3.
„Julia und ich, wir waren unerfahren. Meine Güte, wir waren doch gerade erst 16. Da denkt man doch nicht soweit. Du kennst das doch: Wenn du es tust, kannst du dir nicht vorstellen, dass man davon schwanger werden kann." Rokko sah prüfend in Lisas Augen. Diese fühlte sich verpflichtet, zustimmend zu nicken. „Wir waren uns ziemlich schnell einig, dass eine Abtreibung nicht in Frage käme. Trotzdem konnten wir Watson nicht behalten – wir sind doch beide noch zur Schule gegangen, hatten Pläne und Träume. Ich weiß, wie egoistisch das klingen muss, aber Adoption schien uns die beste Lösung. Julias Mutter hat irgendwann bei uns Zuhause angerufen und gesagt, dass die Wehen eingesetzt hätten. Das hat so ein komisches Gefühl in mir ausgelöst – ich wollte mein Kind doch einfach nur einmal sehen. Es war spät abends." Rokko wirkte auf einmal abwesend, so als würde er besagten Moment noch einmal durchleben. „Ich bin ins Krankenhaus gegangen und da lag er auf der Babystation. Ich wollte ihn nur einmal halten und dann… Lisa, ich konnte ihn nicht wieder hergeben." Immer noch schweigend sah Lisa Rokko an. „Ich habe ihn behalten. Julia und ihrer Familie war er egal, aber für mich stand plötzlich außer Frage, dass Watson und ich, dass wir zusammen gehören." Lisa nickte und nippte an dem Weinglas, das Rokko ihr vor ihrem Gespräch gereicht hatte. „Das verstehe ich", stellte sie einfach nur in den Raum. „Die vielen Hindernisse, die Julia und ich uns im Vorhinein in den schrecklichsten Farben ausgemalt hatte, waren plötzlich ganz klein und überwindbar. Ich bin das jüngste von sechs Kindern und meine Eltern sind unglaublich fit für ihr Alter. Sie haben mich unterstützt, wo sie nur konnten. Ich habe die Schule fertig gemacht und bin dann mit Watson nach Hamburg gezogen, um dort zu studieren. Ich war der einzige allein erziehende Vater in der Etage mit den Mutter-Kinder-Zimmern im Wohnheim. Watson war auch mit Abstand das älteste Kind da, davon einmal abgesehen. Er hat sich ganz toll entwickelt, hatte im Kindergarten viele Freunde, manchmal habe ich ihn auch mit in meine Vorlesungen genommen. Wenn man ihm Stifte gegeben hat, dann hat er sich stundenlang selbst beschäftigt, auch wenn man manchmal die Hälfte seiner Bilder von der Tischplatte wischen musste." Wieder lächelte Rokko. „Es ist schon spät und ich möchte Watson nicht noch wecken, aber im Arbeitszimmer sind die Fotoalben. Morgen zeige ich sie dir, okay?" – „Okay. Wie kommt es, dass Watson bei seinen Großeltern lebt?", fragte Lisa sichtlich interessiert nach. „Du weißt ja, wie schnelllebig meine Branche ist – heute hier, morgen da. Watson musste doch in die Schule und…" – „Jetzt hast du eine Festanstellung." – „Ja, aber er hat sich doch an Flensburg gewöhnt und… Flensburg, da leben meine Eltern", fügte Rokko erklärend hinzu. „Naja, es geht ihm gut da, er hat dort Freunde…" Lisa schien mit dieser Antwort nicht zufrieden zu sein. „Aber ein Kind gehört doch zu seinen Eltern", stellte sie fest. „Das ist richtig, aber Watson ist nicht wie jedes normale Kind. Als er acht war, wurde Leukämie bei ihm festgestellt. Im letzten Winter hat er seine dritte Chemotherapie hinter sich gebracht. Er ist ein tapferes kleines Kerlchen, aber es steht nicht gut um ihn." Lisa musste mehrmals heftig schlucken, doch der Kloß in ihrem Halt wollte nicht weichen. „Ist das nicht ein Grund mehr, ihn bei dir zu haben?" – „Manchmal macht es mir einfach Angst, wie zerbrechlich er ist und es macht mir Angst, wie offen er über seine Krankheit spricht, wie er Witze über das Sterben macht und so." – „Das hat er wohl von seinem Vater… Glaubst du nicht, dass das sein Schutzmantel ist? Das ist doch nur eine Fassade, du kannst mir nicht erzählen, dass ein 13-Jähriger keine Angst vorm Sterben hat." Betreten sah Rokko zu Boden. „Möglich." – „Hast du nicht mal zu mir gesagt, deine Kraft reicht für zwei?" – „Das ist etwas Anderes." – „So wie es etwas Anderes ist, dass du meinst, ich könnte mich nicht auf dich einlassen, während du genau dasselbe tust: Eine Mauer um dich errichten?" – „Wann hätte ich dir denn bitte von Watson erzählen sollen?" Aufgebracht stand Rokko auf und tigerte durch das Wohnzimmer. „Als ich von Yvonne und Bärbel kam und du meintest, ich hätte den Babyblick. Du hast nicht ein Wort über Watson verloren. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen…" – „Ganz ehrlich, an dem Abend hast du dich für alles Mögliche interessiert, aber nicht für mich und mein Leben." Lisa wollte zu einer Antwort ansetzen, hielt sich dann aber betreten zurück. Damit hatte Rokko wohl Recht. „Okay, ich bin vielleicht nicht der Supervater, aber im internationalen Papa-Ranking schaffe ich es irgendwo zwischen den Vater von Ayatollah Khomeini und den Vater von Jack the Ripper…", fuhr Rokko das Thema wieder zum Ursprung zurückbringend fort. „Und nun behaupte noch mal, dass dein Sohn seinen schrägen Humor nicht von dir hat." Rokko konnte nicht anders, er musste Lisa einfach sein schiefes Lächeln schenken. „Lass uns morgen weiterreden, ja? Dann kann ich dir auch die Fotos zeigen, wenn du sie sehen willst, aber jetzt bin ich müde." Erschrocken sah Lisa ihn an – er würde doch jetzt nicht… „Ich weiß, Watson macht zurzeit viele anzügliche Witze. Das ist bestimmt nur eine Phase, ich meine, ich habe ihm erst kürzlich von den Bienchen und Blümchen erzählt und… naja… das beschäftigt ihn eben." Schmunzelnd erhob sich Lisa. „Das hätte ich ja zu gerne gesehen." – „Ach, wer weiß, vielleicht kommst du ja auch mal in den Genuss, von mir aufgeklärt zu werden…"
