Gefährten
Fanfiction von Lady of the dungeon
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Vielen Dank für die Reviews an istina, Spitzohr, Lola, Reinadoreen, Norseemöwe und Sally Slytherin!
Wie es scheint, wird hier jedes Kapitel etwa 1000 Worte länger als das vorherige. Wo soll das noch enden?
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Beta: TheVirginian
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Soundtrack: „For whom the bell tolls" von Apocalyptica
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4. Feueralarm
Der Rest des Tages verlief ereignislos. Zweimal brachte man ihnen Essen, eine dünne Bohnensuppe und später eine geschmacklose helle Pampe, die jedoch wenigstens unter Verwendung von Kartoffeln und Zwiebeln hergestellt war. Beides – Suppe und Brei - roch nach altem Hammel. Vor dem Abendessen holte man sie zum Hofgang, der diesmal nur eine halbe Stunde dauerte. Malfoy erwies sich als hartnäckiger Schweiger, und Remus brachte es nicht über sich, ihn damit zu erpressen, dass er ihm nur auf die offenbar bevorzugte Anhöhe folgen würde, wenn er Informationen preis gab – er hätte unter keinen Umständen in der Nähe der Latrinen bleiben wollen. Tatsächlich packte er die Gelegenheit beim Schopfe, um unter der Kontrolle des Wachmanns oben auf der Plattform zwanzig Minuten zu dösen.
Dennoch war Remus völlig erledigt, als Malfoy nach Einbruch der Nacht schließlich die Nische unter dem Fenster räumte und das eintönige Betrachten der Ritzen im Fußboden einstellte.
Dies also war Askaban, konstatierte Remus im Stillen. Endlose Stunden mit einem unerträglichen, bösartigen Zellengenossen eingesperrt, schlechtes Essen und abstoßende hygienische Bedingungen. Es war völlig anders, als er es sich vorgestellt hatte, jedoch genauso schrecklich.
Jetzt, in der Dunkelheit und Stille der Nacht, hätte er die Augen schließen und sich weit fort träumen können. Für ein paar kostbare Minuten wäre es ihm vielleicht möglich gewesen, sich der harten Realität zu entziehen und sich vorzustellen, dass es Doras und nicht Malfoys regelmäßiger Atem war, den er hörte, nicht sein Herzschlag, sondern der ihre. Doch er durfte nicht einschlafen, nicht nach dem Streit, den er am Mittag mit Malfoy ausgetragen hatte.
Schlief der Slytherin? Oder hatte er nur zum Schein die Augen geschlossen? Oder ging es ihm gar wie Remus und versuchte er, für ein paar kostbare Momente nicht hier in Askaban, sondern woanders zu sein?
Über diesen Gedanken mochte Remus allen Versuchen, wach zu bleiben zum Trotz eingenickt sein, als plötzlich das Heulen einer Sirene und gleißendes Licht die Zelle erfüllte. Mit einem Knall sprang die Tür auf, und zwei Wächter stürzten herein.
„Feueralarm! Los hoch aus den Betten!"
Mit vor Schreck schnell schlagendem Herzen sprang Remus auf, jemand packte ihn und schlang die magische Fessel um sein Handgelenk, dann schob man ihn hinaus auf den Gang.
„Identifizieren Sie sich!"
„Remus John Lupin, Werwolf, geboren am…" erwiderte Remus automatisch. Es war der Code, mit dem sie beim Orden operiert hatten, wenn sie in der Dunkelheit jemanden vor sich hatten und nicht wussten, ob es Freund oder Feind war, jedoch einen Kameraden zumindest vermuten durften.
Ein heftiger Schlag magischer Impulsenergie traf ihn im Gesicht.
„Dein Name interessiert hier kein Arsch! Deine Nummer, Gefangener!"
Remus keuchte, als er einen schmerzhaften Stoß in die Seite spürte, den man ihm mit einem Zauberstab versetzte.
Seine Nummer, Merlin! „W-343…"
„Askaban-Nummer", raunte ihm Malfoy ins Ohr. „773."
Folgsam wiederholte Remus.
„Und jetzt du!", brüllte der Wachhabende.
„537, Sir", entgegnete Malfoy klar akzentuiert.
Remus warf ihm einen kurzen Blick zu. Violette Schatten lagen unter den Augen des anderen, viel geschlafen haben konnte er nicht.
Die Wachen schubsten sie den Gang hinab. Als seine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er, dass man nur ihn und Malfoy den Gang entlang trieb. Was war mit den anderen Häftlingen? Wollte man die etwa verbrennen lassen? Rauch konnte er nicht riechen, vielleicht brannte ein anderer Teil der Festung, vielleicht stand der Wind ungünstig, vielleicht…
Sie erreichten das Tor zum Hof.
