In der nächsten Zeit ignorierte Dad uns immer öfters. Nicht absichtlich natürlich. Es war mehr, dass er uns vergaß. Wenn er nicht irgendwelche dämlichen Avatar-Aufgaben hatte, dann trainierte er mit Tenzin.

Mein Bruder trug keine Schuld und weder ich noch Kya konnten je sauer auf ihn sein, doch wir waren trotzdem vielleicht ein wenig neidisch. Daher konnten wir es nicht ganz lassen, ihn geschwisterlich mehr zu nerven als je zuvor, was natürlich einen noch größeren Keil zwischen uns trieb.

Eines schönen Tages kam Tenzin zu Kya und mir. Inzwischen hatte er einen Kahlkopf, dabei waren nur zwei Wochen vergangen seit er angefangen hatte, sein Element zu trainieren. Außerdem trug er diese dämlichen Kutten der Luftbändigernovizen.

Er störte uns bei einer Partie Pai Sho. Naja, wir wussten nicht, wie man das spielte, deshalb spielten wir mit unseren eigenen Regeln.

Er grinste breit „Ihr glaubt nicht, was Dad mir gesagt hat!"

„Was denn, Kahlkopf?", giftete Kya und kniff die Augen zusammen.

Der Kleine ließ sich davon nicht beirren „Dad und ich machen einen Ausflug!"

„WAS?!", schrien Kya und ich gleichzeitig. Ich fühlte mich als hätte mir jemand in den Magen geschlagen.

Er grinste und sprach ohne Punkt und Komma „Ja, ist das nicht klasse? Wir werden nur zusammen sein und irgendwas Luftiges machen! Und er sagte er bringt mir bei wie man auf nem Bison fliegt. Ich muss noch meine Sachen packen. Tschau!"

Er rauschte wieder raus, nicht bemerkend, in was für eine emotionelle Lage er uns gerade gebracht hatte. Ich hatte kaum verstanden, was genau er alles gesagt hatte. Nur mit das mit dem Bison hatte ich noch mitbekommen.

Kyas Stimme zitterte „Wir haben noch nie einen Ausflug gemacht."

„Ich hatte ewig drauf gewartet, dass er mir beibringt den Bison zu lenken.", murmelte ich vor mir hin und fuhr mir mit der Hand durch mein ungezähmtes Haar.

Ich sah wieder zu meiner Schwester und erstarrte, als ich sie heulen sah. Es schnürte mir den Hals zu, sie so zu sehen. Ich weiß, dass ich immer so tat, als würden mir meine Geschwister egal sein, aber das stimmte nicht.

Ich ging um den Tisch herum und nahm sie in den Arm.

Schluchzend krallte sie sich in meine Kleidung „Warum er und nicht wir? Was haben wir gemacht? Er ist doch auch unser Daddy!"

Eine Träne rann meine Wange hinunter. Beruhigend strich ich ihr über den Rücken und murmelte beruhigende Sachen, versuchte stark zu sein.

„Kya, ich bin hier. Wir sind zusammen. Ich werde immer hier sein. Versprochen!"

Auch wenn ich das alles sagte, war ich selbst noch ziemlich aufgekratzt.

Es dauerte noch bis wir uns beruhigten.


Es war genau in dieser Zeit, wo mein Vater und Tenzin nicht da waren, als wir angegriffen wurden.

Das war mal wieder typisch mein Glück!

Es war abends, als es passierte.

Das Abendessen war furchtbar unangenehm gewesen. Mom erzählte die ganze Zeit irgendwelche Dinge, in dem vergebenen Wunsch uns ablenken zu können, aber keiner von uns hörte zu. Danach gingen wir in unsere Zimmer, doch wir hörten etwas oder besser gesagt jemanden.

„Halt! Stehen bleiben! Im Namen des Weißen…" er kam gar nicht dazu auszusprechen. Es gab ein seltsam gurgelndes Geräusch, kurz darauf nochmal, gefolgt von zwei dumpfen Geräuschen als würde jemand auf den Boden knallen.

Ich nahm Kya an die Hand. Nein, nicht aus Angst, obwohl ich zitterte. Ich zog Kya hier weg und wir rannten leise wieder zur Küche. Dort angekommen rannten wir beinah gegen Mom.

Kya warf sich sofort in ihre Arme.

„Kya, was ist passiert?", fragte sie besorgt.

Ich antwortete „Der Weiße Orden Typi hat jemand gewarnt, stehen zu bleiben. Und dann war da so ein komisches Gurgelgeräusch.", erzählte ich angespannt.

„Zweimal.", piepste Kya in Moms Armen.

Moms ernste Miene machte sie viel älter als sie wirklich war. Ich wollte nicht, dass sie so ernst aussah. Sie sollte wieder lachen und mit uns Scherze machen!

