Kapitel 1: Lily
In einem völlig anderen Teil des Landes und sechs Tage nach dem Gespräch zwischen James und Remus ging ein siebzehnjähriges Mädchen in ihr Zimmer, um sich schlafen zu legen. Es war Lily Evans, und sie war schrecklich aufgeregt, weil sie morgen wieder nach Hogwarts fahren und all ihre Freunde wiedersehen würde.
Sie würde endlich wieder mit Lea und Kitty in einem Schlafsaal zusammen sein können - doch das hatte sie fast vergessen: sie war ja jetzt Schulsprecherin, was bedeutete, dass sie sich mit ihrem männlichen Kollegen eine Wohnung teilen würde! Hoffentlich war es jemand Nettes, vielleicht Remus? Aber am meisten freute sie sich darauf, wieder in Hogwarts leben zu können. Die vertrauten Säle und Kammern, die Geheimgänge und die Ländereien, alle diese Örtlichkeiten waren ihr so vertraut geworden in den letzten Jahren, dass sie sich ein Leben ohne sie kaum vorstellen konnte.
Sie zog sich um, legte sich in Bett und wollte gerade die Augen schließen, als ihr etwas ins Gesicht fiel, was offensichtlich auf dem Regalbrett über ihrem Bett gelegen hatte. Es war ein zusammengerolltes Stück Pergament, welches die in schöner Schrift geschriebenen Worte „Lily Evans" trug. Jeder Buchstabe war mit winzigen Details verziert. Sie konnte sich nicht erinnern, es schon einmal gesehen zu haben. Langsam entrollte sie das Pergament, doch merkte sie, dass sie viel zu müde war, um es noch zu lesen, weshalb sie es in den großen Koffer legte – an den Rand, um es nicht zu zerknicken - und sich wieder ins Bett fallen ließ, sich die Decke übers Kinn zog und langsam die Augen schloss.
Lilys Traum
Sie träumte davon, dass sie in der Eingangshalle wartete. Worauf, wusste sie nicht, aber es war etwas Schönes und etwas Spannendes; zugleich war es etwas, was sie noch nie zuvor gefühlt hatte: Sie war ängstlich, dass das, was auch immer es war, worauf sie wartete, nicht kommen würde. Sie hatte Angst, etwas zu verlieren, was sie auf keinen Fall verlieren durfte. Langsam wurde sie unruhig - warum kam er nicht? Nun wusste sie, dass es ein Junge sein musste, auf den sie wartete; aber sie hatte keinen Freund, wer konnte das sein? Vielleicht war es ein Traum, der ihr die Zukunft zeigte? Sie hatte von so etwas gehört, doch fürchtete sie sich zu sehen, wer ihr Herz gewinnen würde - vielleicht hasste sie ihn jetzt? Doch wenn dem so war, wollte sie bestimmt nicht wissen, wer es war, weil sie so ihre eigene Zukunft zerstören konnte. Sie versuchte aufzuwachen, doch nun kam eine schemenhafte Gestalt die Marmortreppe herunter. Sie wollte aufwachen, doch das konnte sie nicht. Die Szene verschwand, und sie war in den Drei Besen. Vor ihr saß – nein sie wollte aufwachen! – eine nicht klar erkennbare Gestalt, die, soweit sie es erkennen konnte, einen schmalen Körperbau hatte, aber nicht klar erkennbar war. Sie hatte zwar nicht gelogen, als sie gedacht hatte, dass sie ihn eigentlich nicht sehen wollte; aber sie hätte gerne wenigstens soviel erkannt, dass sie einen bestimmten Jungen ausschließen konnte, für den sie ganz sicher nicht solche Gefühle hegen wollte, wie sie ganz offensichtlich für ihr Gegenüber empfand. Sie hätte gerne einen ganz bestimmten Jungen mit zerzaustem schwarzem Haar ausgeschlossen, aber soweit sie es erkennen konnte, könnte er es sein. Er, der alle anderen verhexte; er, der zusammen mit Sirius zu den Arrogantesten der Schule gehört; er, der genauso gut war wie sie, obwohl er fast nie lernte. Er, der sich ständig durchs Haar fuhr, weil er dachte, das sei cool. Er, der sie ständig nach einer Verabredung fragte und der kein Nein akzeptierte.