„Bei den Latrinen sammeln!" lautete der schroffe Befehl.
Quietschend öffnete sich das schwere Eisentor. Auf dem Hof brannten Fackeln. Mehrere Gestalten in gestreiften Roben waren bereits versammelt. Remus erkannte einige der Männer von den beiden Hofgängen am Vortag.
„Aufstellung!", brüllte eine Stimme, und jetzt erst sah Remus die Wachzauberer, die mit gezückten Stäben ein paar Schritte entfernt Position bezogen hatten.
Malfoy neben ihm richtete sich auf. Es dauerte drei Stunden, bis endlich jeder der Häftlinge die Brandschutzregeln zur Zufriedenheit des Anführers der Wachen unter vielen „Ja, Sirs" auswendig herausbrüllen konnte. Remus hatte Mühe, sich gerade zu halten. Zweimal ertappte er sich dabei, dass ihm trotz des Geschreis und des flackernden Lichts die Augen zufielen. Er sehnte das Ende der Prozedur herbei, von der inzwischen mehrfach betont worden war, sie diene einzig der Sicherheit der Häftlinge. Doch er wusste auch, sobald er im Dunkeln läge, würde er einschlafen, ohne sich dagegen wehren zu können. Natürlich war auch Malfoy nicht entgangen, wie nah Remus einem Zusammenbruch war. Ein feines Lächeln spielte um seine Lippen. Allerdings wirkte selbst er müde und erschöpft, jedoch keineswegs so desolat wie Remus sich fühlte.
Irgendwann weit nach Mitternacht fiel die Zellentür hinter ihnen ins Schloss. Remus taumelte in Richtung seiner Pritsche, den inzwischen penetranten Geruch nach Urin und dem langsam in der Ecke verschimmelnden Erbrochenen der Vornacht nahm er nur am Rande wahr.
„Ich habe gelesen, Caniden sterben, wenn man ihnen ein paar Tage lang den Schlaf entzieht", zischte Malfoy. „Zu deiner Information, Lupin: Ich benötige nicht mehr als vier Stunden Schlaf, um zu funktionieren."
„Wie schön, Malfoy", gab Remus müde zurück. „Du kannst lesen. Ich bin beeindruckt."
Halb im Schlaf registrierte er, dass er eben aufgehört hatte, den Slytherin zu siezen. Er lehnte sich gegen die kühle Mauer hinter seiner Bettstatt, in der Hoffnung, dass ihm die Augen im Sitzen nicht gleich zufallen würden. Falls Malfoy die Wahrheit sagte, würde Remus irgendwann schlafen müssen, und damit wäre er wehrlos.
Etwa eine Stunde verging, in der er mit seinem übergroßen Bedürfnis rang, sich einfach auszustrecken. Die Wahrscheinlichkeit, dass Malfoy ihn erwürgte, war nicht besonders groß. Andererseits: Kam es bei einer lebenslangen Haft noch darauf an?
Remus schreckte auf, als erneut gleißendes Licht schmerzhaft in den Augen stach und Sirenenklang ertönte. Er konnte es nicht fassen, dass die Zellentür erneut aufsprang und sich die gesamte Prozedur wiederholte. Wieder trieb man sie die Gänge entlang und in den Innenhof, und wieder waren es dieselben Gefangenen. Am Ende wusste er nicht, wie er unten im Hof aufrecht stehen geblieben war. Vermutlich war es leichter, wach zu bleiben, während man angebrüllt und geschüttelt wurde. Auch andere Häftlinge hatten gravierende Probleme. Einem Paar, bei dem der kleinere Zauberer in sich zusammengesunken war, strich der Wachoffizier mit maliziösem Grinsen den Besuch am übernächsten Tag – für beide.
Es war genau dieser Moment, in dem Remus Malfoys Griff eisern um seinen Oberarm spürte.
„Wenn du umfällst, bringe ich dich um, Lupin. Ich schwöre es", versicherte ihm sein Mitgefangener flüsternd.
Ganz offensichtlich motivierte ihn die Angst, man könne auch ihm untersagen, Besuch zu empfangen, ungemein.
Irgendwann – es dämmerte bereits – brachte man sie in die Zelle zurück. Malfoy ließ Remus erst los, als die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte. Remus sank auf seiner Pritsche zusammen. Ein Krachen ließ ihn aufhorchen – wieder die Zellentür.
Kein drittes Mal Feueralarm! flehte er still.
„Übrigens, 537", verkündete der Wärter, ein grauhaariger Kerl mit breitem Gesicht, „falls dein Zellengenosse morgen irgendwelche Prellungen hat, zum Beispiel am Arm, wird das bei der medizinischen Untersuchung auffallen. Und für diesen Fall wird deine hübsche Frau übermorgen ganz traurig hier vor dem Tor stehen." Er grinste.
