Kapitel 3:

Ihr Kopf drehte sich noch immer, als sie spürte wie Snape ihre Hand losließ. Das Mädchen hatte ihre Augen geschlossen und atmete nun einige Male tief durch, bevor sie ihre Augenlider öffnete und fest stellte, dass sie in einem langen Gang befanden. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt und ragten höher als in üblichen Häusern. Es erinnerte sie beinahe an die Raumhöhe in Hogwarts. Die Gemälde an den Wänden hatten antik silberne Rahmen und hier und da sah sie Pflanzen, die in marmornen Krügen steckten. Die Brünette konnte nicht leugnen, dass allein dieser Durchgangsbereich den Eindruck von altem Reichtum versprühte.

„Kommen Sie?", hörte sie die kühle, schnarrende Stimme ihres Zaubertränkelehrers.

Die Brünette nickte hastig und folgte ihm schließlich. Er schien sich zu Genüge auszukennen, denn er manövrierte sie durch die verwinkelten Gänge bis sie letztlich vor einer großen Flügeltür standen. Er machte sich nicht einmal bemerkbar, bevor er die Türen mit einem Schwenker seines Zauberstabes aufgleiten ließ.

Hermione hatte sich den Weg nicht gemerkt, sie hatte sich noch nicht einmal genauer umgesehen. Sie wusste nur, dass das Manor Herrschaftlichkeit ausstrahlte und definitiv dunkler war als ihr lieb war. Es erinnerte sie beinahe an das verwunschene Schloss des Biestes aus ihrem liebsten Märchen.

„Severus, was verschafft mir das Vergnügen?"

Hermione hörte die Frage und ein Schauer durchzuckte ihren Körper. Die Stimme von Lucius Malfoy hatte etwas furchterregendes. Das Mädchen ließ ihre Zähne noch stärker in ihre Unterlippe sinken, als sie letztlich einen Schritt in den offengelegten Raum machte. Damit ersparte sie ihrem Professor jegliche Erklärungen.

„Hermione."

Die Art und Weise wie Lucius und Narzissa ihren Namen sagten und das auch noch in unisono, ließ Hermione ihre Hände zu Fäusten ballen. Sie sagte jedoch nichts. Im Gegenteil, sie sah zu dem Hausherren und seiner Frau herüber und wich ihrem Blick keineswegs aus.

„Du hast sie gefunden.", bemerkte Narzissa beinahe erleichtert und ließ ihre Augen zu Snape wandern.

„Ja in einer dunklen Gasse in Muggellondon."

„Nicht besonders vorsichtig sich dort aufzuhalten, wenn man bedenkt, dass man dort am ehesten nach ihr suchen würde."

„Ich hab sie zuerst gefunden. Das ist doch das Wichtigste."

„Ja, aber es hätte durchaus anders verlaufen können."

„Ist es aber nicht."

„Severus..."

„Es bringt nichts darüber nachzudenken was gewesen wäre wenn. Es ist wie es ist."

„Aber man sollte dennoch nicht aus dem Auge verlieren, was hätte passieren können, nur um Vorkehrungen treffen zu können."

„Für welche Situation genau?"

Hermione spürte wie Wut in ihr hochkochte. Ihre Fäuste zitterten schon regelrecht, als sie letztlich ihre Stimme erhob.

„ICH BIN HIER! Sprecht nicht so als wäre ich nicht hier."

Ihre Stimme zitterte mindestens genauso wie ihre Fäuste und die Brünette bemerkte, dass alle Blicke plötzlich auf sie gerichtet waren. Was keineswegs verwunderlich war, wenn man bedachte, dass sie so gebrüllt hatte.

„Ich weiß solche Gefühlsausbrüche nicht zu schätzen."

Lucius Stimme war schneidend wie eine Klinge. Seine Augen erdolchten sie förmlich.

„Und mir ist es gleich was sie zu schätzen wissen, und was nicht."

„Du befindest dich unter meinem Dach, du wirst gewisse Regeln befolgen – das gebietet der Anstand."

Hermione verzog ihre Lippen genervt und verschränkte ihre Arme vor der Brust. Sie wusste, dass diese Haltung Distanz schaffen würde.

„Und der Anstand gebietet offensichtlich auch über jemanden zu sprechen, als wäre er nicht anwesend. Großartige Etiquette. Faszinierend. Wirklich."

