Kapitel 4: Der 9. Februar

Ellie

Schlaftrunken wachte ich auf. Die Weck-Durchsage hallte durch die Flure.
Ich ging hinüber zu meinem Schrank und zog einen Hoodie heraus, der ein paar Nummern zu groß war.
Als ich in meine Jeans geschlüpft war, machte ich mich auf dem Weg zum Unterricht.
Im Sanitätskurs erreichte meine Laune ihren Tiefpunkt.
Der ganze Kram erinnerte mich an meine Mom und diese Fireflies.
Und in meinem Magen bildete sich ein ungutes Gefühl. Ich hatte nicht vergessen, was Riley gesagt hatte...
dass sie den Fireflies beitreten wollte.
Nur wann und wie? Und was würde das für uns bedeuten?
Marlene würde mich niemals aufnehmen.
Das sei viel zu gefährlich.
Sie hatte meiner Mutter ein Versprechen gegeben und war der Meinung, dass ich in dieser blöden Millitärschule am sichersten aufgehoben war.
Für's Erste hatte sie recht. Aber als Soldat lebte man auch nicht gerade ungefährlich und ich würde nach Abschluss der Schule wohl oder übel zu einem werden.
Ich fragte mich, ob ich auch so arschig werden würde, wie der Rest der Soldaten.
Unkonzentriert las ich in dem Lehrbuch weiter, das ich mir mit zwei anderen Schülern teilen musste.
Mein Blick fiel auf das Datum an der Tafel.
09.02.
Heute war mein Geburtstag!
Aber das machte keinen Unterschied. Bis auf die Tatsache, dass ich jetzt 14 war.
Niemand wusste mein Geburtstdatum. Wozu auch?
In all den Büchern und Comics wurden immer fette Partys geschmissen und es gab Kucken und Geschenke.
Aber in so einer Welt lebte ich nunmal nicht.
Ich lachte sogar über die Vorstellung, was mir einen abwertenden Blick von meiner Sitznachbarin einbrachte, nach dem Motto: Was bist du denn für ein Freak?!
Ich ignorierte sie, so wie alle anderen Mitschüler auch.
Nachdem Sanitätskurs trotte ich weiter zu meinen anderen Stunden.
Der Tag schien ewig lang zu sein und ich hatte nicht mal einen Kurs zusammen mit Riley.
Sie war ein Jahrgang über mir und den einzigen Unterricht, den wir zusammen hatten, war Kampfsport.
Da wurden wir in Mädchen und Jungen unterteilt und innerhalb des Kurses nach unseren Fähigkeiten.

