"Ich war mir sicher, wir hätten das Vieh ein für alle mal getötet!" knurrte Dena und ballte die kleinen Fäuste.
"Jormags Klaue? Ich dachte auch, der Pakt hätte sie erledigt." sagte Ysmir. "Habt Ihr sicher gestellt, dass sie auch wirklich tot war?" fragte er.
"Ich war dabei, und ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie in tausend Stücke zerbrochen ist!" antwortete ihm Aela. "Keine Kreatur in ganz Tyria hätte dieses Bombardement überleben können... außer einem Altdrachen, vielleicht, aber da wäre ich mir nicht so sicher." fügte sie hinzu.
"Nicht einmal Altdrachen. Das hat Zhaitan am eigenen Leib erfahren." widersprach ihr die Kommandantin. Ysmir schien überzeugt, aber das erklärte nicht, was er am Himmel gesehen hatte. "Aela, Ihr kennt Euch hier vermutlich am besten mit der Eisbrut aus. Glaubt Ihr, es gibt mehr als nur eine Klaue von Jormag?" Die Wächterin dachte nach, während die Gruppe sich wieder in Richtung des Erdbeben-Lagers in Bewegung setzte. "Es gefällt mir zwar ganz und gar nicht, aber denkbar wäre es allemal. Es gibt viele Berichte von mehreren Drachen, die gleichzeitig am Himmel gesehen wurden. Aber es war immer die selbe Klaue, die uns hier angegriffen hat. Es war immer das selbe Muster. Nach dem letzten Kampf war Ruhe, bis jetzt. Vielleicht haben wir es hier tatsächlich mit einer neuen zu tun. Entweder, es gibt weiter nördlich noch mehr Klauen, oder sie werden neu erschaffen."
"Eine Klaue erschaffen? Glaubt Ihr, die Svanir oder die Eisbrut sind dazu imstande?" fragte sie Brinjolf. Die Wächterin nickte.
"Ha, das wäre nicht das erste Mal, dass wir etwas kaputt machen, was diese Eishirne erschaffen haben!" lachte Gunnar. "Ich bin dafür, wir schicken diese Klaue zurück zu den anderen, wo auch immer sie hergekommen ist!"
"Ihr habt Mut, das muss man Euch lassen." gestand die Kommandantin.
"Bei meinem Bruder handelt es sich leider meist eher um Übermut." fügte Brinjolf hinzu.
"Gegen eine Klaue richten wir alleine nicht viel aus. Oder nur unter schweren Verlusten."
"Ähem." Raegar räusperte sich und zeigte gelassen auf die Kanone an seinem Rücken.
"Nun... Das würde unsere Chancen vielleicht etwas verbessern, aber gegen eine Klaue?"
"Gebt mir eine Stunde für die Kalibrierungen, und das Ding fegt Eure Klaue weg wie Euer Bruder ein Fass Bier."
"Haha, Ihr Charr seid ja doch nicht so übel!" lachte Gunnar und klopfte dem Ingenieur freundschaftlich auf die Schulter.
"Wenn ich das Wort Kalibrierung schon höre, könnte ich wahnsinnig werden. Der letzte Charr-Ingenieur, der das gesagt hat, hat einen ganzen Tag an einer Kanone herum geschraubt, während die Flammen-Legion derweil ein ganzes Dorf eingeäschert hätte, wenn wir nicht gewesen wären." erwähnte die Kommandantin.
"Ha, das war bestimmt der alte Garrus!" sagte Raegar mit einem breiten Grinsen. "Der Kerl hatte 'n Händchen für so was. Wenn er einmal in seinem Element war, hätte ihn nicht mal Kralkatorrik ablenken können!"
"Ihr wisst schon, dass er sich selbst in die Luft gejagt hat?" sagte Dena. Die Miene des Charrs verfinsterte sich augenblicklich. "Ja. Sein letzter Einsatz. Er war an vorderster Front, als Scarlets Truppen das Diessa-Plateau angriffen. Er hat eine der Schaufler-Kanonen überlastet, bevor sie die Tore der Schwarzen Zitadelle durchlöchern konnte. Er hat sich nicht nur in die Luft gesprengt, er hat sich geopfert!"
"Das... wusste ich nicht, tut mir leid."
"Er war neben mir der einzige Überlebende aus meinem alten Trupp. Ich kannte ihn schon seit unserer Zeit im Fahrar." sagte der alte Charr traurig. "Aber genug davon, wenn die Klaue meint, uns angreifen zu müssen, dann bekommt sie eine ordentliche Portion Schwarzpulver in die Fresse!" knurrte war von der Geschichte des Charr bewegt. Er wusste zwar schon über seine Vergangenheit, aber nun war er überzeugt, dass der Ingenieur ein echter Veteran war, und dafür respektierte er ihn, ob dieser es wusste oder nicht.
Sif unterhielt sich in der Zwischenzeit mit Aela. "Also, Ihr kennt Euch ziemlich gut aus mit der Eisbrut und der Umgebung hier. Seid Ihr so etwas wie eine Gelehrte?" fragte die Waldläuferin.
"Ha, könnte man so sagen. Ich bin in der Abtei Durmand, genau wie mein Vater. Ich wollte eigentlich zu den Wachsamen, so wie Ihr und Ysmir, aber als ich gesehen habe, wie einer meiner engsten Freunde zu den Svanir übergelaufen ist, wusste ich, dass ich meinen Geist stählen musste. Ich glaube zwar nicht, dass die Feder unbedingt mächtiger als das Schwert ist, wie die Magister immer erzählen, aber ohne Wissen über den Feind, den man bekämpft, kann man sich nie sicher sein, ihn tatsächlich besiegt zu haben." erzählte Aela.
"So kann man das natürlich auch sehen." stellte Sif fest. "Aber wenn Ihr mich fragt: Ich glaube, wenn es blutet, dann kann man es auch töten!"
"Mag schon sein, aber die Frage ist doch: Was, wenn es nicht blutet? Und bleibt es dann auch tot?" erwiderte sie. Sif war erst einmal stutzig, denn die Wächterin schien einen guten Punkt zu haben. Aber sie wäre nicht Sif, wenn sie keine Antwort darauf wüsste.
"Die Svanir und die Eisbrut bleiben zumindest tot, wenn sie man sie lange genug zum Bluten bringt!" sagte sie schlagfertig. Aela lachte.
"Ja, da sind wir uns einig. Allerdings sind nicht alle von ihnen so leicht zu töten. Sie sind gerissen, das ist ihre Stärke gegenüber den meisten anderen Drachendienern. Auch wenn man es ihnen oft nicht ansieht, kann ein Moment der Unaufmerksamkeit ausreichen, und - "
Im nächsten Moment wurde sie von einem lauten Schrei unterbrochen, als einer der Pakt-Soldaten zu Boden ging. "Ein Hinterhalt!" schrie Ysmir und versuchte, irgendwo Deckung zu finden, aber vergeblich. Die Gletscherschlucht war der perfekte Ort für einen Hinterhalt, und das bekamen sie nun zu spüren. Sif suchte sofort die Umgebung ab, aber das Sonnenlicht blendete sie, so dass sie keinen der Angreifer ausmachen konnte. Dann eröffneten sie das Feuer auf den Trupp. Ein Pfeilhagel ergoss sich auf die Gruppe, die dem Beschuss hilflos ausgeliefert war. Die Schützen stimmten ein blutrünstiges, jubelndes Gebrüll an, als die Pfeile in die Schlucht hinunter schnellten, aber umso überraschter waren sie, als dieselben ihnen wieder entgegen kamen. Sie hatten ihren Feind unterschätzt, denn die Mesmerin hatte sie mit einer magischen Kuppel vor dem Angriff geschützt. Außerdem hatten die Schreie und die getroffenen Angreifer, die von der Klippe stürzten, ihre Position verraten. Sif nutzte die Gelegenheit, und erwiderte das Feuer. Die anderen Fernkämpfer taten es ihr gleich, und mit erstaunlicher Präzision dezimierten sie die Eisbrut blitzschnell, bevor sie zum nächsten Pfeilhagel ansetzen konnten. "Genug! Geht da runter und tötet sie, die Mesmerin zuerst!" befahl der Anführer des Hinterhalts. Ohne zu zögern sprangen die verbliebenen Norn mit erhobenen Waffen in die Schlucht hinunter. Ysmir staunte nicht schlecht, als vor ihm einer von ihnen landete, dem der Sturz nicht das geringste auszumachen schien. Anders als Ysmirs Hammer, der ihn doch noch auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Der nächste, der den Sprung wagte, wurde noch in der Luft von Kentos Klinge aufgespießt. Cahirah wurde von zwei weiteren umzingelt, die gleichzeitig angriffen. Auf einmal verschwand sie und tauchte einige Meter neben den beiden wieder auf, die sich nun aus Versehen gegenseitig angriffen. Einer der Angreifer nahm sich die Nekromantin vor, die er für ein leichtes Ziel hielt. Da hatte er falsch gedacht, denn als er ihr in die Augen blickte durchströmten die fürchterlichsten Bilder seinen Kopf und er suchte schreiend das Weite. Der letzte übrig gebliebene Norn stand vor seinen gefallenen Kameraden, schien aber keine Sekunde an Flucht zu denken und stürmte auf den Elementarmagier zu. Brinjolf musste noch nicht einmal einen Zauber wirken, denn er rammte dem anstürmenden Krieger seinen Stab in den Bauch, während er mit einem großen Schritt zur Seite auswich. Der Norn am Boden keuchte, war aber noch nicht geschlagen und wollte schon zu seiner Waffe greifen, als er vier Pfoten sah, die auf ihn zukamen. "Er gehört dir, Junge!" sagte Brinjolf zu dem Wolf, und Schnee stürzte sich auf den Norn und gab ihm den Gnadenstoß.
