Geneigte Leserschaft,
hier kommt nun das letzte Kapitel dieser Geschichte. Ein bisschen Abschiedsschmerz ist, wie immer, dabei, vor allem weil ich mich jetzt für die nächsten Monate von der gesamten Fanfiction verabschiede. Meine eigenen Projekte haben lange genug gewartet.
Ich weiß, Montag ist nicht Wochenende, und ich konnte mein eigenes Update-Versprechen nicht einhalten. Ich entschuldige mich in aller Moonyform.
Wann darf man wieder mit Textehexen-Fanfiction rechnen? Im Sommer, würde ich meinen. Ein Wüstenwolf will (und wird) ja noch fertig geschrieben werden.
Bis dahin wünsche ich Euch allen eine gute Zeit!
Erneut bedanke ich mich bei Slytherene, meiner unermüdlichen Beta.
Soundtrack gibt's diesmal von James Blunt: Same Mistake (zu finden z.B. bei Youtube)
Disclaimer: siehe erstes Kapitel.
Schälchen Eintopf für jeden, und los geht es.
oooOOOooo
Viertes Kapitel: Wirklich das Größte
My mind
is muddy and my heart is heavy. Does it
show?
I lose the track that loses me, so here I go.
Licht fällt durch Remus' geschlossene Augenlider. Er spürt die Wärme auf seinem Gesicht und atmet den Duft von Regen und feuchtem Laub. Irgendwo kräht ein Hahn. Ein warmes Gewicht liegt ihm auf der Brust.
Remus blinzelt und öffnet die Augen.
In einem Schaukelstuhl neben seinem Bett sitzt Albus Dumbledore und lächelt auf ihn hinunter.
„Hallo, mein Junge" sagt er. „Ausgeschlafen?"
„Hm" macht Remus, der sich zum Stadium seiner Erholung noch keine endgültige Meinung bilden kann.
„Erkennst du mich?" fragt Dumbledore sanft.
„Du bist Gandalf" murmelt Remus. „Und ich bin… wie ging es aus? Konnte ich den Ring ins Feuer werfen?"
Dumbledore sieht sehr erstaunt aus, bevor Besorgnis sich auf seinen Zügen spiegelt.
„Ich hole besser die Heilerin" sagt er und erhebt sich.
„Lass gut sein" murmelt Remus. „Es war nur ein Scherz. Ich bin im Bilde… einigermaßen. Nur… ich glaube, ich kann mich nicht bewegen…"
„Keine Sorge" sagt Dumbledore mit einem Zwinkern. „Das geht vorbei."
Remus hebt vorsichtig den Kopf. Sirius ist bei ihm, offenbar im Tiefschlaf. Sein Kopf liegt auf Remus' Brust. Die Arme hat er über Remus gebreitet und seine langen Beine unter der Decke mit Remus' verflochten, so dass Remus kaum einen Finger rühren kann.
Remus denkt an Mister Black, dessen bevorzugte Schlafhaltung sehr ähnlich ausgesehen hat. Und plötzlich faltet sich eine Landkarte voller Erinnerungen vor ihm auf: Abbruchhaus, Straße, Brücke… und zuvor Krankenhaus, Klinik, Kellernächte… und zuvor eine Person, die er angeblich gewesen ist: John Moon, der alleinstehende Aushilfslehrer, der mit seinem großen Hund in einer Mietskaserne im Londoner Norden gelebt hat.
Er erinnert sich an ein Leben ohne Erinnerung an sich selbst.
Remus blinzelt.
Es ist, als hätte er einen sehr eindrucksvollen Roman über John Moon gelesen.
Er fragt sich, wer dieser Held tatsächlich gewesen ist. Dieser John Moon. Ist er überhaupt jemand gewesen, mit all den Erinnerungen, die ihm fehlten?
Definiert man sich nicht durch seine Vergangenheit?
Remus denkt, dass er von heute an immer ein wenig Zwei sein wird. Oder drei, wenn man den Wolf mitzählt.
Er stöhnt und schließt die Augen.
„Noch ein paar solche Ausflüge, und ich kann ein Quiditch-Team aufmachen" murmelt er.
„Soll ich nicht doch die Heilerin holen?" bietet Dumbledore besorgt an.
„Mir geht's gut" sagt Remus und würde gerne eine abwehrende Bewegung machen, wenn das denn möglich wäre. „Kannst du mir ein paar Fragen beantworten, Albus?"
„Aber natürlich" sagt Dumbledore und betrachtet ihn prüfend durch seinen halbmondförmigen Brillengläser.
„Habe ich jemanden gebissen, während meiner Zeit als… Muggel?"
„Nein. Wir sind ziemlich sicher, dass es dazu nicht kam."
„Ziemlich ziemlich, oder ziemlich vielleicht, oder ziemlich möglicherweise?"
„Ziemlich unwahrscheinlich" sagt Dumbledore lächelnd. „Sei beruhigt."
Remus seufzt, und Sirius knurrt leise und rückt sich auf Remus zurecht.
„Kannst du dich erinnern, wie alles kam?" fragt Dumbledore.
„Einigermaßen" sagt Remus. „Voldemort… Albus, was ist mit dem Krieg? Ist er zu Ende? Haben wir gewonnen?"
Dumbledore seufzt. „Der Krieg ist zu Ende, und wir haben gewonnen. Vorerst. Voldemort ist nicht vernichtet, aber sehr geschwächt. Erinnerst du dich an die Prophezeiung?"
„Dunkel" sagt Remus. „Keiner kann leben, wenn der andere überlebt, oder so ähnlich."
„Ja" sagt Dumbledore. „Wir glauben, dass nur Harry Voldemort besiegen kann. Er wächst mit einer schweren Bürde heran, und irgendwann wird er diesen Weg beschreiten müssen."
„Aber es geht ihm gut? Ihr konntet ihn schützen?"
„Es geht ihm gut. Und seinen Eltern auch. Und auch deinen Freunden, obwohl alle schlimme Dinge erlebt haben, während des Krieges."