Nachdem ich mir mein Essen geholt hatte, ließ ich mich auf einen Platz fallen. Von Riley keine Spur.
Ich stocherte in der Pampe herum, die sie uns als "Kartoffelbrei" verkauften.
Ich aß halb auf und kippte den Rest in den Mülleimer.
Ein paar Mitschüler glotzten mich verstörend an.
"Sie ist nicht ganz dicht!", murmelte ein Typ mit langen braunen Haaren neben mir.
"Und sie gibt 'nen Fick dadrauf, was du denkst", funkelte ich ihn an.
Er und ein paar weiter Leute drehten sich nur uninterresiert weg und aßen weiter.
Nervensägen!
Ich trottete auf mein Zimmer und schloss hinter mir die Tür, als ich mich fast zu Tode erschreckte, weil Riley von meinem Bett aufsprang und mich stürmisch umarmte: "Happy Birthday!"
Ich blickte sie verwirrt an.
"W-was? Woher weißt du..?", brachte ich stotternd hervor. Sie lächelte triumphierend.
"Öhm, ich bin in den Aktenraum eingebrochen?"
Ungläubig starrte ich sie an.
"Was zum Teufel?"
Sie lachte laut los.
"Bist du gar nicht glücklich darüber?"
"D-doch, doch! Aber wozu dieser Aufwand?"
Ich war schon etwas gerührt.
"Etwas."
"Na, für dich!", grinste sie.
Ich lächelte und setzte mich mit ihr auf's Bett.
Der Tag wendete sich gerade extrems zum Guten.
Riley blickte mich fröhlich an und fragte: "Bereit für dein Geschenk?"
"Riley. Jetzt sag nicht, dass du..."
"Doch!", unterbrach sie mich und holte ihren Rucksack hervor.
"Wehe, es ist Alkohol!", warnte ich sie.
"Ach, sei still!", sagte sie und wühlte in den Fächern, "Ah, hier. Augen zu!", befahl sie mir.
Ich rollte mit den Augen.
"Wirklich jetzt?", stöhnte ich.
"Ja, wirklich jetzt!"
Ich schloss meine Augen und versuchte mir das Grinsen zu verkneifen.
Ich hörte, wie sie etwas aus dem Rucksack holte. Kurz danach sagte sie: "Okay, Augen auf!"
Ich öffnete meine Augen und Riley hielt etwas in ihren Händen.
Nach näherem Hinsehen erkannte ich es.
Es war eine Kamera. So eine, die die Bilder sofort ausdruckte.
"Boah, nein! Wie cool!", platzte es aufgeregt aus mir heraus.
Ich drehte sie vorsichtig in meinen Händen.
"Zeigst du mir, wie sie funktioniert?", fragte ich lächelnd.
Riley zog amüsiert eine Augenbraue hoch. "Du musst nur den Auslöser drücken."
Ich drückte ihr die Kamera in die Hand. "Mach du. Ich will sie nicht kaputt machen."
Sie schüttelte schnaubend den Kopf und nahm sie entgegen.
"Achso und ich soll dann den Ärger kriegen?", scherzte sie.
Sie stand auf und hielt die Kamera vor sich. Sie schaute zu mir.
"Na komm! Komm neben mich!"
Unschlüssig stellte ich mich neben sie.
"Du musst schon ein bisschen näher kommen, sonst bist du nicht mitdrauf."
Ich rückte also näher, aber nicht ohne nervös zu werden.
Riley neigte den Kopf zu mir und sagte: "Lächeln!"
Klick.
Der Blitz blendete meine Augen.
Gemeinsam warteten wir gespannt auf das Bild.
Als das Stück Papier herauskam, sah ich erstaunt zu, wie langsam unsere Köpfe erschienen.
"Das ist wie Zauberei!", sagte ich und hielt das Bild in den Händen. Es war ein bisschen blass, aber das beste Geschenk, das ich mir hätte wünschen können.
Ich hielt die Kamera auf Riley, aber es klickte nichts und auch kein Blitz erschien.
Ich wusste, dass ich sie kaputt mache!
"Oh nein! Ich glaub, ich hab sie kaputt gemacht."
Riley lachte. "Nein, Ellie. Es war nur ein Bild drin. Sorry."
"Oh, achso", antwortete ich lächelnd, "Ich dachte schon!"
Ich schaute sie eine Weile an.
"Danke!", sagte ich schließlich.
"Kein Ding, El."
Ich zog sie in eine warme Umarmung voller Dankbarkeit.