Sie konnte kaum glauben wie trotzig und frech sie klang. Sie verscheuchte den kurz aufflammenden Gedanken an ihre Mutter und wie sie ihre Tochter dafür zurechtweisen würde. Sie konnte es sich nicht erlauben ihre verletzliche Seite noch einmal zu offenbaren. Sie war hier in der Höhle der Schlangen.

„Miss Granger."

Hermione sah zu ihrem Professor herüber. Die Art und Weise wie er ihren Nachnamen aussprach und das obwohl nun jeder wusste, dass es nicht ihr richtiger Name war, ließ ihre Mauern kurz schwanken.

„Ich habe Ihnen gesagt, dass sie hier sicher wären. Sie sind gerade dabei sich das zu verscherzen."

Seine Stimme war schneidend und autoritär und sie ließ Hermione laut und frustriert seufzen.

„Ich muss zurück. Es fällt auf, wenn ich zu lange weg bleibe."

Diese Worte lösten Panik in ihr aus. Das Mädchen blickte ihren Zaubertränkeprofessor beinahe flehend an, machte sogar zwei Schritte auf ihn zu.

„Sie wollen mich hier allein lassen...Professor bitte..."

Sie wusste wie verzweifelt, beinahe pathetisch sie klang. Es störte sie nicht. Sie gab gerne offen zu wie unwohl sie sich hier fühlte. Sie hatte lieber Snape um sich, als die Malfoys. Lieber eine Fledermaus, als einen gefühllosen Zombie. Sie war sich sicher, dass selbst Harry und Ron ihr da zustimmen würden.

„Miss Granger, ich sagte es doch schon. Sie sind hier sicher. Solange sie gewisse Regeln einhalten. Und ich kenne sie nun doch einige Jahre und weiß, dass ihnen Regeln lieb und teuer sind.", appellierte Snape an ihren Sinn für Rechtschaffenheit. Doch die Frage war doch, ob Regeln im Hause Malfoy überhaupt von Bedeutung waren. Es gab Regeln, die musste man brechen, denn sie entsprachen einer falschen Ideologie. Einem falschen Weltverständnis.

Hermione nickte dennoch, als ihr Lehrer sie ernst ansah. Sie konnte in seinen dunklen Augen nicht lesen. Auch nicht in seiner sonstigen Mimik. Sie hoffte dennoch, dass er Recht behielt. Ehe sie noch ein weiteres Wort an ihn richten konnte, verschwand er mit wehendem Umhang aus dem Raum und Hermione sah ihm über ihre Schulter hinweg nach. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sie die Luft dabei angehalten hatte. Erst als ihr etwas schwindelig wurde, schnappte sie lautstark nach Luft.

„Muss ich beunruhigt sein?", fragte Narzissa plötzlich in die Stille hinein, was dazu führte, dass Hermione ihren Kopf zu ihr herumdrehte und sie mit ernster Miene ansah.

„Entschuldigung?"

„Wegen deinem Verhältnis zu deinem Lehrer, Kind."

Hermione fühlte wie ihre Wangen erst aus Verlegenheit und dann aus Wut rot wurden. Erst nur leicht, bis sie letztlich förmlich brannten und glühten. Doch entgegnen konnte sie nichts, denn ein lautes Lachen brachte sie vollkommen aus dem Konzept.

Malfoy Junior und Zabini waren durch einen Seiteneingang in den Raum getreten und während Zabini nichts sagte und sich nur in einen der großen Ohrensessel setzte, lachte Malfoy Junior immer noch.

„Du musst dir keine Sorgen machen Mutter. Die hat nur Augen für das Wiesel. Der jedoch interessiert sich nur für sie, wenn sie seine Aufgaben erledigt. Ich glaube er weiß nicht einmal, dass sie ein Mädchen ist."

Hermiones Wut nahm von Sekunde zu Sekunde zu. Ihre Atmung beschleunigte sich und ihr Herz pochte stärker gegen ihren Brustkorb, doch noch schaffte sie es sich zurückzuhalten. Malfoy Junior sollte keine Genugtuung dabei empfinden, wenn sie wieder laut würde. Wegen ihm.

Sie konnte ihr Temperament zügeln. Sie konnte das. Sie atmete tief durch, zählte innerlich bis zehn.

