Ich habe lange auf mich warten lassen, aber nun habe ich es geschafft, hier das vierte Kapitel meiner FF. In diesem Monat schreibe ich meine Bachelorarbeit fertig, danach habe ich hoffentlich auch wieder mehr Zeit.

Jade fand mich wenig später in der Gasse. Sie runzelte die Stirn, als sie mich sah.

„Müssen wir uns um eine Leiche kümmern?"

Ich schüttelte langsam den Kopf und erhob mich. „Aber es hat nicht viel gefehlt."

Jade schenkte mir ein kleines Lächeln. „Das ist egal. Entscheidend ist, dass du es geschafft hast."

Ich war mir da nicht so sicher wie sie.

Ich hatte nicht vorgehabt, mit ihr zu den anderen Strigois zurückzukehren, doch ich war mir jetzt nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee wäre, auf eigene Faust loszuziehen. Ich hatte immerhin vor einen Ort aufzusuchen, an dem es vor Dhampiren und Moroi nur so wimmelte. Wie würde ihr Blut erst auf mich wirken? Würde ich mich zurückhalten können oder jemanden ernsthaft verletzten, vielleicht sogar töten? Dieser jemand könnte Lissa sein oder Dimitri.

Nein, ich musste erst sicher sein, dass ich keine Gefahr für meine Freunde war, bevor ich zu ihnen gehen konnte. Also folgte ich Jade widerwillig zurück in den Wald.

3 Tage später

Strigois waren von Natur aus Einzelgänger. In einer Gruppe wie der unseren zu leben, war eine Herausforderung für jedes einzelne Mitglied. Selbst ich spürte, wie meine Ungeduld und Gereiztheit mit jeder Minute, die ich mit den anderen verbrachte, stetig zunahm. Wie viel Selbstkontrolle mussten erst die aufbringen, die keine Seele mehr hatten?

Selbstkontrolle. Diese Eigenschaft war für mich noch nie so wichtig gewesen. Ich hatte schon immer zu wenig davon besessen und oft um sie kämpfen müssen. Doch nie war es so schwer wie jetzt gewesen. Nie war es so wichtig wie jetzt gewesen.

Ich ging allein durch den Wald und lauschte auf die Geräusche um mich herum. Vor einer Stunde hatte ich das letzte Mal die Schritte einer anderen Strigoi gehört. Ich unternahm das erste Mal seit meiner Verwandlung – ich weigerte mich, es Erweckung zu nennen – allein einen Ausflug weg von der Gruppe. Bedingt durch unser Naturell waren diese Stunden allein für uns alle dringend nötig und keiner hatte mich gefragt, was ich vorhatte und wohin ich ging. Dieser Umstand würde sehr hilfreich sein, wenn ich die Strigoi verlassen würde, denn erst bei Sonnenaufgang würde ihnen bewusst werden, dass ich nicht zurückkommen würde, und dann mussten sie die nächste Nacht abwarten, um sich auf die Suche nach mir zu machen.

Doch meine Hoffnung, bald verschwinden zu können, schwand. Jade hatte mir meine naiven Träumereien von einer schnellen Rückverwandlung gründlich verdorben. Ich hatte ihr in der letzten Nacht, in der wir wieder gemeinsam Jagen waren, von meinen Plänen erzählt und sie hatte mir nur einen spöttischen Blick zugeworfen. „Du willst dich von Königin Dragomir oder deinem Exfreund zurückverwandeln lassen? Weißt du, wie gut sie jetzt bewacht sein werden? Inzwischen wird jeder Wächter im Land wissen, dass eine der besten Kämpferinnen unter den Dhampiren verwandelt wurde und sie alle werden es als ihre oberste Pflicht ansehen, dir möglichst schnell einen Pflock durch das Herz zu jagen. Du würdest nicht mal in Sichtweite deiner Moroifreunde kommen und würdest schon aussehen wie ein Nadelkissen."

Mit zutreffenden Vergleichen hatte es meine neue Verbündete offenbar nicht so, aber abgesehen davon musste ich einsehen, dass sie Recht hatte. Ich konnte nicht zurück an den Hof. Lissa würde mich sicher schützen wollen, aber die Wächter würden nicht auf ihre Befehle hören, wenn sie ihr Leben dadurch in Gefahr bringen würden. Ich konnte ihnen deshalb nicht böse sein. Ich hätte selbst so gehandelt. Mein Plan, einfach an den Hof zu gehen und mich zurückverwandeln zu lassen, fiel damit aus. Kein Wächter würde mir glauben, dass ich noch eine Seele hatte. Ich war mir ja selbst nicht sicher, ob das wirklich zutraf. Und eben diese Unsicherheit war der Grund für meinen nächtlichen Ausflug.

Der Wald lichtete sich langsam und ich horchte noch einmal auf Schritte oder andere verräterische Geräusche in meiner Umgebung. Nichts. Ich ging etwas zügiger weiter und hielt auf eine sehr kleine Ortschaft zu, die sich in ein kleines Tal vor mir schmiegte. Diesen Teil des Waldes kannte ich noch nicht. Das Dorf war zu klein, um unauffällig jagen zu können, also mieden die Strigoi es normalerweise. Eine blutleere Leiche hier und die Wächter wären sofort informiert gewesen und hätten den Wald durchsucht. Ich selbst war nicht hier zum Jagen und hatte mir dieses Dorf ausgesucht, weil hier die Gefahr sehr gering war, dass mich ein anderer Strigoi beobachtete. Jade hielt mein Vorhaben trotzdem für Verrückt.

