"Du bist heute so still?"

Koko und Adam lagen auf der Wiese vor dem Haus ihrer Eltern und schauten in den Himmel.„Ich bin nur etwas müde. Ich musste heute Vormittag Pa beim Brennen der Kälber helfen."

"Ist dein Vater zufrieden mit den Tieren, die er gekauft hat?" „Ich denke schon. So wie es aussieht, sind sie alle gesund."

Adam war jetzt seit über einem Jahr in Nevada und sein Vater hatte sich zum Ende des Winters die ersten Rinder gekauft. Viel ist passiert in diesem einen Jahr. Die ersten Monate hatte Adam sich hier nicht wohl gefühlt und wünschte sich zurück in die Zeit, als sie mit den Planwagen auf Reisen waren. Erst nachdem er sich mit Koko angefreundet hatte, und sein Vater ihn wieder mehr beachtete, veränderten sich die Dinge und seine anfänglichen Probleme in der Schule wurden dadurch gelöst, dass sie einen neuen Lehrer bekamen. Mr. Flechter musste gehen, als sein Vater feststellte, dass dieser gar kein richtiger Lehrer war. Des weiteren gab es bis zu diesem Zeitpunkt keinen Schulrat in der kleinen Stadt, was dazu geführt hatte, dass jeder der wollte, den Posten des Lehrers annehmen konnte.

Ohne zu zögern hatte Adams Vater einen Schulrat gegründet. Er hatte auch Kokos Vater gefragt, ob er dort mitarbeiten möchte, aber Amarok hatte das abgelehnt. Er sagte, er müsse nicht stundenlang über alles reden, wie der weiße Mann es gerne macht. Wenn es ein Problem gibt, wird er handeln, sonst ist er ein Teil des Problems.

So oft es Adam möglich war, besuchte er Koko zu Hause. Er fühlte sich sehr wohl bei ihrer Familie. Amarok brachte ihm viel bei, wie er die Natur achten und ehren sollte. Nur so sagte er, kann der Traum seines Vaters ewig Bestand haben. Denn ein Frosch trinkt auch nicht das Wasser aus dem Teich, in dem er lebt leer. Manchmal verstand Adam nicht, was Kokos Vater ihm sagen wollte, dann musste er mehrere Tage darüber nachdenken, um dann am Schluss doch seine Freundin zu fragen, welche Bedeutung hinter den Worten stand. Einiges von dem gab Adam an seinen eigenen Vater weiter und war erfreut, dass dieser ebenfalls versuchte vieles da von umzusetzen.

Kokos Mutter Rita liebte er, als wäre sie auch seine Mutter. Adam sprach sie wie die anderen auch nur mit ihrem indianischen Namen an. Bei Aponi brauchte er nicht immer stark zu sein. Ihr konnte er sagen, wenn er vor etwas Angst hatte, oder wenn ihm die Arbeit auf der Ranch zu viel wurde. Sie nahm ihn dann ihn den Arm und summte leise ein kleines Lied. Sie sagte nichts. Sie hielt ihn nur fest.

Meistens nahm Adam Hoss mit zur Farm. So wie er, war auch sein kleiner Bruder gerne hier. Hoss spielte dann vor dem Haus und hörte sich die Geschichten von Aponi an. Nach einem Jahr wollte Adam Nevada nicht mehr verlassen. Je mehr er von diesem Land lernte, umso mehr liebte er es.

„Koko hat dein Vater neue Pferde bekommen?"

„Ja, sie haben sie gestern eingefangen. Geh doch hin. Er zeigt sie dir sicher gerne."

Adam drehte sich auf den Bauch und sah zu Amarok und den Pferden und dann wieder zu Hoss. „Würdest du wieder auf Hoss aufpassen? Er läuft in Moment immer weg, wenn er irgendwo ein Tier sieht und ich habe ihn letztens schon über eine Stunde suchen müssen."

„Klar, geh schon. Ich spiele inzwischen mit ihm."

Adam lief zur Koppel, in der Amarok die Pferde hatte und setzte sich auf den Zaun. „Komm her Wynono."

Noch immer musste Adam grinsen, wenn Amarok ihn so rief. Bereits im Winter hatte er von dem Indianer diesen Namen bekommen. Er hatte ihm damals gesagt, da er jetzt ein Teil seiner Familie sei, brauche er auch einen indianischen Namen. Von dem Tag an war Adam bei ihm Wynono, was so viel wie "der Erstgeborene" bedeutete. Auch das hatte Adam von Koko gelernt, das jeder Name eine Bedeutung hatte. Ihren Name würde man mit "die Nacht" übersetzen. Sie hatte ihn von ihren Eltern erhalten, weil sie Haare hatte, die so schwarz wie die Nacht waren. Adam sprang vom Zaun hinunter und näherte sich mit Bedacht
Amarok und den Pferden. „Wynono, erinnerst du dich noch an das, was ich dir letztens über die Tiere gesagt habe?"

„Ich soll lernen, mit einem Tier zu kommunizieren, wie ich es auch mit meinen Bruder mache. Ich soll es beobachten, soll sehen wie es lebt, und versuchen hinter seine Träume zu kommen. Dann wird es mir seine Liebe, aber auch seine Kraft schenken."

