Ferien zwischen 4. und 5. Jahr

„Scorp bist du dann soweit?" Scorpius schnitt eine Grimasse. Seine Mutter war mit ihm einkaufen gewesen. Nun stand er in einer dunkel grauen Festtagsrobe vor dem Spiegel. Er fand, er sah uralt darin aus. Was eigentlich egal war, denn er würde sowieso nicht viel Spaß auf der Hochzeit haben.

Sein Großcousin oder Groß-Großcousin oder so ähnlich Theodor Lupin würde heute seine Jugendliebe Victoire Weasely ehelichen.

Da Teddy neben seiner Großmutter Narcissa und deren Schwester Andromeda Scorpius einzige Verwandtschaft darstellte, hatte er ihn regelmäßig gesehen. Er mochte ihn eigentlich auch ganz gerne. Als er klein war, war Teddy immer so etwas, wie sein großer Bruder gewesen. Aber das hatte sich in den letzten Jahren verändert.

Teddy mochte ja ganz in Ordnung sein, aber er gehörte nicht in die Gesellschaft. Seine Abstammung war einfach abartig!

Denn heute würde Scorpius auf der Hochzeit eines Metamorph-Werwolf und einer Viertel-Veela tanzen. Die ganze Hochzeit würde eine Freakshow sein: die Veela-Verwandtschaft aus Frankreich, die Schlammblutverwandtschaft aus England und das ganze Werwolfgesindel dazwischen. Schließlich war der Vater der Braut auch kontaminiert worden.

Scorpius konnte immer noch nicht verstehen, wieso Voldemort sich ernsthaft mit den Werwölfen eingelassen hatte. Das war doch widerlich!

„Scorpius!" Seine Mutter wurde ungeduldig. Er zupfte noch einmal an seiner Robe und verließ dann das Bad. Astoria Malfoy stand bereits im Flur und hatte das Geschenk in ihrer Hand. „Na endlich! Man könnte meinen, wir hätten eine Tochter." Sie blitzte ihn halb ärgerlich, halb belustigt an.

Scorpius schaute wütend zurück. „Sehr witzig! Ihr könnt gerne alleine gehen!"

„Das haben wir bereits durchgesprochen, Scorpius! Wir gehen alle und jetzt will ich davon nicht mehr hören. Und du wirst dich auf der Hochzeit von deiner besten Seite zeigen!" Sein Vater war aus dem Wohnzimmer getreten und schaute ihn scharf an.

In solchen Momenten konnte sich Scorpius vorstellen, wie die Kindheit seines Vaters verlaufen war. Er hatte die anderen immer reden hören, von den ganzen formellen Zwängen und der Etikette, die sie hatten lernen müssen. Sein Vater hatte ihn davon verschont. Aber bei Dingen, wie dieser Hochzeit ließ er sich nicht erweichen.

Sie traten auf die Veranda im Garten. Sein Vater nahm ihn am Arm und dann wurde er auch schon durch die Dimensionen gequetscht. Als seine Füße wieder Boden fanden, hatte er das Gefühl, sein Magen sei an der falschen Stelle wieder angekommen.

„Alles in Ordnung, Scorp?" Sein Vater sprach leise und sah ihn besorgt an. Scorpius holte tief Atem und das Gefühl verschwand. „Ja, schon ok." Er ärgerte sich darüber, dass ihm immer übel wurde, wenn er apparierte. Das war nicht nur unmännlich, sondern auch eine Schande für jeden reinblütigen Zauberer.

Sein Vater wandte sich um und sagte lauter: „Dann wollen wir mal sehen!" Sie waren an einem kleinen Cottage an der Küste angelangt. Der Weg die Steilküste hinunter war mit Blumen geschmückt und Scorpius konnte auf dem Weg und am Strand bereits viele Menschen erkennen.

„Oh, das ist aber schön!" Seine Mutter war an sie herangetreten und nahm nun die Hand seines Vaters. Nachdenklich sah Scorpius auf die verschlungenen Hände seiner Eltern. Die zwei waren immer noch glücklich verheiratet. Trotzdem war es peinlich, wie sie das immer zur Schau trugen.

