Kapitel 3, Part 7
Die Schwärze um mich herum und das seltsame Gefühl zu Fallen verschwand ebenso schnell, wie es gekommen war. Ich schloss die Augen und schützte meinen Kopf auf meine Hände, bevor ich mir schwor niewieder so viel zu trinken. Erst dann merkte ich, dass ich auf dem Boden lag. Verwundert hob ich den Kopf. Ma bot mir ihre Hand an und half mir hoch. Doch die Hand gehörte auf keinen Fall Ma - und der Körper schon gar nicht. Denn ich stand plötzlich vor einer alten schrulligen Dame, die wütend auf mich runter sah.
Ich schrie erschrocken auf. Wer war das denn? War das etwa eine von meinen entfernt verwandten Tanten, die wegen meinem Geburtstag von sonst woher angereist waren? Nein, denn wo war Ma? Und warum war die Tür anders. Und warum ...?
»Ich habe euch Lausebengeln doch schon gesagt, dass ihr hier nichts zu suchen habt. Ich werde euch verdammten Bettlern kein Geld geben und ihr dürft nicht vor meiner Tür schlafen! Frechheit!«, rief sie und packte mich grob am Arm. Erschrocken wischte ich mir (mit meiner anderen freien Hand) die restlichen Tränen von dem Gesicht. Was zu Hölle?
»Aua! Hey, geht's Ihnen noch gut? Lassen Sie mich los!«, rief ich und versuchte mich ihrem Griff zu entwinden.
»Du bist ja ein Mädchen! In Hosen, hast du denn gar keinen Anstandt?« Was? Hose tragen...?
Und dann viel der Groschen. Alles war anders, weil unser Wohnblock erst 1980 erweitert wurde. Die Frau war entsetzt, dass ich eine Hose trug, weil erst 1920 einige Frauen anfingen Hosen zu tragen. Mein Gehirn arbeitete auf Hochturen und mein Herz fing plötzlich an laut zu schlagen. Ich ... - war ich in der Vergangenheit?
»Ähm, hehe ... welches Jahr haben wir denn?« fragte ich sie etwas verlegen. »Madame«, fügte ich noch schnell hinzu.
Zuerst blickte die Frau verdutzt, dann zog sie verärgert die Augenbrauen zusammen.
»Hör ja auf, du freche Göre! Verhonigpipeln kann ich mich selber! Du kommst nun erst mal mit mir mit, wir bringen dich zur Polizei!« Was? Nein, ich musste unbedingt im Haus bleiben, bis ich wieder zurücksprang. Das hatte Pa immer ausdrücklich gesagt, denn hier war ich sicher, nur draußen nicht. Ich könnte von einer Straße im 18 Jahrhundert (oder im welchen Jahr ich mich auch befand) auf einem Dach im 21. landen. Ich dürfte auf keinen Fall aus dem Haus!
»Hören Sie«, stammelte ich, wobei ich völlig die richtige Anrede 'Euch' missachetete. »Ich bin hier nur aus Zufall gelandet, eigentlich war ich gerade noch zu Hause und ich...«
»Ach du meine Güte, verrückt ist sie auch noch!«, murmelte die Frau.
Nun ja, ich konnte es ihr nicht verübeln, dass sie mich für verrückt hielt. Ich hätte mir auch nicht geglaubt!
Plötzlich rumorte es in meinem Magen und ich hatte das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen, so übel wurde mir. Erschrocken stieß ich die Frau weg und taumelte. Dann verschwamm alles vor meinen Augen und es wurde schwarz.
Unsanft landete ich auf meinem Rücken und stieß hart mit dem Kopf auf den Boden auf. Benommen stützte ich mich auf die Ellenbogen und sah mich um. Ja, jetzt war alles wieder normal: Eine grüne Fußmatte vor der Tür, eine elektrische Klingel, eine Topfpflanze im Eck.
