Das vierte Jahr
Scorpius lief am ersten September durch den Zug und suchte seine Freunde. Er fand Alfred alleine in einem Abteil.
Er öffnete die Tür. „Hey, Alfred!" Avery drehte sich zu ihm um. Er strahlte über das ganze Gesicht. „Scorp, komm' setz' dich!" Scorpius hievte seine Truhe in das Abteil und mit etwas Anstrengung in das Gepäckfach. Dann öffnete er das Fenster. Auf dem überfüllten Bahnsteig suchte er nach seinen Eltern.
Seine Mutter winkte ihm zu und die zwei traten an das Fenster. „Mutter, Vater, das hier ist Alfred Avery, von dem ich euch erzählt habe." Alfred lächelte höflich. „Frau Malfoy! Herr Malfoy!"
Scorpius sah, wie sein Vater die Augen zusammen kniff. Da sein Vater in der Öffentlichkeit nie Gefühlsregungen zeigte, waren es nur kleine Zeichen, die Scorpius gelernt hatte zu lesen.
„Avery?" fragte Draco Malfoy höflich.
Alfred lächelte. „Ich denke, Sie kannten meinen Großvater."
Draco Malfoy nickte bedächtig. Dann wandte er sich wieder an seinen Sohn. „Scorpius schreibe bitte regelmäßig! Du weißt, wie deine Mutter darauf wartet!" Seine Mutter stupste ihren Mann in die Rippen. „Nun sehe ich aus, wie eine Glucke!" Sie schüttelte den Kopf, lächelte aber.
Scorpius hörte hinter sich die Abteiltür. Alfred drehte sich um. „Leo! Cristobal!" Die Pfeife des Zuges schrillte durch den Bahnhof. Scorpius verabschiedete sich von seinen Eltern und setzte sich dann an den Fensterplatz.
Das Abteil war mittlerweile voll. Lissy war auch da. Sie war vor den Ferien zu einer wahren Plage geworden. „Leo sei ein Schatz und tausche den Platz mit mir!" Lissy lächelte Leo neben ihm süß zu. Leo drehte sich zu Scorpius und grinste ihn hämisch an. „Viel Spaß!" zischte er ihm leise zu und stand dann auf, um Lissy auf seinen Platz zu lassen.
Scorpius hatte gehofft, dass Lissy über die Ferien von ihrer Besessenheit geheilt worden wäre. Seufzend sah er der mehrstündigen Fahrt entgegen. Aber sie setzte sich nur neben ihn und begrüßte Delilah Zabini, die gerade das Abteil betreten hatte.
Avery saß ihm gegenüber und beugte sich vor. „Ich habe McNair Anfang vom Sommer in der Winkelgasse getroffen." McNair hatte letztes Jahr die Schule abgeschlossen. Scorpius hatte ihn nicht gut gekannt. Eigentlich wusste er nur von ihm, dass er ein absoluter Ausnahme-Quidditch-Spieler war. Er war der geborene Treiber. Mit ihm hatte Slytherin viermal hintereinander das Quidditch-Finale gewonnen.
„Wo spielt er denn jetzt?" An den Finalen waren immer Talentscouts von den großen Vereinen, die nach jungen Spielern suchten. Und es stand außer Frage, dass McNair ein Angebot bekommen hatte.
„Bei den Caracas Cascadas." Avery verzog das Gesicht. Scorpius versuchte, sich an den Verein zu erinnern. Dann schüttelte er den Kopf. „Wo?" Avery sah finster aus. „In Venezuela. Kein europäischer Verein hat ihn gewollt. Er ist zu jedem offenen Probetraining gegangen – keiner wollte ihn. Dann hat einer der Vereinsheinis ihm erklärt, warum. Keiner will einen McNair in seinem Team, das würde schlechte Publicity bringen. Also ist er nach Südamerika."
Scorpius war entsetzt. „Aber ... Walden McNair war was? Sein Großonkel?" Avery zuckte die Schultern. „Das scheint nicht wichtig zu sein! Diese ganze Arschkriecherei vor den Schlammblütern und Verrätern im Ministerium kotzt mich an! Als nächstes muss man sich schämen, weil man keinen Muggel in der Verwandtschaft hat!"
Scorpius nickte. Gedankenverloren sah er aus dem Fenster. Seine Eltern hatten ihm erzählt, welche Probleme sein Vater damals gehabt, hatte wieder Fuß zu fassen. Selbst heute gab es noch Leute, die mit ihm keine Geschäfte machen wollten.
Er hörte nur mit halbem Ohr hin, was die anderen von ihren Ferien erzählten. Als es etwas ruhiger im Abteil wurde, beugte Alfred sich zu Scorpius. „Mein Vater hat mich in Rotterdam zu einem Vortrag mitgenommen und ich habe den Redner nachher noch kennengelernt. Das war eine wahre Offenbarung!"
Scorpius sah ihn fragend an. Alfred holte ein Buch aus seiner Tasche und hielt es Scorpius hin. Es war ein dünnes kleines Taschenbuch. Auf dem Cover sah er schwarze Wolken, die sich zu einem grinsenden Totenkopf formten, aus dessen Mund sich eine Schlange wand. Er kannte das Zeichen. Sein Vater hatte es auf seinem Unterarm eingraviert.
In großen silbernen Lettern stand der Titel über dem unheimlichen Bild: „Die wahre Geschichte der Todesser". Alfred hatte sich weiter zu ihm gebeugt und flüsterte nun fast. „Das hat der Redner geschrieben: Jeroen van Zandt. Der Mann ist genial. Endlich einer der sagt, was alle anderen nur denken. Das Buch ist in Großbritannien verboten. Natürlich! Die verdammten Schlammblüter und Muggelliebhaber wollen nicht, dass die Wahrheit bekannt wird! Lies es! Aber lass' dich nicht damit erwischen!"
Scorpius nickte. Sah noch einmal auf das Buch, dann holte er seinen Zauberstab. Nachdem er das Buch berührt hatte, hatte er eine Ausgabe von Shakespeares Sonetten in der Hand. Avery nickte zufrieden.
„Das hier ist mein letztes Jahr an dieser verdammten muggelverseuchten Schule! Ich habe weiter Kontakt mit van Zandt. Ich gehe nach dem Abschluss nach Holland und werde mit ihm zusammenarbeiten!" Scorpius nickte wieder. Er verstand nicht ganz, was 'zusammenarbeiten' bedeutete. Aber vielleicht würde das klarer, nachdem er das Buch gelesen hatte.
