Disclaimer. Mir nix – alles JKR und Co.

Titel: der Schutzengel – Teil 3

Autor: Lorelei Lee

Kategorie: Drama, Humor, Tragödie

Rating: ab 12

Inhalt: Severus begegnet zum letzen Mal seinem etwas eigenwilligen Schutzengel.

Anmerkungen: Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, zu den Teilen 1 und 2 noch einen Nachklapp zu liefern.


Der Schutzengel

(nach Band 7)

von Lorelei Lee

Als Severus Snape wieder zu sich kam, saß er auf einer violetten Wolke unter einem zartgrünen Himmel.

Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, hatte er das deutliche Gefühl, an diesem absurden Ort schon einmal gewesen zu sein. Doch erst als aus der Ferne eine Gestalt in einem apricot-farbenen Gewand mit Hilfe von seidig-schimmernden weißen Flügeln auf ihn zugeflattert kam, fiel ihm alles wieder ein.

„Nicht schon wieder du", fauchte er seinen Schutzengel an, als dieser nah genug an ihn herangeflattert war, um ihn auch zu hören.

Der Engel hatte im Heranflattern noch einen seltsam salbungsvollen Gesichtsausdruck zur Schau gestellt, doch bei dieser Begrüßung stemmte sie die Hände in die Hüften und ihre Augen hinter den Brillengläsern funkelten kampflustig.

„Na, wen hast du denn erwartet", erwiderte der Engel frech. „Den Weihnachtsmann?"

Snape stöhnte. Was hatte er eigentlich verbrochen, dass er mit einem solchen Schutzengel gestraft war. Gut, über die Jahre hinweg war da schon so einiges an Verfehlungen zusammengekommen... aber trotzdem! Das hatte er garantiert nicht verdient!

„Was hast du jetzt schon wieder angestellt?", beschwerte sich Snape bei dem Engel, was bei diesem erhebliche Verblüffung hervorrief.

„Ich?", stieß sie hervor und presste die Hände flach gegen ihren Oberkörper. „Ich soll etwas angestellt haben?"

„Ja, du! Und spar dir diese Schmierenkomödie für jemand anders auf. Ich kenne dich", entgegnete Snape schlechtgelaunt. „Würde ich sonst in dieser Lounge für Durchreisende sitzen, wenn du nicht wieder irgendwas verbockt hättest? Und behaupte ja nicht, dass ich dich gerufen hätte! Das war schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen eine glatte Lüge."

Zu Snapes größter Überraschung setzte sein Schutzengel daraufhin wieder diesen salbungsvollen Gesichtsausdruck auf und sprach mit leicht hallender Stimme: „Severus Snape... ich freue mich..." Der Engel brach plötzlich grundlos ab und wirkte wütend und hilflos zugleich.

Snape fragte sich mit mildem Interesse, woher dieser Hall-Effekt gekommen war und wie der Engel das fertig gebracht hatte, doch während er sich noch diskret nach irgendwelchen Lautsprechern oder ähnlichem umsah, bemerkte er aus den Augenwinkeln heraus, dass eine dicke Träne über die Wange seines Schutzengels kullerte.

„Ach, Sevie... ich kann das nicht", jammerte sie.

„Was kannst du nicht?", fragte Snape. „Und wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich nicht Sevie nennen sollst!"

Der Engel ging nicht auf diese Rüge ein, sondern wischte sich die Träne mit dem Ärmel seines apricot-farbenen Gewandes vom Gesicht.

„Ich kann das nicht nach Vorschrift", schluchzte sie.

„Vorschrift? Was für eine Vorschrift?", fragte Snape wider besseres Wissen.

„Handbuch der himmlischen Heerscharen - Vorschrift A/28: Begrüßung eines Verstorbenen durch seinen Schutzengel", leierte der Engel herunter und schlug sich dann entsetzt beide Hände vor den Mund.

Snapes Mund fühlte sich mit einem Mal staubtrocken an.

„Begrüßung eines... was?", flüsterte er schwach. Blitzartig tauchten Bilder in seinem Gehirn auf… die heulende Hütte… Voldemort… Nagini und… Potter.

„Ach herrje", jammerte der Engel und ließ sich neben Snape auf die violette Wolke fallen. „Ich bin ein solcher Versager!"

„Kann man so sagen", bestätigte Snape immer noch reichlich fassungslos. „Ich bin also tot?", fragte er schließlich.

„Ja", antwortete der Engel kläglich. „Und ich hätte dir das eigentlich viel schonender beibringen müssen. Das hier ist tatsächlich eine Lounge für Durchreisende... aber dieses Mal kannst du nicht wieder zurück. Dieses Mal geht es weiter in diese Richtung." Sie deutete vage nach schräg links oben.

Snape starrte dumpf vor sich hin. Doch plötzlich ging ein Ruck durch seinen Körper. Er richtete sich auf der Wolke kerzengerade auf und funkelte seinen Schutzengel wütend an.

„Soll das heißen, dass du zugelassen hast, dass ich in dieser beschissenen Hütte an diesem lächerlichen Schlangenbiss einfach so verreckt bin?!", donnerte er.

