# 4 – Passion's Price
Als Astoria die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich zuknallte und sich dagegen presste – ganz so, als hoffte sie, sie würde einfach mit dem Holz in ihrem Rücken verschmelzen – spürte sie, wie ihr Herz schwer gegen ihren Brustkorb hämmerte. Unregelmäßige, hektische Schläge. Schmerzhafte, verkrampfte Schläge.
Malfoy hatte sie erkannt, wusste wer sie hatte sie erkannt. Er hatte... Wusste... Wusste, wer sie war. Er kannte sie. Immer und immer wieder drehten sich diese Sätze in ihrem Kopf, jagten einander in einer Endlosschleife hinterher. Draco Malfoy wusste, wer sie war. Ein Todesser wusste Bescheid! Ihr wurde schlecht. Bittere Galle stieg ihren Hals empor, als sich plötzlich ein anderer Gedanke in den Vordergrund drängte. Er breitete sich aus und überdeckte alles mit seiner schieren Präsenz: WEG! Sie musste weg von ihm!
Sie stieß sich von der Tür ab, riss den Kleiderschrank auf und warf ihre wenigen Sachen auf ihr Bett. Sie hielt inne, als sie plötzlich das Buch in der Hand hielt, das er ihr geschenkt hatte. Es war abgegriffen, die Seiten leicht vergilbt und an den Ecken ausgefasert. Spuren des Gebrauchs, des vielen Lesens. Nichts, was sie nicht bereits vorher bemerkt hätte, aber jetzt bekam es irgendwie noch mal eine andere Note, immerhin war es mit hoher Wahrscheinlichkeit sein eigenes Exemplar. Ein persönliches Geschenk von Malfoy…
Die junge Hexe spürte regelrecht, wie jegliche Kraft schlagartig aus ihr schwand, förmlich aus ihr herausgesogen wurde. Der Adrenalinstoß, den die Panik ausgelöst hatte, verebbte merklich und sie ließ sich vor dem geöffneten Schrank auf den Boden sinken. Sie zog die blanken Beine ganz dicht an ihren zierlichen Körper, schlang ihre Arme fest um die Knie und starrte auf die Kleidung, ihr weniges Hab und Gut, das verstreut auf dem schmalen Bett gegenüber lag.
Wo sollte sie denn hin? Wo sollte sie unterkommen? Wohin? Sie hatte keinen Ort, an den sie gehen, niemanden, an den sie sich wenden konnte.
Sie hatte niemanden mehr.
Das Bild ihrer Eltern tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Ihre Mutter mit zerrissenen Kleidern, ihr Vater sogar noch im Tod verkrampft von den Qualen des Curciatus-Fluches. Die Augen der beiden, die leer und leblos ins Nichts starrten. Keine Spur von ihrer Schwester. Sie wusste bis heute nicht, was mit Daphne geschehen war.
„Leila?"
Erschrocken stieß Astoria einen kurzen spitzen Schrei aus, drückte sich gegen den geöffneten Schrank. Ignorierte den Schmerz, den die Trennbretter verursachten, als sie sich in ihre nackte Haut drückten. Mit großen Augen blickte sie panisch zur Tür.
Sharon war ohne zu klopfen eingetreten. Natürlich, das hier war schließlich auch ihr Zimmer, warum sollte sie da um Einlass bitten? Ihr Bett stand weiter hinten in der Ecke.
„Leila?", wiederholte die andere Tänzerin besorgt, der die Reaktion keinesfalls entgangen war. Sie ließ sich neben der zitternden Hexe auf den Boden sinken und strich ihr eine wirre Strähne aus dem Gesicht. „Was ist denn los?"
Astoria öffnete den Mund, aber anstatt einer Antwort kam nur ein krächzendes Schluchzen heraus und schließlich brach der Damm. Ihr rannen die Tränen heiß und unaufhaltsam über die Wangen, verschmierten ihr Make-up. Sharon zog sie in ihre Arme, strich ihr beruhigend über den Rücken und ließ sie bitterlich weinen.
Irgendwann – Astoria hatte keine Ahnung wie lange es gedauert hatte – versiegten die Tränen und sie fühlte sich furchtbar ausgelaugt. Leer. Verloren. Sie zuckte unwillkürlich zusammen, als Sharon ihre Wange berührte, um die letzten feuchten Spuren wegzuwischen.
„Was ist passiert?", fragte die Rothaarige in einem sanften Flüsterton, aber die Andere schüttelte nur erschöpft den Kopf. Sharon seufzte und ließ den Blick über das Bett gegenüber wandern, entdeckte den Wust an achtlos hingeworfenen Dingen. Sie legte die Stirn in Falten. Sie hatte so eine ähnliche Kurzschlussreaktion schon einmal erlebt, nur heftiger. Es war schon eine ganze Weile her und Miranda – die vor einigen Wochen in der Umkleide ihr Gift gegen Leila und ihren ersten Kunden verspritzt hatte – redete nicht darüber, niemals. Aber Sharon hatte sie gesehen. Sie hatte Miranda qualvoll weinen sehen, hatte sie völlig hysterisch im Nebenzimmer auf und ab rennen sehen, wie sie vollkommen fertig mit den Nerven beliebige Sachen gegen die Wand geworfen hatte. Sharon wusste nicht, was der Mann, der für sie bezahlt hatte, ihr in dieser Nacht angetan hatte, wollte es auch gar nicht wissen, aber seitdem war Miranda allen anderen gegenüber noch bissiger, noch abweisender und noch missgünstiger. Die rothaarige Tänzerin wusste nur so viel sicher: Rouven hatte sich den Kerl zur Brust genommen.
„Was hat er dir getan?", wagte sie einen Vorstoß. Aber alles, was sie darauf erhielt, waren fest zusammengepresste Lippen. Sharon streichelte ihrer Zimmergenossin durchs Haar und meinte beschwichtigend: „Leila, wenn er… Wenn er dir irgendetwas getan hat, dann solltest du das Rouven sagen. Du weißt, dass er… Du kennst die Geschichte mit Miranda." Astoria horchte auf.
