Kapitel 3

Hermine atmete einmal tief durch und straffte ihre Haltung. „Nun gut! Ich möchte, dass Sie Ihre Robe ausziehen."

Eine Augenbraue Snapes schoss in ungeahnte Höhen. Seine Arme, die er vor der Brust verschränkt hatte, schienen ihn noch etwas fester zu umfassen. Er sagte nichts und starrte sie nur, weitere Erklärungen fordernd, an.

„Ich möchte weitestgehend die gleichen Voraussetzungen schaffen wie vor einigen Wochen im Klassenraum", erwiderte Hermine gefasst. „Ich nehme an, Sie tragen unter der Robe noch ein Hemd? Ich trug damals die Bluse der Schuluniform."

Snape schnaubte verärgert. „Sollten wir dann nicht auch noch einige Ihrer Mitschüler herbitten? Ich denke in den Gemeinschafträumen werden bestimmt einige Personen mittlerweile einen Zustand erreicht haben, um sich überzeugen zu lassen, uns beizuwohnen", merkte er vor Sarkasmus triefender Stimme an, knöpfte aber währenddessen seine Robe auf.

Woher wusste er, dass die Anderen Alkohol tranken und feierten? Blöder Gedanke, dachte sie und schüttelte ihn ab. Stattdessen fragte sie sich zum wiederholten Male, was sie geritten hatte, sich in eine solche Situation zu bringen. Als sie bemerkte, dass sie den Mann vor ihr offen musterte, wie er mit seinen schlanken Fingern geübt die Knöpfe öffnete, drehte sie sich beschämt zu dem Tisch hinter sich und griff nach dem schwarzen Tuch, das dort lag.

Der ungewohnte Anblick, den Snape bot, verunsicherte Hermine noch mehr als ohnehin schon. Er kam ihr geradezu unverhüllt vor, ausschließlich mit Hemd und schwarzer Hose bekleidet. Der Tränkemeister dagegen schaute die junge Frau abschätzend an, dann griff er an seine Manschetten öffnete sie und krempelte die Ärmel bis kurz über seinen Ellenbogen nach oben. „Die Hose kann ich aber anlassen, oder wollen Sie mich auch noch dazu nötigen einen Rock zu tragen?", begleitete er spöttisch sein Tun.

Hermine senkte beschämt den Kopf. Genau das war es, wovor sie sich gefürchtet hatte und wovon sie gehofft hatte es würde nicht passieren. Es war abwertend und erniedrigend, aber es war ja schließlich ihre eigene Schuld. Hätte sie sich doch bloß nicht zu diesem albernen und unreifen Verhalten hinreißen lassen. „Das ist doch kindisch", sagte sie daher in leisem Ton, ohne den Boden aus dem Blick zu lassen.

„Wenn Sie meinen, dass es weniger kindisch ist, wie Sie es ausdrücken, wenn wir jetzt einfach den Raum verlassen, dann bitte. Aber entscheiden Sie sich endlich."

Was sollte das jetzt? Forderte er sie heraus? Sie spürte wie das Schamgefühl wich und langsam wieder die Wut in ihr hoch kroch. Die gleiche Wut, die sie auch in seinem Klassenzimmer gespürt hatte, als er sie so vorgeführt hatte. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte sprach er weiter.

„Es gibt andere Dinge die ich tun könnte, als hier herumzustehen. Ich könnte zum Beispiel die eine oder andere Party platzen lassen."

Machte er sich jetzt auch noch über sie lustig? In seiner Stimme klang eindeutig Amüsement mit. Geschah ihr ganz recht. Trotzdem hatte sie den Eindruck, seine letzten beiden Bemerkungen könnten auch bedeuten, dass er es begrüßen würde die Sache durchzuziehen. No risk, no fun, dachte sie und fasste einen Entschluss, den sie auch nicht mehr revidieren würde.

Mit dem Tuch in der Hand ging sie auf ihn zu. „Oh, das kann ich natürlich unter keinen Umständen zulassen und wenn ich mit dieser Farce verhindern kann, dass Sie den anderen den Spaß verderben, hat es zumindest etwas Gutes."

Snape gab nur ein nicht einzuordnendes Schnauben von sich.

Sie ging um ihn herum und stellte sich hinter ihn. „Ich werde ihnen jetzt die Augen verbinden?!"

„Ohne dem macht es wohl keinen Sinn", antworte er ironisch.

