Kapitel 4: Neues Leben und andere neue Sachen

Fertig geduscht stand ich vor dem Spiegel. Man, Bella, was bist du denn für ein Anblick. Mein Outfit bestand aus einer alten verwaschenen Jeans, einem viel zu großen Shirt und ein paar durchgetretenen Turnschuhen. So konnte das nicht weiter gehen. Ich schnappte mir die Autoschlüssel und machte mich auf den Weg in die Stadt. Jetzt war erst Mal shoppen angesagt. Als ich vor dem riesen Einkaufscenter stand, wurde mir dann schon ein wenig mulmig. Lange war ich nicht mehr unter so vielen Menschen gewesen. Die Angst erkannt zu werden, saß mir im Nacken, aber da musste ich nun durch.

Nach sechs Stunden einkaufen und 14 riesigen Tüten hatte ich alles, was ich haben wollte. Nun stand ich vor meinem nächsten Problem. Nachdem ich den Kellner in diesem kleinen Kaffee gefragt hatte, ob ich netterweise meine Einkaufstüten bei ihm zwischen lagern konnte, hatte ich mich schlichtweg mit der Menge vertan. Ich befand mich hier im dritten Stock und mein Auto stand in der Tiefgarage. Es war ein langer Weg bis dorthin.

Also entschied ich mich jetzt erst Mal für einen Kaffee. Ich brauche einen guten Plan, wie ich meine Tüten zu meinem Auto bekommen würde.

„Hey Marie, was machst du denn hier?" Diese Stimme war unverwechselbar, auch wenn ich sie erst einmal gehört hatte. Tanya. Lächelnd hob ich den Kopf und zuckte bei dem Anblick zusammen. Neben ihr standen drei wunderschöne Frauen und ein junger Mann hatte sich bei ihr eingeharkt. Er passte zu den Mädels. „Hallo. Naja, ich war shoppen und hab mich in der Menge vertan. Nun überleg ich mir einen Plan, wie ich meine Tüten alle in mein Auto bekomme."

„Alice, die ist wie du…" hörte ich die sanfte Männerstimme, die plötzlich anfing mit Lachen. Er lachte mich also aus. Langsam stieg Wut in mir hoch. Er kannte mich nicht und hatte mich auch nicht auszulachen. Ich hasste die Männer sowieso. Ich funkelte ihn wütend an: „Statt mich auszulachen könntest du gentlemanlike mir meine Tüten ans Auto bringen!" Überrascht verstummte er mit Lachen und sah mich mit einem seltsamen Blick an. Er musterte mich ziemlich auffällig von oben bis unten, und nun konnte ich es auch leider nicht mehr verhindern: ich lief rot an. Aber nicht aus Scham, sondern aus Wut. Was fiel dem Kerl eigentlich ein?

„Also, wenn ich dich so anschau, dann versteh ich, warum du so viel shoppen musstest. Und da ich ja Mitleid habe, helf ich dir die Tüten zu deinem Auto zu bringen." Ohne weitere Worte schnappte er sich den größten Teil meiner Tüten und lief Richtung Lift. Schnell packte ich die noch übrigen Einkaufstüten und lief ihm hinterher. „Bye Tanya, bis zum nächsten Mal." Rief ich ihr noch zu. Ganz knapp drückte ich mich in den Lift, bevor sich die Tür schloss. Nun standen wir uns gegenüber. Er schaute mich unverhohlen an, und ich fühlte mich immer unwohler… Ängstlich richtete ich meinen Blick zu Boden und hoffte, dass wir bald unten ankommen würden. Mühsam versuchte ich meine aufkeimende Angst zu unterdrücken.

Ich konnte meine Augen nicht von ihr lassen. Sie war nicht wirklich eine Schönheit. Blonde Haare passten irgendwie nicht zu ihr. Auch nicht, dass sie das Haar so kurz trug. Aber sie hatte ein wunderschönes Gesicht. Als sie Tanya vorher anlächelte, war ich für einen Moment hin und weg. Es hatte mich verzaubert. Nur irgendwie hatte ich das Gefühl, dass dieses Lächeln ihre Augen nicht erreicht hatte. Vielleicht bildete ich mir das auch ein. Es war ja auch egal. Ich kannte dieses junge Mädchen ja nicht. Oh mist, und jetzt fiel mir auch wieder ein, dass sie mich auch nicht kannte. Wieso starrte sie eigentlich die ganze Zeit den Boden an? Na gut, wenn sie schüchtern ist, dann mache ich eben den ersten Schritt „Hey, es tut mir leid, ich hatte mich nicht vorgestellt. Ich heiße Edward und bin ein Freund von Tanya."

Vorsichtig schielte sie mich von unten herauf an. War das Angst in ihrem Blick? Ich hörte, wie ihr Herz immer wieder aussetzte. Langsam machte ich mir schon Sorgen. War sie gesund? „Ja, und ich bin Marie. Du bist wahrscheinlich ihr Besuch, oder? Sie hatte mir heute Morgen etwas davon erzählt. Vielen Dank, dass du mir hilfst, die Tüten in mein Auto zu bringen. Allein hätte ich das wohl nie geschafft." Ihre Stimme zitterte bei ihren Worten.

Endlich hielt der Lift in der Tiefgarage. Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Der Lift war viel zu klein für einen Mann und mich… Ich wollte keine Männer in meinem Leben haben. Schon gar nicht welche, die mir zu Nahe kamen….und ohne, dass ich es verhindern konnte, übermannte mich die Erinnerung an die erste Nacht meines Gefängnisaufenthaltes.

Meine Zelle war dunkel, und als Neuling war ich in einer Einzelzelle. Niemand sagte mir warum. Aber ich hatte auch nur eine Mitgefangene gefragt, die mich daraufhin einmal durch den Aufenthaltsraum prügelte, da man sie nicht ansprechen durfte, ohne vorher zu fragen, ob es erlaubt sei. Ich hatte einen Schock und krabbelte in die hinterste Ecke… Ihr Name war Mozilla. Und von Anbeginn hatte ich Angst vor ihr.

Nun ja keiner sagte mir, warum ich das Privileg einer Einzelzelle hatte. Als ich dann herausfand, warum ich dieses Privileg hatte, war es zu spät. Es gab da diesen Wärter. Andrew. Er kümmerte sich um die Neulinge…daher auch um mich. In der ersten Nacht schloß er meine Zelle auf und kam zu mir ans Bett. Er verpasste mir einen Faustschlag und drohte mir, dass, wenn ich einen Pieps von mir geben würde, ich den Knast in einem Sarg verlassen würde. Entsetzt drückte ich mich in die hinterste Ecke meiner Zelle. Ich hatte solche Angst. Ich spürte seine Hände überall…und auch seinen Mund und seine Zunge. Es war die Höhle. Der Brechreiz gewann Überhand, in dem Moment, als ich mein erstes Mal unter Höllenqualen erlebte. Als man mich am nächsten Morgen fand, wurde ich auf die Krankenstation gebracht… Ein Tag später war ich wieder zurück…und alles ging von vorne los.

Ich starrte durch Edward hindurch. Die Erinnerungen waren so real, dass mein Herz anfing mit Rasen und doch immer wieder aussetzte und ein stechender Schmerz breitete sich in meinem Körper aus. Da war es wieder dieses Gefühl. Schnell drehte ich mich zu Wand, und dann war es auch schon zu spät. Ich erbrach mich. Immer und immer wieder. Erschöpft sank ich auf die Knie und lehnte den Kopf gegen die kalte Wand.