"Sind sie hier? James und Lily und Peter? Wo sind wir überhaupt?"
"Bei Weasleys, im Fuchsbau. Und sie sind nicht hier, aber ich werde sie benachrichtigen, wenn du möchtest."
„Ja" sagt Remus dankbar. „Ich möchte sie sehen. Ich habe das Bedürfnis… es real zu machen, verstehst du? Ich habe ein bisschen Angst… ich könnte einschlafen, und beim Aufwachen wieder John Moon sein."
„Keine Sorge" sagt Dumbledore. „John Moon existiert nur noch in deiner Erinnerung. Und in deinem Herzen, wenn du es zulässt. Er hat große Opfer gebracht für unsere Sache. Er, und du, und Mister Black."
Sirius zuckt im Schlaf, schnauft und ist von einer Sekunde zur anderen wach.
„Moony?"
„Ich bin hier" murmelt Remus. „Alles ist gut."
Sirius seufzt glücklich, lässt den Kopf sinken und hebt ihn gleich darauf wieder.
„Ich hab Hunger, Moony."
„Das kommt bei dir häufig vor" sagt Remus.
„Ja" sagt Sirius, setzt sich auf und schüttelt sich Haare aus dem Gesicht.
„Moooony…"
„Was?"
„Ich hab Hunger" sagt Sirius und macht große, flehende Hundeaugen. „Gib mir was zu essen."
Dumbledore seufzt leise. „Jeder von euch wird noch für ein Weilchen unter Spätfolgen zu leiden haben" sagt er. „Bei dir sind es körperliche Gebrechen. Bei ihm sind es… nun ja. Er war über ein Jahr im Hund. Aber er hat sich schon sehr gebessert."
"Sag nicht, du hättest am Anfang im Garten dein Bein gehoben" sagt Remus grinsend zu Sirius. Sirius schaut betreten hinunter auf die Bettdecke. Remus lacht schallend. Es fühlt sich befreiend an, als würden die letzten Fesseln gelöst.
„Du kannst Molly suchen, sie kocht dir bestimmt gerne etwas" sagt Remus.
„Ja" sagt Sirius. „Nein. Bitte, Moony. Das ist echt schwer für mich. Kannst du nicht mitkommen?"
Remus sieht hinüber zu Dumbledore.
„Gibt es eine ärztliche Anweisung? Darf ich aufstehen?"
„Wenn du dich kräftig genug fühlst" sagt Dumbledore. „Ich werde trotzdem die Heilerin benachrichtigen."
Sirius rutscht von Remus' Beinen und klettert aus dem Bett. Remus setzt sich vorsichtig auf. Er fühlt sich matt, aber stabil genug, um es die Treppe hinunter in die Küche zu schaffen.
Über einem Stuhl am Fenster hängt ein dunkelroter, flauschiger Bademantel. Remus, immer noch im Krankenhauspyjama, nimmt ihn und wickelt sich hinein.
„Oh, Merlin, Moony" sagt Sirius, der unter der Tür wartet. Seine zappelige Ungeduld ist von einer Sekunde zur anderen weggewischt, und Tränen hängen in seiner Stimme. „Du siehst so scheiße aus."
„Vielen Dank" sagt Remus gleichmütig. „Das hört man immer gerne."
„Ich hätte das nicht zulassen dürfen" sagt Sirius und wischt sich mit dem Ärmel über die Wangen. „Dass du so runterkommst. Ich hätte etwas tun müssen. Es tut mir so leid, Moony. Ich hab nicht richtig auf dich aufgepasst."
Remus zieht den Knoten im Gürtel fest und wendet sich zu Sirius um. Trotz seiner wirren Haare, der rot geränderten Augen und dem zerknitterten Hemd bietet er einfach den schönsten Anblick, den Remus sich vorstellen kann.
„Du warst ein Hund" sagt er. Plötzlich ist die Erinnerung an alles wieder da, als hätte jemand sie in seinen Geist eingefügt, während er schlief.
„Du warst ein großartiger Hund. Du wusstest ja nicht, dass du auch ein Mensch sein kannst."
„Sie haben es mich vergessen lassen" sagt Sirius schniefend. „Damals, als wir verschwinden mussten. Ich war James' Geheimniswahrer, und hinter dir war eine Todesserarmee her."
„Ich weiß" sagt Remus. „Ich erinnere mich."
„Ich mich nicht" sagt Sirius. „Sie haben es mir erzählt. In meinem Kopf ist ein bisschen was verloren gegangen."
Remus streift den Ärmel des Bademantels und des Pyjamas hoch. Die Innenseite seines Armes ist von rötlichem Narbengewebe überzogen. Wenn man genau hinsieht, kann man die Umrisse eines Totenkopfes erkennen, zwischen dessen Kiefern sich eine Schlange windet.
Remus wünscht sich, er müsste sich nicht erinnern.
„Ich erzähle dir davon" sagt Remus und streift den Ärmel hinunter. „Irgendwann."
„Ja" sagt Sirius. „Ich bin wahnsinnig stolz auf dich, weißt du? Du hast den Krieg für uns gewonnen. Deine Informationen. Moony, mein mutiger Moony."
"Ich wollte nicht mutig sein" sagt Remus, denn auch daran erinnert er sich wieder. „Man hat mir keine Wahl gelassen. Nur eine Dunkle Kreatur kam in Frage für diesen Job. Und jemand, der routiniert lügen konnte. Ich hatte beides zu bieten."
"Trotzdem haben sie dir den Merlinorden erster Klasse verliehen" sagt Sirius und versucht ein schiefes Lächeln. „In Abwesenheit. Auf der großen Siegesfeier."
„Nicht dein Ernst" sagt Remus ungläubig.
„Doch" sagt Sirius. „Ich hab' ihn selbst gesehen. Er ist unten, in der Schublade vom Küchentisch. Dein Name steht drauf. Auf dem Orden, meine ich."
"Ich bin wahrscheinlich die erste Dunkle Kreatur, der diese Ehre zuteil wird" sagt Remus kopfschüttelnd.