„Ich weiß nicht, ob mich das nun wirklich erleichtert."

„Oh erleichtern soll dich das ja auch nicht. Ich sage lediglich, dass sie nichts von Onkel Sev will." Malfoy lächelte beinahe diabolisch als er sie ansah. „Obwohl...wer weiß was in diesem Kopf vor sich geht? Er wäre nicht der erste Lehrer, den sie anschmachtet, nicht?"

Das selbstgefällige Grinsen würde sie ihm aus dem Gesicht schlagen. Sie machte eine Satz auf ihn zu, packte ihn sogar an seinem Kragen. Sie wollte schon ihre Faust erheben und ihm noch einen Hieb versetzen – genauso wie in ihrem dritten Jahr, doch da spürte sie schon wie ein Zauber sich um sie legte. Sie konnte sich nicht mehr bewegen.

„Schluss mit diesen Kindereien."

Narzissa war aufgestanden und ging auf die Beiden zu. Zuerst blickte sie ihren Sohn mahnend an, bevor ihr Blick zu Hermione glitt. Die Art und Weise wie Narzissa sie ansah, erinnerte sie beinahe an ihre Mutter. Es hatte etwas besorgtes, mütterliches aber auch diese unterschwellige Enttäuschung, die nur schwer zu verkraften war.

„Blaise, begleite Hermione nach oben auf ihr Zimmer, ja? Ich unterhalte mich mit meinem Sohn über seine Umgangsformen.", sprach Narzissa dann nach einigen Momenten der eisigen Stille. Ihr Blick verriet, dass sie nicht mit sich sprechen lassen würde. Ihre Bitte war eine Aufforderung. Beinahe ein Befehl. Und somit nickte Blaise nur und wartete darauf das Hermione sich wieder bewegen konnte und sobald sie dies tat, machte er eine Armbewegung Richtung Tür, um ihr den Weg zu zeigen.

Hermione sah noch einmal zu Narzissa und dann zu Malfoy Junior, der sie nur mit zusammengekniffenen Augen ansah. Sie rollte ihre Augen bei dem Anblick und verließ dann mit Blaise den Raum. Nicht ohne ein wenig Genugtuung zu verspüren, dass Malfoy ein Gespräch mit Narzissa wegen ihr führen würde.

„Das soll mein Zimmer sein?", fragte sie und drehte sich zu Zabini herum, der mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen geblieben war.

„Stimmt damit etwas nicht?"

„Ach ich weiß nicht, vielleicht die Tatsache, dass der gesamte Gryffindor Turm kleiner ist als dieser Raum hier."

Sie wusste, dass er ihren Trotz nicht verdient hatte. Er sollte nicht derjenige sein, der ihre Frustration, ihren Sarkasmus und Zynismus spüren sollte. Doch sie schaffte es einfach nicht all diese Abwehrmechanismen herauszufiltern und nur gegen die zu richten, die es verdient hatten. Also Lucius und Malfoy Junior.

„Ich verstehe nicht, wie das ein Problem sein kann.", gab er schließlich von sich und beobachtete wie sich die Brünette auf die Kante des riesigen Himmelbettes setzte. Er stieß sich vom Türrahmen ab und machte einige Schritte in das Zimmer hinein.

„Wie dem auch sei. Narzissa hat Vorbereitungen getroffen für den Fall, dass du auftauchen solltest. Sie hatte gehofft, dass du es tun würdest. Die Tür führt zu deinem Ankleidezimmer und die dort zu einem Bad."

Hermione sah den dunkelhäutigen Slytherin mit hochgezogener Augenbraue an, bevor sie ihren Blick durch den Raum gleiten ließ. Sie blieb an den zwei Türen hängen. Die eine war nur angelehnt, während die Andere verschlossen war.

„Ich lass dich dann alleine. Ich bin mir sicher, dass du noch etwas Zeit für dich brauchst. Ich weiß nicht, vielleicht willst du ja noch ein paar Vasen zerschmettern oder das Mobiliar in Flammen setzen. Ich wäre ungerne Zeuge dabei."

Sie sah das Schmunzeln in seinem Gesicht. Es war nur leicht. Nur ein Anflug eines Schmunzelns und es löste den Knoten in ihrer Brust. Es war als würde jemand verstehen. Vielleicht wünschte sie sich das aber auch nur.

