Als sie aufwachte, lag sie noch immer in seinen Armen, lauschte dem vertrauten Schnarchen, dass sie mit der Zeit hatte lieben gelernt und wollte liegen bleiben. Doch Hermione Granger war nun mal ein rational denkender Mensch, der sich von seinem Kopf und nicht von seinen Gefühlen lenken ließ. Als sie den eisernen Griff um ihren Körper gelockert hatte, schlüpfte sie aus dem Bett, spähte durch den Vorhang und sah, dass Rons Zimmergenossen noch schliefen. Unter dem Bett entdeckte sie seine Schultasche, holte ein Blatt Pergament hervor und schrieb etwas von dem auf, was ihr durch den Kopf ging. Dann verließ sie den Schlafsaal und machte sich fürs Frühstück fertig. Sie fühlte sich so entspannt, wie lange nicht mehr. Genauer, seit Ron und sie nicht mehr zusammen schliefen. Sie brauchte ihn nachts. Der Krieg hatte sie zu Genüge verstört, sie brauchet einen Halt in ihrem Leben. Jemanden, an den sie sich immer wenden konnte. Jemanden, der sie hielt, sie beschützte. Sie brauchte jemandem, dem sie vertrauen konnte.

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Erschrocken setzte er sich auf. Sie war weg. Er hatte es gewusst und doch war es komisch. Er fühlte sich ausgelaugt, denn er hatte erst gar nicht schlafen können, im Gegensatz zu ihr. Sie war sofort in seinen Armen eingeschlafen. Machte es ihr denn gar nichts aus? Wütend schlug er die Decke zurück und entdeckte einen Zettel. Die Handschrift, die darauf prangte kannte er gut. Vom Abschreiben oder von den kleinen Liebesbriefchen, die sie sich hatten zukommen lassen. In den Ferien, wenn sie mal nicht zusammen waren, hatten sie sich auch immer geschrieben. Und nun? War nun alles vorbei? Er nahm das Pergament hoch, wischte sich den Schlaf aus den Augen und blinzelte ein paar Mal, bis er lesen konnte, was da stand.
Liebster Ron,
Es war eine schöne Nacht, das weißt du. Neben dir zu liegen und mich einfach fallen lassen zu können, das hatte ich vermisst. Ich werde dich nicht anlügen, da ich weiß du würdest es merken. Außerdem könnte ich es auch gar nicht. Ich liebe dich und ich weiß, dass auch du mich liebst, sonst wäre dir das alles egal. Ich versuche gerade einen klaren Kopf zu bekommen. Auch, wenn du bestimmt weißt, wo ich dann bin möchte ich dich bitten, mir meine Ruhe zu lassen, ich brauche sie. Nur für den Moment. Ich hatte mir die Weihnachtsferien eigentlich anders vorgestellt. Ich dachte, wir würden zusammen spazieren gehen, du würdest mich weiterhin versuchen zum fliegen zu überreden und wir würden einfach eine schöne Zeit haben. Doch, so wie es im Moment ist, kann ich das nicht, Ron. Die Frage, die du mir gestern beantwortet hast, war mir seltsamerweise wirklich am Wichtigsten. Ich weiß bloß nicht, ob ich dir vertrauen kann. Eigentlich weiß ich genau, dass du mir so etwas nicht noch einmal antun wirst und ich weiß auch, dass ich dir vertrauen sollte. Aber mein Herz spielt da nicht mit. Es will unbedingt, doch es kann nicht. Und ich fühle mich auch selbst ein wenig schuldig. Vielleicht hast du dich ja unter Druck gesetzt gefühlt. Du hast das nur für mich gemacht, um mich glücklich zu machen und ich kann es nicht verkraften. Es ist erbärmlich… und es tut mir Leid.
Ich liebe dich aufrichtig und von ganzem Herzen und werde es wohl auch immer tun,
Deine Hermione

Eine Träne sammelte sich in seinem rechten Auge, doch er wischte sie energisch weg. Harry kam langsam auf sein Bett zu, setzte sich neben ihn.
