Akt III, 1. Szene
Das Kaufhaus, in dem Rokko Lisa zum Stehlen animiert hat. Lisa ist in der Unterwäsche-Abteilung. Sie steuert auf einen Ständer mit Wäsche zu.
LISA zu sich selbst: „Nein. Das würdest du kaufen, wenn niemand unter deine Klamotten guckt. Aber hautfarben mit Bauch-platt-drück-Effekt ist nichts, was man seinem Ehemann anbieten kann."
DURCHSAGE gelangweilte, blecherne Stimme: „Sehr geehrte Kunden! Wir schließen in wenigen Minuten. Wir danken für Ihren Einkauf und hoffen, Sie bald wieder bei uns begrüßen zu dürfen."
Lisa sieht verwirrt auf ihre Uhr. Es ist noch früh. Sie kann sich nicht erklären, warum das Kaufhaus schon schließen soll.
VERKÄUFERIN freundlich: „Das war kein Versehen. Wir schließen tatsächlich bald. Die Inventur ist für heute Nachmittag angesetzt. Das ist für Kunden sicherlich hinderlich, aber… naja…"
LISA verständnisvoll: „Es geht eben nicht ohne. Verstehe. Dann gehe ich mal."
VERKÄUFERIN: „Ein paar Minuten sind schon noch. Vielleicht kann ich ja helfen. Suchen Sie etwas Bestimmtes?"
LISA: „Ja… naja… ich suche Unterwäsche."
VERKÄUFERIN streckt die Arme aus und dreht sich: „Das ist die Unterwäsche-Abteilung. Hier gibt es sicher etwas Schönes für Sie."
LISA lächelnd: „Ja, soweit habe ich es alleine geschafft." Stockt kurz. Auf die Hand der Verkäuferin deutend. „Sie sind verheiratet?"
VERKÄUFERIN: „Ja. Im Mai sind es 25 Jahre."
LISA bewundernd: „25 Jahre? Wow, das ist lange."
VERKÄUFERIN: „Ja, das stimmt. Sind Sie auch verheiratet?"
LISA: „Ja." Strahlt. „Seit 8 Wochen."
VERKÄUFERIN: „Das ist eine schöne Zeit. Da ist alles noch so frisch. Wobei… heute ist es ja üblich, dass man vor der Hochzeit schon zusammenwohnt… Dann suchen Sie sicher etwas, dass Ihrem Mann auch gefällt, oder?" Steuert auf einen Ständer mit dunkler Unterwäsche zu.
LISA: „Ja. Und was das Zusammenwohnen betrifft: Mein Mann und ich waren da eher traditionell. Wir teilen uns erst seit der Hochzeit eine Wohnung."
VERKÄUFERIN: „Hach schön. So was gibt's ja heute kaum noch." Hält eine Kombination aus schwarzen, mit Spitzen verzierten BH und Höschen hoch. „Was halten Sie davon?"
LISA das Kleidungsstück inspizierend: „Sehr schön. Das gefällt Rokko bestimmt auch. Ich glaube, das nehme ich."
VERKÄUFERIN grinsend: „Dann müssen wir ja nur noch die richtige Größe raussuchen. Unkomplizierte Kundinnen sind mir die liebsten."
Akt III, 2. Szene
Berlin-Mitte, später Nachmittag. Lisa steht vor einen Laden, der sich etwas abseits von den großen Kundenmagneten befindet. Schwer bepackt mit einigen Tüten betritt Lisa das Geschäft.
VERKÄUFER: „Willkommen in der Kondomerie. Wie kann ich Ihnen helfen?"
LISA verschämt: „Ich… ich wollte Kondome kaufen." Verflucht sich innerlich, dass sie nicht einfach in eine Drogerie gegangen ist.
VERKÄUFER sichtlich amüsiert: „Da sind Sie bei mir in den richtigen Händen! Was suchen Sie denn? Klassisch oder ausgefallen? Haben Sie Vorlieben, was die Farbe betrifft? Irgendwelche Spezialfunktionen?"
LISA überfordert: „Spezialfunktionen?"
VERKÄUFER: „Mit Orgasmus herauszögernder Lotion zum Beispiel oder mit Geschmack. Hier in der Kondomerie führen wir alles, was das Herz begehrt." Mustert Lisa. „Sonst kauft die Dinger immer Ihr Partner, oder?" Lisa zögert, entschließt sich aber zu einem beherzten Nicken. „Okay, gut. Also… ich kann Sie ja mal durch die Kondomerie führen. Vielleicht entdecken Sie ja dabei schon etwas für sich. Und wenn nicht, dann gibt es hinterher die ausführliche Beratung."
An der Kasse. Lisa bezahlt erleichtert ihren Einkauf.
VERKÄUFER: „Das ist ein echter Klassiker. Verkauft sich wie geschnitten Brot, damit können Sie nichts falsch machen."
LISA besorgt: „Und die haben auch wirklich die richtige Größe?"
VERKÄUFER schmunzelnd: „Wieso fragen Sie mich das? Sie müssten das doch wissen."