Rouven! – Sie hatte niemanden mehr, außer Rouven. Sie schluckte schwer. Er ließ nicht zu, dass seinen Mädchen etwas passierte. Es gab Grenzen, die er nicht überschritten sehen wollte. Er… Aber Malfoy hatte ihr nichts getan. Noch nicht. Aber wenn er sich zum Handeln entschied, dann würde es ihr sicherlich nicht besser ergehen als dem Rest ihrer Familie. Sie war die Tochter von Blutsverrätern. Die Greengrasses hatten sich nie Voldemorts Wahn angeschlossen und dafür mit dem Leben bezahlt. Was auch immer das für ein perfides Spiel war, das Malfoy sich mit ihr erlaubte – und etwas anderes konnte es unmöglich sein – sie musste versuchen es irgendwie zu unterbinden.
„Komm, zieh dir erst mal etwas an. Du bist ja schon ganz kalt", redete Sharon auf sie ein, strich über die ausgekühlten Oberarme ihrer Freundin und half ihr auf. Automatisch ließ Astoria sich hochziehen und schlüpfte in die graue Jogginghose und das lockere weiße Sweatshirt, das ihre Freundin ihr in die Hände drückte.
„Geh zu Rouven", riet Sharon ihr erneut. „Du musst es ihm sagen, Leila. Er kann nicht riechen, wenn jemand die Grenzen überschreitet."
Sie nickte mechanisch. Rouven würde nicht zulassen, dass ihr etwas passierte. Das würde er nicht, immerhin war sie die Eine – seine Perle.
Astoria ballte die Hände zu Fäusten, damit ihre Finger das leichte Zittern unterließen. Sie stand vor der Tür zu Rouvens Büro. Schon seit mehreren Minuten schlich sie davor auf und ab. Nach dem Gespräch mit Sharon hatte sie sich zur Ruhe gezwungen und ihren Verstand eingeschaltet, den Überraschung und Panik wohl kurzzeitig verschlungen hatten. Es wäre dumm, ohne Plan und völlig kopflos abzuhauen. Das musste sie gut durchdenken, denn da draußen schützte sie niemand vor den Todessern. Sie hatte keine Ahnung, wo sich Potter und der Rest seiner Anhänger aufhielten. Vereinzelt hatte sie zwar immer wieder von Aktionen gegen den Dunklen Lord gehört, aber der Orden war angeschlagen. Das war kein Geheimnis und wie sollte sie die Organisation überhaupt finden, wenn nicht mal Voldemort selbst dies schaffte? Nein, Rouven würde ihr zumindest so lange Schutz bieten können, bis sie wusste, was sie tun sollte. Hoffte sie. Er würde Malfoy von ihr fern halten. Sie musste ihm nur glaubhaft vermitteln, dass das nötig war, ohne sich zu verraten. Rouven hatte nicht groß nach ihrer Identität gefragt, hatte sie als Leila akzeptiert und aufgenommen. Es hatte ihn auch nicht wirklich interessiert. Nur ein anderes verirrtes Mädchen, das nicht wusste wohin und versuchte, den Kopf über Wasser zu halten. Sie hatte ihm zugesagt und er hatte sie unter seine Fittiche genommen. In diesem Milieu stellte man nicht zu viele unangenehme Fragen. Aber eine würde er jetzt ganz sicher stellen: Warum?
Warum sollte er sie einem gut zahlenden Kunden vorenthalten, wenn er ihr nichts getan hatte?
Astoria war sich bewusst, dass sie ihren Chef würde anlügen müssen. Sie wusste nicht, wie es sein würde, ihm etwas aufzutischen, wenn er wirkliches Interesse an der Sachlage hatte. Bisher war das nicht nötig gewesen. Sie würde sich sehr viel ruhiger fühlen, wenn sie ihren Geist ordentlich verschließen könnte. Ihr wurde klar, dass sie gar nicht genau wusste, zu was Rouven alles fähig war, wie weit seine magischen Kräfte reichten. Ein schwerer unförmiger Klumpen fiel in ihren Magen, verursachte ein peinigendes Unwohlsein in ihrem Unterleib.
Sie straffte sich, atmete tief durch und legte die nervösen Finger auf den kühlen Türknauf. Sie sah immer noch elendig aus, hatte ihr verschmiertes Make-up nicht entfernt und ihre Augen waren nach wie vor leicht gerötet. Sie hatte sich nur die Haare zu einem praktischen, aber nicht besonders akkuraten Knoten hochgebunden. Dazu die eigentlich etwas zu weiten Klamotten, die um ihre dünne Gestalt schlackerten. Sie erweckte einen mitleidserregenden Eindruck. Das musste sie nutzen. Sie brauchte Rouvens Mitleid. Dann würde er ihre Lügen vielleicht nicht zu sehr hinterfragen.
Zaghaft klopfte sie schließlich an, hielt inne und lauschte einen Moment, klopfte erneut. Sie spürte ihren Herzschlag ganz deutlich und unangenehm in ihrer Kehle pochen, als sie dem gedämpften und alles andere als erfreut klingenden „Herein" Folge leistete.
Astoria versteifte sich, als sie die Tür öffnete und zögerlich in den düsteren Raum trat. Das Feuer im Kamin warf sein rötliches Licht auf die dunklen, schweren Möbel und durch die zugezogenen Vorhänge drangen einige Nuancen der dumpfen Straßenbeleuchtung herein.
Rouven war nicht alleine. Der schwarzhaarige Clubbesitzer saß hinter seinem massiven Schreibtisch, davor stand eine hochgewachsene Gestalt. Sie machte einen hageren Eindruck unter dem schwarzen Kapuzenmantel. Rouven schien verärgert über die Störung zu sein.
„Leila, was zum Teufel…" Er verstummte, als er die Tänzerin genauer ansah. Dann machte er eine anweisende Handbewegung zur Feuerstelle und meinte im Geschäftston: „Ich denke, wir haben alles Wichtige besprochen."