Er, der sie angeblich liebte. Ihn hätte sie gerne ausgeschlossen. Sie wollte nicht, dass die Zukunft sie näher zusammen brachte. Doch sie nahm sich unbewusst vor, ihn genauer zu beobachten. Nun beugte sie sich vor, und auch die schemenhafte Gestalt neigte sich nach vorn, und Lily hörte unverständliches Gemurmel von ihrem Traumbild und eine feste, flüsternde Stimme von dem Fremden. Nun begann ihr Gesicht zu strahlen, und eine Träne rollte ihre Wange herunter. Der Fremde wischte sie mit zarter Hand weg, und ihr wurde ganz warm ums Herz. Nun löste sich die Szene wieder auf, und in der neuen standen sie zusammen, auf dem Hügel, auf dem die Heulende Hütte stand und küssten sich leidenschaftlich und lang, und je länger Lily träumte, desto wärmer wurde ihr in Wirklichkeit. Wer auch immer dieser Junge war, sie würde ihn lieben, und er liebte sie vielleicht jetzt schon so leidenschaftlich, wie sie sich gerade geküsst hatten. Vielleicht war es ja genau derjenige der es nicht sein sollte – was, wenn sie sich in James Potter verlieben sollte? Nein, nein - aber die Gestalt passte, wenigstens könnte sie passen – nun, sie würde ja sehen, was sie zu verhindern in der Lage sein würde.
Der nächste Tag
Als sie am nächsten Morgen erwachte, hatte sie keinerlei Erinnerungen an den Traum. Das Einzige was sie im Gedächnis behalten hatte, war ein unbeschreibliches Glücksgefühl, das sie empfunden hatte. Sie stand auf, zog sich an, und ging mit dem gepackten Koffer nach unten. Sie stellte ihr Gepäck an der Tür ab und frühstückte mit ihren Eltern. Ihr Vater erzählte von seiner Arbeit, und erst kurz vor Lilys Abreise wandten sich die Eltern an sie, und ihre Mutter sagte „Ich wünsche dir viel Spaß und Erfolg! Ich denke, dass Lea bald da sein und dich mit nach King's Cross nehmen wird." Stimmt, sie würde ja von ihrer besten Freundin abgeholt werden! Ihr Vater sagte noch „Hier ist noch was für dich, ist heute morgen mit einer Eule gekommen." Er gab ihr einen Brief. „Er ist von James", fügte ihr Vater hinzu. „Von welchem James ..." redest du, wollte sie fragen, hielt jedoch inne. Dumme Frage, welchen James konnte ihr Vater wohl meinen? Den einzigen James, den sie seit der ersten Klasse kannte: James Potter.„Du willst wissen, von welchem James ich spreche? Das will ich dir sagen: Ich spreche von James Potter, der dir schon seit der dritten Klasse hinterher läuft, und dich anfleht, mit ihm auszugehen." Seine Stimme klang belustigt - als ob es irgendetwas Lustiges geben könnte, was auch nur im entferntesten mit James Potter zu tun hatte! Sie nahm den Brief gelangweilt entgegen und steckte ihn in ihre Jackentasche. Ihr Vater sprach weiter „Ich finde, du könntest ihn in diesem Jahr eine Chance geben ..." - er stoppte, als er ihren Gesichtsausdruck sah.
Wollte jetzt etwa ihr eigener Vater sie auch noch mit solchem Schwachsinn bequatschen? Reichte es denn nicht, dass ihre Freundinnen sie immer wieder dazu überreden wollten, mit James auszugehen? Sie wollte ihm nicht schon wieder eine Chance geben! Hatte sie nicht bereits im vierten Schuljahr versucht, ihn unvoreingenommen zu sehen, weil sie von ihren besten Freundinnen dazu überredet worden war? Und nun sollte sie das gleiche nochmal versuchen? Sollte vergessen, wie er sich in den letzten sechs Jahren benommen hatte? Doch warum kümmerte es sie überhaupt, was die anderen sagten! Ihr lag nichts an ihm.
Mit festem Gesichtsausdruck sah sie ihren Vater an und antwortete: „Ich sehe gar nicht ein, warum er eine zweite Chance bekommen sollte." Ihr Vater sah immer noch belustigt aus und sagte: „Du hast recht, er hatte seine Chance. Vielleicht verdient er trotzdem eine weitere? Und da er dich wahrscheinlich nach diesem Jahr nie mehr sehen wird, gibt er sich vielleicht besonders viel Mühe, dich von seinem guten Charakter zu überzeugen? Möglicherweise wird er niemanden mehr verhexen, seine Hausaufgaben machen und aufhören, anderen Streiche zu spielen. Außerdem kann es sein, dass er weniger angeben wird. Lass es darauf ankommen!"
