Zu Befehl, mein anonymer Reviewer! :D


Kapitel 4: Bange Stunden

Lokis Geist waberte betäubt, ohne Sinn für Zeit und Raum, durch den schwarzen Abyss seiner Ohnmacht. Ohne Gefühl. Ohne Gedanken. Endlich ohne Qual.

Stunden vergingen. Tage. Der Prinz spürte nichts in seinem traumlosen Schlaf.

Nicht, dass er noch lebte. Nicht, dass jemand ihn gerettet hatte. Nicht, dass man seine Kopfwunde versorgt und ihn in ein weiches Bett gelegt hatte. Nicht, dass er an einen Ort gelangt war, an dem ihn jemand nicht verurteilte und bespuckte. Und auch nicht, dass er in Sicherheit war.

Loki hatte die Bedeutung dieses Wortes vor langer Zeit vergessen. Gleichsam die Bedeutung von Heimat. Er hatte es geschafft zu fliehen, doch wofür? Um seinen Leidensweg um ein paar Monde zu verlängern? Der verzweifelten Hoffnung nachjagend es gäbe noch irgendeine Chance sich von seiner Schuld rein zu waschen? Gnade für den in Ungnade Gefallenen?

Seine Vernunft hatte ihn längst eines Besseren belehrt. Er erinnerte sich an die Wortes seines „Bruders":

»Ein schneller Tod ist die größte Gnade, die wir unseren Feinden gewähren können.«

Als er jünger war und sich der Horizont über ihm noch nicht verfinstert hatte, hatte Loki sich geweigert diesen grausamen Worten Glauben zu schenken. Er lehnte sie ab, wie er auch den Krieg und die Barbarei an sich verabscheute. Er verweigerte sich der tragischen Realität und zog sich in die Kammern und Hallen der Weisen und Gelehrten zurück, die einer schöneren Maxime folgten. Wollte lieber an ihre Worte glauben und hatte auch Odin mit leuchtenden Augen beigepflichtet, als dieser die süße Lüge wiederholte:

Wahre Gnade heißt Vergebung.

Er hatte es wirklich geglaubt. Hatte es glauben wollen in seinem Bestreben die Welt zu verbessern und musste die bittere Lektion am eigenen Leib lernen, dass dieser ach so schöne philosophische Satz nichts war als eine blauäugige Hoffnung. Eine Utopie. Ein Traum.

Und es tat weh die Wahrheit zu akzeptieren.

Vergebung war etwas, was man Freunden, Familie – Unschuldigen – gewährte. Aber nichts, was man jemals an einen Feind verschwenden würde.

Doch als Loki das erkannte, war es lange schon zu spät gewesen. Schweres Eisen hatte sich um seine Hand- und Fußgelenke geschlossen und er hatte zu spät bemerkt, dass er selbst längst zum Feind geworden war.

Er erinnerte sich, wie er in Odins sturmgraue Augen geblickt und nach einer Erklärung gesucht hatte. Warum tat er ihm das an, wo er doch nur dem gefolgt war, was er als richtig gelernt hatte?

»Du selbst hast mich gelehrt, dass ein rechtschaffener Herrscher, ein wahrer König keine Kriege gewinnt, sondern Kriege beendet! Du hast diesen Krieg aber nicht beendet, du hast ihn feige und unlauter für dich entschieden und hast dir den Waffenstillstand mit Leid und Verrat erkauft! Ich habe versucht dein Unrecht wieder gut zu machen und Asgard endlich den Frieden zu bringen, den es wirklich verdient hat! Ich wollte der Welt die Wahrheit zeigen! Wie der ›gütige Allvater‹ wirklich über Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit denkt! Ich habe das Richtige getan! Für dich! Für uns alle! ... Für Asgard!«

Er erinnerte sich, wie er dem Allvater jene Worte in verzweifelter Wut und Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrien hatte und er darin nichts als Härte und Unverständnis sich widerspiegeln sah.

Und er erinnerte sich an Odins einzige Antwort.

»... Nein, Loki.«

Mehr als dieses simple Wort hatte es nicht gebraucht, um Loki zu zeigen, dass auch der letzte Rest seines Lebens, an das er sich noch geklammert hatte, nichts als eine Lüge, eine Illusion gewesen war. Mehr hatte es nicht gebraucht, um ihm klar zu machen, dass Thor schon immer recht gehabt hatte.

Es gab keine Gerechtigkeit auf der Welt. Es gab nur die Starken, die Sieger, die über das Schicksal der Verlierer und der Schwachen entschieden. Und all die Dichter und Philosophen waren wirklich nicht mehr als das, wofür man sie belächelte: weltfremde Tagträumer.

Er war so dumm, so dumm, so dumm gewesen ...

