Kapitel 3
„Irgendwas stimmt da nicht. J, ich brauche meinen Anzug!" Aufgeregt lief Tony vom Wohnzimmer zurück in seine Werkstatt.
„Die Konfiguration der Flugstabilisatoren ist noch nicht abgeschlossen, Sir."
„Das ist mir egal! Ich muss Pepper suchen. Vielleicht hatte sie einen Unfall? Oder wurde überfallen? Es MUSS etwas passiert sein, sonst wäre sie erreichbar. Brich ab, was immer du gerade tust. Ich muss sehen, ob es ihr gut geht."
„In zwei Minuten ist die Grundjustierung abgeschlossen, Sir. Vorher wäre es zu riskant, den Anzug zu benutzen", erwiderte Jarvis.
Tony seufzte, beugte sich dann aber Jarvis' Bedenken. Es half schließlich auch nicht, wenn er auf der Suche nach Pepper unterwegs abstürzte. Also vertrieb er sich die Zeit, in dem er durch die Garage tigerte und alle paar Sekunden auf seine Armbanduhr starrte.
„Die Justierung ist abgeschlossen, Sir", meldete Jarvis endlich die erlösende Nachricht. „Ich habe die GPS-Koordinaten und die Flugroute bereits im Anzug gespeichert."
„Na endlich."
Tony stieg in die Rüstung und betrat die Plattform, die sich sogleich hydraulisch nach oben dem Dach entgegen bewegte. Wenige Sekunden später war er in der Luft und flog, so schnell es der Anzug zuließ, auf die von Jarvis programmierten Koordinaten zu. Wenige Flugminuten später hatte er das Ziel erreicht, und er landete seitlich neben dem Highway. Es war nicht exakt die berechnete Position, doch die hohen Bäume standen zu dicht beieinander, als dass er direkt dort hätte landen können. Auf der Straße befand sich ein umgestürzter Baum, und davor waren Bremsspuren, soweit er im Dunkeln erkennen konnte, denn der Highway wurde nur schwach von weit auseinander stehenden Laternen beleuchtet. Es hatte inzwischen wieder begonnen zu regnen, daher musste er sich beeilen, wenn er noch etwas entdecken wollte. Doch zuerst schob er den Baumstamm zur Seite, damit die Straße wieder frei passierbar war. Man hätte zwar seitlich daran vorbeifahren können, doch wenn ein Fahrer das Hindernis zu spät sah… ob Pepper dies auch geschehen war?
Er begutachtete die Bremsspuren. Von dort konnte er Abdrücke von schlingernden Reifen erkennen, die seitlich zum Straßenrand führten. Er folgte ihnen in der Hoffnung, dass der Regen nicht schon zu viel verwischt hatte. Die Reifenspuren führten Tony zur seitlichen Böschung, die zweifelsohne beschädigt war, als ob ein Fahrzeug hindurch gerast wäre. ‚Oh Gott, hoffentlich ist Pepper nicht verletzt!' dachte er erschrocken. Hinter der Böschung ging es schräg bergab, aber einige Meter vor sich konnte er etwas Silberfarbenes glänzen sehen.
„Jarvis, schalte auf Nachtsicht um", befahl er, und augenblicklich änderte sich die Sicht seines Visiers.
Vorsichtig trat er zwischen die Büsche, und mit Hilfe der Repulsoren gelangte er langsam zu der gewünschten Stelle. Es war tatsächlich ein Pkw, ein silberner Mercedes. Genau das Fahrzeug, das Pepper gemietet hatte. Der Wagen war gegen einen Baum geknallt und die Motorhaube stark eingedellt. Rasch ging Tony zu Fahrerseite und versuchte, die Tür zu öffnen. Doch sie war verriegelt. Im Inneren des Autos war aber trotz Nachtsicht nicht viel zu sehen durch die Scheibe. Kurzerhand schlug Tony die Seitenscheibe ein und entriegelte von Innen die Tür. Seine Helmsensoren erfassten den Innenraum binnen Sekunden; der Wagen war leer. Auf dem Beifahrersitz entdeckte Tony Peppers Telefon. Es war tatsächlich beschädigt. Ihre Handtasche dagegen war nicht zu sehen. Wäre sie entführt worden, dann läge diese bestimmt noch im Auto. Und es hätte auch keinen Grund gegeben, das Auto abzuschließen. Alles deutete momentan auf einen Unfall hin. Und anscheinend hatte sie den Unfallort auch von alleine verlassen, zumindest gab es keine Spuren eines zweites Fahrzeuges. Wie weit konnte sie wohl gekommen sein? Es war dunkel und kalt, und sie war bestimmt durchnässt. Vielleicht sogar leicht verletzt?
