Gerade als die schwere Haustüre hinter mir ins Schloss fiel, erinnerte ich mich daran, dass mein Hudson ja gar nicht vor meiner Haustüre geparkt war, sonder noch immer gute dreißig Minuten zu Fuß entfernt in der selben Seitengasse stand, wo ich ihn gestern Abend vor meiner Feier abgestellt hatte. Im nächsten Moment erinnerte ich mich daran, warum es vielleicht doch keine so gute Idee gewesen war, meine Wohnung zu verlassen.
Dieses Mal schaffte ich es nicht dem Katana rechtzeitig auszuweichen. Mein erschrockener Satz zur Seite verhinderte zwar, dass ich enthauptet wurde, stattdessen traf mich die scharfe Klinge im Gesicht und schlitzte mir die rechte Wange auf. Autsch.
Ich hob eine Hand und beschwor einen Schild aus Flammen, der mich vor weiteren Angriffen schützen sollte, während ich schleunigst das Weite suchte.
Die Ritter des Kreuzes sind aber nicht nur deswegen gefürchtet, weil sie gut mit ihrem Schwert umgehen können. Nein, sie bewerkstelligen Dinge damit, die eigentlich gar nicht möglich sind. Wie zum Beispiel jetzt gerade, als das Katana durch meinen Zauber schnitt, als wäre er gar nicht da. Die Flammen erstarben so schnell, wie sie aufgetaucht waren und ich schaffte es gerade noch mich fallen zu lassen, bevor das Schwert erneut durch die Luft sauste.
Ein Tritt gegen das Schienbein ließ den deutlich kleineren Mann einige Schritte zurücktaumeln und gab mir die Zeit, die ich brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen. Was für ein Glück, dass ich dieses Mal eine Hose trug und relativ flache Schuhe. Zwar noch immer nicht unbedingt eine Aufmachung, die zum Kämpfen geschaffen war, aber zumindest besser geeignet als gestern Nacht. Dennoch war der Ritter klar im Vorteil. Ich bin zwar ein Dämon, aber ich bin eine Geschäftsfrau. Ich lebe vom Handeln und Verhandeln. Nicht davon, dass ich mich mit irgendwelchen martialischen Waffen duelliere. Das beste, worauf ich hoffen konnte, war eine erfolgreiche Flucht. Besiegen konnte ich den Ritter nicht. Nicht in einem fairen Kampf und nicht ohne ausreichend Vorbereitungszeit. Wie hatte ich die Anwesenheit des Asiaten nur vergessen können?
Wir umkreisten uns für einige Momente, beide wachsam und einen Angriff des anderen erwartend. Der Asiat wusste offensichtlich nicht, dass ich eine Niete im Nahkampf war und wollte auf Nummer Sicher gehen.
Ich schleuderte dem kleinen Mann einen ausgewachsenen Feuerball entgegen, der ihn leider nur streifte und zwar die Haare auf seinem Kopf versengte, aber sonst eher unserer Umgebung Schaden zufügten. Naja, der weiße Ford Taunus war sowieso eine Beleidigung meiner Augen gewesen. Seine Überreste bildeten jetzt einen verkohlten Haufen Blech neben dem in die Hocke gegangenen Asiaten. Verdammt, der Typ war schnell. So rasch ich konnte, warf ich den nächsten Feuerball, aber der Mann machte einen Salto über mich drüber - aus dem Stand und ohne Anlauf - und entging so nicht nur meiner erneuten Attacke, sondern startete auch gleich eine eigene. Ich spürte einen dumpfen Schlag gegen meinen Kopf und das nächste, das ich wusste, war dass der Asphalt kalt unter meiner Wange war.