Der Anführer des Hinterhalts sah gebannt von oben auf den Kampf herab und fluchte mit donnernder Stimme. "Ihr könnt dem Drachen nicht entkommen! Ihr -" Plötzlich wickelte sich eine leuchtende Kette um sein Bein und bevor er wusste, wie ihm geschah, zog die Wächterin am anderen Ende daran und riss ihn in die Schlucht hinab. Mit einem Schrei und dem Geräusch von brechenden Knochen landete der Norn auf dem Boden vor der Wächterin. Er war am Boden, aber lebte noch. Aela kniete sich über ihm und presste ihm ihren Stab an die Kehle.
"Ihr habt auf uns gewartet. Ihr wusstet, dass wir diesen Weg nehmen würden! Irgendjemand hat Euch aufgetragen, uns zu jagen. Redet!" drohte sie ihm, noch immer den Stab an seinen Hals gedrückt. Der Norn stieß nur ein gequetschtes Lachen aus.
"Ihr bekommt nichts aus mir heraus, Weib. Tötet mich doch diesmal, wenn Ihr das überhaupt könnt!"
"Und ob ich das kann. Langsam und qualvoll, wenn Ihr mir nicht verratet, was ich hören will." Sie machte ihre Drohung deutlich, indem sie mit einer Hand einen Wächterzauber wirkte, worauf diese in blaues Feuer gehüllt wurde. Sie presste ihm die Hand auf die Stirn. Der Eisbrut-Norn heulte auf vor Schmerz. Die anderen sahen schockiert zu, als Aela ihn befragte. Ysmir hätte nicht gerechnet, dass sie jemanden foltern würde, allerdings tat ihm in diesem Fall das Opfer nicht leid.
"Der Drache... verlangt Euren Tod... und wir dienen ihm!" sagte der Norn mit schwacher Stimme.
"Wer ist sein Leutnant? Wer hat die Armee in den Wanderer-Hügeln aufgestellt? Ihr wisst es!" schrie sie ihn an und presste ihre Waffe mit aller Kraft gegen den Norn. Sie lies kurz locker, damit er reden konnte, aber ihre Antwort bekam sie dennoch nicht. "Ihr... werdet...sehen...Aela!" japste er, aber nur Aela konnte ihn hören.
Aela stieß einen Wutschrei aus und rammte ihn gegen den Boden, wo sie ein letztes Mal mit aller Kraft ihren Stab drehte und dem Norn damit das Genick brach.
Sie bebte noch immer vor Zorn als sie den leblosen Körper unter sich mit hasserfülltem Blick anstarrte. "Die Eiswürmer sollen dich holen, du Mistkerl!" zischte sie durch ihre Zähne hindurch. Als sie aufstand und noch immer aufgebracht in die Runde blickte, sah sie sowohl einige entsetzte, fast schon ängstliche, als auch gleichgültige Gesichter. "Lasst uns verschwinden." sagte sie, noch immer voller Zorn.
Ysmir nickte und wies die Gruppe an, sich in Bewegung zu setzten, nachdem er noch ein letztes Mal auf den toten Anführer der Angreifer blickte.
Gunnar, der zwischen Brinjolf und Aela lief, sah immer wieder zu der Wächterin hinüber, als sie die zerklüfteten Schluchten weiter durchschritten. Er bemerkte, dass sie noch immer wütend auf den Boden starrte, aber nach einiger Zeit hätte er schwören können, dass sie Tränen in den Augen hatte.
Er zögerte eine Weile, ob er sie darauf ansprechen sollte. Irgendwie tat sie ihm leid, obwohl sie ihm vor wenigen Momenten beinahe Angst gemacht hatte. Als sie bemerkte, wie er sie ansah, war es zu spät, es sich anders zu überlegen. "Alles in Ordnung?" fragte er sie mit ruhiger, einfühlsamer Stimme; eine Seite, die Gunnar von sich selbst nicht einmal kannte. Aela wirkte überrascht und zögerte ein wenig. "Ich... ja, mir geht's gut. Wieso fragt Ihr?" entgegnete sie.
"Öhm..." Gunnar versuchte vergeblich, die richtigen Worte zu finden. "Ihr... habt einfach betrübt ausgesehen. Ich wollte... nun ja..." stammelte er und kam sich selbst wie ein Idiot vor.
Aber dann griff Brinjolf seinem Bruder unter die Arme. "Er wollte nur nett sein. Unter der harten Schale steckt schließlich doch ein weicher Kern, hm Bruder?" gluckste der Magier, während er seinem Bruder mit dem Ellbogen anstupste. "Äh, ja, ich wollte nett sein. Genau." antwortete Gunnar und lächelte, wobei es eher wie ein unbeholfenes Grinsen aussah. Zu seiner Erleichterung musste Aela kichern. "Danke. Jetzt geht es mir schon viel besser." sagte sie und lächelte ebenfalls.
"Ich bin Euch eine Erklärung schuldig. Dieser Eisbrut-Kerl da; Ihr müsst wissen, dass ich ihn kannte." erzählte sie.
Die Gebrüder Alvarrson waren überrascht, aber lauschten gebannt, und bald schon hörten auch die anderen zu, was Aela jedoch nicht kümmerte.
"Wir waren diesem Artefakt schon seit Tagen auf der Spur und hatten endlich die Höhle gefunden, in der wir es vermuteten. Mein Freund Farkas stürmte natürlich wie immer blindlings vor. Er war Euch irgendwie ähnlich, Gunnar."
"Ach."
"Das war nicht böse gemeint. Er war ein guter Kerl. Dann waren da noch Farkas' Bruder Vilkas, Nadia und... Runa, glaub ich, sie redete nicht viel... Und Skjor."
Beim letzten Namen zögerte sie, als ginge er nur schwer über ihre Lippen. "Auf jeden Fall gingen wir in die Höhle, allerdings stellte sich bald heraus, dass wir uns ständig im Kreis drehten. Es war das reinste Labyrinth! Schließlich hatten wir doch nach einer gefühlten Ewigkeit die Schatzkammer erreicht. Und da war der Dolch. Eine gefrorene Klinge, gefertigt aus Drachenblut. Ein mächtiges, aber gefährliches Artefakt. Mein Vater hat auf seinen ersten Expeditionen eine ähnliche Waffe entdeckt. Allein die Berührung von so einer Waffe füllt einen mit der Verderbnis des Drachen und kann einen in Eisbrut verwandeln." Brinjolf schauderte bei dem Gedanken an so eine Waffe. "Ich habe davon gehört. Sie wird vermutlich noch immer tief in den Gewölben unter der Abtei verwahrt. Was ist dann passiert?" fragte er neugierig.
Aela holte tief Luft und fuhr nach einer langen Pause fort.
