3. Kapitel

Find Comfort in Simple Things

Ich saß auf der Couch im Wohnzimmer des Erdgeschosses und las in einem Buch, "Brain Cheese Buffet". Ich hatte es mir vor ein paar Tagen in der Stadt gekauft und war begeistert! Wirklich kranker Scheiß den sich die Menschen einfallen ließen und wir Vampire wurden für abartig gehalten…..tz.

Es herrschte reges treiben um mich herum. So wie immer in diesem Haus. Die Leute gingen ein und aus als wäre das hier eine Kneipe und nicht das Nest des Sheriffs. Ständig wollte jemand etwas von Godric. Worum es im speziellen ging, bekam ich nie wirklich mit da alle geschäftlichen Gespräche ausschließlich im Büro geführt wurden, wo ich keinen Zutritt hatte laut Keran. Surprise surprsie!

Gestern hatte ich das erste Mal die Justiz der Vampire in Aktion gesehen.

Keran war fast die ganze Nacht unterwegs gewesen und kam erst kurz vor Sonnenaufgang wieder. Er hatte einen in Silber drapierten Vampir hinter sich her geschliffen. Sein verbrennendes Fleisch hatte gestunken wie die Pest und ich konnte sehen wie tief sich die Ketten bereits in seinen Körper geätzt hatten. Mir lief ein Schauer über den Rücken als ich daran dachte das es MEIN Keran gewesen war der ihm das angetan hatte.

Komischer Weise hatte ich tatsächlich Mitleid mit dem armen Kerl. Etwas was mir bei Menschen nie passierte. Ich hörte den Vampir flehen und fluchen gleichzeitig, als er in Godrics heiliges Büro geschleppt wurde.

Keran sah mich nicht an als die beiden an mir vorbeikamen. Fast hätte ich gefragt was los war, oder was der Mann getan hatte das er so mies behandelt wurde, aber ich wusste es besser und hielt mich raus. Wenn ich so drüber nach dachte, wollte ich auch gar nicht genau wissen was hier eigentlich vor sich ging. Ich war einfach nur froh das ich nicht diejenige war die hier in Ketten gelegt wurde.

Bevor sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte war das letzte was ich hören konnte ein fürchterlicher Schrei, der aber sofort von den schalldichten Wänden gefressen wurde als das Schloss zu klickte. Ich hatte mich die ganze Zeit über nicht bewegt und starr aus der Entfernung in die Richtung geschaut wo die beiden verschwunden waren, es war etwa 10 Minuten später als Godric und Keran zusammen wieder heraus kamen. Der Unbekannte war nicht bei ihnen und ich hatte so ein komisches Gefühl in der Magengegend, dass mir sagte das ich ihn auch nie wieder sehen würde.

Nun ja zumindest nicht mehr in einem Teil, denn als mein Blick auf Godric fiel, sah ich Gewebestücke und Blut an seiner Kleidung kleben und es war nicht schwer eins und eins zusammen zu zählen um zu wissen zu wem das gehörte.

Von den Männern ging ein Geruch aus der mich milde gesagt nur an püriertes Fleisch erinnerte und in dieser Sekunde traf ich die Entscheidung das ich NIEMALS in dieses Büro rein wollte.

Ich war mir sicher die beiden hatten ihn gepfählt oder im den Kopf abgerissen. Mir wurde wirklich ein wenig schlecht bei dem Gedanken, schließlich war er einer unserer eigenen Art gewesen und kein einfacher Blutsack.

Godric schaute in meine Richtung, wie ich da so unschlüssig mitten im Weg stand und eine endlos erscheinende Sekunde lang traf sich unser Blick. Meiner war verwirrt und vielleicht auch ängstlich und seiner war einfach nur eine kühle kalte Maske ohne jede Regung.

Keran und Godric sprachen noch schnell ein paar Worte bevor beide sich in andere Richtungen davon machten. Keran sah mich immer noch nicht an. Ich versuchte über unsere Verbindung heraus zu bekommen was in ihm vorging, aber er hatte sie geblockt. Etwas das er sehr sehr selten tat, denn er wusste, er kränkte mich damit. Ich hasste es wenn er Geheimnisse vor mir hatte und seit wir hier in Dallas waren, war das irgendwie der Dauerzustand.

