Kapitel 3
Der schrecklichste Tag der Geschichte
Es schienen Stunden vergangen zu sein, in denen Hermine weinend in einer Toilettenkabine saß und den Brief in ihren Händen immer und immer wieder laß. Hermine Granger war schon immer sehr realistisch und vernünftig gewesen. Daher war ihr durchaus auch klar, dass sie die Tatsache, dass ihre Eltern ... tot waren nicht ändern konnte. Obwohl ihr kurz der Gedanke gekommen war, Dumbledore nach einem Zauber zu fragen, der das Geschehene rückgängig machen konnte. Doch erstens würde Dumbledore ihr bei so etwas niemals helfen und zweitens hatte er damit auch Recht. Schließlich war das keine Lösung. Hermine war inzwischen lange genug eine Hexe - eine sehr talentierte noch dazu - um zu wissen, dass dieser Zauber - sollte es überhaupt einen passenden geben - strengstens verboten war. Also musste sie sich wohl an den Gedanken gewöhnen, dass ihre Eltern nun nicht mehr für sie da sein würden. Als ihr diese einzige Lösung durch den Kopf ging wurde ihr kalt und ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen.
"Uuuhuhuhuhuuuu weeeeinst duuu etwaaa?" Erschrocken zuckte Hermine zusammen und blickte auf. Vor ihr schwebte die Maulende Myrte. Sie war einer der vielen Geister, die in Hogwarts herum spukten. Und jeder gab offen zu, dass die Maulende Myrte mir einer der schlimmsten und nervigsten war. Sie erfreute sich regelrecht am Leid anderer um sich von ihrem eigenen Selbstmitleid abzulenken. Hermine ließ sich gar nicht erst dazu herab, ihr zu antworten.
"Waaaas kann denn schon so schlimmes passiert sein? Hat etwa jemand ein Hasslied über dich geschrieben, Gegenstände durch dich hindurch geworfen oder hat dich jemand sogar das Kloooo hinunter gespüüühlt? Ich glaube niiiicht, oder? Iiiiich dagegen! Ich hätte allen Grund zum weinen... buuuhuuuuhuuuhuuuu!" jammerte Myrte und Hermine blickte sie an, als wäre sie eine ekelige fette Spinne. Wie konnte dieses verrückte Geistermädchen so auf ihren Gefühlen herumtrampeln? Wütend stand Hermine auf und schnappte sich ihre Tasche. Den Breif stopfte sie in ihre Umhangtasche. "Ja, dir gehts ja auch sooo schlecht du jammernde maulende Myrte! Du hast ja keine Ahnung, dass auch lebendige Menschen Kummer haben können!" schnauzte Hermine den Geist an und stolzierte an ihr vorbei aus der Mädchentoilette.
Auf den Gängen stellte Hermine fest, dass sich die Schüler langsam schon auf den Weg zum Abendessen machten. So lange hatte Hermine also im Klo gesessen. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Um so besser. Dann würde sie den Gemeinschaftsraum so gut wie leer vorfinden und musste keine lästigen Fragen beantworten. Auf Gesellschaft kann ich heute wirklich gut verzichten, dachte Hermine, bog um eine Ecke und lief genau in Draco Malfoy hinein. "Kannst du denn nicht aufpassen Granger? Dir gehört die Schule hier nicht alleine." knurrte er gereizt während er herablassend auf die am boden sitzende Gryffindor blickte. Hermine hatte nicht wirklich gedacht, dass dieser verdammte Tag noch schlimmer werden konnte. Aber so sehr konnte man sich irren.
Sprachlos blickte sie Malfoy an, der sie mit einem überheblichen Grinsen musterte. Sein Blick wanderte über ihre zerzausten Haare, registrierte ihre geschwollenen Augen und das blasse Gesicht. Nein, sie sah nicht gerade wie das blühende Leben aus. "Wo hast du dich denn den ganzen Tag rumgetrieben Granger? In Hogsmeade warst du auf jede Fall nicht. Und auch nicht in der Bibliothek. ICH musste dich nämlich suchen, weil wir Schulsprecherversammlung hatten und eine gewisse Gryffindor nicht erschienen ist. Aber so wie du aussiehst, hattest du wohl... besseres zu tun." Plapperte der Slytherin gemütlich weiter und warf einen vielsagenden Blick auf ihre zerknitterte Bluse und den hochgerutschten Rock ihrer Schuluniform.
Hermine starrte ihren Erzfeind immer noch sprachlos an. Da stand dieser eingebildete Schnösel doch tatsächlich vor ihr, ließ sie auf dem Boden hocken und unterstellte ihr, die Versammlung versäumt zu haben, um ein wildes Schäferstündchen abzuhalten? Als Malfoy dann auch noch schweinisch grinste explodierte Hermine. Wütend sprang sie wieder auf die Beine und zog blitzschnell ihren Zauberstab. Ihm würde sie sein Grinsen schon noch vom Gesicht wischen. "Was fällt dir eigentlich ein du ekelige Schlange?!" schrie die sonst so beherrschte Gryffindor wütend und fügte mit voller Inbrunst hinzu: "Stupor!"