"Dann hat uns Skjor verraten. Er hat Nadia ermordet, als sie den Dolch untersuchte, während wir die nötigen Sicherheitsvorkehrungen zum Transport trafen. Als wir es bemerkten, war es bereits zu spät. Er nahm die Klinge und rammte sie sich in den Bauch. Wir hatten keine Ahnung, was geschehen war, als er sich schon verwandelte und die Wunde einfach zufror. Dann griff er uns an. Es war schrecklich. Er war schon immer flink gewesen und wusste, wie man kämpft, aber das... war unmenschlich. Hieb um Hieb traf er die anderen: Erst Vilkas, dann Runa, und schließlich Farkas. Dann stand ich allein da und betete zu den Geistern, dass ich ihr Schicksal nicht teilen würde. Nach einem langen Kampf, bei dem ich weniger versuchte, ihn zu treffen, als selbst nicht getroffen zu werden, gelang es mir doch noch, ihn in die Flucht zu schlagen. Aber als ich ihm hinterher wollte, wandten sich meine verderbten Kameraden gegen mich. Ich... musste sie töten. Sie verdienten etwas besseres, als zu Dienern des Drachen gemacht zu werden." Die letzten Worte brachte sie nur schwer über die Lippen, denn die Erinnerungen, die sie deutlich vor sich sah, plagten sie.
"Falls es Euch etwas bedeutet, Ihr habt mein Beileid." sagte Gunnar. Er wusste nicht, ob es einen Unterschied machte, aber er wollte einfach irgendetwas sagen. "Danke, das tut es." antwortete die Wächterin.
"Das war wirklich tapfer von Euch." fügte Kommandantin Dena hinzu. "Das erinnert mich an die Geschichte von General Almorra. Dafür habt Ihr auch meinen Respekt!"
"Danke, Kommandantin. Ich musste es tun, aber das macht es leider nicht leichter. Und das größte Problem war Skjor, der entkommen war. Bis jetzt." sagte sie und betonte den letzten Teil besonders. Ysmir hatte ihr gebannt zugehört, und jetzt schien es ihm zu dämmern. "Der Hinterhalt. Der Anführer war Skjor!"
Aela nickte. "Ich sollte froh sein, dass meine Freunde endlich gerächt wurden. Nur eine Sache macht mir noch immer Sorgen. Er hatte den Dolch nicht mehr bei sich. Er muss ihm demjenigen gegeben haben, der ihm den Angriff befohlen hat. Vielleicht dem Mesmer, dessen Schleier wir in den Wanderer-Hügeln gelüftet haben." reimte sich Aela zusammen.
"Hm... sieht so aus, als hätten wir jemanden mächtig verärgert." scherzte Sif, im Gegensatz zu Ysmir, der die Sache ernster sah.
"Das bedeutet, wir müssen auch noch aufpassen, dass uns jemand in den Rücken fällt. Das wird ja immer besser."
"Gewöhnt Euch dran, so ist der Alltag im Pakt!" entgegnete ihm Dena. "Vom Regen in die Traufe. Naja, wir sind fast beim Erdbeben-Bassin. Es ist inzwischen unsere größte Verteidigungsbasis gegen die Eisbrut, fast schon ein kleines Fort." erklärte sie. "Sobald wir da sind, haben wir das schwerste hinter uns. Von da an sollte es eigentlich kein Problem -"
Da war das Brüllen wieder, nur mindestens zehn mal so laut. Und diesmal verdunkelte sich der Himmel fast gänzlich, als gewaltige Schwingen die Sonne verdeckten. Und sie kamen nun im Sturzflug auf den Trupp zu. "Vorsicht!" schrie Ysmir so laut er nur konnte und hechtete sich so weit er konnte zur Seite. Gerade rechtzeitig, als die Klaue ihren eisigen Odem entfesselte, der zwei der Pakt-Truppen, die vor Schock wie angewurzelt waren, bis auf die Knochen einfror.
"Schnell zum Fort!" brüllte die Kommandantin so laut sie konnte. Für ihre Größe war es wirklich laut, denn der Rest der Truppe hörte sie unter dem Gebrüll der Klaue, die bereits zum nächsten Angriff ansetzte. "Rückzug!" rief Aela. "Das brauchst du nicht zweimal sagen!" antwortete Gunnar. Sie nahmen die Beine in die Hand und rannten, so schnell sie konnten.
Nur Floxx kam auf ihren kleinen Beinen nicht ganz hinterher und fiel allmählich hinter den anderen zurück, knapp vor den drei restlichen Pakt-Truppen. Da kam der Drache erneut herabgestürzt und knallte mit den Klauen herab auf den Boden, wo gerade noch jene Truppen standen. Zwei wurden sofort und ihnen begraben, und der dritte fiel vor lauter Schreck in Ohnmacht. Der Schlag war so kräftig, das Floxx von der Druckwelle erfasst und weg geschleudert wurde. Ysmir drehte sich um und rannte so schnell er konnte zu ihr und hob die Asura auf seine Schultern. Doch dies kostete in Zeit und bevor er reagieren konnte, riss die Klaue ihr Maul auf. Sie lies ihren Kopf nach vorne sausen und hätte Ysmir und Floxx verschlungen, wenn der Norn sich nicht mit einem Sprung außer Reichweite gebracht hätte. Er landete gerade so auf den Füßen und rappelte sich sofort wieder auf, um weiter in Richtung Fort zu rennen, so schnell seine Beine ihn und die Asura tragen konnten. Er schaffte es gerade so durch die Tore des Forts, bevor sie geschlossen wurden, damit sie den tödlichen Atem der Klaue abhalten konnten. Das Biest brüllte vor Wut, aber bekam sogleich einige Kanonenkugeln zu spüren, die aus den Türmen des Forts heraus abgefeuert wurden, und zog sich unter weiterem Gebrüll zurück.
"Ysmir! Alles in Ordnung?!" rief Sif und eilte zu ihm, der die völlig geschockte Asura absetzte und nach Luft rang.
"Ja ja, alles in Ordnung Sif, mir geht's gut. Floxx, seid ihr in Ordnung?" fragte er die Asura, während er Sif behutsam zur Seite schob, die ihn stützen wollte, was er jedoch nicht nötig hatte.
"Ich... Ihr habt mir das Leben gerettet." keuchte sie, während sie noch immer voller Entsetzen der Klaue hinterher starrte.
"Niemand wird zurückgelassen." sagte Ysmir entschlossen.
"Ich... danke. Ich hätte nie gedacht, dass mir ein Bookah mal das Leben retten würde..."
"Was? Warum denn nicht? Wir sind Kameraden. Ich würde das für jeden tun, egal ob Norn, Mensch, Asura oder von mir aus Grawl." antwortete Ysmir.
"Und was ist mit Charr?" fragte Raegar.
"Auch Charr. Und Sylvari. Verdammt, Ihr wisst was ich meine!"
Floxx starrte betrübt auf den Boden. "Ich... verzeiht, ich brauche einen Moment für mich allein." sagte sie und entfernte sich eilig vom Rest der Gruppe.
"Was hat die denn auf einmal?" fragte Sif.
"Lass der armen doch mal kurz eine Auszeit!" flüsterte Ysmir wütend.
"Wir werden vermutlich alle eine kurze Auszeit bekommen, ob wir wollen oder nicht." sagte Dena. "Solange das Ding am Himmel kreist, kommen wir keinen Meter weit. Der letzte Kampf gegen die Klaue ist lange her, und unsere Ressourcen haben wir seitdem in dieses Fort hier investiert. Wir können sie uns vom Hals halten, aber vom Himmel holen, ohne Verstärkung? Eher nicht." erklärte die Kommandantin. "Moment... Verstärkung! Aber natürlich!" sagte sie.
"Wo sollen wir Verstärkung herbekommen?" fragte Ysmir. "Der nächste erreichbare Ort ist die Schwarze Zitadelle, und die ist mindestens einen halben Tag entfernt!"
"Zu Fuß vielleicht, Bookah!". Dena grinste. Die Asura nahm ein seltsames, kastenförmiges Gerät aus einer Tasche an ihrem Gürtel. Sie drückte einen Knopf und begann, in das Gerät hinein zu sprechen. "Hier spricht Kommandantin Dena, bitte kommen! Wir brauchen dringend Verstärkung! Verdammt, hier spricht Dena bitte kommen!" brüllte sie hinein. Nach einer langen, erwartungsvollen Stille kam endlich die Antwort.
"Hier Razor, wie ist die Lage?"
"Na endlich, bei der Alchemie! Wir brauchen sofort Leute in Erdbeben, die Klaue ist zurück!"
"Was? Ich dachte, die hätten wir endgültig auf Eis gelegt!"
"Ich auch, aber sie hat uns gerade ganz schön zugesetzt!"
"Hehe, hat euch wohl eiskalt erwischt!"
"Hör auf damit und schwing deinen felligen Hintern hier her!"
"Alles klar, ich mach mich sofort auf den Weg und nehm so viele Mörser mit wie meine Leute tragen können! Halt durch, Kurzbein!"
"Nenn mich nicht so, du Flohzirkus!"
"Bis dann, Kurzbein!"
"Grrrr..."
Sie legte das Gerät weg und drehte sich zu den anderen um. "Und jetzt warten wir."