»An der Landung müssen wir noch üben«
Ich zuckte zusammen. Die Stimme kam wie aus der Luft. Einen kurzen Augenblick dachte ich an Geister.
»Ich bin's nur. Entschuldigung, ich wollte dich nicht erschrecken.« Pa (ja, ein Mensch Gwenny, natürlich ein Mensch! Dummkopf!) beugte sich über meinen Kopf. Dann reichte er mir seine Hand. »Komm steh auf«
Ich ergriff sie und nicke - was ich sofort wieder ließ, den mein Kopf tat noch vom Aufprall mit dem Boden weh. Dann stand ich etwas wackelig da und Pa blickte mir fest in die Augen.
»Du bist geschockt.«, stellte er sachlich fest. Ich lächelte schwach, plötzlich zu müde um zu antworten. Mein Vater legte mir liebevoll einen Arm um meine Schulter.
»Lass uns reingehen, du wirst schon erwartet.«
Wie in Trance fühlte ich, wie ich in die Wohnung geführt wurde. Etwas in mir zog an meinem Herz. Und plötzlich stützte die erschütternde Erkenntniss, dass ich in der Vergangenheit gewesen war, das [i]ich[/i] die Genträgerin war, auf mich ein. Denn auch wenn ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, jemand anders - nämlich Charlotte - wäre der Rubin nur bei 5% lag, waren es immernoch 5%, die mich hoffen ließen. Hoffen ließen, auf ein [i]normales[/i] Leben - soweit das möglich war, mit Zeitreisenden als Eltern und Unsterblichkeit für die Schwester und sich selbst. Ein Leben, in dem ich nicht mehr wissen wusste, wer König von England im Jahr 1720 war (ganz Nebenbei: Georg I) oder wie man einen Fächer hielt, ohne dem Gegenüber in Ohnmacht fallen zu lassen, weil du ihm die Nachricht übermittelt hattest, du würdest gerne mit ihm Nacktbaden gehen oder soetwas Obskures. All das hätte ich hinter mir lassen können, doch nun … Jetzt gabs kein zurück mehr, jetzt waren die restlichen 95% eingetreten. Ich - und daran gab's keinen Zweifel - war der Rubin.
Als wir das Wohnzimmer betraten, sah ich Ma auf der Couch sitzen, eine tränenüberströmte Rebecca auf ihren Schoß. Pa räusperte sich und beide blickten auf.
»Siehst du, Schatz? Da ist Gwenny wieder!« sagte Ma und streichelte beruhigend über Beckys roten Lockenkopf. Becky zog die Nase hoch und wischte sich die Tränen von den Wangen. Ich lief auf sie zu und nahm sie in den Arm. Plötzlich fühlte ich mich richtig mies.
»Ich hab gedacht, du bist für immer weg!« schluchzte Becky in meinen Pullover und schlang die Arme noch fester um mich. Ich drückte sie an mich und eine Träne rollte mir über die Wange.
»Ich würde doch niemals einfach weggehen!«, ich lachte, weil sie einfach zu süß war. »Und wenn, dann würde ich dich mitnehmen!« sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Meine kleine Schwester schniefte und lächelte zaghaft.
»Versprochen?«
»Versprochen«
Spätabens trottete ich noch in die Küche, um mir mein Abendessen aus dem Kühlschrank zu holen.
Plötzlich tauchte Xemerius neben mir auf und flatterte auf den Thresen, wo er sich auf seinen Hintern plumpsen ließ.
»He! Du hast ja einen Hund!«, kreischte er und schaute auf Ruby, die sich auf ein paar alten Handtüchern, die Ma ihr hingelegt hatte, gemüdlich gemacht hatte. Ich lachte und nahm mir eine Gabel aus der Schublade.
»Ja, aber lass sie loß in Ruhe!«, warnte ich ihn. Der kleine Dämon verschränkte seine Vorderbeine vor die Brust und schon seine Unterlippe vor - was anscheinene schmollend aussehen sollte, aber eher einer wütenden Bestie glich, da seine Lippe erst mal zwischen seinen Fangzähnen vorbei musste und so etwas zerquetscht aussah.
