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„GUTEN MORGEN!", brüllte Sam direkt in das Ohr seines Bruders.

Augenblicklich schnellte Dean im Bett hoch und sah sich im ersten Moment verwirrt um. Im nächsten Moment griff er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Schläfen, denn da hinter hämmerte es wie verrückt. Sein Kopf fühlte sich an, als würden permanent große Hagelkörner auf ihn einprasseln. Böse funkelte Dean seinen Bruder an, und als er das charakteristische Summen hörte, als Sam ein Foto von ihm schoss, wurde er noch wütender.

„Was soll das!", fragte Dean.

„Frühstück!", antwortete Sam nur und setzte sich an den kleinen Tisch, den er gedeckt hatte. Es gab Donuts und Kaffee, aber auch Orangensaft, und gleich daneben lag noch eine Schachtel Aspirin. Ja, Sam hatte sich wirklich Gedanken gemacht, aber sein Bruder würde das wieder kaum zu würdigen wissen. Ihm war klar, dass Dean das Süße und das Koffeinhaltige zum Frühstück über alles liebte, ohne Kaffee bekam der ja kaum die Augen auf, und die Vitamine und Schmerztabletten würde sein Bruder heute Morgen wohl dringend brauchen.

Ganz gemächlich schlurfte Dean mit halb geschlossenen Augen zum Frühstückstisch und setzte sich. Er nahm zwei Aspirin und trank den ganzen Becher Orangensaft ohne abzusetzen aus. Erst danach öffneten sich seine Augen ganz und er sah Sam an. „Danke", murmelte er.

Sam grinste. Er freute sich wirklich darüber, dass Dean sich bei ihm bedankte und biss gut gelaunt in seinen Donut, bevor er mit seinem Bericht begann.

„Ich habe gestern noch die Polizeiberichte gecheckt. Die Tote wurde als Gina Trudy identifiziert. Sie ist achtzehn Jahre alt und stammt aus Reno. Sie ist vor zwei Wochen nach einem Streit aus ihrem Elternhaus abgehauen und wurde seitdem nicht mehr gesehen."

Dean fragte: „Sie haben die Leiche gefunden?"

„Ja! Das sagte ich doch gerade."

„Hast du ein Bild von ihr?"

„Ja, ich habe eins runter geladen."

Sam holte den Laptop und zeigte seinem Bruder das Foto einer hübschen Blondine.

„Ja, das ist sie. Es war ihr Geist, der mir den Tunnel gezeigt hat. Wie ist sie gestorben?"

„Im Gesicht und am Brustkorb waren mehrere Messerstiche, die allerdings nicht tödlich waren. Ihr wurde die Kehle durchgeschnitten. Außerdem hatte sie eine Bissverletzung am Handgelenk."

„Einen Biss am Handgelenk und die Kehle durchgeschnitten? Haben die vielleicht auch Schwefelrückstände gefunden?", fragte Dean.

„Nein. Zumindest stand davon nichts im Polizeibericht. Ich vermute, dass sie von einem Menschen umgebracht wurde."

Dean wollte zustimmend nicken, stoppte jedoch mitten in der Bewegung, denn selbst die setzte das Bergwerk in seinem Kopf gleich wieder in Hochbetrieb. „Wurden Spuren gefunden, die auf den Täter hinweisen könnten?", wollte er wissen.

„Nein. Es gibt keine eindeutigen Hinweise über den wahren Täter. Aber sie haben meine Taschenlampe gefunden. Mit wunderschönen Fingerabdrücken, versteht sich. Und natürlich die Reifenspuren, die sie ruckzuck einem Chevy Impala zuordnen werden."

Dean fuhr sich mit der Hand über den Mund. „Verdammt!"

„Es könnten aber auch noch drei andere Wagentypen sein, gemäß dem Bericht der Spurensicherung. Trotzdem sollten wir aufpassen und mit dem Impala lieber nicht mehr in Belmont auftauchen."

