„Das darf doch nicht wahr sein…"
Tom schüttelte den Kopf. Er hatte die letzte dreiviertel Stunde an seinem Aufsatz gearbeitet und ihm war gar nicht aufgefallen, dass Akkarin eingeschlafen war. Der Vampir saß da, den Kopf auf die rechte Hand gestützt und schlief tief und fest. Tom blickte auf sein Papier und sah, dass er nur wenige Zeilen geschrieben hatte, bevor er eingenickt ist; seinen Stift hielt er aber selbst im Schlaf noch fest. Tom rollte seinen Block auf und zog Akkarin eins damit über.
„Wach auf, du Faulpelz!"
Akkarin riss die Augen auf und warf seinen Stift in die Luft. Er blickte desorientiert um sich.
„Was? Wo? Wer?"
Tom kicherte und packte seinen Block und das Zaubertrankbuch in seine Tasche.
„Du bist eingeschlafen und hättest schon fast wieder ein Essen verpennt."
Der andere legte den Kopf in seine Hände, rieb sich die Augen und gähnte.
„Oh nein, Mittagessen mit Cassidian. Ich hatte es schon fast verdrängt."
Tom suchte währenddessen nach Akkarin´s Stift, fand ihn nahe einem Regal auf dem Boden und legte ihn auf den Tisch. Geduldig sah er dem Vampir zu, wie er seine Sachen packte und dann auch aufstand.
„Aber lässt sich wohl nicht vermeiden. Interessant, dass er dich auch eingeladen hat; wer weiß, was mein verehrter Cousin plant."
Tom grinste.
„Vielleicht will er mich einfach nur kennen lernen? Vielleicht findet er mich ja süß?
Akkarin lachte nur.
„Eher nicht. Achte mal auf das Mädchen neben ihm. Sie heißt Jaina und der Termin für ihre Bindungszeremonie, oder wie ihr sagt, Hochzeit, steht schon. Sie machen nur noch die Schule fertig."
Tom legte sich theatralisch die Hand auf die Stirn und seufzte.
„Mein Herz ist gebrochen!"
Akkarin ging an ihm vorbei und klopfte ihm auf die Schulter.
„Pass bloß auf, Cassidian ist ein recht passabler Legilimens; könnte peinlich werden. Na komm schon, bringen wir es hinter uns."
Tom folgte ihm und dachte:
´Nur gut, dass ich ein „ganz passabler" Occlumens bin…´
Xxx
Die Bibliothek war nur einen Flur von der großen Halle entfernt, so standen sie nur wenige Augenblicke später vor der Flügeltür. Tom war schon etwas nervös und da half es nichts, dass Akkarin ihn nochmals an seine Manieren erinnerte.
„Und denk daran, zeig ein wenig Respekt. Cassidian und die anderen Älteren mögen es gar nicht, wenn man ihnen respektlos begegnet."
Tom dachte an die Begegnung heute Morgen und musste unfreiwillig schlucken.
„Was du nicht sagst. Ich mach einfach, was du machst."
Akkarin überlegte kurz, antwortete dann:
„Gute Idee, zumindest machst du dann nichts falsch."
Und damit schritt er voran durch die Tür und Tom folgte ihm zögernd. Doch in dem Moment, in dem er im Sichtfeld der anwesenden Schüler war, drückte er den Rücken durch und hielt den Kopf aufrecht; so wie er das schon all die Jahre auf jedem Treffen seines Vaters tat, das seine Anwesenheit erforderte – Kopf hoch und durch!
Je näher sie dem Tisch der Vampire kamen, umso mehr Augenpaare folgten ihnen. Einzelne Schüler starrten ihn, Tom, sogar unverhohlen an, um dann hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln. Dies alles ließ ihn nur noch aufrechter zum Tisch schreiten.
Doch kaum angekommen brach seine selbstbewusste Fassade in sich zusammen. Elf Vampire blickten ihn und Akkarin offen mit einem gewissen Interesse an. In dem einen oder anderen Augenpaar glaubte Tom so etwas wie Appetit zu sehen; beim Gedanken daran lief ihm ein Schauer über den Rücken. Dann verbeugte sich Akkarin und Tom folgte seinem Beispiel. In Cassidians Nähe spürte er wieder dieselbe autoritäre Aura, der er sich heute Morgen schon unterordnen musste.