»Ach Menno!«, kiektste er entrüstet und seine Stimme wurde zwei Oktaven höher. Ruby bewegte sich im Schlaf und ihre Ohren zuckten. »Hier passiert nie was aufregendes, da wäre doch ein verrückt gewordener Hund eine schöne Abwechslung!«
»Wenn du wüstest«, murmelte ich und holte mir den Teller mit der restlichen Lasagne von heute raus.
»Bittööö, bidde biddee!«, maunzte er und flog mir nach als ich zur Tür ging.
»Nein!«, sagte ich jetzt leicht genervt und fuchtelte genervt mit der Hand, um ihn zu verscheuchen.
Er ließ einen jämerlichen Schrei aus und flog laut schluzend davon. Und natürlich ereichte er genau das: Ruby wachte auf und fing an zu bellen. Blöder Wasserspeierdämon.
Seufend hob ich sie auf und sie hörte auf. Während ich mich mit dem Teller und dem kleinen Welpen wieder auf den Weg in mein Zimmer machte, hörte ich eine leise Stimme aus dem Zimmer meiner Eltern. Ich schlich auf Zehenspitzen näher und lauschte an der Tür.
»Nein, Falk... Ja, ich weiß, wie spät es ist!... Kannst du mich bitte ausreden lassen?« hörte ich Pas Stimme. Ich schaute durchs Schlüsselloch und sah Pa mit dem Telefon in der Hand im Zimmer stehen. Ma schlief schon tief und fest. Ich vermutete mal, dass Pa mit der Wächterloge telefonierte und ihnen etwas über meinen Initiantionssprung erzählte. Ich kicherte leise.
»Gwenny? Was machst du da?« Erschrocken wich ich von der Tür zurück. Becky stand plötzlich hinter mir und zog mich an meinem Nachthemd.
»Nichts, Schätzchen!« flüsterte ich und schob sie den Gang entlang. Ruby fing an in meinen Armen zu zappeln und versuchte an der Lasagne in meiner anderen Hand ranzukommen. »Und was machst du hier, Becks? Du solltest doch schon längst im Bett sein!« Ich sah sie streng an.
»Ich kann nicht schlafen!« murmelte meine kleine Schwester. »Und ich hab Hunger!«
Also nahm ich sie mit in mein Zimmer, wo wir uns die kalte Lasagne teilten. Mittlerweile war es schon nach Mitternacht. Ruby war schon am Fuß vom Bett eingepennt und als Rebecca zum zweiten Mal in einer Minute gähnte schob ich sie vom Bett und gab ich ihr einen Klaps auf den Po.
»Jetzt aber auf ins Bett!« sagte ich zu ihr.
»Ich bin aber noch gar nicht müde«, sagte sie und gähnte wieder.
Lachend brachte ich sie in ihr Zimmer und deckte sie zu.
Später in meinem eigenem Zimmer holte ich mein Handy raus und gab 0-0-7 ein. Nach einer Weile antwortete eine müde Stimme:
»Gwen?«
»Leslie«
Kapitel 3, Part 8
»GWEEEEN!« Leslie kam auf mich zugehechtet, ihre blonden Zöpfe sprangen auf und ab, ihre Schultasche ging ihr nur halb über die Schulter und schlug immer wieder gegen ihren Rücken.
»GWEEENIEE!«, schrie sie und knallte gegen mich. Ohne auf die starrenden Schüler zu achten packte sie mich an den Schultern und schüttelte mich heftig.
»Du!«, würgte sie heraus und atmete tief ein. Ich musste grinsen.
»Hol doch erst mal Luft!«, riet ich ihr und schüttelte ihre Hände ab.
Keuchend nickte Leslie und lehnte sich an mich.