Ich versuchte den selben Trick wie gestern Abend. Die Illusion würde hier im Tageslicht zwar nicht so gut wirken, aber Hauptsache ich konnte mich irgendwie aus der Affäre ziehen - wenn der Asiat dumm genug war, zwei Mal auf den selben Effekt reinzufallen. Ein erneuter Schlag gegen meinen Kopf, gerade als ich begann, die notwendige Energie zu sammeln, lies mich Sterne sehen. Ich schaffte es nicht mehr, die notwendige Konzentration aufzubringen, um noch irgendeinen Zauber wirken zu können. Ich war so gut wie tot. Nach weniger als 10 Sekunden Kampf - wie gesagt, meine Stärken liegen in anderen Bereichen.
Aber der fatale Schlag blieb aus. Vorsichtig drehte ich meinen Kopf ein wenig, um meinen Angreifer sehen zu können. Farben, Lichter und Schmerzen explodierten hinter meiner Stirn und ließen mich aufstöhnen. Ja, meine Birne war gut weich geklopft. Mit einem eher un-weiblichen Grunzen legte ich meinen Kopf wieder vorsichtig auf den kühlen Asphalt und harrte der Dinge, die da noch kommen würden.
"Du bist nicht, wie die anderen."
Ich brauchte einige Augenblicke, um den Sinn in den schwer akzentbehafteten Wörtern zu erkennen und selbst dann gelang es mir nicht, eine sinnvolle Antwort zu geben. Mehr als ein schwaches Stöhnen brachte ich nicht zustande.
"Ich weiß, was du bist. Aber nicht wer."
Na, weil es ja sooo viele Dämonen in Wien gab. Was für eine Pfeife. Aber ich hütete mich davor, auch nur den Mund aufzumachen. Selbst wenn in meinem Kopf nicht noch immer die einzelnen Gehirnzellen Hochschaubahn fahren würden und ich tatsächlich antworten hätte können, das war bestimmt nicht die Erwiderung, die meinen Kopf aus der Schlinge ziehen würde.
"Nenne mir deinen Namen, Yasha."
Ich war noch nicht tot, also hatte der Ritter wohl noch irgendetwas mit mir vor, bevor er mir den Kopf abhacken würde. Ich musste allerdings herausfinden, was das war, um es für meine Zwecke einsetzen zu können. Dafür war es aber auch notwendig, mehr über den Ritter selbst zu erfahren. Leider war ich dazu zur Zeit wohl kaum in der Lagen und wenn uns die Polizei so finden und verhaften würde, würde es das Unausweichliche auch nur etwas aufschieben. Der Asiat schien das selbe zu denken, denn ich spürte plötzlich, wie mich kräftige Arme packten und dann über die Straße schliffen, quer über den Erzherzog-Karl-Platz auf die neue Kirche zu.
Er hatte mich Yasha genannt. War das ein Name oder eine Bezeichnung? Warum konnte der Kerl nicht eine verständliche Sprache sprechen? Deutsch, Französisch, Arabisch oder Latein zum Beispiel? Ich wäre schon mit altem Aramäisch zufrieden gewesen. Warum musste es irgendsoetwas östliches sein?
Der Ritter schliff mich nicht hinter eines der Gebüsche, die den Erzerzog-Karl-Platz bevölkerten. Nein, er hatte sich offensichtlich die Kirche selbst als Ziel ausgesucht.
Auch wenn ich ein Dämon bin, heiliger oder geweihter Boden macht mir nichts aus. Theoretisch verliere ich dort keine meiner Kräfte und solange nicht gerade ein Engel höchstpersönlich in der Kirche ist, sollte mir auch nichts geschehen. Die Praxis sieht ein wenig anders aus. Ich fühle mich in diesen Gebäuden selten wohl. Und die Franz-von-Assissi-Kiche war offensichtlich keine Ausnahme. Sie war eine der neueren Kirchen, erst vor ein paar Jahrzehnten fertig gestellt und äußerst massiv. Ich hatte Gerüchte gehört, dass sie als Garnisonskirche gedacht war, was angesichts der vielen Kasernen in der Gegend gar nicht so abwegig schien. Offenbar hatten die Architekten sich das als Inspiration genommen und ein Bauwerk erschaffen, dass nicht nur pompös, sondern auch äußerst imposant war. Mit seinen zinnoberroten Dächern, die sich wundervoll von einem blauen Himmel abhoben, und den Zinnen, deren Schatten die Kirche lebendig wirken ließen, war sie normalerweise ein Anblick, der auch mir gefiel. Aber heute, mit den dunklen Wolken, die der gesamten Stadt das Leben auszusaugen schienen, wirkte sie nur düster und bedrohlich.