Remus hörte Malfoy aufstöhnen. Die Tür fiel ein weiteres Mal ins Schloss, und die Wache sprach den Siegelzauber.
„Wenn du mich heute Nacht umbringen willst, dann möglichst ohne Würgemale", empfahl Remus seinem Gegenüber zynisch.
„Es wird noch viele Nächte geben, in denen du nicht ein Auge zutun wirst, Werwolf, weil du mich fürchtest", fauchte Malfoy. Im nächsten Augenblick schlug er sich mit der Hand gegen die Stirn. „Verflucht!", entfuhr es ihm zwischen zusammengepressten Zähnen.
Remus folgte Malfoys Blick, der immer wieder unauffällig zu seinen Armen wanderte, und er erkannte, worauf sich der Fluch des Todessers bezog: Er mochte den Stoff von Remus' Robe solange anstarren, wie er wollte, er würde nicht erkennen, ob sein Versuch, Remus im Hof wach zu halten, sichtbare Spuren hinterlassen hatte.
Für einen Moment war Remus versucht, seinem Mithäftling zu sagen, dass Hämatome bei ihm in der Regel über Nacht heilten. Dann jedoch entschied er, diese wertvolle Information lieber für sich zu behalten. Er ließ den Kopf auf das Laken sinken. Er war so unendlich müde. Malfoy sah auch erschöpft aus, und dennoch konnte sich Remus des Eindrucks nicht erwehren, dass der Slytherin an diesem frühen Morgen kein Auge mehr zutun würde.
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Keine fünf Minuten später – so zumindest Remus' erste Empfindung – ertönte das übliche „Weg von der Tür!", und zwei Wachen holten sie ab für den morgendlichen Hofgang. Draußen signalisierte der helle Frühsommerhimmel, dass es bereits gegen neun Uhr sein musste. Apathisch ließ Remus sich von Malfoy über den Innenhof zum Sanitärgebäude ziehen und später hinauf zum Geländer. Er schloss die Augen und lauschte auf das rhythmische Grollen der Wellen, die sich tief unter ihnen an den Felsen brachen.
Seine Gedanken wanderten zurück zum letzten Sommer. Für ein paar Tage waren Dora und er ans Meer gefahren, an die walisische Küste. Sie hatten sich in einem kleinen Fischerdorf einquartiert. Die Unterbringung war einfach, aber auch unschlagbar günstig gewesen. Beide hatten nicht gewusst, aber doch geahnt, dass es die letzte Atempause vor dem langen Kriegswinter sein würde, und sie hatten diese wenigen Tage gelebt und einander geliebt, als wären es die letzten ihres Lebens.
Dora liebte das Meer. Das Geschrei der Möwen, die salzige Gischt, das Rauschen der Wellen – von all dem hatte sie nicht genug bekommen können. Genauso wie von ihm – es hatte lange gedauert, bis er diese Zuneigung akzeptieren konnte. Es schien ihm falsch, eine so junge, lebenshungrige Frau an sich zu binden und ihr damit viele Wege in eine erfolgreiche Zukunft zu verbauen. Doch Dora glaubte unverbrüchlich an den Sieg des Ordens, und daran, dass sich danach die rassistische Werwolfgesetzgebung ändern würde. Remus fragte sich seit seiner Verhaftung oft, ob sie sich in Kenntnis seines Handelns nach der Schlacht ein weiteres Mal für ihn entscheiden würde.
„Lucius! Zeit für ein Sonnenbad? Wie untypisch. Ich höre, du hattest eine unruhige Nacht?"
Remus schreckte auf, als die tiefe Stimme die Stille durchdrang. Aus dem Augenwinkel registrierte er Malfoys Blick in Richtung des Postens oben auf der Plattform, doch dort stand niemand. Vor ihnen jedoch hatte sich McNair aufgebaut. Aus der Nähe bot der ehemaligen Henker des Ministeriums einen noch erschreckenderen Anblick als von weitem. Hoch ragte der Hüne über ihnen auf, unter seiner schmutziggrauen Haut zeichneten sich dicke Muskelstränge und kräftige Sehnen ab. Der kahle Schädel glänzte in der Sonne. Der jämmerliche Zustand seiner Robe, die an vielen Stellen ausgefranst und zerrissen war, schien McNair ebenso wenig zu stören wie der abstoßende Geruch, der von ihm ausging. Das Waschen musste er bereits vor Monaten aufgegeben haben.
„Was willst du, Walden?", fragte Malfoy, und der gelangweilte Klang seiner Stimme hätte jeden getäuscht, der seine Anspannung und auch Furcht nicht wie Remus wittern konnte.