Hatte er wirklich geglaubt, er könnte sich über den Allvater hinweg setzen und die Welt würde ihn dafür mit offenen Armen empfangen?

Das erste Mal in ihrem gesamten Leben, vor den Augen aller, hatte es der großen, gefürchteten Silberzunge die Sprache verschlagen. Und sie fand sie auch nicht wieder, als man sie abführte. Schwere Verließtüren schlossen sich hinter ihr und gaben den Startschuss für Lokis Martyrium an dessen Ende er sein Leben verlieren würde für den Frieden eines goldenen Königreichs, der niemals ein echter Frieden gewesen war.

Er entkam der metaphorischen Opferschlachtbank letzten Endes, doch wofür? Was war ihm geblieben, wofür sich dieses Leben noch zu bestreiten lohnte?

Sein Schicksal war verwirkt. Wie lange würde es dauern, bis man ihn auf Midgard gefunden hätte?

Loki wusste, bevor er bei seinem Sturz das Bewusstsein verloren hatte, dass sein einziger Ausweg sein würde zu sterben. Seine einzige richtige Freiheit.

Doch er überlebte den Aufschlag und sein Denken, seine Vernunft, war in so weite Ferne in die Dunkelheit gerückt, dass er nicht verhindern konnte, was nun folgte, jetzt, da er Asgards Gericht entkommen war:

Seine Magie, durch die Strapazen seiner Gefangenschaft, seiner Strafe, seiner Flucht und seines Sturzes erschöpft aber niemals völlig getilgt, kehrte minütlich stärker wieder. Kanalisierte sich in Blut und Muskeln und begann mit ihrer Arbeit, wie es ihr die urtiefsten Instinkte des Unterbewusstseins diktierten.

Flutete den zerrütteten Körper und begann zu heilen, zu flicken und wieder zusammenzufügen, was Folter, Kampf und Bruchlandung auf Midgard angerichtet hatten. Zersplitterte Knochen vereinten sich wieder zu einem Ganzen, gerissene Sehnen wuchsen zusammen, verbranntes Fleisch erneuerte sich und klaffende Wunden verheilten zu Kriegsnarben.

Die legendäre wie gefürchtete Waffe am Gürtel Lokis begann zu leuchten und Impulse durch die Luft zu schicken unter all der Energie, die auch durch sie floss und unterstützte den Prozess nach Kräften. Durch die Magie untrennbar vereint, spürte sie das Erstarken ihres Meisters – bereit zu töten, um ihn zu verteidigen.

Die einzige Waffe, die man ihm gelassen hatte. Von der es niemand gewagt hatte sie ihm abzunehmen, weil keiner riskieren wollte diese Klinge zu berühren.

Dieser Schmiedestahl war des Bösen. War verflucht und verdorben. Von seinem einstigen Besitzer erschaffen und vergiftet. Selbst der Allvater mied diese Verderbnis. Hätte es die Æsir tatsächlich wundern sollen, dass ausgerechnet der gefallene Prinz derjenige war, der diese Waffe zu bändigen vermochte ohne ausgelöscht zu werden?

Doch was nützte ihm der Dolch ohne seine Kräfte, ohne sein Hexenwerk, wenn er erst in Asgards Kerkern saß, war ihr Gedanke.

Und so verblieb die Klinge an Lokis Gürtel und wart nicht mehr beachtet. Sollte der Verräter ruhig seine Seele verlieren an das unheilige Artefakt. Aufgegeben hatten sie ihn schon lange Zeit zuvor.

Sein Glück, dass sie in ihrer Unwissenheit so dachten. Während Loki in seinem Verließ auf den Tod wartete, war der Dolch alles, was ihm noch Kraft gab. Was ihm half die letzten verbliebenen Kräfte bei sich zu behalten und zu sammeln. Und es war genug, um schließlich fliehen zu können.

Diese Waffe hatte ihm mehr als einmal das Leben gerettet und war auch jetzt wieder an seiner Seite, um die Heilung zu unterstützen und über ihn zu wachen. Nicht mehr lange und Loki würde endlich wieder erwachen.

Doch so rasch seine Magie sich auch regenerierte jetzt wo er frei war, und so eifrig sie sich auch mühte die Verletzungen ihres Schöpfers zu tilgen, seine seelischen Wunden konnte auch sie nicht heilen. Welchen Sinn machte es also noch ihn zu retten?

Alles, was geblieben war, war ein Scherbenhaufen und wer würde sich jemals die Mühe machen diese Scherben seines Lebens aufzusammeln?


»Mach den Fernseher an, es ist was Unglaubliches passiert!«

Auch wenn Chris eigentlich im Moment nichts anderes mehr wollte außer sich seinen nötigen Schlaf zu holen, tauschte er das Handy in seiner Hand gähnend gegen die Fernbedienung. Was es dort wohl so spannendes zu sehen geben sollte, dass Tom ihm darum extra eine SMS schrieb so spät? Immerhin war es bereits nach Mitternacht.

