Am nächsten Morgen sass Voldemort am Schreibtisch und arbeitete sich durch die ersten Beschwerdebriefe. Er hatte bereits drei Kaffees intus und liebäugelte heftig mit dem vierten, aber als er aufstehen wollte um sich diesen zu besorgen, zurrte ihn der Bannspruch am Sessel fest, und die Tischagenda blätterte demonstrativ geräuschvoll zum heutigen Datum. Das Blatt mit dem fünfzehnten Dezember raschelte, als wolle es den fett angestrichenen Eintrag „10.00 Uhr, Giorgio" in Voldemorts Augen einbrennen.

„Ist ja gut", zischte dieser und gab nach. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war; Parkinson hielt Uhren in Büroräumen für ablenkend und Voldemort stimmte ihm insgeheim zu. Die quälend langen Tage waren schlimm genug, da brauchte er keinen Minutenzeiger, der sich nicht bewegen wollte. Er blickte stumpf auf die Beschwerdebriefe, schob sie zur Seite und griff stattdessen nach den Berichten. Seine Todesser hatten zwar erst gestern ihre Aufträge erhalten, aber schon teils mehrseitige Abhandlungen geschickt – Parkinson würde sich freuen. Die Qualität der Inhalte war allerdings durchzogen:

Die Carrows berichteten knapp über Verhaftungen minderjähriger Zauberer und kopulierender Pärchen, Trios und Gruppen, wobei jedes einzelne Wort vor Ekel und Abscheu triefte. Etwas freundlicher vermerkten sie die Rückkehr der Dementoren nach Askaban und beendeten den Bericht mit einer enthusiastischen Ellipse, dass sie alle Aufträge erfüllt hätten, was besonders den inoffiziellen einschloss. Voldemort nickte zufrieden und dankbar dafür, dass die Natur die Beiden sowohl mit unangenehmem Charakter als auch mit unerfreulichem Aussehen gesegnet hatte. Früher hatten sie nicht zu seinen Lieblingen gehört; heute rangierten sie ziemlich weit oben auf seiner Hitliste.

Bellatrix' Bericht hatte Form, Umfang und Inhalt eines Heldenepos; die i-Pünktchen bestanden aus kleinen Herzen, die sich an manchen Stellen in Girlanden verselbstständigten um schliesslich den letzten Absatz zu umrahmen: „Den anderen Auftrag habe ich auch ausgeführt. Es ist sehr spassig, wünschte, Ihr wärt hier."

Voldemort starrte auf den letzen Absatz und strich ihn eilig mit dicken Federstrichen durch. Diese hirnlose – er hatte doch ausdrücklich angeordnet, dass nicht darüber gesprochen, geschweige denn darüber geschrieben werden sollte. Wütend knallte er ihren Bericht auf die Beschwerdebriefe und nahm den Bericht eines Snapes zu Hand.

Bereits nach wenigen Zeilen gab er genaues Lesen auf, überflog den Rest und legte den Bericht dann eilig auf Bellatrix' Erguss. Er stammte von Bunthaarsnape, der offensichtlich den Carrows und Bellatrix hinterher stolziert war, und listete minutiös Haarzustand, entsprechende Tageszeit und Wetterlage auf. Ausserdem hielt es Bunthaarsnape aus „psychologischen" Gründen für nötig, die sexuellen Eskapaden mitzumachen um „eine klare Einschätzung der Situation zu gewährleisten zu können". Bunthaarsnape war absolut entbehrlich, entschied Voldemort und blätterte durch McNairs Darstellungen intensiver Höllenqualen.

Nach einigen Duellen, die er allesamt verlor, weil es schlicht nicht möglich war, gegen zweihundert Gegner auf einmal zu gewinnen, habe er es endlich geschafft, die Super-Sues auf sich aufmerksam zu machen, indem er einen besoffenen Piraten mit gezopftem Bärtchen als Schild vor sich hielt. Gebannt durch das zuckelnde Etwas vor McNair seien die Sues, nach eingehender Untersuchung besagten Subjekts, schliesslich mit den Weasley-Zwillingen und einem Snape abgezogen, mehr oder weniger effektiv magische Katastrophen abzuwenden. Den Pirat habe er entsprechend den Anweisungen gehandhabt – sehr zur Freude des Piraten, den die Begegnung mit den Sues unliebsam ernüchtert hatte.