»Ich - bin - zu«, hauchte sie und machte wieder eine Atempause. »viel - zu - schnell - Boah!« Sie holte geräuschvoll Luft. »Seitenstechen!«, stöhnte sie und ließ sich auf die Steinstufen nieder, die einige Schritte hinter uns zur Turnhalle führten.
»Dödel«, neckte ich sie und setzte mich ebenfalls. »Lass mich raten: 'Erzähl mir alles nochmal!'«
Leslie nickte grinsend.
»So - in etwa«
»Hast du mir gestern nicht zugehört?«
»Du meinst heute! Um 1.30 Uhr bin ich nicht bei solchen Nachrichten ansprechbar«
»Okay, also …«
»… und dann war ich plötzlich wieder in unserem Treppenhaus!«
»Und wie ist es so? Das zwischen den Zeiten reisen?«
»Es geht ganz schnell. In einem Moment fühlt sich dein Magen an, als ob jemand reingeschlagen hätte, und im anderen wird alles hell. Und schon ist es vorüber.«, versuchte ich es zu erklären.
»Wow«, hauchte Leslie und starrte mich an. Etwas unwohl drehte ich mich weg. Just in diesem Augenblick ertönte ein scharfer Laut von einer Trillerpfeife.
»Leslie! Gwendolyn!«, schrie uns der Sportlehrer vom anderen Ende der Turnhalle an. »Laufen, nicht ratschen!«
Ich verdrehte meine Augen und beschleunigte mein Tempo.
»Leute, wartet doch mal!« keuchte jemand hinter uns. Grinsend drehten wir uns zu Isabelle um, die leicht verschwitzt uns einzuholen versuchte. Im Gegensatz zu Leslie, die seit sieben Jahren Fußball spielt, und mir (jahrelanges Fechttraining und Leichtathletik) hatte sie keine so gute Kondition.
»Na du? Du bist gestern aber schnell weg gewesen!«, sagte sie und blickte mich fragend an.
»Äh, ich - also …«, stammelte ich. Ich hatte noch niemanden von der Sache mit Holly und Andrew erzählt.
»Stimmt, du bist einfach verschwunden!«, murmelte Leslie und schubste mich in die Seite. »Oh mein Gott! Du und Andrew, ihr habt doch nicht etwa …?«
»Nein!«, rief ich empört. Ich blieb stehen und holte tief Luft. Erwartungsvoll sahen mich meine beiden Freundinnen an. »Mit mir und Andrew ist es aus.«
Und ich erzählte, wie ich die beiden an meiner Party erwischt habe. Wie erwartet ging Leslie los wie eine Bombe.
»Diese Schlampe! Wie kann sie es wagen! Wenn ich die in die Finger kriege, dann werde ich …-«
»Dann wirst du nichts machen! Ehrlich Leslie, es macht mir nichts mehr. Soll sie ihn doch haben. Er konnte sowieso nicht küssen.« Ich grinste.
»Wirklich?«, fragte Isabelle verdutzt. Ich nickte. Es stimmte, plötzlich war Andrew eine meine geringsten Sorgen.
»Aber …-«
»Meine Damen«, flüsterte eine gefährlich wütende Stimme hinter uns, »wenn Sie nicht sofort ihren Hinter bewegen und die fünf Runden fertig laufen, wie alle anderen …!«
»Wiedersehen, James«
»Schon am Gehen, Miss Gwendolyn? Ihr seid aber nicht lange hier gewesen«
»Ähm…« Wie bitte, erklärt man einem Geist, der vor Jahrhunderten gestorben ist, dass zwei Mathestunden ausgefallen sind? »Entschuldigung James, aber ich muss mich beeilen! Meine Mutter wartet wahrscheinlich schon auf mich!«, wimmelte ich ihn ab.
»Natürlich, auf Wiedersehen«, nickte James und verbeugte sich leicht. Leicht genervt knickste ich zurück und lief dann los. Geister können richtig anstrengend sein.
An dem Ausgang traf ich auf Charlotte, die mich verachtend ansah. Heute trug sie ein entzückendes gelbes Sommerkleid, mit Blüschärmeln. Würg.