Später in seinem Bett holte er das Buch wieder heraus. Das Buch war nicht dick und so las er es in einem durch. Es erzählte von dem ersten Aufstieg Voldemorts und dessen Fall durch das Baby Harry Potter. Wobei bewiesen wurde, dass Voldemort in eine Falle durch den Orden des Phoenix gelockt worden war und durch einen Fluch mit übelster Schwarzer Magie zu einem Vegetieren ohne Körper, schlimmer als das Dasein eines Geistes verurteilt wurde. Harry Potter wurde als Gallionsfigur der Muggelgeborenen und Blutsverräter ausgebaut.
Van Zandt sah Voldemort selber als einen machtgierigen Psychopathen. Allerdings hätte auch er eine richtige Verhandlung verdient. Nicht die Selbstjustiz eines selbst ernannten Grüppchens Hüter der magischen Welt. Das einzige Vergehen der Todesser, die ihm folgten, sah van Zandt darin, dass sie diesem Psychopathen so viel Macht eingeräumt hatten.
Ein ganzes Kapitel war seiner eigenen Familie gewidmet. Sein Großvater wurde als Philanthrop und Mäzen dargestellt, der durch Verleumdung und Intrigen in Azkaban landete. Ziel war es an das Vermögen der Familie Malfoy zu gelangen. Selbst sein Vater wurde als Opfer dargestellt. Snape hätte damals seinen Vater vor Dumbledore gerettet.
Scorpius wusste, dass viele Tatsachen nicht korrekt dargestellt wurden. Sein Vater hatte ihm die Geschichte erzählt. Warum sollte ihn sein eigener Vater belügen?
Und auch wenn Avery gerne erzählte, dass alle aus Angst vor dem Ministerium nur die offizielle Version erzählten, würde sein Vater ihn nie belügen. Andere Dinge gaben ihm aber zu denken. Es war eine Tatsache, dass das riesige Vermögen der Malfoys verschwunden war. Unersetzliche Erbstücke waren für immer verloren. Das ärgerte seinen Vater noch immer.
Vielleicht waren andere Dinge auch nur Halbwahrheiten oder gar Lügen? Vielleicht hatte man seinen Vater ebenfalls belogen.
Zum ersten Mal begegnete Scorpius der eigentlichen Philosophie hinter den Todessern. Seine Freunde hatten hier und da Bemerkungen über die reinblütige Gesellschaft und deren Hintergründe fallen gelassen, aber Scorpius hatte nie nachgehakt. Das interessierte ihn nur wenig, da er nicht dazugehörte. Nun erfuhr er, dass Magier und Hexen über die Jahrhunderte immer wieder unter der Verfolgung der Muggel gelitten hatten. Hexenverbrennungen waren im mittelalterlichen Europa an der Tagesordnung. Durch die Verfolgungen hatte sich die magische Welt abgeschottet. Zauberer und Hexen wurden in der Literatur der Muggel als Gegenspieler zu hilflosen kleinen Kindern, Jungfern oder tapferen Helden beschrieben.
Durch die Abgeschlossenheit hatte sich die Magie und Zauberkunst weiter entwickelt. Es kam zu einer wahren Renaissance der Magie. Die Magie wurde rein weiter gereicht und nicht durch nicht-magisches Blut geschwächt. Und das sollte wieder so werden.
„Hast du das Buch gelesen?" Avery kam gleich beim Frühstück auf ihn zu. Müde nickte Scorpius. „Aber Alfred – manches davon ist wirklich vollkommen falsch!" Avery sah ihn enttäuscht an. „Ich dachte, du würdest es verstehen!" Scorpius seufzte. „Mein Vater hat mir erzählt, wie das damals war. Aber ich sage nicht, dass nicht doch was an manchen der Ideen ist."
Nun strahlte Avery wieder. „Ich weiß, an manchen Stellen fehlen ihm die richtigen Informationen. Das Ministerium ist sehr darauf bedacht, dass keiner von den alten Todessern Kontakt zu ihm hat. Damit ja nicht die Wahrheit ans Licht kommt! Aber im Grunde hat er recht: Die magische Welt sollte von Reinblütern nach alten Traditionen gelenkt werden! Nur so kann die magische Welt wieder im alten Glanz erstrahlen! Die haben die ganzen Geschichtsbücher geschrieben, wie es ihnen passt. Jetzt denken alle, unsere Großväter waren wahnsinnige Mörder! Und dieses ganze neue Zeug, was eingeführt wurde! Bei Merlin, wer braucht schon Muggelkunde?"
Scorpius lachte. Das Fach war Pflicht für alle Schüler vom ersten bis letzten Schuljahr. Aber die meisten hatten große Probleme das Fach zu meistern. Manche Ideen und Prinzipien waren zu merkwürdig und unlogisch, wenn man über Magie Bescheid wusste. Und es war vollkommen sinnlos! Er würde nie als Muggel leben! Selbst seine Eltern, die in einem Muggelhaus lebten und mit den Nachbarn freundschaftlich verkehrten, nutzten für fast alles Magie.
Alfred wurde abgelenkt. Scorpius folgte seinem Blick. Rose war einige Meter weiter entfernt an den Tisch getreten und lachte mit Albus über etwas. „Kleine Schlammblutschlampe! So was wie die sollte hier gar nicht unterrichtet werden!"
Scorpius beobachtete, wie Rose ihre Haare über die Schulter warf. Dabei begegneten sich ihre Blicke und sie verharrte einen Augenblick. Dann lächelte sie ihn an und wandte sich wieder an ihren Cousin.
Avery gab ein abschätziges Geräusch von sich. „Die macht doch sicher für jeden die Beine breit!" Scorpius war überrascht von der Intensität, mit der Avery über Rose sprach.
Aber eigentlich konnte es ihm auch egal sein. Er mochte sie ja auch nicht sonderlich. Auch wenn sie über den Sommer bemerkenswert hübsch geworden war.
ooo
Scorpius trat als letzter aus der Bibliothek. Die alte Miss Splinster trat hinter ihm aus der Tür und schloss sie ab. Müde lief er den Gang entlang. „Scorpi?" Erstaunt sah er sich um. In einer der vielen Nischen stand Lissy und lächelte ihn an. Er war ihr in den letzten Wochen so gut es ging aus dem Weg gegangen. Sie war immer aggressiver geworden, was ihre Annäherungsversuche anging. War sie im letzten Jahr noch lästig gewesen, war sie mittlerweile wie eine Klette. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass sie ihm kurz vor Sperrstunde in einem Gang auflauerte.