Er schaltete den Fernseher an und geradewegs in eine Nachrichtensonderübertragung. Ein völlig aufgeregter Nachrichtensprecher auf dem Fox-Channel saß neben einem groß eingeblendeten Live-Video eines Polizei-Großeinsatzes in einem Wald und eine unter ihm prangende, riesige Schlagzeile verkündete: »Meteoriteneinschlag oder unbekanntes Flugobjekt?«

Sofort saß der Australier kerzengerade auf seinem Sofa und seine ganze Aufmerksamkeit galt den Bildern, die, wie er rasch feststellte, gerade auf beinahe jedem Sender die gleichen waren. Überall gab es nur noch ein Thema.

»Ein spektakuläres Ereignis diese Nacht, meine Damen und Herren. Augenzeugen berichteten vor etwa eineinhalb Stunden von einer sonderbaren grünen Lichterscheinung am Nachthimmel eines Vorortes von Los Angeles. Die kometenhafte Erscheinung näherte sich in rasender Geschwindigkeit dem Erdboden und schien mitten im Wald zu Boden zu gehen. Der vermeintliche Meteorit tauchte dabei den Horizont in helles Licht und versetzte hunderte Menschen auf den Straßen in Erstaunen und Aufregung.«

Einige Amateur-Aufnahmen des Ereignisses wurden gezeigt und Chris konnte nicht verhindern, dass sich Gänsehaut auf seinen Armen ausbreitete, als er die gleichen Bilder noch einmal sah, die er selbst hautnah vor Augen gehabt hatte, während der Sprecher fortfuhr:

»Spektakuläre Bilder wie Sie sehen. Die Polizei war nur wenige Minuten nach diesem aufregenden Ereignis vor Ort an jener Stelle, an der die Lichterscheinung den Zeugen zu Folge ungefähr niedergegangen war und sperrte das Waldgebiet großräumig ab. Zur gleichen Zeit wurden Experten eingeschaltet, die mittlerweile ebenfalls am Ort des Geschehens sind und den vermeintlichen Meteoriteneinschlag untersuchen. Ersten Informationen zu Folge zweifeln die Experten daran, dass es sich um einen einschlagenden Asteroiden gehandelt haben könnte. Mein Kollege Bill Tennon mit weiteren Einzelheiten live.«

Das Bild wechselte und zeigte einen hageren Reporter mit strohblonder Scheitelfrisur, der vor einem riesigen Fahrzeugaufgebot stand und hinter ihm der mit fielen Flutlichtstrahlern erleuchtete Wald. Chris starrte gebannt auf den Bildschirm und wagte kaum zu atmen.

»Danke, Michael. Meine Damen und Herren, ich stehe in diesem Moment am Einschlagsort, an dem, wie Sie unschwer erkennen können, gerade jede Menge los ist und konnte Ihnen bereits vor einigen Minuten die ersten Antworten von den Experten vor Ort präsentieren. Es ist in der Tat so, dass Anlass zum Zweifel besteht, ob es sich wirklich um einen Meteoriteneinschlag gehandelt hat, denn, so Zitat der Wissenschaftler, es habe sich sowohl bei Winkel, Einschlagsgeschwindigkeit und Lichtemission des Objektes um ein absolut untypisches Phänomen gehalten und ganz offenbar haben die Experten am Einschlagsort auch noch keine konkreten Spuren eines Himmelskörpers gefunden. Es gibt weder Asteroidenreste, noch einen sichtbaren Bodeneinschlag, der vorhanden sein sollte, denn die dokumentierte Leuchterscheinung war deutlich zu groß für einen Asteroiden, der vor dem Einschlag in der Atmosphäre verglüht ist, so die Forscher. Und auch typische Brandspuren, die entstehen, wenn mehrere hundert Grad heißes Gestein bei so einem Einschlag in einen Wald stürzen, konnten bisher nicht in dieser Form gefunden werden, insofern herrscht hier gerade wirklich noch großes Rätseln, ob es sich wirklich um ein astronomisches Ereignis handeln könnte oder – wie bereits einige aufgeregte Stimmen vermuten – etwas ganz anderes dahinter steckt. Da gehen die Theorien bereits jetzt von Millitärexperimenten bis hin zu einem unbekannten Flugobjekt und die Untersuchungen hier vor Ort werden darum natürlich weitergehen, in der Hoffnung dieses Rätsel alsbald lösen zu können. Meine Kollegen und ich werden Sie natürlich weiterhin auf dem Laufenden halten und Sie informieren, sobald hier neue Erkenntnisse zu Tage treten. Damit gebe ich fürs Erste zurück ins Studio.«