Sie zweifelte an den Worten ihres Vaters. Aber ihr Vater hatte sie daran erinnert, dass sie James nach dem Ende dieses Schuljahr nie wieder sehen musste. Sie konnte ihn also in Ruhe beobachten. Also sagte sie zu ihren Eltern: „Ich denke, ich werde ihm dieses Jahr unvoreingenommen begegnen." Sie hatte keine große Hoffnung, dass sie sich letztendlich über diese Entscheidung freuen würde. Doch sie würde es durchziehen, und ihn besser kennenlernen. Sie zog den Brief heraus, öffnete ihn mit einen Ruck und begann, den mit einer feinen, ordentlichen Handschrift geschriebenen Text zu lesen.
Lily Evans!
01.09.1977
Ich weiss, Du wirst dich nicht über die Nachricht freuen, aber ich wurde zum Schulsprecher ernannt. Ich denke, dass Du mein weiblicher Gegenpart sein wirst, denn du bist ja auch Vertrauensschülerin gewesen. Ich schreibe dir diese Nachricht, damit du vorbereitet bist. Solltest Du nicht mit mir arbeiten wollen, bin ich bereit zurückzutreten. Du musst nur ein Wort sagen, dann verzichte ich auf das Schulsprecheramt.
Außerdem möchte ich Dir sagen, dass ich mich sehr auf unsere eventuelle Zusammenarbeit freue.
Mit freundlichen Grüßen
James Potter
Lily las den Brief mehrmals durch, ehe sie begriff, dass in ihm nicht die leiseste arrogante Bemerkung steckte. Sie hatte keinen Anmachspruch gefunden; und das war etwas, was sie nicht erwartet hatte. Sie sah auf, und ihr Blick begegnete dem ihrer Mutter. Die sah sie mit einem Lächeln an, gerade so, als wüsste sie, was er geschrieben hatte. - Nun, das hatte ihn zumindest in kein schlechteres Licht rücken, mehr aber auch nicht.
Sie faltete den Brief zusammen und steckte ihn in ihre Tasche, um ihn nicht zu verlieren. Sie würde alle Sachen die sie in diesem Jahr von ihm bekommen würde, aufheben, um Material zu haben, auf dem sie ihre Meinung von ihm begründen könnte. Sie würde dabei vorerst nicht auf gut oder schlecht achten.
Dieser Brief von James würde wohl nicht das ausschlaggebende Argument gegen ihn sein, aber auch nicht das ausschlaggebende Argument für ihn. Die Tatsache, dass er mit ihr zusammen die Schulsprecherwohnung bewohnen würde, stellte sicher, dass sie viel Zeit mit ihm verbringen würde. So konnte sie sehen, ob ihr Vatter ihn richtig oder falsch einschätzte. Sie war fest entschlossen, mit ihm zusammen zu arbeiten, weil sie nicht an Dumbledores Entscheidung zweifelte, was seine Wahl des Schulsprecherers anbelangte. Sie war sich sicher, dass er seine Gründe hatte.
Sie stand auf, als sie die Türglocke läuten hörte und ging öffnen. Als sie dann vor ihrer Freundin stand, musste sie sich beherschen, ihr nicht gleich um den Hals zu fallen „Lea, ich habe mich schon so gefreut, willst du reinkommen, oder wollen wir gleich losgehen?". Lea war eine schöne Hexe mit glänzendem, gewelltem Haar. Sie trug es schulterlang, und es war rabenschwarz. Sie war außerdem von zierlicher Gestalt und schüchtern, hatte aber viel Humor. Man konnte fast meinen, etwas zu viel, weil sie auch über Dinge lachen musste, die eigentlich überhaupt nicht witzig waren. Aber sie war nett und meinte es nie böse. Nun umarmte Lily ihre Freundin und wartete dann auf eine Antwort. „Ja ,,ich denke wir sollten gleich losfahren, dann können wir noch kurz in der Winkelgasse vorbeigehen und ein Eis essen." Lily nickte und sagte dann „Ich verabschiede mich nur kurz von meinen Eltern".