"Ein Funkgerät. So was sieht man selten." bemerkte Raegar.
"Ein was?" fragte Sif.
"Schaufler-Technologie. Die benutzen es ständig, allerdings nur in ihren Bohranzügen. Irgendein Ingenieur vom Orden ist wohl mal auf die Idee gekommen, das Ding einfach auszubauen und etwas umzugestalten." antwortete der Charr.
"Ja, dieser gewisse Ingenieur hatte eine hervorragende Idee." merkte Dena an, wobei sie erwartungsvoll den Charr vom Orden anstarrte.
"Was ist?" fragte er.
"Ich habe Eure Akte gelesen. Tut nicht so."
"Hm... na schön, ich war's. Ich geb's ja zu. "
"Ihr habt die Dinger erfunden? Na hoffentlich funktionieren die so gut wie Eure Kanone!" sagte Sif.
"Naja, es ist eigentlich eher noch ein Prototyp. Sie funktionieren in fünf von zehn Fällen."
"Moment mal." warf Ysmir ein, als hätte ihn ein Geistesblitz ereilt. "Könnten wir damit nicht Hoelbrak vor dem Angrif warnen oder ihnen Verstärkung senden?"
"Natürlich, warum habe ich daran nicht gleich gedacht? Ihr seid ein kluger Bookah, das muss man Euch lassen!" antwortete die Kommandantin.
"Ich muss das Ding nur auf Denngars Frequenz ändern..."
"Denngar hat auch so eins? Warum hat er uns nicht einfach ein zweites mitgegeben?" fragte Aela entrüstet.
"Ihr solltet Euren Vater doch gut genug kennen um zu wissen, wie vergesslich der alte Dickschädel sein kann. Außerdem hat es nur eine begrenzte Reichweite." entgegnete Dena, während sie an einem Regler am Gerät drehte. "So, jetzt hoffen wir, dass er seines nicht wieder verlegt hat..." sagte sie und drückte auf den Knopf. "Ah! Blödes Ding!"
Das blöde Ding sprühte plötzlich Funken und zersprang noch in ihrer Hand in sämtliche Einzelteile. "Verdammt nochmal!" fluchte sie.
"Jetzt wisst Ihr, was ich meinte." sagte der Charr kleinlaut.
"He, Raegar, habt Ihr eigentlich je irgendetwas erfunden, das nicht gleich nach hinten losgeht?" spottete Sif.
"Hey, beim ersten Mal hat's immerhin geklappt!" warf der Charr zur Verteidigung ein.
"Stimmt auch wieder, entgegen aller Erwartungen."
"Ich schätze wohl, das war's mit der Verstärkung..." seufzte Ysmir.
"Nach der Klaue kümmern wir uns um Hoelbrak, Ihr habt mein Wort!" verkündete Dena.
"Habt Dank, Kommandantin."
"Nichts zu danken, das bin ich dem alten Denngar schuldig... Gut, dann warten wir auf Razor. Kann sich nur um Stunden handeln, so wie ich ihn kenne."
"Ich seh' mal nach unserer Asura. Der anderen." sagte Sif.
"Das ist ja überraschend nett von dir." entgegnete Ysmir zynisch.
"Wie schlagfertig von dir, mein Liebster!"
Sie entfernte sich vom Rest der Gruppe und durchstreifte das behelfsmäßige Fort, das eigentlich nur ein großes Lager mit ein paar Barrikaden und Toren war, dazu einige Türme, um Gegner wie die Klaue fernzuhalten. Nach einer Weile fand sie die Asura in einer Ecke, mit dem Gesicht zur Wand. Sif konnte nicht erkennen, was genau sie tat, aber sie hatte einen ihrer Arme auf Gesichtshöhe angewinkelt. Sif schlich näher heran, ohne Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Als sie nah genug war, konnte sie die Asura flüstern hören. "Seid Ihr Euch sicher? Ich will keine - "
Irgendjemand antwortete, aber der Klang dessen Stimme war blechern und verzerrt, fast wie die, die durch das Funkgerät der Kommandantin kam.
"Natürlich, wir sind uns absolut sicher. Haltet Euch an Eure Abmachung, Floxx, dann wird niemand zu schaden kommen. Bringt -"
Der Rest des Gesprächs ging im Brüllen der Klaue unter, die erneut am Himmel über dem Fort kreiste, und dem Donnern der Kanonen und Gewehre, um sie zu vertreiben. Sif ging schnell wieder zurück, da Floxx ihr Gespräch anscheinend beendet hatte. Sif wartete einen Moment und ging dann auf die Asura zu.
"Ah, da seid Ihr ja. Wir haben Euch schon gesucht."
"Oh, tut mir Leid. Ich... habe nur einen Moment gebraucht, um den Schock zu verarbeiten." sagte sie, wobei Sif die Nervosität in ihrer Stimme sofort bemerkte. S
ie tat aber so, als würde sie ihr glauben. "Natürlich, das verstehe ich. Ein Glück, dass Ysmir so mutig ist."
"Ja, in der Tat."
"Verstärkung ist bald unterwegs. Dann können wir uns um die Klaue kümmern."
"Oh, das ist eine Erleichterung. Dann ist diese Expedition ja doch noch nicht völlig verloren."
Ihren Sarkasmus hat die Kleine nicht eingebüßt dachte Sif.
"Wir sollten zurück zu den anderen und unsere nächsten Schritte planen." schlug sie vor.
"Gut. Endlich mal etwas sinnvolles."
"Wo bleibt dieser haarige Trottel denn? Wie schwer kann es sein, den Weg von der Zitadelle bis hierher zu finden? Wenn er hier doch noch aufkreuzt, kann er was erleben. Falls er aufkreuzt."
Es waren schon fast vier Stunden vergangen, seit die Kommandantin die Verstärkung gerufen hat.
"Die Klaue wird auch nicht müde, oder?" fragte Gunnar, der sich einen Krug Met gegönnt hatte.
"Ist das eine gute Idee, vor einem Kampf Alkohol zu trinken?" fragte die Sylvari.
"Im Falle von meinem Bruder, schon!" antwortet Brinjolf.
"Außerdem wirkt der bei mir erst nach zehn Humpen! Ha!"
"So viel haben wir eh nicht dabei. Auf die eine Flasche hattest du ja bestanden."
"Ja, die eine. Hehe." gluckste Gunnar.
"Warte mal. Du hast doch nicht - "
"Ach, nur vier Flaschen."
"Vier? Verdammt Gunnar, denkst du auch mal an was anderes als ans Saufen?!"
"Klar doch, ans Kämpfen zum Beispiel!"
"Naja, du musst sie ja mit dir herumtragen. Aber du kannst auch ruhig teilen."
"Ha, ich wusste, dass du was ab haben willst. Wollt ihr auch was?" fragte er in die Runde.
"Nein danke, ich muss noch klar denken können." sagte Ysmir. Aela lehnte ebenfalls höflich ab. Sif nahm einen ordentlichen Schluck aus Gunnars Humpen.
Dann bot er ihm den Charr an. "Met, hm? Ich mag lieber das härtere Zeug. Guter, alter Whiskey." sagte er und holte einen Flachmann hervor. Die Kommandantin traute ihren Augen nicht. "Wenn Ihr bei den Wachsamen wärt, hätte ich Euch mit einem Tritt in den Hintern aus dem Dienst entlassen!" sagte sie empört. Raegar zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck Whiskey. "Deshalb bin ich ja auch beim Orden."
Gunnar hatte den Humpen Cahirah in die Hand gedrückt, die neugierig den Inhalt begutachtete. "Keine Angst, das haut Euch schon nicht um. Nicht sofort, zumindest." versicherte ihr Gunnar.
Sie hob den Humpen hoch und leerte ihn in einem Zug.
"Ich fass es nicht..." sagte Gunnar, als sein Kiefer nach unten klappte. Die anderen staunten ebenfalls nicht schlecht, und als die Sylvari fertig war, starrte sie auf den Boden des Humpens.
"Hmm... nicht schlecht, habt Ihr noch mehr davon?" sagte sie und hielt dem fassungslosen Gunnar den Humpen hin. Das Schweigen wurde von einem Hickser unterbrochen, der Cahirah entwich. Die andern lachten, aber sie hatte auf einmal Panik. "Was -hicks- war das denn -hicks- " sagte sie und hielt sich die Hand an den Hals.
"Das ist ganz normaler Schluckauf, das passiert manchmal, wenn man zu viel trinkt!" sagte Brinjolf und versuchte, sie zu beruhigen, während die anderen noch immer vor Lachen nahezu tobten.
