Nion fühlte sich total ausgelaugt und müde, außerdem hatte er furchtbaren Hunger. Er hatte sich in seine Kleidung gehüllt und ging nun die Treppe hinunter. Jede Abteilung hatte ihren Teil des Palastes, könnte man sagen. Hier, in diesem Flügel, war er mit seinen Kumpanen der Reijöktruppe untergebracht.

Es gab die Räume für die Kämpfer, Reijöks Privatgemächer, den Trainingsraum und schließlich einen ‚Aufenthaltsraum'. Als Nion an diesem Abend den Raum betrat, war ungewöhnlich viel los. Fast die ganze Truppe war versammelt. Laies saß mit zwei anderen Vampiren an einem Tisch und schienen sich zu unterhalten.

Nion strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht und setzte sich schließlich neben den Krieger, der ihn gestern abend noch besucht hatte. Dieser sah auf und lächelte leicht. „Na, du Schlafmütze?" Nion lächelte schief und kratzte sich mit seiner Klauenhand am Kopf. „Hey, lass mich doch auch mal. Aber was ist los, alle scheinen mir so.. Nervös!" Laies nickte und seufzte. „Der Söldnertrupp der Menschen hat eine von den Essenstrupps erwischt." Der Blonde verzog das Gesicht. „Heißt das, das Essen heute fällt aus?"

Laies nickte leicht. „Sieht wohl danach aus. Wir sammeln uns nachher komplett im Burghof. "Raziel will wohl mit allen reden." Nion zog ein nachdenkliches Gesicht. „Glaubst du er wird eine Truppe losschicken?"

„Woher soll ich das denn wissen, ich stecke ja nicht in seinem Kopf und höre, was er denkt!" Nion grinste über Laies Worte. „Stimmt, seine genialen Gedankengänge würdest du wahrscheinlich nicht mal verstehen!"

Laies ignorierte Nion und begann nun leicht gekränkt ein Gespräch mit einem anderen seiner Kumpanen. Nion dagegen musste als an Nahrung denken. Er hatte so einen Durst, wie er ihn schon lange nicht mehr hatte. Ob er von der Verfolgungsjagd kam, die er gestern gehabt oder von dem Traum, der an seinen Kräften gezerrt hatte? Er wusste es nicht genau, er wusste nur ein: Er brauchte dringend Blut.

Er erhob sich elegant und verließ unter den fragenden Blicken Laies' den Gemeinschaftsraum. Er schwang sich aus einem der Fenster und lief die Mauer entlang zum Nebenteil des Palastes. Er warf einen Blick in den Gang und schwang sich, als niemand zu sehen war, hinein. Vielleicht hatten die Anderen ja Nahrung.

Er verbarg sich hinter einer Säule und beobachtete den Essenstrupp einer der Anderen. Sie hatten mehrere Menschen, allesamt tot bei sich. Einer der anderen Truppe kam ihnen entgegen, sie wechselten ein paar Worte und ließen die Menschen zu Boden fallen, damit die Anderen, die sicher gleich kommen würden, sie in den Gemeinschaftsraum brachen. Als die Luft rein war, schnappte Nion sich das einzige Kind und verschwand nach draußen.

Er stillte seinen Durst und ließ dann den Körper wieder in den Gang gleiten, bevor er sich auf den Rückweg machte. Als er gerade durch das Fenster steigen wollte, konnte er einen kleinen Trupp Vampire sehen, der durch das Haupttor schritt. Angeführt wurden sie von niemand geringerem als Dumah selbst. Nion hockte sich hin und beobachtete, wie Raziel aus dem Haupthaus kam und auf seinen Bruder zuschritt.

Sie berührten sich gegenseitig an der Schulter, als Begrüßung. Nion konnte nicht verstehenüber was sie redeten, aber er war sich sicher, dass es um die Überfälle des Menschentrupps ging. Der Jungvampir fragte sich, ob vielleicht Kain selbst eingreifen würde, wenn seine Söhne das nicht in den Griff bekommen würden. Doch Nion war sich sicher, dass Raziel alle Menschen vernichten konnte, die seinen Clan bedrohten.

