Kapitel 03 – Widerwillige Aufnahme
Harry war erstarrt vor Schreck. Er stand in der Halle, mit offenem Mund und die grünen Augen vor Schock weit aufgerissen. Er starrte Draco eine volle Minute lang an, ohne wirklich zu begreifen, was er da sah. Zu aller Überraschung langte er nicht nach seinem Zauberstab und machte auch sonst keine Anstalten, zu Gewalt zu greifen. Stattdessen starrte er ihn nur an. Draco fühlte sich unbehaglich unter Harrys stechendem grünen Blick, der nicht wirklich hasserfüllt war, aber auch nicht gerade einladend.
„Glücklich, mich zu sehen, Narbenkopf?", höhnte Draco, sowohl um die verlegene Stille zu durchbrechen als auch um Harry zu provozieren.
Doch Harry tat nichts. Er starrte nur weiter Draco an, scheinbar verloren in Gedanken. Draco hätte es vorgezogen, wenn Harry versuchen würde, sich auf ihn zu stürzen oder ihm einen Fluch auf den Hals zu jagen; irgendetwas als Akt der Rache.
„Merlin weiß, dass ich es verdient habe", dachte Draco, während er Harry ruhig in die Augen sah. Er hatte nicht nur Dumbledores Mord in die Wege geleitet, den Mann fast selbst ermordet, sondern auch ihnen allen dreien das Leben so zur Hölle gemacht, wie nur irgend möglich. Und jetzt stand Harry nur da, während er offensichtlich den Vorteil innehatte… „Es ist nicht richtig", dachte Draco.
Harrys Augen veränderten sich fast zu schnell, als dass Draco es wahrnehmen konnte. Ein strahlendes Funkeln war Zorn, zweifellos eine Reaktion auf Dracos Stichelei. Doch es verblasste rasch zu Kummer. Draco feixte. Er wusste genau, wie Harry sich fühlte und dass es der schrecklichste Schmerz war, den er seinem Feind wünschen konnte. Harry durchbrach den Augenkontakt zu Draco und sah zur Wand, während er versuchte, die Tränen zurückzuhalten.
„Ha, ich habe gewonnen", dachte Draco mit kindischem Triumph und hob unbewusst den Kopf höher in die Luft.
Dann schaute Harry wieder auf. In seinen Augen war nun eine Emotion zu sehen, die Dracos rebellischen Geist brach und seine Haltung erschütterte: Mitleid. Harry schüttelte fast unmerklich den Kopf und kommunizierte dadurch mit Draco, den Mund grimmig zusammengekniffen.
„Ich war dort", sagte das Kopfschütteln. „Ich habe deine Entschlossenheit wanken sehen. Ich sah deine Stärke wanken. Ich sah dich einen Rückzieher machen. Ich kannte dich in einem Augenblick der Schwäche und ich werde es niemals vergessen. Ich hasse dich dafür, aber ich bemitleide dich."
Draco Lippen kräuselten sich zu einem höhnischen Lächeln. „Fahr zur Hölle, Potter", dachte er. Er ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen.
Die Stille, die geherrscht hatte, war so schnell ausgelöscht, wie sie eingetreten war. Die intensive, momentane Verbindung war verschwunden.
„Was zur Hölle treibst du hier, Frettchen?", fragte Ron giftig.
Malfoy funkelte seinen rotschöpfigen Klassenkameraden an. „Das geht dich nichts an, Weasley", blaffte er.
„Da irrst du dich aber gewaltig, du verfluchter Bastard!"
„Wortwahl, Ronald", zischte Hermine.
„Ja, Wortwahl, Ronald", äffte Draco nach. Er lachte höhnisch, als Hermine ihn empört anfunkelte, die Arme vor der Brust verschränkt.
Ron sah wieder so aus, als würde er sich jeden Moment auf ihn stürzen. Er hielt sich zurück, als er das vertraute Pochen von Moodys Bein hörte.
„Oh, also wisst ihr, dass er hier ist?", fragte Moody Harry rhetorisch.
Harry nickte trotzdem. „Was macht er hier, Professor?", fragte er.
„Das tut nichts zur Sache, Potter. Du hast wichtigere Sachen, auf die du dich konzentrieren musst, als dieses Stück Dreck."
Draco verzog das Gesicht bei der Beleidigung. „Obwohl, nach üblichen Standards", dachte er trocken, „ist Dreck noch lächerlich harmlos."
„Kommen Sie mit, Mr. Malfoy", knurrte Malfoy. „Wir haben eine Menge zu bereden."
Draco nickte schweigend und folgte Moody aus der Halle in einen kleinen Raum. Harry, Ron und Hermine waren dicht auf seinen Fersen und wollten nach ihm das Zimmer betreten.
„Nein, nein, nein. Ihr drei nicht", knurrte Moody. Er scheuchte sie brüsk aus dem Raum und legte einen Imperturbatio-Zauber auf die Tür.