Dean nickte und starrte nachdenklich auf den Bildschirm des Laptops.

„Haben die an der Leiche Spuren gefunden?", fragte er.

„Du meinst von dir?"

Dean nickte.

„Es stand nichts darüber im Bericht. Aber die werden bestimmt noch etwas finden. Es sei denn, die untersuchen die Leiche nicht genauer. Ich sehe später noch mal nach", sagte Sam.

„Und was machen wir jetzt den ganzen Tag über?"

„Hättest du dich gestern nicht voll laufen lassen, hätten wir die ganze Sache vielleicht schon erledigt …", murmelte Sam, und im nächsten Moment tat es ihm schon leid, seine flüchtigen Gedanken ausgesprochen zu haben.

„Sam, ich …"

„Schon gut Dean. Ich habe die Leiche gesehen. Ich kann verstehen, dass dir gestern nach ein paar Bierchen mehr war. Wir nehmen uns einen Mietwagen und besuchen dann als Touristen die Geisterstadt. Vielleicht fällt uns da ja noch was auf, was uns weiterbringt."

Dean nickte, trank seinen Kaffee aus und verschwand anschließend im Bad.


Sie mieteten sich einen unauffälligen silbergrauen Pontiac und fuhren gegen Mittag erneut nach Belmont.

Dean sah den Ort das erste Mal bei Tageslicht und bekam erst jetzt einen umfassenden Eindruck von der Geisterstadt. Inmitten der trostlosen Landschaft standen überall verfallene Gebäude, deren übrig gebliebenen Holzbretter teilweise bizarr in alle Richtungen ragten. Dazwischen fanden sich die Überreste von alten Fahrzeugen, sogar eine Art Kutsche entdeckte Dean, die wohl damals für den Abtransport aus den Minen benutzt worden war. Sie hatte einen Aufbau, der an einen riesigen Seilzug erinnerte.

Der Winchester ließ den Blick schweifen, während sie sich dem ehemaligen Zentrum näherten. Beim Anblick des typischen Holzwindrads und des hölzernen Wasserturm musste er schmunzeln. Belmont war wirklich eine klassische Geisterstadt, wie aus dem Bilderbuch.

Nachdem sie den Mietwagen in der Nähe des Saloons geparkt hatten, schlenderten sie wie zwei Touristen die Straße entlang. Am Straßenrand parkten noch zwei weitere Autos, doch zu sehen war keine Menschenseele. Oben, auf der kleinen Anhöhe, konnte man das Gerichtsgebäude inklusive dem gelb-schwarzen Absperrband, das Unbefugten den Zutritt verwehren sollte, gut erkennen. Es schien über die Reste der Stadt zu wachen und das weithin sichtbare Absperrband wirkte wie eine Geißel des Fortschritts. Es störte die optische Ruhe, die ansonsten über Belmont schwebte.

„Wollen wir uns das noch mal näher ansehen?", fragte Sam.

„Ich wüsste nicht wozu! Gehen wir lieber in den Saloon und hören mal, was die Leute so erzählen."

Im Saloon spielte das automatische Klavier eine alte Westernmelodie. Dean warf seinem Bruder einen genervten Blick zu, aber der ignorierte das in gewohnter Weise und bestellte ihnen einfach zwei Cokes. An der Theke saß ein jüngeres Pärchen und an einem der Tische eine Familie mit zwei Kindern. Dem Aussehen nach zu urteilen handelte es sich eindeutig um Touristen.

Die Brüder setzten sich an den Tresen.

„Hey, ich habe gehört, hier war gestern ganz schön was los? Die haben hier 'ne tote Frau gefunden?", begann Dean ein Gespräch mit dem Barkeeper.

Doch der war nicht gerade einer von der redseligen Sorte; er sah Dean eine Weile abschätzend an, dann nickte er einmal.

