„Frank, hör sofort auf zu zanken!", rief die Mutter ihrem Ältesten genervt zu.
„Aber Mum, ich mach doch gar nichts!", zeigte der sich erstaunt über diese völlig aus der Luft gegriffene Rüge.
„Das glaubt Dir kein Mensch!", schnaubte seine Mum trotzdem unbeeindruckt.
„Siehst Du", freute sich eine helle Stimme hämisch, „Mum sagt auch, dass Du ein Blödmann bist!"
„Bin ich gar nicht!"
„Bist Du doch!"
„Schluss jetzt, verflixt! Ihr habt schon den ganzen Vormittag nur Dummheiten im Kopf. Ich bin es leid! Zieht Eure Umhänge an und dann macht, dass Ihr nach draußen kommt!", entschied die Mutter der beiden Streithähne rigoros.
„Aber Mum!", entrüstete sich jetzt ihr Jüngster, mit weinerlicher Stimme.
„Keine Widerrede, August! Und denk ja nicht, dass ich nicht gesehen habe, wie Du Frank geknufft hast!"
„Ich?", August war die Unschuld in Person.
„Ja, Du und nun macht schon!"
„Immer ich!", grummelten beide Buben einträchtig und trollten sich widerwillig.
„Grundgütiger! Diese Kinder rauben mir noch den letzten Nerv!", stöhnte Hannah Longbottom erschöpft und ließ sich auf den Hocker hinterm Tresen fallen.
„Zum Glück haben sie auch ihre guten Seiten!", kam es lachend von der Türe.
„Na, das muss ich leider ab und an bezweifeln...", murmelte Hannah, doch dann erkannte sie den neuen Gast, der soeben herein gekommen war, „Mensch, Hermine!", sie sprang erfreut auf und wischte sich fix die Hände an ihrer Schürze ab, „Wie schön Dich zu sehen! Dich schickt der Himmel, ehrlich! Hast Du Zeit? Denn ich brauche augenblicklich eine Pause! Dieser Tag war die Hölle! Nur Ärger und Streit! Komm, lass uns einen Tee zusammen trinken."
„Klasse! Ja, ich habe Zeit und nur wegen Deines guten Tees bin ich hier!", strahlte Hermine Granger und umarmte die Besitzerin des ‚Tropfenden Kessels' herzlich.
„Wirklich?", schaute diese kritisch ihre ehemalige Schulkameradin an, eine Hermine Granger hatte soviel um die Ohren, da gehörten gemütliche Pubbesuche nicht gerade zum Alltäglichen.
„Ja und nein", gab diese auch sogleich zu, „aber davon später, jetzt will ich erst Deinen Spezialtee!"
„Dann komm nach hinten ins Wohnzimmer, da ist es gemütlicher und wir haben mehr Ruhe. Berta? Du hast alles im Griff, nicht wahr?!"
„Ja, ja, geht nur!", kam eine krächzende Stimme aus einer dunklen Ecke ganz hinten in dem weitläufigen Schankraum.
„Berta ist ein Schatz, ich wüsste nicht, was ich ohne sie tun sollte", erzählte Hannah und führte Hermine durch den kleinen Korridor, vorbei an der großen Küche und den diversen Vorratsräumen, „sie stand eines Tages einfach so vor meinem Tresen und hat mich angesehen. Ich konnte sie nicht wegschicken, obwohl sie kein Geld hatte, um die Suppe zu bezahlen, die sie gegessen hat. Seither ist sie da und wir sind Freunde!"
„Ohne Freunde und gute Geister ist man aufgeschmissen", stimmte Hermine zu und trat in die etwas chaotische aber sehr heimelige Wohnstube der Familie Longbottom, „ich wüsste auch nicht, was ich ohne Abby, Ginny, Minerva und meine Eltern machen würde!"
„Zanken Deine Mädchen eigentlich auch so viel?" erkundigte sich Hannah und räumte diverse Spielsachen, Bücher, Pflanzentöpfe und ihr Strickzeug von dem bequemen Ohrensessel, der vor dem prasselnden Kaminfeuer stand.
„Natürlich", lachte Hermine und nahm Platz, „den lieben langen Tag! Allerdings etwas diskreter und mehr über Worte, als über Taten. Aber im Grunde genommen kein bisschen besser!"
„Beruhigend", tröstete sich Hannah während sie mit schnellen Handgriffen einen sehr aromatisch duftenden Tee aufbrühte und immer mal wieder den Kopf prüfend aus dem Fenster steckte, um nach ihren Jungs zu schauen.