Einen kurzen Augenblick musterten sich die beiden Männer noch, bevor der Vermummte stumm nickte, sich dem Kamin zuwandte und in die Schale mit Flohpulver griff. Dabei achtete er immer darauf, dass sein Gesicht verdeckt blieb, aber Astoria meinte, die Kontur einer scharfgeschnittenen Nase erhascht zu haben. Die Flammen loderten grün auf und verschluckten den Fremden. Sie waren allein.
„Leila", sprach Rouven sie an und sie stellte unangenehm berührt fest, dass sie wie gebannt in das Feuer gestarrt hatte. Mit einer knappen Handbewegung forderte der Zauberer sie auf, zu ihm zu kommen. Astoria folgte, schloss die Tür hinter sich und trat auf den Schreibtisch zu. Als sie kurz davor innehielt, klopfte Rouven auf die Tischkante und rückte ein Stück mit seinem Stuhl zurück. Die junge Frau gehorchte auch diesmal, kam um das Möbelstück herum und lehnte sich gegen die Platte. Sie zog die Ärmel über ihre zittrigen Hände und schlang sie fest um ihren Oberkörper, schaute zu Boden. Sie konnte ihn nicht direkt ansehen. Ihr war unwohl. Immerhin war sie drauf und dran, den Mann zu belügen, der sie von der Straße geholt hatte. Es ließ sich nicht leugnen, aber Astoria war ihm zu einem entsprechenden Grad an Dank verpflichtet. Auf jeden Fall fühlte sie sich in einer gewissen Weise an ihn gebunden.
„Leila", wiederholte er nun ungeduldiger, „was ist passiert?"
Die junge Hexe räusperte sich, bevor sie leise antwortete: „Ich... Es geht um..." Sie atmete hörbar aus, versuchte ihre Nervosität im Griff zu halten und ballte die Hände fest zusammen. Sie konnte förmlich spüren, wie Rouvens intensives Starren sie durchdrang. Es war unangenehm, so als würde er sie scannen, in sie eindringen.
„Mein Kunde", brachte Astoria schließlich hervor. „Ich... kann das nicht. Er... Er hat..." Mit jedem Wort war ihre Stimme leiser und bebender geworden. Diese Musterung aus den dunklen berechnenden Augen brachte sie mehr aus dem Konzept, als sie befürchtet hatte.
„Ist er ausfallend geworden?", hakte der Magier nach, rutschte auf die Kante seines Sessels und fixierte Astoria. Diese nickte stumm, während sie weiterhin zu Boden sah.
„Hat er dich geschlagen?", bohrte Rouven nach Details.
Die Tänzerin schluckte schwer, versuchte den Kloß aus ihrem Hals zu vertreiben. Erfolglos. Sie nickte wieder und für zwei Herzschläge herrschte Stille. Nur das Knistern des Feuers und Knacken der Holzscheite war im Hintergrund zu vernehmen.
„Gibt es blaue Flecken?"
„Heil… Heilzauber", wich sie aus und Astoria wusste, sie hatte sich gerade nicht wie eine Meisterin des Lug und Trugs aufgeführt, aber in ihr nagte die Angst. Der Schock über die Identität ihres Kunden, sein Wissen um sie steckte ihr noch immer in den Knochen. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, direkt zu Rouven zu gehen…
„Inakzeptabel", meinte der schwarzhaarige Mann. „Dieses Verhalten dulde ich nicht."
Die Brünette horchte hoffnungsvoll auf. Sie hatte eigentlich nur rumgestammelt, aber nun ja, das passte wohl auch am besten zu ihrem Erscheinungsbild und außerdem war sie wirklich ziemlich durch den Wind. Egal, Rouven schien ihr zu glauben und das war das Wichtigste. Ein winziger Tropfen Erleichterung machte sich in ihr bemerkbar.
Ihr Boss erhob sich und Astoria folgte seinen Bewegungen aus dem Augenwinkel. Als er vor ihr stand, blickte sie zaghaft zu ihm. Sie hatte den Kopf noch nicht ganz gehoben, da schoss seine Hand hervor, packte sie an der Kehle. Seine Finger drücken gegen ihren Kieferansatz und er zwang sie, ihn anzusehen. Er war wütend, wirklich wütend. Erschrocken keuchte Astoria, aber es war lediglich ein ersticktes Röcheln zu hören. Sie umklammerte Rouvens Handgelenk, aber es ließ sich kein Stück bewegen, er hielt sie weiterhin fest wie ein Schraubstock.
„Was denkst du dir eigentlich dabei, mich anzulügen?", zischte er gefährlich. „Für wie dumm hältst du mich? Dieser Kerl soll dich geschlagen haben, he?" Sein Gesicht kam ihrem ganz nah und sie fühlte, wie die Tränen wieder in ihr aufstiegen. Er tat ihr weh und genau in diesem Moment hatte sie zum ersten Mal richtige Angst vor ihrem Boss. Sie war wie gelähmt.
„Oh Süße, falls du geglaubt hast, mir wäre nicht aufgefallen, dass er dir Geschenke macht oder du kein bisschen zerwühlter aussiehst als vorher, wenn du das Zimmer verlässt oder ich seinen Wunsch vergessen habe, dass du mehr anziehen sollst, dann irrst du dich ganz gewaltig. Eine herzzerreißende Nummer deinerseits, Leila, aber leider eine Lüge."
Er ließ sie los und die junge Frau griff sich luftschnappend an den Hals. Ihre Kehle wies einen roten Abdruck auf. Die Tränen begannen über ihre Wangen zu kullern. Kaum, dass sie wieder halbwegs normal atmete, schoss Rouvens Hand erneut vor. Diesmal verfingen sich seine Finger in ihrem Nackenhaar. Er zog daran und beugte ihren Kopf zurück. Mit der anderen hielt er ihr Kinn fest, so dass sie sich nicht von ihm abwenden konnte.