„Oh, ich wollte nur mal ‚Guten Tag' sagen und mir dein neues Haustier ansehen. Ihr seid ein hübsches Paar, hat das noch niemand lobend erwähnt?"
Sein Blick glitt über Lucius' geschmeidige Gestalt und dann über Remus' Gesicht, seine Brust, Bauch und schließlich tiefer. Es lag etwas Bedrohliches darin, und eine zweite Komponente, die Remus zunächst als wohlgefällig interpretierte, bis sich alle seine Nackenhaare angesichts dieser Musterung aufstellten.
„Ich hab mir den Werwolf nicht ausgesucht", gab Malfoy barsch zurück. „Warum gehst du nicht deinen kleinen dreckigen Geschäften nach und kümmerst dich um deine eigenen Angelegenheiten, McNair?"
McNairs Blick verdunkelte sich. „Du warst schon mal höflicher, Lucius. Ich erinnere mich an den einen oder anderen Empfang auf deinem Landsitz, der gar nicht mal so übel war, obwohl du ein verdammter Langweiler und spießiger Aristokrat bist. Wie geht es eigentlich deiner hübschen Frau? Kommt sie dich noch besuchen, oder hat sie bereits einen anderen?"
Lauernd beobachtete er Malfoy. Remus bemerkte, dass sich der Atem seines Zellengenossen beschleunigte, doch anders als bei Lestrange reagierte Malfoy heute deutlich gefasster.
„Lass Narcissa aus dem Spiel", zischte er.
McNair lachte, es hatte etwas Grobes, Ordinäres. „Übermorgen ist Besuchstag für euren Gang", setze er hinzu. „Ich werde erfahren, ob die Wärter dich geholt haben. Aber selbst wenn sie kommt, Lucius, heißt das nicht, dass sie nicht bereits für einen anderen die Beine breit gemacht hat."
Remus spürte, wie sich Malfoy neben ihm straffte und anspannte.
„Die Wache ist zurück", warnte Remus. Er hätte nicht erklären können, warum er das tat. Doch die vergangene Nacht hatte ihm klar gemacht, dass die Wärter nicht unbedingt danach fragten, wer von zwei zusammengehörigen Gefangenen einen Fehler beging – der Einfachheit halber bestraften sie schlicht beide. Das schien die einzig logische Erklärung für Malfoys Verhalten während des nächtlichen Feueralarms, für sein Bemühen, dass Remus nicht negativ auffiel. Vielleicht spielte dieser Aspekt bei Remus' Warnung eine Rolle.
Sowohl Malfoys als auch McNairs Blick gingen hinauf zur Plattform. Doch dieses Mal wirkte Malfoy angesichts des Schutzes nicht erleichtert, und McNair schien amüsiert.
„Glück für dich, dass dein Wachhund aufpasst, Lucius. Du hättest ohnehin den Kürzeren gezogen." Er ließ die Muskeln an seinem Oberarm spielen. Die Ärmel der Robe hatte er abgetrennt oder abgerissen, damit man den beängstigend großen Bizeps auch nicht übersah.
„Wir müssen zum Tor, der Schließdienst wartet", erklärte Malfoy brüsk und beendete damit die Unterhaltung.
Er versuchte, Remus mit sich zu ziehen. Blitzschnell schoss in diesem Moment der Fuß von McNairs Mitgefangenem nach vorne. Remus hatte nicht auf den schweigsamen Dunkelhaarigen geachtet, und als dieser ihn jetzt zusätzlich stieß, prallte er mit dem Hinterkopf gegen die Balustrade. Brennender Schmerz zuckte durch seinen Schädel, und hätte Malfoy ihn nicht abgefangen, er wäre vermutlich lang hingeschlagen.
„Hoppla", krächzte der Dunkelhaarige. „Wie ungeschickt von dir, Werwolf."
McNair beugte sich zu Remus. „Du blutest, Mann. Wenn du weißt, was gut für dich ist, erklärst du den Wachen, dass Lucius hier sich nicht beherrschen konnte. Sag ihnen am besten, dass du was Abfälliges über seine Narcissa gesagt hast, dann werden sie dir ganz sicher glauben."
Remus griff sich an den Hinterkopf. Zwischen seinen Fingern klebten Haare und Blut. McNair und sein Kumpan gaben grinsend den Weg frei. Malfoy presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, steif setzte er einen Schritt vor den anderen. McNair hatte Remus eine Waffe gegeben, und es sprach viel dafür, sie gegen Malfoy einzusetzen – zu Remus' eigener Sicherheit. Einen Streit mit dem Henker zu riskieren, das war ihm klar, bedeutete eine Menge Ärger.
