Zu Ehren meiner ersten Review im FF-Net veröffentliche ich heute die deutsche Version vor der englischen. ;) Lieber Gast-Reviewer, du hast mir eine große Freude bereitet. Ich hätte nie gedacht, dass ich so kurz nach meiner Registrierung hier schon eine Rückmeldung zu einer meiner Geschichten erhalten würde - erst recht nicht zu meiner deutschen Originalversion. Vielen Dank dafür! Ich hoffe natürlich, dass dir auch die weiteren Kapitel gefallen.

"Eine mörderische Kindheit" ist bereits beendet. Genau wie der Nachfolger "Antiva-Episoden I". Ich muss nur alles mal in Ruhe hochladen. Wenn ich weiß, dass es interessierte Leser gibt, ist das natürlich ein schöner Anreiz. Ich werde mich bemühen, jeden Tag wenigstens ein Kapitel zu veröffentlichen.

Es dauert übrigens noch ein paar Kapitel, bis Taliesen das erste mal in Erscheinung tritt - für alle, die auf ihn warten...


4. Der Tutor

Dies war kein normales Kampftraining. Sie wurden in einen Raum im Keller geführt, alle neun Jungen. Zevran war wieder einmal der jüngste, dreizehn nun, im letzten Jahr seiner Ausbildung. Sie hatten einmal alle zusammen in einem Schlafsaal gelebt, damals waren sie noch sechzehn. Die anderen sieben Jungen hatten die Ausbildung nicht überstanden, waren bei Unfällen gestorben oder irgendwann einfach "verschwunden". Seit gut einem Jahr lebten sie in den Quartieren der Senior-Schüler, je zu dritt in einem Zimmer. Zu seinem Zimmer gehörte neben Goisar noch der Menschenjunge Genaldo.

"Seid ihr bereit zu töten?" fragte der neue Tutor in eisigem Ton. Er war ganz anders als Sergio, ein kalter, strenger Mann, etwa fünfzig, grauhaarig und mager. Er hatte sadistische Tendenzen und nahm regelmäßig Jungen zu sich ins Zimmer, um sie persönlich zu betreuen. Wem das passierte, verlor hinterher kein Wort über das, was geschehen war.

Durch die flachen, vergitterten Kellerfenster fiel fahl und schwach das Tageslicht in schrägen, hellgrauen Streifen auf den dunklen Steinboden. Eine Tür öffnete sich quietschend und das Klirren von Ketten war zu vernehmen. Es waren Sklaven, die hineingebracht wurden, zehn an der Zahl, alte und junge, Menschen und Elfen. Sie waren schwach und mager, hatten Verletzungen oder wirkten schwer krank.

Die Jungen standen mit ihren Dolchen in der Hand, auch Zevran durfte nun einen führen. "Trefft Eure Wahl" sagte der Tutor. Die Jungen zögerten. Sie wussten, dass sie zu Assassinen ausgebildet wurden. Aber dies war das erste mal, dass sie aufgefordert wurden, jemanden zu töten.

Schließlich war Genaldo der erste, der vortrat. Er ging ohne einen Augenblick zu zögern auf den Sklaven zu, der am ältesten und schwächsten wirkte, trat seinen Körper mit Füßen, bis er am Boden lag und versenkte den Dolch dann zielsicher im Herz des alten Mannes. Er zog ihn heraus, reinigte die Klinge an der Kleidung des Toten und steckte den Dolch wieder ein. Dann trat er in die Reihe der Jungen zurück. Er schaute zu Boden und atmete schwer. Der Tutor nickte kurz.

Als Zevran bemerkte, dass Goisar losgehen wollte, trat er einen Schritt vor. Goisar schaute irritiert, der jüngere Elf lächelte nur. Dann ging er auf die Reihe der Sklaven zu. Er hatte seine Wahl getroffen - es war ein Mädchen, eine Elfin, etwa in seinem Alter. Ihr Gesicht war schmutzig und von Tränen verschmiert, ihre Haare zerzaust. Sie war völlig abgemagert, ihr rechter Fuß war stark angeschwollen, mit Eiter und Pusteln bedeckt. Der Elfenjunge hockte sich zu dem Mädchen und lächelte es an. Er hob ihr Kinn und wischte eine Träne weg. Dann beugte er sich vor, umarmte sie und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Das Mädchen brach zusammen und war tot. Während er noch flüsterte, hatte er ihr den Dolch im Rücken zwischen den Schulterblättern ins Herz geschoben.

Der Tutor ließ Zevran nicht in die Reihe der Jungen zurück gehen, er hielt ihn am Handgelenk fest und wies ihn an, neben ihm stehen zu bleiben. Von dieser Position aus beobachtete Zevran den Rest des Trainings. Nachdem alle Jungen ihre Auswahl getroffen hatten, lagen neun Leichen im Keller, ein Sklave war noch am Leben. Ein Mann, der kräftiger wirkte als die anderen, mit einem mürrischen Gesicht und einem Vollbart. Er hatte während der ganzen Zeit nicht einen Laut von sich gegeben.

Der Tutor wandte sich Zevran zu: "Du warst der Beste heute, das ist deiner. Bestimme, was mit ihm geschieht." Der junge Elf atmete tief durch. Dann ging er zu dem Sklaven und sprach ihn an: "Warum bist du hier? Du wirkst nicht so krank wie die anderen?" Der Mann antwortete nicht, er zog nur hörbar seinen Rotz hoch und spuckte dem Elfenjungen vor die Füße. Zevran wandte sich an den Tutor: "Ich habe entschieden," sagte er. "Dieser hier akzeptiert sein Schicksal nicht. Er soll seine Chance bekommen. Entfernt ihm die Fesseln, er kann gern versuchen zu fliehen." Daraufhin ging Zevran zurück in die Reihe der Jungen. Der Mann hat den Raum nicht lebend verlassen.

"Was hast du ihr gesagt?" flüsterte Genaldo abends, als sie in ihren Betten lagen.

"Ich habe ihr gesagt, dass ich sie sehr hübsch finde. Und ich habe ihr versprochen, dass es nicht weh tun wird."