Mit pochenden Herzen saß ich unter dem Tarnumhang auf einer Bank vor der Highschool, und beobachtete die Muggelschüler. Der Himmel war grau, keinerlei Anzeichen darauf, dass die Sonne heute noch hervorbrechen würde. Die beste Vorraussetzung.
Kaum hatte ich diese drei Wörter gedacht, fuhr auch schon der silberne Volvo vor. Nacheinander stiegen sie aus. Zuerst Edward, der fast die gleichen Klamotten wie bei unserer ersten Begegnung trug, dann ein kleine Schwarzhaarige – Alice, ein blonder Junge der Alice sofort bei der Hand nahm – Jasper, ein blondes Supermodel - Rosalie, und zum Schluss natürlich ein riesiger, muskelbepackter Kerl mit schwarzen Locken – Emmett. Graziös und im Gleichschritt, liefen sie über den Parkplatz und verschwanden, zusammen mit vielen anderen Schülern in einem der Schulgebäude.
Nachdem es geläutet hatte, und der Parkplatz wie ausgestorben wirkte, erhob ich mich von meinen Beobachtungsposten unschlüssig ob ich die Schule betreten sollte. Aber ich entschied mich dagegen, ich wollte mein Glück nicht allzu sehr überstrapazieren.
Von nun an saß ich jeden Morgen auf der gleichen Bank, und sah dabei zu wie die Cullen Geschwister zum Unterricht antraten. Ab und zu betrat ich doch die Schulgebäude, wobei mir eine Sache besonders auffiel, eine bestimmte Person fehlte und tauchte auch nie auf. In der Cafeteria saß er immer mit ihnen zusammen am Tisch, selbst in der Biologiestunde saß er jedes Mal allein. Wo war Bella abgeblieben?
Gut ich wusste nicht, an welcher Stelle ich in diese Geschichte geraten war, doch merkwürdig war es schon. Ich lauschte sogar ein paar Gesprächen von Schüler und Lehrern, aber Bella wurde nicht einmal ansatzweise erwähnt. Auch über Charlie verlor niemand ein Wort.
Und bald, reichte mir das bloße Beobachten unter dem Tarnumhang nicht mehr aus. Nach zwei Wochen kam ich mir vor wie bei einem sehr guten, realitätsnahen Theaterstück, und langsam hatte ich genug davon einfach nur zu zuschauen, ich wollte zu den Akteuren gehören. Sicher war ich mir bewusst, dass es ein immenses Risiko war mich unter die Schüler zu mischen. Obwohl ich von meiner Mutter und meinen Patenonkel über den Alltag an nichtmagischen Schülen gut im Bilde war, musste ich doch stets und ständig meine Gedanken unter Kontrolle haben, einmal nicht aufgepasst, und Edward würde über alles Bescheid wissen. Schon bei meinen gelegentlichen Abstechern schien Edward, sobald ich mich in seiner Nähe aufhielt, zu wissen dass sich jemand im Raum befand, der da nicht hin gehörte. Mehrmals hatte ich, wie schon bei unser ersten Begegnung, das Gefühl, das er mich durch den Umhang hindurch direkt anstarrte. Jedes Mal ergriff ich schnellstmöglich die Flucht. Ob er wohl den restlichen Mitgliedern seiner Familie von unseren "Zusammentreffen" erzählt hatte? Wahrscheinlich würden sie ihn für verrückt erklären, wenn er die weiß schimmernde Wand erwähnte.
Eine weitere Woche verbrachte ich mit Hin- und Herüberlegen, erstellte Pro und Kontra Listen und kam schließlich zu dem Ergebnis, das die Pro Liste mehr Punkte vorzuweisen hatte. Also würde die Forks Highschool am folgenden Montag um eine Schülerin reicher sein.
* * *
Am Morgen meines ersten Schultages, wie sollte es auch anders sein, regnete es wie aus Eimern. Das letzte Wochenende, hatte ich damit verbracht mich mit Muggelschulsachen einzudecken. Rucksack, Blöcke, Stifte, Bücher und so weiter. Ein paar Mal musste ich über die ulkigen Dinge herzlich lachen. Meiner Mutter sei dank hatte ich nicht nur Galeonen, Sickel und Knuts einstecken, sondern auch ein gutes Sümmchen Muggelgeld, auch wenn ich vorher die britischen Pfund in amerikanische Dollar umtauschen musste. Allerdings war nach diesem Einkauf nicht mehr viel davon übrig, da ich mich in der letzten Zeit auch mit Lebensmittel hatte versorgen müssen, musste ich mir wohl bald etwas einfallen lassen wie ich in Zukunft anderweitig etwas Essbares auftreiben konnte.