„Meine Mum sagt immer wenn ich mich darüber beklage, dass das so sein muss! Alle Kinder zanken sich", erklärte Hermine und übernahm das Einschenken. Dann musste sie grinsen „nur Percy´s Kinder natürlich nicht…"
„Klar, alles andere wäre ja auch ein Skandal, bei diesen perfekten Eltern!", schnaubte Hannah und verdrehte die Augen.
„Sera hat vor einigen Wochen einen Tag mit Molly und Lucy verbracht", erinnerte sich Hermine glucksend, „und sie hat geschworen, nie wieder etwas anzustellen, wenn sie dort nur nie wieder hin müsste!"
„Ha", machte Hannah feixend, „August und Frank ging es ähnlich. Sie sollten letzten Dienstag mit Molly Hausaufgaben machen. Ich habe sie noch nie so einig gesehen, dass dies das schrecklichste gewesen wäre, das sie je tun mussten!"
„Damit ist doch zweifelsfrei bewiesen", fasste Hermine sehr zufrieden zusammen, „dass wir ganz normale Kinder haben, die zwar anstrengend, aber immerhin liebenswert und klar bei Verstand sind!"
„Du hast ja so recht!", stimmte Hannah zu und sackte erschöpft auf das geblümte Sofa, um erfreut ihre Tasse zu erheben, „ein Hoch darauf, dass Du heute hier vorbeigekommen bist, Hermine und mir diesen wichtigen Sachverhalt nochmals vor Augen geführt hast, jetzt dürfen die Kerle heute Nacht doch wieder bei uns schlafen!"
„Siehst Du, Mission erfüllt!", lachte Hermine und nippte an ihrem ausgesprochen leckeren Tee.
„Grundgütiger, dieser Tag war wirklich die Hölle!", klagte Hannah und schlürfte genüsslich ihren Tee.
„Was gab es denn, außer zankenden Kindern?", fragte Hermine interessiert.
„Willst Du das wirklich wissen?", hakte Hannah skeptisch nach.
„Unbedingt!"
„Nun, heute Morgen, gleich gegen zehn, gerieten sich schon zwei Kobolde wegen irgendeiner zwielichtigen Angelegenheit in die Haare und haben mir meine halbe Einrichtung zertrümmert. Dann ist uns das Butterbier ausgegangen und die Brauerei hat Lieferengpässe. Danach ist mir das Essen angebrannt, weil August den Finger nicht mehr aus dem Schlüsselloch des Damenklos bekam und zu allem Überfluss hat sich Nevilles Großmutter mit Onkel Archi für das Wochenende eingeladen."
„Ach, du je!", hatte Hermine sogleich tiefstes Mitleid.
„Genau, die Frau ist ja bestimmt ein guter Mensch, und ich kann sie und auch Onkel Archi im Grunde genommen gut leiden, aber sie bringt mich ständig an den Rand einer Lebenskrise. Ich kann ihr nie was recht machen, ständig vergleicht sie mich mit ihrer Schwiegertochter und mit ihrer Nichte Isolde, beides wahre Heldinnen unseres Geschlechts und ich fühle mich mies und unfähig."
„Das hat Misses Longbottom früher auch mit Neville gemacht", erinnerte sich Hermine bedauernd.
„Ja, aber das hat wenigstens mit dem Orden des Merlin erster Klasse aufgehört", führte Hannah an.
„Dann weißt Du ja, was Du zu tun hast!", grinste Hermine.
„Gut, ich arbeite dran!", antwortete Hannah spöttisch und nahm einen tiefen Schluck Tee.
„Ich denke ja", überlegte Hermine, „dass es Misses Lonbottoms Art der Trauer ist und sie immer noch nicht über den Verlust ihres Sohnes und dessen Frau hinweggekommen ist."
„Ich bemühe mich daran zu denken, wenn ich ihr das nächste Mal den Hals herumdrehen will!", versprach Hannah.
„Sehr schön! Das bringt Dich dem Orden des Merlin unbedingt näher!"
„Ja, wahrscheinlich", lachte Hannah, „Übrigens zeigt die neue Therapie, die das St. Mungos seit einigen Jahren anwendet, gute Erfolge bei Nevilles Eltern. Alice hat immer wieder klare Momente, in denen sie auch ihren Sohn und ihre Schwiegermutter erkennt."
„Ich weiß, nur bei Nevilles Vater spricht sie nicht an", entgegnete Hermine traurig.
„Doch, nur nicht so wie bei Alice. Er ist aber viel ruhiger geworden und sie konnten ihn vor einem Jahr zu seiner Frau verlegen. Das tut beiden gut!"