„Wir haben einen Deal, Süße, hast du das etwa vergessen? Ihr schafft die Kohle ran, dafür frage ich nicht zu genau, wo ihr herkommt, dafür habt ihr ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit am Tag. Dafür bekommt ihr ein entsprechendes Taschengeld und dafür steht ihr unter meinem Schutz. Aber", sein Blick wurde eisig, „dafür lügt ihr mich niemals in geschäftlichen Dingen an!"
Er packte fester zu, Astoria entwich ein schmerzvoller Laut. Die Tränen rannen unaufhaltsam über ihr Gesicht.
„Ich will nicht noch einmal erleben, dass du mich anlügst, Leila, haben wir uns da verstanden? Du bist deine Privilegien sonst ganz schnell los. Was meinst du, was passiert, wenn ich den Preis für dich senke?" Ihre Augen weiteten sich panisch, was ihm nur ein selbstzufriedenes Lächeln entlockte. „Wir verstehen uns also", stellte er fest. „Sehr gut, denn wenn jemand so viel Gold für dich auf den Tisch legt, dann wirst du für ihn auch die Beine breit machen, wenn er das will. Was auch immer dieser Kerl von dir verlangt, tu es und behaupte ja nicht noch einmal so etwas, wenn es nicht stimmt. Du wusstest von Anfang an, dass es diese Hinterzimmerjobs gibt und dass sie dich genauso treffen können. Jetzt raus mit dir! Sieh zu, dass du morgen wieder ansehnlich für die Bühne bist."
Mit diesen Worten entließ er sie, gab ihr noch einen groben Schubs in Richtung Tür und Astoria beeilte sich, den Raum zu verlassen. Ihr Puls schlug in einem hektischen Takt, während ihr klar wurde, was das hieß. Sie würde Malfoy wiedersehen, wenn er das wollte und sie hatte nichts und niemanden, an den sie sich wenden konnte, wo sie hin konnte. Ein ohnmächtiges Gefühl ergriff von ihr Besitz.
Draco war erleichtert gewesen, als er festgestellt hatte, dass Astoria keine Dummheit begannen hatte und einfach über Nacht verschwunden war. Hier drinnen war sie immerhin sicherer als auf der Straße. Das hieß, noch war sie hier sicherer. Eine Frage der Zeit, sonst nichts. Aber er hatte sie doch sehr erschreckt.
Egal, wie er es ihr gesagt hätte, sie wäre verstört gewesen und er hatte nun mal nicht damit gerechnet, dass sie... dass sie ihm jemals mehr anbieten würde als das Tanzen. Zumindest nicht so nachdrücklich und Himmel noch mal, er war auch nur ein Mann! Er verzehrte sich schon so unglaublich lange nach ihr, plötzlich war sie auf seinen Schoß gerutscht und... Er schüttelte den Kopf. Darum ging es jetzt nicht und dafür hatte er jetzt auch gar keine Zeit, denn die Tür öffnete sich und Astoria betrat den Raum. Sie schloss den Durchgang nur sehr langsam und sah sich aufmerksam, geradezu wachsam, um. Sie wirkte wie ein witterndes Tier. Die Veränderungen entgingen ihr natürlich nicht, dafür waren sie zu gravierend und sie zog irritiert die Nase kraus.
Die Kugellampen verbreiteten kein Dämmerlicht, sondern erhellten den Raum in einer normalen Stärke. Die Stange und das Podest waren verschwunden, ebenso das Sofa. Stattdessen befanden sich dort zwei Sessel.
Die junge Hexe blieb stehen und musterte den Mann, der dort in einem der gepolsterten Sessel saß und sie gleichfalls betrachtete. Draco erhob sich und Astoria versteifte sich unwillkürlich. Der Zauberer zeigte seine leeren Hände, griff betont langsam nach seinem Mantel, tat ein paar Schritte und hielt ihr seine Jacke hin. Sie zog die Brauen skeptisch zusammen.
„Willst du dich wirklich nur in Unterwäsche unterhalten?", fragte er nach.
„Unterhalten oder unterhalten, Malfoy?", schnappte sie bissig, so als hätte er sie in eine Ecke gedrängt.
„Zieh dir was über, dann können wir reden", forderte er und streckte ihr den Mantel wiederholt entgegen. Schließlich griff sie nach dem Kleidungsstück und riss es Draco schon beinah aus der Hand. Sie warf ihn etwas widerstrebend über – nicht bereit sich selbst einzugestehen, dass sie sich so bedeckt wohler fühlte – und ließ sich auf der Kante des Sessels nieder.
Astoria traute dem Ganzen nicht. Sie traute Malfoy nicht. Wie sollte sie auch einem Todesser vertrauen können? Hier und jetzt, in genau diesem Moment kam sie schlicht und ergreifend einfach nicht raus, sonst wäre sie schon längst geflohen. Sie musste ihren Weggang, wie sie es bei sich nannte, planen und vorbereiten, um nicht in noch größere Schwierigkeiten zu geraten.
Die Tänzerin setzte ihre Maske auf, diesen emotionslosen, unterkühlten Ausdruck, hob den Kopf im Versuch möglichst unnahbar zu wirken. Sie würde Malfoy nicht die Genugtuung gönnen, ihm sichtbar irgendeine Art von Macht über sie zu erlauben. Immerhin war sie eine Greengrass und hatte ihren Stolz. Wenn sie untergehen würde, dann mit erhobenem Haupt. Dieser Vorsatz und die Fassade änderten allerdings nichts am ängstlich-nervösen Zittern in ihrer Brust.
Sie räusperte sich und wies den Magier darauf hin: „Du wolltest reden." Sie betonte das letzte Wort mit Nachdruck.
Draco nickte stumm, lehnte sich zurück und überschlug die Beine. Er fixierte sie mit seinen hellgrauen Augen.
„Malfoy, was hast du zu sagen?"
Mit den Ellenbogen auf den Knien beugte er sich vor, legte das Kinn auf den gefalteten Händen ab und behielt sie dabei stets im Blick. Astoria presste die Lippen fest zusammen und wartete ab.