»Redest du schon wieder mit deinen unsichtbaren Freunden?«, zog sie mich auf und lächelte mich fies an. Offensichtlich suchte sie Streit.
»Lass mich in Ruhe, Charlotte. Wenigstens hab ich Freunde, tot oder lebendig.«, warf ich zurück. »Was man von dir ja nicht behaupten kann!«
Ich ging weiter nach draußen und sie folgte mir. Wütend schubste sie mir in die Seite.
»Nimm das zurück!«, zischte sie.
»Ach ja? Wen denn?«, fragte ich sie spöttisch und blickte mich suchend nach Ma's rotem Cabrio um.
»Mich zum Beispiel.«
Wir drehten uns um. Ich schluckte.
»Gideon!«, rief Charlotte entzückt aus und warf sich um seinen Hals. Ich starrte. Von nah sah er noch viel besser aus.
»Hallo Charlotte.«, murmelte er in gab ihr beiläufig einen Kuss auf die Wange. Sein Blick war fest auf mich gerichtet. Plötzlich merke ich wie ich ihn immer noch anstarre und höre abrupt auf. Charlotte räusperte sich und sah mich giftig an.
»Gideon, das ist Gwendolyn, Lucy und Pauls Tochter.«, sagte sie und lächelte ihn dann zuckersüß an. Wie konnte sie bloß so schnell den Gesichtsausdruck wechseln?
»Gwendolyn«, sagte Gideon, »ich hab schon viel von dir gehört.« Seine unglaublich heiße Stimme verwirrte mich leicht. Doch ich müsste mich zusammen reißen!
»Ist das so?«, entgegnete ich und strich mir die Haare aus dem Gesicht. »Wahrscheinlich nur Schlechtes«
Einen kurzen Augenblick sah er leicht verdutzt aus. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst.
»Nein, im Gegenteil! spricht in höchsten Tönen von dir.«
» hat mich seit fünf Jahren nicht mehr gesehen und könnte nur vom Babysitten erzählen.«, lächelte ich ihn an, »Was wurde dir erzählt? Charlotte, was hast dem armen Jungen von der bösen Gwenny erzählt?«, wandte ich mich meine Großcousine, die plötzlich leicht blass wurde.
»Ich hab garnichts gesagt«, meinte sie spitz und reckte ihr Kinn.
»Schon klar«
»Nun, Charlotte wir müssen dann gehen«, sagte Gideon etwas beschwichtigend.
»Warte mal, Gideon! Nimm es zurück«, drehte sich Charlotte wütend zu mir. »Nimm es zurück, Gwendolyn, das ich keine Freunde hätte«
»Wieso?«
»Nun offensichtlich habe ich ja welche!« Charlotte deutete triumphierend auf Gideon, der nun interessiert zwischen uns hin und her schaute.
»Du denkst, dass ihr beide Freunde seit?«, rief ich entgeistert aus. Ich musste jetzt jedoch aufpassen, dass es bald nicht aus dem Ruder lief. Charlotte war der Teufel selbst und ich würde ihr mal richtig gerne die Meinung sagen.
»Was soll denn das schon wieder heißen? Natürlich sind wir Freunde!«, sagte die Rothaarige, doch ihre Stimme brach leicht und sie warf einen unsicheren Blick auf Gideon.
Früher hätte ich mich nie getraut mich mit der Eisprinzessin zu messen, aber vor einigen Monaten habe ich bemerkt, dass auch Charlotte nicht so perfekt und beherrscht ist, wie sie immer tut.
»Das würde ich aber auch mal gerne wissen«, schaltete sich nun Gideon ein. Überrascht wandte ich mich an ihn und bemerkte plötzlich wie unglaublich grün seine Augen doch waren.