„Oh, das freut mich", antwortete Hermine ehrlich. Sie hatte während ihrer Meisterzeit die Fragmente eines unglaublich mächtigen, aber auch ungeheuer gefährlichen Trankes gefunden und diesen mühsam rekonstruiert und weiterentwickelt. Er weckte mithilfe von Gefühlen Selbstheilungspotentiale.
„Wenn ich recht informiert bin, warst Du an diesen Erfolgen nicht unbeteiligt, oder?", fragte Hannah.
„Vielleicht konnte ich das ein oder andere tun", lächelte Hermine bedeutungsvoll.
„Ja, ja, ich weiß, alles streng geheim!", winkte Hannah lachend ab und stellte ihre Tasse auf den Unterteller zurück, „So und nun sag schon, was Dich an einem Mittwochnachmittag in den ‚Tropfenden Kessel' führt. Außer meinem Tee natürlich!", verlangte sie und schaute Hermine auffordernd und gespannt an.
„Ach weißt Du", seufzte Hermine lustlos, „nach all dem ganzen Ärger heute, habe ich gar nicht den Mut es zu sagen, außerdem genieße ich einfach zu sehr hier zu sein."
„Du musst mich nicht schonen", widersprach Hannah, „ich bin härter als ich aussehe, also raus mit der Sprache, nach einem solchen Tag kann mich nichts mehr umhauen!"
„Nun gut", begann Hermine und atmete tief durch, „ich bin wegen Deinem Mann gekommen!"
„Wegen Neville?"
„Hast Du noch andere Männer?"
„Nein, dazu fehlt mir leider die Zeit", kicherte Hannah, „aber wenn Du zu Neville willst, warum kommst Du dann jetzt? Du weißt doch, dass er arbeiten ist."
„Ja, richtig", nickte Hermine und ruckte unbehaglich auf ihrem Sessel herum, „ich komme jetzt, weil ich erst mit Dir sprechen möchte!"
„Na dann, ich bin ganz Ohr!", Hannah setzte sich erwartungsvoll auf.
„Also, um es frei heraus zu sagen", wand sich Hermine sichtlich unwohl, „Ich will ihn dazu überreden, seinen spannenden und gut bezahlten Forschungsauftrag in London aufzugeben, um Pomona Sprout zu entlasten und Dich mit all Deinen Sorgen um die Kinder und der Arbeit hier im Pub allein zulassen, damit er gleichzeitig Minervas Aufgabe als Hauslehrer Gryffindors übernehmen kann." So, jetzt war es heraus.
„Oh!", machte Hannah nur.
„Ich weiß", seufzte Hermine erneut und machte ein äußerst schuldbewusstes Gesicht, „ich habe auch ein echt schlechtes Gewissen, Hannah, denn natürlich weiß ich selbst, dass es nicht besonders familientauglich ist, einen Ehemann und Vater als Hauslehrer zu haben. Aber", sie zuckte entschuldigend mit den Schultern, „er ist schlichtweg der ideale Kandidat dafür, ich wüsste keinen besseren. Er ist „der" Gryffindor und ein wirklich guter Kräuterkundler, und bevor ich ihn nicht gefragt habe und seine Antwort weiß, werde ich mich nicht nach weiteren Anwärtern umsehen."
„Nun…", schluckte Hannah und starrte Hermine mit seltsamem Blick an.
„Aber wie gesagt", unterbrach sie Hermine eilig, „wenn Du schon nein sagst, dann frage ich ihn auch erst gar nicht. Ich will wirklich keinen Ärger bringen oder Anlass für Streit sein. Du hast schon genug Arbeit!"
„Wie?", Hannah schien sich irgendwie sammeln zu müssen, „Nein, so ist es nicht!", murmelte sie dann.
„Natürlich", widersprach Hermine energisch und sah sich um, „einen Pub zu führen und zwei Kinder großzuziehen ist etwas, das sollte man nicht alleine machen müssen."
„Ja, das stimmt schon, aber das meine ich nicht!", stellte Hannah klar und bekam rote Flecken im Gesicht, „Es ist nur so, dass Dich wahrscheinlich gerade wirklich der Himmel schickt, Hermine!"
„Wie?", meinte die sich verhört zu haben.
„Der Himmel, ehrlich!", wiederholte Hannah und begann zu lachen.
„Äh…, das verstehe ich jetzt nicht!", schüttelte Hermine verwirrt den Kopf.