„Dann nimm dieses Pferd und zeige mir, dass du meine Worte verstanden hast."

Ungläubig sah Adam von dem Pferd zu Amarok. „Aber ist doch noch wild. Wie soll ich es nur mit Worten zahm bekommen?"

Der Indianer legte seine Hand auf seine Schulter. „Wynono du siehst dieses Pferd wieder gerade nur mit deinen Augen in deinem Kopf an. Sieh es mit den Augen in deinem Herzen."

Amarok sah ihn kurz an und verließ dann die Koppel. Adam stand da und wusste nicht, was er tun sollte. Da Kokos Vater nicht zurückkam, setzte er sich wieder auf den Zaun und beobachtete das Pferd. Nach einer Weile setzte Koko sich zu ihm. „Du weist nicht, was du tun sollst oder?"

„Nein. Ich verstehe deinen Vater manchmal nicht. Wie soll ich ein wildes Pferd ohne es zuzureiten, zahm bekommen? Was erwartet er jetzt von mir?"

„Adam er erwartet nichts von dir. Er wünscht, dass du lernst, Tiere genauso zu achten wie den Menschen und den Rest der Natur. Das Pferd soll für dich nicht nur ein Nutz und Lasttier sein. Es soll für dich ein Freund und ein Begleiter sein."

„Das habe ich schon verstanden aber nicht, wie ich es nur mit Worten zahm bekommen soll."

„Du sollst nicht nur mit Worten arbeiten, aber so, wie du es gelernt hast, dich bei den Bäumen zu bedanken und dich zu entschuldigen, das du ihnen mit der Axt Schmerzen zufügst, so sollst du auch den Pferden deine Ehre erweisen."

Adam dachte über die Worte nach. Da stellte sich schon für ihn das nächste Problem dar. "Koko, auch wenn ich das Vertrauen des Pferdes gewinne, wird mein Vater nie zulassen, dass ich mich auf ein wildes Pferd setzte."

„Wenn du alles richtig machst, wirst du beim Einreiten nicht mehr so viele Probleme haben. Mein Vater möchte, dass du das Pferd mit nach Hause nimmst und du dann eines Tages auf seinem Rücken es ihm zurückbringst."

„Wirst du mir helfen?"

Koko lachte. „Das habe ich doch gerade."

Adam sprang vom Zaun und versuchte, ohne Erfolg, sie böse anzusehen. „Danke schön."

Er holte sein Pferd, stieg in den Sattel und nahm das andere Pferd am Seil und führte es zum Haus. „Komm Hoss wir müssen nach Hause."

Sie verabschiedeten sich und ritten zur Ponderosa zurück.

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Es war Samstag und Adam arbeitete bereits den ganzen Vormittag mit seinem Vater auf der Weide um Zäune zu errichten. „Adam ich muss am Montag für eine Woche nach Carson City. Wenn wir heute hier nicht fertig werden, möchte ich, dass du in der nächsten Woche nach der Schule die Arbeiten hier beendest. Hop Sing wird in der Zeit dann auf Hoss aufpassen."

Adam stöhnte innerlich. Schon jetzt sah er, dass sie nicht fertig würden, und er wollte doch in der nächsten Woche mit Amaroks Pferd weiter arbeiten. Er war in den letzten Wochen schon weit mit dem Pferd gekommen und wollte nun probieren, ihm einem Sattel aufzulegen.

„Ja Sir."

„Was denkst du? Sollten wir uns noch zwei weitere Bullen für die Zucht holen?"

Adam dachte nach, was er seinem Vater sagen sollte. Auf der einen Seite gefiel es ihm, dass er jetzt immer öfter von ihm um Rat gefragt wurde, auf der anderen Seite hatte er doch gar keine Ahnung, wie man eine Herde aufbaut. Er ist doch gerade erst einmal zehn geworden.

„Meinst du denn, wir bekommen die Herde so groß, dass wir einige Tiere schon im nächsten Jahr verkaufen können?"

„Wir müssen es mein Sohn. Nur so kann die Ranch wachsen."

„Dann sollten wir es machen."

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Sein Vater war jetzt bereits den dritten Tag weg. Adam ist nach der Schule immer sofort zur Weide geritten, und hat an den Zäunen weiter gearbeitet. Danach beeilte er sich, schnell nach Hause zu kommen, um noch etwas mit dem Pferd zu arbeiten. Heute wollte er es tun. Er wollte dem Pferd den Sattel auflegen. Da er aber trotzdem noch Respekt vor dem Tier hatte, bat er George, den Vormann, ihm zu helfen.

„Junge, weiß dein Vater was du vorhast."

„Er weiß, dass ich mit dem Pferd arbeite!"