Seit meinem kleinen Unfall mit der explodierenden Flasche waren sechs Tage vergangen und Godric war mir, so weit es möglich war, immer aus dem Weg gegangen. Nie war er unhöflich wenn wir uns im selben Raum aufhielten, aber seine kalte distanzierte Art fiel in dieser ganzen Zeit nicht einmal von ihm ab. Also machte ich auch keine Versuche mich ihm zu auf irgendeiner Ebene zu nähren. Ich hatte zwar immer noch keine Angst vor ihm, aber dafür gehörigen Respekt. Wenn ich seine Worte richtig interpretiert hatte wollte er mir einfach nicht wehtun und ich akzeptierte das natürlich. Er war immer noch das Erste und Letzte woran ich am Anfang und Ende eines Tages dachte, doch wer war ich wenn ich mich gegen seinen Willen auflehnen würde? Es wäre als würde eine Fliege versuchen ein Pferd in eine andere Richtung zu schieben. Also total aussichtlos.

Isabel leistete mir in diesen Tagen öfter Gesellschaft. Einmal war sie sogar mit mir los gezogen und hatte mich ein bisschen in Dallas rumgeführt.

Außer ihr wohnten in diesem Nest noch vier andere Vampire, die ich aber so gut wie nie zu Gesicht bekam. Stan, Katherin, Paolo und Vincent. Sie alle waren irgendwie so was wie Godrics persönliche Assistenten. Sie verbrachten die Nächte damit den kompletten Bereich 9 zu durchkämmen. Was sie auskundschafteten, ich hatte wieder keine Ahnung. Mit mir redetet ja niemand, als wäre das ganze Ding hier ´Top Secret`.

Das positive an der ganzen Sache war, das ich eigentlich alles machen konnte was ich wollte. Mein Macher drückte mir seine Kreditkarte in die Hand und schickte mich shoppen, da er genauso beschäftigt war wie der Rest der Leute hier. Welche Frau würde dazu Nein sagen? Also hatte ich ihm einen fetten Kuss auf die Wange gedrückt und war mit dem Auto (aus Transportgründen) losgezogen….

Jemand lies sich mit einem seufzen neben mich auf die Couch plumpsen und holte mich somit aus meinen Gedanken.

Es war Keran, der ziemlich genervt aussah. Er streckte seine Beine aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ich legte mein Buch zur Seite um ihm meine ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, schließlich hatten wir in den letzten Tagen nicht besonders viel Zeit für uns gehabt.

Ich war es seit 11 Jahren gewöhnt ihn so gut wie jeden Tag für mich zu haben und dass das jetzt nicht mehr so war, ging mir schon näher als ich jemals offen zugeben würde. Und ja, ich war mir bewusst, dass ich ein verwöhntes Einzelkind war!

„Hallo Fremder!" ich grinste ihn anzüglich an und wackelte in einer ziemlich lächerlichen Art mit meinen Augenbrauen. Natürlich bekam ich die erhoffte Reaktion indem er kurz lachte und mich an sich zog.

Da fiel mir auf das er irgendwie anders roch. Irgendwie nach Blut. Das wäre ja an sich nichts besonderes, wenn da nicht die Tatsache gewesen wäre, das ich nicht zuordnen konnte ob es menschliches war oder nicht. Ich griff nach seinem Kragen und zog das Stück Stoff näher an mein Gesicht um es besser riechen zu können. Was zur Hölle war das?

Keran löste meine Finger von seinem Hemd und legte seine Hand auf meine Wange als er den besorgten Ausdruck in meinem Gesicht sah.

„Mach dir keine Sorgen mein Kind. Es ist nicht so das ich dir nicht vertraue, das weißt du, aber es ist einfach besser wenn du manche Dinge nicht weißt. Ich will nicht das du mit rein gezogen wirst."

Falls seine Worte mich irgendwie beruhigen sollten hatte er sich aber gewaltig getäuscht. Die Situation hier schien ernster zu sein als ich zuerst geglaubt hatte und das mein Macher jetzt mitten drinnen steckte gefiel mir so überhaupt nicht. Ich wusste er war unglaublich stark und all das, aber ich konnte einfach dieses Gefühl in meiner Bauchgegend nicht ignorieren, welches mir sagte das es selbst für ihn nicht ungefährlich war.

„Aber wenn du mit drinnen steckst, dann stecke ich auch mit drinnen! Ich weiß nicht was ich machen würde wenn dir etwas passiert…"

„Sei nicht albern, mir passiert nichts. Ich weiß was ich tue. Vertraust DU MIR etwa nicht?"

Das war eine gemeine Frage und er wusste es. Es war klar, dass er wieder den großkotzigen Vampir raushängen lassen musste wenn ich mir hier Sorgen machte. Er ist und bleibt halt ein Mistkerl, aber leider einer, den ich liebte.

„Versprich mir bitte nur, das du vorsichtig bist. Ich kenne dein Temperament und ich weiß das auch du dich genauso toll in Schwierigkeiten rein reiten kannst wie ich."

Er lachte laut auf.

„Nur im Gegensatz zu dir kann ich mich auch alleine wieder rausholen."

Ich verdrehte genervt die Augen.