„Lissy, was machst du hier?" Sie zog ihn in die Nische. „Ich habe dich in den letzten Tagen gar nicht gesehen und habe dich vermisst." Sie zog einen Schmollmund. Er versuchte, höflich seinen Unmut zu unterdrücken. „Ich war beschäftigt. Wir schreiben nächste Woche mehrere Tests."
Sie strich mit ihrer Hand über seine Brust und blinzelte ihn von unten her an. „Ach, Scorpi, du musst dich mal entspannen!" Scorpius hatte das Gefühl, das er ihr jetzt nicht mehr entwischen konnte, ohne wirklich unfreundlich zu werden.
Mit erstaunlicher Kraft zog Lissy seinen Kopf zu ihrem hinab und küsste ihn. Es war nicht so wundervoll, wie er sich seinen ersten Kuss vorgestellt hatte. Zugegebenermaßen hatte er sich diesen Moment auch nie mit Lissy vorgestellt. Aber es war auch nicht so schrecklich, wie er es sich mit Lissy vorgestellt hatte. Im Gegenteil! Er zog sie an sich und lehnte sich an die Wand.
Er kam erst Stunden später in seinem Schlafraum an.
ooo
Einige Tage später saß Scorpius mit Leo und John am See. Er hatte seine Bücher mitgenommen, aber hatte sie noch nicht aufgeschlagen. „Hey, hat Alfred mit dir über den Holländer geredet?" John riss Scorpius aus seinen Gedanken.
„Ja, hat mir sein Buch zum Lesen gegeben." antwortete er.
John nickte begeistert. „Ja, mir auch. Das Buch ist genial! Endlich mal einer, der die Wahrheit ausspricht! Dieses ganze Gejammere von den Schlammblütern und Blutsverrätern, wie böse die reinblütigen Todesser doch waren, geht mir seit Jahren auf die Eier!"
Scorpius hörte Leo und John zu, wie sie über die neuen alten Ideen sprachen, merkte aber schnell, wie seine Gedanken abschweiften. „Hey, Scorp! Was ist denn heute mit dir los? Zu wenig geschlafen? Lissy zu anstrengend?" Scorpius stöhnte. „Ich habe gelernt!" Das Jahr war schwieriger und er wollte seinen Platz an der Spitze der Ravenclaws behalten. Außerdem nahm Lissy wirklich viel Zeit in Anspruch.
„Du solltest mal das hier probieren!" Leo hielt ihm seine geschlossene Hand hin. Scorpius streckte seine verwirrt aus. Leo ließ etwas in seine Hand fallen. Als Scorpius sich ansah, was er da hatte, fand er eine kleine lila Pille. Fragend sah er Leo an. Dieser grinste über das ganze Gesicht. „Angel's Smile. Das Zeug macht dich wach und relaxt!"
„Was ist da drin?" Sein Vater war nicht umsonst Zaubertrankhersteller. Er hatte seinem Sohn beigebracht, dass man sich nichts in den Mund steckte, von dem man nicht wusste, was es war.
Leo kratzte sich am Kopf. „Euphoria Elixir, Tranquilo Trank und etwas Mate-Essenz und das alles in eine Pille gepresst." Scorpius überlegte kurz. Das war alles harmlos. Er steckte sich die Pille in den Mund und schluckte.
John stieß Leo an. „Hey, da ist Esther!" Scorpius drehte sich in die Richtung, in die John mit dem Kopf genickt hatte. Er spürte, wie sich ein Wattegefühl in seinem Kopf ausbreitete. Einige Meter entfernt setzte sich eine Gruppe von Mädchen aus ihrem Jahrgang.
Scorpius musterte die Mädchen. Als Einzige erkannte er Rose Weasley und Dorcas McCartney aus seinem eigenen Haus. „Welche ist Esther?" fragte er. Aber eigentlich interessierte es ihn nicht. Er fühlte sich ganz entspannt, so wie kurz vor dem Einschlafen. Gleichzeitig war er aber hellwach. Rose lächelte und schob ihre Haare über die Schulter. Das sah wirklich hübsch aus.
„Die Blonde mit dem Pferdeschwanz." Antwortete John. Leo schien das alles sehr unangenehm.
Scorpius sah, dass Esther neben Rose saß. Der Wind bewegte Rose Haare im Wind, dabei schienen sie in den unterschiedlichsten Rottönen zu leuchten. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und lächelte über etwas, dass Esther gesagt hatte.
Scorpius riss sich vom Anblick der Mädchen los und grinste Leo an. „Und? Was läuft da?" Leo wurde rot. Aber wieder antwortete John. „Sie hat ihn auf eine Party bei den Gryffindors eingeladen. Am Samstag."
Scorpius sah wieder zu den Mädchen. „Gryffindor?" Angeblich waren das die besten Partys. Aber in Gryffindor waren auch alle, die sie verachteten. „Avery bekommt einen Anfall, wenn er das hört!" Scorpius legte sich auf den Rücken und sah in die Wolken. Schöne flauschige Schäfchenwolken.
„Vor allem, wenn er erfährt, dass die hübsche Esther ein Schlammblut ist!" John wackelte mit den Augenbrauen. Leo drehte sich zu ihnen um und sagte bestimmt: „Avery braucht das ja nicht zu erfahren!" John nickte ihm lachend zu und erklärte: „Außerdem geht' s hier ja nur um ein wenig Spaß! Du weißt doch: Die Schlammblüter nehmen es nicht so genau. Und der gute Leo soll doch auch mal zum Schuss kommen!"
Scorpius schielte zu Leo hoch. Der saß immer noch mit roten Wangen da und sah scheinbar zu den Mädchen. Das sah aber nicht so aus, als ginge es nur um 'ein bisschen Spaß', dass roch nach Ärger.
„Viel Spaß dann!" Er wandte sich wieder den Wolken zu. „Du musst mitkommen!" erklärte John. Das beunruhigte ihn doch ein wenig. „Auf die Party? Spinnst du? Wieso sollte ich da hin? Ich kann 90 Prozent der Typen auf der Party nicht ausstehen und die anderen 10 Prozent hasse ich!"