Tony wandte sich von dem Fahrzeug ab und inspizierte die nähere Umgebung. Er drehte den Kopf in alle Richtungen, doch außer Bäume und Büsche konnte er nichts sehen. Er öffnete sein Visier, und sofort klatschte ihm der Regen ins Gesicht.
„Pepper!" Er rief, so laut er konnte. „Pepper! Hörst du mich?"
„Sir", unterbrach Jarvis, der sich bisher zurückgehalten hatte.
„WAS?" brüllte Tony zurück. Er war sichtlich angespannt.
„Ich schlage vor, bei Tagesanbruch mit der Suche fortzufahren. Am besten verständigen Sie dann auch das Rangerbüro. Aber ich fürchte, heute Abend werden Sie nicht viel tun können, Sir."
„Es ist mir egal, was du denkst, du Besserwisser! Wenn Pepper hier noch irgendwo ist, muss ich sie finden… ich kann sie doch nicht einfach hier allein lassen?"
„Ich verstehe Ihre Sorgen, Sir. Aber es ist dunkel, und aufgrund der dichten Vegetation würde auch ein Überflug nichts bringen. Und bedenken Sie, Mark 43 verfügt noch nicht über eine Wärmebildkamera."
Tony ließ resigniert den Kopf hängen. Jarvis hatte Recht, so ungern er dies auch zugeben wollte. Zumindest aber die Vermisstenanzeige beim zuständigen Ranger konnte er bereits aufgeben. Er ließ sich die Koordinaten von Jarvis durchgeben und startete die Düsen. Mit lautem Getöse flog er in den Wolkenhimmel hinein.
‚Was war das?' fragte sie sich ängstlich. Sie hatte Geräusche gehört, nicht weit von ihr entfernt. Erst klang es wie Düsen eines Flugzeuges, dann meinte sie, eine Stimme gehört zu haben. Einen kurzen Moment lang überlegt sie, ob sie sich auf das Geräusch zubewegen oder vielleicht um Hilfe rufen sollte. Aber was, wenn sie vielleicht das Opfer einer Entführung geworden war, und dort oben nun derjenige nach ihr suchte, der dafür verantwortlich war? Ängstlich kauerte sie sich neben einen Baum und verhielt sich ganz still. Nach wenigen Minuten vernahm sie wieder dieses merkwürdige Geräusch wie von einem startenden Flugzeug, dann war es wieder ruhig. Sie verharrte weitere Minuten, indem sie auf dem Boden hockte, den verletzten Arm an ihre Seite gepresst, den anderen um die Knie geschlungen. In der Seitentasche ihres Blazers spürte sie einen harten Gegenstand. Sie fischte ihn heraus und stellte fest, dass es sich um einen Taschenlampe handelte. Und sie funktionierte!