»Vielen Dank an unseren Korrespondenten Bill live vor Ort, zudem wir selbstverständlich wieder schalten werden, sobald es weitere Neuigkeiten gibt. Und bei mir im Studio ist bereits jetzt der Astrophysiker Prof. Dr. Phil Dawn, herzlich Willkommen«

»Vielen Dank.«

»Nun, Phil, was ist Ihr erster Eindruck von den spannenden Ereignissen heute Nacht, womit haben wir es hier zu tun?«

Es folgte ein ziemlich fachchinesisches kurzes Interview mit dem Wissenschaftler, bei dem Chris nur noch mit halben Ohr zuhörte. Er lehnte sich betäubt in seiner Couch zurück, die Augen förmlich auf die Bilder jenes Ortes geklebt, an dem er noch vor weniger als einer Stunde selbst gestanden hatte und atmete tief durch. In seinem Gesicht zeigte sich sein innerer Gefühlsmarathon nur allzu deutlich. Noch eine ganze Weile ließ er das Sensationsprogramm laufen und nicht nur auf diesem landesweiten Channel gab es gerade nur noch dieses eine Thema. Es wurde immer wieder zu dem Reporter vor Ort geschaltet, der bald auch die ersten Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und den Wissenschaftlern interviewen durfte, hinzu kamen weitere Studiogäste und Live-Updates von der eigens zu diesem Ereignis eingerichteten Twitter-Seite, deren User-Ansturm zwischenzeitlich sogar die Twitter-Server heiß laufen ließ. Von panischem Geschrei, dass der Weltuntergang nun doch da wäre über Verschwörungstheorien zu einer Landung von Aliens, die die Regierung jetzt sicher vertuschen wollte wie einst in Roswell, war alles darunter vertreten. Ganz Amerika – nein, die ganze Welt – schien in jenen Minuten komplett verrückt zu spielen.

Und nur ein Mann saß in seinem Ferienhaus auf der Couch, alles um sich herum ausgeblendet, und kannte die Wahrheit, die ihm das Herz bis zum Hals schlagen lassen ließ. Natürlich war er nicht der Einzige gewesen, der Lokis spektakulären Auftritt mitbekommen hatte, es wäre auch zu naiv gewesen irgendwas anderes zu denken. So grell wie das Licht gewesen war, musste man es viele Meilen weit gesehen haben, wenn nicht sogar noch viel weiter. Der Schauspieler hatte ein ungutes Gefühl in den Tiefen seiner Magengegend bei der ganzen Sache. Was, wenn sie am ›Tatort‹ irgendwelche Spuren finden würden, die auf Loki hindeuten konnten? Sicher würden sie nicht drauf kommen, wer dahinter stecken konnte, aber wenn es Anzeichen gäbe für einen ›außerirdischen Besucher‹, auch wenn in der Öffentlichkeit wohl wirklich alles dementiert werden würde, so würde die Regierung bestimmt streng geheim nach dessen Verbleib suchen. Und was, wenn es am Ende wirklich so ähnlich wie im Avengers-Film wäre? Was, wenn man Loki tatsächlich über so etwas wie Gamma-Strahlung orten könnte? Oder was auch immer.

Wenn sie ihn je finden würden ...

Nein, das wollte sich der Schauspieler nicht ausmalen. Zumal auch er dann in der Patsche sitzen würde.

Während gerade einmal mehr die neuesten Twitter-Kommentare der Leute live abgearbeitet wurden, schaltete Chris den Fernseher schließlich aus und legte die Fernbedienung außer Reichweite. Hätte er dem Schauspiel noch länger seine Aufmerksamkeit geschenkt, er hätte in dieser Nacht wohl kein Auge mehr zugetan, dabei schrie sein Körper nach Erholung. Erschöpft richtete der Australier sein Kissen und warf die Decke über sich, ehe er seinen brummenden Kopf ablegte und die Augen schloss. Trotz seiner Müdigkeit konnte er lange Zeit nicht einschlafen, zu viele Bilder und Gedanken des heutigen Abends schwirrten durch sein Bewusstsein und drangsalierten ihn. Angst nagte an seinen Eingeweiden.

Hoffentlich würde alles gut gehen. Hoffentlich, hoffentlich.

Als der Schlaf ihn endlich in seine Arme schloss, ruhte er unruhig und wälzte sich die ganze Nacht von einer Seite auf die andere.

TBC


Mal als Info, damit ihr wisst, wie die Story zeitlich einzuordnen ist: sie spielt nach den Ereignissen von „Thor", mit dem Unterschied, dass Loki nicht vom Bifröst fiel, sondern eben eingesperrt und verurteilt wurde. Wofür genau unterscheidet sich aber in meiner Geschichte etwas vom Film-Original. Was genau bei meiner Story anders ist, das werdet ihr noch erfahren.

– TotenmonD –