20. März 2001, zwischen 5:00 und 8:00 MEZ, Zimmer 412
Mit einem weichen „klack" schließt sich die Tür hinter uns und wir stehen in dem engen Flur von Zimmer 412, das nur von dem Fernseher erhellt wird, der bei unserem Eintreten automatisch anging.
Ich spüre Ennis' Atem in meinem Nacken und die Knochen in meinen Beinen haben kurzfristig beschlossen, ihre harte Konsistenz aufzugeben und sich in Pudding zu verwandeln.
Bis auf die leise Hintergrundmusik vom Fernseher ist es im Zimmer totenstill. Schwere Gardinen im üblichen hotelkackbraun hängen vor den Fenstern, der dicke Teppich mit sakralen Mustern unter meinen Füßen dämpft meine Schritte als ich langsam in das Zimmer hineingehe und mich umschaue.
Verdammt ! Kein Sofa ... nur ein breites Doppelbett ... Einladend dekoriert mit zwei riesigen weißen Federbetten, die professionell aufgeschäumt auf der Matratze liegen und zum hineinplumpsen einladen. Auf jedem Kopfkissen liegt eine kleine Tafel Schokolade und die Menükarte des Tages.
„Das ist es", denke ich mir und gehe zum Bett, knipse den Lichtschalter auf meiner Bettseite an und ... Moment ! Was war das gerade? Ich habe „meine" Bettseite gesagt? Wo kam der Gedanke her?
Mein Herzschlag setzt für einen Moment aus. Es hat Monate gedauert, bis ich Davids Bettseite als „seine" und meine Bettseite als „meine" und damit MEIN Bett als UNSER Bett anerkannt habe.
Und jetzt, während eines dreistündigen Kurzaufenthaltes mit ungewissem Ausgang entdecke ich die Possessivpronomen für mich neu ... Nicht gut – gar nicht gut ...
Mit zitternden Händen nehme ich die Menükarte hoch.
„Möchtest Du was essen, Ennis?" frage ich mit einer Stimme, die ich nicht als meine wieder erkenne.
Ennis schüttelt den Kopf und ich bin kurzfristig mit meinem Latein am Ende. Kein Essen, keine Ablenkung. Ok. Verstohlener Blick auf die Uhr. Fast halb sechs. Noch zweieinhalb Stunden. Die Zeit läuft ...
Ennis schaut mich mit einem schiefen Grinsen an. „Zeitdruck, Jack?", fragt er mich und errötend fühle ich mich ertappt. Ich nicke. „Uhhu. Ich ... ich muss um kurz nach acht zum Check-in wieder am Flughafen sein."
„Das nenn ich dann mal ein kurzes ... Intermezzo", sagt Ennis trocken und ich bilde mir ein, ein leises Bedauern in seiner Stimme zu hören.
Wir starren uns an, jeder in einer Zimmerecke, so weit wie möglich voneinander entfernt. Und ich frage mich, wer von uns das Spiel eröffnet, wer den nächsten Spielzug unternimmt. Ich bete darum, dass Ennis die Initiative ergreift, denn ich fühle mich auf einmal, als hätte ich Blei in den Knochen, obwohl meine Knie so weich sind, das ich befürchte, sie geben jeden Augenblick nach.
Aber ich habe auch meinen Stolz und ich werde nicht wie Scarlett O'Hara seufzend zu Boden sinken, um von Rhett Butler aufgefangen zu werden. Nein, das werde ich nicht tun ... Aber wenn nicht gleich etwas passiert, dann ...
Ich sehe, wie Ennis Blick flattert und sein Adamsapfel auf- und abhüpft. „Jack", sagt er schließlich mit rauer Stimme und räuspert sich. Ich schrecke aus meiner Starre auf. Mühsam konzentriere ich meinen Blick auf sein wunderschönes Gesicht, das in diesem Moment von einem faszinierenden Schattenspiel des Fernsehers belebt wird.
Er seufzt auf. „Jack", versucht er es noch einmal mit festerer Stimme. „Ich ... ich habe so was noch nie zuvor gemacht und ... und ganz ehrlich ... ich habe keine Ahnung, wie das ab jetzt funktioniert. Ich bin zu lange raus aus diesen Beziehungskisten, verstehst Du? Aber, egal, was wir heute in den verbleibenden zweieinhalb Stunden noch machen ... könnten ... können wir uns zumindest hinsetzen? Ich bin hundemüde ... und ..."
Hilfesuchend blickt er mich an und ich kann nicht anders. Ich muss lachen. Und ich bin ihm so dankbar.
„Welche Seite, Ennis?", frage ich ihn, als ich wieder sprechen kann.
„Huh?"
„Auf welcher Seite des Bettes willst Du sitzen?"
„Ach so. Oh ... also ... ich schlafe immer auf der linken Seite." Ich strahle ihn an.
„Perfekt", sage ich. „Meine Schlafseite ist die rechte."
Wir grinsen uns an und auf einmal ist die angespannte und peinliche Stimmung wie weg gewischt und ich fühle mich, als würde ich mit einem Kumpel gemeinsam auf großer Reise sein und ein Zimmer in der Jugendherberge teilen.
Na ja ... zugegeben, der Vergleich hinkt, denn abgesehen davon, dass dieses sterile Zimmer zu einem Hotel gehört, legt dieser Kumpel eine Attraktivität an den Tag, die verboten werden müsste und die in mir immer noch den nicht ganz so unschuldigen Wunsch weckt ... aber eins nach dem anderen...
Ich ziehe mein Jackett aus, lege meine Krawatte ab, ziehe die Schuhe aus und lasse mich nun doch endlich in die weichen Federn fallen. Herrlich. Behaglich seufzend strecke ich Arme und Beine, höre meine Wirbelsäule dankbar knacken und merke mit einem Mal, wie müde ich tatsächlich auch bin.
Ennis steht neben dem Bett und blickt lächelnd auf mich herab, bevor auch er sich auf seine Bettseite setzt, die Schuhe abstreift und seinen langen, athletischen Körper auf dem Bett ausstreckt.
Er dreht sich zu mir, legt seinen Kopf auf seinen Arm und schaut mich einige Zeit nachdenklich an.
„Du machst das oft, huh?", fragt er mich. Verwirrt blicke ich ihn an.
„Was?"
„In Hotelzimmern übernachten."
„Oh das. Ja ... sehr oft ... zu oft. Manchmal wache ich morgens auf und weiß nicht, in welcher Stadt ich bin", füge ich hinzu und erinnere mich mit Grausen an diese Momente der totalen Desorientierung, die immer mit einem leichten Gefühl der Panik verbunden sind.
„Was ... was sagt David dazu", fragt er mich zögernd und fügt, als er sieht, dass ich mich versteife, schnell hinzu: „Ich weiß, dass mich das nichts angeht, aber einen Partner zu haben, der so viel unterwegs ist, das ... das ist wohl für keinen von beiden leicht, schätze ich."
Ich blicke ihn prüfend an. Seine Blick ist offen und ehrlich, nicht anklagend oder urteilend und ich verstehe, dass er aus reinem Interesse fragt.
„Nein", gebe ich schließlich zu. „Einfach ist es nicht. David ... er will, dass ich mehr zu Hause bleibe, aber ich kann nicht, Ennis. Ich habe meinen Job, ich habe meine Aufgaben. Die Leute in der Firma verlassen sich auf mich. Und ... mein Job ist mir wichtig..." Irritiert höre ich, wie meine Stimme im Raum verhallt.
„Bist ... bist Du nicht einsam, auf Deinen Reisen? Vermisst Du nie Dein zu Hause?", fragt Ennis mich nach einer Weile.
Ich blicke ihn ernst an und sage mit sanfter Stimme ohne nachzudenken: „Doch, Ennis ... ich bin oft einsam und ich vermisse ein zu Hause. Aber MEIN zu Hause ... nein, Cowboy, das vermisse ich nicht..."