Die Berichte der Luciusse waren Neuauflagen ihrer Liebesmemos und landeten ohne Umschweife im Papierkorb.

Flügelsnape allerdings berichtete akkurat und treffend von den Verhaftungen der Kläger und Beklagten und erwähnte mit keinem Wort, dass er nebenbei Dutzende Möchtegernvoldemorts erledigt hatte. Das brauchte er auch nicht; Voldemort wusste aus so, dass Flügelsnape sämtliche Anweisungen ausführte.

Er lächelte dünnlippig. Abgesehen von den schwarzen Schwingen war er dem echten Snape recht ähnlich, ja er übertraf das Original in manchen Bereichen sogar. Und dennoch: Voldemort hätte ihn jederzeit gegen den echten Snape eingetauscht, war dieser doch der einzige seiner Anhänger gewesen, den er im Ansatz akzeptiert hatte. Zum einen sah er in Snape, zwar mindere aber dennoch vorhandene Qualitäten seiner selbst, wie List, Heimtücke, Kaltschnäuzigkeit und Geduld; zum anderen war Snape immer ein unsicherer Kandidat geblieben. Nicht wegen seiner Loyalität, an der hatte Voldemort nie gezweifelt. Aber da Snape Okklumentik beherrschte wie kein anderer, war sich Voldemort über dessen Ambitionen nie sicher gewesen. Kurz: Snape hatte ihn Wachsamkeit gelehrt und ihn immer aufs Neue daran erinnert, nicht nachlässig zu werden.

Flügelsnape hingegen trug sein Herz auf der Zunge, wenn man ihn liess, was Voldemort nicht tat, und seine Gedanken waren ein offenes Buch. Ein Blick in Flügelsnapes Gedanken hatten Voldemort mehr über Dämonen und Elfen gelehrt, als er je hatte wissen wollen, und überhaupt bezweifelte er, dass sie so plüschig waren, wie Snape sie sich ausmalte – ganz abgesehen davon, dass es sie gar nicht gab.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Überlegungen. Er richtete sich auf, rief „Herein" und blickte Rodolphus Lestrange mit ausdrucksloser Miene entgegen, der sich verzagt in den Raum schob.

„Herr Parkinson meinte, ich solle herkommen", sagte er leise und schloss die Tür auf Voldemorts Wink hinter sich. Lestrange war ein mittelgrosser Mann, weder dick noch dünn, mit beginnender Glatze und nichts sagendem Gesicht –in jeder Hinsicht Mittelmass. Ein unauffälliger Mann, den man leicht übersah, und der um sein wenig erinnerungswürdiges Wesen wusste. Bei den Treffen der Todesser hielt er sich immer schräg hinter Bellatrix. Er meldete sich nie für offensive Aufträge und arbeitete am liebsten mit dem Imperitusfluch, der ihm entschieden lag, weil die Opfer ihn schlicht nicht bemerkten, bis es zu spät war.

Ja, er war so unauffällig, dass er selbst nach seiner Flucht aus Askaban und der Veröffentlichung der Fahndungsbilder völlig unbehelligt durch die Winkelgasse schlendern konnte. Insgeheim hatte Voldemort sich gefragt, warum gerade dieser Mann an der Folterung der Longbottoms teilgenommen hatte. Vermutlich seiner Frau zuliebe. Ach, es spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass er der Alte war und sich damit als nützlich erweisen konnte.

Lestrange fummelte nervös am Aufschlag seines linken Ärmels.

„Komm her und setz dich", forderte Voldemort ihn auf und Lestrange tat wie geheissen.

„Du wirst dich um die internationalen Angelegenheiten kümmern", sagte Voldemort und Lestrange nickte.

„Parkinson hat mich bereits eingewiesen", antwortete er leise. Selbst seine Stimme war unauffällig.

„Gut", meinte Voldemort und wandte sich wieder den Papieren zu. Seit seinem Amtsantritt vermied er es nach Möglichkeit, direkt mit den Todessern zu sprechen – besonders mit denen, die sich kaum verändert hatten. Das Risiko war einfach zu gross, dass sie den Bannspruch entdeckten oder gar auf opportune Gedanken verfielen. Nur den völlig kritiklosen Flügelsnape liess er ab und zu kommen. Bellatrix und die Luciusse hatten Stockwerkverbot.