„Guten Tag, verehrter Cousin, bitte entschuldige meine Abwesenheit heute Morgen. Ich habe noch Anpassungsschwierigkeiten mit den Zeiten."
Cassidian nickte.
„Wie erwartet. Lass das nur nicht zur Gewohnheit werden. Nun setzt euch doch."
Er wies auf zwei leere Plätze direkt ihm gegenüber. Tom meinte sich zu erinnern, dass genau dort zwei andere saßen, dennoch nahm er auf Cassidian´s Geheiß den ihm zugewiesenen Platz ein. Unsicher blickte er zu seinem Sitznachbarn hinüber. Cassidian fing seinen Blick auf und wohl auch seine Gedanken.
„Keine Sorge, Mr. Riddle, niemand wird dir hier schaden. Darf ich dich Tom nennen?"
Tom blinzelte, etwas überrumpelt, plötzlich so direkt angesprochen zu werden.
„Äh, ja, natürlich."
Cassidian faltete die Hände und fuhr fort:
„Nun, dann lass mich dir mal unsere illustre Runde vorstellen."
Er zeigte auf einen Jungen, etwa 14 Jahre alt, zu seiner linken. Er hatte dasselbe blonde Haar, wie Cassidian selbst und dieselben violetten Augen. Nicht stechend wie der Ältere, sondern lustig blitzend. Er nickte Tom lächelnd zu.
„Das ist Orion, mein kleiner Bruder. Daneben sitzt Thamos, ein Cousin von mir."
Der ernst dreinblickende Vampir würdigte ihn keines Blickes.
„Dann kommen Linnea und Milena, sie sind mit Thamos in einer Klasse."
Zwei Mädchen, die eine schwarze Haare und rote Augen, die andere weiße Haare und violette Augen, lächelten ihm zu. Trotz der freundlichen Fassade konnte er ihre Abneigung deutlich spüren.
„Der neben dir heißt Tian und ist ein Jahr über euch."
Der Junge reichte ihm sogar die Hand und seine roten Augen verrieten eine gewisse Wärme und standen in krassem Kontrast zu seinen blauen Haaren.
„Links neben Akkarin sitzen Sirian und Aridian. Und daneben Valerian, ihr älterer Bruder."
Die drei nickten ihm zu. Die Brüder hatten zwar unterschiedliche Augenfarben, doch zeigten sie unergründliche Trauer. Die Zwillinge waren eineiig und glichen sich aufs Haar und außer seinen roten Augen und ein paar Zentimetern Körpergröße unterschied sich auch Valerian nicht sonderlich von ihnen; Hellbraunes Haar und scharfe Gesichtszüge.
„Dann haben wir da noch Anais, sie wird dieses Jahr ihren Abschluss machen."
Das schwarzhaarige Mädchen winkte nur kurz, ohne den Blick von ihrem Buch abzuwenden.
„Und zu guter Letzt Jaina. Sie ist meine Versprochene."
Cassidian nahm ihre Hand und küsste sie. Tom sah sie einen Moment lang an, sie war wunderschön. Fein geschnittene Züge, den perfekten Körper, ein freundliches Lächeln, lange Wimpern, die ihre tief violetten Augen umspielten, die dunkelblonden, langen, welligen Haare. Akkarin riss ihn aus seinen Gedanken, indem er ihm seinen Ellbogen in die Rippen stieß.
„Du starrst."
Tom errötete und neigte den Kopf in Richtung Jaina.
„Entschuldigung."
Sie lächelte ihm zu.
„Schon in Ordnung."
Das Erscheinen der Speisen unterbrach jegliche weitere Konversation. Nur für Tom erschien eine Schüssel mit Spaghetti und Soße dazu; er bediente sich. Tian sah interessiert auf Tom´s Teller.
„Nimm ruhig."
„Wenn du was übrig hast."
Tom wies auf die restlichen Nudeln und Soße; genug für eine weitere Portion. Tian nahm sich ein wenig und aß die Spaghetti trotz dem Kopfschütteln Thamos´. Der junge Vampir sagte an Tom gewandt:
„Ich bin nicht so der Gemüsefan und mit Obst hab ich´s auch nicht so. Das muss ich ausnutzen, wenn es mal so etwas zu essen gibt."
Tom war erst überrascht, lachte aber dann zusammen mit Tian. Ein verächtliches Schnauben aus Thamos´ Richtung ließ sie verstummen.