Und mir wird in diesem Moment klar, dass ich zum ersten Mal die bittere Wahrheit ausgesprochen habe, die ich seit so vielen Monaten in mir spüre, die mich Überstunden machen und mich Nachts schlecht schlafen lässt. Kein Mal, kein einziges Mal habe ich David auf meinen Reisen vermisst. Nie habe ich nach Tagen der Abwesenheit das Gefühl, in ein warmes, liebevolles zu Hause zurück zu kehren.
Ungewollt schießen Tränen in meine Augen und ich beiße mir auf die Lippe. Kurz schaue ich weg, blinzele gegen die kackbraune Gardine und habe mich wieder im Griff.
Ich drehe mich zu Ennis, der mich schweigend ansieht.
„Was ... was denkst Du jetzt?", frage ich ihn nach einer Weile mit unsicherer Stimme.
Er nimmt meine Hand in seine, streichelt mit seinem Daumen über meinen Handrücken und sagt so leise, dass ich es kaum höre:
„Jack, ich denke, Du bist ein Mann auf einer Reise, der das Glück hat, heute Abend einen Begleiter zu haben."
Wir sehen uns in die Augen und ich verstehe, was er mir sagt und ich verstehe den tieferen Sinn dahinter. Langsam drehe ich mich zu ihm und streichele sanft über sein Ohr und über die blonden Locken, die sich widerspenstig über der Ohrmuschel kräuseln.
„Ich freue mich über Deine Gesellschaft", wispere ich. „Mehr als Du Dir vorstellen kannst."
Ich beuge meinen Kopf und küsse ihn auf seinen Mund. Federleicht. Und in diesem Moment weiß ich, dass wir heute Abend kein Spiel spielen werden. Wir treffen uns nicht als Gegner, auch nicht als Partner.
Wir treffen uns als zwei Männer, die eine Reise alleine begannen und unverhofft auf einen Gefährten gestoßen sind, der sie ein Stück weit begleitet.
Ich küsse ihn wieder, weil es so schön ist und sich so richtig anfühlt. Seine Lippen sind weich, ohh ... so samtweich. Sie schmelzen unter meiner Berührung und ich spüre, wie mein Herzschlag durch den ganzen Körper vibriert.
Ich habe so etwas noch nie zuvor erlebt. Ich habe eine hitzige, leidenschaftliche und sexgetränkte Paarung erwartet, als ich während des Fluges über unseren gemeinsamen Abend nachdachte.
Doch was jetzt passiert ist so viel mehr, es geht so viel tiefer und es berührt mich. ER berührt mich.
Ich spüre, wie seine Hände vorsichtig an meinem Rücken entlang streicheln, zögernd mein Hemd aus dem Hosenbund ziehen, seine Finger tastend auf meine nackte Haut darunter gleiten und brennende Spuren hinterlassen und ich habe das Gefühl zu sterben.
Niemals, niemals hätte ich gedacht, dass es eine solche Wonne sein kann, die Hände eines anderen Menschen auf seinem Körper zu spüren. Federartig streichen seine Finger über meinen Bauch, meinen Rücken. Leise seufze ich auf, ich kann nicht anders.
Ich dränge mich dichter an ihn heran, so dass sich unsere Oberkörper berühren. Ich will ihn spüren und seine Nähe auskosten, so lange ich kann. Behutsam knöpfe ich sein Hemd auf und lege seinen Brustkorb frei. Bei dem Anblick seiner bronzenen Haut, seiner breiten, muskulösen Schultern und dem leichten Flaum auf seinem Bauch bleibt mir der Atem weg. Er ist schöner, als ich ihn mir je vorgestellt hatte.
Still küsse ich ihn auf den Mund und ich schließe meine Augen, als meine Lippen über seine warme, weiche Haut weiter nach unten wandern, seinen Oberkörper erkunden. Leise puste ich auf Ennis Körper, sanft und leicht weht mein Atem über ihn, ich sehe, wie er mit einer Gänsehaut auf mich reagiert und ich höre sein leises Seufzen, das wie Musik in meinen Ohren klingt.
Obwohl mein Herz wie wild schlägt, spüre ich eine so tiefe Ruhe und Gewissheit in mir, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Tief nehme ich seinen Geruch in mir auf. Sein Rasierwasser, seine männliche Note nach Moschus und Schweiß erregen mich und meine Bewegungen werden drängender.
Meine Hände streicheln über seine Haut, nehmen jede Unebenheit wahr, kreisen sanft durch seine Haare, wandern bis zum Hosenbund und verharren dort, als sie ein unmerkliches Verkrampfen spüren und nehmen den Weg wieder auf, spielen mit seinen Brustwarzen bis sie schließlich seine Hände fassen, die in eine bewegungslose Starre verfallen waren.
Vorsichtig führe ich seine Hände wieder über meinen Oberkörper. Seine harten Schwielen kratzen leicht auf meiner Haut und senden elektrische Schocks durch meinen Körper, die alles um mich herum vergessen lassen.
Ich habe das Gefühl, dass mein Körper seine feste Form aufgibt und ich unter seinen Händen zerfließe. Ich höre mich hauchen: „Ennis, Ennis."
Er stöhnt leise auf, zieht mich näher zu sich heran, wispert mir ins Ohr „Jack, oh mein Gott, Jack. Es ist so lange her ... so lange ..."
Und er küsst mich. Ohh und wie er mich küsst...
Zärtlich öffnet er meinen Mund mit seiner Zunge und dringt in mich ein.
Heilige Mutter Gottes.
Jonathan Twist Junior stirbt in diesem Augenblick einen süßen Tod, herbeigeführt durch die Berührungen eines Mannes. Ich vergehe und verglühe in einem einzigen Kuss. Ich gebe mich auf und ich gebe mich hin. Meine Unterwerfung ist in diesem Moment vollständig. Meine inneren Grenzen sind eingerissen, mein Schutzwall durchbrochen. Mein Körper blutet, meine Seele schreit. Schreit nach Erlösung, nach Hingabe und Zuwendung von dem Mann neben mir.
Was war, wird nie wieder sein. Ich ahne, dass ich verloren bin und das macht mir furchtbare Angst.
In diesem Augenblick habe ich das Gefühl, keine einzige seiner Berührungen länger ertragen zu können. Ich reiße mich von ihm los. Schwer atmend halte wir inne und sehen uns an. Und seine Augen sind ein Spiegel meiner Seele. Sie sprechen zu mir, sie flehen mich an, sie bitten mich, sie zeigen mir ihre Verletzlichkeit, ihre Rührung und das große, alles überschattende Rätsel, was hier gerade mit uns passiert.
„Ich weiß es auch nicht, Ennis", flüstere ich fassungslos auf seine unausgesprochene Frage und still nehmen wir uns in den Arm, suchen Schutz in einer sexlosen Liebkosung und obwohl mein Glied hart ist und nach Erlösung ruft, weiß ich, dass wir heute nicht bis zum Äußersten gehen werden. Es würde uns zerreißen.
Ich lehne mich ein Stück zurück, blicke in Ennis Gesicht, sehe seine Emotionen, die in seine Gesichtszüge eingemeißelt sind. Seine warmen, braunen Augen, die mich mustern, sein Mund, der mich leise anlächelt, sein Atem, der mein eigenes Gesicht streift und liebkost.
Sanft streichele ich seine verschwitzen Haare aus dem Antlitz.
Ich weiß nicht, wie lange wir so sitzen, uns anschauen, uns halten und versuchen zu begreifen, was gerade geschehen ist, was noch hätte passieren können und welche Folgen das für uns haben wird.
Irgendwann regt sich Ennis und flüstert leise zu mir: „Jack, es ist schon spät. Du musst bald los. Was hältst Du davon, wenn Du vorher noch mal unter die Dusche springst? Du hast überhaupt keinen Schlaf bekommen und Dein Tag ist noch lang."