Sirius nickt, und Remus geht zu ihm und legt sein Gesicht in Sirius' Halsbeuge, und automatisch schließt Sirius die Arme um ihn.
„Warum haben sie uns nicht schon viel früher nach Hause geholt?" flüstert Remus. „Haben sie uns vergessen?"
„Ja" sagt Sirius. „Poppy… Poppy ist gestorben. Sie war unsere Geheimniswahrerin. Der Zauber war permanent, und als sie… tot war, wusste niemand mehr, wo wir waren. Sie haben uns in ganz England gesucht."
„Poppy ist tot" flüstert Remus. „Warum…? Wie…?"
„Sie haben ein Lazarett überfallen" sagt Sirius, und Remus spürt, wie seine Muskeln sich verhärten. „Eine Bande Todesser und ein paar Werwölfe. Sie haben Schlimmes angerichtet. Poppy hat die Flucht der Verletzten gedeckt. Sie hat ein Dutzend Todesser aufgehalten, ganz allein, im Labor der Krankenstation."
Remus ballt die Fäuste und atmet schluchzend.
„Es ist vorbei" flüstert Sirius.
„Für mich nicht" sagt Remus zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Für die anderen vielleicht. Für die ist es schon lange her. Für mich ist es frisch."
Sirius sagt nichts, aber er packt fester zu und wiegt Remus in seinen Armen.
Sie halten sich schweigend aneinander fest, bis Mollys Stimme aus dem Flur zu ihnen dringt.
„Jungs? Kommt von der Treppe runter!"
Remus dreht den Kopf. Auf der Treppe stehen zwei rothaarige Jungs. Der kleinere trägt eine Brille. Der größere bohrt hingebungsvoll in der Nase, und beide starren interessiert zu den beiden Männern hinüber.
„Du meine Güte" sagt Remus. „Percy, und… Bill? Ihr seid vielleicht groß geworden!"
„Weiß ich" sagt Bill und betrachtet das, was er aus der Nase geholt hat. „Das sagen alle Erwachsenen."
„Entschuldigung" sagt Remus. „Ich weiß, als Kind findet man das blöd."
„Kommt ihr zum Essen runter?" fragt Bill, während Percy immer noch mit runden Augen hinter ebenso runden Brillengläsern dreinschaut.
„Ja" sagt Sirius sehr entschieden. „Noch was?"
„Nö" sagt Bill. „Nur mal gucken. Ich meine, ihr seid Helden, und wir durften euch noch gar nicht anschauen."
„Na, prima" stöhnt Remus. „Haben wir jetzt Vorbildfunktion, oder was?"
"Wenn ich groß bin, werde ich auch mal ein Werwolf" sagt Bill.
„Haha" sagt Remus. „Überleg dir das noch mal gut. Zeit ist ja noch."
„Und ich werde Animagus" sagt Percy wichtig. „Papa sagt, dafür muss man sich nicht beißen lassen. Animagus ist überhaupt viel cooler als Werwolf."
„Find ich auch" sagt Sirius grinsend.
„Quatsch" sagt Bill finster. „Werwolf ist cooler. Aus dir wird sowieso nur eine Brillenschlange."
„Jungs!" sagt Remus strafend.
„Bill! Percy!" Das ist Molly von unten, und ihr Tonfall lässt den Ärger erahnen, den die beiden Jungs sich einhandeln werden, wenn sie nicht gehorchen. „Runter in die Küche! Jetzt!"
„Wir gehen besser auch, bevor sie nach uns in diesem Ton ruft" sagt Sirius, und Remus sieht vor seinem inneren Auge, wie Mister Black den Schwanz einzieht.
Die Küche ist der geräumigste Raum im Fuchsbau und dient daher immer als Versammlungsraum. Auf dem Herd steht ein riesiger Topf, aus dem es dampft. Molly Weasley bändigt eine größere Menge rothaariger Kinder. Dumbledore kommt gerade aus dem Wohnzimmer herüber, in dem sich der Floo-Anschluss befindet. Zwischen all den Rotschöpfen fällt Tonks kaum auf, die am Tisch sitzt und eine feuerrote Irokesenfrisur zur Schau stellt.
„Dora" sagt Remus erstaunt.
„Mister Moon" sagt sie, und die Röte rutscht ihr aus den Haaren in die Wangen, während ihr Irokese sich über Violett zu tiefem Mitternachtsblau verfärbt. „Ähm. Remus. Hm. Hi."
Sie steht auf, wirft einen Kakaobecher um, sagt „Hups" und hantiert mit ihrem Stab, bevor sie schließlich vor Remus Aufstellung nimmt, von einem bunten Blümchenstiefel auf den anderen tritt und mit den Schneidezähnen ihre Unterlippe bearbeitet.
Er nimmt sie an der Schulter, und gleich darauf in den Arm. Er spürt, wie heftig ihr Herz klopft.
„Danke" flüstert er. „Für alles. Ich bin froh, dass es dich gibt."
Sie presst ihre erhitzte Wange gegen seine unrasierte.
„Kannst du immer noch manchmal frühstücken kommen?" fragt sie.
„Mit dem größten Vergnügen" sagt Remus.
„Drei" sagt Sirius. „Zwei. Eins. Loslassen."
"Idiot" sagt Tonks zu ihrem Cousin und schiebt Remus von sich. „Wie geht's dir denn, Großer?"
„Hunger" sagt Sirius. „Mach mir Essen."
„Ich dachte, ich sollte das tun" sagt Remus erstaunt.
„Ist mir egal" sagt Sirius. „Einer von euch."
„Hallo, Remus, mein Lieber" strahlt Molly. Sie hat den kleinen Ron auf dem Arm, der sich von oben bis unten mit etwas beschmiert hat, das hoffentlich nur Schokoladenpudding ist. „Du bist aufgestanden! Wie geht es dir?"
"Ich wurde genötigt" sagt Remus mit einem Seitenblick auf Sirius, der den Topf auf dem Herd umstreicht. „Aber gut, danke."