Sie setzte ihre Tochter ab.

„Kya, lösch das Licht. Bumi, das Telefon. Ruf Tante Toph an.", befahl sie.

Mom bewegte ihre Arme in einer fließenden Bewegung. Wasser zog sich aus den Wasserahn und die Pflanzen, auf die Mom immer bestanden hatte, waren plötzlich wie ausgetrocknet. Wasser umgab ihre Arme.

Die Nummer war schnell gewählt.

„Wer stört meinen Schlaf?", war wenige Sekunden später zu hören.

Uh, nicht gut, sie beim Schlafen zu stören war alles andere als gut. Wahrscheinlich hatte sie morgen Frühschicht und war daher schon früher im Bett. Trotzdem antwortete ich.

„Tante Toph, ich soll dich anrufen. Ich glaub hier sind Männer. Dad und Tenzin sind nicht da.", erzählte ich ihr und NEIN, meine Stimme klang nicht zittrig und ängstlich.

„Ich komme.", sagte sie kurzbündig und legte auf.

Ich drehte mich zu Mom um.

„Geht zum Fenster und klettert raus.", wies sie leise uns an.

„Aber…", protestierten wir gleichzeitig.

„Geht zur Bisonwiese!", befahl sie uns. Wir hörten Schritte.

Ich nahm Kya ein weiteres Mal an die Hand und zog sie zum Fenster. Ich musste jetzt für sie stark sein.

Wir rannten durch die Wälder bis wir auf eine Wiese kamen. Ein paar der Himmelbisons waren noch wach. Andere schliefen bereits, wobei sie sich nicht davor fürchteten an der Klippe zu liegen.

Es waren bestimmt 200 Meter bis nach unten. Am Fuße des Abhanges war nur ein kleiner Streifen Strand bevor es ins Wasser ging.

Wir liefen zu den Himmelsbisons, in der Hoffnung sie mögen uns beschützen oder zumindest verstecken.

Wir waren kaum bei ihnen angekommen, als auch schon ein paar Männer aus dem Wald traten.

„Stehen bleiben!", schrien sie und rannten weiter auf uns zu. Sie unterschätzen da aber die Himmelsbisons, aber auch sie sollten wir nicht unterschätzen. Von hier konnte ich das schlecht erkennen und es war auch schon dunkel, aber ich erkannte definitiv Waffen.

Die Tiere erwachten von ihrem Geschreie und bauten sich vor ihnen auf. Die Männer standen sechs Bisons gegenüber. Kya ging rückwärts, um nicht im Weg zu stehen, und ich folgte ihr. Ihre großen, blauen Augen sahen ängstlich zu mir hinauf.

Es war unglaublich wie die Tiere uns beschützten. Überhaupt dass sie uns beschützten war unbeschreiblich.

Sie stellten sich auf ihre Hinterbeine und brüllten die Männer an. Allein das reichte, um einen schreiend davon zu jagen. Es waren noch sechs über.

Da sie das nicht verschreckt hatte, versuchten die Himmelbisons was anderes. Sie erhoben sich in die Luft und flogen um sie herum. Jedes Mal, wenn ein Mann versuchte sich zu entfernen oder in unsere Richtung zu kommen, flog einer runter. Er schlug mit seinem Biberschwanz auf die Erde und er flog meterweit zurück.

Kyas Angst war wie weggeblasen. Sie stand da, völlig fasziniert von dem Schauspiel.

Hand aufs Herz: Ich hatte ein bisschen Angst vor diesen Tieren. Vegetarier hin oder her! Die Dinger waren riesig!

Ich ging langsam rückwärts, passte jedoch auf, dass ich nicht ganz direkt am Abhang stand.

Diese Vorsicht war leider umsonst. Als der nächste Bison einen der Männer „warnte", schlug er mit dem Biberschwanz auf die Erde.

Es ging wie in Zeitlupe. Kya drehte sich zu mir um. Der Boden bröckelte unter meinen Füßen. Meine Schwester starrte mich mit großen Augen an. Der Boden brach unter mir ein.

Ich werde hier nicht lügen: ich schrie. Kalter Wind zog an meinen Haaren und meinen Klamotten.

„Bumi!", hörte ich den Schrei meiner Schwester. Kurz darauf gefolgt hörte man schon wieder ein Brüllen eines Himmelsbisons.

Der Boden kam immer näher. Aus Reflex hob ich meine Arme vor meinen Körper und schloss die Augen.

Aber der schmerzhafte Aufprall kam gar nicht. Ich schwebte ein Meter über den Boden. Luft strömte aus meinen Händen und bewahrte mich vor dem tödlichen Ende.

