Die nächste Woche gestaltete sich, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, als ausgesprochen arbeitsreich für den vulkanischen Botschafter. Der jüngsten Krise wegen waren wichtige Dinge unerledigt geblieben, Gespräche abgesagt worden und die Planung für die kommenden Konferenzen ins Hintertreffen geraten. Sarek arbeitete beinahe ohne Unterlass, um das ernorme Pensum zu bewältigen.
Ganz wie er es erahnt hatte, kehrte Amanda Grayson am Montag zur Arbeit zurück, als sei nichts geschehen. Sarek sollte sich später daran erinnern, dass Sehlur ihn zur Seite genommen und seiner Sorge Ausdruck verliehen hatte, dafür sei es viel zu früh. Doch in stillschweigender Übereinkunft sprachen weder Sarek noch der ältere Vulkanier die junge Frau darauf an. Das lag vor allen Dingen daran, dass kürzlich nicht mehr viel dazugehörte, Amandas berüchtigten Jähzorn zu entfachen. Rückblickend begriff Sarek, dass er die ersten Warnsignale, die darauf hinwiesen, dass Amanda immer noch an der Nachwirkungen der Entführung und Geiselhaft litt, schlicht und ergreifend übersehen hatte.
Alles in allem sah er in den nächsten Tagen wenig von Amanda Grayson. Aber da er selbst mit seiner eigenen Arbeitslast zu kämpfen hatte, akzeptierte er ohne Hintergedanken, dass die junge Frau seine wiederholten Einladungen zum Mittagessen oder auf eine abendliche Tasse Tee mit dem Hinweis auf ausstehende Aufgaben ausschlug. Die Berichte aus der linguistischen Abteilung, die zusammen mit allen andern Statusrapporten über seinen Schreibtisch gingen, waren wie immer ohne Fehl und Tadel.
Das erste unübersehbare Anzeichen, das etwas mit der jungen Frau ganz und gar nicht stimmte, sprang Sarek zum Beginn der folgenden Woche beim monatlichen Treffen seiner Sektionschefs ins Auge. Als Amanda den Konferenzraum zehn Minuten nach Beginn der Besprechung betrat, erschrak Sarek nicht wenig über ihr elendes Aussehen. Er winkte mit einer Hand ihre Entschuldigung über die Verspätung beiseite und beobachtete sie aufmerksam, wie sie auf ihren Platz zu steuerte.
Ihr Bericht war kurz und bündig, die Vorbereitung für die bevorstehenden Konferenzen gingen glatt vonstatten. Während der Sitzung ertappte sich Sarek dabei, wie sein Blick immer häufiger in Richtung der jungen Linguistin wanderte. Als er bemerkte, dass sie auf ihrem Stuhl eingeschlafen war, fügte sich plötzlich alles zusammen und ergab ein alarmierendes Gesamtbild: ihr Jähzorn, ihre Ausreden, um ihm aus dem Weg zugehen, und ihre Erschöpfung. Zutiefst um ihr Wohlergehen besorgt und zugleich fest entschlossen, sich heute nicht abweisen zu lassen, beschloss Sarek, sie zum Mittagessen einzuladen.
Doch gerade als er sich an die junge Frau wenden wollte, trat Sehlur an ihn heran und informierte ihn mit leiser Stimme darüber, dass der Sicherheitschef der Sternenflotte um ein dringendes Gespräch gebeten hatte.
Sarek kannte Commander Patterson und hegte daher keinen Zweifel daran, dass die Angelegenheit in der Tat von äußerster Wichtigkeit war. Irgendwie hatte Sarek die dunkle Ahnung, es bestünde eine Verbindung zu der Geiselnahme. Nicht zuletzt deshalb begab sich der Vulkanier ohne Verzögerung auf den Weg zum Hauptquartier der Sternenflotte.