„Versprich es einfach."

Sein Ausdruck wurde ernst und er nickte kurz. Das reichte mir aus um vorerst zufrieden zu sein. Ich legte meinen Kopf auf seinen Schoß, nahm mir mein Buch und fing wieder an zu lesen.

Ich wollte die kurze Zeit mit ihm in Frieden genießen.

Während ich las war Keran tief in Gedanken und spielte mit einer Strähne meines Haares.

Ich hörte im Hintergrund wie die Eingangstür aufging und jemand eintrat. Wohlgemerkt ohne vorher zu klopfen, doch interessierte es mich nicht weiter. Schließlich war das hier nicht mein Haus und es konnte mir egal sein wer hier rein kam und wer nicht. Ich hörte wie die Schritte genau vor der Couch halt machten wo wir gerade versuchten uns ein wenig zu entspannten. Ich spürte wie Keran sich unter mir anspannte und das erregte dann vollkommen meine Aufmerksamkeit.

„Na ist das nicht niedlich?"

Die Stimme des Fremden war monoton und rau als er sprach.

Ich legte mein Buch zur Seite und schaute mir den Störenfried genauer an. Er war groß, fast hünenhaft. Sein blondes Haar reichte ihm bis auf die Schulter und er war angezogen wie ein zuhälterhafter Biker. Seine blauen Augen und der Ausdruck in seinem Gesicht ließen wahrscheinlich der ein oder anderen Frau ziemlich schnell das Höschen nass werden.

Ich erhob mich von Kerans Schoss, blieb aber dennoch auf der Couch, in der Hoffnung gleich zeuge davon zu werden wie mein Macher dem frechen Playboy das Grinsen aus dem Gesicht wischte, doch dieser blieb nur Seelenruhig neben mir und musterte den Neuankömmling mit geringschätzigem Blick von oben bis unten.

„Hat dir niemand beigebracht das man erst anklopft bevor man ein fremdes Haus betritt?"

„Wolltest du etwa den Pagen spielen?"

Mein Mund stand wohl ein wenig offen als ich das hörte! Ich war die EINZIGE die es wagen konnte ihn auf so eine Art zu beleidigen ohne Gefahr zu laufen gleich ein Stück der hölzernen Einrichtung in der Brust stecken zu haben. Was würde wohl Godric sagen zu dem unschönen Fleck der bestimmt nicht mehr aus den weißen Hochflorteppich raus zu bekommen war?

„Ich denke du brauchst mal wieder eine Lektion in Sachen Respekt, Junge!"

Kerans Mundwinkel zuckte nach oben und ich dachte ich guckte nicht richtig als er aufstand und den Fremden Vampir umarmte. Hatte ich hier gerade irgendwas verpasst? Die beiden mussten sich ja offensichtlich kennen.

„Wie immer ein verdammtes vergnügen dich zu sehen Keran. Aber ehrlich gesagt bin ich ziemlich beleidigt das du so oft meine Einladungen abgelehnt hast!"

„Ich hatte viel zu tun." Und Kerans Augen landeten auf mir.

„Oh ja ich verstehe, damit würde ich mich auch gern beschäftigen. Du teilst dein Spielzeug nicht zufällig?"

Ich schnappte kurz wütend nach Luft und zog die Augenbrauen zusammen. Wenn Keran ihm nicht gleich eine rein haut, würde ich das tun. Was für ne verdammte Frechheit. Wer glaubt der eigentlich wer er ist? Sehe ich etwa aus wie eine scheiß Nutte?

„Da musst du sie schon selber fragen!"

WIE BITTE?

Ich sprang vom Sofa auf und richtete mich zu meiner vollen Größe auf, doch mit meinen gerade mal 1,64 m war das nicht gerade beeindruckend in Gesellschaft von 2 zwei-Meter Männern. Keran legte mir schnell einen Arm über die Schulter und drückte mich an seine Seite. Er spürte natürlich das ich sauer war und hielt mich so ganz gut in Schach. Der Fremde hatte die ganze Zeit nur ein dümmliches Grinsen im Gesicht.

„Eric, das ich Phoenix mein Kind."

Eric? Etwa Godric´s Eric? Wirklich super. Ich konnte jetzt schon sagen das ich ihn nicht ausstehen konnte. Und wieder einmal hatte Godric mit seiner Vermutung vor ein paar Tagen genau ins schwarze getroffen. Nun war ich ganz froh das Keran mich zurück gehalten hatte, denn wie ich schon wusste, war dieser Eric über 1000 Jahre alt und würde sich bestimmt nicht einfach so von mir kleiner Erscheinung angreifen lassen.

Erics Augen wurden groß und er schaute meinen Macher etwas ungläubig an.