Voldemort seufzte innerlich. Er könnte wirklich noch einen Kaffee vertragen. Vielleicht wenn er abrupt aufstand – aber da klopfte es erneut und Parkinson trat ein. Hinter ihm kündigte eine dichte Duftwolke eines herben Parfüms einen weiteren Besucher an.

Der Besitzer des betäubenden Phänomens war ein kleiner, Ledergegerbter Zauberer mit schwarzen gegelten Haaren und gezupften Augenbrauen. Er steckte in einem Ensemble aus Drachenhaut, dessen Oberteil einen so grosszügigen Ausschnitt besass, dass es die feinen Goldkettchen wie ein Rahmen einfasste. Ein Geck schloss Voldemort.

Man musste dem Mann zu Gute halten, dass er es bis in die Mitte des Raums schaffte, ehe er erstarrte und die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

„Mamma mia", rief er und deutete auf Voldemort.

„E questo lo signore que devo cambiare? Ma è impossibile! Dov'è il naso? E la pelle è bianca. Va prendere mesi per abbronzarla e Lei vuole que lo faccio in due hore? Non posso!"* Seine Stimme erreichte eine Höhe, die Alectos Organ Konkurrenz machen konnte.

„E la faccia è quasi come quella d'una serpente, oh…no!"** Seine Hände fuchtelten um seinen Körper herum, als wolle er Myriaden von Mücken vertreiben, bis sie beim plötzlichen Erkennen erstarrten, und er mit weit aufgerissenen Augen nach Luft schnappte. Parkinson hüstelte.

„Wenn ich vorstellen darf – Sir: Giorgio. Eigentlich George O'Hara, gebürtiger Einwohner Corks, aber seit seiner Rückkehr aus Mailand nennt er sich Giorgio und spricht, hm, Italienisch, glaube ich." Giorgio fuhr herum.

„Sie haben mir versprochen, das nicht zu erwähnen!" keifte er. Parkinson schenkte ihm einen strengen Blick.

„Da wir kein Italienisch verstehen, ging ich davon aus, dass Sie sich für uns auf Ihre irischen Wurzeln besinnen würden", erwiderte er. „Niemand wird erfahren, dass Sie, hm, nicht sind, was Sie vorgeben zu sein." Aus seinem Mund klang Giorgios kleine Schwindelei wie eine Todsünde.

Giorgios Blick irrte unruhig durch den Raum und blieb an Voldemort hängen.

„Wissen Sie, wer das ist?" hauchte er.

„Unser Zaubereiminister", entgegnete Parkinson kühl.

„Und jemand, der es nicht mag, wenn man mit dem Finger auf ihn zeigt", zischte Voldemort kaum hörbar. Giorgio zuckte zusammen.

„Ausserdem", fügte Parkinson hinzu und wies mit einladender Geste zu Lestrange, „ist unser Vertreter für internationale Beziehungen ihr erster Klient." Giorgios Miene hellte sich auf.

„Ah gut, damit kann ich schon eher arbeiten." Er holte seinen Zauberstab aus einem hübschen Hüfthalter an seiner rechten Seite und winkte damit lässig in Richtung Flur. In der Ferne erklang ein Klongotoklong, das immer lauter wurde und dann stolzierte eine Frisierkommode, gekrönt von einem dreiteiligen Spiegel, auf ihren hölzernen Beinen herein und blieb vor Giorgio stehen.

„Mein Lord", stammelte Lestrange, als Giorgio seinen Kopf packte und von einer Seite zur anderen drehte. Voldemort seufzte.

„Wir wollen doch nicht, dass dich die Ausländer erkennen", meinte er.

„Aber das war noch nie ein Problem", protestierte Lestrange zaghaft.

„Haare", murmelte Giorgio, kramte in der obersten Schublade seiner Kommode und holte eine Phiole mit undefinierbarem Inhalt hervor.

„Trink", befahl er. Lestrange rutschte tiefer in den Sessel und blickte Hilfe suchend zwischen Parkinson und Voldemort hin und her – vergebens.

„Ich könnte doch einfach einen Schluck Vielsafttrank nehmen", schlug er verzweifelt vor. Parkinson schüttelte den Kopf.

