Alice
Als die Tür hinter uns ins Schloss gefallen war, sagte keiner ein Wort. Die Stille wurde nur von Esmes Schluchzern unterbrochen. Edward stand zwanzig Meter entfernt am Waldrand. Er kehrte uns den Rücken zu.
„Lasst uns zu der Stelle gehen, an der man Bellas Blut gefunden hat", sagte Jasper schließlich.
Emmett nickte. „Ich werde den Vampir, der ihr das angetan hat, so qualvoll ermorden, wie es nur möglich ist", knurrte er.
Roses Augen sprühten Funken. „Nicht wenn ich ihn zuerst in die Finger bekomme."
Edward drehte sich zu uns um und lief in unsere Richtung.
„Ihren Mörder zu quälen ist das einzige, was ich in meinem Leben noch tun will, also überlasst ihr das besser mir", sagte er.
Carlisle rannte in den Wald und wir folgten ihm. Als wir am Waldrand auf der anderen Seite des Waldes standen, war es stockdunkel, doch unserem Sehvermögen tat das keine Abstriche.
Ich sah mich um. Der Boden war von Moos überwuchert, ein schmaler Pfad schlängelte sich zurück in den Wald. Ein weißer Felsbrocken ragte aus dem Boden wie ein Eisberg.
Es war ein beklemmendes Gefühl, an dem Ort zu sein, an dem Bella getötet wurde.
Leider waren nach zwei Monaten alle Spuren verwischt und selbst Bellas unvergleichlichen Geruch hatte der Wald getilgt.
„Das bringt doch nichts", sagte Esme sanft. „Wir werden hier nichts finden, was uns weiter helfen könnte." Sie legte Edward eine Hand auf die Schulter, doch er zuckte vor ihrer Berührung zurück. „Dann geht doch!", knurrte er.
Plötzlich ertönte der gellende Schrei einer Frau. Es war ein verzweifelter Schmerzenslaut, der meinen Körper lähmte und durch jede einzelne meiner Hautschichten hindurch zu dringen schien, bis tief in die Knochen. Der Schrei endete in einem seltsam gurgelnden Geräusch, dann war es plötzlich wieder still. Totenstill.
Die Bestie hatte wieder gemordet.
Einen Augenblick waren wir wie erstarrt, doch dann rannten Edward, Jasper und Emmett los, dicht gefolgt von Carlisle, Rose und mir, Esme bildete den Schluss. In großen Sprüngen jagten wir durch das dichte Gehölz, plötzlich wehte mir der Wind den Geruch frischen Menschenbluts ins Gesicht. In meiner Kehle kratzte es unangenehm.
Erst jetzt wurde mir bewusst, wo wir uns befanden. Wir waren auf dem weg zu Edwards Lichtung. Ich war nie dort gewesen, hatte sie aber in verschiedenen Zukunftsvisionen gesehen.
Emmett, Jasper und Edward blieben am Rande der Wiese stehen und kauerten sich in Jagdstellung hin. Der Geruch nach Blut wurde intensiver, jeder Luftpartikel war mit dem fast unwiderstehlichen Duft gesättigt. Meine Kehle ging in Flammen auf. Rose und Esme blieben dich hinter uns, Carlisle ließen wir nach vorne. Er war sozusagen unser Anführer.
Jasper hatte sich beschützerisch vor mich gestellt und versperrte mir die Sicht. Ich lugte zwischen ihm und Emmett hindurch und erstarrte.
Das Bild das sich mir bot war erschreckend und im gleichen Maße faszinierend.
Eine über alle Maßen schöne Vampirin kniete neben dem leblosen Körper einer Frau mittlern Alters. Ihr braunes wallendes Haar verdeckte ihr Gesicht. Sie hatte die Zähne im Hals der Frau versenkt und trank gierig.
Plötzlich hob sie den Kopf und ich starrte in ihre rubinrot leuchtenden Augen. Ich zuckte zusammen.
Wie ein Raubtier schnellte sie hoch und kauerte sich ebenfalls in Jagdstellung hin.
Blut tropfte von ihren perfekt geschwungenen Lippen. Plötzlich zog sich ihre Oberlippe zurück und entblößte eine Reihe scharfer Zähne. Ein Knurren sammelte sich in ihrer Brust.
Sie war eine durch und durch wilde Kreatur. In ihrem Haar hatten sich Blätter und kleine Äste verfangen, ihr Kleid hing in Fetzten an ihr herunter. In ihren Augen sah ich die pure Mordlust. Ich starrte die Bestie an, die vierzehn Menschen auf dem Gewissen hatte, ich starrte die junge Frau an, die ich einmal meine Schwester genannt hatte.