„Was hat denn das für einen Sinn?", hatte sie gefragt. „Dir bringt es nichts, aber wenn du entdeckt wirst, dann wirst du Venatrix Rede und Antwort stehen müssen."

Auf meiner Liste der schlimmsten möglichen Horrorszenarien meines Lebens, stand ein ernstes Gespräch mit Goldlöckchen nicht sehr weit oben. Es pendelte irgendwo zwischen „Babysitting für potenzielle Patenkinder" (die ich mit ziemlicher Sicherheit haben würde, Lissa sei Dank) und „meine Mom erwischt mich beim Sex", was wirklich schlimmer wäre, als Venatrix, die herausfindet, dass ich für eine Strigoi nicht ganz normal bin. Wenn ich heute Abend Erfolg hatte, dann konnte ich mir sicher sein, noch eine Seele zu haben. Jades Erzählungen reichten mir nicht, ich musste mich selbst davon überzeugen, dass ich anders war, als die gefühlslosen Hüllen, mit denen ich die letzten Tage verbracht hatte.

Inzwischen hatte ich das Dorf erreicht und umrundete es mit einigen Metern Abstand. Die Felder, die mit Getreide bewachsen waren, machten es mir leicht, nicht gesehen zu werden. Bald hatte ich mein Ziel im Blick. Eine kleine, gut gepflegte Kirche, die von einem Garten umgeben war.

Ich schaute das einfache Bauwerk fast ehrfürchtig an. Kirchen hatten für mich nie wirklich eine Bedeutung gehabt, zumindest hatte ich das bisher gedacht. Während meiner Zeit an der Akademie hatte ich es vorgezogen, an Sonntagen auszuschlafen. Nur um mit Lissa zusammen sein zu können, hatte ich mich für einige Wochen lang jeden Sonntag aus dem Bett gequält. In letzter Zeit saß ich zu meinem eigenen Entsetzen recht regelmäßig in der Kirche, die auf dem Hof der Moroi stand. Der Grund dafür war mein wunderbarer, russischer, dummerweise kirchlich erzogener Freund. Er glaubte nicht wirklich mehr an Gott als ich und war auch nicht der Meinung, dass Gott, selbst wenn es ihn gäbe, irgendein Interesse daran hatte, uns jede Woche wie eine Tierherde auf engstem Raum zusammengepfercht zu sehen, aber Dimitri fand, dass der Sonntagsgottesdienst eine ausgezeichnete Möglichkeit zum Nachdenken bot. Ich hatte nie ganz verstanden, wie sich das von meiner Art den Gottesdienst zu verbringen unterschied – den Pfarrer ausblenden und Tagträumen nachhängen, vorzugsweise welchen, in denen Dimitri, ich und ein großes Bett involviert waren – aber seine Art diese Stunden zu verbringen, fand irgendwie mehr Anklang.

Wahrscheinlich tat er nichts anderes als ich und verpackte es einfach nur besser. Andererseits konnte man Tagträumen – oder wie Dimitri es nannte, „Gedanken" – auch an anderen Orten und vor allem zu anderen Uhrzeiten nachhängen. Da ich meinen Freund über alles liebte und bereit war, Opfer für ihn zu bringen, erhob ich mich in letzter Zeit trotzdem jeden Sonntag noch vor Sonnenuntergang und folgte ihm ohne Murren in die Kirche. Zugegeben, das fehlende Murren kam daher, dass ich um diese Zeit noch nicht die Energie dafür hatte.

Heute hätte ich alles dafür gegeben, morgen zum Gottesdienst gehen zu können. Es war Samstag und die Sonne würde erst in einigen Stunden aufgehen. Um diese Zeit würde die Kirche leer sein. Strigoi hatten gegenüber Dhampiren einige Vorteile. Sie waren stärker, schneller und lebten ewig. Doch sie hatten auch andere Grenzen. Als Strigoi konnte ich nicht mehr in die Sonne gehen und eigentlich sollte es mir nicht möglich sein, geweihten Boden zu betreten. Jade hatte mir jedoch erzählt, dass sie durchaus schon geweihten Grund betreten hatte.

„Ich denke es hat mit unserer Seele zu tun", hatte sie erklärt. „Die Sache mit der Sonne scheint eine rein körperliche Erscheinung zu sein, wir verbrennen uns nämlich ebenso wie alle anderen Strigoi, wenn wir versuchen ins Tageslicht zu gehen. Aber Kirchen können wir betreten. Ich habe früher nie an einen Gott geglaubt, aber offenbar hält tatsächlich etwas ausschließlich seelenlose Strigoi von den Kirchen fern. Beeindruckend, nicht?"