John sah ihn an, als würde er einem kleinen Kind erklären, wieso man eine heiße Herdplatte nicht anfassen sollte. „Leo kann nicht alleine hin. Deswegen komme ich mit. Aber wenn er dann mit Esther beschäftigt ist, werde ich nicht alleine da abhängen. Deswegen musst du mitkommen!"
Ein Vogel schoss über den Himmel. Scorpius hatte keine Lust sich zu streiten, er fühlte sich viel zu gut. Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Von mir aus."
ooo
Samstagabend beim Abendessen kamen John und Leo wieder auf die Party zu sprechen. „Wir treffen uns um acht an der Statur von dem Elf im dritten Stock." Scorpius sah verwirrt von seinem Teller auf. „Was? Wieso?" Leo schüttelte den Kopf. „Die Party, Mann!"
Scorpius erinnerte sich wage, dass er zugesagt hatte. Wieso hatte er zugesagt? Er sah den zweien an, dass er sich nicht herausreden konnte. Daher nickte er beklommen. „Gut. Um acht dann." Die zwei standen grinsend auf.
Das war ein Albtraum. Er würde nie wieder lila Pillen schlucken! Eigentlich hatte er den Abend in der Bücherei verbringen wollen. Jetzt musste er sich überlegen, wie er den Abend überstand. Und wahrscheinlich sollte er sich umziehen. Aber er wollte auch kein Blut auf seine guten Kleider bekommen. Und er war sich sicher, dass es zu mindestens einem Duell kommen würde.
Mit einem nervösen Magen traf er sich um acht Uhr mit seinen Freunden. Während die zwei aufgeregt über eine Freundin von Esther sprachen, lief Scorpius mit gesenktem Kopf nebenher.
Er fragte sich, ob seine zwei Freunde wirklich so naiv waren oder einfach nur dumm. Sie schienen das alles so locker zu nehmen, als ginge es um eine Party in den Kellern der Slytherins.
In seinem Kopf spielte er alle Möglichkeiten durch. Einer der Potter/Weasleys würde ihn gleich wieder rauswerfen. Er würde verprügelt oder verhext. Alles in allem würde es wohl nicht schlimmer werden, als im ersten Jahr.
Esther wartete schon vor dem Gemälde einer fetten Frau auf sie. Schüchtern lächelte sie Leo an. „Hallo. Schön das ihr gekommen seid!" Dabei sah sie nur Leo an. Der war rot wie eine Tomate und schaute verlegen auf den Boden. Scheinbar hatte es jetzt aber auch John die Sprache verschlagen.
Als niemand etwas sagte, begann Esther nervös von einem zum anderen zu sehen und an ihrem Ärmel zu zupfen.
„Hallo. Ich bin Scorpius, das ist John. Vielen Dank für die Einladung!" Esther sah ihn erleichtert an. „Dann lasst uns mal reingehen!" Sie drehte sich um und sagte etwas, dass sie nicht hören konnten zu dem Bild der fetten Frau. Das Gemälde schwang zu Seite und gab den Blick auf den Gemeinschaftsraum frei. Aber nicht, bevor die fette Alte auf dem Bild sie noch finster angeschaut hatte und etwas von Slytherin-Brut vor sich hingemurmelt hatte.
Sie traten durch die Öffnung. Die Party war in vollem Gange. Musik dröhnte von allen Seiten. Das Licht war gedämmt. Es gab Sitzgruppen und einen Tisch mit Getränken und Knabbereien.
Esther führte sie durch den Raum zu dem Tisch und drückte Leo einen Becher mit einer neongrünen Flüssigkeit in die Hand. John nahm zwei weitere Becher und gab einen Scorpius. Keiner hatte sie überhaupt wahrgenommen. Erleichtert nickte Scorpius mit dem Kopf in Richtung einer dunkleren Ecke. John nickte und so lehnten sie kurz darauf an der Wand.
Dort verbrachten sie die nächsten zwei Stunden. Sie verließen den Platz nur um Nachschub an Getränken zu besorgen. Scorpius gefiel es, das Treiben zu beobachten. Er und John amüsierten sich königlich über ihre Mitschüler. Ein Auge hielten sie auf Leo, der mit Esther tanzte und redete.
Wie Scorpius eine weitere Stunde später in einem Kreis mit Gleichaltrigen landete, die Flaschendrehen spielten, konnte er sich nicht erklären. Irgendwie hatten Leo und John ihn hierher gezerrt. Außer ihnen und Esther kannte er nur noch Rose und Al in der Runde. Und natürlich Melanie Sayer, eine Hufflepuff und das hübscheste Mädchen aus ihrem Jahrgang. Zumindest behaupteten das immer alle. Sie hatte lange honigblonde Haare und trug immer weit ausgeschnittene Oberteile, wenn sie nicht die Schuluniform trug. Scorpius machte sich nicht viel aus ihr.
„Also, damit auch nicht gelogen wird, haben wir hier einen Wahrheitsball. Derjenige, der dran ist, hält ihn in der Hand. Wenn der Ball rot wird, dann lügt derjenige, der den Ball hält. So, ich denke, jetzt können wir anfangen."
Es gab eine Menge, 'wen magst du' und 'du musst XY küssen' und Scorpius langweilte sich. Er kannte kaum jemanden und bisher war die Flasche immer an ihm vorbei gewirbelt. Dafür war er auch dankbar.
Endlich war auch das passiert, weswegen Leo und John ihn hergeschleppt hatten: Esther hatte Leo geküsst. Die zwei hatten nun einen ziemlich dämlichen Gesichtsausdruck. „Auf wen die Flasche zeigt, muss denjenigen küssen, den er in der Runde am attraktivsten findet!" Esther fügte mit einem verschmitzten Grinsen hinzu: „Mit Zunge!"
Scorpius überlegte, ob er sich einfach verdrücken konnte. Da landete die Flasche auf ihm. Esther warf ihm den Ball zu und zwinkerte vielsagend. Scorpius hielt den Ball in der Hand und begann zu schwitzen. Er sah sich in der Runde um. Melanie sah ihn verkniffen an. Als sich ihre Blicke trafen, sah sie arrogant zur Seite, aber er konnte ein Lächeln um ihren Mundwinkel spielen sehen.