Ein wenig Erleichterung machte sich in ihr breit. Wenigstens musste sie jetzt nicht im Dunkeln durch den Wald irren. Denn hier konnte sie unmöglich bleiben. Sicherlich gab es wilde Tiere hier, Bären oder andere Raubtiere. Da sie nichts mehr hörte, wagte sie sich schließlich aus ihrem Versteck heraus. Aufwärts den Hang hinauf konnte sie mit ihrem verletzten Arm nicht, also folgte sie dem Abhang vorsichtig hinab, bis es wieder etwas ebener wurde. Die Taschenlampe war zwar nicht gerade ein Flutlicht, aber zumindest sah sie, wohin sie trat, ohne sich auch noch ein Bein zu brechen. Sie folgte dem Rand des Abhangs, bis sie nach einer gefühlten Ewigkeit eine winzige Höhle entdeckte, die in den Hügel eingelassen war. Eigentlich war es nicht viel mehr als eine Nische, aber es reichte, als dass sie sich hineinzwängen konnte und ein wenig vor dem Regen und dem Wind geschützt war. Sie war inzwischen vollkommen durchnässt und fror fürchterlich. Aber heute Nacht konnte sie nirgendwo anders hin. Erschöpft schloss sie die Augen und fiel kurz darauf in einen unruhigen Schlaf.
Tony erreichte die wenige Meilen entfernte Rangerstation innerhalb kürzester Zeit. Es war bereits fast 23 Uhr, doch im Büro war noch eine Notfallbesetzung vor Ort. Tony landete vor dem Eingang und trat energisch ein. Die junge Frau, die hinter einem großen Holzschreibtisch saß, sah erschrocken auf, als Tony durch die Tür polterte. Mit offenem Mund starrte sie ihn an. Tony öffnete seinen Helm und kam auf sie zu.
„Tut mir leid, dass ich hier so reinplatze, aber es handelt sich um einen Notfall."
„Was ist passiert. Mr. Stark, richtig?" Zumindest wusste sie, wer er war.
„Meine Verlobte, Pe… Virginia Potts, hatte mit ihrem Fahrzeug vermutlich einen Unfall am Angeles Crest Highway. Ich habe den Wagen beschädigt an einem Abhang gefunden, aber von ihr fehlt jede Spur. Sie müssen eine Suche einleiten!"
„Vielleicht ist sie zum Highway zurückgegangen und hat ein anderes Fahrzeug angehalten, das sie mitgenommen hat?" wandte die Frau ein, deren Schild auf dem Tisch sie als Wendy Cooper auswies.
„Hören Sie,… Wendy. Wenn sie tatsächlich per Anhalter gefahren wäre, dann hätte sie inzwischen eine Ortschaft erreichen müssen. Und sie hätte sofort versucht, mich zu kontaktieren, damit ich sie irgendwo abhole. Aber das hat sie nicht. Deshalb vermute ich, dass sie noch irgendwo dort in der Nähe ist. Bitte, alleine kann ich das Gebiet nicht absuchen!" Tony sah sie flehend an.
„Ich verstehe. Trotzdem werden Sie sich bis morgen früh gedulden müssen. Vor Sonnenaufgang können wir es nicht riskieren, da jemanden rauszuschicken. Ich veranlasse, dass um 8 Uhr ein Suchtrupp mit Spürhunden bereitsteht. Können Sie mir zeigen, wo Sie das Fahrzeug gefunden haben, Mr. Stark?" Wendy rollte eine Karte des Waldgebietes auf dem Tisch aus.
„Ungefähr hier." Tony zeigte mit dem Finger auf eine Stelle neben dem Highway.
„Gut. Dann wird der Suchtrupp morgen um 8 Uhr dort mit der Suche beginnen. Wenn Sie uns helfen möchten, seien Sie pünktlich dort. Und bringen Sie ein getragenes Kleidungsstück ihrer Verlobten mit. Das erleichtert den Hunden die Suche." Sie lächelte Tony aufmunternd zu. „Wenn Miss Potts wirklich noch im Wald sein sollte, dann hat sie sich bestimmt einen Unterschlupf für die Nacht gesucht. Es gibt etliche kleine Höhlen, dichte Büsche oder auch Notfallhütten, in denen man eine Nacht überstehen kann, wenn man sich verirrt hat."
„Danke." Tony nickte ihr zu und verließ dann die Station.
So schnell er konnte flog er zurück nach Malibu. Wenn er Pepper jetzt schon nicht helfen konnte, dann wollte er wenigstens für die morgige Suche gut gerüstet sein. Und Wärmebildsensoren standen ganz oben auf seiner To-Do-Liste für heute Nacht.
