- IV -
Am nächsten Tag war sie nach dem Unterricht sofort zu Hagrids Hütte gegangen, um mit Seidenschnabel zu sprechen.
Doch der schöne Hippogreif lag betrübt hinter der Hütte und starrte abwesend in Richtung Horizont.
Er gestattete ihr stumm, neben ihm zu sitzen und ihn zu streicheln, aber auch während der folgenden Stunden sprach er kein Wort.
Sie hatte es geahnt... aber sie hatte gehofft, falsch zu liegen.
Es war nur ein ungutes Gefühl gewesen.... zu dumm, daß es sich bewahrheitet hatte.
Nachdem Seidenschnabel Harry gestattet hatte, ihn zu berühren, ihn gar zu fliegen... war Draco Malfoy gekommen.
Und hatte das Dümmste getan, was man hätte tun können - er hatte Seidenschnabel beleidigt.
Sie fühlte sich so unglaublich schuldig... denn gerade weil sie Bedenken gehabt hatte, hätte sie besser aufpassen müssen.
Und nun, nachdem Seidenschnabel Draco angegriffen hatte, lag dieser im Krankenflügel... und das würde Konsequenzen haben.
Seufzend lehnte Amelin sich an den Hippogreif.
Sie hatte Angst um ihn, große Angst.
Draco hatte gezischt:
"Wenn mein Vater davon erfährt..."
Und am liebsten hätte sie geantwortet:
"Spar dir das, ich kenne deinen Vater!"
Aber sie hatte es sich verkniffen...
Und natürlich hatte er sofort Kontakt zum Zaubereiministerium aufgenommen... sie hatte nichts anderes erwartet.
Ihre Gedanken fuhren Karussell...
Schließlich kam Hagrid mit Tee heraus zu ihr.
Sie erhob sich, um die Tasse zu nehmen.
Hagrid selbst bot einen noch jämmerlicheren Anblick als Seidenschnabel.
„Dieser schreckliche Lucius Malfoy!" schnaubte er wütend und verzweifelt.
„Ein Wort von dem, und Seidenschnabel hat nicht die geringste Chance!
Die im Ministerium halten ihn doch alle für einen... König... oder einen Dalai Lama oder sowas!"
Amelin nickte betrübt, denn auch, wenn Letzteres übertrieben war, hatte Hagrid im Grunde recht.
„Hallo, Professor Wrenga, hallo, Hagrid... hallo, Seidenschnabel...", hörte sie eine unsichere Stimme hinter sich.
Es war Harry Potter, und bei ihm, wie eigentlich immer, seine Freunde Hermine Granger und Ron Weasley.
Amelin mochte ihre drei Schüler gerne; bei Ron traf dies auch auf den Rest seiner Familie zu (bis auf Percy Weasley vielleicht...).
Hermines Eltern kannte sie noch nicht, ebenso wie Harrys Familie; was sie über die Dursleys an Geschichten bisher gehört hatte, war allerdings erschreckend, und wenn davon nur die Hälfte der Wahrheit entsprach, mußte sie Harry wirklich dafür bewundern, daß er nicht schon vor langer Zeit ins St. Mungo Hospital eingeliefert worden war wegen irreparabler seelischer Schäden.
Rons Eltern waren jedoch unglaublich warmherzige, liebevolle und äußerst lebhafte Menschen, Bill und Charlie Weasley hatte sie noch zu ihren eigenen Schulzeiten erlebt, und Ginny Weasley sowie die Zwillinge Fred und George Weasley waren auch ihre Schüler (was sie, im Falle von Fred, irgendwie bedauerte...sehr sogar...).
„Dieser ätzende Malfoy!" schimpfte Ron jetzt. „Redet diesen Ministeriumstypen irgendeinen Mist über gefährliche magische Wesen ein, und die lassen sich auch noch davon beeinflussen!"
„Ja, er hat was von Mephisto!" sagte Hermine, ebenfalls wütend.
„Von wem?" fragte Ron verwirrt.
Während Hermines Eltern Muggel waren und Hermine sich somit in der Welt der Muggel auskannte, stammte Ron aus einer reinen Zaubererfamilie, sodaß er von der nichtmagischen Welt nicht allzuviel Ahnung hatte.
„Ach...", erklärte Hermine, „... eine Figur aus der Muggelliteratur, der andere manipuliert, ohne daß sie es bewußt merken... steht für den Teufel."
Ron schnaubte verächtlich.
„Den Teufel? Aber ist das nicht auch so eine fiktive Figur aus der Muggelliteratur?"
Hermine erwiderte genervt: „Nein... das heißt... viele Muggel glauben, daß er existiert, wie Gott oder die Engel und so weiter... und der Teufel war ursprünglich auch ein Engel, sogar der höchste, bis Gott ihn aus dem Himmelreich verstieß.."