„Nettes Wortspiel, wo ich doch vor habe Ihnen einen Sinn zu nehmen." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und legte das Tuch über seine Augen. Ihre Hände zitterten, als sie es an seinem Hinterkopf verknotete und einzelne seiner schwarzen Haarsträhnen über ihre Finger strichen. Sein Geruch stieg ihr in die Nase, jetzt wo sie so nah bei ihm stand und sie musste schwer schlucken. Diesen Duft hatte sie auch bei ihrer Demonstration wahrgenommen und sie fühlte sich in die damalige Situation zurückversetzt. Das Kribbeln in ihrem Bauch kehrte zurück. So sollte das alles eigentlich nicht ablaufen. Denn damit, dass dieses Gefühl wiederkehrte, hatte sie bei ihrer Planung nicht gerechnet.

Ohne es bewusst zu wollen legte sie ihre Hände auf seine Schultern und spürte seiner Körperwärme durch den Stoff des Hemdes nach. Seine Schultern hoben sich, als er tief einatmete und dann langsam wieder die Luft ausließ.

Sie ging um ihn herum, ohne den Kontakt zu unterbrechen. Eine Hand strich seinen Arm herunter, bis sie auf der nackten Haut seines Handgelenks liegen blieb. Dicht blieb sie vor ihm stehen, betrachtete sein Gesicht, zumindest das, was nicht von der Binde verdeckt wurde. Sein Mund, seine Lippen. Kurz war sie versucht mit ihren Fingerspitzen darüber zu streichen, schalt sich dann aber einen Dummkopf es wagen zu wollen.

„Ich führe sie nun zu dem Arbeitsplatz, den ich hergerichtet habe."

Er setzte sich in Bewegung, als er zaghaft von seiner Schülerin in Richtung Tisch gezogen wurde. Das Unbehagen welches er gefühlt hatte, als sie vor ihm stand verflüchtigte sich teilweise. Zum Glück schien sie sich wieder auf das zu besinnen, was sie geplant hatte.

Er hatte bemerkt, wie sie ihn musterte, genauso wie er zuvor die Wärme gespürt hatte, die von ihr ausging, als sie hinter ihm stand. Es war wie ein seichter Hauch der ihn umspülte, begleitet von dem Duft nach Lavendel und etwas anderem, etwas fruchtigem. Genau wie vor drei Wochen hatte er positiv überrascht festgestellt, dass sie die leichteren, weniger aufdringlichen Düfte zu bevorzugen schien. Nicht so wie viele ihre Altersgenossinnen, die süße, alle natürlichen Gerüche überdeckende, Parfums benutzten, die ihm Übelkeit hervorriefen. Bei Miss Granger konnte er diesen körpereigenen, weiblichen Duft unter den anderen ausmachen und stellte fest, dass er ihm sehr willkommen war.

Ihre Berührung hätte ihn fast zusammenzucken lassen. Er hatte tief durchgeatmet während er überlegte, ob es dieses Unerwartete war oder der Kontakt an sich, bevor er sich ihrer warmen Hände und dem zarten Gewicht auf seinen Schultern wirklich bewusst wurde.

Snape war froh, als sie den Tisch erreicht hatten und er das kühle Holz unter seinen Händen spüren konnte. Wie hatte er sich nur in eine solche Situation manövrieren können? Ihr nachzugeben, als sie ihre Forderung stellte, war mehr als nur ungewöhnlich für ihn. Warum hatte er dem nachgegeben? ‚Sie sind mir etwas schuldig' hatte sie gesagt. Er war niemandem etwas schuldig und schon gar nicht einer Schülerin, trotzdem wusste er in dem Moment, in dem sie es ausgesprochen hatte, dass er ihr nachgeben würde, auch wenn er sie hatte zappeln lassen. Aber warum wurde ihm erst jetzt klar. Er hatte es genossen mit ihr zusammen an dem Kessel zu stehen und als es vorbei war, als die Stunde beendet war, hatte er es bedauert und als Verlust empfunden ihr nicht mehr nahe zu sein.

Aber jetzt, wo die Rollen vertauscht waren, erahnte er woher sie den Mut nahm ihm diese Forderung zu stellen. Er fühlte sich ausgeliefert, vorgeführt, auf eine Art schutzlos. Wie musste sie sich gefühlt haben vor der ganzen Klasse? Wenn es für sie ähnlich unangenehm war wie jetzt für ihn, konnte das Motivation genug gewesen sein.