„Das geht nicht. Büro 138 befindet sich derzeit auf Wanderschaft und ohne Formular Theta 7 können wir den Einsatz von Vielsafttrank nicht erlauben, wie es in Paragraph 45b des Reglements für den Einsatz besonderer Zaubertränke nachzulesen ist."

„Vielsafttrank, pah!" rief Giorgio, während er die Phiole entstöpselte und sie Lestrange an die Lippen hielt. „Das ist doch barbarisch und unnötig kompliziert. Ich dagegen bin ein Zauberer – nun ja, das sind wir alle, nicht wahr? Aber ich bin ein Zauberer der Schönheit. Trinken Sie und Sie werden so schön sein, wie Sie es sich nie vorzustellen wagten."

„Nein!" schrien Voldemort und Parkinson wie aus einem Mund.

„Mach ihn bloss nicht schön!" rieft Voldemort weiter. Das fehlte noch, dass er Lestrange auch noch an den abnormen Realitätszustand verlor.

„Etwas distinguierter reicht völlig", ergänzte Parkinson. „Ein Bärtchen vielleicht und eine andere Nase."

„Aber das ist doch halbpatzig", nörgelte Giorgio verbissen, während er den Inhalt der Phiole Tropfen um Tropfen in Lestranges Mund zwang. „Wenn die Leute nur ein bisschen schöner sein wollen, gehen sie zu Madame Miranda in der Nokturngasse. Ich aber bin ein Künstler! Ich habe meinen Laden in Hogsmead doch nicht, weil ich einen Troll weniger wie einen Troll aussehen lassen kann. Nein, ich kann einen Troll wie eine Veela – oh."

Lestranges Kopf blähte sich auf, die Augen quollen aus den Höhlen, und dann machte es ploff und Kaskaden seidig blonden Haares sprossen aus seinem Schädel und ergossen sich bis zum Boden, wo sie einen samtenen, stetig wachsenden Teppich bildeten. Giorgio konsultierte das Etikett der Phiole, errötete und durchsuchte fiebrig die unterste Schublade der Kommode. Lestrange kämpfte mit den wuchernden Haaren und starrte unglücklich ins Leere.

„Parkinson, komm her", zischte Voldemort. Der Beamte trat näher.

„Du hast diesen Kerl aus Hogsmead kommen lasen?" fragte Voldemort leise, damit ihn die anderen nicht hörten und trat unter dem Tisch nach den immer mehr werdenden Haaren.

„Er ist mir empfohlen worden – Sir", verteidigte sich Parkinson.

„Und dir ist nicht in den Sinn gekommen, wie nahe Hogsmead bei Hogwarts liegt? Der ist doch nicht normal." Parkinson blickte zu Giorgio, der mit einer neuen Phiole bewaffnet halb auf Lestrange lag und ihm einen weiteren Trank einflösste. Parkinson räusperte sich.

„Meine Schwester war letztens bei ihm, und ich fand das Ergebnis erstaunlich. Allerdings hat sie sich geweigert, genaueres darüber zu erzählen", fügte er zögernd hinzu.

„Ich glaube, wir wissen jetzt warum, nicht wahr?" fauchte Voldemort und deutete auf Lestranges mittlerweile nicht nur kahlen, sondern auch leuchtend lilafarbenen Schädel. Der gepeinigte Gesichtsausdruck sprach Bände, und Giorgio wuselte aufgeregt schnatternd um die Kommode herum.

„Du glaubst doch nicht, dass ich mich dem da ausliefere!" zischte Voldemort. „Ganz abgesehen davon, dass ich nicht mit dem Muggelminister sprechen werde."

„Das gehört aber zu Ihren Aufgaben", beharrte Parkinson über Lestranges Röcheln hinweg. „Und wie ich gestern schon sagte, müssen wir ihr Aussehen, hm, angenehmer gestalten."

„Jetzt hab ich die Richtige!" schrie Giorgio und hielt eine türkisfarbige Phiole in die Höhe. Aber Lestrange sauste bereits mit beachtlicher Geschwindigkeit aus dem Büro und raste den Flur entlang.

„He, warte!" schrie Giorgio und verfolgte ihn Phiolenschwingend. „Jetzt wird alles – so warte doch!" Parkinson zückte seinen Zauberstab und beschwor eine Armee von Memos hinter den Beiden her.

„Keine Sorge – Sir. Die Memos werden sie schon zurücktreiben."