„Das ist eine Überraschung. Aber ich muss sagen, du hast dir da ein hübsches kleines Ding ausgesucht."

Unter den tausenden Sachen die ich überhaupt nicht leiden konnte, gab es zwei, die ich am aller wenigsten leiden konnte. Nr. 1: Wenn man über mich redete als wäre ich überhaupt nicht anwesend, und Nr. 2: Wenn man mich wie eine Hure, ein Haustier oder eben ein Ding behandelte. Und BEIDE Punkte hatte dieser aufgeblasenen Hampel innerhalb von ein paar Minuten mit einer unglaublichen Präzession abgearbeitet.

Nun war es Zeit für meinen ersten Gegenangriff. Verbal war schließlich von Seiten des Sheriffs erlaubt worden.

Ich setzte ein zuckersüßes Lächeln auf und tat so als empfand ich seine Worte als ein Kompliment.

„Oh danke! Weißt du, ich wollte auch schon immer mal so blond sein wie du, aber leider sagte mir der Frisör ich hätte einfach zu viel Gehirn."

Obwohl es das erste und blödeste war das mir eingefallen war, musste es gesessen haben, denn ich sah nur noch wie das dumme Grinsen von ihm abfiel bevor mir Kerans Rücken die Sicht versperrte und kurz wütende Sätze in einer anderen Sprache gewechselt wurden. Dänisch? Vielleicht war es auch Schwedisch. Ganz genau konnte ich es nicht sagen. Aber ich wusste das mein Macher verdammt viele Sprachen beherrschte, daher wäre beides möglich. Was haben den Wikinger damals gesprochen? Wohl eher Schwedisch, oder?

Ich wurde in meinen Gedanken unterbrochen als ich aus dem Augenwinkel Godric erkennen konnte der gerade aus seinem Büro kam. Sofort verstummte dieser Eric und viel vor Godric in ritterlicher Manier auf die Knie. Irgendwie sah das ziemlich lächerlich aus und ich hatte schwer mit mir zu kämpfen nicht los zu lachen.

„Godric."

Er legte ihm eine Hand auf den Kopf wie man das bei einem treuen Hund machen würde.

„Mein Kind. Es ist gut das du endlich da bist."

„Es tut mir leid das es so lange gedauert hat, aber ich hatte noch ein paar Sachen zu klären bevor ich auf unbestimmte Zeit abreisen konnte."

„Natürlich."

Eric erhob sich wieder und warf mir noch einmal kurz einen tödlichen Blick zu, der natürlich nicht unbemerkt blieb. Doch Godric lächelte nur wissend und ging gar nicht weiter darauf ein. Selbst Keran, bei dem ich eigentlich erwartet hätte das er mir eine Standpauke halten würde, blieb stumm und tat so als wäre gerade nichts gewesen. Nun gut, warum sollte ich mir dann ein Kopf machen? Die drei Männer waren schon in ein Gespräch vertieft als ich zur Küche schlenderte um mir was zu trinken zu holen. In Wahrheit jedoch hatte ich meine Ohren gespitzt und belauschte ganz dezent die Herren.

„Wie läuft der Club Eric?"

„Ich kann mich nicht beklagen. Die Menschen stürzen Scharenweise zur Tür herein. Wir haben schon mehrere Angebote bekommen um aus „Fangtasia" eine Kette zu machen. Ich bin zwar Geschäftsmann, aber ehrlich gesagt habe ich keine Lust drauf das mein Club irgendwann das McDonalds für Blutsauger genannt wird.

„Und wie läuft es bei dir Keran? Wie hast du das kleine…MÄDCHEN aufgegabelt?"

„Das ist eine lange Geschichte für einen anderen Abend, aber um es kurz zu machen, vor elf Jahren in Deutschland hab ich sie in einer billigen Bar getroffen in der sie gearbeitet hat. Und nun ja ich musste sie einfach haben. "

Ich stand noch in der Küche und nippte an meiner Flasche als ich beschloss mich einzumischen. Dank der guten Vampirohren war das natürlich kein Problem.

„Du hattest halt schon immer ein sehr besitzergreifendes Wesen."

Ich ging wieder ins Wohnzimmer und streckte Keran kurz spielerisch die Zunge entgegen.

„Aber warum musstest du sie denn gleich verwandeln?" fragte Eric.

„Nun zuerst wollte ich das nicht, aber je länger ich sie anschaute, umso mehr zog sie mich in ihren Bann. Als ich versuchte sie am ersten Abend zu bezirzen und sie mir ins Gesicht lachte und fragte warum ich so bescheuert guckte, hatte ich die Bestätigung dafür das sie etwas besonderes war. Und von da war es nur noch eine Frage der Zeit."

„Sie war immun gegen das bezirzen?"

