Der Ruck, der durch den Zug ging, weckte Sheppard. Einen Moment lang umfing ihn lähmende Orientierungslosigkeit, dann wusste er wieder, wo er sich befand.

Zumindest so ungefähr, dachte er, und setzte sie dann mühsam auf und lauschte. Er war heller im Abteil als zuvor, und er konnte die Augen der anderen Menschen im Dämmerlicht glänzen sehen. Von draußen hörte er Schritte und Stimmen, verstand aber keine Worte. Dann durchfuhr ein kratzendes, metallisches Geräusch das Abteil, und Sheppard zuckte zusammen. Die anderen sahen mit leeren Blick umher, offenbar ahnungslos, was zu tun war und wie man sich zu verhalten hatte.

Gott, er hatte solchen Durst, bemerkte er plötzlich. Sein Mund schien vollkommen ausgetrocknet, und seine Lippen schmerzten. Dumpfer Schmerz schoss durch seinen Schädel, als er sich vollkommen aufzurichten versuchte, und seine eingeschlafenen und tauben Beine unter ihm einknickten. Mit einem unterdrückten Fluch versuchte er sich wieder hochzuarbeiten, und spürte dann das vertraute Kribbeln, als Blut in seine Beine zurückströmte.

Wieder kratzte es, dann quietschte Metall. Die gegenüberliegende Breitseite des Abteils fing an zu zittern, und öffnete sich dann so plötzlich, dass Sheppard einige Sekunden lang so geblendet wurde, dass er völlig hilflos war. Mit einem dumpfen Scheppern schien das Holz auf Kies zu landen, und Sheppard hob eine Hand, um seine Augen zu schützen und blinzelte heftig. Eine Längsseite des Abteils war aufgeklappt, und bildete so etwas wie einen breiten Steg zum Boden.

Gestalten schienen an den Seiten der Rampe zu stehen. Sie richteten Lampen ins Innere und Sheppard konnte nicht viel mehr als ihre ungefähren Umrisse ausmachen. Zeitlupenartig wandten sich die Köpfe der anderen zum Licht, weiter geschah nichts. Wieder konnte er Stimmen hören, und er versuchte nervös, sich die Lippen zu befeuchten, was allerdings kaum gelang.

Der Durst erstickte beinahe die Nervosität. Gott, endlich hatte der Zug angehalten, und bitte, er wollte jetzt etwas trinken, und dann vielleicht erfahren, wo er eigentlich war, wo McKay war, und was hier los war.

Lachen von draußen. Eine Art von Lachen, die er gut kannte – so lachte man über etwas, was eigentlich nicht besonders lustig war. Scheppern. Immer noch gleißend helles Licht auf seinem Gesicht, und dann ein Geräusch, dann ihn zusammenzucken ließ – einen Moment lang konnte er es nicht einordnen – und dann durchfuhr es ihn wie ein Blitz: Wasser! Ein kräftiger Wasserstrahl schien in einen großen Behälter zu schießen. Der Ruck, der durch ihn gegangen war, erfasste jetzt die anderen. Endlich zeigten auch sie eine Reaktion. Bleiche, ausgetrocknet wirkende Köpfe schossen hoch, und blutunterlaufende Augen weiteten sich.

(Wasser!)

Taumelnd kamen die Gestalten um ihn herum auf die Beine, und Sheppard stützte sich mit der Hand an der Wand des Abteils ab. Die Stimmen von draußen wurden etwas hektischer, und das Lachen war abrupt verstummt. Nur das Geräusch des Wasserstrahl war noch deutlich hörbar, wenn es auch etwas verändert schien, so als hätte sich das Gefäß jetzt zu einem großen Teil gefüllt.

Er hörte eine Art Poltern, und wieder kostete es ihn einige Sekunden zu verstehen, was er eigentlich gehört hatte. Jemand war die Rampe herunter gefallen, und es wirkte, als wäre jetzt der Bann gebrochen: Alle Menschen im Abteil drängten, stießen und taumelten jetzt zur Rampe hin, um so schnell wie möglich nach draußen und zum Wasser zu gelangen.