Ich grinste und lehnte mich nah an ihn ran. Ich ignorierte seinen berauschenden Duft und flüsterte geheimnissvoll:
»Könnt ihr zusammen über alles Lachen, den Anderen jederzeit zum Lachen bringen?« Um mich zu Hören hatte er sich auch zu mir rübergelehnt. Plötzlich waren wir uns ziemlich nah. Mein Gehirn fing an zu rasen. Was mach ich bloß? Doch ich ignorierte es.
»Steht ihr Mitten in der Nacht auf, um dem Anderen in jeder Lage zu Helfen?« Ich sah nur ihn.
»Tauscht ihr jeden eurer intimsten Geheimnisse aus?« Ich leckte mir über die Lippen. Ich spielte mit ihm, machte ihn gebannt. Dieser Sexgott starrte mir doch gerade tatsächlich auf die Lippen!
»Was macht ihr, wenn ihr allein seid? Redet ihr je über schmutzige, unausgesprochene Dinge?«, wisperte ich und grinste. Dann lehnte ich mich plötzlich zurück um kicherte. Charlotte sah mich so Goldfisch mäßig an, das gab mir richtig Lebensfreude!
»Ich denke nicht das ihr richtige Freunde seit«, rief ich über meine Schulter zu Gideon zu, als ich zu Ma's Wagen rannte, den ich gerade entdeckt hatte.
»Wo warst du denn?«, fragte Ma, als ich in das Auto stieg.
»Tschuldigung, hatte noch was zu besprechen«, sagte ich und gab ihr einen Kuss auf die Backe.
»Mit wem?«, fragte sie überrascht
»Niemand wichtiges«
Auf dem ganzen Weg nach Hause wirrte es in meinem Kopf nur so mit Fragen. War es Zufall, oder warum sah ich Gideon nun schon zum zweiten mal in einer Woche? War ich zu fies zu Charlotte gewesen? Was sollte er bloß von mir denken? Und obwohl ich ihn nur verarscht hatte, um Charlotte zu ärgern (die ganz offensichtlich in Gideon verknallt war), war da was zwischen uns, eine Art Chemie ...
Hatte er es auch gespürt?
Kapitel 3, Part 9
Nach einer zehn Minutenfahrt nach Hause (sie hält nichts von Geschwindigkeitsbegrenzungen), hatte mich Ma schnell vor der Wohnung abgesetzt und war dann mit wehenden Haaren davongedüst, um Becky von der Schule abzuholen.
Seufzend schleppte ich mich in dir Wohnung, wo ich mich schnell an die Hausaufgaben machte. Pa hatte mir einen Zettel dagelassen, er sei mit Ruby spazieren gegangen.
Als Ma und Becky kamen, aßen wir noch zu Mittag - ich bekam keinen Bissen runter.
»Schätzchen, es tut mir leid, aber ich muss nochmal raus. Ich habe heute noch nicht elapsiert«, sagte Ma und deutete dann auf den Pfefferstreuer. »Kannst du mir bitte das Pfeffer reichen? Und nimm dir bitte noch was vom Salat, du hast ja kaum etwas gegessen«
Becky griff danach und schob ihn Ma rüber. Ich rührte den Salat nicht an.
»Kannst du das nicht später machen wenn wir nach Temple fahren?«, fragte ich.
»Ich will deinen Vater nicht mit den Wächtern allein lassen, um ehrlich zu sein - nicht nach diesem Schlamassel. Ich bleib einfach dort und warte dann auf euch, so muss ich nicht ständig hin und her fahren!«
Ich nickte.
»Natürlich«, murmelte ich und strich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Bleib bitte da.
»Pa sollte auch bald hier sein.«, erzählte Ma weiter. »Inzwischen könntest du dir vielleicht deine Haare waschen, wenn ich das kurz erwähnen darf« Danke, Mutter.
»Darf ich auch mit nach Temple, Ma? Bitte, ich benimm mich auch!«, winselte Becky
»Rebecca, eigentlich nicht …-«
Eine Klicken, viel Bellen und das Geräusch einer zufallenden Tür.