Der Asiat zog mich einige Stufen hoch zum Haupteingang und dann durch die schwere Eisentüre hindurch ins Innere des Bauwerkes. Ich muss gestehen, auch wenn ich schon seit einer Weile in direkter Nachbarschaft wohne, so habe ich die Kirche noch nie betreten und von innen gesehen. Währe ich nicht eh schon so zusammengeschlagen gewesen, mir wäre der Atem gestockt. Hier drinnen war das Thema offensichtlich nicht Garnison, Kampf oder Krieg gewesen. Die Decke war mit kunstvollen Bildern verziert, Engel, Mosaike und die Farbe Gold dominierte. Der Kronleuchter machte seinem Namen alle Ehre und erinnerte an die Kronen der alten Germanenkönige, eine Galerie im ersten Stock ermöglichte den Blick von einer erhobenen Position auf den achteckigen Raum - Moment. Ich blinzelte verwirrt. Das konnte nicht das Hauptschiff sein. Der Ritter hatte mich wohl durch einen der beiden Nebeneingänge gebracht und jetzt befand ich mich offenbar in der Kapelle, die für die ermordete Kaiserin erbaut worden war. Mein Kopf war anscheinend doch mehr in Mitleidenschaft gezogen worden als befürchtet.
Der Ritter lies mich vollends zu Boden sinken und während ich verwirrt zu den zahlreichen Engeln hinauf starrte, die die Hände preisend gen Himmel gerichtet hatten, hörte ich, wie sich seine Schritte entfernten.
Ich weiß nicht genau warum, aber mein benebeltes Hirn würgte in dem Moment die 'Totensequenz' hervor, das 'Dies irae'. Zu dem Zeitpunkt schien es mir passend - und außerordentlich amüsant. Es ist wirklich verwunderlich, was ein paar gezielte Schläge auf den Kopf mit einer normalerweise recht rationalen und intelligenten Person anstellen können.
"Dies irae dies illa,
Solvet saeclum in favilla:
Teste David cum Sibylla."
"Quantus tremor est futurus,
Quando iudex est venturus,
Cuncta stricte discussurus!"
Ich hörte nicht, wie der Ritter zurückkehre und das zweite Paar Schritte ging auch unter meinen lallenden Worten unter, die in der kleinen Kapelle widerhallten und sanft in das Hauptschiff hinaus drangen.
"Lacrimosa dies illa,
Qua resurget ex favilla.
Iudicandus homo reus:
Huic ergo parce Deus.
Pie Iesu Domine,
dona eis requiem.
Amen."
"Das ist wahrlich ein seltener Anblick. Ein Dämon in einem Gotteshaus, der für die Seelen der Menschen betet."
Ups. Er hatte recht, so konnte man das natürlich auch sehen. Hoffentlich erfuhr niemand von unten davon...
"Danke, dass Sie mich geholt haben, Shiro. Ich denke, Sie hatten recht. Das hier scheint mir tatsächlich der Teufel zu sein, von dem in der Schrift die Rede ist."
Ich hatte keine Ahnung, wovon der Pfaffe da sprach, aber ich konnte nicht einfach am Boden liegen bleiben und ihn über die Bibel labern lassen. Wenn ich nur meine Sinne genug beisammen hätte, um einen verständlichen Satz formulieren zu können - he, Sekunde! Hatte ich nicht eben ein langes Lied aus dem Gedächtnis zitiert? Das hieß wohl, das sich mein Gehirn schön langsam an die raue Behandlung gewöhnt hatte.
"He, Padre..." Krächzte ich ein wenig undeutlich und erfreut darüber, dass ich zumindest wieder sprechen konnte. "Beantworte mir eine Frage..."