Sie erreichten das Tor. Blut sickerte über Remus' Robe, es war nicht zu übersehen.
„Was ist denn mit dir passiert?", erkundigte sich der Wachzauberer. Er schwang seinen Stab. „Nummer 773", setze er hinzu.
„Mir", ertönte McNairs Stimme direkt hinter ihm, „ist übel, Sir. Ich kann kein Blut sehen und verlange, auf meine Zelle gehen zu dürfen."
Remus spürte den Atem des Henkers im Nacken. McNair wollte also sichergehen, dass er seiner Anweisung auch Folge leistete. In Malfoys Gesicht zeichnete sich eine Mischung aus Verzweiflung und Resignation ab, doch nur für einen kurzen Moment, dann hatte er sich wieder im Griff. Nur seine Hände zitterten.
„Also?", fragte der Uniformierte ungeduldig.
„Gestolpert", murmelte Remus und hielt dem durchdringenden Blick stand. „Ungeschicklichkeit, keine Fremdbeteiligung."
„Ich sag oben Bescheid, dass du zum Heiler kommen sollst", entschied der Wächter. Er wandte sich McNair zu. „Und du, Nummer 889, kannst in deine Zelle, wenn dein zuständiger Wachmann hier ist, was in zehn Minuten der Fall sein dürfte. Bis dahin geht es vielleicht auch wieder besser."
Er maß McNair mit strengem Blick, doch Remus entging nicht, dass er die Faust fest um seinen Zauberstab ballte. Selbst hier, mit einem Gitter zwischen sich und dem unbewaffneten Todesser, hatte der Mann Angst. Dabei vermutete Remus, dass es sich noch um einen der mutigeren Zauberer vom Wachpersonal handelte. Viele hätten McNair vermutlich zuerst zu seiner Zelle gebracht, wie er es verlangte.
Die zweite Wache trat heran. „Weg vom Tor!", ertönte das Kommando. Er rief die Nummern der Mitgefangenen aus Remus' Gang auf, und sie sammelten sich zum Rückweg. Lestrange fehlte, und auch sein blasser Mitinsasse. Die Gruppe wurde hindurch gelassen und nach oben begleitet.
Als der erste Wächter die Zelle aufschloss und Remus die Fesseln löste, nickte er ihm zu.
„Das war eine mutige Entscheidung. Ich habe gesehen, dass Lester Sie gestoßen hat, Lupin. Sich hier drin gegen McNair zu stellen, dazu gehört schon etwas. Wenn Sie mal Hilfe brauchen – mein Name ist Freece. Ich war übrigens auch in Gryffindor."
Er wandte sich Malfoy zu. „Kannst dir ´ne Scheibe von ihm abschneiden, 537. Na, Slytherin, das mit der Courage wird einer wie du nie lernen."
Freece verließ die Zelle, und sie hörten das Klacken des Verschlusszaubers. Malfoy sah aus, als wolle er etwas sagen, aber dann setzte er sich schweigend ans Fenster, untersuchte kritisch seine Wasserflasche und trank, um danach in dumpfem Brüten zu versinken. Remus konzentrierte sich auf sein Arithmantikbuch, bis die Müdigkeit und neuerliche Kopfschmerzen ihm zu sehr zu schaffen machten. Er war dankbar, als um zwölf das Mittagessen gebracht wurde, ein lauwarmer Mix aus Reis und Bohnen, und gleichzeitig das bisher erträglichste, das ihm hier in Askaban vorgesetzt wurde.
Gegen Nachmittag holte man Remus für eine neuerliche medizinische Untersuchung. Es schien ein Spezifikum des medizinischen Personals zu sein, über einen deutlich höflicheren Umgangston als der Rest der Anstaltsmitarbeiter zu verfügen. Eine noch ziemlich junge Heilassistentin nahm ihm Blut ab und fragte sachlich nach Problemen mit dem Gefängnisessen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und in der Vergangenheit beobachteten Nebenwirkungen des Wolfsbanntranks. Sie kontrollierte auch den Sitz des Identifikationskristalls und seine einwandfreie Funktion.
Als Remus in die Zelle zurückkehrte, fiel ihm auf, dass der Geruch nach Urin und Erbrochenem sich verändert hatte. Tatsächlich wirkte der Boden, als wäre er gründlich gereinigt worden. In der Ecke stand ein Eimer mit einer trüben Brühe, die sehr widerwärtig roch.
„Putzen nach Muggelart?", erkundigte sich Remus erstaunt.