"Das fühlt sich -hicks- komisch an. Aber -hicks- irgendwie ist es auch lustig -hicks-"
"Das ist die richtige Einstellung!"
"Hab ich -hicks- das jetzt für immer?"
"Nein, natürlich nicht. Das sollte spätestens nach ein paar Minuten wieder weggehen."
"Gut, aber das reicht für heute wirklich mit dem Alkohol. Ich bezweifle, dass wir die Klaue zu Tode rülpsen können." sagte Ysmir. '
"Ach, versuchen können wir es!" lachte Gunnar und lies einen Rülpser los, der sich tatsächlich mit dem Gebrüll der Klaue hätte messen können.
"Ihr Norn seid wirklich furchtbar!" stöhnte Dena genervt. "Nur in Unpünktlichkeit haben die Charr noch die Nase vorn."
Im selben Moment war ein dröhnendes Geräusch zu hören, dass anscheinend immer näher kam.
"Na endlich!" rief Dena und lief mit ihren Armen über dem Kopf fuchtelnd zum Tor.
Vier Charr-Hubschrauber landeten draußen vor der Feste und mähten Sträucher und Baumschösslinge auf ihrem Weg nieder. Dena ging auf den vordersten zu und wurde beinahe von der Luke erschlagen, die ohne Warnung aufklappte. Ein großer Charr mit seltsamer, knall-violetter Frisur stieg aus und ging mit offenen Armen auf die Kommandantin zu. "Dena, altes Haus! Tut mir leid, ich hab dich fast übersehen da unten!" lachte er.
"Warum bist du eigentlich noch immer im Pakt? Außer Sprüche klopfen kannst du doch eh nichts!"
"Falsch, ich kann auch Drachendiener klopfen!"
"Gutes Argument. Das wirst du auch bald müssen, bei dem Lärm den ihr gemacht habt."
Die anderen kamen zu den beiden dazu, und Raegar schien ein bekanntes Gesicht zu sehen.
"Habt Ihr etwa Euren Kriegstrupp dabei? Die Klaue tut mir ja fast schon leid!"
"Raegar? Verdammt, Ihr seid in die Fernen Zittergipfel unterwegs?" lachte Razor und gab dem anderen Charr die Pfote.
"Ein letztes Abenteuer auf die alten Tage!" sagte Raegar. "Hübsche Mörser, die ihr da angeschleppt habt!" merkte er an, während der Kriegstrupp das Kriegsgerät aus den Hubschraubern luden.
„Aber was soll denn diese bescheuerte Frisur? Ist dir ein Farbeimer auf den Kopf gefallen?"
„Hab 'ne Wette verloren, lange Geschichte. Aber mir gefällt es irgendwie." antwortete er. "Also." sagte Razor. "Wo machen wir die Klaue kalt?"
Dena fasste sich an die Stirn. "Schleppt sie einfach da hin, wo wir sie auch das letzte Mal aufgestellt hatten."
Ein Mann in der Rüstung der Wachsamen kam auf die Kommandantin zu. "Kommandantin! Die Truppen sind bereit zum Vorstoß." sagte er und salutierte.
"Ah, ich erinnere mich. Ian, richtig?" fragte die Asura.
"Genau, Taktiker Ian. Ich wurde befördert, nachdem wir die Klaue das letzte mal besiegt hatten. Ich wünschte nur, der arme Henley hätte es geschafft. Jetzt können wir ihn wenigstens rächen."
"Ian, Glückwunsch zur Beförderung. Scheinbar hat es Euch doch was gebracht, sich hier draußen den Hintern ab zu frieren!" sagte Razor.
"Ha, irgendwer muss ja die Eisbrut hier im Auge behalten." lachte er und zeigte auf sein linkes Auge, rechts trug eine Augenklappe. "Eins der Viecher hat mich letztes Mal böse erwischt. Naja, was tut man nicht alles für das Wohl von Tyria? Also, die Klaue wird jeden Moment ihre Kristalle auf uns herabregnen lassen, sobald sie die Mörser sieht. Eure Leute kümmern sich darum, während wir den Charr Deckung geben, damit sie die Mörser in Stellung bringen können."
"Gut. Ich helfe bei den Kristallen." sagte Dena.
"Hier, nehmt euch ein paar Charrzookas mit!" sagte Razor und drückte Ysmir ein paar davon in die Hand.
"Die sind ziemlich groß. Sicher, dass wir damit umgehen können?" fragte er, und konnte kaum über den Stapel Raketenwerfer vor seiner Nase blicken.
"Ihr bleibt auf Abstand, zielt und drückt das Ding hier. Wenn Ihr es richtig herum haltet, kann nicht viel schiefgehen."
"Na gut. Ich nehme einen. Sif, Brinjolf, Gunnar und Raegar, ihr nehmt den Rest." beschloss Ysmir.
"Danke, Ysmir, ich bleib lieber bei meiner Magie." sagte Brinjolf und beschwor demonstrativ eine kleine Flamme in seiner Hand.
"Ich hab meinen Granatwerfer." sagte Raegar. Ysmir seufzte und schaute Gunnar an, der die Arme vor der Brust verschränkte. Kento ging auf Ysmir zu."Ich nehme Euch eines ab, Ysmir!"
"Könnt Ihr das Ding überhaupt tragen?" fragte Ysmir skeptisch. Kento nahm die Charrzooka, die locker einen Meter größer war als er und hantierte damit, als wäre es ein leichtes Gewehr.
"Hm, nicht schlecht. Drei sollten auch genügen. Also, machen wir uns bereit."
Taktiker Ian und seine Männer rückten zusammen mit den Charr und ihren Mörsern aus. Sie gingen auf die Anhöhe, auf der die vorherigen Kämpfe mit der Klaue stattgefunden hatten, und brachten die Geschütze in Stellung. "Letztes Mal hatten wir dreimal so viel Feuerkraft. Sicher, dass das funktionieren wird?" fragte Ian. Razor lachte spöttisch. "Diese lächerlichen Kanonen vom Pakt, die sofort auseinander fallen, wenn sie mal angegriffen werden? Das hier sind echte Charr-Mörser, von meinem Trupp entworfen und gebaut! Die haben zusammen mindestens das doppelte an Feuerkraft!" prahlte er und klopfte gegen einen der Mörser, die gerade aufgebaut wurden. Sofort brach irgendwo ein Teil ab und fiel scheppernd zu Boden. "Upps..."
"Balthasar, steh uns bei..."
Wie erwartet flog die Klaue hoch am Himmel, als sie die Mörser sah, um nicht von ihnen getroffen zu werden, und lies zugleich riesige Kristalle vom Himmel regnen, die die Eisbrut aus der Umgebung wie Magneten anzogen. Der erste landete nicht unweit der Festung, wo Ysmirs Truppe schon wartete. Augenblicklich kam wie aus dem Nichts die Eisbrut angelaufen und versammelte sich um den Kristall. "In Ordnung, es geht los!" rief Ysmir und leitete den Angriff ein. Die erste Salve donnerte aus den Mündungen der riesigen Charrzookas und der Kanonen in der Festung. Der Kristall zersplitterte in tausende Teile, bis nur noch ein Haufen korrumpierter Eisscherben zurück blieb. "Das ging schnell!" staunte Gunnar, der etwas enttäuscht seine Äxte wieder einsteckte.
"Es bleiben noch drei. Und bei denen werden uns die Kanonen nicht helfen. Kommt, je schneller wir sind, desto besser. Wenn wir trödeln, versammelt sich gleich der halbe Eisklammsund um die Kristalle." rief Ysmir.
Der nächste Kristall war nicht weit entfernt, allerdings hatte er schon weitaus mehr Eisbrut angelockt. "Raegar, wollt Ihr den übernehmen?" fragte Ysmir.
Der Charr sah ihn mit freudiger Überraschung an. "Mit Vergnügen!" sagte er und nahm den Granatwerfer in die Hände. Er zielte direkt in den Haufen hinein, dann hob er die Waffe nach oben, um den passenden Winkel zu treffen. Dann feuerte er, und die tödliche Kugel flog mitten in die Menge. Raegar hielt sich die Ohren zu, zumindest die, auf denen er noch gut hören konnte, und die anderen taten es ihm gleich. Denn nach einer Sekunde explodierte die Granate und fegte wie ein Sturm alles rund um den Kristall einfach hinweg. Als die Rauchwolke verflog, offenbarten sich die grässlichen Überbleibsel von Eisbrut-Trollen, -Norn, -Wölfen und anderen verdorbenen Kreaturen. Der Kristall stand jedoch noch, auch wenn er mit Blut und Bruchstellen übersät war.
