III Die erste Stunde

Draco Malfoy wachte früh am nächsten Morgen auf. Er hatte schlecht geschlafen, zu viele Gedanken hatte er sich schon über die ersten Stunden, die er halten würde gemacht. Welchen Trank würde er brauen lassen? Wie viele Strafpunkte waren angemessen für eine nicht gewusste Antwort? Wie viel für Gryffindor, wie viel für Slytherin?

Müde schlurfte er ins Bad und widmete sich seiner Morgentoilette. Er ließ sich viel Zeit dafür. Heute, am ersten Tag, musste er besonders gut aussehen. Schließlich wollte er nicht wie Granger daherkommen. Was dachte sie sich eigentlich mit ihrem Aufzug? Sie, als Frau. Hielt sie denn gar nichts auf sich? Lange kämmte er sein hellblondes Haar und band es dann zu einem sauberen Zopf zusammen. Nun, vielleicht würde Granger an ihrem ersten Tag als Lehrerin wenigstens etwas aus sich machen. Vielleicht war ihre Reise nur so anstrengend gewesen. Heute ging es ihr vielleicht besser. Mensch, was würde Vater sagen, wenn du dir jetzt schon Gedanken über das Schlammblut machst, Schwächling, schalt er sich. Schwächling … er seufzte.

Was würde Lucius tun, wenn er davon erfuhr?

Dracos Vermutungen bezüglich Hermines Äußerem wurden widerlegt, als er sie beim Frühstückstisch traf. Sie sah noch blasser als am gestrigen Tage aus, die Augenringe waren noch dunkler. Hatte sie nicht geschlafen?

Nein, Hermine hatte nicht geschlafen. Sie hatte dem Drang nicht widerstehen können, in die Bibliothek zu gehen und in all die Bücher ihre Nase zu stecken, nach denen sie sich in letzter Zeit so gesehnt hatte. Beim Lesen hatte sie nicht gemerkt, wie spät es wurde. Der Morgen brach bereits an, als sie endlich die Bücher zur Seite legte und versuchte, zu schlafen. Doch es war ihr nicht gelungen. Hogwarts und seine Erinnerungen hatten sie nicht zur Ruhe kommen lassen.

Ein viel zu fröhlicher Gilderoy Lockhart im rosa Kostüm ließ sich auf seinen Platz plumpsen und strahlte in die Runde.

„Welch wundervoller Morgen!", seufzte er.

„Was nennen Sie an einem Morgen, der grau, neblig und kalt ist, zehn Prozent der Schüler bereits erkältet sind und bei Madam Pomfrey Schlange stehen, wundervoll?", schnarrte Snape und glitt auf seinen Stuhl neben Hermine.

„Na, hören Sie mal, Severus! Nicht jeder muss solch ein unverbesserliche Morgenmuffel und Pessimist wie Sie sein, oder?"

„Einen schönen guten Morgen, Miss Granger.", wandte Snape sich an Hermine, Lockhart ignorierend.

„Professor Granger.", sagte sie kurz.

„Na, da haben sich ja zwei Miesepeter am frühen Morgen gefunden.", ertönte Gilderoys Stimme aus dem Hintergrund.

„Ein wenig mehr Höflichkeit würde Ihnen nicht schlecht stehen, Miss Granger.", knurrte Severus.

„Ihnen auch nicht, Snape. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe, Sie sehen: ich esse.", und damit drehte sie sich demonstrativ zur anderen Seite, auf der – sie hatte es vergessen – Draco Malfoy saß. Verwundert, dass sie sich ihm zuwandte, hob Draco den Blick von seinem Porridge und sah sie erwartungsvoll an.

„Guten Appetit.", brummte sie.

„Gleichfalls.", antwortete er und konnte sein Erstaunen nicht verbergen.

„Seit wann isst du Brei wie ein zahnloser Großvater?", fragte sie, weil ihr nichts Besseres zur Konversation einfiel.

„Seit wann siehst du einem Vampir oder sagen wir besser", er begann zu flüstern, „Snape so ähnlich? Ist er dein neues Vorbild?"

„Und warum musst du das Spiegelbild deines Vaters mimen?", fragte sie mit einem Blick auf den soeben durch die Tür tretenden Lucius Malfoy, der das Haar heute ebenfalls zu einem lockeren Zopf zusammengebunden trug. „Aber du wirst nie an deinen Vater heranreichen, dazu bist du viel zu weich!"

„Ich bin weich?!", knurrte Draco und zückte seinen Zauberstab, „Komm mit raus, dann werden wir sehen, wer von uns beiden weich ist!"

„Na, na, na, Draco.", eine schwere Hand umfasste sein Genick, „Du darfst nicht vergessen, du bist nun Lehrer an dieser Schule und hast somit eine Vorbildfunktion zu erfüllen. Was soll Gilderoy denn sagen, wenn ihr zwei euch gleich am ersten Tag duelliert?" Lucius, Draco und Hermine sahen zu Lockhart hin, der vergnügt vor sich hin summte und die kleine Auseinandersetzung gar nicht registriert hatte. Lucius Hand ruhte noch immer im Nacken seines Sohnes. Draco hielt den Atem an. Dann verstärkte sich der Druck langsam; Lucius schien ihn zu mahnen: Mach keine Dummheiten, Sohn. Und dann plötzlich war die Hand verschwunden und sein Vater saß neben ihm.