Riley

"Du weißt echt, wie man jemandem den Tag rettet!", sagte Ellie und ich drückte sie fester an mich.
"Zeig mal das Bild her", sagte ich und ließ sie widerstrebend los.
Mit einem Lächeln reichte sie es mir.
Ich setzte mich zurück auf's Bett. Ellie setzte sich neben mich.
"Verrätst du mir auch deinen Geburtstag?", fragte sie.
Ich blickte sie an.
"Wieso?"
"Damit ich schon mal ein Geschenk auftreiben kann!"
Ich schüttelte verlegen den Kopf.
"Ich brauch doch nichts."
"Ich will dir aber auch mal was geben! Du überhäufst mich ja praktisch mit Geschenken. Der Walkman, die Tapes dazu, jetzt noch das Bild und was nicht noch alles!"
"Ellie, du gibst mir schon genug."
Ups.
Meine Wangen glühten und auch Ellie schaute verlegen weg.
Eine Weile war es still.
"Sagst du's mir?", fragte sie mit einem Hundeblick, der mich weich werden ließ.
Wie konnte man ihr so widerstehen?
"Also, gut. Am 19.05. hab ich Geburtstag", gab ich nach und wurde traurig, als ich daran dachte, dass wir ihn nicht gemeinsam verbringen würden.
Zu der Zeit würde ich schon bei den Fireflies sein, wenn alles gut ging.
Und es waren nur noch 3 Monate...
Wie zur Hölle sollte ich das Ellie erklären? Und wann? Oder besser gesagt : sollte ich es ihr überhaupt sagen?
Wie würde sie reagieren? Sie wäre bestimmt total verletzt, wenn ich sie verließ.
Und würde ich sie dann überhaupt wiedersehen, könnte ich mich ab und zu in die Schule schleichen und sie treffen?
Was, wenn nicht?
Aber es war schon immer mein Vaters Traum gewesen...mein Traum.
So viele Fragen schwirrten in meinem Kopf und ich spürte wie mir Tränen aufkamen.
Nicht jetzt. Ellie soll das nicht sehen! Ich muss mich schnell ablenken...
"Also Geburtstagskind!", ich stieß Ellie spielerisch in die Seite, "Was willst du heute noch machen? Du entscheidest. Diesmal wirklich!"
Ellie lachte leise.
"Ähm, ich weiß nicht?"
"Komm schon, irgendwas muss es doch geben. Egal was, ich bin dabei. Also, vorrausgesetzt, du willst mich dabei haben..."
Ellie boxte mich.
" 'türlich, du Trottel. Wen denn sonst?"
Ich spürte einen Stich.
Was würden wir ohne einander machen?
"Ellie? Ich muss dir was sagen..."
Ich schaute sie an.
"Was gibt's?", fragte sie.
Ich konnte ihr erst nicht in die Augen sehen, tat es dann aber doch.
Sie ist alles, was ich hab.
Ich konnte es ihr nicht sagen, nicht jetzt.
Es war ihr Geburtstag!
Ein ander Mal, irgendwann...
"Ach, schon gut", lächelte ich.
"Na dann...", war ihre Antwort.
"Weißt du schon, was du machen willst?", fragte ich um das Thema zu wechseln.
"Ich weiß, was ich machen muss. Ich hab gleich Geschichte..."
Die Zeit war mit ihr mal wieder so schnell vergangen.
"Und nach der Schule?", fragte ich.
"Wir treffen uns zum Abendessen und ich überleg mir bis dahin etwas. Wie klingt das?", sagte sie lächelnd.
"Wie ein Plan", antwortete ich.
Ich stand auf, verstaute das Foto in ihrem Schreibtisch und ich begleitete sie zu ihrem Kurs, bevor ich zu meinem ging.

Ich öffnete die Tür zu meinem Klassenraum. Ich war zu spät, das wusste ich.
Meine Mitschüler schauten zu mir herüber und Sergeant Pill sagte grimmig: "Fünf Minuten zu spät, Abel."
"Ach, Sie auch? Dann bin ich ja nicht die Einzige."
"Hinsetzten. Sofort", kommandierte er mit wütender Stimme.
Pill hatte mich für die restlichen Stunden auf dem Kieker und nahm mich öfters dran als jeden anderen.
Nachdem die letzte Stunde zu Ende ging, drückte er mir Arbeitsblätter in die Hand.
"Für deine Manieren", sagte er und machte sich davon.
Arsch.
"Hey, Riley!", rief jemand hinter mir.
Ich drehte mich um und sah Tino, Lynn und Sophie.
"Hey, was gibt's?", begrüßte ich die drei.
"Lust, heute Abend mit zum See zu kommen? Wir und noch ein paar andere treffen uns da. Clarisse soll zwei Flaschen Whisky haben."
Ich grinste.
"Klingt gut, aber ich kann nicht."
"Wieso nicht?", fragte Sophie.
"Ah, ich hatte Ellie versprochen..."
"Nimm sie doch mit", unterbrach mich Tino.
"Ich weiß nicht...", grübelte ich.
"Wir sehen dich in letzter Zeit kaum noch", sagte er, "Du hängst viel mit Ellie ab. Wo ist das Problem, sie mal mitzunehmen?"
"Ellie ist nicht so der Typ für sowas", antwortete ich.
"Mag sein, aber du."
"Tut mir Leid, Leute. Ein ander Mal", wunk ich ab.
"Wie du meinst", hörte ich Tino noch sagen, als ich durch die Tür ging.