Was sollte es. Sie sah gut aus und um mehr ging es hier ja nicht. „Mel ..." Aber er hatte nicht einmal zu Ende gesprochen, da kam schon ein Ruf. „Du lügst!" Er sah in seine Hand. Der Ball war knallrot. Verdammt! Wenn er ihn nur mit den Fingerspitzen berührte?
„Mach' schon, Malfoy!" ein Junge sah ihn genervt an. Scorpius konnte richtig sehen, wie er dachte 'wen interessiert schon, wen der gut findet!'
Scorpius holte tief Luft und sah wieder auf den Ball. Kaum hörbar sagte er: „Rose." Er hörte ein merkwürdiges Geräusch, wie ein Quieken und sah kurz zu Rose. Aber sie sah ihn nur merkwürdig an. Das Geräusch schien von Melanie gekommen zu sein. Die sah beleidigt aus.
Da Rose ihm genau gegenübersaß, erhob er sich und lief um den Kreis der Sitzenden herum. Er wünschte sich, jemand würde das Spiel beenden oder ihn auf der Stelle verfluchen. Wo waren ihre tausend Verwandte, wenn man sie mal brauchte?
Rose war ebenfalls aufgestanden und sah ihm nun entgegen. Sie sah nervös aus, ihre Wangen waren rot. Das alles war ihr sicher unangenehm. Er hoffte, er hatte seine Gesichtszüge unter Kontrolle und sah nicht so jämmerlich aus, wie er sich fühlte.
Endlich war er vor ihr angekommen. Er sah, wie die Ader an ihrem Hals wie wild pochte. Dann machte sie einen Schritt auf ihn zu, sodass sie nun dicht vor ihm stand. Panik durchpulste ihn. Sie hob den Kopf. In ihren Augen sah er, wie nervös sie war. Aber er sah keinen Widerwillen oder gar die Abneigung, die er erwartet hatte.
Eine lockige Strähne fiel ihr ins Gesicht und automatisch strich er sie ihr hinter das Ohr. Er ließ seine Hand in ihrem Haar und beugte sich zu ihr hinunter. Rose legte ihre Hände auf seine Brust. Seine andere Hand fand ihre Hüfte. Dann trafen sich ihre Lippen.
Rose' Lippen waren weich und nachgiebig. Er fuhr ein wenig mit seinem Mund über ihren. Das fühlte sich schön an. Mit der Zungenspitze fuhr er die Konturen ihrer Lippen entlang.
Er spürte, wie sie weicher in seinen Armen wurde, sich mehr an ihn lehnte. Und dann öffnete sie ihren Mund ein klein wenig und ihre Zungenspitzen berührten sich kurz.
Scorpius spürte diese winzige Berührung bis in die Zehen. Seine Hand glitt von ihrer Hüfte zu ihrem Rücken und er drückte sie etwas fester an sich. Während ihre Hände sich um seinen Nacken schlangen, stahl sich ihre Zunge in seinen Mund.
Das war so viel besser, wie mit Lissy. Das war ... schon viel zu lange. Er ließ seine Hand wieder an ihre Hüfte gleiten und brachte mehr Platz zwischen ihre Körper um den Kuss ausklingen zu lassen.
Als Rose sich von ihm löste, sah sie ihm kurz in die Augen. Ihr Blick war etwas glasig, aber sie sah strahlend aus. Wenn nicht in dem Moment, einer der Schülersprecher der Gryffindors die Party für beendet erklärt hätte, hätte er sie sicher erneut geküsst.
Das hätte nie passieren dürfen! Er war Scorpius Malfoy, er konnte nicht einfach gestehen, dass er auf Rose Weasley stand. Rose, ein Halbblut und dann auch noch eine Weasley! Das war unakzeptabel. Er hatte das gut in der hintersten Ecke seines Kopfes versteckt. Fast so gut, dass er es selbst vergessen hatte. Keiner hätte das je erfahren.
Zusammen mit John und Leo verließ er den Turm. Seine Gedanken rasten.
„Rose, häh?" Leo stieß ihn mit der Schulter an. Scorpius zuckte nur mit den Schultern. John lachte dreckig. „Ja, je schlammiger, desto schlampiger! Die ist ja richtig abgegangen! Und Esther erst mal!" Scorpius wusste nicht, was er sagen sollte.
Er begegnete kurz Leos Blick. Scorpius erkannte sofort, dass Leo Johns Spruch nicht gefiel. Und da wurde ihm klar, dass John Esther wirklich mochte. Im nächsten Augenblick lachte Leo aber mit John. „Klar! Mal schauen, wie lange ich brauche, um sie rumzukriegen!"
Scorpius hörte nicht weiter zu. Er starrte auf Leos Rücken. Das Ganze hatte von Anfang an nach Ärger gerochen und nun war es sogar noch schlimmer als befürchtet.
Er schlief erst gegen Morgengrauen ein und wachte dementsprechend erst gegen Mittag am nächsten Tag auf. Er schnappte sich seine Bücher und lief zu Bibliothek. Binnen Kurzem war er in den Zauberkunsttext vertieft.
Erschrocken fuhr er auf, als ein Buch auf seinen Tisch geknallt wurde. „Rose Weasley?" Avery stand mit beiden Händen auf dem Tisch über ihn gebeugt. „Malfoy! Wie kannst du nur?" Wo hatte Avery das gehört? Hatten Leo und John nicht gesagt, dass Avery von der Party nichts erfahren musste?
„Wir haben Flaschendrehen gespielt, Avery! Es war nicht so, als hätte ich sie angebaggert, oder so!" Avery schien das nicht zu beruhigen. „Und wieso die Weasley?"
Scorpius spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Wut brodelte in ihm hoch. Er schob den Stuhl mit den Beinen zurück und stand nun fast Nase an Nase mit Avery.
„Ich sollte das attraktivste Mädchen in dem Kreis küssen! Was kann ich dafür, dass ansonsten nur Gesichtsbaracken dabei waren? Was glaubst du? Dass ich auf Schlammblutgesocks stehe?"
Avery warf ihm noch einen merkwürdigen Blick zu, dann lachte er. Alfred richtete sich auf und schlug ihm auf den Rücken. „Dann ist ja alles gut! Wir sehen uns später!"