Ich fand es fast ein wenig gruselig, aber nichtsdestotrotz wollte ich heute Nacht diese Kirche betreten, einfach um mir selbst zu beweisen, dass in mir noch der Dhampir war, der ich sein sollte.

Um das Grundstück befand sich ein niedriger Zaun, den ich ohne Probleme überspringen konnte. Das Schloss an der Kirche war kein Problem für mich, allerdings hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, es aufzubrechen. Immerhin wollte ich gleich in der Kirche willkommen geheißen werden. Hausfriedensbruch im Haus Gottes gehörte bestimmt nicht zu den Dingen, die mich diesem Ziel näher brachten. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Machte ich mir gerade Gedanken um die Meinung Gottes? Wow, bald würde ich noch ernsthaft anfangen, mit ihm zu reden! Kopfschüttelnd zerriss ich die Stahlkette und ließ sie mit einem leisen Klirren zu Boden fallen.

Ich holte noch einmal tief Luft. Obwohl Jade mir versichert hatte, dass ich geweihten Boden würde betreten können, war ich nervös, als ich die Tür vorsichtig aufschob und den ersten zögerlichen Schritt in die Kirche setzte. Nichts passierte. Ich trat einen weiteren Schritt in die Kirche und stellte erleichtert fest, dass ich nun mitten auf geweihtem Boden stand, ohne dass es mir die geringsten Probleme bereitete. Zum ersten Mal seit Tagen lächelte ich ein ehrliches Lächeln und beschloss, diesen kleinen Triumph für ein paar Minuten zu genießen. Ich ließ mich auf einer der einfachen Holzbänke nieder und stützte mich mit den Armen auf der Lehne der vor mir befindlichen Bank ab. Jetzt, da meine Nervosität verklungen war, fühlte ich bittersüße Sehnsucht in mir aufsteigen. In gewisser Weise fühlte ich mich Dimitri und Lissa hier näher als je zuvor nach meiner Verwandlung. Ich war so oft mit ihnen in einem ähnlichen Raum und verband vollkommen alltägliche und doch glückliche Erinnerungen damit. Doch das alles verstärkte nur meinen Wunsch, sie endlich wiedersehen zu können.

Ich hatte mich in den letzten Wochen daran gewöhnt, von Dimitri aufgefangen zu werden, wenn mich etwas aufwühlte oder ich traurig war. Er würde mich in den Arm nehmen, mir über den Rücken streichen und beruhigende Worte in mein Ohr flüstern, von denen ich die meisten nicht verstehen würde. Ich vermisste diese Nähe schmerzhaft und wünschte mir nichts sehnlicher, als zu ihm gehen und in seine Arme fallen lassen zu können. Meine Hände begannen zu zittern und ich ballte sie wütend zu Fäusten. Nein, so schwach durfte ich nicht sein! Ich war Rose Hathaway, eine der besten Wächterinnen, die die Dhampire zu bieten hatten, und verantwortlich für den Schutz der Königin. Ich würde nicht in einer Kirche zusammenbrechen und mir die Seele aus dem Leib schluchzen. Ich atmete tief durch und Weihrauchgeruch begann meine Nase zu füllen. Strigoi hatten einen sehr empfindlichen Geruchssinn und ich verzog das Gesicht. Als Dhampir hätte ich meine Nase mitten in eine Schwade Weihrauch halten müssen, um den Geruch so intensiv wahrzunehmen. Aber immerhin hatte mich der starke Duft für einen Moment abgelenkt und ich hatte mein inneres Gleichgewicht wiedergefunden.

Und dann spürte ich da noch etwas anderes. Es war nicht stark, aber es war da. Ein unangenehmes Ziehen in meiner Bauchgegend, ein winziger Schauer, der mir den Rücken hinunterlief. Ein kleiner Teil von mir wollte hier nicht länger sein und drängte mich dazu, die Kirche zu verlassen. Es war der kleine Teil von mir, der ein Strigoi war. Ich schlang die Arme um meine Körpermitte und presste meine Lippen zusammen, um nicht frustriert aufzuschreien. Natürlich, der Ort, der mir bestätigte, dass ich noch eine Seele hatte, war gleichzeitig der Ort, der mich deutlich spüren ließ, dass da etwas Fremdes in mir war. Ich hob den Kopf und starrte die schmucklose Decke der Kirche an. „Was soll ich tun?", hörte ich mich selbst flüstern. „Bitte hilf mir."

Natürlich erhielt ich keine Antwort und als die Erinnerungen an Dimitri und Lissa mich wieder zu überwältigen drohten, beschloss ich, dem Fluchtinstinkt nachzugeben und die Kirche zu verlassen. Aus Trotz gab ich dem Drang in mir, den Mittelgang entlang hinaus zu rennen, nicht nach. Stattdessen machte ich langsame, bedächtige Schritte und blieb an der Tür noch einmal stehen. In mir herrschte Chaos, doch ein Gefühl trat besonders deutlich heraus. Hoffnungslosigkeit. Ich würde es nicht schaffen, an Lissa oder Adrian heranzukommen. Ich würde es nicht schaffen, wieder ein Dhampir zu werden. Was hatte meine Seele für einen Sinn, wenn sie nur Schmerz ertragen musste?