Sie gingen ins Wohnzimmer, und Lily räusperte sich, „Mum, Dad, wir wollen gleich losgehen und noch ein Eis essen. Von dort machen wir uns direkt auf den Weg zum Bahnhof King's Cross." Ihre Eltern standen auf und begleiteten sie zur Tür. Ihre Mutter umarmte sie, während ihr Vater Lea die Hand gab und zu ihr sagte: „Passt gut auf einander auf, ihr beiden. Und ...", Lily unterbrach ihren Vater, indem sie ihn umarmte, und flüsterte ihm zu: „Wage es nicht, James zu erwähnen!" Dann sagte sie laut: „Auf Wiedersehen, und denkt dran, mir zu schreiben, falls es irgendwas Neues geben sollte. Ich habe euch nicht umsonst eine Eule geschenkt!" Ihre Mutter rief noch „Viel Glück in der Schule und mit James!" und Lily stöhnte auf. Nun musste meine Freundin ja denken, dass sie was mit ihm hätte! Lea schaute Lily verwundert an, und als Lily nun auch noch rot wurde, blickte die Freundin noch überraschter und fragte Lily warum sie so verlegen sei. Lily überlegte kurz - warum wurde sie rot? Es hatte an der Bemerkung ihrer Mutter gelegen; natürlich hätte sie ohnehin von James Brief erzählen wollen, aber es hätte ruhig später sein können. -
Sie gingen gerade zum Bahnhof, um den Zug nach London zu nehmen und waren schon fast da, als Lea sie fragte, was ihr Mutter gemeint hatte. Lily wusste, das Lea möglichst uninteressiert klingen wollte, aber dafür kannte sie ihre Freundin zu gut: Noch eine Eigenschaft von Lea - sie konnte sich nicht gut verstellen – weshalb Lily ihr gleich zu erzählen begann: „Lea du wirst es nicht glauben: James Potter ist Schulsprecher!" Sie fuhr fort: „Außerdem habe ich mich überreden lassen, James in diesem Jahr noch mal unvoreingenommen zu beobachten.". Als Lily geendet hatte, strahlte das Gesicht der Freundin auf, und Lily musste leise lächeln, denn sie hatte lediglich gesagt, dass sie von ihren Eltern überredet worden war, nicht jedoch, das sie selbst sich etwas davon versprach.
Lily musste lachen, als sie sich vorstellte, wie Kitty auf diese Nachricht reagieren würde, und als sie Lea erzählte, was sie sich gerade vorgestellt hatte, musste auch die lachen. Einen Moment später fragte Lea sicherheitshalber nochmal nach: „Lily, habe ich das richtig verstanden, dass du ihm eine zweite Chance geben willst, obwohl du am Ende des vierten Schuljahrs nur enttäuscht warst?". Lily schwieg und ihr Lächeln verschwand langsam. Sie musste sich wieder einmal daran erinnern, wie sie gehofft hatte, er könnte sich ändern. Sie hasste es, wenn Menschen andere ärgerten, einfach nur, weil sie es konnten. Sie hasste es eigentlich auch, Leute zu enttäuschen; aber warum musste James so ein überheblicher arroganter Fiesling sein, und warum musste er unbedingt sie immer und immer wieder nach einen Date fragen, wenn er doch wusste, dass sie es nicht wollte. Es war schon kompliziert, wenn man in einer solchen Situation war!
Sie wünschte ihm durchaus Glück, denn er würde es dringender brauchen als sie. Immerhin musste er ziemlich viel an sich ändern, wenn er beabsichtigte, ihre Gunst zu gewinnen. Sie würde sein Handeln genau beobachten, um dann ihr Herz sprechen zu lassen.
Lea musterte ihre Freundin lächelnd und sagte: „Ich bin gespannt, ob er sich ändern kann!" Dann fügte sie kritisch hinzu: „Weiß er von seiner Chance?". Auch Lily musste lächeln, antwortete aber ernst und ruhig: „Nein, und ich verbiete dir, ihm davon zu erzählen, wenn du nicht willst, dass ich es sein lasse." Lily seufzte auf und fügte nach einigen Momenten hinzu „Ich meine, wenn er es wüsste, würde er sich vielleicht mir zuliebe ändern. Aber ich will nicht, dass er nur mir gegenüber ein völlig anderer James ist; ich möchte, dass er sich allgemein verändert und zu allen freundlich und höflich ist, egal aus welchem Haus sie kommen. Er soll sich insofern ändern, als dass man sich auf ihn verlassen kann, und dass man ihn ...", sie wurde immer leiser, so dass sie am Ende nur noch von sich selbst verstanden wurde. Ihre Freundin beobachtete sie aufmerksam und fragte schließlich „Dass man ihn was kann?" Lily überlegte rasch. Was sollte sie sagen? Sie fuhr sich durchs Haar und konnte ihre Nervösität schlecht verstecken. Schließlich sagte sie: „Ich wollte eben nur sagen: Er soll sich insofern ändern, als dass er keine Albernheiten mehr macht". Lily war selbst am meisten überrascht, dass ihr nichts Besseres eingefallen war.