LISA errötet: „Ähm, ja… vermutlich… sollte ich das wissen."
VERKÄUFER amüsiert: „Wissen Sie, wie oft Kerle hierher kommen und meinen, sie hätten den Allerallergrößten? Denen verkaufe ich dann immer die Packung, auf der XXL steht, dabei sind die nur unwesentlich größer als die normalgroßen." Macht eine kurze Pause. „Wenn die da wirklich nicht passen sollten, dann kommen Sie einfach wieder. Dann kriegen Sie andere von mir, okay? So einer charmanten jungen Frau und dem Glückpilz, den sie mit all dem Kram da überraschen will, werde ich doch nicht im Weg stehen." Lisa lächelt scheu. „Ähm, und noch eins – Beeren aller Art sind was ganz Feines. Brombeeren und Himbeeren ist auch nicht so klischeehaft wie Erdbeeren, aber Sahne aus der Sprühdose? Nee, das ist irgendwie stillos. Allein schon das Geräusch, wenn das Zeugs da rauskommt… Das klingt wie Cocker Spaniel mit Durchfall…"
LISA betrachtet die Supermarkttüte, die besagtes Obst beinhaltet: „Ähm, okay. Dann besorge ich noch welche zum selbst Aufschlagen."
VERKÄUFER: „Dann bleibt mir ja nur, Ihnen einen schönen Abend zu wünschen."
Akt III, 3. Szene
Rokko schließt die Tür zu seiner Wohnung auf. Er sieht sich kurz um – auf den ersten Blick ist alles wie immer, bis auf den Geruch eines offenbar leckeren Essens.
LISA kommt gerade aus dem Bad, erstaunt: „Du bist ja schon da."
ROKKO distanziert: „Ich wohne hier. Offenbar komme ich ungelegen." Deutet auf Lisa, die seinen Morgenmantel trägt. Verbittert. „Soll ich später noch mal wiederkommen?"
LISA: „Ehrlich gesagt… ein paar Minuten bräuchte ich noch."
ROKKO sichtlich verärgert: „Na ganz toll. Wie war der Nachmittag mit David?"
LISA verwirrt: „Welcher Nachmittag mit David?"
ROKKO: „Na deiner. Der muss ja so anstrengend gewesen sein, dass du offenbar duschen musstest. Ich würde es aber vorziehen, dass du deinen eigenen Morgenmantel anziehen würdest, wenn du mich schon so offensichtlich hintergehst."
LISA: „Ich verstehe nicht. Ich war… ich wollte… Überraschung… David war… keine Ahnung, wo der war. Ich habe ihm nicht so richtig zugehört."
ROKKO: „Lass gut sein. Ich war heute Nachmittag auch unterwegs. Irgendeiner von uns beiden muss es endlich aussprechen und da du augenscheinlich nicht den Mut dazu hast." Drückt Lisa einige Blätter Papier in die Hand.
LISA schockiert: „Scheidungspapiere?" Tränen schießen in ihre Augen.
ROKKO resigniert: „Es ist das Beste so, glaube mir. Gerade jetzt, wo David wieder da ist…"
LISA schluchzend: „Und das entscheidest du einfach so, ja? So über meinen Kopf hinweg? Ich… ich will keine Scheidung."
ROKKO: „Mach dir doch nichts vor. Das mit uns funktioniert einfach nicht. Ich kann so nicht weitermachen."
LISA die Formulare zusammenrollend, sich zu einer Antwort zwingend: „Wenn du meinst." Dreht sich um und rennt weinend die Treppe hinauf ins Gästezimmer.
ROKKO sich seufzend auf das Sofa fallend, bei sich denkend: „Du tust das richtige. So geht das nicht weiter. Sie liebt dich nun einmal nicht. Sie liebt David und das hat sie immer getan." Lehnt sich zurück und bemerkt erst jetzt die neue Dekoration.
Akt III, 4. Szene
Vor der Tür zum Gästezimmer. Es ist bereits dunkel draußen. Rokko klopft.
ROKKO sanft: „Lisa? Lisa, bitte mach auf. Ich… Es tut mir leid, ja? Ich habe gerade gesehen, wie schön du alles dekoriert hast. Das Essen können wir sicher noch mal aufwärmen. Bitte, komm raus."
LISA trotzig: „Wenn dir die neue Bettwäsche nicht gefällt – die alte ist im Trockner und müsste bald wieder einsatzbereit sein. Mach die Kerzen aus, wenn du schlafen gehst, damit es nicht brennt."
ROKKO versöhnlich: „Lisa, bitte. Ich habe da etwas völlig missverstanden. Bitte komm doch raus. Lass uns noch mal reden."
Lisa schiebt wortlos die Scheidungspapiere unter der Tür hervor. Rokko nimmt sie entgegen und erblickt sofort Lisas Unterschrift.
ROKKO resigniert: „Okay, gut. Ich bin unten und esse. Wenn du Lust hast, kannst du ja nachkommen."