Malfoy nickte stumm, doch in seinen Augen lag ein seltsames Glitzern. Irgendetwas stimmte da nicht. Selbst wenn man ihnen Wasser und Seife zur Verfügung stellte, würde einer wie Malfoy ganz sicher nicht auf Knien herumrutschen, um Remus' Hinterlassenschaften zu beseitigen. Zumal er offenbar weniger unter dem Geruch litt als Remus selbst mit seiner feinen Nase.
Remus warf einen zweiten Blick in den Eimer. Dicht an dicht schwammen darin graue Papierschnitzel, die sich bei genauerer Betrachtung als arithmantische Formeln herausstellten.
Remus zerrte sein Buch aus der Nische über dem Bett – die Hälfte der Seiten war herausgerissen.
„Was hat dich geritten, Malfoy?", fragte Remus heiser, mühsam die Wut aus seiner Stimme verdrängend.
„Anweisung des Wachmanns", erwiderte Malfoy, und ein selbstgerechtes Grinsen huschte über sein schmales Gesicht.
„Hat er dezidiert gesagt, dass du mein Buch zerfleddern sollst?"
„Er hat mir fünf Minuten gegeben und nichts zum Aufwischen. Dieses Ding" – er wies auf das halb zerfetzte Buch – „erschien mir von allen Sachen hier am entbehrlichsten." Ein überhebliches Lächeln spielte um seine Lippen. „Und nachdem du deine medizinische Untersuchung jetzt hinter dir hast, gibt es keinen Grund mehr für friedliche Koexistenz."
Remus war sprachlos. Ein paar Stunden zuvor hatte er McNair die Stirn geboten und Malfoy damit die Besuchserlaubnis für den folgenden Tag erhalten. Zuvor hatte er ihn davor bewahrt, dem Henker vor den Augen des Wachmanns einen Schlag zu versetzen. Auch wenn diese Auswirkungen nur Nebenaspekte der Tatsache waren, dass Remus sich McNair nicht widerstandslos unterzuordnen gedachte, so profitierte Malfoy doch davon. Was also hatte den Slytherin dazu getrieben, ganz bewusst das Buch zu zerstören, das Remus mehr als alles andere die Gefangenschaft hier erträglich machte?
„Was soll das, Malfoy? Du willst Krieg? Also schön, kannst du haben."
Er lehnte sich gegen die raue Wand. Ein hervorstehender Mauerstein drückte sich schmerzhaft gegen die Kruste auf der Platzwunde, die ihm Lester verpasst hatte. Ein Ruck, und die Wunde vom Morgen begann wieder zu bluten. Malfoys Augen wurden beinahe kreisrund vor Entsetzen, als das Blut über Remus' Finger lief.
„Wie bekommt man wohl die Wärter hierher?", stellte Remus die rhetorische Frage. „Ich denke, ein paar laute Schreie oder Fausthiebe gegen die Tür reichen völlig aus."
Zwei Sekunden bis zur Tür, langsam erhob er seine Hand. Natürlich hörte er Malfoys leichten Schritt, und absichtlich ließ er zu, dass der Todesser sein Handgelenk umfasste.
„Nicht", presste Malfoy heiser hervor. In seiner Miene stand eine Mischung aus Entsetzen und Verzweiflung geschrieben, er rang um Beherrschung. Selten hatte Remus jemanden gesehen, der so tief am Boden zerstört war, und so hilflos darum bemüht, sich so wenig wie möglich davon anmerken zu lassen.
Malfoy hatte sich allerdings schnell wieder im Griff und trat einen Schritt zurück.
„Du spielst McNair in die Hände, wenn du das tust – mich beschuldigst", sagte er in beinahe sachlichem Tonfall, sein Gesicht eine unlesbare Maske.
„Vielleicht gereicht mir das nicht unbedingt zum Nachteil", gab Remus zurück. „Er scheint hier drin eine ziemlich große Nummer zu sein. "
Malfoy ließ ein trockenes Gelächter hören. „Allerdings", erwiderte er. „Stark wie ein Ochse und brutal ohne Grenzen. Ich wusste nicht, dass dies Leute sind, die ein ‚edler' Gryffindor unterstützt."
„Ausgerechnet Sie wollen mir moralisch kommen, Malfoy?" Remus musste gegen seinen Willen lachen. „Sie haben Sirius auf dem Gewissen. Merlin weiß, wie viele Leute Sie bestochen oder mit dem ‚Imperius' unterworfen haben für Ihren Dunklen Lord. Ganz ehrlich – es ist mir egal, ob Ihre Frau sich die Augen ausheult oder Sie vor Sehnsucht verrecken." Mit voller Absicht wählte er seine Worte drastisch, gleichzeitig versuchte er, über die formale Anrede Distanz zu schaffen.
„Ich ersetze das Buch. Gibt mir eine Woche", erwiderte Malfoy hastig, ohne auf den Vorwurf einzugehen.