„Wissen Sie was passiert ist?", fragte Sam nun genauer nach. Auch das Pärchen wurde jetzt hellhörig, scheinbar hatten sie noch gar nichts von dem Polizeiaufgebot des Vortages mitbekommen.

Langsam näherte sich der Barkeeper den Brüdern und fragte mit leiser Stimme: „Warum wollt ihr das wissen?"

„Na ja, wir sind von der …"

„Wir sind einfach nur neugierig!", unterbrach Sam seinen Bruder, der ihn sofort mit einem bösen Blick strafte. „Wir haben da so 'ne Wette laufen, drüben in Reno. Wegen der Lichter auf dem Friedhof und dem Schatz. Und jetzt gab es hier ja sogar 'nen Mord, haben wir gehört!"

Sam bemerkte eine Bewegung neben sich. Das kleine Mädchen hatte neben ihm gestanden und lief nun zurück zum Tisch seiner Eltern: „Mama! Die haben hier 'nen Schatz vergraben. Dürfen wir den suchen? Bitte!"

Die Eltern redeten eindringlich auf ihr Kind ein, das daraufhin ziemlich enttäuscht wirkte.

„Nicht so laut", zischte der Barkeeper und flüsterte verschwörerisch weiter: „Ja, hier gab es einen Mord. Eine Blondine, ziemlich jung."

Das Pärchen rückte näher und hörte ebenfalls gespannt zu. Jetzt witterte der Barkeeper seine Chance auf mehr Umsatz und Trinkgeld und begann zu ertählen: „Die muss schon ein paar Tage in dem Erdgang gelegen haben, so wie die aussah. Und gestunken hat die, sage ich euch. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie die Haut aussah …"

Dean stand auf, murmelte was von Toilette und verschwand ziemlich schnell.

Der Barkeeper sah ihm kurz hinterher, dann berichtete er weiter: „Was ich so mitbekommen habe, wurde sie in einem der Gefängnisse vergewaltigt und dann brutal mit unzähligen Stichen erstochen. Und dann wurde in einem Gefängnisraum noch was anderes gefunden."

„Und was?", fragte Sam und beugte sich weiter vor.

„Da waren die Knochenhände von McIntyre und Walters in einem Felsenloch versteckt. Wer weiß, was für Spielchen der Mörder mit der armen Frau getrieben hat."

Für Sam stand fest, dass der Mann eindeutig zu viele Psychokrimis gesehen haben musste.

„Haben Sie in den letzten Tagen irgendetwas Auffälliges bemerkt oder jemand Auffälligen gesehen?"

„Das hat die Polizei auch schon gefragt. Heute Morgen ist mir erst eingefallen, dass ein paar Tage vor dem Mord ein merkwürdiger Typ hier war. Er fuhr eine schwarz-rote Honda und sah wie ein Rocker aus, aber auch irgendwie anders."

„Wie anders?", hakte Sam nach.

„Der war geschminkt, wenn du mich fragst. Total blass und die Augen so dunkel und rötlich zugleich. Und er hatte Schmuck, der wie Knochen aussah. Die waren mit Steinen besetzt. Erst hielt ich es für Plastik, aber wenn ich jetzt so d'rüber nachdenke …" Der Barkeeper gedankenverloren aus dem Fenster.

In dem Moment kam Dean von der Toilette zurück. Sam musterte ihn und bemerkte, wie blass sein Bruder war.

„Hat der Typ was gesagt?", führte Sam seine Befragung fort.

„Jaaa … Allerdings …"

„Und was?"

„Möchten Sie nicht noch was trinken?"

„Nein danke!", sagte Sam, schob dem Barkeeper aber einen Zwanziger über den Tresen, den der blitzschnell verschwinden ließ. Daraufhin antwortete der: „Er sagte: Einen Whiskey bitte!"