„Ja Eric. Es gibt auf dieser Welt nur sehr sehr wenige Menschen die diese Eigenschaft haben, ich hatte bis dahin schon öfter davon gehört, aber in meinen 1800 Jahren, habe ich nur eine Person getroffen die das konnte, und das war Phoenix. "

„Hm." War Erics schlaue Antwort darauf und ich verdrehte die Augen. Ich spürte einen brennenden Blick auf mir und als ich hochschaute bemerkte ich Godric, der mich anstarrte und etwas in Gedanken verloren wirkte. Ich wusste nicht recht was ich davon halten sollte und tat einfach so als ob ich es nicht bemerken würde. Jedoch bemerkte es mein heiß geliebter neuer Freund und seine Augen flogen zwischen mir und seinem Macher hin und her.

„Godric?"

Der Angesprochene schüttelte leicht seinen Kopf und drehte sich Eric zu.

„Ja?"

„Ist alles in Ordnung?"

Godric lächelte kurz.

„Natürlich. Warum sollte es nicht?"

„Ich weiß auch nicht, es fühlt sich irgendwie….."

Ich konnte förmlich sehen wie Godric sich kurz versteifte und dann seine Emotionen vor Eric abschottete. Dazu sollte man wissen, dass wenn ein Macher seinen Abkömmling erst einmal frei gegeben hatte, konnten sie ihre Empfindungen untereinander nur noch spüren, wenn sie sich körperlich nahe waren. Genauso war es auch mit Befehlen. Godric hätte Eric niemals durch das „rufen" auf die Distanz zwingen können zu ihm zu kommen, so wie Keran das liebend gerne ab und an mit mir machte. Das Freigeben kappte in gewisser Weise einen Teil des Bündnisses, sodass der Abkömmling mehr eigenen Spielraum hatte und sein Leben unabhängig von seinem Macher leben konnte. Dennoch konnte der komplette Bund nicht einmal durch den wahren Tod getrennt werden. Es würde immer so sein, als ob ein riesiges Stück von deinem Innern fehlen würde, welches du nie wieder bekommen würdest. Auch die Unendlichkeit konnte so eine Wunde nicht heilen, man konnte nur hoffen das man irgendwann lernen würde, irgendwie damit zu leben.

Viele Vampire wagen es ihr ganzen Leben nicht einen neuen Vampir zu erschaffen, aus Angst sich ihr eigenes Grab zu schaufeln. Bei der Verwandlung gibt der Macher einen großen Teil seiner selbst an sein Kind ab und der Verlust eines Kindes ist selbst unter Menschen eines der schlimmsten Schicksaale das man erleiden kann. Es ist schwierig diese Verbindung jemandem zu erklären der es nicht selber erlebt hat, so als müsste man einem Blinden die Farbkompositionen eines Monets erklären. Unter Umständen konnte man vielleicht eine Idee vermitteln aber dennoch war es einfach unmöglich so etwas tiefgehendes und umfangreiches in Worte zu packen.

Vielleicht war das auch der Grund warum es keinen bekannten lebenden Vampir gab der über 3000 Jahre alt war und das trotz unserer potentiellen Unsterblichkeit. Sie wurden einfach alle irgendwann Wahnsinnig und starben letzten Endes an gebrochenen Seelen. Nun ja, in meiner romantischen Welt war das jedenfalls so. Sprechen wir mal nicht von den blutrünstigen Kriegen die es immer mal wieder selbst unter den Vampiren gab und der Langeweile die bisher jeden früher oder später dahin gerafft hatte.

Keran drehte sich zu mir und nickte mit dem Kopf zur Eingangstür. Wurde ich etwa schon wieder rausgeschmissen? Ich stöhnte leidvoll und ging in die angewiesene Richtung, zu meiner Überraschung allerdings, hörte ich wie mein Macher mir nach draußen folgte.

Wir standen beide ziemlich unschlüssig auf dem Gartenweg herum, als er zuerst das Wort ergriff.

„Die Beiden haben sich lange nicht gesehen. Wir sollten ihnen ein bisschen Privatsphäre lassen. Hast du Lust was zu unternehmen?" Ich runzelte ratlos meine Stirn. Alles was wirklich spaß machte durfte ich ja eh nicht tun.

„Und was hast du dir da vorgestellt?" Er ahmte nun meine Mimik nach und zog ebenfalls die Stirn kraus, als ihm die Tatsache klar wurde das hier das übliche „spaß haben" nicht erlaubt war.

Da kam mir allerdings eine Idee. Ich gebe zu sie war nicht besonders originell, aber immerhin etwas.

„Wie wäre es mit Kino? Es ist schon Jahre her das ich mir mal einen Film angesehen habe."