„Da sieht man wieder, wo Tian tatsächlich hingehört."
Tian sprang von seinem Sitz auf, lehnte sich über den Tisch.
„Was willst du damit sagen?"
Thamos sah ihm spöttisch grinsend in die Augen. Doch bevor er auch nur den Mund aufmachen konnte, setzte Cassidian seinen Becher mit einem lauten Knall ab und fixierte Thamos.
„Überleg dir genau, was du jetzt sagst. Keine Streitereien bei Tisch und Tian´s Blut ist nicht deine Sorge. Und sei froh, wenn ich nicht mal einen Blick in deine Blutlinie werfe."
Thamos Augen weiteten sich ein wenig.
„Und du, Tian, setz dich. Ich dachte, du hättest etwas mehr Selbstbeherrschung im letzten Jahr gelernt, als das."
Der Jüngere senkte den Blick und ließ sich auf seinen Stuhl zurückgleiten.
„Und nun möchte ich in Ruhe weiter essen."
Damit war das Thema für Cassidian erledigt und Tom erschien es so, als wäre das nicht das erste Mal gewesen, dass Tian und Thamos aneinander gerieten.
Bald waren sie fertig mit dem Essen und die beiden Jungs saßen etwas verloren am Tisch, nicht sicher, was nun kommen würde. Cassidian ergriff das Wort.
„Nun denn, ich glaube, wir müssen wieder zum Unterricht. Ich erwarte von euch, von nun an jedes Mahl mit uns einzunehmen. Akkarin, bitte komm heute Abend bei mir vorbei."
Akkarin stand auf und verbeugte sich, Tom folgte seinem Beispiel.
„Bis heute Abend dann."
Die Vampire nickten ihnen zu, bevor sie sich abwandten und die Halle verließen. Nun gab es kaum ein Augenpaar, das nicht auf sie gerichtet war.
´Fast schon gruslig.´
Tom war froh, als sie die Halle verlassen hatten. Er schlug automatisch den Weg zum nächsten Unterricht, Arithmantik, ein. Akkarin brach bald das Schweigen.
„So, jetzt kennst du alle. Dir ist schon klar, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt?"
Tom sah ihn an, runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?"
„Naja, du wurdest eben offiziell in die Gruppe eingeführt und Cassidian wird erwarten, dass wir unsere freie Zeit mit ihnen verbringen. Und du hast sicher die Blicke der Anderen gesehen. Viele waren nur neugierig, aber noch mehr ablehnend; für die Meisten ist es nichts Positives, mit uns Vampiren zu verkehren."
Tom zuckte nur mit den Schultern.
„Ich bin es gewohnt, auf Ablehnung zu stoßen. Die Leute scheinen in Ordnung und es ist sicher hilfreich, ältere Schüler um sich zu haben, die man mal fragen kann."
„Wusste gar nicht, dass du so ein Streber bist, Tom."
Tom rempelte Akkarin mit der Schulter an. Dieser stolperte ein paar Schritte seitwärts, lachte aber.
„Hey! Aber du hast schon Recht."
Sie gingen ein paar Schritte, ohne etwas zu sagen. Tom legte die Stirn in Falten.
„Irgend hab ich das Gefühl, Cassidian weiß mehr über mich, als mir lieb ist."
Er musste unfreiwillig an seine Bemerkungen in der Bibliothek denken. Es kostete ihn alle Willenskraft, nicht nachträglich zu erröten.
„Ich hab dir gesagt, er ist ein recht guter Legilimens. Und sein Clan ist die Nummer eins im Beschaffen von Informationen. Die Tepes sitzen überall mit drin – Im Ministerium, in allen möglichen Institutionen, überall bekannt und widerlich reich. Sie haben ein riesiges Netzwerk errichtet."
´Wie die Malfoy´s…´
Tom konnte es sich gut vorstellen, wie sein Vater Lucius Malfoy auf den Namen seines neuen Freundes angesetzt hat und dieser nun alle seine Kontakte abklapperte um mehr über ihn herauszufinden. Aber er wusste ja schon, dass die Chancen weniger als gering sind, dass er nichts über Akkarin herausfinden würde. Und nun, da er anscheinend fest in die Gruppe der Vampire integriert wurde, würde es keine Möglichkeit geben, dies alles zu vertuschen.