Erwartungsvolle Stille.
"Darf man beim Beten saufen?"
Ich konnte sein Stirnrunzeln praktisch hören. "Natürlich nicht."
"Und darf man beim Saufen beten?"
"Ja nat..." Er unterbrach sich, als ihm dämmerte, das ich ihn auf die Schaufel genommen hatte.
Mein röchelndes Lachen hallte durch die gesamte Kirche und ich muss zugeben, ich machte wahrscheinlich gerade nicht den besten Eindruck. Aber was soll man von jemandem erwarten, der einen heftigen Tritt gegen die Birne bekommen hatte und noch immer die Vöglein zwitschern hörte.
"Bringt sie bitte ins Nebenzimmer."
Erneut wurde ich hochgehoben und unsanft weggeschliffen. Ich spürte wie etwas mein Kinn entlang lief. Wahrscheinlich Blut. Entweder von der Wunde in meinem Gesicht, die mir das Katana verursacht hatte, oder aber ich hatte mir auf die Zunge gebissen, als mich der Stiefel des Ritters getroffen hatte. Es würde auch erklären, warum ich Schwierigkeiten hatte, mich klar zu artikulieren. Das würde schon wieder heilen. Erst mal musste ich aus der Kirche raus. Es waren nur ein paar Meter zu meiner Wohnung und dort würde ich sicher sein. Aber in meinem jetzigen Zustand hätte ich genauso gut versuchen können, ans andere Donauufer zu gelangen. Mit einer Bleikugel an den Beinen.
Vielleicht würde auch Fuchs nach mir suchen kommen, wenn ich nicht in Hietzing auftauchte. Ich stellte mir vor, wie er die Haupttore der Kirche aufstieß und mit wehendem Umhang in der Türe stand, eine Hand von tödlichem Feuer umspielt, die andere seinen langen, geschnitzten Zauberstab fest umklammert. Wie seine tiefe Stimme durch die Kirche donnerte und den beiden Typen befahl, mich gehen zu lassen oder sich seinem Zorn zu stellen.
Ein Schwall kaltes Wasser brachte mich zurück auf den Boden der Realität. Auch wenn die Kirche gleich nebenan war, Fuchs würde niemals auf die Idee kommen, mich hier zu suchen. Ich blinzelte das Wasser aus meinen Augen und versuchte meine Aufmerksamkeit wieder auf die zwei Gestalten vor mir zu fokussieren. Das war leichter gesagt als getan. Der Pfaffe war neben mir in die Knie gegangen und untersuchte gerade mein Gesicht, während der Asiate - Shiro, wenn ich richtig gehört hatte - agitiert auf und ab stakste. Die Bewegung machte mich schwindlig und wenn der Pfarrer mich nicht am Sessel gehalten hätte, wäre ich wohl auf dem Boden gelandet. Ich richtete meinen Blick rasch auf ihn und versuchte den jungen Asiat zu ignorieren.
Sessel. Ja, wirklich, sie hatten mich auf einen alten Holzstuhl gesetzt. Wir befanden uns in einer kleinen Kammer, kaum groß genug um das Bett, den kleinen Kasten und einen winzigen Schreibtisch zu beherbergen. Offensichtlich die private Residenz des Pfaffen. Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkeifen, als ich diesen Wohnbereich mit meinem verglich. Ja, es zahlte sich schon aus, auf der richtigen Seite zu stehen.
Das Grinsen verging mir schnell wieder, als der Pater Nadel und Faden zückte und Anstalten machte, meine Wange wieder zusammen zu nähen.
"He! Halt! Aus!" Ich versuchte zurückzuweichen und meine Hände zum Schutz vor mein Gesicht zu heben, aber ich stieß schon nach wenigen Millimetern auf einen starken Widerstand - ich war gefesselt.
"Pause, ja? Weg mit dem spitzen Ding!"
Panisch versuchte ich den Kopf wegzudrehen und der Nadel zu entkommen, aber im nächsten Moment packten mich starke Arme und Shiro zischte: "Halte Still, Schlange. Oder soll ich dir noch einmal auf den Kopf schlagen?"