"Bei Grimmflamm, wie kann denn das Ding noch stehen?" fluchte der Charr. Er zielte erneut auf den Kristall, aber Ysmir packte ihn leicht an der Schulter.
"Verschwendet Eure Munition nicht, Raegar. Ihr habt gut aufgeräumt, den Rest können wir übernehmen."
"Hm... da habt Ihr auch wieder recht, Ysmir. Das ist meine letzte Granate. Gut, sprengt das Ding in Stücke!"
Das ließen sich die anderen nicht zweimal sagen. Ysmir gab Gunnar seine Charrzooka. "Hier, dann hast du auch was zu tun!" sagte er neckisch.
"Na gut, ich versuchs mal." sagte Gunnar und legte die Charrzooka mit Müh und Not an. Ysmir merkte, dass Gunnar lallte. "Welcher von den beiden?" fragte er und fuchtelte mit der Kanone herum. "Du bist nicht im Ernst betrunken, oder? Gib das Ding her!" seufzte Ysmir und griff nach dem Raketenwerfer, den Gunnar allerdings an sich presste. Er lachte laut und klopfte Ysmir auf die Schulter. "Du bist voll drauf reingefallen, was?"
"Du willst mich wohl auf den Arm nehmen... Ich geb's zu, das hatte ich nicht erwartet. Der war wirklich gut!" lobte ihn Ysmir.
"Danke, aber jetzt kümmern wir uns um den verdammten Kris-" Gunnar drehte sich um und sah einen Haufen Eisscherben.
"Zu langsam!" sagte Sif leise und grinste Gunnar voller Schadenfreude an.
"Das gibt's doch nicht..."
"Keine Sorge, zwei sind noch da. Und langsam geht uns die Munition aus."
Der dritte Kristall war bereits in Sichtweite, und auch dieser glich bereits einem Bienenschwarm. Diese Horde von Eisbrut war noch größer als die letzte.
"Du hast recht, Sif, wir haben kaum noch Munition." bemerkte Ysmir.
"Na endlich, dann machen wir's auf die gute altmodische Art!" rief Gunnar und rannte mit gezückten Äxten auf die Horde zu.
"He Eishirne, habt Ihr mich vermisst?" brüllte er, während er dem ersten Eisbrut-Troll beide Äxte durchs Gesicht jagte.
"Beim Raben, wenn er das überlebt, dreh ich ihm den Hals rum!" knurrte Brinjolf und baute einen Erdwall vor seinem Bruder auf, der sonst einen Schwerthieb von einem Eisbrut-Norn abbekommen hätte. Kento stürmte nach vorne und half Gunnar aus, während die anderen aus der Ferne den Kristall bearbeiteten.
Cahirah schnappte sich die Charrzooka, die Kento fallengelassen hatte, und versuchte, sie aufzuheben. Es sah zwar nicht sehr professionell aus, aber sie schaffte es, sie auf den Kristall zu feuern, wobei sie der Rückstoß von den Füßen riss. Die Rakete sauste in die Menge und erwischte eine kleine Gruppe Eisbrut, die die beiden Krieger umzingelte. Brinjolf reichte der Sylvari die Hand. "Guter Schuss!" lobte er sie. Sie freute sich über das Lob und lies sich von dem Elementarmagier aufhelfen.
Sif und Ysmir hatten ihre letzten beiden Raketen direkt ins Zentrum des Kristalls gefeuert, aber er stand noch immer. Kento zerteilte die letzte verderbte Kreatur und schlug dann Seite an Seite mit Gunnar auf den Kristall ein. "Ihr kämpft gut, Gunnar!" rief Kento. "Aber Ihr müsst etwas mehr auf Eure Fußarbeit achten. Wenn Ihr agiler seid, steckt Ihr auch nicht so viele Treffer ein."
"Danke, mein Freund, aber Ihr seid kein Norn. Euch fällt es vielleicht leicht, auf dem Schlachtfeld herum zu tänzeln." antwortete Gunnar spöttisch.
"Aber wir sind wie der Baum, der selbst der Lawine nicht weicht! Unsere Haut ist hart wie Rinde, und unsere Standhaftigkeit legendär!" rief er und schlug mit voller Kraft auf den bereits brüchigen Kristall, was diesen zum Zerbersten brachte. Kento stand noch immer regungslos da und sah Gunnar überrascht an. "Ihr seid ja ein wahrer Poet, Gunnar, das hätte ich nicht gedacht!"
"Den Spruch hab ich von meinem Vater. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages ein Kämpfer wie er zu werden. Jede Wunde macht mich stärker."
"Eines Tages werdet Ihr das, da bin ich sicher, aber passt auf Euch auf. Wenn Ihr zu viele Treffer einsteckt, erlebt Ihr diesen Tag vielleicht nicht mehr."
"Wir kommen da schon alle durch. Aber danke für Eure Sorge! Übrigens, für jemanden Eurer Größe kämpft Ihr auch ziemlich gut." sagte Gunnar.
"Danke!" lachte der Canthaner. "Na los, einer fehlt noch!"
Der letzte Kristall war ein Stück weiter westlich, und die Gruppe kam auf dem Weg an ihren Verbündeten vorbei.
"Gute Arbeit. Den da drüben können wir dann übernehmen." sagte Ian. "Ich will diese Mörser endlich in Aktion sehen!"
"Kannst du haben!" sagte der Charr mit der violetten Mähne und brüllte seinen Leuten Befehle zu. Sie justierten die Mörser, und auf drei feuerten sie einen Regen aus Granaten auf den Kristall. Weder dieser noch die Eisbrut in der Nähe überlebte den Angriff. "Ha! Sieht du, ich habs dir doch gesagt! Das sind 20 Gold für mich!"
"Verdammt, sie funktionieren tatsächlich... Mist, das ist mein Sold für diesen Monat." brummte der Taktiker und drückte der grinsenden Katze einen Beutel Münzen in die Hand. "Das sollte die Aufmerksamkeit der Klaue erregt haben. Sobald sie nahe genug kommt, holen wir sie vom Himmel!" sagte Ian und beobachtete gebannt den Horizont. "Da kommt sie! Bereit machen! Auf mein... Moment, was – Noch ein Kristall! Schnell, schießt ihn in Stücke, bevor er mehr Eisbrut anlockt!" rief er. Die Mörser feuerten erneut, aber eine Salve reichte nicht aus, um den Kristall zu zerstören, denn er war bedeutend größer als die vorherigen.
"Weiter! Da hinten kommt schon die Eisbrut angekrochen!" rief Razor, und schnappte sich eine Charrzooka. Die anderen nahmen sich ebenfalls eine und feuerten Rakete nach Rakete auf das Eis. "Da, gleich haben wir ihn! Männer, konzentriert Euch auf die Eisbrut! Haltet sie schön auf Abstand!" brüllte der Charr.
Das Bombardement löschte gut eine Hälfte der anrückenden Streitmacht aus, aber der Rest kam mit beunruhigender Geschwindigkeit näher.
"Ysmir, kümmert Ihr Euch um die! Wir konzentrieren uns auf die Klaue!" rief Dena. Ysmir nickte und befahl den anderen, in Stellung zu gehen.
"Aela, Brinjolf, Floxx, bremst sie ein wenig aus! Cahirah, macht dieses Mesmer-Ding da, das uns schneller macht! Der Rest schnappt sich eine Kanone und feuert, was das Zeug hält!" befahl er. "Der Zauber nennt sich Zeitschleife!" merkte Cahirah an.
"Gut, wirkt ihn auf mein Kommando."sagte Ysmir.
Brinjolf konzentrierte sich auf die heranstürmende Eisbrut und wühlte die Erde unter ihnen auf. Floxx beschwor einige Hände aus dem Boden, die nach ihnen griffen, und Aela rammte ihren Stab auf den Boden, woraufhin eine magische Barriere vor der Eisbrut aufgebaut wurde. "Jetzt!" befahl Ysmir und winkte Cahirah zu. Sie baute eine Kuppel über der Gruppe auf, die die Zeit um sie herum krümmte. Im Sekundentakt flogen Raketen, Pfeile und Feuerbälle auf die Eisbrut, die dem Beschuss hoffnungslos ausgeliefert waren. Nach wenigen Sekunden waren sie alle erledigt. Ysmir jubelte triumphierend. "Ha! Ausgezeichnete Arbeit, ihr alle!"
"Ihr seid ein hervorragender Stratege, Ysmir!" lobte ihn Taktiker Ian. "Allerdings bleibt die Klaue immer noch auf Abstand. Wenn wir sie nicht bald erwischen lässt sie mehr Kristalle regnen, als wir Munition haben! Wir brauchen einen neuen Plan." erklärte er.
