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Nach drei Monaten war es endlich soweit. Mrs. Cloke, dieselbe strenge Dame von der Fürsorge, die ihn auch zuhause abgeholt hatte, begleitete Michael in den Besuchsraum der Jugendstrafanstalt von Chicago. Michael war nicht eben klein für sein Alter, aber neben Mrs. Cloke wirkte er winzig. Ihr Haar war wie beim letzten Mal zu einem dunklen Knoten am Hinterkopf gebunden, und die dicke Brille verlieh ihrem Gesicht etwas eulenhaftes. Er bemerkte, dass sie ganz flache Schuhe trug. Wahrscheinlich, um nicht noch größer zu wirken. Eingeschüchtert von den vielen Beamten in Uniform und von all den dicken Stahltüren, die vor ihnen auf- und hinter ihnen wieder zugeschlossen wurden, wollte Michael am liebsten sofort wieder weg. Er mochte es hier nicht. Entschlossen biss er die Zähne aufeinander, weil er genau wusste, dass ihm keine Wahl blieb, wenn er seinen Bruder wieder sehen wollte.
Dann sah er Lincoln endlich. Sein erster Impuls war, gleich loszurennen. Aber Mrs. Cloke hielt ihn bei der Hand, und Michael fühlte sich von allen Seiten beobachtet, und er hatte Lincoln so lange nicht gesehen, bestimmt war er sauer auf ihn deswegen, und würde ihn gar nicht hier haben wollen, und er würde… Michaels Gedanken brachen ab, als Mrs. Cloke seine klammernden, heißfeuchten Finger löste und leise fragte: „Willst du deinen Bruder nicht begrüßen, Michael?"
Lincoln wirkte wie ein Fremder, so wie er da allein an dem kleinen Tisch saß und nervös seinen T-Shirtsaum befingerte. Zögernd ging Michael auf ihn zu.
„Hi, Linc", murmelte er und vermied direkten Augenkontakt.
„Hey, Kleiner. Wie geht's dir?"
Michael zuckte mit den Schultern. Blickte Lincoln kurz an und dann schnell wieder zur Seite.
„Willst du dich nicht setzen?"
Michael zuckte wieder mit den Schultern, setzte sich dann Lincoln gegenüber. Er sah auf den Tisch zwischen ihnen. Es war ein grüner Kunststofftisch, ehemals grün jedenfalls. Der Lack war größtenteils abgescheuert, und darunter kam der rohe, hellgraue Kern zum Vorschein. Hier und da waren Buchstaben und eckige Zeichnungen in die Platte geritzt. Namen, Initialen, Herzchen und direkt daneben Obszönitäten. Michael überlegte, ob die Besucher und die… nun, die Häftlinge - so musste man sie wohl nennen - nichts anderes zu tun hatten, wenn sie sich hier trafen, als diese Sachen in den Tisch zu ritzen.
„Michael, hör zu, ich… ich hab Mist gebaut." Lincoln suchte nach den richtigen Worten und blickte zur Decke, als ob er sie dort finden könnte. Dann kratzte er sich am Kopf. Er trug sein Haar viel kürzer als sonst, und es gab ein beinahe wisperndes Geräusch. „Ich werd 'ne Weile hier bleiben müssen, weißt du?"
„Wie lange?"
„Mh, ist noch nicht ganz raus. Ein paar Wochen. Vielleicht Monate."
Michael erwiderte nichts, schien eine Weile in Gedanken versunken und fuhr mit dem Finger die Linien auf dem Tisch nach. Dann hob er den Blick und fragte langsam: „So lange wie letztes Mal?"
Lincoln musste schlucken, als er die Angst in Michaels blauen Augen sah.
„Ich glaube nicht. Nächste Woche ist meine… ahm, die Verhandlung. Danach weiß ich, wie lange."
„Aber du bist doch schon drei Monate hier."
„Ja, wegen der einen Sache, das stimmt, aber -- " Lincoln räusperte sich. Am liebsten würde er Michael gegenüber dieses Thema vermeiden, aber wie sollte er sich jetzt rausreden? „Also, hmm, da war noch was anderes, aber hey, bestimmt hab ich Glück und sie rechnen mir diese drei Monate auf das gesamte Strafmaß an. Dann ist es sicher gar nicht mehr viel."