Befriedigt beobachtete Hermine, die Malfoy erstarrte und zu Boden fiel. Kein Grinsen war mehr auf seinem hübschen Gesicht zu sehen. Er würde es sich in Zukunft besser überlegen, wenn er sich mit ihr anlegen wollte! Gerade als sie ihren Zauberstab wieder einstecken wollte hörte sie Schritte auf dem Gang, aus dem sie gerade abgebogen war. Und da stand auch schon... Snape direkt vor ihr. Na toll, der Tag wird als der schlimmste der Geschichte eingehen, dachte Hermine und seufzte tief.
Snape sah wütend aus. Seine Augenbrauen zogen sich düster zusammen, seine Lippen kräuselten sich und seine Augen funkelten boshaft. "Miss Granger..." begann der Zaubertrankprofessor zischend. Sein Blick huschte zu dem erstarrten Malfoy und schließlich zu ihrem Zauberstab, den sie noch immer in der Hand hielt. "...wie können Sie es wagen einen harmlosen Schüler mitten auf dem Gang anzugreifen?" Snape sah aus, als würde er sich nicht entscheiden können, ob er sich über die Situation freuen sollte oder nicht. Schließlich hatte er hier die Gelegenheit, der vorlauten Gryffindor eine satte Strafarbeit zu verpassen. Andererseits würde das die Hauslehrerin erledigen. Und McGonagall war schon immer zu weich gewesen. Also entschied er sich dazu, sich nicht über die Situation zu freuen. Wie hätte es auch anders sein sollen? Schließlich war er Severus Snape.
"Professor wenn ich erklären dürfte...." murmelte Hermine und traute sich nicht, Snape weiterhin anzublicken. "Sie dürfen hier gar nichts mehr Miss Granger! Um Malfoy kümmere ich mich... und Sie.... Sie werden auf der Stelle in das Büro Ihrer Hauslehrerin gehen! Veruchen sie von mir aus ihr das zu erklären. 100 Punkte Abzug für Gryffindor gibt es von mir und bei Prof. McGonagall holen Sie sich jetzt ihre Strafe ab." zischelte Snape böse und holte seinen Zauberstab heraus, um Malfoy von ihrem Fluch zu befreien. Hermine schnappte sich ihre Sachen und huschte schnell um die nächste Ecke. Mit zwei Schlangen wollte sie sich nicht weiter anlegen.
Geknickt machte sie sich also auf den Weg zum Büro ihrer Hauslehrerin. Wie sollte sie ihr Verhalten bloß Prof. McGonagall erklären? Am besten war es wohl, ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Vielleicht würde sie dann verstehen, warum Hermine so aus der Haut gefahren war.
Tatsächlich, zeigte Prof. McGonagall viel Verständnis. Sie schenkte Hermine Tee ein, reichte ihr ein paar Plätzchen und hörte sich die Geschichte ihrer Schülerin in Ruhe an. Sie hatte von Dumbledore bereits erfahren, was für Nachrichten Hermine am Morgen erhalten hatte. Und so erhielt Hermine zu ihrer großen Verwunderung nicht einmal eine Strafarbeit. Ihre Professorin teilte ihr noch mit, dass sie am Montag in der Muggelwelt erwartet wurde und entließ Hermine dann mit einer freundliche Umarmung. War die Welt heute verrückt geworden? Das fragte sich die junge Gryffindor während sie nun endgültig zurück zum Gemeinschaftsraum ging. Dieser Tag kam ihr vor wie ein sehr sehr seltsamer Traum.
Als Hermine ihren Turm erreichte und der fetten Dame das Passwort nannte, hatte sie sich soweit wieder beruhigt, dass sie gefasst den Gemeinschaftsraum betreten konnte. Ihre Mitschüler warfen ihr fragende Blicke zu. Natürlich war es aufgefallen, dass die Schulsprecherin einen Tag wie vom Erdboden verschluckt gewesen war. Hermine hatte sogar ein schlechtes Gewissen. Sie war in ihrem Amt schließlich Ansprechpartner für alle Schüler, die Probleme hatten. Und Malfoy hatte mit seinen vorwurfsvollen Worten nicht einmal ganz Unrecht gehabt.
"Hermine? Ist alles in Ordnung? Möchtest du reden?" fragte Harry sie vorsichtig, der mit Ron auf sie zugekommen war. Ach, ganz plötzlich interessierten sie sich wieder für ihre Freundin? Ein Wunder war geschehen! Hermine wunderte sich ein bisschen über ihren Sarkasmus, der sonst nie besonders zum Vorschein kam. "Nein danke. Ich möchte eigentlich nur noch ins Bett." antwortete sie ruhig und schaffte es sogar, Harry ein kleines Lächeln zu schenken. "Gute Nacht." Mit diesen Worten wandte sie sich ab und stieg die Treppen zu ihrem Schlafsaal hinauf.