Die Antwort darauf war ein klares Nein. Auch wenn das Nähen der Wunde ohne Betäubung schmerzhaft zu werden versprach, in meinem Schädel herrschte eh schon Ausnahmezustand, der Asiat brauchte nicht für noch mehr Unruhe sorgen. Ich musste bei Bewusstsein und bei klarem Verstand bleiben, wenn ich hier in einem Stück wieder raus wollte.
Manche Dämonen halten deutlich mehr aus als Menschen, das sind unsere Frontkämpfer. Schreckliche, kräftige Dinger, schneller als der Blitz, stärker als ein Erdbeben und gewalttätiger als ein Tsunami. Denen kann man einen ganzen Arm abtrennen und wieder annähen, während sie ungestört zu Mittag essen. Meine Stärken liegen hingegen auf anderen Gebieten. Das mit dem bei Bewusstsein bleiben klappte so leider nicht ganz.
Als ich wider zu mir kam, bemerkte ich als erstes, dass mein Gesicht kalt war. Ich blinzelte verwirrt und schmeckte dann Blut in meinem Mund. Ein unangenehmer, übelkeiterregender Geschmack, der mir dennoch dabei half, sehr rasch sehr viel wacher zu werden. Ich war noch immer an den alten Stuhl gefesselt. Aber Shiro war verschwunden, stattdessen saß nur mehr der Pfarrer im Raum. Auf dem Bett, denn auf dem einzigen Sessel war ja ich festgebunden.
Als der andere Mann bemerkte, dass ich am Aufwachen war, stand er auf um neben mir in die Hocke zu gehen. Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Kopf an der Wand ruhte und irgendetwas Kühles zwischen mir und der harten Wand eingeklemmt war, das der Pfarrer gerade entfernte. Ein Eisbeutel.
"Ihr seid der Dämon aus dem siebten Kreis der Hölle, Fausts Teufel, der den Menschen Pakte anbietet."
Das konnte ich nicht bestreiten, wenngleich meinereins nicht unbedingt gerne als 'Teufel' bezeichnet wird. Ich antwortete nicht und wartete darauf, dass der Pfarrer weitersprach.
"Ich habe viel über Euch gelesen, Nergallalatoot."
Das war mein wirklicher Name und leider auch viel zu nahe dran an der richtigen Aussprache. Unwillkürlich zuckte ich zusammen.
Namen haben Macht. Auch über Menschen aber noch mehr über alles Übernatürliche. Wenn man den richtigen Namen einer Kreatur weiß, so kann man sie befehligen, sie beschwören und dem eigenen Willen unterwerfen. Bei Menschen und anderen sterblichen Wesen ändert sich der Wahre Name relativ bald und schon nach wenigen Jahren, manchmal sogar schon Monaten, hat er sich so weiterentwickelt, dass der alte keine Macht mehr besitzt. Bei den unsterblichen Völkern verläuft das ein wenig anders. Den meisten von uns mangelt es an Veränderung. Wir sind unflexibel, unwandelbar und unser Name ist es ebenfalls. Nur sehr selten verändert er sich und auch dann meist nicht genug, um 'neu' genannt werden zu können. Die alte Variante verliert vielleicht ein wenig an Macht, aber selten genug, um wirklich etwas auszumachen. Meist muss der Beschwörer eben etwas mehr Willen aufbringen, aber das war es dann auch schon.
Ich habe immer versucht, meinen vollen Namen aus meinen Geschäften rauszuhalten. Einem Sterblichen, der etwas gegen dich hat, einen Zettel mit deinem - zwar geschriebenen aber immerhin - vollständigen Wahren Namen zu geben, ist äußerst dumm. So jemand wird nicht lange leben. Umso erstaunter - und auch alarmierter - war ich, als dieser dahergelaufene Pfaffe meinen vollständigen Namen beinahe korrekt aussprach.
Offensichtlich wusste er das nicht, denn sonst hätte er mir schon längst Befehle geben oder mich an ihn binden können.