„Ich möchte, dass du mit mir kommst", sagte er ganz ruhig.
Die brünette Frau spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog und für einen Augenblick aussetzte. Ihre schmalen Finger krallten sich in den teuren weichen Stoff des schwarzen Mantels.
„Warum sollte ich das tun?", rang sie sich ab. War sich bewusst darüber, dass sie entgegen aller Anstrengungen wie ein trotziges verängstigtes Kind klang. Sie hatte ihre Mimik im Griff, aber nicht ihre Stimme.
„Welche Wahl hast du?", erwiderte er mit einer schier unverschämten Gelassenheit.
Astoria verzichtete auf eine Antwort. Stattdessen vergrub sie die Fäuste in den tiefen Taschen. Sie stockte, als ihre Finger einen Gegenstand ertasteten, sich um ein Kästchen schlossen.
„Das hier ist keine Lösung für die Ewigkeit, Astoria. Wenn ich dich erkannt habe, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Falsche herausfindet, wer du bist."
„Nenn mich nicht so!", fuhr sie ihn an, verkrampfte sich und konnte nur schwer dem Impuls widerstehen, sich versichernd umzuschauen. Sie gestand es sich nicht gerne ein, aber er hatte recht. Sie hatte immer gewusst, dass die Bar ihr nicht für immer einen Unterschlupf bieten würde, aber es war etwas völlig anderes, nun direkt damit konfrontiert zu sein. Dazu noch Rouvens Ärger im Nacken.
„Warum sollte ich mit dir gehen?", wiederholte sie ihre Frage und beobachtete, wie Draco sich zurück in die Polster sinken ließ, hörbar ausatmete und leicht den Kopf schüttelte, als würde er mit einem uneinsichtigen Gör diskutieren. Der ehemalige Slytherin schien einen Moment zu überlegen.
„Du bist ein Todesser", murmelte Astoria und umklammerte die kleine Schatulle noch fester. Es war ein Vorwurf, einer der ihr schon viel zu lange auf der Seele brannte. Sie benahm sich vermutlich wirklich wie ein dickköpfiges Kind, aber die Situation überforderte sie. Sie wusste weder vor noch zurück.
Dracos Augen verengten sich zu missbilligenden Schlitzen und er richtete sich auf.
„Es gibt mehr als Gut und Böse, Astoria. Zwischen Schwarz und Weiß existiert eine ganze Palette an Graustufen. Die Welt teilt sich nicht in gute Menschen und Todesser. So einfach ist das nicht."
Erneut bildeten ihre Lippen einen schmalen, blutleeren Strich, was Draco dazu veranlasste wiederholt den Kopf zu schütteln. Er forderte: „Hol das Kästchen aus der Tasche."
Nochmals schloss sich ihre Faust fester um den kleinen Gegenstand, so dass die Ecken schmerzhaft in ihre Handfläche stachen. Langsam holte sie es hervor und klappte es auf, als Draco knapp, aber auffordernd nickte.
Die Kette, die er ihr gestern schon dargeboten hatte.
„Was soll ich damit?", fragte sie so kühl und distanziert wie möglich.
„Ich weiß, dass du nicht dumm bist und ich weiß, dass du Alte Runen hattest."
Ihr Mund öffnete sich, aber ihre Frage kam nicht heraus. Das musste sie auch gar nicht. Der blonde Todesser wusste auch so, was ihr auf der Zunge brannte.
„Woher ich das über dich weiß?" Leichtes Amüsement schwang in seiner Stimme mit.
„Wir waren im gleichen Haus, aber wir hatten rein gar nichts miteinander zu tun. Du hattest ja nicht mal Kontakt zu…", sie stockte, „… meiner Schwester."
„Das heißt nicht, dass du mir nicht aufgefallen wärst", stellte er klar. Auch die daraus resultierende Frage musste sie nicht stellen, sie war ihr deutlich anzusehen und so fuhr Draco fort: „Du bist mir tatsächlich erst relativ spät ins Auge gefallen. Kurz nach den Sommerferien in diesem – nennen wir es verhängnisvollem Schuljahr. Du warst gerade mal in der vierten Klasse, eigentlich vollkommen uninteressant. Du bist vorher nie groß in Erscheinung getreten, aber an diesem einen Abend, als du mit Daphne gestritten hast, da hattest du die Aufmerksamkeit des gesamten Gemeinschaftsraums. Ich weiß nicht, ob dir das in deiner Wut so bewusst war, aber jeder hat diese Auseinandersetzung mitbekommen. Hut ab, du hast deine große Schwester damals verbal in die Knie gezwungen. Von da an hatte ich ein Auge auf dich. Ich weiß, dass du klug bist, ich weiß, dass du normalerweise sehr beherrscht bist und ich weiß, dass du extrem schlagfertig sein kannst. Eine interessante Mischung. Sehr viel interessanter als die anderen Mädchen."
Astoria bemerkte gar nicht, wie ihr stumm einige Tränen über das Gesicht rannen. Ihre Unterlippe bebte und ihre Finger krampften sich steif um den Schmuck, den sie festhielt.
„Meine Schwester", hauchte sie erstickt. Das war alles, woran sie jetzt denken konnte. „Was habt ihr mit ihr gemacht?"
Ein unterdrücktes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle und Dracos Blick wurde weicher, schon mitleidig.
„Das… willst du nicht wissen", wich er beschämt aus.
„Ich muss", flüsterte sie und gestand, mehr an sich selbst gerichtet: „Die Ungewissheit verfolgt mich und bringt mich um den Schlaf."
Ihre hellbraunen Augen hefteten sich auf den Anhänger. Die Runen für Schutz.
Sie zog scharf die Luft ein und schreckte zusammen, als sich Dracos so viel größere Hände um ihre legten. Seine Haut war angenehm warm. Er hatte sich vorgebeugt und der würzige Kräuterduft mit der unterschwelligen Zigarettennuance stieg ihr in die Nase.