Die Gerüchte würden sich bald verbreiten – über den Neuling, der in den Vampirzirkel aufgenommen wurde. Da fiel ihm plötzlich der Streit von vorhin ein.
„Was war das eigentlich mit Tian und Thamos?"
Der Vampir schnaubte.
„Tian´s Mutter ist ein normaler Mensch und Thamos hat ein Problem damit. Seine Familie ist sehr konservativ ausgerichtet und duldet keine Halbblüter. Dumm für Thamos, dass Tian der Erbe seines Clans ist, jetzt muss er Tag für Tag mit ihm an einem Tisch sitzen."
Akkarin lachte schadenfroh.
„Sorry, aber ich kann Thamos einfach nicht ausstehen. Der ist total eingebildet und arrogant."
Tom blieb nichts anderes übrig, als zustimmend zu nicken. Genau so war sein erster Eindruck von Thamos.
„Aber was meinte Cassidian damit, mal einen Blick in seine Blutlinie zu werfen? Ich meine, wenn Thamos´ Clan so konservativ ist, dann wird er da nichts finden, oder?"
Der Blonde zuckte nur mit den Schultern.
„Jede Familie hat Leichen im Keller, seine sicher auch…"
Tom dachte gerade an die Leichen im Keller seiner Familie, als Akkarin plötzlich stehen blieb.
„Ah, da sind wir ja. Sollte ich einschlafen, weck mich ja nicht. Ich hasse Arithmantik."
Tom lachte und zusammen gingen sie in den Klassenraum.
Xxx
Akkarin war tatsächlich eingeschlafen und wie versprochen hatte Tom ihn nicht geweckt. Erst zum Ende der Stunde hatte er ihn sachte gestoßen und zusammen gingen sie zu ihrem Zimmer.
„Endlich ist der Unterricht zu Ende; wenigstens haben wir nur 6 Stunden am Tag."
Akkarin zog seinen Stundenplan aus der Tasche.
„Ja, aber alles Doppelstunden. Als wären 60 Minuten Arithmantik nicht schon genug!"
Tom ließ das unkommentiert, denn er mochte das Fach. Aber das war nichts, das man seinen Freunden erzählte. Stattdessen sparte er sich seinen Atem um die letzten paar Stufen zu ihrem Korridor auf einmal zu nehmen und zum Zimmer zu schlendern, Akkarin war nur wenige Schritte hinter ihm.
Im Zimmer angelangt warf er seine Schulttasche aufs Bett und ließ sich auf seinen Stuhl fallen, nur um die Füße auf den Tisch zu legen und auf den hinteren Stuhlbeinen zu wippen.
„Hach, zuhause durfte ich das nie!"
Akkarin kicherte nur und knöpfte sein weißes Hemd auf, um es dann in Richtung Kleiderschrank zu werfen, die Socken folgten. Tom sah verwirrt zu ihm hinüber.
„Was hast du jetzt vor?"
Der Vampir hatte gerade den Gürtel in seiner Hose gelöst und zog sie aus. Er hatte nun nur noch seine Boxershorts an. Tom schüttelte den Kopf.
„Das ist mehr, als ich sehen wollte…"
Trotz seines Kommentars huschten Tom´s Augen über den Körper des Anderen. Makellose Haut, fein definierte Muskeln darunter, lange Gliedmaßen und ein kräftiger, gesunder Körper. Tom wusste, wovon ein solch definierter Körper kam – ausdauerndem Training. Ein Training, das auch er zum Selbstschutz absolvieren hat müssen, solange er nicht genügend Zauber beherrschte, um sich mit seinem Zauberstab wehren zu können. Außerdem war sein Vater der Meinung, nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Nicht sehr überzeugend, wenn es von einem Mann kommt, der vom Großteil der Bevölkerung als wahnsinnig abgestempelt wird; trotz seiner sehr guten körperlichen Verfassung.
Akkarin warf sich auf sein Bett und zog die Decke hoch.
„Ich werde jetzt ein bisschen schlafen, Tagaktivität ist echt nichts für mich."
Tom sah ihn verständnislos an, doch bevor er fragen konnte, fuhr Akkarin fort.