Beide gingen stumm weiter, und jede hing ihren Gedanken nach.
Lily musste an das kommende Jahr denken, und was sie wohl alles lernen würde. Sie wusste schon jetzt: Sie würde es vermissen, nach Hogwarts zu gehen; sie würde die Ländereien und die Spaziergänge vermissen; sie würde es vermissen, mit all ihren Freunden zusammen zu leben; sie würde es vermissen, in die Bibliothek gehen zu können; sie würde den Zaubertrankuntericht vermissen - eigentlich würde sie den meisten Untericht vermissen, mit Ausnahme von Geschichte der Zauberei vielleicht – doch am meisten würde sie das Gefühl vermissen, dorthin zu gehören. Nach der Schule würde sie fürs erste wieder zu Hause wohnen - wobei ihre Eltern eigentlich überhaupt kein Problem waren – das wirkliche Problem stellte ihre Schwester Petunia dar, die Lily für eine Missgeburt hielt und sie hasste, weil sie anders war. Sie war zu dem Grund geworden, weshalb Lily die Sommerferien mit den Jahren zu fürchten gelernt hatte. Doch nun würde sie am Ende des Schuljahres irgendwie zurechtkommen müssen. Vielleicht könnte sie zu einer ihrer Freundinnen ziehen; sie würden sie bestimmt aufnehmen.
Lea ging ruhig neben Lily her und dachte über das nach, was sie gerade gehört hatte. Sie beobachtete Lily und stellte fest, dass ihre Freundin ziemlich abwesend schien; sie ging gedankenverloren neben ihr her und hatte die Stirn angestrengt gerunzelt.
Lily dachte darüber nach, warum sie im vierten Jahr einen Versuch mit James Potter gewagt hatte, und kam zu der Überzeugung, sie habe es nur deshalb getan, weil Lea und Kitty sie so lange gedrängt hatten. Damals hatte James endgültig bewiesen, dass es sich bei ihm um einen arroganten, selbstverliebten Trottel handelte, und daran hatte sich bis jetzt nichts geändert. Wahrscheinlich hatte er sich sogar noch schlimmer benommen als früher. Und nun würde sie mit ihm zusammen leben und arbeiten müssen.
Lily und Lea saßen schon seit fünf Minuten im Zug, der sie nach London bringen sollte. Das Gepäck hatten sie auf den Boden ihres Abteils gestellt und erregten so einiges an Aufmerksamkeit, weil Lea eine Eule hatte, die ständig schrie, worauf Lilys Katze jedes Mal mit einem Maunzen antwortete. Sie versuchte, die Eule zu erreichen, wobei sie mit ihren Pfoten durch die Gitterstäbe ihres Reisekäfigs schlug. Lily trommelte unablässig mit ihren Fingern ans Fenster, und klagte: „Wenn der Zug noch länger stehen bleibt, können wir kein Eis mehr essen, es ist schon spät." Lea sah auf die große Uhr am Bahnsteig und antwortete Lily dann ruhig: „Wir haben erst vier Minuten Verspätung, er fährt sicher bald ab."
Doch sie hatten kein Glück. Nach wenigen Minuten sagte eine Lautsprecherstimme „Sehr verehrte Fahrgäste, es tut uns sehr leid, aber dieser Zug kann erst in einer Stunde abfahren, weil ein Güterzug zunächst umgeleitet werden muss. Sie müssen leider warten, oder sie verzichten auf die Fahrt nach London. Wir bitten um Verständnis und verabschieden uns von allen Fahrgästen, die jetzt aussteigen." Die Stimme wiederholte diese Ansage noch einmal, bevor es piepte und alles wieder ruhig war. Es blieb zumindest für eine Weile ruhig, weil nach einigen Sekunden die ersten Beschwerden zu hören waren. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Leute wütend schaufend den Zug verließen. Lily drehte sich mit einen spöttischen Lächeln zu Lea um und sagte bedauernd: „Er wird ja jetzt wahrscheinlich nicht so bald abfahren, oder?" Lea blickte betrübt und erwiderte: „Nein, wahrscheinlich können wir kein Eis mehr essen, wir werden, sollte es keine zusätzlichen Verspätungen geben, nur noch knapp zehn Minuten Zeit haben, bis der Hogwartsexpress abfährt."
Lily und Lea machten es sich gemütlich und verbrachten die Wartezeit mit Planungen für ihr letztes Jahr in Hogwarts.