Beim Abendessen traf ich Ellie. Ich erspähte sie an einem Tisch und als ich mich zu ihr setzte, hellte sich ihre Miene auf.
"Hey", sagte ich, als ich mich auf dem Platz ihr gegenüber fallen ließ.
"Hey."
Ich begann mit dem Essen.
"Und?", fragte ich zwischen zwei Bissen, "Schon 'ne Idee, was du machen willst?"
"Du meintest ich darf zu 100% entscheiden?", fragte sie grinsend.
"Japp."
"Egal, was?"
"Ja?", antwortete ich vorsichtig. Was hatte sie vor...?
"Hmmm", überlegte sie, "Ich glaub, ich will einfach allein sein."
Verdutzt blickte ich sie an.
"Ähm...okay. Wenn du...wenn du willst."
Aber dann lachte sie.
"Hast du mir das ernsthaft abgekauft?", fragte sie noch immer lachend. Ich lachte mit.
Puuuuh.
"Keine Ahnung. Irgendwie schon."
"Du hättest dein Gesicht sehen sollen", sagte sie und biss von ihrem Sandwich ab, sichtlich von meiner Reaktion amüsiert.
"Okay, Witzbold. Was willst du wirklich machen?"
"Nichts. Wir gehen einfach auf unser...ich meinte mein Zimmer und tun, was wir sonst auch machen? Ich hab nicht wirklich Lust irgendwo um Soldaten herumzuschleichen oder so."
"Okay?", sagte ich verblüfft, "Das wäre die Chance gewesen mich herumzukommandieren, aber gut, dann gehen wir auf unser Zimmer", zog ich sie auf.
Sie wurde rot.
"Ich befehl' dir mit mir abzuhängen, ist das nicht genug?", scherzte sie. Ich schnaubte nur.
Als wir aufgegessen hatten, trudelten wir zu Ellies Zimmer.