„Ich bin mit meinem Aussehen zufrieden, danke sehr", überging Voldemort das Geschehene. „Ich habe Jahre gebraucht um so auszusehen. Es hat genau den Effekt, den ich möchte und ich werde es nicht für einen Muggelminister aufgeben."

„Es wäre doch nur vorübergehend. Gleich nach dem Gespräch verwandelt sie Giorgio zurück."

„Das bezweifle ich." Parkinson seufzte und richtete sich zu voller bürokratischer Grösse auf.

„Sie werden ihr Aussehen verändern – Sir, das wissen Sie so gut wie ich. Der Bannspruch wird sie einfach dazu zwingen."

Voldemort mahlte Mordgedanken mit den Zähnen. Er hasste es, hasste, hasste, hasste es, wenn Parkinson ihn auf das Offensichtliche hinwies; und er hasste es noch mehr, dass er nichts dagegen tun konnte. Auf irgendeine Weise war der Bannspruch mit Parkinson verbunden, und wenn der sich etwas in den Kopf gesetzt hatte – oh wie sehr Voldemort diesen grauen Beamten hasste!

„Nun denn", meinte Parkinson. „Da diese Jagd noch eine Weile dauern dürfte, schlage ich vor, dass wir das Ganze einmal durchspielen."

„Was durchspielen?" knirschte Voldemort.

„Ihr Gespräch mit dem Muggelminister natürlich – Sir. Also, ich bin jetzt der Muggelminister, und Sie, hm, Sie stellen sich vor, Sie wären ein, hm, gesetzestreuer Zaubereiminister."

„Nein", donnerte Voldemort. Parkinsons Stirn kräuselte sich missbilligend.

„Aber – Sir, Sie müssen doch einsehen, dass Sie keinerlei Erfahrung mit solchen Unterredungen haben."

„Nein", wiederholte Voldemort brodelnd.

„Wirklich – Sir. Sie verhalten sich kindisch."

„Wie bitte?"

Die Tür flog auf und Lestrange und Giorgio stolperten Hals über Kopf herein, verfolgt von einem Schwarm wütender Memos.

„So tun Sie doch etwas!" schrie Giorgio, während er seine Frisur gegen den Luftangriff verteidigte. Parkinson winkte mit dem Zauberstab hierhin und dorthin, hinderte Lestrange an einer neuerlichen Flucht und war damit so beschäftigt, dass er gar nicht merkte, wie Voldemort auf der Suche nach einer Tasse Kaffee und der Hoffung, einen Weg aus dieser Misere zu finden, aus dem Büro schlüpfte.

~0~

Spät am Abend tigerte der Premierminister durch sein spärlich erhelltes Arbeitszimmer und wälzte Gedanken. Er war auf einiges gefasst gewesen, als er damals das Amt angetreten hatte: Attacken der englischen Presse, wenn er einmal in der Öffentlichkeit gähnte oder die Dinge nicht so liefen, wie sie sollten – was meist der Fall war; strenge Arbeitstage, steifes Lächeln für die Kameras; Kungelei und langweilige Debatten im Unterhaus; schwierige Entscheidungen und der ewige Drahtseilakt zwischen notwendigen und unpopulären Beschlüssen. Er hatte damit gerechnet, dass man ihn für Arbeitslosigkeit, fehlende Innovation oder das marode Gesundheitssystem verantwortlich machen würde, egal ob er dafür verantwortlich war oder sein Vorgänger; und dass man sich das Maul über seine hübsche Frau zerriss. Das gehörte eben zum Job.

Aber was man ihm nun vorwarf, war einfach absurd.

Er war nicht verantwortlich für das Flugverhalten von Eulen; er konnte auch nichts für die Spinner in Cornwall, die behaupteten, ein Drache habe ihr Haus in Brand gesteckt, und woher zum Teufel sollte er wissen, warum die Bewohner von Ligusterweg 4 sich ins Unermessliche vervielfältigten und die lokale Feuerwehr seit Tagen damit auf Trab hielten, sie aus betreffendem Haus zu pellen. Es hatte schon einige Bandscheibenvorfälle gegeben, weil die Bewohner mehrheitlich fett waren, und der Verschleiss an angeforderten Helfern war enorm. Ganz zu schweigen von den Folterwerkzeugen, die ab und zu aus den Fenstern flogen und die Gefahr für alle Beteiligten beträchtlich erhöhte.