„Das wird diese verdammten Langziehohren abhalten", murmelte Moody nach einem zufriedenen Blick auf die Tür vor sich. „Jetzt, Malfoy, solltest du mich besser aufklären, denn ich ringe damit, dich auf der Stelle zu verfluchen."
„Damit ringen ist gut", dachte Draco, während er sich im Zimmer umsah. Er ignorierte Moodys Forderung in dem Versuch, eine Art Kontrolle zu gewinnen. Unglücklicherweise schien Moody zu wissen, was Draco da tat.
„Ich muss dich doch nicht daran erinnern, dass du dich hier nicht gerade unter Freunden befindest, Bürschchen. Deshalb würde ich anfangen, einige Fragen zu beantworten, wenn ich du wäre." Er zog seinen Zauberstab und hielt ihn drohend hoch. „Du hast letztes Mal ein sehr schönes Frettchen abgegeben, wie ich gehört habe."
Draco sah den Zauberstab an, die grauen Augen leicht mit Angst gefüllt, dann wieder Moody. „Was wollen Sie wissen?"
„Warum bist du hier?"
„Weil ich es will", sagte Draco vage. Moody richtete sich auf und trat bedrohlich einen Schritt auf Draco zu.
„Vielleicht hast du mich missverstanden", begann Moody. Er richtete seinen Zauberstab auf Draco, der ihn kühl ansah.
„Nein, ich habe Sie sehr wohl verstanden", sagte er gedehnt. „Nur kann ich keine Fragen beantworten, wenn ich ein Frettchen bin." Er verzog keine Miene, während er Moodys Bluff auffliegen ließ. Er wartete angespannt auf die Reaktion des Ex- Auroren.
„Und ich kann keine ehrliche Antwort von einem Jungen erwarten, der ein so gutes Nagetier abgibt", murmelte er. Er ließ seinen Zauberstab sinken. „Scheinbar werde ich es auf die harte Tour machen müssen."
Moody drehte sich um. Draco rechnete damit, dass er eine Phiole mit Veritaserum aus seinem übergroßen Mantel hervorziehen würde. Er wappnete sich gegen einen schweren Kampf, hätte sich aber keine Sorgen machen müssen. Statt einer Phiole richtete Moody seinen Zauberstab in die Luft. Aus der Spitze schossen Rauchschwaden, die durch die Wände hinausschwebten. Innerhalb weniger Minuten hörte Draco ein Klopfen an der Tür.
„Herein", knurrte Moody. Ein Mann trat in das Zimmer, den Draco noch nie zuvor gesehen hatte. „Das ist Channing Orman, unser neuestes Ordensmitglied. Er ist unser ansässiger Legilimentiker."
Channing Orman wirkte Mitte dreißig. Er war von durchschnittlicher Größe und Körperbau. Er hatte mausgraues Haar, eine hohe Stirn, matte dunkle Augen und eine leicht gewölbte Nase. Er war gekleidet in einfache schwarze Roben und war auch sonst in keiner Weise außergewöhnlich. Insgesamt war Channing Orman ganz und gar durchschnittlich. Und genau aus diesem Grund traute Draco ihm nicht.
„Er ist zu normal… jemand, der leicht durch Ritzen schlüpfen kann", dachte Draco, während er den Mann musterte, dessen braune Augen gleichmütig über alles glitten, das ihnen begegnete. Er schien nichts aufzunehmen, doch Draco kannte diesen Blick. Channing sog jedes kleinste Detail im Raum auf und brannte es sich tief ins Gedächtnis. „Er weiß mehr als er sich anmerken lässt", dachte Draco mit Bestimmtheit.
„Sie haben mich gerufen, Moody?"
Draco lachte spöttisch. „Sogar seine Stimme ist unauffällig. Hat dieser Mann auch nur einen Funken von Originalität?"
„Wir müssen herausfinden, ob wir dem Burschen da drüben trauen können." Moody ruckte mit dem Kopf in Dracos Richtung, worauf sein wirbelndes Auge plötzlich die Richtung änderte.
Channing nickte schweigend und ging zu Draco hinüber.
„Setzen Sie sich bitte", bat Channing und deutete auf einen Stuhl.
Angewidert von seiner Höflichkeit, blieb Draco stehen und sein Gesicht nahm einen hochmütigen Ausdruck an. Channing schien, abgeschreckt von seiner kalten Reaktion, seine Fassung nur ein wenig zu verlieren. Er räusperte sich und murmelte: „Oder bleiben Sie stehen."
Draco hob stolz den Kopf, als Channing sich ihm näherte. Seine Augen hatten die Farbe von kaltem Metall. Er hätte geschworen, dass der braunäugige Mann zusammenzuckte, als ihre Blicke sich trafen. Channing versuchte, beruhigend zu lächeln, doch es erschien lediglich nervös, während er schweigend den Zauber ausführte.