„Ich glaube Ihnen nicht", entgegnete Remus kopfschüttelnd.
Noch immer war er todmüde. Und immerhin, was McNair betraf, hatte Malfoy Recht. Remus wollte dem finsteren Henker keine Macht über seine Handlungen zugestehen. Außerdem konnte er nicht pausenlos darauf achten, dass Malfoy ihm keine Schwierigkeiten machte. Sie waren vierundzwanzig Stunden am Tag aneinander gekettet, oder doch zumindest einander ausgeliefert. Malfoy hatte McNair, mit dem ganz offenbar ein heftiger Konflikt schwelte, sechs Monate lang ausweichen können – was nicht für die Intelligenz des Hünen sprach.
Remus ließ Malfoy an der Tür stehen und sank auf seine Pritsche. Er brauchte eine Pause, und er war fast sicher, Malfoy würde ihn in Ruhe lassen.
„Lupin."
Er hatte sich getäuscht. Müde drehte er sich zu dem Slytherin herum, dem er scheinbar gleichgültig den Rücken zugekehrt hatte.
„Was wollen Sie, Malfoy?"
Sein Mitgefangener biss sich auf die Lippen. „Ich entschuldige mich – wegen des Buchs."
Remus' Verblüffung war grenzenlos. Lucius Malfoy, der stolze Reinblüter mit dem Stammbaum, der bis ins letzte Jahrtausend reichte, entschuldigte sich bei ihm? Bei Remus Lupin, Werwolf und Halbblut, den er vermutlich für das Allerletzte in der Hierarchie der magischen Gesellschaft hielt? Er musste ja sehr an seiner Frau hängen, wenn er sich derart erniedrigte, um Remus gnädig zu stimmen.
Die Rechnung seines Gegenübers ging nur zum Teil auf. Remus fiel es schwer, nicht nachzugeben. Doch er würde es – wenn überhaupt - nicht sofort tun.
„Nein." Remus schüttelte noch einmal den Kopf. „So einfach kommen Sie mir nicht davon."
„Was soll ich tun? Willst du mich auf den Knien?"
Remus lachte laut auf. Die Vorstellung war einfach grotesk. Unter welchem Druck musste der Todesser stehen?
„Hören Sie auf, Malfoy. Das ist doch lächerlich. So tief werde ich nie sinken, mich mit Ihrem ehemaligen Herrn und Meister auf eine Stufe zu stellen. Zeigen Sie mal die Bücher."
Malfoy hob überrascht eine Augenbraue; sichtlich erleichtert langte er in sein Regal.
Remus betrachtete die drei Bände. Sartre, Dostojewski und eine Gesamtausgabe von…
„Sie lesen Saint-Exupéry?", staunte Remus.
„Ich lese kaum", gab Malfoy zurück. „Du kannst sie haben."
„Ich kann damit nichts anfangen", erwiderte Remus enttäuscht. „Das sind die Originaltexte, ich kann kein Französisch."
„Snape hat immer betont, wie gebildet du doch wärest", räsonierte Malfoy mit abfälliger Miene.
„Ich kann Altgriechisch", entgegnete Remus genervt. „Und Sie?"
Malfoy zuckte die Schultern. „Wer braucht das schon?"
Remus entschied, die Provokation links liegen zu lassen, zumal er die Sprache tatsächlich nur im Studium gebraucht hatte.
„Erklären Sie mir alles über die Machtverhältnisse hier unter den Gefangenen. Über die Gewohnheiten der Wächter. Über die Bereiche Askabans, die ich noch nicht gesehen habe. Dann überlege ich mir, ob ich die verdammte Kruste noch einmal aufreiße, oder ob Ihr Besuchstag morgen stattfindet."
Tatsächlich brachte diese Ankündigung Malfoy dazu, zu reden. Er wählte seine Worte sorgsam, erstattete umfassend Bericht, und auch wenn Remus bezweifelte, dass er alles preisgab, war die scharfsinnige Analyse des ‚Systems Askaban' für ihn hilfreich.
Regeln wurden hier befolgt, das galt ausnahmslos für alle Häftlinge, aber die Gesetze der Anstalt wiesen eine Menge unbestimmter Begriffe und Gummiparagrafen auf, die sich die Wachen gerne zu nutzen machten. Es gab Wachleute, die wenig zu sagen hatten, und andere, die man fürchten musste.
„Drains ist der schlimmste von allen", erklärte Malfoy. „Besser, nicht in seinen Fokus zu gelangen. Er ist ein Sadist."
Malfoy war inzwischen auf seinen Platz unter dem Fenster zurückgekehrt. „Deinen Vorgänger" – er wies neben Remus auf die Pritsche– „hat er totschlagen lassen."