„Und du… weißt alles wieder? Kannst dich erinnern?"
„Keine spürbaren Gedächtnislücken" beruhigt Remus sie. „Trotzdem, ich wünschte, es wäre nicht in meinem Kopf herum gepfuscht worden. Wessen Idee war das eigentlich?"
„Deine" sagt Sirius.
„Oh" sagt Remus. „Das war eine Gedächtnislücke. Wie, in Merlins Namen, bin ich da draufgekommen?"
„Übersteigertes Sicherheitsdenken" sagt Sirius.
„Genauer gesagt…" schaltet sich Dumbledore ein, „… warst du der Ansicht, die beste falsche Identität wäre eine, bei der dem Betreffenden nicht bewusst ist, dass er früher eine andere hatte."
„Oh" sagt Remus. „Ja. Das klingt sehr nach mir. Warum habt ihr mich nicht gehindert? Ihr wisst doch, dass meine Pläne undurchführbar komplex werden, wenn man mich nur lange genug planen lässt."
„Es wäre beinahe alles gut gegangen" sagt Molly seufzend. „Wir dachten, Poppy wäre eine sichere Wahl, so weit hinter den Linien, wie sie sich befand."
Remus' Herz ist ein harter Klumpen in seiner Brust. Es ist immer noch unfassbar, dass die resolute Ärztin, die ihn durch die Verwandlungen seiner Schulzeit begleitet hat, nicht mehr lebt. Todesser haben sie umgebracht, aus reiner Bosheit wahrscheinlich, aus Lust, dieses Herz anzuhalten, diese Frau auszulöschen, die ihr Leben in den Dienst an den Kranken gestellt hatte, kompromisslos und kompetent.
Und er begreift, dass er wohl der einzige in dieser Küche ist, dem eine maßlose Wut und Trauer die Kehle zuschnürt: ein Schiffbrüchiger, an den Strand einer neuen Zeit angespült, mit einem Bein noch in einer Vergangenheit, die für seine Umgebung ein Jahr zurückliegt.
Er sieht zu Sirius hinüber, aber der untersucht den Topfinhalt und macht hungrige Augen.
Auch daran erinnert Remus sich jetzt. An einen Sirius, der mit achselzuckender, beinahe arroganter Gleichgültigkeit Dinge an sich abprallen lässt, die ihm möglicherweise nahe gehen und Schmerzen verursachen könnten.
„Ich brauch' eine Pause" sagt er. „Entschuldigt mich."
Zwischen seinen erstaunten Freunden hindurch rettet er sich durch die Hintertür in den Garten.
Zwischen den Obstbäumen hängt der Nebel in dicken Schwaden. Es ist kalt. Die Heckenrosen tragen dicke, rot leuchtende Früchte im ermatteten Laub.
Remus zieht den Bademantel fest um sich und hält das Gesicht in den Nieselregen. Seine Hand geht nach unten, bevor ihm einfällt, dass da kein dicker Hundekopf mit weichen Ohren ist, dessen Berührung ihm Trost spendet.
Er fragt sich, ob Sirius nun eigentlich bei ihm war, die letzten Jahre, oder nicht.
Er fragt sich, ob er immer einen von beiden vermissen wird. Wird Sirius jemals wieder in den Hund gehen, nach diesem Hundeleben?
Von der Straße nähern sich Schritte, dann erscheint eine hohe Gestalt am Gartentor, die Kapuze des schwarzen Reisemantels tief ins Gesicht gezogen. Eine schlanke weiße Hand bewegt einen honigfarbenen, zart gemaserten Zauberstab, und das Gartentor springt auf.
„Mir ist nicht bekannt, dass ein Aufenthalt im Regen der Genesung zuträglich sein sollte" sagt der Tränkemeister.
„Hallo, Severus" sagt Remus müde. „Ich habe gerade erfahren, was mit Poppy geschehen ist."
Der Tränkemeister nickt und schlägt die Kapuze zurück, so dass Remus ihm ins Gesicht sehen kann.
„Wir haben die Mörder bezahlen lassen, falls dich das tröstet" sagt er.
„Nur bedingt" sagt Remus. „Der höchste Preis macht Poppy nicht wieder lebendig."
„Es sind die üblichen Worte, die bei den üblichen schlichten Gemütern Trost bewirken" sagt Severus. „Komplexe Geister wie wir können auf solche Linderung kaum zurückgreifen."
Remus nickt und seufzt.
„Es macht einsam" sagt er. „Ich bin ein Nachzügler. Die anderen wollen nicht mehr traurig sein. Sie wollen den Krieg einfach vergessen."
„Korrekt" sagt Severus.
Remus sieht ihn an. Der Tränkemeister hätte längst an ihm vorbei in Trockene gelangen können, aber er steht da auf dem Gartenweg, und der Nieselregen legt ein Tropfennetz wie feine graue Spinnweben auf seine Schultern.
„Wo warst du?" fragt Remus schließlich. „Ich will keinen Vorwurf formulieren. Ich frage nur aus Anteilnahme."
Der Tränkemeister verzieht das Gesicht, als hätte er Sand zwischen den Zähnen.
„Anteilnahme ist das letzte, dessen ich bedarf" sagt er. „Aber ich befriedige gerne deine Neugier mit blutigen Details aus Voldemorts Folterkellern."
„Sie haben dich erwischt" sagt Remus erschrocken. „Deshalb war die Apotheke plötzlich geschlossen!"
„Vielleicht hätte ich mich früher in die schützende Umarmung des Ordens begeben sollen" sagt Severus, und sein dunkler Blick verliert sich zwischen den nassen Büschen. „Aber ich wollte die Tränkeküche nicht aufgeben. Ich wollte nicht auf engem Raum mit den anderen leben, umgeben von Schutzzaubern. Ich wollte mich nicht so… nähern. Ich dachte, die Todesser hätten kein Interesse an mir. Ich war schließlich nur ein Tränkekoch mit Schlamm in den Adern, und kein Vertrauter Dumbledores. Nicht einmal im engsten Zirkel des Ordens. Mein Fehler war: Ich unterstellte der Gegenseite eine logische Vorgehensweise."