Unter dem Umhang versteckt disapparierte ich von meinem Zelt direkt auf den Schulparkplatz, welcher glücklicherweise noch menschen- und vampirleer war. Dann suchte ich Schutz unter dem Vordach des Schulsekretariats, und legte den Umhang ab. Kaum hatte ich diesen verkleinert und im Rucksack verschwinden lassen, trafen auch schon gemütlich die ersten Autos auf den Parkplatz ein. Eine halbe Stunde verbrachte ich damit, wie schon in den letzten Tagen, den eintrudelnden Schülern dabei zu zusehen wie sie nacheinander in den Schulgebäuden verschwanden, allerdings mit der Ausnahme das sie mich nun auch sehen konnten. Viele musterten mich zwar neugierig, lächelten mir doch meistens freundlich zu.
Ich stand noch immer an derselben Stelle als, keine zwanzig Meter von mir entfernt, ein silberner Volvo mit einem eleganten Schwenker in einer noch freien Lücke zum Stehen kam. Mein erster Gedanke galt der sofortigen Flucht, aber ohne Umhang hätte das wohl sehr verdächtig gewirkt. Also blieb ich an Ort und Stelle, verfolgte die mir schon vertraute Aussteigprozedur der Cullens, und leerte meinen Geist so gut wie möglich. Wenn mir das Glück hold war, würden sie mich eh keines Blickes würdigen. Das war auch beinahe der Fall.
Achtlos und graziös wie immer, liefen Rosalie, Emmett, Alice und Jasper an mir vorüber. Edward folgte ihnen mit ein paar Metern Abstand, und mit ebenso gelangweiltem Gesicht. Fast war er an mir vorbei, und ich wollte schon erleichtert aufatmen, als er plötzlich stehen blieb. Mein Herz setzte, wie schon drei Wochen zuvor, für ein bis zwei Sekunden aus, als er sich mir zuwandte. Seine goldenen Augen musterten mich und er schien sehr konzentriert. Ich konnte nur zurückstarren, in meinen Kopf gab es nichts außer formloser Leere. Eine halbe Minute dauerte dieses Schauspiel, dann wandte er sich abrupt ab und folgte seinen Geschwistern.
Erst das Läuten der Schulglocke, holte mich aus meiner Starre zurück. Langsam erlaubte ich mir wieder zu denken, meine rechte Hand ließ von meinen Zauberstab, der in meiner Hosentasche steckte, ab. Mit einem großen Seufzer glitt ich an der Wand entlang in die Hocke.
Meine Güte, das würde anstrengender und schwieriger werden als ich dachte! Dennoch brachte mich dieser Zwischenfall nicht von meinen Vorhaben ab.
Und so wollte ich geradewegs ins Sekretariat marschieren, doch mein Verstand hielt mich gerade noch rechtzeitig davon ab. Einfach so konnte ich mich wohl schlecht anmelden, ich hatte keinerlei Papiere bei mir, ganz zu schweigen von einem festen Wohnsitz noch von Kontaktadressen meiner Eltern.
Also kramte ich den Umhang wieder hervor flüsterte: Engorgio, und legte ihn mir um. Leise trat ich ein. Die Sekretärin war gerade in irgendetwas vertieft, so dass sie von der sich selbst öffnenden und selbst schließenden Tür nichts mitbekam.
Als ich vor dem Tresen stand zögerte ich noch einen kurzen Moment. Noch nie hatte ich einen unverzeihlichen Fluch benutzt, doch mir blieb keine andere Wahl.
„Imperio!", flüsterte ich und ließ den Umhang sinken. Nachdem der gelbe Lichtblitz Ms Cope die Sekretärin getroffen hatte, schnellte augenblicklich ihr Kopf nach oben und sie lächelte mich zuckersüß an.
„Was kann ich für dich tun meine Liebe?" Das ich mit dem Zauberstab auf sie zielte schien sie nicht im Geringsten zu stören. Zunächst wusste ich nicht was ich zu tun hatte, im Unterricht hatten wir die unverzeihlichen Flüche natürlich nicht durchgenommen, und ich hatte schon ein klein wenig Angst das in jeder Sekunde jemand vom Zaubereiministerium auftauchen würde um mich festzunehmen. Aber nichts geschah, Ms Cope grinste mich immer noch freundlich an.
„Ich…ich bin Amalia Brave!", sagte ich und flösste, in der Hoffnung es war das Richtige, ihr gedanklich und mit auf sie gerichtetem Zauberstab, die Dinge so ein, wie ich sie haben wollte. Kaum brachte ich meine Gedanken zu Ende, hellte sich ihr Gesicht auf.