Razor grübelte. "Hmm... Es ist zwar riskant, aber es könnte funktionieren. Unser Helikopter sind nur leicht bewaffnet, aber für eine Ablenkung sollte es reichen. Wir fliegen so tief wie möglich, um sie in Reichweite zu bringen."
"Der Plan gefällt mir, aber passt auf, dass die Klaue den Spieß nicht umdreht und euch vom Himmel holt." sagte Dena.
"Wann haben wir je schon mal etwas getan, wobei wir nicht hätten draufgehen können?" rief er und stieg in einen der Helikopter. Die drei anderen wurden von seinen Leuten bemannt und hoben ab. Sie flogen höher und immer höher, bis sie kaum noch zu sehen waren. Dort oben zog die Klaue noch immer ihre Kreise, und als sie die vier Charr-Helikopter sah, riss sie ihr Maul auf und brüllte so laut, dass die Berge zu erzittern schienen. Unten breitete sich eine unruhige Stimmung aus, denn sie konnten nur erahnen, was da oben vor sich ging. Die Charr flogen in geballter Formation auf die Klaue zu, aber diese blieb stets außer Reichweite und tauchte hinter den schwerfälligen Flugmaschinen wieder auf. "Ausschwärmen!" brüllte Razor seinen Kameraden über Funk zu, und die anderen drei Helikopter flogen in jeweils unterschiedliche Richtungen. Er selbst rückte der Klaue so dicht auf die Pelle, wie er konnte, denn das Vieh war für seine Größe unfassbar gewandt. Als er direkt hinter ihr war, feuerte er die kleinen Frontgeschütze ab. Wenn es irgendetwas bewirkte, dann machte es die Klaue nur wütender. Aber genau das war der Plan, denn nun ging das Biest in Angriffsstellung und tauchte unter Razor ab. Das war der Moment, auf den Ian gewartet hatte. "Feuer!" brüllte er so laut seine Lungen es ihm erlaubten, und die Charr am Boden eröffneten das Mörserfeuer. Aber zu ihrem Entsetzen ging die Salve ins Leere, denn die Klaue drehte sich und wich dem Beschuss aus, bevor sie wieder mit Schwung nach oben schnellte. "Was im Namen der Sechs... Seit wann hat dieses Vieh gelernt, wie man ausweicht?!" fluchte Ian.
"Vielleicht hätten wir die Mörser doch wo anders platzieren sollen..." murmelte Aela.
Razor ahnte bereits, dass die Mörser ihr Ziel verfehlt hatten, daher tüftelte er bereits den nächsten Plan aus. Sie hatten einen kurzen Moment, bis die Klaue wieder auftauchen würde, um erneut anzugreifen. Razor wies die Helikopter an, in Stellung zu bleiben. Sie bildeten einen Kreis, und dank der guten Einschätzung des Ingenieurs tauchte die Klaue genau in der Mitte auf. "Heizt ihr ein, Jungs!" befahl er und feuerte. Die Klaue wurde von vier Seiten beschossen, was schon weitaus mehr Wirkung zeigte. Sie heulte auf und flog einen langen Kreis, um dem Beschuss zu entgehen, und schraubte sich langsam höher und immer höher, bis sie über den Helikoptern war. Dann stürzte sie im Senkflug nach unten, direkt auf die Charr zu, bereit, ihnen den Garaus zu machen.
"Komm und hol mich, wenn du kannst!" rief Razor, auch wenn die Klaue vermutlich kein Wort davon hörte. Er tat es ihr gleich und brachte den Helikopter gefährlich weit nach unten, direkt auf die Truppen am Boden zu. "Was bei der Ewigen Alchemie hat dieser Charr vor?" sagte Dena. Ian schien es bereits zu ahnen, denn er wies die Schützen an, sich auf die nächste Salve bereit zu machen.
Und da kam die Klaue, direkt hinter dem Helikopter, ihr riesiges Maul weit aufgerissen.
"Warten... warten... Feuer!"
Razor zog den Helikopter sofort nach oben, und entging den Granaten nur um eine Haaresbreite. Die Klaue war so auf den Helikopter fixiert, dass sie die Mörser außer Acht gelassen hatte. Diesen Fehler bereute sie nun. Die Salve hatte sie bis auf die letzte Granate erwischt, und unter Mark erschütterndem Geheul krachte die Klaue gegen den harten Fels eines Bergs, und prallte auf den harten, eisigen Boden. "Volltreffer!" brüllte Ian und hob triumphierend die Faust.
"Verdammt, die alte Katze hat's tatsächlich geschafft." sagte Dena und winkte Razors Helikopter zu. "Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!" sagte dieser zufrieden.
Er und sein Trupp flogen hinüber zur Klaue, die noch immer auf dem Boden lag, und sich nicht zu rühren schien. Sie schwebten einige Meter über dem Boden, aber Razor wies sie an, Abstand zu halten. Irgendetwas sagte ihm, dass es das noch nicht gewesen war.
"Wartet mal, ich glaube, das Vieh atmet noch." sagte er über Funk. Tatsächlich rührte der Drache sich noch, und als er die Augen aufschlug, glühten sie vor Hass. "Schnell, gebt ihr den Rest!"
Die Helikopter feuerten, aber die Klaue gab nicht locker und richtete sich auf. Dann griff sie nach einem der Helikopter, der ihr zu nahe kam, und schleuderte ihn gegen einen Berg. "Nein!" brüllte Razor. Der Helikopter explodierte und hinterließ nichts als Trümmer. "Verdammt, weg da!"
Die Helikopter drehten ab, aber die Klaue jagte ihnen ihren Eisatem hinterher. Einer der Helikopter wurde erwischt und stürzte wie ein Eisklotz zu Boden, wo er zerschellte. Razor fluchte und kochte innerlich vor Wut, aber er durfte nicht die Beherrschung verlieren. Die anderen beobachteten das Geschehen voller Entsetzen aus der Ferne. "Wir müssen da rüber und sie erledigen! Los, los!" befahl Dena und rannte voraus, egal, ob ihr die anderen folgten oder nicht.
"Schnappt Euch so viele Waffen und Munition, wie ihr tragen könnt! Wir bringen die Mörser neu in Stellung!" sagte Ian. Ysmir und die anderen nahmen sich jeweils eine Charrzooka, außer Floxx, da es anscheinend keine in Asura-Größe gab. Ian und seine Leute schnappten sich die Mörser, und schließlich landeten auch Razor und der übrige Helikopter, um ihnen zu helfen. "Warum haben wir diese Kanonen nur abgebaut..." seufzte Ian, während er mühsam mit einem Charr zusammen einen der Mörser schleppte. Zum Glück hatte die Klaue ihre Flügel eingebüßt und kam kaum voran, so dass sie auf große Entfernung keine sonderliche Gefahr war. Allerdings begann das Eis um sie herum langsam dunkler zu werden, und ein eiskalter Nebel legte sich über das ganze Plateau. Dann richtete sie sich auf, um Luft zu holen, und brüllte abermals. Dieses Mal war es kein zorniges Brüllen, sondern ähnelte mehr einem Ruf, der durch die Berge hallte. Die Mörser waren endlich in Stellung gebracht, und waren bereit, zu feuern. "Auf mein Zeichen! Halt, da hinten... Noch mehr Eisbrut! Haltet uns den Rücken frei!" rief Ian.
"Na schön, Leute, selbe Taktik wie vorhin!" befahl Ysmir und ging in Stellung. Die Eisbrut wurde ausgebremst und anschließend unter Beschuss genommen.
Es waren aber immer noch eine ganze Menge, die schnell näher kam. "Noch einmal! Cahirah, Zeitschleife!"
"Tut mir leid, aber so einfach geht das nicht. Das ist ein komplizierter Zauber, der viel Kraft kostet." erklärte die Mesmerin. „Ich muss mich erst davon erholen."
"Hm... dann macht irgendetwas anderes. Hauptsache, die Eisbrut fällt!" sagte Ysmir.
"Ein Chaossturm zum Beispiel?" schlug sie vor.
"Keine Ahnung, hört sich auf jeden Fall gut an!"
Sie zeigte ihm den Zauber, und das Ergebnis gefiel Ysmir. Hier und da ging die Eisbrut in Flammen auf, fiel hin oder fing an, ziellos umher zu irren.
"Ja, der ist auch gut. So langsam fange ich an, euch Mesmer wirklich zu mögen!"