„Und sie nahmen dich, einfach weil sie dich kriegen konnten" sagt Remus.
„Korrekt" sagt Severus.
Die Männer schweigen. Remus spürt, wie die Kälte ihm den Rücken hinunter kriecht, und bekämpft ein Echo der alten Angst. Kälte ist nicht mehr bedrohlich, nur noch kalt. Er kann ins Warme gehen, sich einen Mantel holen, einen Wärmezauber wirken. Der Winter kommt, und er wird nicht erfrieren.
„Ich hoffe, du befindest dich wohl" sagt Severus schließlich. „Falls Gedächtnislücken auftreten, werden wir eine Nachbehandlung ansetzen."
„Danke" sagt Remus. „Es geht mir gut. Glaube ich. Aber ich weiß immer noch nicht alles. Was ist mit Voldemort geschehen, am Ende des Krieges?"
„Darüber gibt es nur Gerüchte" sagt Severus. „Der Krieg lief gut für unsere Seite, nachdem wir endlich die Zaubergesellschaft von dem Ausmaß der Bedrohung überzeugt hatten. Wir hatten den Minister auf unserer Seite, die Auroren, und zahlreiche der namhaften Familien. Der Durchbruch gelang uns, als es uns gelang, die Hauselfen für unseren Kampf zu motivieren."
„Die Hauselfen?"
„Dir ist bekannt, dass sie über enormes arkanes Potential in gebundener Form verfügen."
„Ja, aber…"
„Ich bin kein Geschichtslehrer" schneidet Severus ihm das Wort ab. „Ich habe kein Interesse an ausufernden Vorträgen. Ich bemühe mich nur, deine Frage zu beantworten."
„Entschuldige" sagt Remus und zieht den Kopf ein.
„Nachdem wir die Dunkle Seite ausreichend geschwächt hatten, traten Erosionserscheinungen auf. Immer mehr Todesser begingen Fahnenflucht. Manche landeten in unseren Händen, manche, und die unglücklicheren, in den Händen ihrer ehemaligen Genossen. Im Oktober letzten Jahres war Voldemort dann exponiert genug, dass Dumbledore ihn stellen konnte. Voldemort entkam, mit einigen seiner Anhänger. Es gibt immer noch Abteilungen von Auroren, die nach ihm suchen. Nach letzten Informationen hat er sich in einen schwarzmagischen Zaubererkreis nach Chile zurückgezogen."
„Du meine Güte" sagt Remus. „Klingt, als hätte ich aufregende Zeiten verpasst."
„Du hast deine eigene Bürde zu tragen" sagt Severus. „Ich möchte nicht entscheiden, welche schwerer wiegt."
Remus nickt und seufzt.
„Begleite mich ins Haus" sagt Severus. „Nachdem wir dich gerade von einer Sepsis kuriert haben, solltest du nicht unverzüglich mit einer Lungenentzündung aufwarten."
„Es tut mir leid" sagt Remus. „Was immer du erlebt hast. Auch wenn Anteilnahme das letzte ist, was du gebrauchen kannst."
„Danke" sagt Severus. „Es verursacht mir Unbehagen, aber ich weiß die Geste zu schätzen."
Drinnen sitzt Sirius im Schneidersitz auf dem Boden, balanciert einen Teller auf den Knien und fischt mit den Fingern Bröckchen aus der Suppe.
„Moony" sagt er glücklich und mit vollem Mund. „Wo warst du? Warst du Gassi ohne mich? Hast du… oh."
Sein Gesicht verfinstert sich, als Severus hinter Remus die Küche betritt. Er knurrt, mit halb offenem Mund, ein überraschend tierisches Geräusch aus einer menschlichen Kehle.
„Ruhe" sagt Remus automatisch. „Er ist ein Freund."
Sirius schließt den Mund und beginnt wieder zu kauen, behält den Tränkemeister aber finster im Auge.
„Was ist nur mit ihm?" fragt Remus hilflos.
„Er war zu lange im Hund" sagt Severus ungerührt. „Keine Sorge. Ein so schlichtes Gemüt erholt sich rasch. In ein paar Wochen ist er wieder ganz der Alte."
„Du hattest Recht, vorhin" sagt Remus leise. „Jeder von uns hat seine eigene Bürde zu tragen."
„Ich habe immer Recht" sagt der Tränkemeister. „Ich hätte einen tauglichen Lehrer abgegeben, hätte ich mich jemals zu dieser absurden Berufswahl verstiegen. Wo ist übrigens Dumbledore? Ich bin nicht nur hier, um zu plaudern."
„Ich weiß nicht" sagt Remus. Die Küche ist leer bis auf Sirius, aber aus dem Wohnzimmer dringen Stimmen.
Der Tränkemeister rauscht nach nebenan. Remus folgt langsamer. Es klingt, als hätte der gesamte Orden sich im Wohnzimmer der Weasleys versammelt. Auf der Schwelle ist Sirius hinter ihm, kaut auf beiden Backen und wischt sich die fettigen Hände an der Jeans ab.
Im Floo-Netzwerk muss sich eine lange Warteschlange gebildet haben, denn alle sind gekommen: Minerva McGonagall, Peter, Emmeline Vance, Sturgis Podmore, Frank und Alice Longbottom, Kingsley, Arthur Weasley, und schließlich James und Lily Potter.
Bis Remus ihren flammend roten Zopf am Kamin entdeckt und sich zu ihr durchgearbeitet hat, ist er schon regelrecht erschöpft. Er glaubt, noch nie so oft geküsst und auf die Schultern geklopft worden zu sein. Nach den langen, einsamen Monaten hat er jetzt eindeutig zu viel Gesellschaft.
Es ist, als würde er zum zweiten Mal nach langer Zeit einen Roman lesen. Ein Name fällt, vergessen bis zu diesem Augenblick. Eine Erinnerung blüht auf, und manchmal ist es eine Lilie.