Edward
Ich war unfähig mich zu rühren. Bella starrte uns alle mit hasserfülltem Blick an. Die Leiche zu ihren Füßen verströmte den unverwechselbaren Geruch nach menschlichem Blut. Aber das ließ mich kalt. Es hatte Zeiten gegeben, in denen das eine Versuchung für mich dargestellt hatte, doch die waren längst vergangen.
Ich erkannte nichts von meiner tollpatschigen, liebevollen, niedlichen Bella in dieser perfekten Kriegsgöttin wieder. In ihrem Blick spiegelte sich die pure Mordlust wieder.
Bella war die Bestie, nach der das FBI suchte, Bella war eine skrupellose Mörderin, Bella war ein Vampir. Und das war allein meine Schuld. Ich hatte sie nicht beschützt, ich hatte sie alleine gelassen und jetzt hatte sich meine sanfte Bella in eine unfehlbare Tötungsmaschine verwandelt. Keinen einzigen ihrer bewundernswerten Charakterzüge konnte ich in dem Gesicht dieses Vampirs erkennen. Da waren nur Hass, unbändige Wut, Blutgier.
Sie war eine durch und durch wilde Kreatur geworden.
Ihr schmutziges Kleid funktionierte nicht mehr als solches, denn es hing in Fetzten an ihrem perfekten Körper herunter. Ihre alabasterfarbene Haut leuchtete gespenstisch in der Dunkelheit. Ihre sinnlichen Lippen, von denen das frische Blut tropfte, die markanten Wangenknochen, die gerade Nase, all das zog mich in ihren Bann. Aber vor allem empfand ich Abscheu. Abscheu vor ihr, dem Monster, und Abscheu vor mir, weil es meine Schuld war, dass sie zu dem geworden war, wovor ich sie immer hatte bewahren wollen.
Ihre blutroten Augen starrten mich hasserfüllt an. Die sanften Linien ihres Gesichtes waren dieser blutrünstigen Krimasse gewichen.
Schuldgefühle drohten mich zu überwältigen.
Ich hatte meinen Lebensinhalt durch meine eigene Dummheit verloren. Dieser Vampir war nicht das Mädchen, das ich liebte. Das war bei der Erschaffung dieses Monsters gestorben.
Bellas Knurren wurde lauter. „Verschwindet. Das ist mein Territorium." Ihre Stimme klang so... bedrohlich und rein, überhaupt nicht wie Bella. Elegant stieg sie über die Leiche am Boden hinweg.
„Wie ist das passiert?", fragte Carlisle.
*Wer kann sie verwandelt haben? Und warum kann Alice Bellas Zukunft nicht mehr sehen? Sie sieht so wild aus. Es ist eine Schande, dass das aus ihr geworden ist. Wir hätten nicht weggehen dürfen...So viele Menschen mussten sterben.*
Carlisles Gedanken überschlugen sich und natürlich sprach er sich mitschuldig, obwohl es nur meine Entscheidung gewesen war, Bella zu verlassen.
Ihre Nasenlöcher blähten sich. Sie ließ uns keinen Moment aus den Augen.
„Es gab einen Vampir, dem es nicht zu wider war, mich zu verwandeln. Sie schenkte mir das Leben, obwohl ich sie um den Tod gebeten hatte", sagte Bella. Ihre Stimme glühte vor Leidenschaft, als sie über ihre Schöpferin sprach.
Ihre Worte waren ein Seitenhieb auf mich. Ich hatte ihr den Wunsch verweigert, sie zu verwandeln. Warum konnte sie nicht sehen, dass ich das aus Liebe getan hatte?
Ich beantwortete mir meine Frage selbst. Im Gehirn dieses perfekten Raubtieres war kein Platz für Liebe. Liebe machte selbst uns Vampire schwach und verletzlich.
Ich sollte etwas sagen, schoss es mir durch den Kopf, doch ich war wie gelähmt. Bella war mir so fremd.
„Wir können dir dabei helfen, ein Leben wie das unsere zu führen", sagte Carlisle. Emmett und Jasper flankierten ihn links und recht und verbargen die Frauen hinter ihren Rücken.
Ich stand einfach nur da, unfähig mich zu rühren und starrte Bella an, oder besser gesagt das, was von ihr übrig geblieben war.
„Wer sagt, dass ich ein Leben wie das eure führen möchte? Ich bin ganz zufrieden, so wie es ist. Außerdem treiben euch doch nur eure Schuldgefühle zu mir. Es geht euch nicht um mich, sondern um euren Lebensstil. Es passt einfach nicht zu eurem Image, wenn ein Ex-Familienmitglied eine Mörderin ist." Bellas Augen verengten sich. Ihre Stimme klang kalt und emotionslos.