Für einen Moment stutzte Sam und sah den Mann auf der anderen Seite des Tresens mit einem Blick an, den man kaum beschreiben konnte. Er drückte alles auf einmal aus: Wut, Ungläubigkeit und … auch etwas ironische Belustigung. Das kann doch nicht wahr sein, dachte der Winchester. Und dafür gebe ich dem Kerl auch noch zwanzig Dollar?

„Kleiner Scherz. Ich liebe es, jemanden auf die Folter zu spannen. Er sagte noch: Coole Location hier für ein Date."

„Und das ist Ihnen alles erst heute Morgen eingefallen?" Der Mann nickte. „Dann weiß die Polizei noch gar nichts davon?" Der Mann nickte nochmals.

„Und wie sah der Kerl aus?", mischte Dean sich jetzt ein.

„Sagte ich doch schon. An dem war alles, außer der Haut, schwarz: die Klamotten, die Maschine, die Augen, einfach alles."

„Die Augen waren schwarz?"

„Ja, der hatte so schwarze Kontaktlinsen, so richtig große, das sah schon merkwürdig aus. Aber manche Typen ticken ja wirklich anders."

Sam und Dean sahen sich an und beide zogen gleichzeitig einen Mundwinkel hoch.

Oh Mann, dachte Dean. Schon wieder ein Dämon.

„Sie sollten das der Polizei noch melden", sagte Sam.

Die Brüder bedankten sich und verließen den Saloon.


Langsam schlenderten sie weiter durch Belmont und näherten sich dabei unbewusst dem Gerichtsgebäude.

„Ich hätte nicht gedacht, dass wir es hier mit einem Dämon zu tun haben", sagte Sam.

„Yep! Die stecken aber auch überall, diese Scheißkerle!"

„Geht's dir wieder besser?"

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah der Ältere seinen Bruder genervt an.

„Sam, ich bin okay. Okay?"

„Okay … Ich wollte ja nur … Ich dachte …" Sam hörte lieber auf, als er Deans Gesichtsausdruck sah.

Gut, dann eben nicht … dachte er sich, doch er machte sich trotzdem Sorgen um seinen Bruder, auch wenn der nicht der Typ war, den etwas so schnell aus der Bahn werfen konnte. Da gehörte schon einiges dazu, schließlich war er mit der Jagd nach dem Bösen aufgewachsen. Aber der Jüngere spürte, dass dieser ganze Fall Dean mehr belastete als normal. Er schob es auf ihre Flucht aus dem Gefängnis und hoffte, dass die Erinnerung daran sich nach einigen Tagen abgeschwächt haben würde.

Dessen ungeachtet wollte Sam in nächster Zeit mehr auf seinen Bruder achtgeben.

Genauso, wie Dean immer auf ihn aufpasste, besonders, seit ihr Vater tot war. Sam wusste, dass Dean nach außen immer den harten Kerl mimte, aber er wusste genauso gut, wie sensibel er doch tief in seinem Innersten war. Und genau darauf musste er aufpassen. Sam wollte verhindern, dass sein Bruder im Kampf gegen das Böse seine Gefühle verlor, denn Gefühle waren das, was die Grauzonen ausmachte, was die Entscheidungskraft stärkte und das Leben lebenswert machte. Das wusste Sam nur zu gut. Und das sollte niemand verlieren. Um nichts auf der Welt.

Plötzlich standen sie vor dem Absperrband. Dean starrte hinüber zu dem Tunnelausgang und Sam beobachtete ihn.

„Hat du schon Pläne?", fragte Dean.

„Was? ... Nein, nicht direkt."

„Lass uns die Knochen von den beiden Cowboys verbrennen."

„Am helllichten Tag? Spinnst du? Hier laufen Touristen rum!"

Dean wandte sich von dem Tunnelausgang ab und drehte sich grinsend zu seinem Bruder um. „Mann, mir ist langweilig! Was sollen wir sonst tun?"

„Wir können ja Ich sehe was, was du nicht siehst spielen!", schlug Sam in einem bissigen Tonfall vor.