»Ich bin wieder da!«, rief Pa und stapfte in die Küche. »Hallo Mädels«, begrüßte er uns und gab Rebecca and Ma einen Bussi.
»Hallo Schatz«, lächelte Ma und stand auf. »Tut mir leid, aber ich muss sofort wieder los, elapsieren« Pa machte den Mund auf, aber ...
»Tschüss, bis später!«, rief sie und schon war sie weg.
Kurz darauf schlitterte eine etwas feuchte Ruby durch die Tür und sprang mit hängender Zunge an meinen Beinen hoch.
»Hallo meine Süße!« Ich hob sie hoch und drückte sie an mich. EIn Fehler. »Boah! Ruby, du müffelst ja wie Tante Maddys Sherperds Pie (ein englischer Fleischauflauf)!«
»Wie wär's, wenn du sie mal schnell wäschts, Gwenny?«, schlug Pa vor und ich nickte zustimmtend. Dann sah er mich stirnrunzelnd an. »Und dann könntest du dich ja mal selbst mal unter die Dusche stellen«, ergänzte er vorsichtig.
Empört blickte ich ihm nach, wie er schnell die Küche flüchtete, absolut sprachlos. Dann drehte ich mich zu Becky.
»Schau ich wirklich so schrecklich aus?«, fragte ich sie traurig. Lächelnd schüttelte mein Schwester ihren roten Lockenkopf.
»Nein, du bist wunderschön«
Ich kreischte, sprang auf umarmte sie. Das hörte ich gerne!
»Und? Darf ich wieder kucken?«
»Ja, jetzt schon«
»Buh, endlich! Wie lang brauchst du bitte, um dich umzuziehen?!«, kiekste Xemerius und flog unter dem Bett hervor. Ich schnaufte
»Das waren jetzt höchstens zwei Minuten! Für einen unsterblich Geist ist das doch ein Wimpernschlag!«
»Nur weil ich unbegrenzte Zeit habe, heißt das nicht, dass ich sie verschwenden muss!«
»Tz. Wenn ich hier so eine großte Zeitverschwendung bin, warum bist du dann noch hier?«, entgegnete ich und wickelte mir nebenbei meine feuchten Haare in ein Handtuch. Der Dämon setzte sich auf meinen Schreibtisch und legte seine Katzenohren an seinen Kopf. Fehlte nur noch das er seinen Schwanz einklemmte, dann hätte es schon fast süß ausgesehen. Die Fangzähne passten nur nicht dazu.
»Ich darf doch noch bleiben?«, fragte er bittend. Ich drehte mich überrascht um.
»Seit wann fragst du um Erlaubniss?«
»Du hast recht« Er verzog sein Mund zu einem fiesen Grinsen. »Ich bleib einfach«
Super gemacht, Gwenny.
In diesem Moment klingete es an der Tür. Als ich durch den Gang lief, schaute ich noch schnell in Pas Arbeitszimmer.
»Erwartest du jemanden?«, fragte ich ihn.
»Nein, ich dachte du hättest noch Leslie eingeladen? Und eigendlich müssen wir auch bald los nach Temple!«
Seltsam. Doch als ich die Tür aufschwang, erlebte ich ein größe Überraschung.
»Lady Arista?!« Sprachlos stand ich da und starrte sie an. Lady Arista hat uns noch nie buscht, ganz zu schweigen davon, dass sie kaum das Haus verlässt. Was zur Hölle machte sie hier?
»Nun steh nicht nur da und glotz' wie ein toter Goldfisch! Lass mich schon rein, Kind!«, schnaupte meine Uroma und schob mich mit ihren Gehstock zur Seite. In dem Moment fand ich meine Sprache wieder.
»Lady Arista, was machst du denn hier«, rief ich aus. Sie sah mich erst mal vornwurfsvoll an, bis ich merkte, dass ich ihr den Mantel noch nicht abgenommen hatte (diese Frau ist so altmodisch!) »Hier, lass mich dir helfen.«
Mit spitzen Mund sah sie sich um. Dann wandte sie sich an mich, ich hatte sie die ganze Zeit erwartungsvoll betrachtet, denn ich brannte darauf den Grund ihres Besuches zu wissen.