Als Carlisle einen Schritt auf sie zuging, stieg ein tiefes Knurren ihre Kehle empor. Sie duckte sich weiter, bereit zum Sprung.
Carlisle hob besänftigend die Hände und zog sich wieder zurück.
„Bella, bitte", flehte Alice mit weinerlicher Stimme. „Es tut uns so leid. Du musst uns glauben, dass wir dich nicht aus mangelnder Liebe verlassen haben. Ganz im Gegenteil. Wir dachten, es wäre zu deinem Besten. Es war ein großer Fehler, bitte, verzeih uns! Wir können dir helfen!" Bella bleckte die Zähne, ihre rubinroten Augen sprühten förmlich Funken vor Wut.
„Sehe ich so aus, als ob ich auf euch angewiesen wäre? Ich bin ein Raubtier, keiner wagt es, sich gegen mich zu stellen und ihr solltet das auch nicht tun, wenn euch euer Leben lieb ist", sagte sie wütend.
Emmett knurrte, als die Morddrohung über ihre Lippen kam. Früher war es unheimlich drollig gewesen, Gewaltandrohungen aus ihrem Mund zu hören, ihre niedliche Tigerkätzchen-Wut war zu süß gewesen, doch jetzt war es purer Ernst.
„Bella?", sagte Esme schüchtern. „Wir wollen doch nur dein Bestes." Bellas Augenbrauen schossen in die Höhe. „Soso, mein Bestes wollt ihr also." Sie zog die Worte in die Länge.
„Dumm nur, dass mich Niemand zu irgendetwas zwingen kann."
„Du musst die Verantwortung für dein Tun übernehmen. All die unschuldigen, Menschen, die du getötet hast, könnten heute noch leben. Wahrscheinlich willst du nichts mehr mit uns zu tun haben nach dem was wir dir angetan haben, doch du kannst uns jederzeit wieder verlassen, sobald du deinen Durst im Griff hast. Uns wäre es natürlich lieber, wenn du bei uns bleiben würdest, doch wir werden deine Entscheidung akzeptieren, egal wie sie ausfällt", sagte Rosalie. Sie überraschte mich. Rose hatte nie einen Hehl aus ihrer Abneigung Bella gegenüber gemacht. Wie kam es, dass ausgerechnet sie in diesem Moment genau die richtigen Worte fand?
Bellas Blick wanderte zwischen Rose und mir hin und her. Plötzlich wirkte sie unheimlich verletzlich, ihre Augen sahen mich fragend an, das erinnerte mich an Früher.
„Es... es wäre Edward gegenüber nicht... fair. Er will nicht mehr mit mir zusammen sein", sagte sie ungerührt.
„Bella", sagte Alice. „Edward macht das nichts aus!" *Warum sagst du Idiot ihr nicht, dass du sie liebst?*, Schrie mich Alice in ihren Gedanken an.
Tat ich das? Ich war mir nicht sicher, ob ich für dieses wilde Geschöpf Liebe empfinden konnte, wie ich es für meine Bella getan hatte. Ich würde eher sagen, dass ich nicht bereit war, sie aufzugeben. Vielleicht würde ich sie irgendwann wieder lieben können, auf dieselbe verzehrende Art wie Früher. Doch es wäre besser, wenn ich das nicht tun würde, denn Bella würde nie wieder dasselbe empfinden können.
„Bella, lass uns dir helfen!", bat ich inständig.
Die Tatsache, dass es besser wäre sie nicht zu lieben, änderte nichts daran, dass ich sie lieben wollte.
Alice zwängte sich blitzschnell zwischen Emmett und Jasper hindurch und lief auf Bella zu.
Diese stieß ein schrilles Knurren aus. Der verletzliche, verwirrte Gesichtsausdruck war wieder dem der mörderischen, Funken sprühenden Wut gewichen.
„Bleib stehen!", fauchte Bella.
„Alice!", Jasper war krank vor Sorge. „Sie wird dich angreifen!"
Mit einem langen Satz hatte er sich zwischen Bella und Alice gestellt.
Emmett war sofort bei ihm.
Knurrend standen sich Bella und Jasper gegenüber.
„Hört auf!", flehte Alice und trat einen Schritt hinter Jasper hervor. „Es tut mir Leid... Ich hab nicht erwartet, dass du so reagierst."
Doch Alice machte den Fehler, Bella am Arm zu berühren.
Ihr Knurren wurde noch lauter. Sie wollte Alice von sich stoßen, doch Jasper hatte sie blitzschnell wieder hinter sich geschoben.
Er kauerte sich hin und knurrte ebenfalls. Plötzlich sprang Bella ihn an.