Die Mörser feuerten unterdes mehrmals auf die Klaue und gaben ihr den Rest. Zumindest dachten sie es, aber noch immer rührte sie sich, auch wenn sie deutlich angeschlagen war. "Das kann doch nicht sein, das Vieh lebt noch immer! Die steckt auf jeden Fall mehr ein als letztes Mal. Feuert nochmal!" sagte Ian.
"Wir haben keine Munition mehr!" rief einer der Charr.
"Ich hoffe, ich habe mich gerade verhört!"
"Leider nicht, wir haben tatsächlich keine Granaten mehr. Sofern wir sie nicht mit Schneebällen beschießen wollen, war's das." erwiderte Razor.
"Dann gehen wir da hin und hauen das Vieh mit den Fäusten platt, wenn es sein muss." beschloss Dena. "Das dauert mir alles schon zu lange, und wenn wir das jetzt nicht beenden, stecken wir bald bis zum Hals in Eisbrut."
"Das heißt bei dir zum Glück nicht viel!"
"Wenn du so weiter machst, dann passe ich deine Größe höchstpersönlich an!"
"Dafür, dass du so kurze Beine hast, hast du 'ne ganz schön spitze Zunge!"
Ysmir wies seine Leute an, der Kommandantin zu folgen. Sie hielten Abstand und beschossen die Klaue aus sicherer Entfernung mit den Charrzookas.
"Passt auf das Eis auf!" rief Ysmir. Die Klaue wurde sichtlich schwächer, aber noch einmal holte sie tief Luft und stieß ihren Frostatem aus. Brinjolf versuchte, die Gruppe mit einem Feuerschild abzuschirmen, und Aela half ihm mit ihrer Wächtermagie dabei. Dennoch drang die Kälte hindurch und zerrte an Mark und Bein.
"Haltet durch! Sie wird schwächer!" rief Ysmir, der am ganzen Leib zitterte. Aber der Angriff hatte der Klaue Energie gekostet und so sank sie wieder nieder.
"Sie ist geschwächt, gebt ihr jetzt den Rest!" rief Taktiker Ian von der Anhöhe. Die Gruppe lief auf die Klaue zu, um ihr mit Raketen, Zaubern und Stahl den Gnadenstoß zu erteilen. Einige Meter waren noch entfernt, als die Klaue sich wieder regte und mit ihrem Fuß auf den Boden stampfte. Vor ihr baute sich ein mindestens vier Meter hoher Schutzwall aus Eis auf. "Sie schirmt sich ab, um wieder zu Kräften zu kommen!" rief Aela. "Schnell, wir müssen da durch!"
Sie fingen an, die Mauer zu bearbeiten, aber das Eis gab nicht nach Brinjolf versuchte, sie zu schmelzen, aber es viel zu lange, da der Nebel um sie herum immer dichter wurde. "W...wir m...müssen hier raus!" bibberte Ysmir. Die Kälte war unerträglich, und der Wall hatte nur wenige Kratzer abbekommen. Sie zogen sich langsam zurück und nahmen den Wall mit den letzten Raketen, die sie hatten, unter Beschuss. Aber sie reichten nicht. "Was tun wir jetzt?" fragte Ysmir verzweifelt. Ihnen gingen langsam sämtliche Optionen aus. "Wartet mal, ich hab noch eine Granate übrig!" rief Raegar.
"Dann haben wir doch noch eine Chance! Hoffen wir, dass es reicht."
Raegar holte tief Luft. Seine Pranken zitterten leicht, aber er hatte sein Ziel klar im Blick. Er zielte direkt auf die Mitte, wo der Wall am meisten abbekommen hatte. Er drückte ab, und die Kugel flog auf die Mauer zu, landete aber etwas weit weg, da er durch das Zittern seinen Schuss leicht verzog. Alle hielten den Atem an, während die Kugel weiter rollte, immer näher auf die Mauer zu. "Komm schon, komm schon!" Kurz vor der Mauer explodierte sie, aber es war genug, um den Schutzwall zu durchbrechen. Das Eis klirrte, als es von der Druckwelle in allen Richtungen gesprengt wurde. Raegar fiel bei dem Geräusch ein Stein vom Herzen.
"Jetzt oder nie! Los!" brüllte Ysmir und stürmte auf die Klaue zu. Die anderen taten es ihm gleich. Gunnar, Kento und Dena stimmten in sein Gebrüll ein, als sie neben ihm an vorderster Front der Klaue entgegen preschten. Die Klaue versuchte sich, ein letztes Mal aufzurichten, um sich zu verteidigen, aber die Pfeile, Kugeln und Zauber, die auf sie zu flogen. hielten sie davon an. Und mit vereinten Kräften schafften es sie nach einem langen, erbitterten Kampf, das Biest endlich niederzustrecken. Die Klaue war ein weiteres Mal besiegt.
"Das war verdammt gute Arbeit, Leute! Mit so wenig Ressourcen und Truppen, ich hatte kurz meine Zweifel." sagte Ian, völlig außer Puste aber dennoch froh.
"Ja, das war es. Ich wünschte nur, Aava hätte es geschafft. Sie war eine unserer besten Piloten." fügte Razor traurig hinzu.
"Ja, den alten Henley vermisse ich auch. Aber wir haben gesiegt. Erneut. Hoffen wir, dass das jetzt für's Erste die letzte Klaue war."
"Wir sollten sie entsorgen, um sicher zu stellen, dass die Svanir sie nicht in die Hände kriegen." schlug Ysmir vor.
"Nicht so schnell." sagte Aela. "Das ist das erste Mal, dass wir einen intakten Leichnam von dem Vieh haben. Die Abtei könnte sie untersuchen, vielleicht finden sie ja mehr heraus."
"Ein kluger Vorschlag, aber wie wollen sie das Vieh von hier wegbringen?"
"Ach, denen fällt schon was sein."
"Damit wäre der Weg in die Fernen Zittergipfel nun frei." sagte Dena.
"Sieht ganz danach aus. Danke für alles, Kommandantin. Und für Eure Unterstützung." sagte Ysmir an Razor gewandt.
"Nicht der Rede wert! Hat mich gefreut, an Eurer Seite zu kämpfen! Viel Glück da oben im Norden. Und passt mir ja gut auf den alten Raegar auf, nicht dass er Euch alle in die Luft jagt!"
"He, Jungspund, wenn ich zurück bin schuldest du mir 'nen Whiskey." lachte Raegar.
"Ich halte ein ganzes Fass mit deinem Namen drauf für dich bereit! Aber erst müssen wir noch Denngar den Hintern retten, stimmt's, Kurzbein?"
Dena blieb gelassen, und ging auf den Charr zu. "Ach Razor, ich hab dich echt vermisst." sagte sie und trat ihm mit voller Kraft gegen das Schienbein. "Tut mir leid, aber das musste einfach sein. Selbst schuld, du verdammter Komiker. Also, nehmen wir die übrigen Helikopter und fliegen nach Hoelbrak."
"Das wird nicht ganz so einfach. Die sind zwar noch nicht hinüber, aber in dem Zustand kommen wir keine paar Meter weit. Wir müssen hier warten und sie wieder in Ordnung bringen. Es sei denn, du willst zu Fuß gehen." sagte Razor, nachdem er sich fluchend das Schienbein gerieben hatte.
"Na wunderbar."
"Hoffentlich halten sie durch, bis Verstärkung eintrifft." sagte Aela besorgt.
"Macht Euch darüber keine Sorge, Kleines." sagte Razor. „Euer Vater kommt schon klar, bis wir hier fertig sind."
„Das glaube ich auch." fügte Ysmir hinzu. „Also, wir haben noch immer unsere Aufgabe zu erfüllen. Wenn wir an diesem Auge des Nordens angekommen sind, nimmt Euer Vater mit uns Kontakt auf. Also, suchen wir einen Weg über die Berge, solange es noch hell ist! Danach können wir noch immer Rast machen."
Und so brachen sie auf, weiter nördlich zu einem kleinen Lager der Kodan, dem Pfad der Sternenhimmel. Dort fanden sich nach einer Weile tatsächlich einen passierbaren Weg über das Gebirge. Ysmir blickte noch einmal zurück, auf den Eisklammsund, über dem die Sonne langsam unterging.
Er sah Dena und Razor in der Ferne, mit den anderen Charr und den Wachsamen vom Pakt. Er sprach ein stilles Gebet zu den Geistern, dass sie rechtzeitig eintreffen würden, um seine Heimat zu verteidigen, die er nun hinter sich ließ. Er setzte den ersten Schritt auf dem Weg zu den Fernen Zittergipfel, der Heimat seiner Vorfahren.