Ich blicke ihn wortlos an, erneut überrascht davon, dass ein paar nette, anteilsnahe Worte eine solch wohlige Wärme in mir auslösen können. Ich nicke. „Das ist eine gute Idee", flüstere ich mir rauer Stimme und schweren Herzens löse ich mich aus unserer Umarmung, stolpere ins Badezimmer und stelle mich unter den heißen Strahl der Dusche, die mir neue Lebensgeister einhaucht.
Ich nehme mir viel Zeit, genieße das prickelnde Wasser auf meiner Haut und versuche, mich zu entspannen. Es gelingt mir nicht, denn meine Gedanken sind so aufgeputscht, meine Gefühle so in Aufruhr, dass ich mich völlig hilflos fühle.
Ich weiß nicht, wie es jetzt weiter geht, wohin uns unsere Reise bringt und ob es überhaupt unsere Reise sein wird.
Ich weiß nur, dass zwei höllenmäßige Wochen vor mir liegen, die mir wenig Zeit lassen, mich um die essentiellen Fragen meines Lebens, meiner Beziehung zu David und meiner Gefühle zu Ennis klar werden zu lassen.
Seufzend drehe ich das Wasser ab, trockne mich ab und betrachte mich in dem beschlagenen Spiegel. Ich habe das Gefühl, dass meine verschwommenen Konturen, die mir entgegenblicken, eine bildhafte Sprache zu mir sprechen.
Ich fange an, mich zu fragen, wen ich am nächsten Morgen oder in den nächsten Wochen entdecken werde, wenn sich der Nebel gelichtet hat.
Ich ziehe mich an und schaue auf die Uhr. Es ist fast acht Uhr und draußen vor den Fenstern des Hotels erhellt ein wunderbarer Sonnenaufgang die Szenerie des Flughafens und verheißt den Beginn eines neuen Tages. Rot-orange glühend, die Schatten der Nacht verdrängend und Licht über uns bringend.
Ich stehe einige Minuten reglos am Fenster und betrachte das Wechselspiel der Farben, sehe die Flugzeuge landen und abheben und frage mich, welche Schicksale dort durch die Welt reisen. Bald werde ich einer von ihnen sein, denke ich, als ich Ennis hinter mir spüre, der mich sanft in den Arm nimmt.
„Fertig für Deine Abfahrt, Jack?" fragt er mich und ich nicke. Vorsichtig dreht er mich um, nimmt mein Gesicht in seine großen, starken Hände und küsst mich zärtlich auf den Mund.
„Gute Reise", flüstert er und ich will ihm gerade etwas erwidern, als mir etwas einfällt.
„Ennis", sage ich ihm hastig, bevor ich es vergesse. „Das Zimmer ... Du kannst bleiben, so lange Du willst. Es ... uh ... ich ... ich habe es bezahlt. Nicht dass Du was falsches von mir ... also, es war gebucht und die Firma zahlt ... uh ..."
„Jack", unterbricht er mich leise lachend. „Es ist schon ok. Das nächste Zimmer geht auf mich, in Ordnung?"
Ich blicke ihn mit großen Augen an. „Das nächste Zimmer?", stammele ich etwas dümmlich. „Du meinst ich ... äh ... wir ... wir treffen uns ... wieder?"
Er sieht mich unsicher an. „Das ... das würde mich freuen", sagt er leise und mein Herz galoppiert in riesigen Schritten durch meinen Körper. Ich merke, wie ein breites, erleichtertes Grinsen mein Gesicht überzieht. „Mich auch", sage ich. „Mich auch."
Dann gehe ich einen Schritt auf ihn zu, umarme ihn und küsse ihn leidenschaftlich auf den Mund. Es ist mein Versprechen an ihn.
„Vergiss mich nicht", flüstere ich ihm zu. „Du findest mich in Halle 1, Stand 224."
20. März 2001, 12 – 18 Uhr MEZ, Hannover, Messehalle 1, Stand 224
„Mr. Twiiiiiist. Ahh, gute Güte. Wir erwarten Sie sehnsüchtig. Kommen Sie mon ami, kommen Sie."
Serge Trottoirs Stimme zirpst mir ins Ohr ...
Himmel hilf ! Unser Problem hier am Messestand muss schlimmer sein, als befürchtet. Er begrüßt mich wie einen alten Kumpel, dabei hab ich den Knaben noch nie zuvor gesehen.
„Mr. Trottoir ..." schaffe ich gerade noch als Antwort, als er mich kollegial am Arm nimmt und mich zu unserem Standplatz führt. Und was soll ich sagen? Der ganze Messestand sieht aus wie ein Haufen Scheiße. Nichts ist fertig – aber auch gar nichts.
„Mr. Trottoir, was ...?", presse ich geschwächt hervor, unfähig einen zusammenhängenden Satz zu formulieren und zeige mit einer vagen Handbewegung auf das Chaos in dem ich mich unverhofft wieder finde.
„Ah, mon ami, Mr. Twiiist. Wir haben schon schlimmeres überstanden. Estelle, Schätzchen. Bring Mr. Twiiist einen Kaffee, bist Du so lieb?"
Kaffee? Estelle? Mr. Trottoir scheint zwischen all diesem Durcheinanders eine Art von Überblick zu haben, denn innerhalb weniger Sekunden presst mir eine dünne, kleine Frau mit schrecklich rot gefärbten Haaren, die in Dreadlocks nach allen Seiten abstehen, eine Tasse in die Hand.
„Ihr Kaffee, Mr. Twist. Wir haben das Wasser mit mineralischen Steinen entgiftet. Hier in diesen alten Hallen weiß man ja nie, was sich so alles in den Leitungen tummelt."
Ich starre Estelle an. Ungeniert. Denn ich begreife gerade nicht, was sie mir gesagt hat. Mit Esoterik hab ich's nicht so und mineralische Steine sind mir suspekt. Ich will ihr gerade dankend die Kaffeetasse wieder geben, als sie meinen entgeisterten Blick wahrnimmt.
Lässig zieht sie eine gepiercte Augenbraue hoch, lächelt mich mit ihren violett gefärbten Mundlippen an und zeigt mit schwarz lackierten Fingern auf meinen Kaffee.
„Trinken Sie einfach, Kumpel. Beruhigt die Nerven."
Mit offenem Mund starre ich ihr hinterher, als sie eine Bodendiele anhebt, die locker fünfzig Zentimeter länger ist als sie und damit in der hinteren Ecke des Standes verschwindet, wo etwas entsteht, das entfernt einem Backoffice ähnelt.
Da Serge kurzfristig von seinem Mobiltelefon verlangt wurde, habe ich ein paar Minuten für mich alleine. Ich schlürfe den heißen Kaffee und mineralische Esoterik hin oder her – er schmeckt ausgesprochen gut und weckt meine Lebensgeister, die kurzfristig drohten, mich zu verlassen.
Ich schaue mich in der Halle um, vermeide einen Blick auf das Chaos in dem ich stehe, und versuche anhand der Aufbauarbeiten an den anderen Ständen abzuschätzen, wie schlimm unser Zeitrückstand wirklich ist. Ich weiß, dass auf Messen nichts unmöglich ist. Ich bin schon zu lange im Geschäft und kenne die Abläufe. Die Messebauer buckeln im Regelfall bis zur letzten Sekunde, bevor die Tore für die Allgemeinheit geöffnet werden. Und während durch den Vordereingang die Besucher strömen, werden durch den Hintereingang die Werkzeuge und Müllberge rausgetragen.
Es ist ein verrücktes Business und eigentlich liebe ich es. Aber dieses Mal bin ich hier der Projektleiter und wenn was in die Hose geht, dann muss ich die Reinigung bezahlen.