„Komm, erzähl schon.", drängte er sanft. „Wie hat sie es herausbekommen?" Ron verstand, dass er jemanden brauchte und Harry von Anfang an für ihn da gewesen, also konnte er sich ihm getrost anvertrauen.
„Wir haben miteinander geschlafen und lagen noch total erschöpft auf dem Bett, als sie mich fragte, was los sei. Es war nicht das erste Mal, dass sie fragte, aber es war anders. Sie war drängender und ich konnte einfach nicht anders. Ich habe gesagt, dass ich mit Lavender geschlafen habe. Ich habe es ihr gesagt und sie ist aufgesprungen und raus. Ich ihr hinterher. Sie saß am See, weißt du?" Der Rothaarige sah seinen besten Freund an und unterdrückte ein für ihn so untypisches Schluchzen. „Sie hat gefragt, wann es war und ich habe es ihr gesagt. Dann hat sie nichts mehr gesagt. Irgendwann später ist sie dann wortlos aufgestanden und gegangen. Das ist fünf Tage her. Und Gestern hat sie mir meinen Mantel zurück gebracht. Da konnte ich einfach nicht anders. Ich habe sie geküsst und gebeten zu bleiben. Ich habe ihr erzählt, was gelaufen ist und weißt du, was sie mich gefragt hat? Sie wollte nur wissen, ob ich Lavender befriedigt habe. Sie hat mich nicht gefragt, ob ich es wieder tun würde, oder ob ich… Ach, sie hätte alles Mögliche fragen können, nur warum gerade das? Geht es ihr nur um Sex? Ich meine, in der Sache geht es ja nur um Sex, aber-"
„Mach mal 'ne Pause, Kumpel. Es geht ihr dabei nicht nur um Sex. Überleg doch mal, warum du Hermione auf nur jede erdenkliche Weise befriedigen willst?"
„Weil ich sie liebe."
„Und deswegen wollte sie wissen, was genau du da mit Lavender getrieben hast. Natürlich geht es um Sex. Du hast sie schließlich betrogen."
„Hey, du als mein bester Freund müsstest doch eigentlich zu mir halten.", versuchte Ron zu scherzen, doch gelang es ihm nicht wirklich. Schließlich gab er sich geschlagen und reichte Harry das Pergament. „Lies." Harry gehorchte.
„Ja, und?"
„Das klingt verdammt nach Abschied, finde ich."
„Du übertreibst mal wieder. Aber wir kennen Hermione nicht anders. Sie hat immer alles durchdacht und nie wirklich impulsiv gehandelt. Nie spontan. Und ich kenne sie gut genug um zu wissen, wie sehr sie dich liebt. Das wird sie nicht wegen deiner Dummheit aufgeben."
„Na danke."
„Steck das Ding in deine Kiste und lass uns frühstücken gehen.", schlug Harry vor und erhob sich, während der Brief wieder auf Rons Schoß segelte. Es war vielleicht altmodisch, doch Ron bewahrte alle ihre Briefe in einer kleinen Kiste auf. Alle.

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„Herms, warte! Wo willst du denn an so einem schönen Tag ganz alleine hin?"
„Spazieren.", erwiderte sie genervt. Sie wollte niemanden sehen. Niemanden!
„Beruhig dich mal. Was ist denn mit dir los? Hat Ron Scheiße gebaut? Naja, er ist schon ein Idiot, wenn er eine Beziehung mit dir einfach so aufs Spiel setzt. So jemanden wie dich gibt es nicht noch einmal auf der Welt."
„Schön, dass du das so siehst.", murmelte sie, wollte ihn los werden. Mit Dean hatte sie nie groß zu tun gehabt. Er war ein netter Kumpel, doch ein furchtbarer Frauenheld.
„Sag schon, was hat er getan?", fragte er und versuchte einfühlsam zu klingen, was ihm kläglich misslang, während er einen Arm um ihre Schultern legte.