„Natürlich, natürlich Amalia. Herzlich Willkommen bei uns in Forks. Wir haben dich schon erwartet!" Mit diesen Worten erhob sie sich, öffnete einen Aktenschrank, holte einen Ordner hervor, um sich dann wieder an ihren Schreibtisch zu setzen. Dann tippte sie etwas in ihren Computer ein, und reichte mir ein paar Blätter.
„Das sind deine Unterlagen Amalia! Dein Stundenplan, ein Geländeplan, und unsere Hausordnung. Lass deine Lehrer bitte auf deinen Plan unterschreiben und bring ihn am Ende des Tages bitte wieder zurück! Ich wünsche dir eine schöne Zeit bei uns! So und nun beeil dich lieber ein bisschen, die erste Stunde hat schon angefangen." Wieder ein zuckersüßes Lächeln, welches die ganze Zeit auf ihrem Gesicht zu kleben schien, während ich mich langsam rückwärts aus dem Büro entfernte. Erst nachdem ich die Tür hinter mir schloss, senkte ich meinen Zauberstab. Wow, das ging einfacher als ich dachte.
Mein erstes Fach war Englisch, gut dass ich persönlich gern Bücher von englischen Muggelschriftstellern las, so dass dies wohl erstmal kein Problem darstellen würde. Als ich den Rest des Stundenplans überflog, stellte ich leider fest, dass ich jeden Tag dieselben Fächer hatte. Englisch – Geschichte – Mathematik – Erdkunde – Mittagspause – Biologie – Sport. Mir lief ein Schauer den Rücken hinunter als ich die Stunden für den Nachmittag sah, genau dasselbe wie bei Bella. Hinzu kam noch, dass ich zufälligerweise mahagonifarbene Haare und braune Augen besaß, wie Bella. Was für eine Ironie!
Am liebsten hätte ich sofort kehrt gemacht und erneut mit Hilfe des Imperius Fluchs einen neuen Stundenplan erzwungen, doch ich wollte es nicht übertreiben.
Und so hatte ich keine andere Wahl, als mich meinem Schicksal zu fügen und zu hoffen nicht denjenigen im Unterricht zu treffen, dem ich an diesem Tag am allerwenigsten begegnen wollte.
* * *
Ich hatte Englisch, Geschichte, Mathematik und Erdkunde erfolgreich hinter mir gebracht, als ich die Cafeteria betrat. Zwar musste ich in der Englischstunde, den nächsten Schock verdauen, denn Alice und Jasper besuchten den gleichen Kurs, aber sie nahmen nicht die geringste Notiz von mir, sondern schienen vorzugeben großes Interesse am Unterrichtstoff zu haben. Also ignorierte ich sie eben genauso und lauschte dem Lehrer. Allerdings verlor ich schon nach guten zehn Minuten jegliches Interesse, auch die folgenden Stunden waren nicht gerade besser. Selbst Professor Binn's Unterricht war unterhaltsamer. Hier schrieb man entweder die ganze Stunde von der Tafel ab, oder man hörte dem Lehrer zu. Es gab kein Knallen oder Bummern weil einem Schüler mal wieder ein Trank misslungen war, kein Aufkreischen weil der Zauberspruch nach hinten losging, und keine herumfliegenden Papiervögel mit Nachrichten zum Inhalt wenn der Professor gerade nicht hinschaute.
Schon nach einen halben Tag begann mir das alles zu fehlen, selbst die Cafeteria war, verglichen mit der großen Halle, trostlos. Es gab keine vier, langen Haustische an denen die Schüler manchmal so laut durcheinander quatschen, das man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte, keine Hausgeister die zwischen Tischreihen umherschwebten und auf das Essen brauchte man sich auch nicht zu freuen. Hier standen nur einige Tische in der Gegend rum, wo hie und da eine Gruppe von Schülern saß, manch einer saß auch allein und das Essen war eine unidentifizierbare Pampe. Seufzend setzte ich mich an einen noch leeren Tisch.
Meine Güte, wie halten die es hier nur aus?, dachte ich.
Doch ich schob meine trüben Gedanken sofort beiseite, denn gerade hatte Familie Cullen die Cafeteria betreten. Noch während sie sich Essen auf die Tabletts häuften, zwang ich den Essensbrei hinunter, und noch bevor sie sich einen Platz gesucht hatten, verließ ich die Cafeteria schon wieder und ich war mir sicher dass Edward mir nachschaute.
Um meinen Kopf frei zu bekommen, lief ich hinaus in den kalten Wintertag. Als die Schulglocke das Ende der Mittagspause ankündigte, begab ich mich mit klopfenden Herzen wieder hinein. Bitte lass ihn nicht da sein! Bitte lass ihn nicht da sein! Betete ich auf den Weg zum Biologieraum. Aber ich würde nicht erhört. Schon durch die Tür sah ich ihn, wie alle anderen Schüler auch, dasitzen, den Platz neben sich frei. Keine Bella!