Die Stände die uns auf allen vier Seiten umzäunen sehen, mit Verlaub, nicht so viel besser aus als unserer. Überall wird noch gemalt, gehämmert, gesägt, lackiert, Strom verlegt und das Unmögliche Möglich gemacht. Es ist das Zeitalter der Informationstechnologie. Das Geld liegt auf der Straße, die haben hoch spekuliert und einen Haufen Schotter gemacht. Die Investoren freut es, die Banken jubilieren. Ich selbst sehe das mit einer gewissen Skepsis, denn ich kenne viele der jung-dynamischen Aufsteiger und wenn man die mal fragt, was ihr Unternehmen denn so alles kann und was der Verbraucher davon im Endeffekt hat, dann bekommt man im Regelfall so vage Antworten wie: „Wenn die Zeit reif ist, mein Freund, ist unsere Zeit gekommen und dann werden sich alle User die Hände reiben."
Und wenn ich mich so umsehe, dann nutzen viele dieser Unternehmen die Zeit des Wartens, indem sie das Geld ihrer Investoren verprassen. Und das tun sie gründlich.
Auf der einen Seite steht der Stand von TrippleX, einem Aufsteiger aus dem Silicon Valley. Ich kenne ihn flüchtig, wir haben zusammen studiert. Wenn mich nicht alles täuscht, wird auf seinem Stand gerade ein fünf Meter hoher Wasserfall installiert.
Na ja, wenn mir in den nächsten Tagen zu warm wird, weiß ich wenigstens, wo ich mich abkühlen kann ...
Schräg gegenüber ist ein Aussteller, dessen Namen ich noch nicht entziffern kann, denn die Firmenembleme liegen noch in gold-mattierten Metall-Lettern auf dem Boden herum. Verrückt ...
Das ganze Theater der Messen erinnert mich an eine moderne Form des Wettrüstens. Höher, besser, weiter. Ich finde das irgendwie abartig. Aber so ist das Geschäft und wenn wir nicht mitziehen, werden wir schneller von beiden Seiten überholt als uns lieb ist.
Seufzend trinke ich einen Schluck von dem nicht mehr ganz so heißen Kaffee und frage mich, wo zur Hölle Sergie-Boy bleibt. Ich habe keine Lust, den ganzen Tag hier in der Halle zu verbringen. Ich bin müde, mir tun die Beine weh. Außerdem bin ich seit gestern nicht unwesentlich abgelenkt und würde meine Zeit gerade in diesem Moment gerne woanders verbringen. Und jede Abweichung eines potentiellen Zeitplanes stiehlt mir Zeit. Zeit mit Ennis.
Allein bei dem Gedanken an ihn, wird mir ganz warm und gedankenverloren ziehe ich an meinem Krawattenknoten. Unser Abschiedskuss brannte noch Stunden später auf meinen Lippen. Ich hoffe, dass Ennis besser darin ist, sich Zahlen zu merken als ich und die Standnummer behalten hat. Ich hoffe, dass er kommt. Und ich hoffe, dass ich ihn heute schon wieder sehe.
Hmm, wenn er bis heute Abend nicht kommt, dann rufe ich ihn einfach an, überlege ich mir ... und in diesem Moment greift eine kalte Hand nach meinem Herz ...
Oh mein Gott, das darf nicht wahr sein...
Wie blöd konnte ich sein?
Wie konnte mir das passieren?
Ich habe dem Mann tiefste Einblicke in meine Seele gegeben, habe ihn auf einer Flugzeugtoilette geküsst und während des Fluges seine Hand gehalten wie ein liebeskranker Teenager.
Und ich Trottel ... ich hirnverbrannter Trottel ... ich habe vergessen, ihm meine Visitenkarte zu geben.
Scheiße ...
Der Jetlag schlägt auf einmal gnadenlos zu. Ich werde furchtbar müde und rasende Kopfschmerzen krümmen meine Gehirnwindungen. Was soll ich nur machen? Was, wenn er nicht kommt? Was, wenn er die Standnummer vergessen hat? Ich Idiot hab nicht mal nach seinem Hotel gefragt.
Shitshitshitshit ...
Verzweifelt raufe ich mir die Haare. Ich kann es nicht fassen, dass ich fahrlässig den sexiest man alive nicht nach seiner Visitenkarte gefragt habe. Ich stöhne leise auf und rasende Bauchkrämpfe zwingen mich dazu, eine gekrümmte Haltung einzunehmen – und in der Position muss ausgerechnet Serge Trottoir wieder zu mir stoßen.
Wenn ich in die Scheiße trete, dann richtig ...
„Mr. Twiiist, ahhh mon Dieu. Ist Ihnen nicht gut? Soll ich Estelle ...?"
„Nein", fahre ich ihn an, unhöflicher als geplant. „Nicht Estelle. Bitte nicht." Er sieht mich fragend an, aber ich führe meine Ablehnung nicht weiter aus. Ich will ihm nicht sagen, dass ich Angst vor weiteren Attacken mit mineralischem Gestein habe. Und wer auf Felsen vertraut, für den ist auch Handauflegen nicht fragwürdig. Aber jede Form von menschlichem Kontakt kann ich im Augenblick nur in minimalen Dosierungen vertragen. Zu tief sitzt der Schock über meine private Misere.
Serge zuckt galant die Schultern und entschuldigt mein merkwürdiges Verhalten vermutlich mit der Tatsache, dass ich ein waschechter Amerikaner bin. Da die Franzosen sich ja gern als Wiege der Kultur sehen, begegnen sie allen jüngeren Zivilisationen mitunter mit einer gewissen Distanz und Serge scheint da keine Ausnahme zu machen. Damit kann ich leben. Für den Moment.
„Mr. Twiiist ..."
„Jack", sage ich müde und richte mich wieder auf. „Nennen Sie mich Jack", denn ich kann das französisch-ausgesprochene „Twiiist" nicht mehr hören.
„Dschack", säuselt Serge mit rosa angehauchter Stimme und ich frage mich in dem Moment, ob mein Angebot vielleicht zu doppeldeutig war. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und werfe ihm einen Blick zu von dem meine Mutter immer sagt, er würde mir nicht stehen, er ließe mich arrogant wirken. Aber das ist genau die Wirkung, die ich erreichen will, denn ich kann mir eine weitere Baustelle im Augenblick überhaupt nicht leisten.
Serge räuspert sich. „Lassen wir uns zum Geschäftlichen kommen, Jack", schlägt er dann auch schnell und verbindlich vor und ich nicke ihm dankbar zu. Zurück auf gewohntes Terrain. Für die nächsten Stunden handfeste Probleme lösen und das Desaster meines Privatlebens kurzfristig ausblenden.
Das klingt nach einem Plan ... einem sehr guten Plan.
„Mr. Trottoir", sage ich, jetzt mit etwas mehr Kraft in der Stimme. „Wo genau liegt das Problem? Sie ... äh ... Sie wissen, dass die Messe am 22. März eröffnet wird?", frage ich und habe Angst vor der Antwort.
„Selbstverständlich, Jack", entrüstet sich Sergie-Boy und plustert seine dünne Figur auf. „Sehen Sie, lassen Sie sich nicht von all dem Unrat hier verwirren" und er zeigt mit seinen knochigen, ringbehangenen Fingern auf die Müllberge, die sich um mich herum türmen. „Der Entsorgungsdienst ist bestellt. Er ist in drei Stunden hier und wird den gröbsten Mist wegräumen. Das Backoffice haben wir bis heute Nacht stehen, der Info-Counter ist vormontiert und wird morgen früh geliefert, Teppich ist ausgerollt, die Anschlüsse sind verlegt, die Küche haben wir über den Messeservice bestellt, die kommt ebenfalls morgen ..."