»Ihr habt es hier ja sehr modern - und simple« Und sie besaß immernoch die Montrose-Fähigkeit, selbst ein Kompliment zur Beleidigung zu machen.
»Das ist nur der Flur, Lady Arista.«, erklärte ich ihr. Am Rand meines Blickfeld sah ich Becky, die sich scheu hinter einen Schrank versteckte und lauschte - sie hatte immernoch leichten Bammel vor ihrer Uroma (und mal ehrlich, wer konnte es ihr verübeln?).
»Ja dann zeig mir halt euren Salon! Muss man dir denn alles vorschreiben?«, schnaupte Arista.
Eben in diesem Augenblick kam Pa aus seinem Arbeitszimmer gestopltert. Ich fand, er reagierte ziemlich schnell und leiß keine seiner Gefühle blitzen, auch als er aufblickte und den alten Drachen und Horror-Verwandten im Flur stehen sah.
»Arista, was für eine Überraschung!«, rief er und streckte die Hände aus. »Was erweißt uns die Ehre?«, fragte er, zwischen drei trockenen Wangenküssen. Ein geschmeidiges: 'Was macht du denn hier?'. Nicht schlecht, Pa, nicht schlecht.
»Nun ja mir ist zu Ohren gekommen, dass ihr heute mit Gwendolyn zur Loge kommt und ...-«
»Wie wäre es, wenn wir uns erst einmal setzten?«, unterbrach sie Pa mit einem nun etwas gezwungenem Lächeln. »Kann ich dir einen Tee anbieten?«
»Schwarz, bitte und ohne Zucker.«
Pa führte uns in das Wohnzimmer und verschwand dann schnell, um den Kessel aufzusetzten.
Sobald Arista sich hingesetzt hatte (natürlich auf Pas hohen Sessal, von wo man aus alles im Raum beobachten konnte), sprang auch schon Ruby aus dem Nebenzimmer und lief schwandzwedelnd auf sie zu. Ich sprang auf. Ohoh.
»Nimm das Tier weg von hier, Gwendolyn!«, rief Arista und wedelte mit ihrem Gehstock. »Du weißt doch, meine Allagien!«
Schnell packte ich Ruby und nahm sie in den Arm.
»Komm meine Süße.«, flüsterte ich ihr ins Ohr, während ich sie in mein Zimmer trug. »Der alte Drache spuckt sowieso nur Fauer, an dem du dich verbrennst«
Als ich wieder in's Wohnzimmer kam, war Pa mit dem Tee schon zurück gekommen.
»... und Falk erzählte mir, ihr wolltet ein privates Gespräch mit dem inneren Kreis. Nun, ich bin hergekommen um herauszufinden, was das soll! Gwenolyn sollte nicht mal in die Nähe des Drachensaales, geschweige denn überhaupt nach Temple kommen!«
»Alles zu seiner Zeit, Arista. Wie wäre es, wenn du jetzt mit uns fährst und es mit allen anderen erfährst, so müssen wir uns nicht wiederholen.« Lady Arista machte den Mund auf, um zu widersprechen, doch Pa war entschlossen. »Gwendolyn, mach dich fertig und sag Rebecca, dass sie ihre Schuhe anziehen soll!« Ich nickte.
»Komm Arista, wir beide warten im Wagen« Und Pa schnappte sich den Schlüsselbund und führte Arista höflich, aber bestimmt aus der Wohnung.
»Becky! Komm wir müssen gehen!«, rief ich und ging in's Bad, um mir noch schnell die Haare zu kämmen.
»Wohin?«, fragte sie und lief zu dem Kleiderständer. Ich half ihr in die Jacke.
»Temple« Wohl eher mein persönlicher Untergang.