Keran steckte die Hände in die Taschen und zuckte mit den Schultern.

„Wenn es dich glücklich macht."

Und das tat es, denn es war wirklich schon eine gefühlte Ewigkeit her, seit meinem letzten Kinobesuch.

„Aber nur wenn wir NICHT mit dem Auto fahren."

Daraufhin lachte er nur und rannte los, natürlich in angemessenem Tempo, sonst hätte ich ihn innerhalb von Sekunden verloren.

In der Stadt hatten wir ein paar Probleme das Kino zu finden, aber dank einer netten alten Damen dir furchtbar nach Katze stank, ging es dann ganz zügig. Als wir in der Eingangshalle standen und uns die Plakatwerbungen anschauten, war ich jedoch wieder etwas ratlos. Ich hatte von keinem der Filme je etwas gehört, das war halt der Nachteil wenn man schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr an dem sozialen Leben teilnimmt. Keran musste es da noch schlimmer ergehen, denn ich glaube er war nur ein einziges Mal überhaupt in einem Kino gewesen und das war als der erste schwarz/weiß Streifen öffentlich gemacht wurde, was gute 100 Jahre her war.

„Willst du denn lieber eine Komödie, eine Romanze, ein Fantasyabenteuer, ein Drama oder ein Horrorfilm sehen?" Versuchte ich die Auswahl ein wenig einzuschränken.

„Ich ….habe keine Ahnung. Such du dir was aus, es war deine Idee."

„Na gut, aber ich will hinterher keine Beschwerden hören."

Für mich war es nicht schwer eine Entscheidung zu treffen. Über den Humor der Menschen konnte ich eh nicht lachen, Liebesschnulzen weckten in mir den Drang mich zu übergeben, Drama hatte ich genug in meinem eigenen Leben und kleinen hässliche Jungs mit Brille und Zauberstab konnte ich sowieso nichts abgewinnen, als blieb nur ein schönes Gemetzel.

Ich stellte mich auch gleich an der Kasse an, die glücklicher weise nicht allzu voll war.

„Hallo." Grüßte mich die Kassiererin. Sie hatte buschige Augenbrauen und kleine Schweinsäuglein unter ihrer dicken Brille, einen fürchterlichen alte Oma Dutt und war sowieso ganz im allgemeinen der Typ Frau die man schon nach dem ersten hinsehen als Couchpotato abstempelte. Sie musste in ihren 30igern sein, also viel zu jung um sich schon so gehen zu lassen.

„Hi. Ich hätte gerne zwei Karten für „Saw II", hinten Mitte, bitte."

„Natürlich, könnte ich bitte vorher ihren Ausweis sehen Miss."

Ich machte große Augen. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet und es ist unnötig zu erwähnen das ich natürlich keinen Ausweis bei mir hatte. Wenn ich der Guten da vor erzählte das ich schon gute 30 war würde die mich wahrscheinlich auslachen, denn schließlich würde ich für immer in dem Körper einer 18-jährigen stecken. Also blieb mir nur eine Möglichkeit, ich musste sie bezirzen und das so, dass es möglichst kein anderer mitbekam, denn schließlich wollte ich hier keine Massenpanik auslösen. Ich schaut schnell nach links und recht um sicher zu gehen das uns keiner allzu viel Aufmerksamkeit schenkte. Jedoch entging mir nicht Keran, der großkotzig wie er war ein paar Meter entfernt stand, mit verschränkten Armen und einem gehässigen Grinsen im Gesicht.

Ich beugte mich ein wenig weiter nach vorne, fing den Blick der Kassiererin geübt mit dem meinem ein und fesselte ihren Geist an mich. Meine Stimme war leise und sanft als ich sprach, aber dennoch deutlich genug das die Frau vor mir mich gut verstehen konnte.

„Du brauchst meinen Ausweis nicht!"

„Nicht? Aber die Vorschriften lauten…"

„Neeeein, die Vorschriften sind nur für die, bei denen du dir nicht sicher bist das sie Volljährig sind. Bei mir hingegen bist du 100%ig davon überzeugt das ich mindestens 25 bin."

„Bin ich das?"

„Das bist du. Und außerdem findest du mich so sympathisch das du beschlossen hast mir die Eintrittskarten zu schenken."

„Jaaa. Ja, stimmt. Sie brauchen keinen Ausweis, Miss und heute ist für sie und ihre Begleitung der Eintritt kostenlos." säuselte sie.

Wenn schon denn schon, oder etwa nicht? Ich lächelte wie ein Honigkuchenpferd als ich die Kinokarten entgegen nahm.

„Dankeschön. Du warst wirklich ein sehr braves Mädchen heute Abend."

Ihre kleinen Augen begannen zu strahlen.

„War ich das?"