Sie sah ihn mit großen Augen nach und als die Tür hinter ihm zufiel, ließ die Brünette sich nach hinten fallen und starrte hinauf zum Betthimmel, der sanft und beruhigend leuchtete. Beinahe wie ein Sternenhimmel. Bei dem Anblick fiel es ihr leichter tief ein und auszuatmen und sich zu beruhigen. Die Wut ebbte ab und ein Gefühl der Ruhe kehrte in ihr ein.

Nicht für lange.

Sobald sie die innere Unruhe überwunden hatte, übermannte sie die Traurigkeit. Sie hatte seit dem Abend in der Gasse nicht mehr zugelassen, dass die Traurigkeit sie so überrollte. Doch nun war sie nicht mehr auf der Flucht. Sie war angeblich in Sicherheit. Und es war ruhig um sie herum. Diese beklemmende Stille ließ zu, dass sie ihre Gedanken lauter denn je hörte. Beinahe ohrenbetäubend laut, natürlich nur wenn es nicht nur in ihrem Kopf wäre.

Sie rollte sich auf dem Bett zusammen, zog ihre Knie bis an ihre Brust an, drehte ihr Gesicht so zur Seite, dass sie das Gesicht in die Überdecke drücken konnte. Sie spürte wie heiße Tränen in ihren Augen prickelten, doch sie kniff nur die Augen zusammen. Versuchte die Tränen zu unterdrücken.

Das Loch, welches ihre Eltern zurückgelassen hatten, fühlte sich nun so real an. So greifbar. Ihre Mutter würde nie wieder neben ihr auf ihrem Bett sitzen. Ihre Hand würde nie wieder über ihren Hinterkopf streichen. Hermione würde nie mehr ihren Kopf in den Schoß ihrer Mutter legen können, um leise vor sich hin zu weinen, wenn etwas geschehen war, was sie traurig stimmte.

Sie würde nie wieder nach Hause kommen und ihre Mutter in der Küche stehen sehen, wie sie mit Schürze und Topflappen bewaffnet einen Kuchen aus dem Backofen hervorholte und sie dann erst bemerkte. Sie würde ihre Mutter nie wieder freudig anlächeln und ihr helfen den Kuchen in gleich große Teile zu schneiden, bevor sie ihn gemeinsam mit viel Schlagsahne und einer großen Tasse Tee essen würden.

Ihre Mutter würde auch nie wieder neugierige Fragen über Jungs stellen. Sie würde nie wieder dieses Funkeln in den Augen haben, wenn sie ihrer Tochter von ihrem ersten Rendezvous erzählte und ihr versprach, dass sie auch einmal die Liebe ihres Lebens finden würde, so wie sie es getan hatte.

Ihr Vater würde nie seine Lippen kräuseln bei dem Anblick seiner beiden Frauen bei dem Versuch den Garten zu bepflanzen. Er würde auch nie wieder anfangen zu lachen, wenn sie ihn irgendwann entdeckten und mit dem Wasserschlauch auf ihn losgingen. Sie würden auch nie wieder gemeinsam zufrieden, dreckig und patschnass auf dem Rasen liegen um dann festzustellen, dass keiner von ihnen zu Gartenarbeit geboren war.

Er würde auch nie wieder so tun als lese er die Zeitung, während seine Frau und Hermione über Jungs sprachen.

Sie würden nie wieder zusammen in Urlaub fahren, Fotos zusammen machen und Andenken mitbringen.

Diese Gedanken alleine vernichteten die junge Frau. Wenn sie jedoch darüber nachdachte, dass sie auch nicht sehen würden wie sie ihren Abschluss machte, heiratete und Kinder bekam, fühlte sie sich als würde man ihr das Herz aus der Brust reißen.

Sie schluchzte lautstark in die Decke. Ihre Finger krallten sich in das weiche Material unter ihr und ihr Körper versteifte sich mehr und mehr. Ihre Tränen flossen und flossen bis sie irgendwann vor Erschöpfung wegdriftete.

Ein ploppen weckte die Brünette aus ihrem ruhelosen Schlaf. Sie spürte ihre Schläfen Pochen, ihre Glieder fühlten sich von ihrer Schlafposition verkrampft an und ihre Augen brannten leicht, waren ganz trocken von dem Weinen.