„Ok, Serge. Das klingt alles vernünftig und durchdacht. WO IST DAS PROBLEM?", frage ich nachdrücklich und mit einer steigenden Nervosität. Ich hasse es, wenn Menschen nicht in die Gänge kommen und versuchen, mich mit den Dingen zu beschwichtigen, die KEIN Problem sind.
„Alors, Mr. Twiiist ... Jack, das Problem ist, mon ami, dass mir das Arrangement des Standes nicht gefällt."
„Huh?"
„Oui, oui ... Sehen Sie, Jack, hinter uns haben Sie einen Stand, der besticht durch seine klaren Konturen, neben uns haben Sie einen, der edle Akzente setzt. Und wir – ah, mon Dieu ! Wir haben eine wundervolle Creation aus Stahlkonstruktionen und weichem Stoff gewählt, eine Komposition wie Feuer und Wasser, heiß und kalt. Das ist ... formidable ... eine Mélange von weich an hart ... sanfte Konturen schmiegen sich an stählerne Umrisse ..."
Und ich kann mir nicht helfen, aber seine Ausführungen haben eine erregende Wirkung auf mich... Vor meinem geistigen Auge erscheint Ennis, dieser griechische Adonis mit den sanften, braunen Augen, seine weiche Haut, die diesen harten, muskulösen Männerkörper umhüllt, der mich in der Nacht gehalten hat, den ich geküsst habe, dessen wunderbaren Umrisse meine Lippen ertastet und gekostet haben ...
„Jack ... ist Ihnen nicht gut? Sie schwitzen ja. Mon Dieu, mon Dieu ... das ist der Jetlag, hein? Warten Sie ich rufe ..."
„Neinneinneinnein, Serge, es geht schon wieder. Nicht Estelle ... Ich brauche nichts. Ich war nur gerade so ... erleichtert ... als ich Ihren Ausführungen zugehört habe ..."
„Erleichtert?" Fassungslose schwarze Augen durchbohren mich. „ERLEICHTERT? Jack, dieser Stand ist eine grande catastrophe ... wir müssen ... wir haben ..."
„Serge", unterbreche ich ihn. „Bekommen Sie den Stand rechtzeitig fertig?"
„Bien sûr."
„Dann, mein Freund, haben wir kein Problem."
„Aber ..."
„Serge, wir ... haben ... kein Problem", sage ich nachdrücklich und presse meinen Zeigefinger auf seinen Brustkorb. Als ich die Zweifel in seinen Augen sehe, überlege ich kurzfristig Estelle zu rufen und sie zu bitten, ihre magischen Hände an ihrem Meister wirken zu lassen, doch mein spezial-Blick wirkt Wunder und macht jede Magie überflüssig.
Sergie schluckt tapfer und nickt mir zu. „Ganz wie Sie meinen, Jack. Dann machen wir uns mal an die Arbeit."
Ich klopfe ihm aufmunternd auf die Schultern, nehme meine Aktentasche und mein Notebook an mich und suche mir ein ruhiges Plätzchen in diesem zum Himmel schreienden Chaos.
Jetzt, da die Probleme gelöst sind, die eigentlich keine waren, schwappt mein persönliches Leben wie eine Welle über mich und meine mühsam gehaltene Fassade bröckelt. Ich muss mir eingestehen, dass die Aussicht, Ennis eventuell nicht wieder zu sehen, mir extrem zusetzt. Mehr als ich erwartet hätte, mehr als im Augenblick gut ist, wenn ich nüchtern und sachlich meine private Situation betrachte.
In diesem Moment klingelt mein Handy.
Ich schaue auf das Display. Shit.
„Hallo Grace."
„Jack, mein Hase", quäkt sie etwas aufgeregt ins Telefon und ich höre an ihrer Stimme, dass sie keine guten Nachrichten für mich hat.
„Was gibt es Neues?", versuche ich es unverbindlich.
„Nichts gutes, Honey. Nichts gutes. Ich kann die verdammte Akte nicht finden und ich sag's nur ungern, aber der Alte kommt mir so nah, dass ich seinen schlechten Atem rieche. Er war heute schon zwei Mal bei mir und hat mich gefragt, wann er das Angebot zur Vorlage bekommt."
„Was? Er will das Angebot zur Vorla..."
„Shh, reg Dich nicht auf. Hat ja nichts mit Dir zu tun, aber Du bist nicht da und der nächst höhere Boss nach Dir ist dann nur noch der Boss selbst."
„Oh ... gut. Aber ... verdammt, was soll das heißen die Akte ist nicht da? Hast Du wirklich alles abgesucht ? Hast Du auch auf dem Regal neben der Tür ..."
„Sweetheart – ich hab sogar den Mülleimer durchwühlt", unterbricht mich Grace und seufzt auf. „Wo immer das Scheiß-Ding ist, es ist nicht hier in diesen Heiligen Hallen."
„So ein Mist. Wo hab ich sie denn das letzte Mal ... oh nein. ... Oh ... oh SCHEISSE !", stammele ich, denn in diesem Moment fällt es mir wieder ein. Ich wusste, es konnte nur noch schlimmer kommen. Jetzt habe ich ein Problem.
„Grace", sage ich mit Grabesstimme
„Oh, oh. Das hört sich nicht gut an", antizipiert sie dann auch schon ganz folgerichtig.
„Die Akte ist bei mir zu Hause", murmele ich in den Telefonhörer und merke, wie mir schon zum zweiten Mal an diesem Tag kalter Schweiß auf die Stirn tritt.
„WAS?"
„Sie ist bei mir zu Hause. Ich hab sie vor drei Tagen mitgenommen, als es abends so spät wurde und dann muss ich wohl vergessen haben, sie wieder mit ins Büro zu nehmen."
Und jetzt sehe ich wieder alles glasklar vor Augen. Das war der Abend, als ich David dann doch endlich gestanden habe, dass ich am darauf folgenden Tag für zwei Wochen nach Europa reisen und er alleine zu seinen Eltern fahren muss. Seine Mutter hatte einige Zeit zuvor einen leichten Herzanfall gehabt und er hatte ihr angeboten, ihr ein paar Tage unter die Arme zu greifen. Und da David mitunter ein praktisch veranlagter Mann ist, wollte er die Gelegenheit beim Schopfe packen und sich a) bei seinen Eltern outen und mich b) direkt auch vorstellen. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, sozusagen.
Mir ist der Trip nach Deutschland in diesem Moment nur zu recht gekommen – ich habe nämlich keine Lust mich vor jemandes Karren spannen zu lassen, wenn es um die Aufklärung häuslicher Verhältnisse geht. Aber David hat mir eine Szene gemacht, die schon ans Peinliche grenzte und wir haben uns angebrüllt, dass das Geschirr in den Schränken klirrte. Ich war so angepisst an dem Abend, dass ich aus dem Apartment direkt in die nächste Bar gestürmt bin. Als ich am frühen Morgen zurück kam, habe ich leise meine Sachen gepackt, mich für drei Stunden auf der Wohnzimmer-Couch ausgeruht, um dann direkt zum Flughafen zu fahren. An die dämliche Akte habe ich keinen einzigen Gedanken mehr verschwendet.
„Jack, kann ich mir die Akte bei Dir zu Hause abholen?"
„Grace, ich bin in EUROPA. Wie soll das gehen?" frage ich sie entnervt, denn ich weiß, was als nächstes kommt.
„Ja, hör mal Herzchen, ich bin zwar alt, aber nicht unempfänglich für männliche Reize. Erzähl mir nicht, Du wohnst alleine ?! So ein Schnuckelchen wie Du? Was für eine Verschwendung humaner Ressourcen", gackert sie durch den Äther.