„Ganz einfach, Neville hat letzte Woche die Nachricht bekommen, dass das Institut, in dem er arbeitet, die Gelder für den speziellen Forschungsauftrag ab dem Sommer ersatzlos streichen wird. Es wäre nicht wirtschaftlich genug. Tse!" schnaubte Hannah, „Neville ist seither total am Boden zerstört, er hat jetzt fast fünf Jahre in diese Sache gesteckt und konnte gerade die ersten Erfolge erzielen. Aber das hat sie nicht interessiert, sie haben ihm netterweise irgendeinen Bürojob angeboten. Aber Du kennst Ihn, das ist nichts für ihn. Er würde eingehen, wie eine Primel!"
„Ach je!", nickte Hermine begreifend.
„Wäre ja auch nicht so schlimm etwas anderes zu suchen", erklärte Hannah weiter, „wenn wir den Pub schon abbezahlt hätten, aber das dauert noch Jahre und so können wir es uns nicht leisten, dass er seinen Job verliert. Wir mussten schon eine Menge investieren und müssen hier auch in den nächsten Jahren noch einiges reinstecken, immerhin ist er schon alt und es gibt immer was zu reparieren."
„Ja gut, aber was ist mit den Aufsichten am Abend und der Erreichbarkeit am Wochenende?", hakte Hermine zweifelnd nach.
„Ich glaube, das ist kein so großes Problem", schüttelte Hannah den Kopf, „Wenn Du mehr unter die Leute gehen würdest, Hermine, dann wüsstest Du, dass ich hier vor Mitternacht nicht weg komme und am Wochenende ist hier der meiste Betrieb. Meine Eltern wohnen direkt nebenan und achten abends eh auf die Jungs." Sie grinste schelmisch, „Und da Neville ja über Nachtschattengewächse forscht und nie vor zwei, drei Uhr in der Nacht heimkommt, wäre es nicht anders als jetzt auch."
„Unglaublich!", staunte Hermine und raufte sich die Haare, „Da habe ich mir schon tagelang richtige Sorgen gemacht und mein schlechtes Gewissen hat mir meinen Schlaf geraubt und dann ist das so einfach!"
„Manchmal soll es so sein!", antwortete Hannah schulterzuckend.
„Ja, manchmal!", freute sich Hermine erleichtert, „und wenn das so ist, dann würde ich vorschlagen, dass er nur die späten Schulstunden übernimmt und dann für den Nachtdienst da bleibt. Jedes vierte Wochenende Aufsicht mit Stundenausgleich am Montag und Dienstag, einmal im halben Jahr noch das Hogsmeadewochenende und die Gelder für das Forschungsprojekt übernehmen wir. Was sagst Du?"
„Das hört sich doch wunderbar an, Hermine!", jubelte Hannah und schaute auf die Uhr, „Wenn Du nur noch eine kleine Weile hier bleibst und vielleicht so nett wärst in der Zwischenzeit mit mir diesen leckeren Kuchen zu teilen, den mir meine Mutter aufgenötigt hat, dann kannst Du Neville selbst fragen, denn er wollte heute früher heim kommen."
„Ausgezeichnet, denn da mir mein schlechtes Gewissen immer auf den Magen schlägt und ich daher echt Hunger habe, nehme ich die Einladung gerne an!", strahlte Hermine befreit, bevor sie lachend bat, „aber vorher bekomme ich noch einen Tee, der ist nämlich auch himmlisch!"
„Kommt sofort!", rief Hannah.
Es wurde ein sehr schöner Nachmittag im ‚Tropfenden Kessel'. Neville fiel ihr vor lauter Freude und Erleichterung glatt um den Hals und hatte Tränen in den Augen, als sie ihn fragte und sie verbrachten die nächsten Stunden damit Unmengen von Tee, Kuchen und sonstigen Köstlichkeiten zu verdrücken und wunderbare und aufregende Kräuterkundepläne für das nächste Schuljahr zu schmieden.
Auf dem Rückweg nach Hogwarts bog sie natürlich direkt zu den Gewächshäusern ab und berichtete einer schon sehr gespannten Pomona Sprout sofort die gute Nachricht. Sie erzählte ihr auch sogleich von einigen der vielen Projektideen, die Neville vorgeschlagen hatte und wenn ihr Mann nicht mahnend in der Gewächshaustüre gestanden hätte, weil er auch noch das ein oder andere mit seiner Frau an diesem Abend vorhatte, dann wäre die Unterrichtsplanung für die nächsten fünf Jahre schon fix und fertig ausgearbeitet gewesen. Aber das würden Pomona und Neville garantiert bei ihrem Treffen, das für den übernächsten Samstag anberaumt war, nachholen.
Manches ging tatsächlich einfacher als befürchtet.
Himmlisch! Wirklich!