Der Engel hatte sich bei diesem Ausbruch etwas von seinem Schutzbefohlenen weggeduckt und blinzelte jetzt ängstlich zu ihm auf.

„Ja", hauchte sie.

Snape schlug die Hände vor sein Gesicht und ließ sich rückwärts auf die violette Wolke fallen.

„Merlin...", stöhnte er. „Noch peinlicher ging's nicht? Wie bescheuert muss das nur ausgesehen haben... diese schwebende Schlange... und mein Kopf steckte in diesem Schutzdings mit drin..." Er stöhnte erneut und nahm dann die Hände fort. „Wie konnte ich nur so blöd sein und das nicht voraussehen? Dumbledore hat mich doch noch gewarnt. Warum habe ich nicht irgendein Gegengift gebraut? Bei Slytherin – Ich bin Meister der Zaubertränke!" Ein Hauch von Verzweiflung färbte seine Stimme und der Engel an seiner Seite machte eine Bewegung als ob er ihn trösten wollte, doch Snape fasste ihn scharf ins Auge und der Engel unterließ es.

„Du!", sagte Snape mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Damit hast du doch etwas zu tun, richtig?"

Und tatsächlich sah sein Engel nun aus wie das personifizierte schlechte Gewissen.

„Ganz so würde ich das nicht ausdrücken...", murmelte sie mit schwacher Stimme.

Snape richtete sich wieder zu einer sitzenden Position auf.

„Soll das wirklich bedeuten, dass ich nur deshalb tot bin, weil du schon wieder schlampig gearbeitet hast?", fragte er so trügerisch sanft, dass der Engel hastig so weit von ihm wegrückte, bis sie am äußersten Rand der Wolke saß.

„Ich kann nichts dafür", erwiderte sie fast trotzig. „Glaubst du, mir macht das Spaß? Jetzt bekomme ich wieder einen neuen Schutzbefohlenen zugewiesen und wer weiß, was das dann wieder für ein Chaoten-Heini ist. Du warst ja weiß Gott schon schlimm genug, aber..." Der Engel brach mitten im Satz ab, als er Snapes mörderischen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Warum hast du nicht dafür gesorgt, dass ich an ein Gegengift denke?", presste Snape zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Das wäre für dich doch kein Problem gewesen, oder? Wo warst du also dieses Mal, als es wieder für mich brenzlig wurde... schon wieder im Kino? Oder doch bei einer Modenschau?"

Der Engel winkte lässig ab.

„Nein, die Vorstellung der neuen Gewandkollektion war im Herbst. Aber das war wirklich nicht besonderes. Ich hoffe, dass wir bald diesen Dingsda kriegen... na, wie heißt doch gleich dieser Modeschöpfer... dieser... na, du weißt schon?" Sie blickte Snape hoffnungsvoll und aufmunternd an.

„Nein, weiß ich nicht!"

„Ähm, okay... das interessiert dich vielleicht auch nicht soooo wirklich...", räumte sie ein.

„Da könntest du Recht haben", erwiderte Snape übertrieben liebenswürdig.

„Gut, also, zurück zu deinem Problem..." Der Engel zupfte mit nervösen Bewegungen kleine Stückchen aus der Wolke und zerkrümelte sie in kleine Flöckchen, die sanft in den zartgrünen Himmel davon schwebten. „Ich hatte ja einen Heldentod in der Schlacht für dich vorgesehen", sagte sie mit einem scheuen Seitenblick.

Genau in diesem Moment war wieder der Punkt erreicht, an dem Snape froh war, schon zu sitzen.

„Mein Tod war also... beschlossene Sache?"

„Manche Menschen sagen Schicksal dazu", sagte der Engel sanft und Snape merkte zu seiner eigenen Verwunderung, dass er nickte.

„Und warum hat das mit dem Heldentod nicht geklappt?", fragte er müde.

Der Engel seufzte.

„Die anderen waren dagegen. Ich habe es ja vorgeschlagen... aber... die Herren Erzengel haben mich überstimmt." Sie schnaubte. „Es entspricht nicht dem Plan", näselte sie und es war unschwer zu erkennen, dass sie jemanden nachäffte. „Als ob sich Gabriel oder Michael jemals an diesen Plan gehalten hätten. Aber für die Herren Erzengel gelten natürlich andere Regeln", meckerte sie halblaut vor sich hin. „Aber dafür haben sie jetzt beide ein blaues Auge, Raphael einen geknickten Flügel und der Metatron braucht schon wieder einen neuen Anzug", schloss sie mit gehässigem Triumph.

„Wie bitte?", murmelte Snape etwas überfordert. Sein Verstand schien sich gerade mit einem leisen Plopp verabschiedet zu haben. Warum passierte ihm das bei seinem Schutzengel nur jedes Mal...

„Als es soweit war, mussten sie mich festhalten." Der Engel zuckte mit den Schultern. „Für vernünftige Argumente waren die Herren ja nicht zu haben. Selbst Schuld, wenn sie dann was abkriegen."

„Du hast dich mit den Erzengeln geprügelt? Wegen mir?", fragte Snape fassungslos. Das überstieg nun eindeutig sein Vorstellungsvermögen.