„Grace, mein..e... äh ... ich wohne nicht alleine ... aber die Person ist im Augenblick in Vermont." Ich wage nicht, mich näher dazu auszulassen. Ich gehe nicht hausieren, dass ich mit einem Mann zusammen wohne und in der Firma bin ich nicht geoutet. Ich habe das Gefühl, dass mein Chef latent homophob ist und Grace – oh mein Gott – in ihrem Fall verwette ich mein fast nagelneues Mercedes-Cabrio, dass der Umstand, dass ich auf Männer stehe, sie im Zweifel nur noch mehr antörnt. Es würde sie quasi zu neuen Höchstleistungen herausfordern und ich bin nicht geneigt, mich darauf einzulassen...
„Deine Person ist in Vermont", unterbricht Grace unbeirrt meine Gedanken. „Schöne Scheiße. Wann kommt die Person wieder?"
„Keine Ahnung. Ich ... ich könnte das ... herausfinden ..." Oh nein. Ich weiß, worauf das hinaus läuft – aber was soll ich machen ? Wieder einmal diktiert mein Job mein Privatleben.
„Jack, tu, was immer Du kannst und schaff mir die Akte so schnell wie möglich heran. Ich werde dem Alten sagen, dass Du die Unterlagen versehentlich mit nach Deutschland genommen hast. Damit kann ich Dir eine halbe Woche verschaffen. Hoffen wir, dass er nicht auf die Idee kommt, dass Du die einzelnen Blätter zufaxen sollst, dann sitzen wir ganz schön in der Tinte."
„Ok, Grace. Ich geb mein Bestes. ... Danke", flüstere ich ihr ans andere Ende der Welt zu, denn ich weiß, dass sie für mich gerade Kopf und Kragen riskiert.
„Kein Problem, Honey. Du weißt ja, ich liiiiieeeebe Abwechslung im Job. Und ab und an ein kleines Spielchen mit dem Alten ... ui, wer weiß, auf was für Ideen mich das noch bringt."
Ich lache. „Treib's nicht zu doll ..."
„...sprach der, der im Glashaus saß und mit den Steinen warf", unterbricht sie mich schnaubend. „Was macht übrigens Dein Sitznachbar?"
„Er ... Uh, Grace, woher weißt Du dass es ein Nachbar war und keine Nachbarin?", frage ich irritiert, denn ich bin mir einhundert- nein eintausendprozentig sicher, dass ich über das Geschlecht meiner neuesten Flamme nicht nur auch den kleinsten Mucks verraten habe.
Grace lacht laut auf. „Darling, bis eben wusste ich es nicht ! Bis die Tage, Süßer."
Die Verbindung ist unterbrochen und ich frage mich, ob ich Grace nicht all die Jahre unterschätzt habe...
Das Gespräch mit Grace und das – für mich – überraschende Ende trägt nicht gerade dazu bei, dass sich mein körperliches Befinden bessert.
Ich bin mittlerweile seit fast achtundvierzig Stunden mehr oder weniger ohne Pause auf den Beinen und die letzte Nacht in New York gehörte auch nicht gerade zu den erholsamsten in meinem Leben.
Langsam aber sicher merke ich, wie mein Körper rebelliert und nach Ruhe schreit. Mir ist abwechselnd heiß und kalt und ich fühle mich, als würde ich durch einen Watteberg laufen. So sehr ich mich auch konzentriere, nichts kommt wirklich bei mir an und meine Augen sind mittlerweile so lichtempfindlich, dass ich meine Sonnenbrille aufsetze, weil mir das flackernde Licht der Hallenbeleuchtung und die stickige und staubgetränkte Luft Kopfschmerzen verursachen. Außerdem habe ich Hunger und Durst.
Aber ich kann all dem im Augenblick noch nicht nachgeben. Ich muss noch ein paar Stunden durchhalten, denn ich muss das Telefonat mit David hinter mich bringen und Sergie-Boy nur durch meine Anwesenheit ein bisschen unter Druck setzen.
Während ich sinnierend darüber nachdenke, wann ich zuletzt etwas gegessen habe, spiele ich mit einem Stück groben Leinenstoff, der hier zwischen den ganzen Paletten und Plastikfolien herum liegt und so deplaziert wirkt, wie eine Sonnenblume auf einer Müllhalde.
Gedankeverloren pule ich die einzelnen Fasern aus dem Stoff und beschwörend murmelt mein erschöpfter Geist mir zu: „Er kommt ... er kommt nicht ... er kommt ... er kommt nicht ..."
Und einmal mehr wird mir die verrückte Situation bewusst, in der ich mich befinde. Ich habe David in New York, der mit mir seit Tagen sprechen will, ich aber nicht mit ihm, weil ich mit jemandem sprechen will, den ich gerade mal wenige Stunden kenne und dessen Telefonnummer ich mir in einem Anflug geistiger Umnachtung aufgrund körperlichen Verlangens nicht habe geben lassen.
Nun bin ich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände gezwungen, mit dem Mann zu sprechen, mit dem ich nicht sprechen will und weiß gleichzeitig nicht, ob der, dessen Stimme und Gegenwart ich herbei sehne, überhaupt noch einmal in meinem näheren Umfeld erscheinen wird ...
Oh Mann, meine Kopfschmerzen werden unerträglich und das Puckern hinter der Stirn macht mich wahnsinnig. Ich brauche Hilfe ...
Estelle ... ich beschließe, meine Vorbehalte über Bord zu werfen und mich in ihre esoterischen Hände zu begeben.
Müde stehe ich von dem Stapel Euro-Paletten auf, der in der hintersten Ecke des Standes lieblos abgelegt ist und schlurfe über den Stand. Ich bin erstaunt, dass sich innerhalb einer guten Stunde hier einiges getan hat. Wie Sergie versprochen hat, haben sich alle Messebauer und Kreativen mächtig ins Zeug gelegt. Gut so, eine Sorge weniger !
Ich treffe Estelle, die gerade mit einen Berg Stretch-Folie ringt, um eine mannshohe silber-matt polierte Vase zu enthüllen. Sekundenlang habe ich Angst, sie würde unter dem Berg Polymere ersticken, doch in dem Moment, in dem ich ankomme, hat sie den Kampf für sich entschieden und taucht verschwitzt aber siegessicher lächelnd wieder auf.
„Hi Jack." Ihre Stimme ist untermalt von dem Geraschel der Folie und klingt wie bei einem 50-er Jahre Radio. Neugierig blickt sie sich in der Halle um und schaut mich dann mit einem schiefen Grinsen an.
„Was ist?", frage ich.
„Na, brennt die Sonne?", fragt sie mich sarkastisch und zeigt auf meine Sonnenbrille. Ich rolle entnervt mit den Augen, was mir ein leichtes Stöhnen entlockt. Ruckartige Bewegungen der Iris – keine gute Idee ...
„Ne", nuschele ich ihr ermattet zu. „Mir raucht der Kopf. Du hast vorhin hier irgendwo Kaffee aufgetrieben – kannst Du mir auch ne Aspirin besorgen?"
„Chemie?! Bei Kopfschmerzen?!" Ich hätte es wissen müssen. Ihr entrüsteter Aufschrei sagt mir alles und ich wappne mich in das Unvermeidliche.
„Komm her", befiehlt sie mir auch sogleich und da ich den Kasernenton von meinem Boss gewohnt bin, folge ich ihrer Aufforderung asap.
Sie zwingt mich, mich auf eine Teppichrolle zu setzen, die noch unbearbeitet auf dem Stand herumliegt, zieht mein Jackett herunter, zaubert ein kleines Fläschchen mit einer Flüssigkeit aus ihrer Tasche, die mir die Tränen in die Augen treibt und mir erst einmal einen Schwall Nieser entlockt.
„Fertig?", fragt sie mich, als ich nach dem fünften Mal meine Nase putze und durch komplett erweiterte Nasenwände Luft hole.
„Ja", nicke ich ihr zu. „Was ist das für ein Teufelszeug, was Du da hast? Das riecht wie eine Tonne Pfefferminzbonbons", stöhne ich.