Eine Welle des Ekels durchströmte Draco, als er gezwungen war, einige seiner schmerzvollsten Erinnerungen vor Channing durchzuleben. Da war Draco als weinender Junge, der seinen Eltern bei einem furchtbaren Streit zusah. Jetzt in Hogwarts, wo er seine erste wirkliche Begegnung mit dem berühmten Harry Potter auf Besen hatte. Dritte Klasse, wo er von Granger geschlagen wurde. Channing durchstöberte diese Erinnerungen rasch, obwohl der Grund, weshalb er sie überhaupt betrachtete, über Dracos Verstand ging.
Channing kam schnell zu den bedeutenderen Erinnerungen und erkundete sie gründlich. Er sah Voldemorts Grausamkeit durch Dracos Augen, den Grauen, ungeschmälert von Zeit und Entfernung. Er sah, wie Voldemort Draco befahl, Dumbledore zu töten, wie Draco in dieser Mission versagte, und die Strafe für seine Schwäche. Der Schmerz war immer noch frisch in Dracos Geist, ebenso wie an seinem Körper. Er verzog das Gesicht, als er sah, wie ihn der Cruciatus- Fluch ergriff. Sein Brustkorb schmerzte, während er zuschaute, wie sein Körper von seinem Vater verprügelt wurde. Er fühlte sich schwach bei dem Anblick von seinem Blut auf dem kalten Marmorboden.
Dann erschien ein schwarzes Feld in Dracos Geist, was bedeutete, dass Channing es ebenfalls sah. Draco konnte spüren, wie er sich weiter in diese Gedächtnislücke vortastete, doch Draco wusste, dass er nichts finden würde. Nachgebend wandte sich Channing der Erinnerung von Dracos Flucht zu und zwang ihn, nochmals seine gebrochene Mutter zum wahrscheinlich letzten Mal zu sehen.
Der Zauber brach auf der Stelle und Draco fühlte seinen Körper entspannen. Er hatte nicht realisiert, wie verkrampft er während Channings Überprüfung gewesen war. Seine Muskeln schmerzten leicht und er schnaufte etwas.
„Nichts, Moody. Er ist sauber."
Draco versuchte, sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen. Channing hatte den schwarzen Brocken mit keinem Wort erwähnt. „Jeder andere Legilimentiker hätte das sofort gemeldet", dachte Draco. Er fing Channings Blick auf und hob verstohlen eine Augenbraue. Als er jedoch Channings Augen begegnete, sah er etwas anderes als passive Betrachtung. Seine Augen waren hart, berechnend und wirkten irgendwie, so fand Draco, eingeweiht in eine Information, die niemand anderes kannte. Sie waren verschlossen und heimlichtuerisch und machten Draco noch nervöser.
Der Blick dauerte nur einen kurzen Augenblick, da Moody sich räusperte und Channings Aufmerksamkeit auf sich zog. Er musterte Channing skeptisch. Draco könnte schwören, dass er kurz davor war, nach seinen Zeugnissen zu fragen. Doch stattdessen entließ Moody ihn mit einem Knurren. Nun wandte er sich Draco zu. Beide Augen funkelten ihn an.
„Wenn ich herausfinde, dass du etwas verborgen hast, Junge…"
„Sie haben ihn doch gehört. Ich verberge nichts", sagte Draco kühl.
„Was ist dann deine Absicht hier?", fragte Moody.
Draco sah nach unten und zögerte einen Moment, unsicher, wie er sein Anliegen formulieren sollte. „Ich nehme Dumbledores Angebot an", sagte Draco zum Boden gerichtet. Er hob erwartungsvoll den Blick. „Ich will Schutz."
Moodys Gesicht verzog sich zu etwas, das einem gemeinen Lächeln ähnelte. „Und was ist, wenn ich dir sagen würde, dass Dumbledores Angebot nur stand, als er noch am Leben war?"
„Dann werde ich gehen", erwiderte Draco. „Aber jetzt wo er fort ist, ist der Orden in Chaos."
„Da irrst du dich!", unterbrach Moody abwehrend.
Draco ignorierte ihn. „Ich habe nur gedacht, dass Sie alle etwas Hilfe bei den Nachforschungen gebrauchen könnten. Sicherlich gibt es etwas, wobei ich helfen kann."
„Helfen? Du?", bellte Moody. „Ha! Du musst mich für bekloppt halten, wenn du ernsthaft denkst, ich würde das in Betracht ziehen. Einer von Voldemorts Jungen, der um Schutz bittet, im Orden." Moody lachte wieder.
„Na schön", sagte Draco. Seine Wangen waren leicht gerötet vor Verlegenheit. „Ich werde gehen." Als Draco sich zur Tür wandte, ertönte ein bellendes Lachen von Moody hinter ihm.
„Nicht so schnell", sagte er. „Der Orden braucht tatsächlich Hilfe." Sein Gesicht verzog sich zu einem höhnischen Grinsen und er hielt theatralisch inne, bevor er sagte: „Unser ansässiger Hauself hat sich aus dem Staub gemacht."