Halt! Das stimmte so nicht, berichtigte er sich selbst. Es war nicht nur unangenehm, im Gegenteil. Doch bevor er diesen Gedankengang weiter vertiefen konnte sprach Hermine wieder.

„Der Kessel steht etwas schräg links von ihnen", erklärte sie, "die Zutaten liegen vor ihnen auf dem Tisch."

Ihre Stimme bestätigte ihm ihre Position an der sie stand, leicht versetzt hinter ihm, aber er hatte es auch so gewusst, er hatte sie dort wahrgenommen. Eine Hand legte sich über seine, sie war kalt, und führte ihn zu den Zaubertrankzutaten, die vor ihm ausgebreitet lagen. Sie musste sich etwas vorbeugen und ihre Haare strichen über seinen Unterarm und verursachten dort eine Gänsehaut.

„Ist Ihnen kalt?", fragte er, bezogen auf die Kühle ihrer Haut, nur um von seiner eigenen Reaktion auf sie abzulenken.

„Nein, Ihnen?", erwiderte sie tonlos.

Er spürte förmlich ihren Blick, der auf seinem entblößten Unterarm lag.

„Ich denke, ich habe verstanden, was Sie mir mit dieser kleinen …Retourkutsche begreiflich machen wollten."

„Soll heißen?"

„Können Sie keine ganzen Sätze mehr formulieren?", fragte er aufgebracht. „Das soll heißen, dass ich weiß, dass ich mich nicht ganz korrekt verhalten habe. Ich habe begriffen, dass Sie sich unwohl gefühlt haben. Ich hätte Sie nicht dermaßen überrumpeln sollen, vielleicht hätte ich Ihr Einverständnis erfragen sollen, bevor ich Ihnen die Augen verbunden habe. Aber ich bin durchaus befugt meine Schüler zu derartigen Demonstrationszwecken hinzuzuziehen."

„Bis auf die Sache mit der Augenbinde."

Sie standen immer noch unverändert. Der Tränkemeister stützte sich mit beiden Armen auf dem Tisch ab, Hermine stand halb neben, halb hinter ihm, ihre Hand noch immer auf der seinen.

„Bis auf die Sache mit der Augenbinde", bestätigte Snape nun ruhiger.

Hermine trat noch einen Schritt näher an ihn heran, stand jetzt direkt hinter ihm und berührte bereits mit ihrer Bluse seinen Rücken über dem der Stoff seines Hemdes durch seine Haltung straff gespannt war. Sie sah und hörte wie er wieder tief einatmete und den Kopf ein wenig nach vorn hängen ließ. „Das war nicht der Grund", sagte sie leise und das es so war, wurde ihr in diesem Moment selbst erst richtig bewusst.

Ihre Hand strich seinen Unterarm langsam auf und ab, verharrte dann an seinem Handgelenk und umschloss es mit ihren Fingern. Der Puls, den sie dort fühlen konnte schlug schnell, was ihr den Mut gab nicht zurückzuweichen.

„Was war dann der Grund?", fragte Snape mit rauer Stimme und klang dabei ehrlich interessiert.

Sie zögerte kurz, aber nun war der Punkt erreicht, an dem sie ihn einen Hinweis auf das geben konnte, was sie damals empfunden hatte. Entweder ihm ging es ähnlich und er begriff, oder...! „Beschreiben Sie alles, was Ihnen Ihre Sinne mitteilen.!" Sie hatte seine Worte gewählt und hielt jetzt vor Anspannung die Luft an. Jetzt gab es kein zurück mehr. Das Pulsieren unter ihren Fingerspitzen wurde schneller.

Er wusste natürlich, dass sie spürte, wie sein Puls raste. Mit Sicherheit hatte sie auch seine anderen Reaktionen auf sie bemerkt. Er hatte es nur seiner antrainierten Selbstbeherrschung zu verdanken, dass er weitere verräterische Anzeichen unterbinden konnte. Er hatte es nicht wahrhaben wollen, aber es war so. Sie löste diese Dinge in ihm aus und allein darüber nachzudenken erregte ihn. Es war so offensichtlich gewesen, schon im Unterricht, in dem er den anderen Part innehatte, hatte er auf sie reagiert. Und sie? Er hatte geglaubt, es wäre Unsicherheit gewesen, Angst sich vor ihren Mitschülern zu blamieren. War es das gar nicht gewesen, wie er sich einzureden versucht hatte? Die beschleunigte Atmung, das Erröten, der Pulsschlag, der an ihrem Hals pochte wie verrückt.

Tbc…