Noch war sich die Untersuchungskommission nichts einig, ob sie die Bande für verrückt erklären oder ins Gefängnis werfen sollte. Einige tendierten sogar dazu, die ganze Sippe auf eine einsame Insel zu verfrachten, vorzugsweise eine mit aktivem Vulkan. Der Premierminister fand letzteren Vorschlag immer sympathischer.

Die Zunahme promiskuitiver Jugendlicher hatte er anfangs für ein Zeichen der Zeit gehalten und auf übermässigen Alkoholkonsum zurückgeführt – ein altbekanntes Problem also. Und da die freizügigen Akte auf dem Trafalgar Square den Tourismus förderten, hatte er nichts dagegen einzuwenden gehabt. Aber das lag Wochen zurück. Jetzt wurde die Regierung von Beschwerdebriefen überschwemmt, eine normale Amtsführung war kaum noch möglich. Schon kündigten die USA Massnahmen an, einige islamische Staaten hatten ihre Konsulate zum Schutz der moralischen Gesundheit ihrer Diplomaten geschlossen, und die Europäer lachten sich scheckig. Der Premierminister vermochte nicht zu entscheiden, was schlimmer war. Es war unerträglich, dass ihm der französische Ministerpräsident beim letzten EU-Gipfel auf die Schulter geklopft und ihm zugezwinkert hatte. Soweit kam es noch, dass Briten sich französisch aufführten!

Er langte beim Ölgemälde des froschähnlichen kleinen Mannes an und blaffte:

„Wie lange noch?" Es war gut eine Halbestunde her, seit der Mann den Zaubereiminister angekündigt hatte, und der Premierminister bekam langsam Hunger. Der kleine Mann kratzte sich unter der Perücke und zuckte mit den Schultern.

„Der Zaubereiminister wird gleich erscheinen", wiederholte er zum zehnten Mal und der Premierminister schnaubte. Zauberer hin oder her, dem Kerl würde er die Meinung geigen. Ganz offensichtlich steckten doch diese Leute hinter dem Schlamassel. Und was taten sie? Monatelang kein Wort und nun liessen sie ihn warten. Er machte rechtsumkehrt und nahm seinen Gang wieder auf.

Von allen Seiten kamen Anfragen: Geschäfte und Firmen beschwerten sich über Kreditkarten, welche ihre Lesegeräte zwar akzeptierten, von denen man aber später den Betrag nicht abbuchen konnte, weil sie auf eine „Gringott's Bank" liefen, die es schlicht nicht gab. Und in Devon war eine ganze Brücke verschwunden, was wiederum zu Klagen der Anwohner führte, weil der umgeleitete Verkehr zu laut sei. Und dann die U-Bahn – der Premierminister schauderte. Seine Berater hatten es für eine gute Idee gehalten, ihn mit der U-Bahn fahren zu lassen, um den Leuten zu zeigen, dass nichts dran sei an dem Heulen in den Tunneln. Er hatte die Fahrt vorzeitig abgebrochen und war würdelos an die Oberfläche geflohen.

Die Berater hatte er entlassen; der schale Nachgeschmack blieb, und die Presse haute ihm die Sache noch immer um die Ohren. Dabei konnte er nichts dafür! Das jämmerliche Heulen hätte jeden in die Flucht geschlagen. Und was den Zustand Grossbritanniens anging: Er hatte keine Ahnung, was er nun tun sollte.

„Der Zaubereiminister ist jetzt hier", quäkte der kleine Mann im Ölgemälde und im nächsten Moment stolperte ein Mann aus dem Nichts ins Arbeitszimmer und knallte der Länge nach auf den Perserteppich. Nur Augenblicke später erschien ein weiterer Mann mit dezentem Plopp, rückte seine Brille zurecht und strich sich über die tadellos sitzende Frisur, ehe er sich dem Premierminister zuwandte und mit minimaler Verbeugung sagte:

„Bitte verzeihen Sie die Verspätung. Es ist nicht unsere Art Gesprächspartner warten zu lassen, aber die Umstände – Sie verstehen."

Der Premierminister verstand mitnichten, nickte dennoch und starrte zum Mann am Boden, dessen Nase noch immer zwischen den Teppichfasern steckte.