Ihre Wege hatten sich zum ersten Mal gekreuzt, kurz nachdem Sarek zur Erde versetzt worden war. Charlie Patterson schien jedes einzelne Klischee zu erfüllen, dass Vulkanier über die Menschen hatte: emotional, unlogisch und voller Widersprüche. Sarek hatte schon früh in ihrer Bekanntschaft herausgefunden, dass sich hinter Pattersons liebenswürdigem Auftreten und gemütlichem Äußeren ein lebhaftes manchmal fast gewalttätiges Temperament verbarg. Selbst heute noch und selbst unter den günstigsten Vorraussetzungen war Patterson leicht aufbrausend und hatte wenig Nachsicht mit denen, die seine außergewöhnlich rasche Auffassungsgabe nicht teilten. Meistens trieben sie hilflos in seinem Kielwasser, wenn er sich bei der Ausführung einer ihm übertragenen Aufgabe zu sehr behindert fühlte. Wenn es ihnen dann – bildlich gesprochen – gelungen war, zu Patterson aufzuschließen, dann war das zur Diskussion stehende Problem üblicherweise schon lange gelöst. Manchmal auf recht unorthodoxe Art und Weise, aber doch umfassend und effizient. Sarek erinnerte sich bei diesen Gelegenheit an einen von Pattersons früheren Vorgesetzten, der nach einem spektakulären Alleingang seines Schützlings in gespielter Verzweifelung den Kopf geschüttelt und gesagt hatte: „Seine Methoden muss man nicht unbedingt lieben, wohl aber seine Ergebnisse." Im Laufe der Zeit hatte Sarek nach und nach verstanden, dass der manchmal jähzornige Mann seinen Beruf nicht besser hätte treffen können. Patterson handelte stets schnell und kurzentschlossen, trotzdem waren seine Entscheidung niemals unüberlegt, sondern fanden ihre Begründung in einer unfehlbaren Intuition, ganz so wie Sareks Handlungen seine kühle Logik widerzuspiegeln pflegten.
Ein wenig erstaunt war Sarek dann aber doch, als Patterson ihn abfing noch bevor der Botschafter einen Fuß ins Hauptquartier gesetzt hatte. Wie üblich verschwendete der Commander keine Zeit mit Höflichkeitsfloskeln, sondern setzte den Diplomaten sogleich über den Stand der Dinge in Kenntnis. Während Sarek schweigend zuhört, registrierte er beiläufig, dass sie sich nicht etwa auf dem Weg zu Pattersons Büro befanden, sondern in Richtung der Medizinischen Abteilung unterwegs waren.
„Sie werde sich erinnern, dass es Ihnen spanisch vorkam, dass diese Bastarde meine Stellvertreterin zusammen mit Ihren Leuten entführt hatten?"
Sarek nickte lediglich. Von Anfang an hatte er es für einen extrem unwahrscheinlichen Zufall gehalten, dass die Entführer, die in jeder anderen Hinsicht so minutiös geplant hatte, aus Versehen die Stellvertretende Leiterin der Sicherheitsdienstes, eine von den zwei menschlichen Frauen, nicht identifiziert haben sollten.
„Sieht aus, als hätten Sie recht gehabt." Sarek war sich sicher, dass seine Gesichtszüge nicht das geringste verraten hatten, aber Charlie Patterson hatte seine erstaunliche Beobachtungsgabe im Laufe der Jahre schon oft unter Beweis gestellt. Ihm entging nicht die leiseste Nuance im Gesicht seines Gegenübers und niemals ordnete er eine Beobachtung falsch zu.
„Bren fing Ende letzter Woche wieder an zu arbeiten. War nichts Ungewöhnliches – bis sie am Wochenende eine Doppelschicht übernahm und plötzlich seltsam wurde. Völlig desorientiert, murmelte vor sich und griff mich schließlich an. Es war nicht ganz einfach, sie zu überwältigen. Unser Doc konnte nichts feststellen, zumindest nicht bis zum neurologischen Scan. Und das ist der Grund, aus dem Sie hier sind."
Sie hatten den Eingang des medizinischen Komplexes erreicht. Die Sicherheitskontrolle nahm einige Zeit in Anspruch und ersparte es Sarek, auf diese rätselhafte Bemerkung reagieren zu müssen. Mit wachsendem Unbehagen wurde ihm bewusst, dass sie in die Neurologie unterwegs waren. Beide Männer schwiegen, zu sehr gefangen in ihren Gedanken.
Sarek stand schweigend am Bett von Pattersons Stellvertreterin. Sie war groß für eine Frau. Die langen braunen Haare waren immer noch zum üblichen Zopf geflochten. Ob sie nur schlief war oder bewusstlos war, konnte Sarek nicht mit letzter Sicherheit sagen – aber er nahm letzteres an.
„Commander Patterson!"
Sarek war so tief in Gedanken versunken gewesen, dass er das Erscheinen des menschlichen Arztes nicht wahrgenommen hatte. Er wandte sich um und fand beide Männer in eine Diskussion verstrickt, die mit jedem verstreichenden Moment hitziger wurde.
Pattersons Frustration und seine Besorgnis um sein Teammitglied hatten schließlich die Oberhand gewonnen. Sein gutmütiges Gesicht war im Zorn gerötet, seine Stimme hatte, obwohl er leise sprach, einen drohenden Unterton angenommen. „Sie wollten einen Vulkanier, und ich habe Ihnen einen geholt. Und jetzt wagen Sie es, mir zu sagen, es sei der falsche? Das ist Botschafter Sarek; ich vertraue ihm blind – und würde vorschlagen, dass Sie das gleiche tun. Bis jetzt seid Ihr Weißkittel nämlich zu nichts nütze gewesen. Was tut Ihr den schon, außer Bren im Koma zu halten und Sie mit irgend einer neumodischen Droge vollzupumpen?"