Sie hatte sich mit Mühe und Not aufgesetzt nur um eine Hauselfin vor sich zu sehen. Sie hatte eine kleine, rosane Schleife um ihr rechtes Ohr gebunden und trug einen verschmutzen, altrosa farbenen Kissenbezug.

„Miss ist wach. Das freut Trixi.", sagte die Hauselfin in piepsiger Stimme und Hermione zuckte leicht zusammen. Sie wusste, dass die Hauselfin nichts dafür konnte, dass ihre Stimme ihren Kopf nur noch schlimmer pochen ließ.

„Trixi soll Miss sagen, dass Miss zu Abendessen kommen soll."

Hermione sah zu der kleinen Gestalt und presste dann ihre Finger gegen ihre pochende Schläfe – so als würde es etwas bringen. Natürlich brachte es nichts.

„Wann ist das Abendessen?"

„In einer Stunde Miss. Miss sollen sich waschen. Brauchen Miss Hilfe von Trixi? Trixi helfen Miss."

Allein die Vorstellung, dass die Hauselfin ihr helfen sollte, ließ Hermione schaudern. Sie hasste es wie Hauselfen behandelt wurden. Wie Sklaven.

„Ich schaff das alleine, wirklich.", sagte die Brünette schließlich nach einem langen Moment der Stille. Sie bemerkte natürlich wie Trixis Gesicht sich verzog. Beinahe enttäuscht. Das hasste Hermione auch. Das Hauselfen glaubten, dass es ihre Bestimmung war solche niederen Dienste zu verrichten. Das sie es sogar wollten und gerne taten. Das sie es nicht als schlimm empfanden, dass man sie so schlecht behandelte.

„Miss braucht sonst keine Hilfe von Trixi, Miss?"

„Etwas gegen die Kopfschmerzen wäre nett Trixi.", sagte Hermione schließlich und sofort nickte die Hauselfin hastig und mit einem erneutem Plopp verschwand sie.

Es kostete sie sehr viel Mühe und Energie sich aus dem Bett zu kämpfen, doch als sie letztlich auf ihren Beinen stand, fühlte sie wie das Gefühl zurück in ihre Glieder kroch. Die Kopfschmerzen hingegen blieben genauso pochend wie sie gewesen waren.

Doch ein weiteres Ploppen kündigte Trixis Erscheinen an. Die Hauselfin hielt eine Phiole in den schmutzigen Händen, die sie der Brünetten reichte.

Hermione bedankte sich lächelnd und entließ sie wieder, bevor sie die Phiole mit einem Zug leerte. Als sie sich auf den Weg zu dem Badezimmer machte spürte sie die Wirkung schon. Das Pochen wurde weniger und weniger und weniger bis sie es fast gar nicht mehr spürte.

Spätestens als sie in der riesigen, in den Boden eingelassenen Wanne saß, spürte sie keinerlei Pochen mehr. Und ihre Glieder entspannten sich ebenso. Sie hätte eine Dusche lieber gehabt, doch offensichtlich kannten die Malfoys so etwas nicht. Also hatte sie die Wanne mit Wasser gefüllt und versuchte nun die Überreste der letzten Tage von sich zu waschen. So als würde Wasser alles von ihr abspülen und sie vergessen lassen. So einfach war es nicht. Das wusste sie auch. Doch es entspannte sie ohne Frage und es gelang ihr für einige Momente zu vergessen. Vor allem wenn sie untertauchte und sich darauf konzentrieren musste die Luft anzuhalten. Ihr Kopf war dabei vollkommen leer und befreit.

Sie wiederholte es einige Male. Tauchte immer wieder unter und genoss das heiße Wasser, bevor sie aus der Wanne stieg und sich in den bereit liegenden Bademantel hüllte. Sie trocknete ihre Haare und verließ dann das Bad um in den Nebenraum zu gehen. Den Ankleideraum. Sie versuchte sich irgendwie von Moment zu Moment – von Handlung zu Handlung – von Tag zu Tag zu hangeln. Und jetzt gerade unterdrückte sie jeden weiteren Gedanken, jedes Bedenken und arbeitete einfach nur eine kleine Liste ab. Dinge, die sie erledigen musste. Baden – erledigt. Ankleiden – noch zu erledigen. Abendessen – noch zu erledigen. Aber auch nur weil man es von ihr erwartete und sie höflich sein wollte, dafür das man sie hier bleiben ließ.