George war klar, dass Adam seinem Vater nicht erzählt hatte, dass er heute das Pferd bändigen wollte. Er sah sich den Jungen von oben bis unten an. Er arbeitete jetzt schon über ein halbes Jahr auf der Ponderosa und hatte sich von Beginn an gewundert, wie sehr sein Chef den Jungen schon bei der Arbeit auf der Ranch mit einband. Aber er hatte auch gesehen, welch starken Willen Adam hatte, und dass er bereits Aufgaben übernahm wie die Cowboys, die für seinen Vater arbeiteten. An Adams Körperbau konnte George erkennen, dass er für sein Alter bereits sehr kräftig war durch die viele Arbeit die er verrichtete. So traute er es ihm zu, dass er das Pferd zum Stehen bekommt.

„O.k. Junge. Ich weiß, du hast uns oft genug zugesehen, aber gehe bitte noch einmal in Ruhe alle Handgriffe im Kopf durch. Ich möchte deinem Vater nicht sagen müssen, dass dich das Pferd totgetreten hat."

Adam nickte und zog sich die Handschuhe an. George und ein anderer Cowboy machten inzwischen das Pferd für Adam fertig. Der Cowboy sah den Vormann dabei entgeistert an.

„George, bist du verrückt? Du kannst den Jungen doch nicht auf das Pferd lassen. Cartwright bringt dich um, wenn Adam was passiert."

„Mmh. Unterschätz den Kleinen nicht. Ich habe gesehen, wie er die Zäune errichtet hat, und wie er bereits mit der Axt umgeht. Er hat starke Arme und weiß, wie er ein Pferd kontrollieren muss."

"Er ist zehn."

„Das weiß ich doch auch, und auf einem unserer Pferde würde ich ihn auch noch nicht setzen. Mit dem Pferd von dem Indianer hat er gut vorgearbeitet. Ich gehe nicht davon aus, dass es ein zu wilder Ritt wird."

„Wenn das schief geht, können wir alle einpacken."

Adam kam zu den Männern und sagte, dass er bereit wäre. Langsam setzte er sich in den Sattel.

„Junge, denkt daran, fester Griff und die Beine in die Flanken."

„Yep"

Bevor Adam das Zeichen gab, dass das Tor geöffnet werden kann, beugte er sich zum Hals des Pferdes und entschuldigte sich bei ihm für das, was gleich kommen würde, und dankte dem Pferd für das Vertrauen, das er Adam bis jetzt geschenkt hatte. Dann setzte er sich gerade hin, atmete tief durch und gab das
Zeichen. Das Tor öffnete sich und das Pferd preschte nach vorne. Adam hatte gar keine Zeit nachzudenken. Das Pferd bockte durch den Corral. Er verstärkte den Griff und versuchte mit einem kräftigen Flankendruck das Pferd zum Stehen zu bringen. Als Adam merkte, dass seine Kräfte langsam nachließen, wurde das Pferd zum Glück auch ruhiger. Vorsichtig ließ er immer mehr vom Druck ab, bis das Pferd stand.

Adam hatte keine Ahnung, wie lange der Ritt gedauert hatte, aber es hätte auch keine Sekunde länger gehen dürfen. Schweißgebadet stieg er aus dem Sattel. Seine Beine zitterten. Mit einer Flasche in der Hand kam George zu Adam.

„Hier trink ein kräftigen Schluck Wasser mein Junge. Den hast du dir verdient."

Adam versuchte immer noch, seine Atmung zu kontrollieren. Der Vormann legte den Arm um Adam und sah zum Pferd von Amarok. „Junge, dir ist schon klar, dass du dir mit diesem Ritt keinen Gefallen getan hast?"

Adam schaute ihn fragend an. „Warum?"

„Na, so ein Teufelskerl wie du es bist, wird uns spätestens in drei Jahren hier helfen. Dann erwarte ich von dir, dass du deine vier bis fünf Pferde pro Tag zureitest." Er hob Adams Hut auf und setzte ihm diesen auf den Kopf. „Kannst stolz auf dich sein Junge!"

Adam nahm noch einen großen Schluck Wasser und führte dann das Pferd auf die Koppel.

Am nächsten Tag ritt Adam mit Amaroks Pferd zur Farm. Kokos Vater stand vor seinem Haus und wartete, bis Adam abgestiegen war. „Ich bringe dir dein Pferd zurück Amarok."

„Hast du alleine mit ihm gearbeitet?"

„Ja, das habe ich. Die ganze Zeit."

„Wynono, weißt du warum ich dir diese Aufgabe gegeben habe?"

„Nein."

„Ich habe gesehen, dass du dich für die Pferde interessierst. Ich habe aber auch gesehen, das du vor ihnen Angst hattest. Vor ihrer Wildheit, ihrem Drang nach Freiheit, deswegen solltest du lernen, wie du diese Angst verlieren kannst. Wynono, wenn du mit den Tieren sprichst, lernst du sie kennen. Wenn du nicht mit ihnen sprichst, lernst du sie nicht kennen. Was du nicht kennst, davor fürchtest du dich. Was du fürchtest, zerstörst du. Und das gilt nicht nur für die Tiere. Hast du jetzt noch Angst?"

„Nein." „Dann geh ins Haus. Koko wartet schon auf dich."

Adam fühlte sich gut und war selbst stolz auf sich, aber wenn sein Vater morgen wiederkommt und von der Sache erfährt, dann wusste er, dass er sicher die nächsten Wochen den Stall wieder alleine ausmisten durfte.