Hermine wandte sich indes über Snapes gebeugten Rücken hinweg an den Schulleiter:

„Professor Lockhart? Wann wird denn der neue Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe erscheinen?"

Ein noch breiteres Lächeln als gewöhnlich, falls das möglich war, erhellte Lockharts makelloses Gesicht.

„Ich wusste, Sie würden sich freuen, Ihren Schwarm aus Ihrer Jugendzeit wieder zu treffen, Hermine. Ich kann Ihnen leider keine genaue Auskunft geben. Aber wenn er da ist, werde ich Ihnen sofort Bescheid sagen lassen."

„Na, vielen Dank!" Lockhart registrierte den Sarkasmus in ihrer Stimme nicht.

Im Gegensatz zu Draco Malfoy machte Hermine sich vollkommen ruhig auf den Weg zu ihrer ersten Stunde bei einer 3. Klasse. Sie hatte nicht darüber nachgedacht, was sie erwarten würde. Ravenclaws und Hufflepuffs.

Sie öffnete die Tür zum Verwandlungsklassenzimmer, schritt zum Pult und begann die Namen der Schüler aufzurufen.

Als sie James Potter las, stockte sie und schaute in die Gesichter der neugierigen Schüler.

„Hier.", sagte ein kleiner Junge in der letzten Reihe. Harry. Harry mit der Weasley-Nase und den Weasley-Augen; Rons Nase und Rons Augen. Mein Gott, Harry, dachte sie. Was hast du deinem Sohn angetan? Du musstest es doch selbst erfahren, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen. Berühmt für etwas zu sein, wofür man nichts kann. Wie sehr hast du das gehasst und es dennoch an deinen Sohn weitergegeben. Doch hast du es geschafft, damit zu leben. James Potter wurde immer kleiner unter ihrem undefinierbaren Blick. Um ihn nicht weiter zu quälen, las sie rasch die restliche Liste vor und wandte sich dann ihrem Unterricht zu. Animagi.

„Was ist ein Animagus?", fragte sie die Schüler. Schweigen. Eine Hermine Granger schien nicht in der Klasse zu sitzen. Nach fünf Minuten, in denen keiner gewagt hatte, die Hand zu heben, sagte sie schließlich:

„Miss Wood, bitte."

„Ich weiß nicht, Professor.", antwortete ein athletisch gebautes brünettes Mädchen, das sicher eine vorzügliche Quidditchspielerin war.

„Fünf Punkte Abzug für Hufflepuff. Sie hatten genug Zeit zum Nachdenken."

„Mr. McMillan."

„Menschen, die sich in Tiere verwandeln können?", fragte dieser vorsichtig.

„Ich stelle die Fragen, Sie geben die Antworten. Genauer?"

„Ich weiß nicht, Professor."

„Mr. Potter.", er musste es einfach wissen, wenn seine Mutter ihm nur ein wenig über seinen Namensgeber erzählt hatte. Er wusste es und mit leiser, schüchterner Stimme begann er:

„Wie Ernest bereits gesagt hat, sind Animagi Menschen, die sich in Tiere verwandeln können. Im Prinzip ist jedes Tier möglich, Säugetiere, Kriechtiere oder Insekten. Es ist ein sehr schwieriger Prozess und verlangt starke magische Fähigkeiten. Außerdem ist es sehr gefährlich und kann fürchterlich schief gehen, deshalb wird es auch streng vom Ministerium überwacht, wenn jemand ein Animagus werden will. Außerdem müssen sich Animagi registrieren lassen."

„Danke schön, Mr. Potter. Zehn Punkte für …", beinah hätte sie Gryffindor gesagt, „für Ravenclaw."

Sie verbrachte die Stunde damit, den Verwandlungsprozess von einem Menschen in ein Tier zu erklären und gab dann als Hausaufgabe einen Aufsatz über den Vergleich von Animagi und Werwölfen auf, drei Pergamentblätter sollten reichen. Als sie sah, wie die Klasse über die Aufgabe stöhnte, sagte Sie:

„Das, meine Damen und Herren, ist erst der Anfang: bei mir werden Sie lernen, und zwar richtig."

Draco Malfoy indes schwitzte. Er hatte sich entschlossen mit seiner sechsten Klasse Slytherin und Gryffindor für den Anfang wie Slughorn damals den Felix Felicis auszuprobieren. Und er hoffte stark, die anderen Hogwarts-Klassen wären nicht so untalentiert wie diese. Bei drei Schülern wäre der Trank beinah in die Luft geflogen, wäre er nicht rechtzeitig dazugekommen. Beide, Slytherin und Gryffindor, hatten in dieser einen Stunde jeweils zwanzig Punkte verloren. Wer hatte sie denn vor ihm unterrichtet? Lockhart womöglich?! Wie sollten diese Schüler jemals ihre NEWTs schaffen? Hier fehlten schlicht die Grundkenntnisse.