„Japanisches Heilöl" - und als sei damit alles gesagt, fängt sie an, meine Schultern zu kneten und mit ihren Fingern an meinen Schläfen zu punktieren.
„Entspann Dich", fährt sie mich nach einiger Zeit an. „Ich brech mir noch die Finger. Deine Muskeln sind hart wie Stein. Kein Wunder, dass Du Kopfschmerzen hast."
Ich tu mein Bestes, mich in ihre Bewegungen fallen zu lassen – aber je ruhiger ich werde, umso stärker kreisen meine Gedanken. Um David ... um meinen Job ... um die verdammte Akte und die halbe Mille, die daran hängt.
Und um Ennis ... Gott, wie ich mir wünschte, er wäre da. In seiner Gegenwart habe ich ohne Massage geschafft, was Estelle mir durch verbissenes Walken meiner Muskeln herbeizwingen will. Ich konnte entspannen. Ich konnte mich fallen lassen. Ich konnte einfach ich selbst sein.
Diese Erfahrung war so wunderbar, so neu und so belebend – ich will nicht, dass es das letzte Mal war ... Vielleicht kann ich ihn über das Internet finden? Was würde passieren, wenn ich den Namen „Ennis del Mar" bei Google eingebe? Wie viele Männer mit diesem Namen mag es wohl geben?
Ennis ... ein seltsamer Name. Ich habe ihn vorher noch nie gehört. Aber er klingt schön. So weich, so einfach auszusprechen. Man kann ihn seufzen und hinausschreien und er verliert nichts von seinem besonderen Klang. Ich nehme mir vor, genau das zu tun, sollte ich ihn wieder sehen. Sollte ich ihn wiedersehen ... hoffentlich ...
„Himmel, Jack", fährt mich Estelle an. „Woran denkst Du gerade? Dein ganzer Körper ist auf einmal gespannt wie eine Stahlfeder."
Wie recht sie hat, denke ich, als ich die Regungen in meinem Unterleib spüre. Unruhig geworden, stehe ich auf.
„Estelle ... danke ... es geht schon wieder." Und es stimmt. Ich weiß nicht, was sie getan hat, aber meine Kopfschmerzen sind deutlich weniger geworden.
Sie klopft mir aufmunternd auf die Schultern. „Komm wieder, wenn's schlimmer wird. Gegen Abend musst Du allerdings anstehen – ich hab schon meine Stammkunden", sagt sie augenzwinkernd und geht zurück zu der mannshohen Vase und dem Knäuel Folie.
Kopfschüttelnd gehe ich zu meinen Europaletten zurück und bevor ich mich in die Unendlichkeit des Cyber-Space stürze, um einen Marlboro Man aus Wyoming zu finden, werde ich einen großen Frosch fressen und bei David anrufen.
„Hallo?"
„Dave, hier ... uh ... hier ist Jack."
„Jack. Was für eine Überraschung. Du erinnerst Dich also noch an mich?"
„Ich leide noch nicht an Alzheimer, David. Außerdem sind es nur zwei Tage her, seit .."
„...seit Du aus der Wohnung gestürmt bist und jeden Anruf unbeantwortet gelassen hast. Ich wette, Du hast meine Nachrichten gelöscht, oder?"
„Nein, das habe ich nicht ..."
„Warum hast Du nicht zurück gerufen?"
„Dave ich ... ich hatte zu tun ... Du weißt wie das ist."
„Nein, Jack, ich weiß nicht, wie das ist. Wie Du weißt, sitze ich zu Hause, drehe Däumchen und warte darauf, dass Du nach Hause kommst."
„Oh Mann, fang nicht schon wieder damit an. Ich habe Dir schon hundert Mal gesagt, Du sollst Dir einen Job suchen, etwas aus Deinem Leben machen. Ich bin nicht für Dein Seelenheil verantwortlich."
„Wir leben zusammen."
„Ja, richtig. Das heißt aber nicht, dass ich von Dir verlange oder erwarte, zu Hause auf mich zu warten. Du hast Dein eigenes Leben, genauso wie ich meines habe. Du setzt mich unter Druck, David, merkst Du das nicht?"
„ICH setze DICH unter Druck? DU verlangst, dass ICH mir einen Job suche und verkennst dabei völlig, dass ich einen Job habe. Das nenne ich unter Druck setzen, Jack."
„Dave ich weiß, dass Du einen „Job" hast – wobei ich um's verrecken nicht sehe, dass dieser Job Dich in irgendeiner Form über Wasser hält, wenn ich mir MEIN Konto ansehe..."
„Siehst Du? Du machst es schon wieder ... Anstatt, dass Du mir Zeit gibst ..."
„Zeit? DREI VERDAMMTE JAHRE nennst Du keine Zeit??"
„Jacky, bitte, jeder Künstler hat mal klein angefangen und ..."
„Jajajaja, David. Das spielst Du ab wie eine Platte mit Sprung – aber ich sag's Dir jetzt zum letzten Mal: ich bin nicht Dein persönlicher Sponsor und - das ist das entscheidende – erpresse mich nicht mit meinem Gewissen. Ich ERTRAGE es nicht mehr, dass Du mir PERMANENT meine Arbeitszeiten vorhältst und JEDEN Abend meckernd in der Tür stehst, obwohl Du von dem Geld, das ich verdiene, DEINEN sogenannten „Job" mitfinanzierst. Ich ..."
„Liebst Du mich, Jack?"
„Was?"
„Ich frage Dich, ob Du mich liebst."
„Was hat das jetzt mit der Diskussion zu tun?"
„Oh, sehr viel. Jack, ich ... ich sehe einfach nicht, dass wir Partner sind. Weißt Du, Lebenspartner ... in guten wie in schlechten Zeiten ... Was wäre, wenn mir morgen etwas zustoßen würde? Was wäre, wenn ich morgen vom Laster angefahren würde und im Rollstuhl sitzen müsste. Würdest Du aus Liebe bei mir bleiben oder aus Pflichtbewusstsein ... oder aus Schuld?"
„Dass ... ich ... David. Was ist das für eine verdammt hypothetische Frage?"
„Antworte mir."
„Ich ..."
„ANTWORTE MIR !"
„Ich ... ich weiß es nicht, David."
„Weißt Du es nicht, oder willst Du es mir nicht sagen?"
„Ich ... ich weiß es im Augenblick nicht."
„Hast Du einen anderen?"
„Was?"
„Hast Du was nebenbei laufen, Jack? Das frage ich mich schon die ganze Zeit ... Ob ... ob Dein spätes nach Hause kommen nicht andere Gründe hat..."
„Jack? ... Jack, bist Du noch dran?"
„Ja."
„Ja?"
„Du hast mir eine Frage gestellt, David. Die habe ich beantwortet."
„Oh."
„David, es ist nicht so wie Du denkst, ich ..."
„Halt die Schnauze, Jack. Die Umstände interessieren mich nicht. Ich weiß, was ich wissen muss. Wie ärmlich, dass ich Dich fragen muss, um die Wahrheit zu hören. Ich dachte, ich wäre Dir mehr Wert gewesen..."
„David ..."
„Jack, ich hole meine Sachen aus Deiner Wohnung. Es trifft sich ganz gut, dass meine Eltern mich im Augenblick brauchen, dann hab ich ein Dach über dem Kopf."
„David ... lass uns doch in Ruhe darüber ..."
„...reden? Jack, Du willst reden? Nein, Kumpel, mir ist die Lust aufs Reden vergangen."
„Wann ... wann holst Du Deine Sachen ...?"
„Anfang nächster Woche."
„Kannst ... kannst Du mir noch einen Gefallen tun? Ich habe eine Akte auf meinem Schreibtisch, kannst Du die in mein Büro an Grace Mulligan schicken? Das ist sehr wichtig ..."
„Warum sollte ich das tun, Jack?"