„Ohne dafür belangt zu werden?", staunte Remus.
„Man hat den Gefangenen bestraft, der es letztlich getan hat", erwiderte Malfoy unbeteiligt.
Remus schwieg betroffen.
„Im Keller", fügte Malfoy hinzu, „soll es immer noch Dementoren geben. Die Häftlinge flüstern darüber hinter vorgehaltener Hand. Drains ist der verlängerte Arm des Direktors, und ich verwette mein Grigotts Verlies, der weiß, was dort unten vor sich geht."
„Sie haben kein Gringotts Verlies mehr, wenn ich richtig informiert bin", erinnerte ihn Remus trocken.
Malfoy stöhnte auf, als bereite ihm dieser Gedanke körperliches Unbehagen.
„Vielen Dank, ich hatte es inzwischen erfolgreich verdrängt." Sarkasmus schwang in seiner Stimme mit. „Hier drinnen spielt es ohnehin keine Rolle", stellte er resigniert fest, um nach einer Weile des Schweigens schließlich hinzuzufügen: „Draußen ist das anders. Gold kauft Respekt, Würde und Positionen."
„Sie wollen mir nicht weismachen, das Wachpersonal hier sei unbestechlich", widersprach Remus.
„Man mag über Askaban sagen was man will", gab Malfoy zurück. „Aber korrupt ist dieses System nicht. Zumindest für Gold sind die Wachen nicht zu haben. Und was sadistische Umtriebe angeht, gibt es nur einige wenige wie Drains, vor denen man sich in Acht nehmen muss. Dafür erledigen die Gefangenen einander gegenseitig, und das Personal schaut mehr oder weniger zu." Sein Blick ging hoch zum vergitterten Fenster. „Was haben sie dir aufgebrummt, dafür, dass du Greyback abgeschlachtet hast?"
Remus zuckte zusammen. Woher wusste Malfoy davon?
Ein ironisches Lächeln spielte um den Mund seines Zellengenossen. „Jeder hier weiß es, Lupin. Solche Nachrichten verbreiten sich wie ein Lauffeuer. War nicht schade um ihn, wenn du mich fragst. Er war ein stinkendes, von Flöhen strotzendes Monster – ein Werwolf eben."
‚Die Beleidigung kommt ihm so selbstverständlich über die Lippen, dass er sie nicht einmal bemerkt', dachte Remus.
„Der Dunkle Lord hätte Abschaum wie ihn ohnehin irgendwann ausgemerzt. Ich nehme einmal an, deine Freunde werden dafür sorgen, dass sie dich nach ein paar Jahren wieder rauslassen, Lupin. Die meisten hier sind jedoch lebenslänglich verurteilt oder sehen sich zwanzig und mehr Jahren Askaban gegenüber. Da ist ein Leben nicht mehr viel wert." Er zuckte resigniert die Achseln. „Wir Todesser sind nicht sonderlich sozial. Wie gesagt, wir werden einander erledigen. Die magische Gesellschaft wäscht ihre Hände in Unschuld und kann uns getrost vergessen."
„Sie gehen McNair aus dem Weg", stellte Remus fest. „Kein typisches Verhalten für einen, der resigniert hat."
Wieder lächelte Malfoy, sehr zu Remus' Erstaunen. „Ich bin nicht ohne Hoffnung. Noch nicht." Er zog sich die Decke von seiner Pritsche heran und legte sie um die Schultern, obwohl es nicht kalt war in der Zelle. Inzwischen war die Dämmerung heraufgezogen, gleich würde man sie zum abendlichen Hofgang holen.
„Das war eine Menge Hintergrundwissen, Lupin. Ich hoffe, du weißt es zu schätzen."
Remus hatte bereits entschieden, sich nicht in Malfoys Privatangelegenheiten einzumischen, und das bedeutete, er würde nichts tun, das den Besuch seiner Frau in Frage stellte. Er war drauf und dran, dem Slytherin eine Nacht der Ungewissheit zu ersparen, als das Kommando „Weg von der Tür!" erklang. Auf dem Weg in den Hof überlegte Remus es sich noch einmal anders. Er hatte ein massives Schlafdefizit, und Malfoy kam deutlich besser mit dem Schlafentzug klar. Es war eindeutig klüger, seinen Mithäftling im Ungewissen zu lassen, und Remus würde sich klug verhalten, auch wenn es seiner Natur widerstrebte, andere zu quälen. Malfoy, der schweigend neben ihm ging, würde nicht zögern, sich ebenso zu verhalten und erwartete offenbar auch nichts anderes von Remus.
Stumm machten sie sich auf den Weg zur Latrine, und ihre Schatten verschwommen mit dem Zwielicht der Dämmerung.
TBC