„Ich war nicht bei dem Überfall dabei. Ich bin erst sehr viel später zu den Beauftragten gestoßen. Sehr viel später, zu spät."
„Meine Schwester, Draco", krächzte sie.
Er hielt den Blick auf ihre zitternden Finger und die Kette gerichtet, schluckte schwer und sprach mit dumpfer Stimme weiter: „Sie haben sie gefoltert und sie… Sie haben ihr schlimme Dinge angetan. Astoria, zwing mich nicht, dir wirklich die grausamen Einzelheiten zu berichten. Es war… Der Tod war eine Erlösung für sie. Glaub es mir und ich…" Er hob den Kopf, atmete hörbar durch und beteuerte: „Ich will nicht, dass sie dir das Gleiche antun."
Der junge Magier spürte, wie die Kraft aus ihr wich. Ihre permanente Anspannung – natürlich hatte er es bemerkt, auch wenn sie sich alle Mühe gab, es zu überspielen – sackte regelrecht weg. Im gleichen Maße sank die Dunkelhaarige in den Polstern zusammen. Dracos Mantel wirkte mit einem Mal viel zu groß für sie.
„Komm mit mir, bitte." Der Hauch eines Flehens schwang in seinen Worten mit, aber sie reagierte nicht darauf. Ihr Blick war leer und abwesend, stumpf. Draco ertrug diesen Ausdruck kaum. Das war noch schlimmer, als die Angst und das Misstrauen, die zuvor immer wieder aufgeblitzt waren. Er rutschte von seinem Sessel, ging vor ihr in die Hocke und schloss seine Hände noch ein wenig dichter um ihre. Konnte nicht widerstehen und hauchte einen zarten Kuss auf ihre Fingerknöchel. Das Zittern hatte aufgehört.
„Wenn du hier bleibst, werden sie dich irgendwann finden und dich töten. Für Rouven bist du eine Ware. Eine wertvolle Ware, aber nicht unersetzbar und alleine da draußen werden sie dich auch finden und töten."
„Und wenn ich mit dir gehe, werde ich leben?" Ihre Stimme klang merkwürdig hohl.
Wahrheitsgetreu zuckte Draco mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, aber es wäre eine Chance."
Ihre Augen, aus denen weiterhin stille Tränen rannen, hefteten sich auf ihn. „Warum sollte ich dir trauen, Draco Malfoy?"
Er erwiderte ihren Blick, schaute sie direkt an und antwortete: „Weil ich dich schon längst hätte verraten können, es aber nicht getan habe. Weil ich dich mit meinen Geschenken weder verwünscht noch vergiftet habe, obwohl ich es gekonnt hätte. Weil ich mir sehr viel Gold hätte sparen können, wenn ich dich sterben sehen wollen würde und weil ich mein eigenes Todesurteil gesprochen habe, indem ich dich bitte, mit mir vor diesem Wahnsinn fortzulaufen." Er ließ ein kurzes, beinahe verzweifeltes und unsicheres Lachen hören. „Ich kann dir nicht garantieren, dass ich dich schützen kann, aber ich kann es versuchen."
Astoria zögerte. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er hatte recht, das konnte sie nicht schön reden. Er hätte sie längst ausliefern können, sie töten können. Er hätte das alles einfacher und günstiger haben können. Rouven, das wusste sie spätestens seit gestern, war auf Dauer auch keine Lösung. So sehr sie es sich auch eingeredet hatte, aber der zwielichtige Barbesitzer würde sich ihrer entledigen, würde sie zu viele Probleme machen oder ihm irgendwie zur Last fallen. Einen gewissen Schutz bot er ihr, ja, aber der hatte klar definierte Grenzen. Alleine würde sie auf der Straße nicht weit kommen, schon gar nicht ohne ihren Zauberstab und den hatte sie schon lange nicht mehr. Rouven hatte ihr natürlich keinen neuen besorgt. So waren seine Mädchen noch abhängiger von ihm, als sie es sowieso schon waren.
Tief durchatmend löste Astoria ihre Hände aus Dracos sanftem Griff und nahm das Amulett, um es eingehend zu betrachten. Schutz. Schriftmagie war nicht die stärkste Art von Zauber, aber sehr alt und unterstützend. Der Träger der Kette wäre nicht vollkommen sicher, aber eine Aura der Deckung würde sich um ihn legen.
„Komm mit mir", flehte Draco nun auf den Knien. In seinen grauen Augen standen drängendes Bitten, Angst und… Ehrlichkeit. Er war wirklich besorgt um sie. Er riskierte sein Leben für sie. Draco Malfoy war vor ihr zu Boden gesunken und zeigte Gefühle. Sie wägte ihre Möglichkeiten ab und hakte noch nicht vollends überzeugt nach: „Und die Gegenleistung?"
Er schaute sie einen kurzen Moment mit unergründlichen grauen Augen an. „Was habe ich bisher großartig von dir verlangt?" Erneut ergriff Draco ihre Hand, schloss sie um den Anhänger und drückte seine Lippen gegen ihre Finger. „Ich zwinge dich nicht, ich bitte dich lediglich. Mehr kann ich nicht tun", beteuerte er leise. Eine Nuance von Verzweiflung schwang mit.
Astoria schwieg, biss so hart auf ihre Unterlippe, dass es schmerzte, schloss die Lider und atmete kurz, aber hörbar ein. „Wann?", war alles, was sie noch fragte und schalt sich innerlich, dass sie verrückt sein musste.
Spinner's End war ein trauriger Ort. Düster und einsam, aber es kam Draco nicht so kalt vor, wie das Manor. Nun, auch sein Zuhause war ihm früher nicht abweisend vorgekommen, aber das war lange her. Snape hielt sich oft und viel auf dem Landsitz auf, aber er lebte hier in diesem unscheinbaren Haus.
Draco stand am Wohnzimmerfenster und beobachtete die dicke graue Wolkendecke am Himmel. Fahle Flocken rieselten vereinzelt herab. Der Schnee auf den Gehwegen war verharscht vom eisigen Wind oder bildete graubraunen Matsch auf den Straßen.