„Was zur…?", fing ich an, wurde aber gemeinerweise unterbrochen, als ein Himmelsbison neben mir landete. Ich erschrak mich so sehr, dass ich auf dem Boden landete.

„Autsch…", murmelte ich und rieb mir den Kopf. Sand hin oder her, es tat weh.

Tadelnd sah ich den Fellknäul an „Du kommst erst jetzt?"

Er brüllte träge.

Plötzlich fühlte ich mich gar nicht gut. Auf der Stelle übergab ich mich.

Fellknäul ging angeekelt ein Schritt zurück. Ich wischte mir den Mund mit meinem Ärmel ab.

Trotzdem war ich begeistert „Bei allen Geistern, ich kann…" Ich stieß ein Lachen aus.

Scheinbar war ich einer der wenigen Spätzünder. Von Erdbändigern hatte ich das ja schon gehört, aber bei Luftbändigern?

Was würde jetzt passieren?

Dad würde mit mir mehr Zeit verbringen und er würde mir alles beibringen.' dachte ich glücklich. ‚Und das alles nur, weil ich…'

Nur weil ich luftbändigen konnte. Das machte mich traurig. Ich hatte die Chance, aber dann wäre das nicht wegen mir nicht, weil ich sein Sohn war, sondern für etwas, was ich nicht beeinflussen konnte, und dann wäre Kya völlig allein.

„Bumi!", rief jemand.

Ich sah nach oben. Tante Toph in ihrer Uniform kam mit ihren coolen Seilen den Abhang herunter. Der einzige Beweis, dass sie erst aufgestanden war, waren ihre strubbeligen Haare.

Ich machte eine schnelle Entscheidung.

„Tante Toph, ich bin runtergefallen, aber Fellknäul hat mich gerettet.", log ich und dankte innerlich den Geistern, dass sie noch nicht auf dem Boden angekommen war. Sonst hätte sie nämlich meine Lüge sofort enttarnt.

Sie verschenkte an mich eine ihrer seltenen nicht knochenbrechenden Umarmungen (Ein Zeichen, dass sie mir den Streich von vor einer Woche verzogen hatte).

„Wir haben jeden festgenommen, den wir finden konnten. Steig auf den Bison. Er soll dich hochbringen.", wies sie an.

Grinsend tat ich als wär alles in Ordnung, obwohl dem nicht so war. Ich salutierte spaßeshalber.

„Ja, Sir, habe verstanden, Sir."

Ihre Mundwinkel zuckten hoch.

„Ich bin froh, dass du dich nie ändern wirst, Bumi."

Oh, aber ich hatte mich verändert. Mein ganzes Leben hatte sich verändert.


Es war eine Untertreibung zu sagen, Mom und Kya wären froh mich zu sehen. Sie umarmten mich so fest, man hätte denken können, sie waren Erdbändiger. Kya weinte und ich schwor mir selbst, sie nie damit aufzuziehen. Die arme hatte gesehen wie ich von einer Klippe fiel - da durfte sie ruhig weinen.

Mom hielt sich für uns beide zurück, doch sie war so nah dran ihre Kinder verloren zu haben, dass ihre Augen glitzerten.

Wir verbrachten die ganze Nacht zusammen im Wohnzimmer aneinander gekuschelt. Irgendwann sind wir wohl alle eingeschlafen, denn als ich aufwachte, war es bereits hell.

Mein Kopf lag auf Moms Schulter. Kyas einer Arm lag mir im Gesicht und Mom hatte ihre Arme um uns beide geschlungen.

Ich befreite vorsichtig mich und stand auf. Mir fielen die Ereignisse am letzten Abend wieder ein und vor allem das Luftbändigen. Kurz fragte ich mich, ob ich mir das nur eingebildet hatte.

Das erforderte einen Test.

„Bumi!", hörte ich eine männliche Stimme.

Vielleicht später.

„Dad! Tenzin!"

Dad lief auf mich zu und nahm mich in den Arm. Ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus.

„Seid ihr verletzt? Geht's euch gut?", fragte er besorgt und auch Tenzin schlang von der Seite seine kleinen Arme um mich.

„Keine Sorge. Uns geht's gut.", beruhigte ich sie.

Dad streichelte mir durch mein wuscheliges Haar „Als der Falke kam, waren wir so besorgt."

„Wir sind die ganze Nacht zurückgeflogen.", berichtete Tenzin. Erst jetzt bemerkte ich ihre dunklen Augenringe.

„Aang?", fragte eine verschlafene Stimme.

Dad lächelte „Katara."

Er ging auf sie zu und nahm auch sie in den Arm. Tenzin gleich hinterher.

Kya wachte auch auf „Dad." Sie kuschelte sich mit in Dads Arme.

Auch ich sprang in die Gruppenumarmung und wir schliefen alle nochmal ein.

Das nenne ich Familie.