Auf der Stelle wollte ich kehrtmachen doch unglücklicherweise hatte der Lehrer mich schon bemerkt.
„Miss Brave, kommen Sie doch herein, nur nicht so schüchtern!", sagte er lächelnd und hielt mir die Tür auf. Ich hatte keine Wahl.
„Mal sehen wo setzten wir sie am besten hin.", fragte er mehr sich selbst, und sein Blick wanderte über die Klasse. Außer neben Edward gab es noch ein paar andere freie Plätze.
„Hmm…ich denke neben Mr. Cullen sind Sie am besten aufgehoben.", und deutete auf Edward. Und in den paar Sekunden, die ich brauchte um die Distanz zwischen Lehrer- und seinem Tisch zurückzulegen, leerte ich meinen Geist so gut es ging.
Ohne ihn zu beachten, ließ ich mich neben ihn nieder. Stocksteif saß ich da, der Griff des Zauberstabs in meiner Jeans piekste mir unangenehm in die Hüfte. Ich wagte es nicht ihn anzusehen, starrte nur geradeaus, mein Herz raste.
„Hi, ich bin Edward!", sagte eine samtige Stimme neben mir. Ich ignorierte ihn.
„Hast du deine Stimme verloren?", fragte er. Ich antwortete noch immer nicht.
„Wenn du auf mich sauer bist, wegen meines Verhaltens heute morgen, dann tut es mir aufrichtig leid! Ich habe es nicht bös gemeint…" Nein, natürlich hatte er es nicht böse gemeint, sondern nur versucht in meinen Gedanken herumzuschnüffeln!
„Ich wollte…"
„Ach jetzt hör schon auf!", unterbrach ich ihn und schaute ihn verächtlich an.
„Wenn du es wirklich unbedingt wissen willst, ich bin Amalia, siebzehn, vom Sternzeichen Steinbock, Lieblingsfarben grün, gelb, rot, blau, vor drei Wochen bin ich mit meinen Eltern hier her gezogen. Zufrieden?", stieß ich leise und giftig hervor in der Hoffnung er würde mich für arrogant und eingebildet halten. Doch das Gegenteil trat ein. Er grinste schief und seine goldenen Augen funkelten belustigt. Mein Herz schlug jetzt Stakkato. Wohl wissend dass er das hören konnte, wurde ich rot und schaute weg.
„Für erste bin ich zufrieden ja!", sagte er und ich hörte das erneute Grinsen heraus. Für die nächsten zwanzig Minuten war es still zwischen uns, ich musste mich zwingen keinen einzigen Gedanken in meinen Kopf zuzulassen.
Dann bekamen wir die Aufgabe, ein Stück Zwiebel unter dem Mikroskop zu betrachten und dann aufzuzeichnen. Jedes Paar erhielt ein Mikroskop. Edward legte ein winziges Stück Zwiebel auf ein dünnes Glasplättchen, träufelte Wasser darauf, legte dann ein noch dünneres Plättchen darauf, und schob dann alles unter das Mikroskop. Nachdem er durchgeschaut hatte, schob er das Plättchen mit dem Stück Zwiebel fort und schaute mich erwartend an.
Ich hatte dieselben Sachen vor mir liegen, wusste aber wenig damit anzufangen. Normalerweise hätte ich jetzt meinen Zauberstab hervorgeholt. Fünf Minuten lang hantierte ich mit dem Zeug in meinen Händen herum, bis es Edward mir schließlich seufzend wegnahm.
„Mein Güte, du tust ja gerade so als hättest du noch nie mikroskopiert!", stellte er fest.
Tja ist ja auch nicht verwunderlich, wenn man noch nicht lange unter normalen Menschen weilt! Edwards Kopf schoss in die Höhe und er starrte mich an. Mein Gott, hatte ich das gerade wirklich gedacht?
Ohne großartig zu überlegen sprang ich auf, schnappte mir meinen Rucksack, und stürmte aus der Klasse hinaus.
„Ich glaub ihr ist schlecht!", hörte ich Edward hinter mir rufen und bemerkte zu meinem Entsetzen das er mir folgte. Ich wusste ich hatte nur noch Millisekunden, wenn überhaupt.
Auf dem leeren Parkplatz angekommen, holte ich den Zauberstab hervor, bevor ich diesen allerdings heben konnte, stand er auch schon vor mir.
„Wer bist du Amalia?", fragte er und sah dabei sehr beängstigend aus.
„Bitte…du…du würdest es nicht verstehen. Ich habe keine bösen Absichten!", und somit hob ich meinen Zauberstab und es wurde dunkel um mich herum.