„Nicht nur mit den Erzengeln." Der Engel setzte sich etwas in Positur. „Wie gesagt, der Metatron kam auch noch dazu… sie mussten mich zu viert festhalten." Dann sackte sie wieder ein wenig in sich zusammen. „Dafür haben sie dann auch ihre Drohung wahr gemacht und mich zur Strafe zu einem Schutzengel dritter Klasse degradiert." Sie seufzte leise.

„Das hast du für mich getan?", fragte Snape ungläubig.

„Es hat nur leider nichts genutzt." Der Engel lächelte schief. „Aber ich werde ja nicht ewig ein drittklassiger Schutzengel bleiben. Wenn ich mich bei meinem nächsten Schützling bewähre…"

Insgeheim bedauerte Snape diesen neuen Schützling schon jetzt.

„Wie schon gesagt, tut mir leid, Sevie", murmelte der Engel und starrte dann einen Moment nachdenklich vor sich hin. „Andererseits… wenn ich es mir recht überlege, dann warst du bei unserem ersten Zusammentreffen ja ganz scharf darauf, den Löffel abzugeben." Sie zwinkerte Snape schon wieder übermütig zu. „Jetzt hast du es ja endlich geschafft – also kannst du auch damit aufhören, hier den wilden Mann zu markieren und mich zur Schnecke zu machen. Würdest du wirklich zurückwollen… wenn du es könntest?"

Snape starrte seinen Schutzengel an, als ob dieser völlig übergeschnappt wäre.

„Du brauchst mich gar nicht so komisch anzugucken", plusterte sich der Engel auf. „Denk doch mal nach! Nach allem, was Harry nun über dich weiß… würdest du wirklich wieder zurückwollen?" Sie lächelte fein und auch ein wenig hinterhältig.

Ein Schauder durchlief Snape. Nein, das entsprach nicht unbedingt seiner Vorstellung von einem guten Leben… nicht, dass er das je gehabt hätte…

„Du wärst in Slytherin gut aufgehoben gewesen. Du hast so eine besondere Art einem das eigene Ableben schmackhaft zu machen."

„Ich nehm' das mal als Kompliment", erwiderte der Engel selbstgefällig. „Ich dachte mir schon, dass es nicht unbedingt nach deinem Geschmack ist, als Held mit gebrochenem Herzen gefeiert zu werden. Ich sehe schon Rita Kimmkorns Schlagzeile vor mir…"

„Lass gut sein", unterbrach Snape sie.

Sein Schutzengel musterte ihn eindringlich.

„Sehr glücklich siehst du aber immer noch nicht aus."

„Das wäre wohl auch ein bisschen zuviel verlangt."

„Sieh' es doch mal so… die meisten Leute, die du kennst sind eh' schon hier… Remus Lupin, Nymphadora Lupin, Fred Weasley, Albus Dumbledore, Regulus Black…"

Snape wiegte bedächtig seinen Kopf. Sein Engel hatte da nicht ganz unrecht. Mit Regulus hatte er sich immer sehr gut verstanden.

„Sirius Black, James Potter, Alastor Moody …", plapperte der Engel weiter.

„Gibt es hier wenigstens Einzelzimmer, die man von innen abschließen kann?", fragte Snape gequält. „Oder eine andere Alternative?"

Der Engel grinste breit.

„Glaub mir, in die Hölle willst du nicht wirklich. Das sieht im Werbe-Prospekt immer toller aus, als es dann in Wirklichkeit ist." Dann hopste sie plötzlich aufgeregt auf der Wolke herum und klatschte in die Hände. „Oh, ich habe gerade eben den besten Einfall aller Zeiten gehabt! Ich stelle für dich einen Märtyrer-Antrag!"

„Märtyrer-Antrag?", fragte Snape zweifelnd. „Ich bin kein Märtyrer und ich will auch gar keiner sein."

„Doch!", beharrte sein Schutzengel. „Denk doch mal an die Vorteile! Als Märtyrer bist du hier quasi ein VIP."

Snape blieb skeptisch.

„Vorteile?"

„Ja", erwiderte der Engel ganz begeistert. „Du bist vom Hosianna-Singen und Frohlocken befreit und die Märtyrer haben ihre eigenen Aufenthaltswolken. Und das ist noch nicht alles!"

„Du hattest mich schon beim Singen überzeugt", gab Snape etwas widerwillig zu. „Wo muss ich unterschreiben? Das heißt…" Er fasste seinen Engel scharf ins Auge. „Black und Potter sind nicht zufällig auch Märtyrer?"

Der Engel lachte.

„Nein, die nicht… aber Lilly Potter ist Eine. Ich bring dir das Formular dann nachher vorbei." Sie stand auf und hielt ihm ihre ausgestreckte Hand hin. Ihre seidig schimmernden Flügel bewegten sich bereits sacht. „Kommst du?", fragte sie sanft.

Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, die Ewigkeit mit Lilly auf einer eigenen Wolke zu verbringen…, dachte Snape und ergriff die warme Hand seines Schutzengels.

ENDE