„Naja, wir sind es normalerweise gewöhnt, vormittags zu schlafen und erst am frühen Nachmittag aufzustehen. Doch hier müssen wir uns an den Tagesablauf der Mehrheit anpassen und obwohl ich schon versucht habe, mich zuhause an die Zeiten zu gewöhnen, klappt das noch nicht ganz. Und deswegen bin ich jetzt hundemüde und muss ein bisschen schlafen."
Zur Bekräftigung seiner Worte gähnte er herzhaft. Tom nickte und schnappte sich wieder seine Tasche.
„Dann werde ich einfach in die Bibliothek gehen und dort die Hausaufgaben erledigen. Dann kannst du in Ruhe schlafen."
Akkarin sah ihn dankbar an.
„Danke, Tom."
Xxx
Tom suchte sich einen Tisch in einer der hinteren Ecken und packte seine Sachen aus. Den Aufsatz für Zaubertränke hatte er schon so gut wie fertig, aber für Zauberkunst hatte er noch einiges zu tun. Professor Ricardo wollte eine Abhandlung über den Ursprung und Nutzen des Schwebezaubers „Wingardium Leviosa", die mindestens eine Pergamentrolle lang sein sollte. Er hatte zwar bis Freitag Zeit, aber er erledigte seine Aufgaben lieber sofort, als sie aufzuschieben. Schon bald sah er, dass die Informationen, besonders bezüglich des Ursprungs des Zaubers, in seinem Schulbuch recht dünn waren. Also klappte er das Buch zu und begann, die Regale nach brauchbarem Material zu durchsuchen.
Als er vorhin die Bibliothek betreten hatte, hatte er die anderen Schüler weitestgehend ignoriert. So hatte er auch nicht die Blicke von vier Schülern seines Jahrgangs gesehen und auch nicht bemerkt, wie sie, sobald er aufstand und sich in Richtung Bücherregale machte, ihm folgten.
Er hatte gerade ein vielversprechendes Buch gefunden, als er grob an der Schulter herumgerissen wurde. Aus Reflex ließ er seinen Zauberstab aus dem Holster gleiten, wirkte einen „Stupor"-Zauber. Ein dumpfer Knall folgte rotem Licht und Tom wich ein paar Schritte zurück von seinem Angreifer.
Ein erschrockener Aufschrei hallte durch die Bibliothek.
Erst jetzt bekam er den genauen Überblick; es waren drei insgesamt. Am Boden lag ein plumper Junge; Tom war sich fast sicher, dass sein Name Andrej Bolstoi lautete. Der Junge lag am Boden, die wässrig blauen Augen halb offen aber nicht fokussiert. Die anderen beiden kannte er von der Willkommenszeremonie gestern; Samantha Costington und Aleksander Jalenko.
Nichts, mit dem er nicht fertig werden würde. Tom knurrte beinahe, als er fragte:
„Was soll das?"
Doch bevor er weiter fragen konnte, belebte ein gemurmeltes „Enervate" den zu Boden gegangenen Jungen wieder und noch bevor Tom die Chance hatte, den Ursprung des Zaubers festzustellen, traf ihn ein gut gezielter „Petrificus Totalus" direkt zwischen die Schultern. Er kippte vorne über und schlug hart auf dem Boden auf, sein Zauberstab klapperte über den Boden. Panisch huschten seine Augen hin und her, doch mehr als ein paar Dielenbretter konnte er so nicht sehen.
Ein grober Tritt in die Seite drehte ihn auf den Rücken und er blickte in das wütende Gesicht Andrejs. Doch irgendwas in seinem Gesicht brachte den Jungen zum Grinsen.
„Ich hätte dir ja noch gern eine verpasst für den Zauber, aber du scheinst schon bedient."
Er strich mit einem Finger über seine Wange und als er ihn vor Tom´s Gesicht hielt, konnte er sehen, dass Blut daran war. Tom hatte schon oft genug Blut gesehen, auch sein eigenes, als dass ihn der Anblick verängstigen würde.
Tom versuchte, die vierte Person zu erkennen, aber noch hielt sie sich im Hintergrund. Andrej dagegen fuchtelte nun mit seinem Zauberstab in seinem Gesicht herum, um seine Aufmerksamkeit wiederzuerlangen.
„Aber nun zur Sache, Riddle. Was denkst du, wer du bist, dass du dich mit diesen Freaks abgibst?"
Tom hätte gerne gefragt, was ihn das angeht, aber da er im Moment nicht sprechen konnte, musste er sich mit einem kalten Starren zufrieden geben.