Snape, der sehr gerade in seinem Sessel saß, den Tagespropheten zusammengefaltet neben sich liegend, musterte seinen Patensohn nun schon eine ganze Weile. Draco hatte noch nicht ein Wort darüber verloren, warum er hier war. Aber es konnte nichts angenehmes sein. Der letzte Malfoy'sche Besuch in seinem Heim war Jahre her und hatte ihn mit einem unbrechbaren Schwur an Narzissa gebunden. Es bedeutete nie etwas Gutes, wenn ein Malfoy einen Fuß nach Spinner's End setzte.
Der schwarzhaarige Zauberer rieb sich die Nasenwurzel zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war ja nicht so, als hätte er nicht noch ganz andere Probleme, mit denen er sich seit geraumer Zeit auseinandersetzen musste. Potter und der Rest des Ordens waren unauffindbar, der Dunkle Lord wurde immer ungeduldiger und damit unberechenbarer. Nun auch noch Draco, der beharrlich schwieg.
„Es geht um sie?", stieß Severus schließlich vor, sprach in seiner gewohnten gedehnten Art.
„Liest du meine Gedanken?", fragte der Jüngere.
„Mit Nichten, Draco. Legilimentik und Okklumentik sind zwei Dinge, die ich gekonnt beherrsche, aber ich weiß, durch welche harte Schule du gegangen bist. Bellatrix hat dich gelehrt deinen Geist zu verschließen. Du hättest es gemerkt, hätte ich versucht in deine Gedanken einzudringen."
Ein kritischer Seitenblick aus schmalen hellgrauen Augen traf den Zaubertrankmeister.
„Es ist offensichtlich, dass es eine Frau ist, die dir Kopfzerbrechen bereitet. Das weiß nicht nur ich, sondern auch dein Vater und das nicht erst seit gestern, falls du dich erinnerst. Lucius ist nicht dumm, jedoch", er machte eine effektvolle Pause, so dass Draco sich von der Aussicht ab- und ihm zuwandte, „war er nicht dein Lehrer. Ich habe in Hogwarts bemerkt, wie du ihr nachgeschlichen bist, wie du wie zufällig immer in ihrer Nähe aufgetaucht bist. Es hätte mich sehr gewundert, hätte sich die kleine Miss Greengrass einfach so töten lassen. Ein scharfsinniger Geist. Etwas eigen und dickköpfig, allerdings meist auf eine unterschwellige Art. Eine Frage der Zeit, wann sie deine Aufmerksamkeit erregen würde und es war ein denkbar schlechter Punkt dafür." Er bedachte den jungen Magier mit einem wissenden Blick, bevor er sich erkundigte: „Du hast sie wiedergetroffen?"
Der blonde Zauberer verzog verstimmt die Lippen. Das war keine Frage, sondern eher eine Feststellung gewesen, das hatte er deutlich herausgehört und er hasste es, wenn sein Pate in ihm las, als wäre er ein offenes Buch. Eine Eigenschaft, die Snape so gefährlich und schwer einschätzbar machte. Er verstand es, Menschen wortwörtlich zu lesen. Dafür brauchte er nicht zwingend Legilimentik.
Stumm nickte er zur Bestätigung.
„Und was erwartest du nun von mir?", erkundigte sich Severus in mäßig interessiertem Ton.
Draco zog abwesend seine Zigaretten aus der Tasche, als er sich jedoch eine zwischen die Lippen steckte, fing er den missbilligenden Ausdruck seines ehemaligen Lehrers auf. Er schob das Päckchen zurück in die Hose. Nicht wissend, was er jetzt mit seinen Händen anfangen sollte, vergrub er sie in dem geöffneten Mantel.
„Bring Mutter und Vater fort", kam er schließlich auf den Punkt, ohne den Anderen dabei anzusehen. Sein Fuß scharrte über den Boden.
Snapes Augenbrauen schossen in die Höhe und er konnte den genervten Seufzer nicht zurückhalten.
„Draco, das ist…", setzte er an.
„Gefährlich, ich weiß. Ich kann Astoria nicht einfach da sitzen lassen und warten, bis sie irgendwer anders findet. Mutter und Vater müssen ebenfalls weg. Du verstehst das nicht!", fauchte er gereizt.
„Ich verstehe das besser, als du dir vorstellen kannst, du Narr", wies der Ältere ihn zurecht und gleichzeitig war ihm bewusst, dass er gegen eine Wand redete. Dracos Gesicht nahm eine trotzige Miene an.
„Ich bitte dich nicht um einen unbrechbaren Schwur. Du hast Mutter damals versprochen, mich zu schützen und nun möchte ich, dass du sie in Sicherheit bringst. Egal wohin, nur weg."
„Du begehst Verrat", rief Severus ihm ins Gedächtnis.
„Wie soll ich etwas verraten, hinter dem ich nicht voll und ganz stehe? Er bedroht meine Familie, er bedroht Astoria. Wenn du mich wirklich verstehst, wie du sagst, dann kannst du mir diesen Wunsch nicht abschlagen."
Der Tränkemeister lehnte sich zurück in den Sessel und schüttelte den Kopf. Draco war ein dummer Junge, ein verliebter Narr und doch… Ja, er konnte es nachvollziehen. Snape kannte sich mit Verrat in jedweder Hinsicht aus und er wusste, wie viel ein Mensch jemandem bedeuten konnte. Lily…
Sich zusammenreißend drehte er sich zu seinem Patensohn. Dieser schaute ihn mit dem gleichen flehenden Blick an wie Narzissa damals, nur ohne die Tränen.
„Gib mir ein wenig Zeit", murrte Severus schlussendlich.
Es war Januar. Kalt, der Wind peitschte den Eisregen durch die dämmrigen Straßen. Niemand, der nicht unbedingt musste, traute sich bei diesem Wetter vors Haus, aber die junge Hexe, die aus der Hintertür eines einschlägigen Etablissements hinaus in die Nokturngasse trat, hatte keine Wahl.