Anscheinend gab Michael sich mit der Erklärung zufrieden, denn er schwieg. Lincoln seufzte. Erleichtert und beschämt zugleich. Er hasste sich dafür, dass er vor Michael Geheimnisse hatte, dafür, dass er so dumm war, und es schon wieder so weit hatte kommen lassen. Und er hasste sich dafür, dass er keine Worte für all das fand, was er Michael eigentlich sagen wollte. Also blickten sie beide minutenlang betreten auf den Boden und aus dem Fenster. Bis Lincoln das unangenehme Schweigen brach.
„Sie haben mir erzählt, du wohnst jetzt in diesem Heim für Waisenkinder. Wie ist es da so?"
Das entlockte Michael ein schiefes Grinsen. „Genauso wie im letzten. Du weißt ja."
Lincoln grinste zurück. „Ja, ich weiß. Langweilig. Tut mir leid, Mikey. Aber sobald ich das hier hinter mir hab, hol ich dich da raus, und dann wohnen wir zwei wieder zusammen."
Mit einem Schlag war Michaels Grinsen wie weggewischt. Stumm und ohne zu blinzeln blickte er zu Lincoln auf, sah ihn mit einer beschwörenden Intensität an, die Lincoln beinahe Angst machte. Michaels Nasenflügel bebten, seine Lippen waren blass und schmal. Lincoln schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Konnte es sein, dass Michael ihm etwas sagen wollte? Hatte er Probleme? Kam er nicht zurecht? Aber Lincoln wollte unbedingt glauben, dass es seinem Bruder da, wo er jetzt war, gut ging. Dass er ohne ihn klar kam. Er hielt Michaels starrem Blick stand. Michael, wenn dich etwas quält, sag es mir. Sie hatten sich immer schon ohne Worte verstehen können. Michael würde reden, wenn es etwas zu reden gab. Oder nicht? Mit einemmal war Lincoln unsicher. Seit Michael hier war, benahm er sich befangen und gänzlich untypisch für ihn.
„Michael, wenn dich irgendetwas --„
Das stumme Flehen verschwand mit einem Schlag, und Michael sagte mit einer solchen Gelassenheit „Ist alles okay", dass Lincoln sich fragte, ob er sich alles nur eingebildet hatte.
„Wie ist's in der Schule?", fragte Lincoln nach einer Weile, um einen lockeren Ton bemüht
„Weiß nicht. Gut, denke ich. Wie immer."
„Du lernst fleißig weiter, ja? Versprich mir das."
„Sicher. Was soll ich denn sonst machen?"
Lincoln stutzte. Der unausgesprochene Vorwurf hallte deutlich in seinen Ohren nach. Du hast mich allein gelassen! Hatte sein Bruder das wirklich gesagt? Oder war es nur sein eigenes schlechtes Gewissen? Aber er hatte Angst, genauer nachzufragen, Angst, den Vorwurf ausgesprochen zu hören. Natürlich wusste er, wie sehr Michael an ihm hing, wie sehr er ihn brauchte. Nur wenn er genau das jetzt aus Michaels Mund hörte, würde er die nächsten Wochen, oder Monate, im Gefängnis vor Sorge wahnsinnig werden.
Und was, wenn es genau anders herum wäre? Wenn er ihm langsam entglitt? Michael war zwölf, beinahe dreizehn, er war auf dem Weg, erwachsen zu werden. Er hatte in seinem Leben mehr als genug Enttäuschungen erfahren, da war es doch nur normal, wenn er sich von seinem unzuverlässigen Versager-Bruder abwandte. Abrupt wandte sich Lincoln zur Seite, als ihm klar wurde, dass dies seine allergrößte Angst war.
„Was hast du eigentlich getan?", fragte Michael unvermittelt.
Aufgerüttelt aus seinen Gedanken, richtete Lincoln sich gerade auf. Mist. Diesen Teil der Unterhaltung hatte er umgehen wollen.
Mit unsicherer Stimme begann er: „Wir… hm… wir haben ein Auto geklaut, die Jungs und ich. Wir hatten ´n paar Bier getrunken und ein bisschen was geraucht und… und… ach verdammt, Mike, das war eigentlich alles nur Spaß, aber Rod hatte plötzlich so eine blöde Idee. Er meinte, ich würde mich nicht trauen… hm, ist auch egal. Jedenfalls… mhm… wir sind in ein Schaufenster gefahren…"
„Du warst am Steuer?" fragte Michael.
„Hm... ja… war ich", gab Lincoln zögernd zu. „Aber ich wollte nicht, dass sie das ganze Zeug klauen! Wirklich! Ich hab versucht, sie abzuhalten."