Scorpius sah Avery nach, als er aus der Bibliothek lief. Dabei fiel sein Blick auf Rose, die an einem Tisch ihm gegenübersaß. Ihre Blicke trafen sich und er sah sofort, dass sie alles gehört hatte. Ihre Wangen waren rot, ihr Blick verletzt. Abrupt stand sie auf. Hoch erhobenen Hauptes verließ sie den Raum.
Scorpius ließ sich auf seinen Stuhl fallen und starrte auf die geöffnete Tür. Bei dem Gedanken an Rose Blick zog sich sein Magen unangenehm zusammen. Er hatte sie wirklich verletzt. Aber was hatte sie denn gedacht? Dass er sie mochte?
Er schob den Gedanken beiseite und arbeitete weiter an seiner Hausarbeit.
ooo
„Hey, Walthers! Wie geht's denn deiner Mami? Hast du schon viele kleine Muggelgeschwister?" Höhnisches Gelächter folgte diesen Worten.
Scorpius, der hinter Leo gelaufen war, sah, wie dieser erstarrte. Die Geschichte um seine Mutter war bisher nie offiziell zur Sprache gekommen. Wie die Gryffindors sie herausbekommen hatten, war ihm ein Rätsel.
Scorpius legte Leo die Hand auf die Schulter und versuchte, ihn zum Weitergehen zu bewegen.
„Oh, schau Mal! Wie niedlich! Seine kleine Freundin tröstet ihn. Ej, Malfoy – bist du das Mädchen in eurer Beziehung?"
Scorpius fuhr herum. Vor ihm standen Fred Weasley und James Potter mit einigen anderen Gryffindors und lachten ihn hämisch an. Noch in der Bewegung hatte er seinen Zauberstab gezogen und hielt ihn nun drohend vor sich.
„Halts Maul!" zischte er. Fred lachte ihn nur aus. „Wieso? Was willst du machen? Mich mit Wattebällchen bewerfen?" Gackernd fielen seine Freunde in sein Lachen ein. Fred zog einen Schmollmund, dann warf er ihm ein Küsschen zu. „Nicht böse sein, meine Süße!"
Bevor Scorpius sich für einen Fluch entschieden hatte, schoss ein gelber Blitz an ihm vorbei und traf Weasley mitten in die Brust. Dieser wurde von der Wucht des Zaubers nach hinten geschleudert und sein Kopf traf mit einem matschigen Geräusch die Steinmauer des Ganges. Reglos blieb er am Boden liegen.
Einen Moment blieben alle in ihrer Bewegung erstarrt. Dann brach die Hölle um Scorpius aus. Er hörte Geschrei, sah bunte Blitze durch die Luft schwirren und noch bevor er ein Schild um sich herum aufbauen konnte, wurde er von mehreren Flüchen getroffen. Es wurde schwarz um ihn.
Als er wieder zu sich kam, erkannte er die weißen Wände der Krankenstation. Er hob ein wenig den Kopf, um zu sehen, ob er alleine war. Einige Meter entfernt sah er die Hauslehrer von Gryffindor, Slytherin und Ravenclaw mit der Schulschwester diskutieren. Sein Blick wanderte zu dem Bett an seiner Seite.
Leo saß dort aufrecht mit verschränkten Armen und sah grimmig auf die kleine Gruppe Erwachsener.
Bevor Scorpius ihn ansprechen konnte, hörte er die Schwester rufen. „Ah, Herr Malfoy ist zu sich gekommen." Sie trat mit energischen Schritten auf ihn zu und begann mit dem Zauberstab über ihm zu wedeln.
Nachdem sie endlich fertig war, schaute sie zu den Lehrern. „Sie können die zwei nun befragen. Herr Weasley wird noch eine Weile brauchen, bis er wieder zu sich kommt." Damit verschwand sie in einen kleinen Raum, der sich an den Schlafsaal anschloss.
Professor Hallstring trat zwischen die zwei Betten von Leo und Scorpius. Die Hauslehrerin der Slytherins musterte die beiden Jungen kalt.
„James Potter hat uns berichtet, dass Sie für den Zustand von Herrn Weasley verantwortlich sind, Herr Walthers. Stimmt das?" Sie sah Leo streng an. Dieser wich ihrem Blick nicht aus, sondern nickte kurz.
Hallstring presste die Lippen zusammen. Es gefiel ihr offensichtlich nicht, dass ein Schüler aus ihrem Haus in eine solche Geschichte verwickelt war. Erst recht nicht, dass er so schnell zugab, der Schuldige zu sein.
„Ich hoffe, Sie hatten einen guten Grund. Ansonsten werden sie von der Schule verwiesen werden. Ist Ihnen das klar?"
Wieder nickte Leo nur. „Was haben Sie also zu Ihrer Verteidigung zu sagen?" Der Satz hallte wie ein Pistolenschuss in dem Saal wieder. „Er hatte es verdient!" Leos Stimme klang genauso distanziert und kalt, wie die von Hallstring.
Scorpius konnte sehen, wie die zwei anderen Lehrer näher traten und einen Blick mit Hallstring austauschten. Das war dann wohl das Urteil. Sie würden Leo von der Schule verweisen.
„Weasley hat Leo gereizt!" stieß er hervor. Leo riss den Kopf herum und warf ihm einen wütenden Blick zu. Aber Scorpius setzte sich nun ebenfalls auf und sah Hallstring ernst an. „Er hat mit Leos Mutter angefangen und dann angedeutet, dass Leo und ich ..." fieberhaft suchte er nach einer guten Umschreibung, aber ihm fiel nichts ein. „... eine Beziehung zueinander haben." endete er lahm.
Hallstring musterte nun ihn mit ihrem durchdringenden Blick. Scorpius bewunderte Leo, dass er diesem Blick standgehalten hatte. Er selber wich dem Blick nach wenigen Sekunden aus.
„Und haben Sie … eine Beziehung zu Herrn Walthers?" Scorpius sah die Lehrerin erschrocken an. Er spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. „Nein!" brachte er stotternd hervor.
Ihr Blick wurde wieder durchdringender. „Und was war Ihre Rolle bei der Auseinandersetzung?" Scorpius ließ beschämt den Kopf hängen. „Ich … ich wollte …"
„Er hat nur dabei gestanden. Er kam gar nicht dazu etwas zu unternehmen, da haben ihn schon die ganzen Flüche getroffen." hörte er Leo sagen.