Sheppard wurde mehr oder weniger mitgerissen. Er schaffte es nicht ganz, einen klaren Kopf zu bewahren. Durst und Erschöpfung forderten ihren Tribut, und ein guter Teil der Erregung der Menschen um ihn herum übertrug sich auf ihn.

Sie fielen mehr die Rampe herunter, als sie gingen, und Sheppard fiel hart mit einem Knie in den Kies. Rasch kam er wieder auf die Beine, und war dankbar dafür, denn keiner schien sich viel um die Gefallenen zu kümmern. Die vorher so unbeweglichen, ruhigen Menschen bewegten sich nun mit erschreckender Zielstrebigkeit, ohne Rücksicht zu nehmen auf andere oder sich selbst. Sheppard taumelte mit, orientierungslos. Immer noch war es viel zu hell, und sein Kopf schien mit einem Mal bersten zu wollen. Die Schwarzgekleideten riefen sich Befehle und Warnungen zu, doch er konnte kaum ein Wort verstehen. Er war gefangen in einer Masse aus Menschen, die vollkommen außer Kontrolle geraten schienen – und es waren nun nicht mehr die Menschen, die mit ihm im Abteil gewesen waren. Die Abteile des gesamten Zuges mussten geöffnet worden sein, dachte Sheppard, es waren plötzlich Hunderte um ihn herum, und das einzige, woran er noch denken konnte, war, dass er nicht hinfallen durfte.

ooo

Rodney war die Rampe herunter gefallen, als diese unerwartet geöffnet wurde, direkt in den harten, scharfen Kies, der ihm Knie und Handflächen aufriss. Als der Menschenansturm losbrach, hatte er es nicht ganz geschafft, auf die Beine zu kommen, und wurde wieder auf den Boden geschleudert. Füße traten dicht neben seinen Händen auf den Boden, und er zog sie zurück, genau in dem Augenblick, als ihm jemand auf den Rücken trat. Er schaffte es noch, sich abzufangen, doch etwas – vielleicht ein Ellenbogen oder ein Knie – traf ihn im Gesicht, und ihm schossen Tränen in die Augen. Warmes Blut lief über seine Lippen und sein Kinn, und es war ein sinnloses Unterfangen zu versuchen, aufzustehen. Alles, was er noch tun konnte, war, seinen Kopf zu schützen, während er wie eine Stoffpuppe hin – und hergerissen wurde. Schließlich rutschte ein Arm unter ihm weg, und er japste entsetzt auf, als er feststelle, dass er jetzt der Länge nach auf dem Boden lag, und immer noch Menschen ins Freie drängten. Ein Tritt traf ihm am Hinterkopf, und seine verletzte Nase kollidierte schmerzhaft mit dem Boden.

Ein Knistern ließ ihn zusammenzucken. Der Geruch von verbrannter Haut lag in der Luft, und ein paar hohe, jaulende Schmerzenlaute waren zu hören. McKay versuchte aufzusehen und spürte, dass der Raum um ihn herum frei war. Er versuchte halbherzig aufzustehen – Gott, alles schmerzte – und dann traf ihn etwas glühend heißes am Rücken, und er stieß einen unwillkürlichen Schrei aus. Wieder roch es verbrannt, und entsetzt kämpfte er sich auf die Beine, in den Ohren immer noch das scharfe Knistern und Zischen. Ein zweiter, nicht ganz so schmerzhafter Schlag traf seine Waden und Kniekehlen, und er stolperte los, und war dann wieder im Strom der stoßenden und taumelnden, vorwärts drängenden Menschen.