„Wenn ich mich vorstellen darf, Premierminister?" zog der dezente Herr im korrekt sitzenden Zweireiher seine Aufmerksamkeit auf sich. „Mein Name ist Robert J. Parkinson. Ich bin der, hm, persönliche Assistent des Zaubereiministers."

„Du elender Wurm", zischte es aus dem Perserteppich.

„Erfreut", stammelte der Premierminister irritiert. „Dann ist dieser Herr wohl…" Parkinson nickte.

„Ja, das ist der neue Zaubereiminister, Herr – hm, hm", der Beamte zögerte und lächelte dann.

„Herr Ed Moltrov."

Einen Moment herrschte Stille; dann sprang der Zaubereiminister wie von einer Feder in die Höhe katapultiert auf und stürmte auf Parkinson zu.

„Wie kannst du es wagen! Reicht dir nicht, was du mit meinem Gesicht angestellt hast?" Der Premierminister glaubte schon, der Zaubereiminister werde seinem Assistenten an die Gurgel gehen, aber auf Armeslänge von diesem entfernt, erstarrte Moltrov plötzlich, als sei er gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen – was ihn nicht daran hinderte, über die imaginäre Mauer hinweg nach Parkinson zu grabschen; ohne Erfolg. Parkinson setzte eine strenge Miene auf.

„ – Sir. Ich weiss, es war ein schwieriger Tag, aber bitte beherrschen Sie sich."

„Beherrschen?" brüllte der Zaubereiminister. „Beherrschen – ich? Sieh mich doch an! Nein, nicht du. Du!" Er wirbelte herum und stapfte auf den Premierminister zu, der sich eilig hinter seinem Schreibtisch in Sicherheit brachte.

„Du! Sieh mich an! Das hat mir der da", sein Finger schoss in Parkinsons Richtung, „der da und ein Frisör", er würgte das Wort hervor, „angetan."

Der Premierminister musterte den schnaubenden Mann unsicher. Er wusste nicht genau, wo das Problem lag. Sicher, die dunklen Haare waren etwas lang für einen Minister, aber die grauen Strähnen verliehen ihm etwas Würdevolles und die schmale Nase sah geradezu aristokratisch aus. Und dann das entschlossene Kinn, die hohen Wangenknochen und der schmale Mund; und sah man einmal von den pechschwarzen Augen ab, in denen etwas Animalisches, Schlangenhaftes lauerte, dann sah Moltrov aus wie – der Premierminister stutzte.

„Sie sehen aus wie Caesar", stellte er verblüfft fest.

„Wer?" schnappte Moltrov.

„Julius Caesar. Sie wissen schon, der römische Imperator. Ich hab seine Büste oft gesehen, die Ähnlichkeit ist frappierend. Natürlich hätte er sich anders gekleidet", schloss er murmelnd. Er konnte sich den grossen Caesar beim besten Willen nicht in einem beigefarbenen Tropenanzug vorstellen.

„Redest du von einem Muggel?" fragte Moltrov heiser. Der Premierminister reckte das Kinn in die Höhe.

„Wenn Sie mit Muggel einen der bedeutendsten Feldherren der Geschichte meinen, dann ja."

„Ein Muggel!" brüllte Moltrov und unternahm einen neuerlichen Versuch Parkinson zu erwürgen. „Ich sehe aus wie ein Muggel!"

„Bitte – Sir, Sie vergessen sich. Was soll denn der Premierminister denken?" Moltrov kramte in den tiefen Taschen seiner Safarihose, holte einen Zauberstab hervor und richtete ihn auf den Premierminister.

„Obliviate!" rief er, und alles um den Premierminister wurde bunt und sehr vage.

„So", meinte Voldemort, „nun zu dir:"

„Sie können ihn nicht einfach löschen – Sir", begehrte Parkinson empört auf.

„Ach nein? Der Bannspruch scheint nichts dagegen zu haben, also kann ich es wohl!"

„Das ist der Diplomatie aber nicht zuträglich – Sir", beharrte Parkinson.

„Das ist mir schnuppe!" brüllte Voldemort. Er konnte sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal so wütend gewesen war – es musste Jahre her sein. All seine Frustration der letzten Wochen, all seine Hilflosigkeit und Hass entluden sich jetzt. Es war würdelos, es war erbärmlich, aber im Moment war ihm das egal.