„Ich glaube dir, Linc", erklärte Michael ernsthaft.
Unfähig darauf etwas zu erwidern, biss Lincoln sich auf die Lippen, dann ging er um den Tisch herum und umarmte seinen kleinen Bruder. „Danke", flüsterte er in sein Ohr. Es tat gut, dass es nun raus war. Lincoln war entgegen seiner Erwartungen erleichtert. Dass es in der noch ausstehenden Verhandlung um Drogenbesitz ging, verschwieg er wohlweislich.
„Michael?" Mrs. Cloke, die bis jetzt aus dem Fenster gesehen hatte, kam näher. „Es ist Zeit. Wir müssen gehen. Verabschiede dich von deinem Bruder."
Etwas beschämt von der öffentlichen Zurschaustellung seiner Gefühle, machte Michael sich von Lincoln los und trat einen Schritt zurück. Seine Wangen glühten und er blickte zu Boden.
„Bis bald, Kleiner. Sei brav in der Schule, okay?"
„Wiedersehen, Linc."
Mrs. Cloke nahm ihn bei der Hand, und Michael folgte ihr zum Ausgang. Seine Stirn war gerunzelt, sein Kopf gesenkt, ganz so, als sei er tief in Gedanken versunken. Nach fünf oder sechs Schritten machte er sich energisch los und rannte zu seinem Bruder zurück. Er flog ihm förmlich entgegen und schloss ihn fest in seine Arme. Im letzten Jahr hatte Michael einen ordentlichen Schuss gemacht. Seine kindliche Pummeligkeit war inzwischen praktisch verschwunden, aber noch war er einen guten Kopf kleiner als Lincoln.
„Linc!", schluchzte er. „Linc, ich will nicht wieder gehen! Ich will bei dir bleiben!"
Lincoln musste schlucken, als er die Tränen in Michaels Stimme hörte.
„Das geht leider nicht, Kleiner", flüsterte Lincoln und strich seinem Bruder übers Haar. Michaels Schluchzen wurde heftiger. Und er zog laut die Nase hoch.
„Shh, ist ja gut, Mikey… ist gut…" Lincoln hoffte, sich selbst ein wenig mit seinen Worten zu beruhigen. Er merkte, dass er diesmal besonders großen Mist gebaut hatte. Michael hatte niemanden mehr außer ihm. Ihre Mutter war seit beinahe zwei Jahren tot, ihr Vater mochte noch leben, oder auch nicht. Es war Lincoln egal, was aus dem Säufer geworden war, der die die Familie noch vor Michaels Geburt im Stich gelassen hatte. Aber Michael war jetzt ein Teenager und brauchte ihn mehr denn je. Auch wenn Lincoln wusste, dass er kein ideales Vorbild abgab, er war Michaels ganze Familie. Es war seine Aufgabe, ihn zu beschützen. Er versuchte zuversichtlich zu klingen.
„Ich hab dich lieb, vergiss das nicht. Und wenn ich hier raus bin, werden wir immer zusammen bleiben, das verspreche ich dir."
„Wirklich?" Michael schniefte.
„Wirklich. Ich schwör's dir. Großes Pfadfinderehrenwort."
Lincoln legte die rechte Hand auf sein Herz und spürte genau darunter einen Stich, als er in Michaels tränennasse, aber hoffnungsvolle Augen sah. So blau waren sie und so riesig, die langen schwarzen Wimpern verklebt. Er nahm sich fest vor, sich zusammenzureißen und Geld zu verdienen, sobald er hier raus war, damit es seinem kleinen Bruder gut ging. Er glaubte nicht, dass er ihre Mutter ersetzen konnte, aber er wollte verdammt noch mal sein Bestes geben! Er gab Michael einen Kuss auf die Stirn.
„Komm wieder, wenn sie dich lassen. Vielleicht bringst du dann ein Kartenspiel mit oder so was. Oder ich seh zu, wenn du deine Hausaufgaben machst." Michaels Miene hellte sich ein wenig auf bei diesen Worten.
„Und geh Vee und ihren Dad besuchen. Sie freuen sich sicher, dich zu sehen. Das darf er doch, oder?" Lincoln blickte Mrs. Cloke fragend an.
Die zog ihre Augenbrauen hoch über den dicken Brillenrand und antwortete: „In seiner Freizeit, natürlich. Michael ist in einem Pflegeheim untergebracht, junger Mann, nicht in einem Gefängnis."
tbc.