Es war zu hell – er konnte nichts erkennen, war praktisch blind. Er wusste nicht einmal, worüber er gerade lief – meistens fühlte es sich unter seinen nackten Füßen nach Kies an, doch manchmal schien der Boden weicher, nachgiebiger. Er musste daran denken, wie er selbst zu Boden gestoßen worden war. Wahrscheinlich hatten es andere nicht geschafft, wieder auf die Beine zu kommen. Doch er konnte nicht anhalten. Das einzige, womit er sich noch beschäftigen konnte, war, nicht selbst im Strom der Menschen unterzugehen.

Sie schienen ein Ziel zu haben. Plötzlich schien sich der vorher noch so dichte Strom vor ihm zu teilen, Bewegungen wurden noch hektischer, abgerissener. Das grelle Licht ließ nach, und plötzlich konnte er Gruppen am Rande erkennen, Menschen, die sich über irgendetwas beugten. Manche von ihnen schienen sich fast übereinander zu stapeln, und er wurde weitergerissen und gestoßen, und stieß dann mit seinem Magen hart gegen eine Kante. McKay stürzte nach vor, und streckte reflexartig eine Hand aus, um sich abzufangen – und berührte Wasser.

Wasser! Das war, wonach sie gesucht hatten.

Jetzt stießen sich Menschen neben ihn, um ihn, auf ihn, und er spürte Panik in sich aufsteigen. Er war gefangen unter ihren Körper, sein Bauch schmerzhaft gegen die Kante des riesigen Bottichs gedrückt, und der Ansturm ließ nicht nach. Sich frei zu kämpfen war unmöglich. McKay schnappte nach Luft, und ein weiterer Körper drängte zum Wasser, stieß ihn nach vorne. Wieder versuchte er sich abzustützen, doch der Bottich war zu tief, und plötzlich war sein Gesicht im Wasser, und er riss den Mund auf, doch er konnte nicht schreien, denn da war keine Luft und –

Panik gab ihm einen Moment lang Kraft, und er schaffte es, den Kopf aus dem Wasser zu reißen. Es rauschte und toste in seinen Ohren, und seine Lungen schienen keinen Sauerstoff mehr aufnehmen zu wollen. Immer noch stießen und drängelten Körper zum Wasser, wieder landete etwas- jemand – auf seinem Rücken, und wieder durchstieß sein Gesicht die Wasseroberfläche.

Einen Moment lang war es still unter Wasser. Wunderbar still, gnädig still. Doch er konnte nicht atmen, und auch hier, unter Wasser, war Bewegung, andere Köpfe stießen verzweifelt in den Bottich, tranken, und er wurde immer noch gegen die Kante gedrückt. Wieder begann das Tosen seine Ohren zu füllen. Er wand sich, kämpfte, strampelte – doch nichts half. Es war sinnlos, es war, als wolle er sich gegen eine Lawine wehren. Sauerstoff, Sauerstoff, sang es in seinem Kopf, während er den Mund öffnete. Rote Funken tanzten vor seinen Augen. Das Rauschen wurde noch intensiver, und er zuckte und trat noch ein letztes Mal, und plötzlich rutschte ein Körper von seinem Rücken, und auf einmal entstand für eine Millisekunde eine Lücke. McKay drehte sich mit letzte Kraft von dem Bottich weg und tauchte zwischen den zuckenden und zappelnden Körper durch, fiel dann der Länge nach auf den Boden.

Er hustete und spuckte. Er hatte keine Ahnung, wie viel Wasser er geschluckt hatte. Ein Keuchen und Husten von Hunderten von Menschen erfüllte die Luft um ihn herum, die in dem grellen, künstlichen Licht zu kochen schien. Unter dem Rauschen in seinen Ohren konnte er immer noch das elektrische Knistern hören, genauso wie er noch den Geruch von verbrannten Haaren und Haut wahrnehmen konnte. Menschenknäuel hatten sich gebildet, fünf, zehn, vielleicht zwanzig, und wenn er ein wenig die Augen zusammenkniff, konnte er noch andere erkennen, die wie er auf dem Boden lagen, dunkle, längliche Schatten. Manche würden nicht mehr aufstehen.