Er trifft Lily vor dem Kamin. Sie lächelt ihn an, ihre Unterlippe zittert. Auf dem Arm hat sie einen kleinen Jungen. Er trägt schon eine Brille im winzigen Gesichtchen, und seine Haare sehen aus, als seien sie mit herkömmlichen Mitteln ebenso wenig zu bezwingen wie die des Vaters.
„Lily" sagt Remus und probiert ein Lächeln. Es fühlt sich ungewohnt an auf seinen Lippen, und er denkt, dass ihm einfach die Übung fehlt. „Lange nicht gesehen."
„Hallo, Remus" sagt Lily, und ihre Augen glänzen verdächtig. Dann zieht sie ihn mit dem freien Arm an sich, legt den Kopf an seine Schulter und schluchzt, während der kleine Harry ratlos seinen Kuschelhund an den Ohren hält.
„Hallo, Harry" sagt Remus. „Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht an mich, oder? Ich bin Moony."
"Nuunie" sagt Harry.
"Genau" sagt Remus.
"Mama traurig?" sagt Harry.
„Nein" sagt Lily und schnieft. „Ich bin so froh, dass wir ihn wieder haben, unseren Moony. Wir haben ihn doch so lange gesucht."
„Wir haben dich desucht" sagt Harry wichtig. „Danz lang."
„Ich weiß" sagt Remus und streicht dem kleinen Jungen die Haare aus der klaren, weißen Stirn. „Aber jetzt bin ich ja wieder da."
„Es tut mir so leid" flüstert Lily. „Es hätte nicht so weit kommen dürfen."
Remus sieht Harry an, der sich so verändert hat im letzten Jahr, der sprechen gelernt hat, stehen, laufen und noch so vieles mehr. Er hat die goldgrünen Augen seiner Mutter.
„Vergiss es" sagt er. "Es hat sich gelohnt. Ich würde es immer wieder tun."
„Remus" sagt James von hinten, und dann muss Lily Remus loslassen, damit James ihn in den Arm nehmen kann, und das, wo James doch Verbrüderungen sonst nur auf dem Quidditchfeld zulässt.
Er ist dann auch schnell fertig, tritt einen Schritt zurück, zwinkert heftig hinter seiner Brille und zerzaust sich mit typischer Geste das Haar.
„Wie geht's?" sagt er. „Siehst blass aus."
"Ein bisschen viel Besuch, wenn man bedenkt, dass ich zum ersten Mal aus dem Bett gekrochen bin" sagt Remus.
„Ja" sagt James. „Versteh ich. Schmeiß uns einfach raus, wenn du deine Ruhe brauchst."
„Das geht schlecht. Ist schließlich nicht mein Wohnzimmer."
James nickt und vergräbt die Fäuste in den Taschen seiner Robe.
„Übrigens" sagt er. „Wir haben den letzten großen Stützpunkt der Todesser ausgeräuchert. Mit deiner Hilfe, indirekt."
„Wie das?"
„Erinnerst du dich an ein Mädchen namens Clarissa Howard?"
„Ja" sagt Remus erstaunt. „Eine Studentin. Sie hat mich für irgendeine Studie interviewt."
„Genau" sagt James. „Das arme Mädchen ist Malfoy und seinen Handlangern in die Hände gefallen. Keine Ahnung, woher sie die Information hatten, aber sie haben sie entführt, um ihr die Information über deinen Aufenthaltsort abzupressen. Du kannst froh sein, dass wir dich zuerst erwischt haben, übrigens. Die hätten dich im eigenen Fell geröstet."
„Ist dem Mädchen etwas passiert?" fragt Remus besorgt.
„Könnte man so sagen" sagt James grinsend. „Sie hat ihr Herz an den Tränkemeister verloren."
„Wie bitte?!"
„Die Todesser ließen sie laufen, als sie die Information hatten. Sie haben wohl keinen vernünftigen Legilimens in ihren Reihen, deshalb haben sie ziemlich stümperhaft an ihrem Gedächtnis herum gemurkst. Jacovic aus der Muggelabteilung hat sie aufgegriffen, als sie total orientierungslos aus der U-Bahn kam. Sie hat Snape hinzugezogen, damit er ihr Gedächtnis repariert und modifiziert. Das Ergebnis ist, dass sie sich mit Händen und Füßen weigert, gelöscht zu werden, weil sie sich so sehr in die alte Krähe verknallt hat."
„Sieh mal einer an" sagt Remus amüsiert.
„Jedenfalls hat er in ihrem Gedächtnis Informationen über den Stützpunkt der Mistkerle gefunden. Stell dir vor, sie saßen unter London! In einem alten, stillgelegten Streckenabschnitt der U-Bahn. Sozusagen mitten unter uns! Ist das nicht dreist?"
"Allerdings" sagt Remus. "Was passiert mit ihnen? Lucius… Bellatrix… und ich bin fast sicher, Fenrir Greyback gesehen zu haben, und ein paar aus seinem Rudel."
„Sie kriegen ein Kriegsverbrechertribunal" sagt James. „Und danach wahrscheinlich einen längeren Kuraufenthalt auf einer hübschen Nordseeinsel. Zumindest die Luft soll dort hervorragend sein."
„Verstehe" sagt Remus.
„Ja" sagt James und sieht ein bisschen verlegen aus, wie einer, dem die Themen ausgehen.
Über die Schulter sieht Remus sich verstohlen nach Severus um. Der ist nicht schwer zu finden, denn er rauscht auf das Grüppchen vor dem Kamin zu wie eine Gewitterwolke.
„Aus dem Weg, Potter" schnappt er. „Mach den Kamin frei."
„Du willst schon gehen?" fragt Remus überrascht.
„Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit zum Plaudern" faucht der Tränkemeister, der einen ungewöhnlich aufgebrachten Eindruck macht.
„Reisende soll man nicht aufhalten" sagt James und macht bereitwillig einen Schritt auf die Seite.
Im Kielwasser des Tränkemeisters segelt Dumbledore wie ein weißes Schönwetterwölkchen.