Langsam sammelten sich die Clansmitglieder im Palasthof. Nion überlegte, blieb dann aber lieber auf der Mauer sitzen, so sah er Raziel wenigstens. Dieser wartete, bis sich sein Clan versammelt hatte und seufzte. „Wir haben ein großes Problem." Er deutete auf den linken Flügel der Versammlung, wo er Reijök stehen, sehen konnte. „Einer der Essenstrupps wurde überfallen und vernichtend geschlagen." Ein Raunen ging durch die Menge, Raziel brachte sie mit einem Handzeichen zum Verstummen.

Dumah nickte zustimmend. Sein Bruder fuhr fort: „Auch die anderen vier Clans sind beunruhigt und sogar Kain selbst. Wir werden einige Trupps zusammenstellen und die Söldnertruppe ausfindig machen. Er machte eine lange Pause und sah dann auf. „Und wir werden sie auslöschen." Zustimmendes Raunen ging durch die Menge. „Sie mögen vielleicht stark sein, aber sie kennen die wahre Macht unserer Krieger nicht." Nun wurde das Raunen zu lautem Geschrei.

Nion lächelte. Raziel verstand es seinen Clan für seine Pläne zu begeistern. Reijök trat vor. „Es war unser Essenstrupp, also lasst mich und meine Männer für Euch diese Missgeburten töten!" Der blonde Vampir auf der Mauer sah nicht gerade begeistert aus. Er sollte mit den anderen gegen diese Menschen angehen? Er konnte ja noch nicht mal kämpfen! Raziel nickte zustimmend. „Ich will erst mal wissen, wo sie sich aufhalten. Also stell Suchtrupps zusammen." Der Vampir nickte. Raziel sah wieder auf die Menge. „Seid vorsichtig bei allem was ihr tut!"

Damit löste sich die Versammlung auf und die Gruppen verschwanden wieder ins Innere. Nion ging zum Aufenthaltsraum zurück. Laies und die Anderen waren bereits dort und diskutierten über eine mögliche Zusammenstellung der Suchtrupps. Reijök betrat den Raum, was die anderen Vampire zum Verstummen brachte. Der Anführer sah sich um und seufzte. „Suchtrupps." Murmelte er und deutete auf Laies. „Du wirst den Ersten anführen. Such dir drei weitere Leute und lass dich in der Waffenkammer ausrüsten."

Der Vampir nickte und deutete zwei Vampiren, die sofort nickten, dann wandte er sich an Nion. „Ich will, dass du mich begleitest!" Der Blonde sah ihn entgeistert an. „Aber..." Laies schüttelte den Kopf. „Kein ‚Aber', Nion." Damit setzten sich die Vier in Bewegung. Die beiden anderen Vampire waren von seiner letzen Wahl auch nicht sonderlich angetan, sagten aber nichts. „Warum willst du mich mitnehmen?"

Laies sah ihn an und lächelte. „Weil du ein guter Beobachter und eine Eins im Schleichen bist. Nur weil du nicht Kämpfen kannst, heißt das noch lange nicht, dass du unnütz bist. Du warst es doch, der sagte, dass es nicht nur aufs Kämpfen ankommt!" Touché! Nion nickte nur und betrat hinter den drei Anderen die Waffenkammer, die im Nebengebäude war. Zwei ältere Vampire reichten ihnen Schwerter.

Nion musste schlucken, als er den schweren Stahl in den Händen hielt. Er hatte den Palast so gut wie noch nie verlassen und kannte kaum eine Ecke. Als sie sich auf den Weg machen wollten, wurden sie von Raziel am Haupttor aufgehalten. Wie es sich gehört salutierten sie. „Wie ich sehe wird keine Zeit vergeudet." Der Clansführer sah den Kleinsten an. „Seid bloß vorsichtig!" Laies nickte. „Das werden wir sein." Damit trat der Älteste des Clans an die Seite und sah den Vieren nach. Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl bei der Sache.