„Oh ja. Und weil das so ist wirst du dir nach der Arbeit mal richtig etwas gönnen. Du wirst dich etwas in Schale schmeißen, dir die Beine rasieren, all das Mädchenzeug halt und dann wirst du dir eine Disco suchen, wo sich Leute deines Alters herumtreiben. Du wirst dich prächtig amüsieren, etwas trinken, tanzen und vor allem aus dir raus kommen. Den heute Abend bist du die eine verdammte Göttin."

Falls überhaupt möglich wurde ihr lächeln noch breiter und ich konnte die Endorphine riechen die ihr Körper gerade ausschüttete.

„Du wirst dir einen heißen Typen suchen und ihn verführen. Du wirst ihn mit zu dir nach Hause nehmen und du wirst den besten, wildesten, heißesten, geilsten Sex haben den du je hattest, gefolgt von mindestens drei welterschütternden Orgasmen."

Ich durchbrach abrupt unsern Blickkontakt und ging zu meinem Macher der etwas verwirrt aus der Wäsche schaute.

„Was war denn das gerade?"

„Ich fand sie sah so aus als ob sie es verdammt nötig hatte. Ich hab heute eben einen gute Tag und sie sollte auch einen haben!"

Und das würde sie! Selbst wenn der Kerl den sie mit nach Hause schleppt nicht einmal den Unterscheid zwischen Schamlippe und Klitoris kannte würde sie abgehen wie eine rollige Katze auf Koks. Ich für meinen Teil war zumindest ziemlich zufrieden mit meiner guten Tat.

Keran schüttelte den Kopf, grinste aber dennoch.

„Hauptsache du hast deinen Spaß mein Kind." Er legte mir den Arm über die Schulter und wir schlenderten zu den Sälen.

Pauschal 2 Std. später verließ eine Horde stinksaurer Leute den Kinosaal, gefolgt von einer hysterisch lachenden Phoenix und einem vor sich hin nörgelnden Keran.

Alles was er den kompletten Film über getan hatte war darüber zu meckern wie unrealistisch die ganze Scheiße war. Blut spritz nicht so weit, Gedärme haben eine ganz andere Farbe wenn man sie frisch entfernt, wenn sie solche Schmerzen können Menschen gar nicht mehr schreien etc etc.

Am Anfang hatte mich das ganzschön genervt und ich versuchte ihm irgendwie begreiflich zu machen, das es NUR EIN FILM war, doch je mehr Zeit verging und umso mehr Dinge er fand die er als total lächerlich einstufte, umso amüsanter fand ich es. Als wir etwa die Hälfte des Streifens hinter uns hatten, lies eine Frau ein paar Reihen weiter vor mir einen quitschenden Schrei los und schlug die Hände vor das Gesicht. Genau das war der Moment in dem bei mir alle Dämme brachen. Ab da gab es kein halten mehr für mich und bei jeder Szene die eigentlich dafür gedacht war einem das Frühstück wieder hoch zu holen, wieherte ich was meine Lungen her gaben. Nicht etwa weil ich den Streifen besonders lustig fand, sondern eher wegen der Tatsache das sich gerade pauschal 100 Menschen die Hosen nass machten wegen Bildern auf einer Leinwand, während mein Macher neben mir stark mit seiner Selbstbeherrschung zu kämpfen hatte nicht jedem von diesen ahnungslosen Blutsäcken den Schädel einzuschlagen für ihr lächerliches Verhalten.

Ich versuchte meine Lachen so leise wie möglich zu halten um die Stimmung nicht kaputt zu machen, aber wie schon erwähnt es wurde auch nicht leichter. Dennoch blieb es trotz meiner Bemühungen nicht unbemerkt.

Wir waren jetzt schon außerhalb des Kinos und ich hielt mich an einem Laternenpfahl fest um nicht vorn über zu kippen. Keran zuckte ungeduldig mit den Fingern und wartet darauf das ich mich endlich beruhigen würde, damit wir aufbrechen konnten. Aber jeder der schon einmal einen WIRKLICHEN Lachanfall gehabt hatte, weiß dass das nicht so einfach geht. Selbst wenn die Komik des Momentes schon lange verflogen war, wollte es einfach nicht aufhören. Es war langsam auch schon gar kein schönes Lachen mehr, sondern eines der Sorte was dir Bauchschmerzen macht.

Anscheinend wurde es meinem Begleiter langsam zu bunt, denn er packte mich, schmiss mich kurzerhand über seine Schulter und sprintete los. Das alles Tat er so schnell das es mich ziemlich überraschte und mein Lachen einem erschreckten Aufschrei wich. Ein paar Minuten später waren wir auch schon wieder Zuhause ich trommelte mit den Fäusten auf Kerans Rücken ein, damit er mich wieder herunter lies. Wie peinlich war es denn bitte wenn mich alle Bewohner des Hauses SO sahen? Mistkerl wie er war lies er mich natürlich nicht runter, bis wir im Wohnzimmer standen, wo Eric und Godric es sich in der Sitzecke gemütlich gemacht hatten. Fantastisch.