Professor Hallstring sah von einem Jungen zum anderen, dann nickte sie. „Gut. Trotzdem ist das Ganze aus den Proportionen geraten." Sie sah wieder Leo an.
Panik erfasste Scorpius. Sie würden ihn trotzdem aus der Schule werfen. „Aber es war ein Unfall. Weasley wurde von der Wucht des Fluches nur mitgerissen und hat unglücklich die Wand getroffen." versuchte er die Situation zu retten.
Hallstring warf Scorpius einen kurzen Blick zu, dann lief sie mit festen Schritten ohne ein weiteres Wort zum Schwesternzimmer. Scorpius hörte, wie sie mit der Schwester redete. Nervös sah er zu Leo, der aber stur geradeaus blickte.
Dann kam Hallstring zurück. „Die Schwester sagt, dass der Fluch, der Herrn Weasley traf, diese Verletzungen nicht verursacht hat. Es war also wirklich ein Unfall." Sein eigener Hauslehrer, Professor Honeychurch schien sich erleichtert im Hintergrund zu halten. Longbottom, der Hauslehrer von Gryffindor, war gar nicht begeistert.
Hallstring stellte sich wieder zwischen die Betten. „Herr Walthers, ich bin beschämt über die ganze Geschichte. Sie werden bis zum Schuljahresende vier Tage die Woche Strafarbeiten erledigen und das Privileg nach Hogsmead zu gehen, wird Ihnen ebenfalls für dieses Jahr entzogen!"
Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und verließ den Saal.
Scorpius sah zu Leo. Dieser warf sich auf das Bett und drehte ihm den Rücken zu. Das Schuljahr war fast zu Ende, die Strafe also recht harmlos ausgefallen.
Scorpius legte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Beine schmerzten und er an den Armen Bandagen hatte. Kurz wunderte er sich, was für Flüche ihn getroffen hatten, aber dann fielen ihm die Augen auch schon zu.
ooo
Einige Tage später kam Avery in einer Freistunde zu ihm. Scorpius hatte sich wieder einmal in der Bibliothek verschanzt. Die Verletzungen waren geheilt und alles war wieder zur Tagesordnung übergegangen.
Avery legte einen Umschlag vor ihn. Fragend sah Scorpius auf. Aber Avery grinste nur. „Mach ihn auf!"
Scorpius holte drei Fotografien aus dem Umschlag. Auf dem Ersten war ein großes Herrenhaus zu sehen. Avery beugte sich ebenfalls über das Bild. „Malfoy Manor" erklärte er.
Das war das Haus, in dem sein Vater aufgewachsen war? Ungläubig besah er sich das Bild. Es ließen sich nicht viele Details ausmachen. Aber es war mindestens zehnmal so groß wie das Haus, in dem er mit seiner Familie lebte.
Scorpius nahm sich das zweite Foto. Es war ein Familienbild. Er erkannte seine Großmutter sofort. Auch wenn sie auf dem Bild verändert wirkte. Jünger natürlich, aber auch unnahbar, wie eine Königin. Sie saß auf einem Stuhl, dahinter stand ein großer, langhaariger Mann. Er sah aus, wie jemand, der seine Ziele immer erreichte. Eine Hand lag besitzergreifend auf der Schulter seiner Großmutter. Neben den beiden stand ein Junge – eindeutig sein Vater. Aber Scorpius hatte seinen Vater noch nie so arrogant grinsen sehen.
„Die Familie Malfoy, kurz bevor Voldemort wieder auftauchte. Das ist nur eine Kopie vom Original, deswegen bewegt es sich nicht."
Scorpius fragte sich, ob seine Großmutter das Original noch hatte. Sowohl bei ihm zu Hause, als auch bei seiner Großmutter gab es keine Fotografien von seinem Großvater. Zumindest nicht da, wo er sie sehen konnte.
Das letzte Bild war scheinbar auf einem Ball aufgenommen. Sein Großeltern tanzten miteinander. Scorpius hatte seine Großmutter nie viel Schmuck tragen sehen. Kleine Ohrringe, mal eine Kette, nie einen Ring. Auf dem Bild trug sie ein Diadem, große Ohrhänger aus Edelsteinen, eine dazugehörige Kette und Ringe.
Das Paar tanzte unter einem Kronleuchter. Im Hintergrund konnte man eine Champagnerfontäne sehen.
„Der Silvesterball 1994 in Malfoy Manor."
Scorpius sah die Fotos noch einmal langsam durch. Er wusste, dass sein Vater alles, was sie besaßen, quasi aus dem Nichts aufgebaut hatte. Scorpius war sehr stolz auf seinen Vater. Aber nun erschien ihm ihr Leben erbärmlich im Vergleich zu dem Leben, das sein Vater in seinem Alter gehabt hatte. Aber es war nicht einmal der Reichtum, der den Unterschied machte. Die Malfoys auf den Fotos hatten einen gesellschaftlichen Stand, den sein Vater und selbst er nie wieder erreichen würden. Sie waren geachtete Mitglieder der gehobenen magischen Gesellschaft. Seine Familie gehörte nun zu den Aussätzigen der Gesellschaft. Niemand wollte mehr etwas mit den Malfoys zu tun haben.
Avery beugte sich zu ihm. „Das hätte dein Leben sein können! Der Name Malfoy stand einmal für Großes! Und was habt ihr jetzt? Genauso viel wie wir – nichts! Nur wegen der Schleimer im Ministerium, die jedem Muggel hinten reinkriechen!" Averys Stimme war ein hasserfülltes Zischen.
„Ich fahre nach dem Abschluss nach Rotterdam zu van Zandt. Komm' doch mit und verbringe deine Ferien mit mir!" Scorpius fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Tut mir Leid, ich muss erst auf eine Hochzeit und dann wollen meine Eltern dieses Jahr nach China. Mein Vater sucht nach einem neuen Lieferanten für Zaubertrankzutaten."
Avery nickte. „Gut, aber wenn du deine Meinung änderst ..." Scorpius nickte ebenfalls. „Ich werde mich dann melden!"
ooo
Scorpius war von einem Geräusch geweckt worden. Erschrocken fuhr er halb hoch. Snowball lag neben ihm und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Dann hörte er weitere Geräusche und erkannte die Stimmen von Ben und David.