Ellie

"Hereinspaziert", sagte ich und schloss die Tür hinter uns. Riley schmiss sich auf mein Bett und streifte ihre Schuhe ab.
"Ich hoffe für dich, dass du keine Käsemauken hast."
"Und wenn schon. Du kannst froh sein, dass heute dein Geburtstag ist. Sonst würde ich sie dir ins Gesicht drücken!"
"Irg!", lachte ich und nahm den Walkman aus seinem Versteck unter'm Bett, "Da hab ich ja noch mal Glück gehabt."
"Ganz genau."
Ich setzte mich neben Riley und bot ihr einen Kopfhörer an.
Wir hörten eine Weile lang den Songs zu und ich summte mit, was mir ein Grinsen von ihr einbrachte.
Ich schaute zu ihr herüber und sah, dass sie mich beobachtete. Schüchtern lächelte ich.
"Also...", begann ich, "Vorhin in der Kantine als ich auf dich gewartet hab, hab ich mitbekommen, wie Tino und ein paar andere darüber geredet haben zum See zu gehen und dass... naja... Sie haben sich beschwert, dass du nicht mitkommst..."
"Tino beschwert sich dauernd über irgendetwas. Er wird schon was Neues zum Meckern finden", gab sie uninteressiert zurück.
"Wenn du hingehen willst, kannst du das machen, Riley."
"Es ist dein Geburtstag, El."
"Ich weiß und er war perfekt. Die Kamera und das Bild...Aber ich weiß, dass sie auch deine Freunde sind. Nur, weil ich heute Geburtstag hab, musst du dich nicht verpflichtet fühlen..."
"Du denkst, ich fühl mich verpflichtet, Zeit mit dir zu verbringen?", unterbrach sie mich erstaunt.
Ich blickte sie an und stotterte: "Ich meinte damit nur, dass ich nicht sauer wäre, wenn du gehst. Ich will dich ihnen nicht wegnehmen oder so."
"Niemand nimmt mich irgendwem weg. Ich entscheide selbst, was ich tun will und mit wem", sagte sie.
Eine kurze Pause entstand und ich fragte mich, ob ich's verbockt hatte.
Ist sie jetzt wütend?
"Willst du denn hin?", fragte Riley nach einer Weile.
"Ich ? Neee, lass mal."
"Gut, dann gehen wir nicht."
"Riley..." Sie sah mich mit ernstem Blick an.
"So, jetzt nochmal, Ellie", fing sie an, "Ich bin hier, bei dir, weil ich es will. Okay? Wenn ich was mit Tino und den anderen machen wollen würde, dann hätte ich solange gebettelt, bis ich deinen Arsch da hinbekommen hätte. Aber ich sitze hier, mit dir, weil ich Zeit mit dir verbringen will. Ist das so schwer zu verstehen, Doofie?", lächelte sie und schaute mich weiterhin an.
Ja, dachte ich, ist es.
Ich lächelte zurück.
"Okay", sagte ich, "Ich hab's verstanden."
"Gut!", lachte sie.

Wir lasen Comics und redeten über alles Mögliche.
Ich saß an die Wand gelehnt auf meinem Bett. Riley lag hingegen und benutzte meine Oberschenkel als Kopfkissen.
Irgendwann sagte sie: "Wahrheit oder Pflicht?"
Oh mann. Nicht das schon wieder.
Ihr Lieblings-Spiel.
Ich wollte nicht aufstehen, um irgendeine Aufgabe zu erledigen und sagte deshalb: "Ähm, Wahrheit."
Riley kaute auf ihrer Unterlippe.
"Okay. Was sollte das vorhin? Wolltest du mich loswerden oder so?"
"Was? Nein. Natürlich nicht, das weißt du auch, Riley."
"Hm", antwortete sie.
"Ich wollte...Keine Ahnung. Ich wollte es nur mal gesagt haben, schätze ich. Und keine Sorge, wenn du mich nervst, lass ich dich's wissen", sagte ich und zwickte sie.
Nur, dass sie niemals nerven wird...
"Okay, gut", lachte sie, "Du bist dran."
"Wahrheit oder Pflicht?", fragte ich mit gespietem Engagement.
"Hmmm, Wahrheit. Bin gerade zu faul, aufzustehen. Ist gerade so gemütlich."
Meine Wangen glühten ein wenig.
"Okay, mal sehen...", überlegte ich.
Was konnte ich sie fragen?
Dann kam mir eine Frage in den Sinn.
"Hast du noch vor, den Fireflies beizutreten?"
Riley versteifte sich ein bisschen.
"Äh, ja... Eines... Tages, wenn ich...wenn ich irgendwie Kontakt zu ihnen...äh, aufbringen kann."
Ich dachte kurz darüber nach.
"Okay, du bist."
"Wahrheit oder Pflicht?"
"Pflicht."
Sie überlegte eine Weile und grinste dann.
"Sing mir was vor!"
"Och ne, Riley!"
"Du musst. Das sind die Regeln!"
"Seit wann sind dir Regeln wichtig?"
"Seitdem wir mit dem Spiel hier angefangen haben. Los, komm."
Widerwillig fragte ich: "Kann ich wenigstens meinen Walkman zur Hilfe nehmen?"
"Wenn du meinst, dass das besser ist? Aber mindestens eine Strophe und den Refrain!", forderte sie.
Ich stöhnte und nahm den Walkman. Riley grinste.
"Und streng dich an!", lachte sie.
Ein Song fing an und ich sang mit: "My whole life...Waiting for the right time...to tell you how I feel."
Meine Wangen glühten als ich realisierte, was ich da gerade sang.
Du hättest dir auch keinen kitchigeren Song aussuchen können, oder Ellie?!
Ich sang weiter und vermied es, Riley anzusehen, die immer noch in meinem Schoß lag.
"Know, I tried to...tell you that I need you...Here I am without you...I feel so lost, but what can I do? Cause I know this love seems real. But I don't know how to feel."
Ich kam endlich beim Refrain an und mein peinlicher Auftritt würde bald vorrüber sein.
"We say goodbye in the pouring rain and I break down as you walk away. Staaaay. Staaaaay. Cause all my life I felt this way, but I could never find the words to say: Staaaay. Staaaaay."
Ich zog den einen Kopfhörer herraus und schaltete den Walkman aus. M
ein Gott, wie peinlich!