„Sechs Stunden!" brüllte er weiter. „Sechs Stunden habe ich festgezurrt in diesem verdammten Sessel gehockt und musste hundert Veränderungen über mich ergehen lassen. Sechs Stunden! Und da du mich nie in den Spiegel hast schauen lasse, müssen es verheerende sechs Stunden gewesen sein. Ich erinnere mich an knallrote Haare! Und einen Rüssel! Das ist, das ist…"

„Ähm, darf ich fragen, was Sie in meinem Arbeitszimmer machen?" fragte der wieder zu Bewusstsein gekommene Premierminister.

„Obliviate", fauchte Voldemort und wandte sich wieder Parkinson zu, der beschwichtigend die Hände hob.

„Wir werden es wieder rückgängig machen – Sir."

„Werden wir, ach ja? Und wie, wenn ich fragen darf?"

„Ich konnte doch nicht ahnen, dass der Drache in der Eingangshalle Giorgio so sympathisch findet."

„Die brünftige Duftmarke dieses Stümpers war ja auch kein Hinweis, nicht wahr? Und jetzt ist er Koks!"

„Vielleicht könnten wir die Kommode einfangen. Soweit kann die nicht gekommen sein. Bitte – Sir, beruhigen Sie sich." Parkinsons Miene zeigte tatsächlich etwas Kummer – minimalst.

„Nach all den Versuchen dürfte die Kommode leer sein", schnaubte Voldemort. „Ich sehe aus wie ein Muggel", stöhnte er dann, endlich am Ende seiner Wut angelangt, und sank verzweifelt in einen Sessel.

„Aber wie ein Bedeutender", versuchte Parkinson ihn zu trösten.

„Das ist so entwürdigend", stöhnte Voldemort weiter.

Parkinson kam langsam näher. Seine Karriere als Beamter hatte ihn gelehrt, seine Gefühle immer unter Kontrolle zu halten – nicht dass er jemals leidenschaftlich gewesen wäre, es sei denn, es betraf den administrativen Ablauf. Und so hätte in diesem Moment niemand vermutet, welchen Kampf er mit sich ausfocht.

„Nun – Sir", sagte er, als er sich schliesslich entschieden hatte, „es ist doch so: Sie werden nicht – ewig Zaubereiminister bleiben, nehme ich an – und diese Gestalt hat doch – gegenüber ihrer alten einige – Vorzüge. Vielleicht wenn Sie es von dieser Seite betrachten – ist es nicht so schlimm, was meinen Sie?" Voldemort hob den Kopf.

„Du willst mich doch nur ködern", murmelte er niedergeschlagen.

„Nein – Sir, so etwas würde ich nicht tun; nicht bei so etwas." Parkinson hatte den Sessel erreicht und ging vor Voldemort in die Hocke.

„Was ich will, ist, dass Sie dieses Gespräch mit dem Muggelminister führen und zwar als der beste Zaubereiminister, der sie sein können." Voldemort blickte ihn dumpf an.

„Darf ich fragen, was Sie in meinem Büro zu suchen haben?" fragte der Premierminister. Parkinson langte nach seinem Zauberstab

„Obliviate."

Dann fasste er Voldemort zögernd am Arm.

„Ich schlage vor, wir disapparieren jetzt und lassen uns nochmals von Finnegan Quostream ankündigen. Und es wäre der Sache äusserst dienlich, wenn der Bannspruch Sie dieses Mal nicht schubsen müsste – Sir."

Voldemort nickte abwesend, erhob sich und disapparierte mit Parkinson. Finnegan Quostream lehnte am Rahmen seines Gemäldes und schüttelte den Kopf. Zu seiner Zeit wäre so etwas nicht vorgekommen; zu seiner Zeit wussten sich die Leute zu benehmen. Er blickte zum Premierminister, der unsicher um den Schreibtisch herumtaumelte, räusperte sich und verkündete mit piepsiger Stimme.

„Der Zaubereiminister wird in Kürze erscheinen." Und der Premierminister seufzte ergeben.

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* „Ist das der Herr, den ich verändern soll? Aber das ist unmöglich! Wo ist die Nase? Und die Haut ist weiss. Es wird Monate dauern sie zu bräunen, und Sie wollen, dass ich es in zwei Stunden mache? Das kann ich nicht!"

** „Und das Gesicht ist fast wie das einer Schlange, oh…nein!"

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