Gemeinsam machten sie sich an den Abstieg. Unten angelangt, kam ein rothaariger Junge auf sie zu. „Guten Tag, Mrs. Malfoy, Mr. Malfoy! Ich bin Hugo Weasley. Ich werde Sie zu ihren Sitzen begleiten." Hugo sah aus, als hätte er Bauschmerzen.

„Guten Tag, Hugo." Seine Mutter strahlte über das ganze Gesicht. Astoria Malfoy war immer zu jedem nett, egal, aus welcher Familie derjenige stammte.

Hugo lief voran. „Ihre Mutter ist bereits hier. Sie werden neben ihr sitzen, gleich neben Tante Andromeda und Onkel Harry und seiner Familie." Scorpius konnte sehen, wie sein Vater verblüfft zu seiner Mutter schaute. Diese zuckte nur mit den Achseln. Scorpius begann, innerlich zu kochen. Sie waren es nicht mehr gewöhnt in ersten Reihen bei offiziellen Anlässen zu sitzen, obwohl das einmal der angestammte Platz eines jeden Malfoys gewesen war.

Am Strand waren Stuhlreihen aufgebaut, die durch einen breiten Mittelgang getrennt waren. Hugo führte sie durch den Mittelgang. Wie immer, wenn sie in der Öffentlichkeit auftraten, spürte Scorpius Blicke auf sich und hörte Getuschel um sich herum. Sie wurden in die erste Stuhlreihe auf der rechten Seite geführt. Seine Großmutter saß bereits in der Mitte neben ihrer Schwester. Scorpius bemerkte, dass seine Großtante ein Taschentuch in den Händen zerpflückte.

„Hallo, Tante Andy!" Sein Vater umarmte seine Tante herzlich. Seine Mutter nahm sie ihm aus dem Arm und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Seine Großtante nickte nur. Aus der Nähe sah Scorpius nun auch die Tränen in ihren Augen. Sollte heute nicht ein fröhlicher Tag sein?

Höflich umarmte er seine Großtante, dann gab er seiner Großmutter einen Kuss auf die Wange. Seine Eltern hatten sich bereits gesetzt, sodass er nun am Ende der Reihe, fast an den Wellen seinen Platz fand.

Scorpius musste zugeben, dass die Idee am Strand zu heiraten romantisch war. Er hoffte nur, dass man für alle Fälle einige Wind-Schutz-Zauber auf das Areal gelegt hatte. In Sand geduscht zu werden, würde der Zeremonie sicher ihren Reiz nehmen.

Dann hörte er in den Reihen hinter sich vielstimmiges Wispern. Als er sich umdrehte, sah er wie Harry und Ginny Potter den gleichen Weg entlang, wie gerade seine eigene Familie. Nur im Gegensatz zu dem gezischten Getuschel konnte man jetzt ein hochachtungsvolles Raunen durch die Reihen gehen hören.

Wut und Hass brodelten in Scorpius. Dieser miese Wichtigtuer hatte seine angestammte Welt zerstört! Das hochachtungsvolle Raunen hätte ihnen zugestanden. Nicht diesem muggelliebenden Emporkömmling!

Die Potters waren nun bei ihnen angekommen und begrüßten Großtante Andromeda. Auch von den Potters wurde sie herzlich in die Arme geschlossen. Dann begrüßten seine Eltern die Potters. Höfliche Kälte traf es wohl am besten.

Scorpius sah sich suchend um, wo waren denn der Gockel James, Albus und die kleine Schlampe Lily? Dann sah er, wie die drei mit Rose, Hugo und anderen rothaarigen Trotteln noch im hinteren Teil standen.

Als er sich umsah, erkannte er auf der anderen Seite des Ganges in der ersten Reihe weißblonde Frauen – die Veelas. Mehr konnte er nicht erkennen. Dahinter erkannte er Hermine Granger-Weasley und ihren Mann Ronald, Rose' Eltern. Jetzt stand das Schlammblut auf und winkte energisch die junge Generation der Familie zur Ordnung und auf ihre Plätze.

Diese Familie hatte es sich offensichtlich zum Ziel gemacht, die halbe magische Bevölkerung zu stellen. Es gab hier Unmengen rothaariger Idioten.