"Ellie...", sagte Riley und schluckte,
"Das war echt...Ich mein...Das war echt schön. Du kannst echt gut singen. Warum...warum hast du mir das nie erzählt?"
"Keine Ahnung", antwortete ich, "Also war es auszuhalten?", lachte ich.
"Auszuhalten? Das war verdammt nochmal...wow."
Mein Bauch kribbelte.
"Krieg dich ein!", scherzte ich.
"Ehrlich, Ellie! Wenn die Welt nicht so ein scheiß Drecksloch wäre, könntest du Sängerin werden."
"Ein Fan hätte ich ja dann schon mal!"
Wir beide lachten und redeten über Musik und die alte Welt, bis die Durchsage zur Nachtruhe kam.
"Kann ich heute hier schlafen oder hast du genug von mir?", fragte Riley mit einem Grinsen auf den Lippen.
"Weiß du", sagte ich, "Manchmal frag ich mich, warum ich nicht total genervt von dir bin!" Sie lachte.
"Also heißt das ja?"
"Du brauchst nicht zu fragen", antwortete ich.
"Ach ja, ganz vergessen. Das ist ja unser Zimmer!"
"Ach, halt die Klappe!", rief ich und griff sie an.
Als wir lachend auf dem Boden landeten, stand Riley auf.
"Ich zieh mich dann mal um. Bin gleich wieder da."

In der Zeit, in der sie weg war, zog ich mich selbst um und legte mich ins Bett.
Riley kam mit ihrem Kopfkissen unter'm Arm zurück und platzierte es neben mich, gerade als alle Lichter ausgeschaltet wurden.
Sie kroch mit unter meine Decke und ich holte den Walkman hervor, ihr einen Stöpsel anbietend.
"Sing du lieber wieder was!", sagte sie dicht neben meinem Ohr, sodass ich ihren Atem spürte.
Mein Herz raste wieder.
"Davon träumst du wohl nachts!", gab ich zurück.
"Vielleicht", kicherte sie in meine Schulter.
Es war echt kalt heute und ich war froh, dass Riley da war.
Ihr Körper strahlte Wärme aus und so dicht neben ihr wurde mir sowieso warm.
Ich schloss die Augen.
"Danke", sagte ich leise.
"Wofür?", fragte sie und ich fühlte sie lächeln. Ich grinste in die Dunkelheit.
"Für das Geschenk...den Tag... Das war mit Abstand der beste Geburtstag überhaupt", gab ich ehrlich zu.
Riley schaute auf und schwang dann einen Arm um mich.
"Gern geschehen, Doofie", sagte sie sanft.
Elektrisiert von der Nähe zu ihr hauchte ich praktisch nur: "Gute Nacht."
"Schlaf gut", war ihre Antwort und genau das tat ich.