Rons Augen, die immer größer wurden, blickten auf zum Himmel, dann schüttelte er staunend den Kopf.
„Und an sowas glauben die Muggel?" fragte er verwundert.
„Ist ja abgefahren! Und die halten Zauberei für Blödsinn..."
„Ach, das ist doch jetzt alles unwichtig", schaltete sich Harry ein.
„Wenn du das so spannend findest, lies die Bibel, da steht alles drin."
Rons Gesichtszüge entgleisten leicht, er verzog das Gesicht und sagte:
„Lesen? In meiner Freizeit? Nee, laß mal, das ist nichts für mich... a-außer für den Unterricht, natürlich...", fügte er hastig hinzu, als Amelin sich kurz räusperte.
„Gibt es denn gar nichts, was wir für Seidenschnabel tun können?" fragte Hermine verzweifelt, während sie dem Tier, das immer noch teilnahmslos in die Ferne starrte, vorsichtig den Hals streichelte.
„Ich wüßte nicht, was, Hermine", sagte Hagrid leise und traurig. „Es sei denn, du kennst jemanden, der einen guten Draht zu Lucius Malfoy hat."
Amelin zuckte leicht zusammen.
Einen guten Draht zu Lucius...
„Professor... Snape vielleicht? Er und Malfoy kennen sich doch gut...", sagte Hermine zaghaft.
Harry machte ein verachtendes Geräusch.
„Jaa, klar, und weil Snape so ein mitfühlender, hilfsbereiter Mensch ist, wird er uns mit Vergnügen helfen! Gehen wir gleich zu ihm und fragen ihn einfach!
Er wird gerührt sein, daß wir soviel Vertrauen zu ihm haben!"
Harrys Worte trieften vor Sarkasmus.
Er haßte und fürchtete Severus Snape, Amelin wußte das, aber die meisten Schüler hatten ja Angst vor dem Zaubertränkelehrer; er war schließlich ziemlich einschüchternd mit seiner eisigen, finsteren und unfreundlichen Art.
Trotzdem hatte Amelin während ihrer eigenen Schulzeit hier immer eine starke Schwäche für ihn gehabt; leider war das, bis auf diesen einen merkwürdigen Abend, eine sehr einseitige Schwärmerei gewesen, denn Professor Snape hatte ihr mehrfach unmißverständlich zu verstehen gegeben, daß sein Interesse an ihr ein rein fachliches war.
„Oder, noch besser, wir gehen einfach direkt zu Lucius Malfoy und sagen ganz lieb „bitte bitte", das beeindruckt ihn bestimmt!" schlug Harry weiter ironisch vor.
„Naja... das mit dem „Malfoy-Flüsterer" können wir wohl vergessen...", seufzte Hermine bedrückt.
„Flüsterer? Wieso `flüstern´?" fragte Ron, abermals verwirrt, und Amelin konnte fast das Fragezeichen über seinem Kopf schweben sehen.
„Ach, es gibt so einen Muggelfilm, „Der Pferdeflüsterer"...", sagte Hermine ungeduldig, „... so bezeichnet man jemanden, der die Sprache der Pferde versteht und spricht... im Prinzip."
Ron zog die Augenbrauen hoch:
„Aah, so eine Art Parselmund, nur für Pferde?"
„Nein! Ein Muggel kann doch kein Parselmund sein, Ron!" entgegnete Hermine, und als er den Mund öffnete, um weiter nachzuhaken, winkte sie müde ab und sagte:
„Nicht so wichtig..."
Amelin hatte die letzten Wortwechsel nur noch als Hintergrundgeräusche wahrgenommen.
Einfach so zu Lucius Malfoy hingehen... und ihn darum bitten, seinen Antrag, mit dem er die Höchststrafe für Seidenschnabel – was soviel wie die Todesstrafe bedeutete- forderte, zurückzuziehen... eine vollkommen irrsinnige Vorstellung... aber eigentlich...
Ihre Gedanken ratterten, und dann faßte sie einen Entschluß.
„Ich muß gehen... noch ein paar Dinge vorbereiten... für morgen...", murmelte sie rasch.
Sie verabschiedete sich mit einem vorsichtig aufkeimenden, winzigen Hoffnungsschimmer von ihrem geliebten Hippogreif, der ihre Hand sehr matt und schwächlich mit seinem Schnabel anstupste, dann von den anderen.
Während sie sich auf den Weg zurück zum Schloß machte, hörte sie, wie Ron Hermine abermals auf die Bibel ansprach, und als der Name „Luzifer" fiel, entfuhr Ron ein „Ach!", und er sinnierte über die verdächtige Ähnlichkeit zwischen diesem Namen und dem Namen „Lucius".
Und er begann, laut zu überlegen, ob an dieser Bibelsache nicht doch etwas dran sein könnte.
***