Astoria zog die Kapuze des schwarzen Mantels weit in die Stirn, ihr Gesicht verbergend.
Sie wusste nicht genau, was Draco eingefädelt hatte, sie wusste nur, wann und wo sie ihn treffen sollte. Es war Wahnsinn, was sie hier tat, das war ihr bewusst. Aber es war eine Zeit voller Wahnsinn, er sprang einen an jeder Ecke an. Sie hatte lange überlegt, war oft kurz davor gewesen, alles hinzuschmeißen, aber hierbleiben hieß, irgendwann gefunden zu werden. Weglaufen hieß, alleine zu sterben. Die größte Chance war, mit ihm fortzulaufen. Keine enorme Chance, aber immerhin war es eine. Wie hoch auch immer sie sein mochte, es war ein Strohhalm, nach dem sie greifen konnte. Astoria hatte die Wahl zwischen dem Tod und dem Sterben. Der einzige Unterschied war der wahrscheinliche Zeitpunkt ihres Ablebens.
Den Umhang eng um ihre schmalen Schultern gezogen und sich wachsam umsehend, schritt sie los.
Sie erreichte den vereinbarten Ort nie.
Sie war nicht gekommen. Sie war einfach nicht aufgetaucht.
Draco hatte gewartet und gewartet und gewartet. Schließlich hatte er einen notdürftigen Wärmezauber über sich gelegt. Trotzdem war sein Mantel mit winzigen Kristallen überzogen, als er die Bar betrat. In seine Brust hatten sich Panik und Beklommenheit eingenistet.
Hatte sie lediglich einen Rückzieher gemacht und war noch hier oder war ihr etwas passiert? Hatte sie sich doch alleine davon gemacht?
Festentschlossen genau das herauszufinden, drängte sich Draco zur Theke durch. Das Eis auf seinem Umhang begann zu schmelzen, machte ihn nass und schwer. Den Kopf gesenkt haltend, hob er leicht die Hand, als der Barkeeper in seine Richtung blickte.
Der Barmann kam allerdings nicht dazu, sich nach seinem Wunsch zu erkundigen, denn da schob sich die drahtige Gestalt von Rouven dazwischen. Wie immer hatte der Eigentümer der Lokalität das schwarze Haar zurückgebunden. Sein Ausdruck war geschäftsmäßig. Er stützte die Hände auf der Theke ab und musterte den schwarz vermummten Kerl vor ihm fragend.
„Ich will zu ihr", erklärte Draco mit rauer Stimme. Sein Herz raste unregelmäßig und seine Hände waren feucht vor Aufregung. Seine Finger strichen versichernd über das Holz seines Zauberstabs. Seine Kehle schnürte sich zu aus Angst vor der Antwort. Es durfte nicht alles umsonst sein. Severus war gerade dabei, seine Eltern an einen sicheren Ort zu bringen. Ein schwieriges Unterfangen. Lucius hatte in den letzten Wochen geahnt, dass etwas in seinem Sohn vorging, aber weder Draco noch sein Patenonkel hatte ihn oder gar Narzissa eingeweiht.
Während sich der blonde Mann noch ausmalte, wie seine Mutter Snape Probleme aufgrund des Verbleibs ihres Jungen machen würde, bemerkte er nicht, wie Rouven einen schnellen, fast schon flüchtigen Blick über seinen Kopf hinweg in eine Ecke am Ende der Bar warf.
Ein Mann mit Raubvogelgesicht löste sich aus dem Schatten, schaute prüfend zum Ausschank und rieb sich drei Mal wie zufällig über den ergrauten Hinterkopf. Daraufhin erhob sich eine gleichfalls schwarz gekleidete Gestalt von einem der Tische und steuerte den Tresen an.
„Astoria ist heute leider nicht verfügbar", erklärte Rouven lauernd.
Entsetzt ruckte Dracos Kopf nach oben, Mund und Augen fassungslos aufgerissen. Ein qualvoll brennender Schmerz jagte durch seinen Leib, durchstach seine Magengegend. Erst als etwas mit einem Ruck aus seinem Rücken entfernt wurde, realisierte er, dass jemand von hinten in seinen Körper gestochen hatte. Schwerfällig wandte der Blonde den Kopf und erblickte ein pockennarbiges und grobschlächtiges Gesicht, das ihm nur allzu vertraut war. Rookwoods spröde Lippen verzogen sich zu einem grausamen Lächeln. In der rechten Hand hielt er nicht seinen Zauberstab, sondern ein Stilett mit blutroter Klinge.
„Dachtest du wirklich, wir hätten keine Spitzel, die deine Blutsverräteraktivitäten im Auge behalten?", schnarrte er gehässig grinsend.
Alles begann vor Dracos Augen zu verschwimmen, benommen sank er zu Boden, fand keinen Halt an der Theke oder den Hockern, seinen Stab bekam er nicht zu fassen. Seine Hände glitten kraftlos ab, während sich das Blut in seine inneren Verletzungen ergoss.
Ich weiß es nicht, aber es wäre eine Chance. – Mehr hatte er gar nicht versucht ihr zu versprechen, war nicht zu mehr als dem Angebot einer Chance fähig gewesen und doch hatte er ihr nicht einmal das geben können. Eine Chance… Nur eine Chance… Astoria… hallte es in seinen Gedanken.
Rookwoods höhnisches Lachen klang noch in seinen Ohren nach, bis er endgültig das Bewusstsein verlor.
ENDE
Sodele, ihr Lieben, das war es dann wohl mit dieser kleinen Geschichte.
Es freut mich sehr, dass ihr sie gelesen habt und hoffe, ihr hattet Spaß dabei, auch wenn es kein Happy End für Draco und Astoria gibt...
Wer jetzt Steine nach mir werfen will, immer zu. Aber lasst mich zu meiner Verteidigung wenigstens anbringen, dass ich ein Sad End hier einfach passender fand xD