„Gute Frage, David ... Ich ... ich kann's verstehen, wenn Du es nicht tust ... Ich meine, sag mir einfach, wenn Du nicht ... dann frag ich jemand anderes ..."
„Du bist ein Arschloch, Jack. Du schaffst es immer wieder, dass ich Dir nachgebe und ich hasse das. Das ist nicht gesund. ... Ach, Scheiß drauf ..."
„Danke, David. Das ... das ist sehr ... nett von Dir."
„Nett ... phhh ... nett. Na ja, immer hin etwas."
„David?"
„Ja?"
„Es ... es tut mir leid ..."
„Mir auch, Jack."
„David ..."
Doch das Tuten in der Leitung ist die einzige Antwort, die ich noch bekomme.
„Grace?"
„Hallo Jack, was gibt es Neues?"
„Anfang nächster Woche bekommst Du die Akte. Früher geht nicht."
„Shit ... ok, ich versuch zu improvisieren."
„Grace, riskiere nichts, hörst Du? Das ist die Sache nicht Wert. Es ist meine Schuld und ich werde dafür gerade stehen. Ich möchte nicht, dass Du Deine Karriere aufs Spiel setzt ..."
„Ach, Honey. Ich war noch nie scharf auf Karriere. Ich finde im Zweifel auch noch woanders einen Job. Und wenn ich Deinen süßen Arsch retten kann, ist das für mich eine wunderbare Herausforderung in meinem sonst so tristen Alltag", sagt sie und ich sehe sie quasi vor mir, wie sie grinsend die Augen verdreht.
„Grace ... und wenn ich meinen Arsch gar nicht retten lassen will?"
Die Frage rutscht mir raus, bevor ich darüber nachdenken kann und im ersten Moment bin ich erschrocken, weil ich meinen Job wirklich gern mache. Aber dann denke ich daran, wie hoch der Preis ist, den ich für ein erträgliches Jahresgehalt und einen herausfordernden Full-Time-Job gerade vor wenigen Minuten gezahlt habe und vielleicht zukünftig noch zahlen muss und meine innere Waage fängt an zu kippen. Die Wertigkeit erscheint mir immer fragwürdiger und ich merke, dass die Frage, die ich Grace eben spontan gestellt habe, auch eine der Fragen ist, die mich scheinbar schon lange unbewusst beschäftigen und die sich jetzt alle Gehör verschaffen.
„Jacky-Boy, was sind das denn für Töne? Bist du krank? Bekommt Dir die deutsche Luft nicht? Was ist los?", fragt Grace und auch sie scheint zu spüren, dass in mir gerade tektonische Platten aneinander reiben und drohen, ein mittelschweres Beben zu verursachen.
Ich seufze. Zu gern würde ich ihr mein Herz ausschütten – zu gern würde ich überhaupt mal mit irgend jemandem ein persönliches Gespräch führen, weil ich das Gefühl habe, dass mir langsam aber sicher mein Leben entgleitet, dass ich die Kontrolle verliere und anfange zu driften. Das macht mir Angst.
Es ist nicht so, dass mir die plötzliche Trennung von David den Boden unter den Füßen weg reißt. Ich denke, wir beide haben das Ende vorausgesehen und zumindest ich habe es vielleicht sogar herbei gesehnt. Im Grunde hat wohl nur der Anlass gefehlt – und den habe ich heute geliefert.
Aber die Art wie es passiert ist, belastet mich. Ich will nicht, dass er denkt, dass ich ihn monatelang betrogen habe. Ich bin nicht der Typ, der so etwas tut. Ich habe gesehen, wie meine Mutter unter den Seitensprüngen meines Vaters gelitten hat und immer noch leidet – ich hasse Unehrlichkeit in Beziehungen. Ich ertrage es nicht. Und ich fühle mich so erbärmlich, weil sich in mir in den letzten vierundzwanzig Stunden Charakterzüge meines Vaters offenbart haben.
Und das mindeste wäre gewesen, David bei dem Geständnis in die Augen zu schauen. Wenigstens das wäre ich ihm schuldig gewesen.
„Jack, bist Du noch da?" Ein besorgter Unterton schwingt in Grace Stimme mit und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Ja, ich bin noch dran", sage ich still und räuspere mich.
„Honey, ich bin beunruhigt. Ist etwas passiert?"
„Ach Grace ... ich weiß es nicht. Ich bin einfach nur so entsetzlich müde. Ich denke, ich packe jetzt meine Sachen, werde Sergie-Boy noch mal auf die Finger klopfen und dann versuch ich bis morgen früh durchzuschlafen. Mach Dir keine Sorgen. Ich bin ein großer Junge, ich schaff das schon", versuche ich zu scherzen und merke in dem Moment, wie deplaziert die Bemerkung ist, als ich Grace schnauben höre.
„Jack", sagt sie mit eindringlicher Stimme. „Mach mir doch nichts vor, ich kenn Dich lange und gut genug." Sie seufzt tief auf. „Du hast dich noch nie so defensiv angehört. Ich kenne Dich kämpfend und lachend, wütend und humorvoll – und ich denke nicht, dass Du jemand bist, der aufgibt und sich unter kriegen lässt. Sag mir, wenn ich Dir helfen kann. Und wenn Du jemanden zum Reden brauchst, RUF.MICH.AN!"
Sie lacht mir glockenhell ins Ohr – und wieder einmal hat sie es geschafft. Ich pruste los.
„Oh, Grace, Du bist unverbesserlich. Ich meld mich bei Dir. Versprochen. Mach's gut."
„See you later, Alligator", flötet sie mir noch ins Ohr und wieder einmal ist die Verbindung in die Heimat unterbrochen.
Ich sitze minutenlang auf meinem Stapel Euro-Paletten im hintersten Winkel des Messestandes, abgeschottet von allem Geschehen um mich herum und versuche, Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Aber ich bin zu müde. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Pudding und jeder angefangene Gedanke versickert im Nirvana. Ich bin sogar zu müde, um irgendwelche Emotionen zu empfingen. So dumpf und ausgebrannt war ich schon lange nicht mehr und ich merke, dass ich dringend für mich sorgen muss.
Ich klappe mein Notebook zu und nehme mir vor, im Hotel nach einer entspannenden heißen Dusche ins Internet zu gehen und nach Ennis del Mar zu suchen. Er ist für mich im Augenblick die einzige Konstante, der einzige Fixpunkt in meinem Leben. Und ich werde nicht locker lassen. Sollte er mich nicht finden, dann werde ich alle Hebel in Bewegung setzen. Und ich gebe mir selbst ein Versprechen, dass die Nacht mit ihm nicht die letzte gewesen ist.
Nachdem ich meine Sachen zusammen gepackt habe, gehe ich auf die Suche nach Serge.
Der Stand sieht zum Glück deutlich besser aus als noch vor vier Stunden, als ich angekommen bin. Der Entsorgungsdienst war bereits da, das Back-Office hat Formen angenommen und da die Küche im Laufe der nächsten Stunden geliefert werden soll, fasse ich den Entschluss hier noch einmal nach dem Rechten zu sehen.
Ich stoße die provisorische Tür auf, balanciere meine Besitztümer in meinen Armen und höre Serge gerade noch mit süßer Stimme flöten „Wenn Sie ihn nicht finden, kommen Sie wieder, hein?" als ich in dem Moment gegen einen harten, muskulösen Körper stoße, dessen Geruch mir so vertraut vorkommt, dass mir einen Schauer über den Rücken läuft.
Langsam hebe ich meinen Kopf und sehe in tiefbraune Augen.
„Hallo Jack", ertönt die wohlbekannte Stimme, die ich unter Tausenden anderer sofort wieder erkennen würde und alle Sorgen der letzten Stunden lösen sich in Wohlgefallen auf, als ich den Mann anlächelte, von dem ich mich heute morgen im Hotel Sheraton am Frankfurter Flughafen verabschiedet habe.