Zu seiner Ehrenrettung muss gesagt werden, dass der menschliche Arzt gänzlich unbeeindruckt von Pattersons Tirade blieb. „Commander Patterson, ich versichere Ihnen, dass wir alles in unsere Macht stehende tun. Sicherlich ist Lexorin noch eine wenig erprobte Substanz. Aber in Verbindung mit dem künstlichen Koma, in dem sich Lt. Jones noch befindet, ist es uns immerhin gelungen, den Kollaps ihres synaptischen Systems zu verlangsamen. Und sollten wir eines vulkanischen Heilers habhaft werden, stehen die Chancen für eine vollständige Genesung nicht schlecht."
Es dauerte einen Moment, bis Sarek diesen immensen Schock verwunden hatte. Die Worte des Mediziners hallten immer wieder durch sein Bewusstsein: Lexorin... Kollaps des synaptischen Systems... Heiler... Die Hinweise deuteten allesamt in eine Richtung. Aber das konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Kurz bevor Patterson zu einer heftiger Entgegnung ansetzte, gelang es Sarek sich zu fassen. Rasch trat er zwischen die beiden streitenden Männer und hob eine Hand, um Charles Patterson Einhalt zu gebieten. „Ich werde augenblicklich nach einem unserer Heiler schicken. Aber gestatten Sie mir bitte eine Frage: Vermuten Sie, dass Lt. Jones unwillentlich einer Gedankenschmelzung unterzogen worden ist?"
Der Arzt zuckte unbestimmt die Schultern. „Ob unfreiwillig oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Aber ja, ich bin sicher, dass eine Gedankenverschmelzung die Ursache ihres Zustandes ist. Im Rahmen eines Austauschprogramms habe ich ein Jahr an der Vulkanischen Akademie studiert. Damals wurde ich Zeuge eines neurologischen Scans, der in etwa das selbe Muster aufwies wie mein gestriger." Er hielt einen Moment inne und schien verschiedene Dinge gegeneinander abzuwägen. Als er schließlich weitersprach, war sein Tonfall nachdenklich und zögernd. „Botschafter Sarek, es ist mir wohl bewusst, dass ich meine Kompetenzen hier überschreite. Aber ich halte zwei Annahmen für gerechtfertigt. Zum einen, dass es während der Geiselnahme zu der Verschmelzung gekommen ist. Und zum anderen, dass keiner Ihrer Leute sie ausgeführt haben wird. Schon alleine nicht wegen der Risken, die ein solcher Kontakt in sich birgt. Ich denke deswegen, dass Ihrer Geiseln dringend von einem Heiler untersucht werden sollten."
Der hochgewachsen Vulkanier nickte. „Ein vernünftiger Vorschlag, aber alle Geiseln auf unserer Seite sind noch am Abend Ihrer Rückkehr gründlich untersucht worden. Und als Vulkanier hätten sie den Versuch einer Verschmelzung erkannt. Dazu ist Lt. Jones nicht in der Lage gewesen."
Noch während er sprach, kristallisierte sich ein Verdacht heraus. Alle waren untersucht worden, alle bis auf... Elender Narr, der er war! Er hätte darauf bestehen sollen, dass Amanda noch am gleichen Abend einen Arzt aufsuchte. Ihre Angst, als er sie am Abend vor ihrer Haustür geweckt hatte, die Panikattacke am nächsten Morgen... Sie hatte nicht einfach Angst vor seiner Berührung gehabt, sie hatte befürchtet, er werde sie in eine Gedankenverschmelzung zwingen. Plötzlich gaben Sareks Knie unter ihm nach. Am Rande seines Wahrnehmung er begriff, dass es nur Pattersons stählerner Griff um seinen Arm war, der seinen Sturz verhinderte.
„Sarek! Reißen Sie sich zusammen!"
Ein deutlicher Hinweis darauf, wie sehr er den Menschen erschreckt hatte. Trotz ihrer langen Bekanntschaft war es zwischen ihnen immer bei der förmlichen Anrede von Botschafter Sarek auf der einen und Commander Patterson auf der anderen Seite geblieben. Sarek rang um seine Beherrschung. Mühsam fand er sein Gleichgewicht wieder und befreite behutsam seinen Arm aus Pattersons Umklammerung. „Ich bitte um Verzeihung für meinen Mangel an Selbstbeherrschung. Ich weiß Ihre Besorgnis zu würdigen, aber es besteht kein Anlass zur Beunruhigung.
Unser Heiler wird innerhalb der nächsten Stunde hier eintreffen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden – ich muss einigen wichtigen Angelegenheiten nachgehen."