"Ich bevorzuge den Namen Lysandra," war meine lakonische Antwort. Ich durfte den Pfaffen nicht auch noch mit der Nase darauf stoßen, was er tatsächlich alles mit mir tun konnte.
"Gut, Lysandra. Ihr habt eben einen Teil des Requiems zitiert."
Als ich ihn immer noch stumm anblickte, sah er sich offenbar gezwungen, deutlicher zu werden: "Milder Jesus, Herrscher Du, Schenk den Toten ew'ge Ruh."
Ja, das war die Übersetzung des letzten Verses. Dennoch war mir nicht ganz klar, auf was der Pfarrer hinaus wollte.
"Heißt das, Ihr wisst schon bescheid?"
"Hör zu, Pfaffe, mir brummt grad der Schädel und ich bin wirklich nicht in Stimmung mit dir Rätsel auszutauschen. Ja, ich weiß über eine ganze Menge bescheid. Aber wenn Du mir nicht sagst, wovon du redest, dann hat das so keinen Sinn."
"Die Schrift besagt, dass Ihr uns unterstützen werdet und die aufkommende Finsternis zurückschlagen. Ein Sturm zieht auf und wenn wir ihn nicht zurückschlagen so werden wir untergehen, noch bevor dieses Jahr zu Ende ist."
Das war zwar noch immer viel zu vage für meinen Geschmack, aber vage Andeutungen schienen ja das Thema des Monats zu sein. Ich beschloss einen Schuss ins Blaue zu riskieren.
"Ja, ich weiß darüber bescheid." Wie realistisch war es, dass zum selben Zeitpunkt zwei solche Bedrohungen in Wien existieren würden? Ich konnte also getrost davon ausgehen, dass das, vor dem mich Azroth gewarnt hatte, der 'Sturm' war, von dem der Pfaffe faselte.
Der Priester lehnte sich vor und sagte mir äußerst eindringlichem Tonfall: "Es ist von immenser Wichtigkeit, dass wir unser Wissen zusammenlegen. Der Herr hat..."
Da unterbrach ich ihn. Das war einfach nur unhöflich. Ich fing ja auch nicht an über Satan Geschichten zu erzählen.
"Moment. Vielleicht verstehe ich das ja deswegen nicht ganz, weil ich eben einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen habe, aber... Warum zum Teufel," ups, da war's mir also doch passiert, "glaubst du, dass ich euch helfen werde? Bloß weil irgendwer irgendwann irgendwas niedergeschrieben hat, als er zu viel schlechten Fusel gesoffen hatte?"
Ja, ich kann auch äußerst undiplomatisch sein. Das passiert meistens dann, wenn ich Kopfschmerzen habe oder von einem Ritter des Kreuzes nach Strich und Faden verprügelt worden bin. Und jetzt traf beides davon zu. Ein Wunder, dass ich mich bisher so zurückhaltend und höflich benommen hatte.
"Ich sehe, Euch fehlt der Glaube, Lysandra. Aber das war bei einer Kreatur wie euch auch zu erwarten. Der Herr hat prophezeit und so wird es geschehen."
Der Pfarrer zückte ein Messer aber anstatt es mir durchs Herz zu rammen, schnitt er damit meine Fessel durch. Ich starrte ihn fassungslos an.
"Geht. Ihr seid frei. Aber Ihr werdet wieder kommen, wenn die Not am größten ist und uns unterstützen. Gemeinsam werden wir gegen die Finsternis ankämpfen und ein Bollwerk des Lichts darstellen. Friede sei mit Euch, Lysandra."
Ich verlies die Kirche so schnell ich konnte durch den Haupteingang. Irgendwo hinter mir musste der Asiat wieder aufgetaucht sein, denn bevor die schwere Doppeltüre wieder zu schwang, hörte ich den Pfarrer sagen: "Vertrau auf deinen Glauben, Shiro. Alles wird so geschehen, wie es geschehen muss. Der Herr kümmert sich darum."