„Ich schwöre dir wenn du mich jetzt nicht sofort los lässt beiß ich dir in dein verdammten Hinter!"

Ich lies meine Fangzähne rausschnappen und öffnete schon den Mund um sie in seiner Kehrseite zu versenken, da hatte ich auch schon wieder festen Boden unter den Füßen. Ja so ein Biss in den Allerwertesten tat bestimmt mächtig weh.

Ich zog meine Zähne wieder ein fuchtelte mit meinem Zeigefinger in seinem Gesicht rum.

„Warum denn nicht gleich so, hm! Immer muss ich dir erst drohen damit du tust was ich dir sage." Dabei verstellte ich meine Stimme und imitierte fast Meisterhaft Kerans Tonfall den er immer anschlug wenn er mit mir meckerte.

Er zog ungläubig eine Augenbraue hoch und wusste nicht recht ob er lachen oder mich lieber übers Knie legen sollte. Gerade war ich auf verdammt dünnem Eis. Vorsichtshalber ging ich schnell ein paar Schritte zurück und brachte die Couch, wo die anderen beiden Herren drauf saßen, zwischen uns. Kerans Mundwinkel zogen sich zu einem fiesen Grinsen nach oben, was mir so gar nicht gefiel. Ich sollte mir besser etwas überlegen, und zwar schnell.

„Benimm dich Keran! Du bist hier zu Gast. Godric würde es bestimmt nicht gut finden wenn ich gezwungen bin vor dir zu flüchten und dabei ausversehen ein wenig sein Haus demoliere." Ich schaute Godric flehend an, mit dem besten Hundeblick den ich spontan kreieren konnte und hoffte er würde mir jetzt nicht in den Rücken fallen. Denn immer wenn mein Macher diesen Gesichtsausdruck hatte, hieß das zwar Spaß für ihn, aber definitiv nicht für mich. Godric guckte nur etwas komisch, sagte aber nichts. Eric hingegen war aufgestanden und hatte schaute mich an wie ein Löwe eine Gazelle.

„Ich halt sie für dich fest wenn du möchtest." ARSCHLOCH! Damit hatte er sich gerade auch noch das letzte Fünkchen Sympathie meinerseits verspielt.

Meine einziger Auswege war jetzt wirklich nur noch der Sheriff persönlich, denn gegen die zwei Ausgeburten der Hölle standen meine Chancen prozentual gesehen schon im negativen Bereich.

Wie in Zeitlupe schob ich mich zu Godric auf das Sofa und setzte mich so dicht neben ihn hin, dass es auch kein großer Unterschied mehr gewesen wäre, wenn ich mich gleich auf seinen Schoß hätte plumpsen lassen. Doch um ehrlich zu sein machte ich mir darüber gerade überhaupt keine Sorgen.

„Wenn du mich rettest, schwöre ich werde ich die nächste Wochen alles tun was du von mir verlangst, sei es noch so eklig." Ich flüsterte so leise und schnell wie ich konnte. Ich setzte alles auf eine Karte und ja mir war bewusst das es erbärmlich war, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, nicht wahr! Godric legte seinen Kopf ein wenig schräg, ganz so als wollte er sagen: mehr ist dir das nicht wert?

„Zwei Wochen!" Godric veränderte seine Haltung nicht, guckte nur weiter ungläubig.

Ich seufzte geschlagen.

„Na gut, drei Wochen als dein Sklave, aber das ist mein letztes Angebot."

Diese ganze Verhandlungssache war gerade innerhalb weniger Sekunden abgelaufen und ich sah schon aus dem Augenwinkel das Keran sich in Bewegung gesetzt hatte.

Es breitete sich ein zufriedenes lächeln in Godrics Gesicht aus und ohne den Blickkontakt mit mir zu unterbrechen sprach er.

„Eric, halt dich da raus."

Angesprochener tat wie ihm geheißen ohne auch nur zu murren und setze sich wieder. Dafür stand Godric auf und ging auf Keran zu.

„Ich habe in meinem Büro noch ein paar wichtige Unterlagen die du dir ansehen musst. Es wäre mir lieb wenn wir das jetzt gleich erledigen könnten."

Zu meiner Überraschung kuschte auch Keran sofort. Bevor er allerdings Godric in sein Allerheiligstes folgte, drehte er sich noch einmal um und zwinkerte mir zu.

„Das ist dein Glückstag mein Kind"