„So warte doch, Severus" sagt er. „So war es nicht gemeint! Natürlich… der Altersunterschied… aber wer wird sich schon an solchen Äußerlichkeiten stören, nicht wahr?"
„Hör mir gut zu, alter Mann" zischt Severus. Seine Augen blitzen gefährlich. „Ich werde ihr Gedächtnis nicht löschen. Nicht gegen ihren Willen. Ich werde nicht länger die arrogante Politik der Zauberer unterstützen, nach welcher die Muggel als minder intelligente Lebensform gelten! Und wenn das Gesetz vorsieht, dass ich sie heiraten muss, damit sie berechtigt ist, ihre Erinnerungen zu behalten, dann werde ich das tun!"
„Ui" sagt Remus beeindruckt. „Severus, ich hatte ja keine Ahnung."
"Ahnungslosigkeit ist eine um sich greifende Seuche" ätzt der Tränkemeister.
„Wie lange kennst du sie?" sagt Remus. „Ich würde nichts überstürzen."
„Ich bin noch nicht so tief gesunken, um ausgerechnet von dir Ratschläge in Frauenfragen anzunehmen."
„Ist gut" sagt Remus und hebt entschuldigend die Hände. „Mach, was du willst."
„Was auch sonst" sagt der Tränkemeister und steigt in den Kamin.
oooOOOooo
Eine Stunde später ist Remus wieder im Garten, diesmal mit einem Wärmezauber und einer Tasse Tee ausgerüstet. Die Dämmerung ballt sich bereits in dicken Wolken zwischen den knorrigen Ästen der kahlen Obstbäume. Ganz oben hängen noch ein paar Äpfel in den Zweigen und bilden rot-gelbe Farbkleckse in einer Welt, deren Farben allmählich von der Nacht abgesaugt werden.
Im Fuchsbau hat sich eine kleine Party entwickelt. Obwohl jeder Rücksicht auf Remus' geschwächten Zustand nehmen wollte, wollte doch keiner der erste sein, der geht, und wieder einmal hat das Traumpaar James und Sirius bewiesen, dass ihre spontanen Partys unerreicht sind.
Auch daran erinnert Remus sich jetzt wieder: an den stillen Kummer, doch nie den ganzen Sirius zu besitzen, egal, wie nahe er ihm kommt.
Remus setzt sich auf die Gartenbank und nimmt einen Schluck Tee. Die dicke, blau gepunktete Tasse ist warm zwischen seinen Händen. Die Wärme schmerzt ihn in den Fingerspitzen der linken Hand: dort, wo er sie im vergangenen Winter erfroren hat.
Vermutlich wird es ihm mit Poppy ähnlich gehen: er wird noch Schmerzen haben, wenn längst nichts mehr zu sehen ist.
Sie haben eine freundliche und zweifellos kompetente Nachfolgerin gefunden, Madam Celia Alabaster, die ihn betreut hat, seit er wieder zurück ist. Remus ist froh, dass sie Poppy nicht ähnelt.
Im Wohnzimmer wirkt jemand einen Musicus, und beschwingte Tanzmusik dringt durch die geschlossenen Fenster in den stillen Garten. Remus findet es schwer, nachzudenken, wegen der Musik und weil er sich schon wieder über sein Wohlbefinden hinaus beansprucht hat, aber er will Dumbledore noch eine Antwort auf eine offene Frage geben, ehe der alte Schulleiter zurück nach Hogwarts floot.
Die Hintertür öffnet sich. Für einen Augenblick schwillt die Musik an und ebbt dann wieder ab, als die Tür knarrend ins Schloss fällt. Schritte nähern sich. Remus lächelt.
„Sag nicht, du musst zum Pinkeln immer noch in den Garten."
Arme schließen sich von hinten um ihn, und jemand schüttet ihm seidiges, nachtschwarzes Haar über die Augen.
„Böser Moony" sagt Sirius und beißt ihn zart ins Ohr.
Remus windet sich und hält die Teetasse von sich weg, damit er nichts auf den roten Bademantel schüttet, den er immer noch trägt. Immerhin steckt jetzt ein Merlinorden erster Klasse am Aufschlag.
Sirius löst seinen Griff, klettert über die Rückenlehne der Bank und lässt sich neben Remus plumpsen. Die Bank stöhnt protestierend.
„Was geht ab?" sagt Sirius.
„Nichts" sagt Remus. „Bisschen nachdenken."
"Dass du dir das einfach nicht abgewöhnen kannst" sagt Sirius und legt den Arm um Remus' Schulter. „Worüber denn?"
Remus seufzt.
„Dumbledore hat mir meinen alten Job angeboten."
„Huh?"
„Ja, das habe ich auch gesagt. Genau genommen ist es nicht mein alter Job. Professor Shelley geht zum Schuljahresende in Rente. Dann könnte Professor Jordan in die Bezauberung wechseln. Sie hat eine Doppelbefähigung für Bezauberung und Arithmantik. Und ich könnte Arithmantik unterrichten."
„Cool."
„Hat nur einen Haken."
„Du bist immer noch eine Dunkle Kreatur. Eine schwule, dunkle Kreatur."
„Genau."
„Hm. Und der Alte glaubt, dass dieser Umstand die Eltern plötzlich nicht mehr stört?"
„Er glaubt, der Merlinorden macht es wett. Und etwas, das er als meine gute Presse bezeichnet. Es gab wohl ein paar Zeitungsberichte nach Kriegsende. Man hielt es für berichtenswert, dass eine Dunkle Kreatur auf der hellen Seite gekämpft hat."
„Eine dunkle Kreatur und ihr treuer Begleiter" sagt Sirius und bohrt mit dem Zeigefinger einen Punkt in die Luft.
„Keine Ahnung" sagt Remus. „Ich hab's nicht gelesen."
„Und?" sagt Sirius. „Was willst du machen?"
„Ich weiß nicht. Ich meine, ich war obdachlos."
„John Moon war obdachlos!"