„Merkst du nicht, dass du dir mit der Wahl deiner „Freunde" nur Probleme machst? Die und ihre Magie sind schwarz, schwärzer geht es nicht. Von denen hält man sich fern, solange man etwas auf sich selbst hält."
Tom lachte geistig. Wenn dieser dumme Junge nur wüsste, mit welch schwarzer Magie er sich schon abgegeben hatte. Es stimmte, die Vampire waren immerzu von einer gewissen Dunkelheit umgeben, aber verglichen zu den Gefolgsleuten seines Vaters, die nahezu nach schwarzer Magie stanken, war das nichts.
Anscheinend verrieten seine Augen, dass er sich über die Aussage amüsierte, denn der Vierte trat aus den Schatten und an ihn heran. Er hatte stechend grüne Augen und silbernes Haar, das in starkem Kontrast zu seiner gebräunten Haut stand. Einzig die silbrigen, kreuzförmigen Narben an der linken Seite seines Halses störten das perfekte Bild. Der Junge ging neben Tom in die Hocke und fixierte ihn mit seinen Augen.
„Du scheinst nicht zu verstehen, Tom."
Tom gefiel es gar nicht, dass dieser Junge seinen Vornamen benutzte.
„Du bist in großer Gefahr. Diese… Wesen… sind nicht so wie wir. Sie kennen nur ein Verlangen, das Verlangen nach Macht. Und diese Macht bekommen sie durch unser Blut, magisches Blut. Ich erkenne einen begabten Magier, wenn ich ihn sehe und ich sage dir, früher oder später werden sie auch über dich herfallen."
Tom war sich ziemlich sicher, dass das nicht passieren würde, aber dieser Junge klang so verdammt überzeugend!
„Überlege dir genau, ob du dich weiterhin dieser Gefahr aussetzen möchtest oder einen anderen Weg wählst. Solltest du dich gegen die Vampire entscheiden, komm zu mir, ich kann dir helfen."
Damit stand der Junge auf.
„Und nimm dich besonders vor diesem Cross in Acht, Tom."
Er bedeutete den anderen dreien, die gebannt gelauscht hatten, zu gehen. Bevor die Gruppe hinter dem nächsten Regal verschwand, erlöste ihn ein Gegenzauber aus seiner Starre.
Tom blieb noch mehrere Minuten still liegen in Gedanken versunken.
Xxx
Tom zögerte, die Klinke zu drücken. Er stand vor der Tür zu seinem und Akkarin´s Zimmer und wusste nicht genau, wie er dem Anderen begegnen sollte. Zum ersten Mal, seit er den Jungen kennengelernt hatte, wurde ihm bewusst, wie unterschiedlich sie beide wirklich waren und dass Akkarin durchaus eine Gefahr für ihn darstellen könnte.
Das Angebot Professor Carter´s kam ihm in den Sinn. Er brauchte nur zu ihm zu gehen und ihm zu sagen, dass sie nicht miteinander auskämen und schon hätte er ein neues Zimmer weg von den Vampiren. Oder er könnte einfach mal bei diesem Jungen nachfragen, was er genau mit Helfen meinte.
Aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, wollte er das nicht. Tom hatte noch nie jemanden getroffen, mit dem er sich auf Anhieb so gut verstand und in dessen Gegenwart er sich so wohl fühlte. Er konnte und wollte nicht glauben, dass gerade Akkarin ihn nur als „Nahrung" sah.
Tom atmete tief durch, öffnete die Tür und trat ein. Er schloss die Tür leise, als er sah, dass der Vampir noch immer schlafend auf seinem Bett lag. Lautlos näherte er sich Akkarin und betrachtete den Schlafenden.
Der Junge war nur halb zugedeckt, Gänsehaut überzog seinen nackten Oberkörper. In seiner Rechten hielt er lose sein Stofftier und den linken Arm hatte er oberhalb seines Kopfes liegen. Dunkelblonde Strähnen fielen in sein Gesicht, die Wangen waren vom Schlaf gerötet und er schnarchte leise.
Ein unschuldiger Anblick, dachte Tom; hätte der Junge nur nicht gerade im Schlaf gegähnt und seine verlängerten Reißzähne gezeigt und damit das Bild zerstört. Als Akkarin fröstelte, legte er ihm die Hand auf die Schulter und weckte ihn sachte.