Ein widerlicher Gestank von Schwefel und Ammoniak lag in der Luft, als er durch die Reihen lief, um die Endprodukte zu begutachten. Es war katastrophal. Der beste Trank war der einer Gryffindor und er war statt goldgelb knallrot.

Die Hausaufgaben, die er aufgab, waren für seinen Geschmack viel zu viel, aber er wusste nicht, wie er diese Klasse sonst auf Vordermann bringen sollte.

Seufzend entließ er sie in die Pause und war froh, erst am Nachmittag wieder unterrichten zu müssen. Wenigstens würde er nach diesem Jahr in Hogwarts endlich den ersehnten Titel Master of Potions erhalten.

Severus Snape hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Hermine Granger zu beobachten. Er wollte wissen, ob sein Vorschlag wirklich gut gewesen war. Er sah, wie sie aus dem Verwandlungszimmer stolzierte, vorbei an ihren Schülern, die ehrfürchtig zu ihr aufblickten. Denen wird sie wohl mit ihrer Besserwisserei gehörig den Kopf gewaschen haben, dachte er grimmig und mischte sich unauffällig unter die Schülerschar. Er tat, als würde er sehr vertieft in die Anschläge am schwarzen Brett sein, lauschte in Wahrheit aber gespannt auf die Schülergespräche um sich herum. Das war schon immer die beste Möglichkeit gewesen, neue Gerüchte aufzuschnappen.

„Hast du schon gehört? George Weasley hat sein Geschäft erweitert. Nächste Woche soll der Laden in Hogsmeade auf die doppelte Größe erweitert werden. Außerdem hat er jetzt schon Filialen im Ausland."

„Woher weißt du das denn?"

„Stand im Tagespropheten und da stand auch …"

Kinderkram, dachte Snape und wandte seine Konzentration auf ein weiteres Grüppchen schräg hinter ihm. Seine Ohren brauchte er dabei nicht anzustrengen, die Zweitklässler brüllten sich über den ganzen Gang hinweg an:

„Mercucio hat sich in die Maulende Myrthe verknallt! Er hockt schon den ganzen Tag auf ihrem Klo!"

Wo seid ihr, ihr Flüsterer? fragte sich Snape und ließ sein Gehör auf dem Flur schweifen.

„Hattet ihr heute auch schon bei Malfoy junior?", fragte eine leise Stimme ein, zwei Schüler neben ihm.

„Nein, aber wir hatten bei Granger. Wie ist er denn so? Wie der Alte?", fragte die Stimme eines Jungen.

„Nein. Das dachten wir ja immer. Ist er aber überhaupt nicht. Er erinnert viel mehr an Snape!"

Snape horchte auf.

„Wie?"

„Wir haben wie immer unser bestes gegeben.", Snape schnaubte unwillkürlich, „Und gerade von unseren Leuten waren einige gar nicht so schlecht. Aber er hat für jeden kleinen Fehler Punkte abgezogen und uns alle Schafsköpfe genannt. Bis keiner sich mehr getraut hat, was zu sagen. Und immer wenn einer was gesagt hat und es falsch war, hat er – genau wie Snape – die linke Augenbraue in die Höhe gezogen, verächtlich geschaut und sich dem nächsten zugewandt. Eiskalt."

„Na ja, wenigstens sieht er besser aus als Snape.", meldete sich kichernd die Stimme eines Mädchens zu Wort.

„Das ist ja echt verrückt.", sagte die Stimme des Jungen, „Wir haben nämlich auch schon gedacht, dass Professor Granger Snape total ähnelt. Ich meine, sie sieht ihm sogar ähnlich. Zwei Fledermäuse haben wir jetzt in Hogwarts. Aber sie ist fast noch schlimmer als er. Sie hat uns ja so was von zugemüllt mit Unterrichtsstoff. Das ist überhaupt noch nicht unser Niveau! Animagi und Werwölfe! Mein Bruder hatte das erst in der Vierten. Sie macht wie Snape totalen Psychoterror und vor Punkteabziehen scheut die sich auch nicht."

„Das ist echt gruselig.", sagte das Mädchen, „Wenn beide Snape so ähneln ..."

„Ähneln? Sie sind sein Ebenbild!"

„Aber Granger war doch in Gryffindor und mein Dad hat erzählt, dass sie mit den Malfoys und Snape total verfeindet ist …"

Snapes Augenbrauen waren beim Zuhören immer weiter in die Höhe gewandert, jetzt ging es nicht höher. Er drehte sich um.

„Was lungern Sie hier noch auf den Gängen herum?", schnarrte er. „Haben Sie die Glocke nicht gehört?"

„P-professor.", stammelte das Mädchen.

„Sind Sie schwer von Begriff? In Ihre Klassenzimmer und fünf Punkte Abzug für jeden!"

Die sollten wissen, dass es nur einen Severus Snape an dieser Schule gab und dass dieser an Gemeinheiten durch niemanden zu übertreffen war. Die Schüler stoben auseinander.

Hermine Granger und Draco Malfoy, euch werde ich eine Lektion erteilen! Und grübelnd, womit er sie am meisten einschüchtern konnte, machte er sich auf den Weg zu seinem Büro.