„Woher willst wissen, dass er was getan hat? Hab ich etwas nicht ganz mitbekommen?" Sie versuchte die Gereiztheit aus ihrer Stimme zu verbannen. Er konnte ja nichts dafür, sie musste nun mal mit sich selbst ins Reine kommen.
„Er tut so einiges, von dem du nichts wissen willst, Kleine. Aber das möchte ich dir nicht erzählen. Schließlich verträgst auch du nicht alles." Sie überlegte gerade, ob es zu unhöflich war, seinen Arm von ihrer Schulter zu schütteln.
„Hör mal, Dean…" Doch sie unterbrach sich, da das Gewicht auf ihr schon abgenommen hatte. Entgeistert drehte sie sich um und sah ein sommersprossiges Gesicht, rot vor unterdrückter Wut.
„Lass sie in Ruhe, Dean. Du kriegst sie nicht. Du hast sie nicht verdient."
„Du auch nicht.", flüsterte Dean, wollte gefährlich klingen, doch seine Stimme war zu hoch um jemanden ernsthaft einzuschüchtern.
„Ich weiß." Ohne Dean eines weiteren Blickes zu würdigen, ging Ron an ihm vorbei und zog Hermione an ihrem Arm mit sich. „Er?"
„Was ist mit ihm?"
„Du weißt, wie schnell ich eifersüchtig werde. Willst du es mir mit ihm heimzahlen?" Ja, sie wusste wie eifersüchtig er war. Und genau das hatte sie immer schon süß gefunden.
„Was denkst du von mir, Ron?"
„Ich…", stotterte er und sah ihr tief in die Augen, als er ihre Hände in seine nahm. „Es tut mir Leid. Ich habe nur so Angst darum, dass du dir einen anderen suchen könntest, weil ich so verdammt dumm war. Er ist doch schon seit Anfang unserer Beziehung hinter dir her und nun sieht er eine Chance."
„Aber er weiß es doch gar nicht."
„Hermione, sogar jemandem wie mir fällt auf, dass so vieles anders ist. Ich kann nicht warten und doch weiß ich, dass ich es sollte. Ich will so gerne alles rückgängig machen. Es war dumm von mir, das weiß ich." Hermione schloss die Augen um sich, einen tiefen Atemzug später, in den Schnee zu setzen.
„Komm her, Ron." Er setzte sich hinter sie und zog sie an seinen Körper, doch sie stemmte sich dagegen. „Nein, ich will dir in die Augen sehen.", sagte sie, ehe sie sich auf seinem Schoß so setzte, dass sie sich ansehen konnten. Sie unterbrach ihn mit einem Finger auf seinen Lippen, als er etwas sagen wollte. Die Lippen, die sie so oft auf ihrem Körper gespürt hatte. Die Lippen, die sie so sehr vermisste. „Ich liebe dich, Ron. Und ich weiß, dass du mich nicht noch einmal betrügen wirst. Ich weiß, dass du mich niemals wieder bei grundlegenden Sachen anlügen wirst und doch bin ich verletzt, tief in mir ist irgendetwas zerbrochen. Aber ich möchte es wieder zusammenflicken, ich weiß nur nicht wie. Ich mag dieses Gefühl nicht, weißt du?" Er traute sich nicht zu lächeln, zog sie bloß an sich, küsste ihren Scheitel und wiegte sie hin und her, wie man es mit einem kleinen Kind machte. „Ron, ich habe mir das noch ni-"
„Scheiße, Liebling! Entscheide einmal mit deinem Herzen, nicht mit deinem Kopf. Mich zu lieben ist doch auch keine Verstandssache, oder?! Oh Merlin, Mione! Bleib bei mir, verdammt. Ich brauch dich so sehr."
„Ich dich auch, Ron. Ich dich auch.", flüsterte sie an seinen Umhang und schloss die Augen. Sie hatte sich entschieden. Für ihn. Obwohl sie keine andere Wahl gehabt hatte. Ihr Herz… Es hatte sich von Anfang an nicht von ihm trennen können.