Remus wirft Sirius einen kritischen Blick zu. Sirius seufzt, zieht die Schultern hoch und nickt.
„Es gibt einen Grund, warum so wenig Obdachlose wieder Fuß fassen" sagt Remus. „Obdachlosigkeit zerstört das psychosoziale Gefüge. Viele werden das Gefühl nie wieder los, ausgestoßen zu sein. Es gibt Studien zu diesem Thema, weißt du."
„Und in diesen Studien ist bewiesen, dass ein gedächtnismodifizierter Zauberer, der eine Weile ziemlich viel Pech gehabt hat, nie wieder als Lehrer arbeiten kann?"
Remus sieht Sirius über die Schulter an.
„Komm schon, Moony" sagt Sirius. „Hast du Lust, wieder nach Hogwarts zu gehen?"
„Das wäre wirklich das Größte" sagt Remus.
„Dann mach es" sagt Sirius. „Mach es einfach. Der Alte wird sich schon etwas dabei gedacht haben."
„Und du?" sagt Remus. „Was willst du machen?"
„Wieso?" sagt Sirius. „Sind in Hogwarts neuerdings keine Haustiere erlaubt?"
Remus lächelt.
„Mein Haustier zu sein, wird dich auf Dauer nicht ausfüllen."
„Hm." Sirius wippt unruhig mit den Füßen und dreht sich eine lange Haarsträhne um den Finger. „Vielleicht… vielleicht mache ich einfach das, was ich vor dem Krieg gemacht habe."
„Vor dem Krieg hast du nichts gemacht."
„Falsch. Ich habe meine Persönlichkeit entfaltet und einstweilen das Vermögen meiner Familie durchgebracht."
„Sag ich doch. Nichts."
"Moony, du weißt doch, es fällt mir echt schwer, mich zwischen meinen vielen Talenten zu entscheiden. Aber als Hund bin ich richtig gut."
„Ich weiß. Das kommt nicht in Frage."
Sirius seufzt.
„Ich kann mir aber nichts anderes vorstellen" sagt er, und der Abendhimmel legt einen dunklen Schatten über seine vergissmeinnichtblauen Augen. „Vielleicht bin ich so lange dein Hund gewesen, dass ich mein Talent für alles andere verloren habe."
Remus dreht sich zu ihm, legt ihm die Hände an die Wangen und küsst ihn. Eine Wärme ballt sich in seinem Inneren, verdichtet sich und wird zu einer kleinen Sonne, deren Strahlen ihn mit Zuversicht füllen.
„Nicht für alles andere" flüstert er. „Aber dieses Talent will ich nicht teilen."
Auf seinen Lippen spürt er Sirius' Lächeln, ein wenig zittrig noch, aber, so denkt er, wann ist das Leben schon perfekt, wenigstens ist dieses Leben hier echt, es ist seines, und es wird das daraus werden, was er daraus macht.
„Willst du mit mir nach Hogwarts kommen?" flüstert er.
„Ja" sagt Sirius. „Das wäre wirklich das Größte."
„Dann mach es" sagt Remus. „Mach es einfach."
Sirius nickt und nimmt etwas von Remus' Strahlen in sein Lächeln, und das Zittern verschwindet.
„Hast du keine Angst?" fragt Sirius.
„Doch" sagt Remus. „Aber ein Weg besteht aus vielen kleinen Schritten. Und wenn ich mich mal verlaufe, orientiere ich mich an den Sternen. Die sind immer da."
Der Tee ist kalt geworden. Remus lässt die Tasse auf der Gartenbank und zieht Sirius in die Höhe.
„Komm schnell" sagt er. „Ehe ich wieder anfange, nachzudenken."
Dumbledore ist schon mit einem Bein im Kamin, als Remus ihn am Ärmel festhält.
„Ich mach's" sagt Remus. „Ich nehme dein Angebot gerne an."
„Wie schön" sagt Dumbledore erfreut. „Komm vorbei, sobald du dich erholt hast. Du kannst bis zum Sommer als Förderlehrer arbeiten. Eine Wohnung machen wir dir auch frei, wenn du möchtest."
„Unter einer Bedingung" sagt Remus.
„Welche?" sagt Dumbledore.
„Ich möchte mein Haustier mitbringen" sagt Remus.
„Huh?" sagt Sirius verwirrt. „Aber ich dachte, du wolltest mich nicht als Hund haben."
„Dich nicht" sagt Remus lächelnd. „Ich dachte an einen hübschen kleinen Welpen. Einen Labrador vielleicht, oder einen irischen Wolfshund?"
„Das sollte kein Problem darstellen" sagt Dumbledore. „So lange er nicht mehr als einen Kopf hat und kein Feuer speit."
„Und meinen Lebensgefährten" sagt Remus. „Den möchte ich auch gerne mitbringen."
Er sieht zu Sirius hinüber, der immer noch ganz bezaubert dasteht und „Ein Welpe? Ein Welpe!" murmelt.
„Ihr seid beide herzlich willkommen" sagt Dumbledore.
Dann ist er in einem grünen Auflodern der Flammen verschwunden.
„Wo warst du?" fragt Lily und legt Remus von hinten eine Hand auf die Schulter. „Es geht dir noch gut, hoffe ich?"
„Ja" sagt Remus. „Ich habe nur… ein paar Dinge geregelt. Meine Zukunft betreffend. Ich werde wieder unterrichten."
„Wie schön" sagt Lily strahlend.
„Es ist ganz ungewohnt" sagt Remus nachdenklich. „Wieder eine Zukunft zu haben. Nachdem ich bis vor kurzem nicht mal eine Vergangenheit hatte."
„Ein Welpe" sagt Sirius glücklich und küsst Remus sehr feucht und schmatzend auf die Wange. „Ist das dein Ernst, sag mal?"
„Absolut" sagt Remus und wischt sich mit dem Ärmel die Wange trocken.
Er ist eigentlich kein Optimist, aber in diesem Augenblick kann er nur felsenfest daran glauben, dass diese Zukunft golden wird.