„Sei leise, du weckst sonst noch unseren Prince of Darkness auf!" hörte er David flüstern. Ben kicherte. Die zwei waren eindeutig angetrunken. Wahrscheinlich hatte es heute eine spontane Jahresabschlussparty im Aufenthaltsraum gegeben. Aber da Scorpius so gut wie nur im Unterricht mit den Ravenclaws zusammen war, hatte man ihn natürlich nicht dazu geholt.
„Mann, der Typ ist echt merkwürdig. Und nicht im guten Sinne. Und er ist nie hier! Wieso ist der nicht in Slytherin? Verbringt doch eh die ganze Zeit bei der Schlangenbrut!" Ben schien sich in Fahrt zu reden und wurde lauter. Ein zustimmendes Grunzen war zu hören.
Scorpius merkte, wie er die Fäuste ballte. Wieder einmal war er ausgeschlossen und der Merkwürdige. Wie am ersten Abend. Nichts hatte sich geändert. Und so wenig es ihm gefiel, machte es ihm auch immer noch etwas aus.
„Malfoy geht ja noch. Aber dieser Avery, bei dem kriege ich 'ne Gänsehaut! Der hat doch 'ne Macke! Der ist wie ein kalter Fisch und manchmal hat der so ein Glitzern in den Augen … so stell ich mir 'nen Psychopathen vor!" erklärte Ben nun.
„Ja, der macht sicher mit Schwarzer Magie 'rum. Das sieht man dem doch an!" hörte er David zustimmen.
Er konnte nun Kleidung rascheln und Schuhe poltern hören. Die zwei zogen sich um.
„Ich habe da auch so Gerüchte gehört. Der Typ soll Schüler misshandelt haben. Richtig gefoltert. Aber keiner sagt was, weil alle Angst haben." Ben machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort. „Verstehe nicht, wie Malfoy mit dem abhängen kann und trotzdem bei uns gelandet ist. Ich meine, Noten sind doch nicht alles, was uns Ravenclaws ausmacht!"
Wieder ein Grunzen von David. „Und Singer und Walthers sind doch auch nicht ganz koscher! Walthers ist so ein Weichei und die schleppen den überall mit, wie so ein Maskottchen. Eine richtige kleine Schwuchtel. Würde mich nicht wundern, wenn der wirklich schwul ist!"
Scorpius ballte wieder die Fäuste. Er hasste es, wenn andere auf Leo herumhackten. Leo war feinfühliger als der Rest der Gruppe um Avery und nicht so aggressiv, aber er war trotzdem ein loyaler Freund und tausend Mal mehr Wert als die zwei Idioten, in seinem Schlafsaal.
Er hörte, wie Ben dreckig lachte. „Vielleicht schleppen sie ihn deswegen überall hin. Er ist Singers Loverboy!" Einer der beiden machte Kussgeräusche, dann lachten die zwei laut.
Erst nach einer Weile beruhigten sie sich wieder.
„Hast du gehört, dass Singer sich mit Dipton duelliert hat? Dipton sah nachher richtig übel aus. Keine Ahnung, was Singer für einen Zauber benutzt hat." Scorpius hörte jemanden laut reden. „Dipton? Der Hufflepuff-Sucher? Was hat der denn mit Singer zu tun?" Ben klang leidlich interessiert.
„Gar nichts. Singer braucht man doch nur schräg anzugucken und der haut einem Flüche um die Ohren! Wie ein kleiner Pitbull. Dipton war halt zur falschen Zeit am falschen Ort." Schweigen legte sich über den Schlafsaal.
Scorpius hatte nicht gewusst, dass John ein Duell gehabt hatte. Aber John hatte eine Menge aufgestauter Aggressionen in sich. Und er geriet immer wieder in Auseinandersetzungen mit Mitschülern. Meist von ihm selbst provoziert. Wenn Leo oder Scorpius nicht dabei waren, um ihn zurückzuhalten, geriet er oft in Schwierigkeiten.
„Verstehe nicht, wie die immer davon kommen. Keiner von den Typen hat je Strafarbeiten machen müssen. Außer Walthers jetzt. Und die haben doch alle Dreck am Stecken!" Ben war hörbar wütend.
„Und die Mädchen stehen auch noch auf die Typen!" erklärte David nun. Scorpius wunderte. Er hatte nicht das Gefühl, dass die Mädchen ihm oder seinen Freunden mehr Aufmerksamkeit widmeten, als anderen Jungen. „Ich habe neulich Ellie gehört, wie sie meinte, Walthers sieht so feinfühlig aus und er hätte sicher eine schwere Kindheit gehabt. Ich habe fast gekotzt!"
Scorpius überlegte, wer Ellie war. Aber ihm fiel kein Gesicht zu dem Namen ein.
„Und um unseren Prince of Darkness scharen sich die Weiber auch." kaltes Lachen ertönte. Ben war aber noch nicht am Ende mit seinen Weisheiten. „Aber der hat kein Auge für die Weiber. Sind ihm alle nicht gut genug und er hat ja seine kleine reinblütige Prinzessin schon."
David lachte. „Aber selbst die interessiert ihn doch nicht wirklich. Hast du die zwei Mal zusammen gesehen? Der Kerl hat doch keine Gefühle. Kalt wie Stein, ist der. Das ist doch alles Berechnung. Er hat seine reinblütige Zicke, mit der er reinblütige Bälger züchten kann. Und damit hat sich das für den doch erledigt. Kannst du dir Malfoy vorstellen, wie er einem Mädchen seine Liebe gesteht?"
Die zwei lachten.
Scorpius starrte in die Dunkelheit. Tränen der Wut brannten hinter seinen Augen. Dachten alle so über ihn? Er hatte keine Gefühle, konnte nicht lieben? Was wussten die denn schon?
Natürlich war er nicht in Lissy verliebt. Damit war er doch aber keine Ausnahme! Niemand erwartete doch die unsterbliche Liebe bei einer Schulbeziehung. Und alle dachten, er würde sie später heiraten? Was ein Mist!
Scorpius lag noch lange wach und hörte dem Schnarchen der zwei anderen zu. Er hörte auch noch viel später Albus in den Schlafraum schleichen. Kurz wunderte er sich, wo der die Nacht über gewesen war.
Albus verbrachte kaum mehr Zeit mit den Ravenclaws, wie Scorpius. Aber seine Freunde waren Gryffindors. Und daher wurde über ihn nicht hergezogen.
Scorpius konnte die Heimfahrt kaum erwarten.