Ein Seufzen entfuhr ihr als sie sich in dem Ankleidezimmer umsah. Ihre Augen wanderten die Reihen entlang, ehe sie sich auf den mit Samt bespannten Sitzhocker gleiten ließ.

„Gibt es hier nichts normales?", fragte sie sich selbst, als ihre Augen von Kleid zu Kleid zu Kleid wanderten. Sie waren alle so formell und edel. Selbst die kürzeren wirkten immer noch so, als wären sie nur für abendliche Anlässe geeignet. Für vornehme Essen, das Theater, vielleicht sogar für Besuche des Ballets oder der Oper.

„Hier Miss."

„Danke Trixi."

Hermione spürte wie alle Blicke auf sie gerichtet waren, als sie Trixi in den Speisesaal gefolgt war. Sie spielte nervös mit dem Verschluss ihres Armbands – ein Weihnachtsgeschenk ihrer Eltern – während sie zu Narzissa herüber sah, die sich genauso wie die restlichen Anwesenden erhob und ihr mit einer Handbewegung bedeutete näher zu kommen.

„Setz dich.", sagte sie und Hermione ließ sich auf dem Platz neben Zabini nieder, da dieser der einzig freie, eingedeckte Platz war.

„Das Kleid steht dir übrigens ganz fantastisch."

Hermione spürte wie sie etwas erleichtert ausatmete. Sie hatte befürchtet etwas falsches auszuwählen. Sie hatte offensichtlich größere, schwerwiegendere Probleme und dennoch war der Gedanke für ihre Kleiderwahl ausgelacht oder ermahnt zu werden nicht schön gewesen. Es hatte sie sogar mehr belastet, als sie es sich eingestehen wollte.

Wohl fühlte sie sich dennoch nicht. Das Kleid erinnerte sie entfernt an das Kleid, welches Jennifer Grey in Dirty Dancing getragen hatte, nur das dieses nicht blassosa sondern es changierte von einem sanften goldenen Ton zu einem kräftigerem pfirsichrosa. Hermione hatte erst bemerkt, dass dieses Kleid in mehreren Farben changierte, als sie es schon längst an hatte und Trixi schon ungeduldig auf sie wartete. Sonst hätte sie es niemals gewählt. Sie hatte das Schlichteste wählen wollen und nun fühlte sie sich eher wie ein Pfau. Natürlich half Narzissas Kompliment ihr, doch ihr Gemüt war deswegen noch lange nicht beruhigt. Sie spürte immerhin die Blicke der drei Männer im Raum und die beiden Malfoys hatten sicherlich nicht so eine positive Meinung.

„Narzissa hat Recht. Das Kleid steht dir gut Granger."

Hermione sah zu Zabini herüber, der sie beinahe ermunternd anblickte. Sie wusste es außerdem zu schätzen, dass er sie noch immer Granger nannte. Es hinterließ ein gutes Gefühl in ihr.

„Danke."

Sie spürte wie angespannt die Stimmung im Raum war. Sie sahen sie alle an – bis auf Malfoy Junior, der sich mehr für sein halb gefülltes Glas zu interessieren schien. Er schwenkte es andächtig hin und her und Hermione fragte sich, was wohl darin war. Es sah definitiv nicht so aus als wäre es Kürbissaft.

„Uhm...", räusperte Hermione sich dann und Narzissa sah sie an.

„Ja?"

„Ich dachte...nun ja das ich zum Abendessen kommen sollte. Gibt es denn nun Abendessen?", fragte sie beinahe unbeholfen.

Zabini neben ihr gluckste und Narzissa schien erleichtert zu sein.

„Trixi." Die Hauselfin erschien mit einem Ploppen die Hausherrin blickte zu ihr herüber. „Servier das Abendessen."

Trixi nickte nur und verschwand wieder mit einem Ploppen. Hermione schluckte eine Bemerkung hinunter. Sie würde keinen Vortrag über Hauselfen halten. Nicht jetzt. Sie wollte sich zumindest während des Abendessens benehmen. Danach konnte sie immer noch all ihre schrecklichen Manieren hervorkramen und die Malfoys damit verschrecken.