Als Scorpius sich wieder nach vorne wandte, sah er, dass mittlerweile der Bräutigam mit seinem Trauzeugen erschienen war. Teddy sah sehr elegant aus, aber auch furchtbar nervös. Normalerweise trug er seine Haare in abstehenden Stacheln, meist in Türkis oder Blau. Aber heute hatte er normales, braunes Haar. Auch seine Augen schienen heute in einem warmen Braun. Das war wohl Theodor Lupin, wenn er aussah, wie er selber.

Teddy sah kurz zu ihm herüber und grinste nervös. Scorpius musste auch lächeln. Er kannte Teddy schon sein Leben lang. Er hatte mit ihm und seinen Freunden Videospiele gespielt und ihnen die zensierten Spiele besorgt, für die sie noch zu jung gewesen waren. War mit ihm ins Kino gegangen und schwimmen.

Ein gewichtig aussehender Mann trat hinter Teddy und kurz darauf erklang Musik. Alle Gäste standen auf. Scorpius konnte nichts sehen, weil er am äußersten Rand stand. Aber er konnte seine Großtante weinen hören und er sah, wie sich seine Mutter eine Träne aus dem Auge rieb. Sein Vater drehte sich kurz zu ihr, lächelte zärtlich und nahm ihre Hand.

Erst als die Brautjungfer an Teddy vorbei lief, erkannte Scorpius Dominique, die Schwester der Braut. Dann trat Victoire am Arm ihres Vaters zu Teddy. Bill Weasley strich seiner Tochter einmal über die Wange, dann übergab er ihre Hand an seinen zukünftigen Schwiegersohn.

Scorpius konnte die Narben im Gesicht des Mannes deutlich sehen. Sie sahen aus, als wären sie erst gestern entstanden. Aber der Mann trug sie mit Würde und einem Hauch von Nonchalance. Lächelnd trat er zu seinem Platz in der ersten Reihe und nahm seine weinende Frau in den Arm.

Dann setzten sich alle wieder und der gewichtige Mann begann mit einer ausschweifenden Rede über Liebe, Verantwortung und Vertrauen. Nach keinen zwei Minuten schweiften Scorpius Gedanken ab. Er setze sich ein wenig schräg auf seinen Stuhl. So konnte er einen Ausschnitt der Stuhlreihen auf der anderen Seite des Ganges sehen.

Rose saß am Ende der einen Reihe und schien aufmerksam zu lauschen. Sie hatte ihre Haare in einem zopfartigen Gebilde hochgesteckt. Nur ein paar Strähnen lagen kunstvoll um ihr Gesicht herum.

„Sie ist hübsch!" Seine Mutter hatte sich ein wenig zu ihm gebeugt. Scorpius sah zu ihr und erkannte, ein Lächeln um ihren Mund. „Wer?" fragte er. Sie drehte ihren Kopf nun doch zu ihm. „Das Mädchen mit dem blauen Kleid, das du die ganze Zeit anstarrst." Ihre Augen glitzerten schelmisch.

Scorpius spürte, wie seine Wangen rot wurden. „Kann schon sein." Das Lächeln auf dem Gesicht seiner Mutter vertiefte sich. „Dass sie hübsch ist oder dass du sie anstarrst?" Unbehaglich zuckte er mit den Schultern.

„Kennst du sie?" Nervös begann er, auf dem Stuhl zu rutschen. „Mutter, ..." Sie legte eine Hand auf seinen Arm. „'Mutter' mich nicht. Antworte!" Schicksalsergeben seufzte er. „Das ist Rose Weasley, sie ist auch in Ravenclaw." Seine Mutter schaute wieder zur Zeremonie. „Die Tochter von Hermine?" Scorpius sah, wie das Lächeln verschwunden war. „Ja."

Seine Mutter kaute auf ihrer Unterlippe. „Oh."

Den Rest der Zeremonie schaute er auf Teddy und seine Braut. Seine Gedanken waren aber bei dem kleinen 'Oh' seiner Mutter.

ooo

Nach der Zeremonie waren die Stuhlreihen mit runden Tischen getauscht worden und es hatte neben gutem Essen eine endlose Reihe an Reden gegeben. Wobei Scorpius zugeben musste, dass die meisten nicht langweilig waren.

Dann erhob sich der Bräutigam. „Ich möchte den Anlass heute nutzen und einigen Menschen in meinem Leben danken, da sie mich dahin geführt haben, wo ich heute bin.

An erster Stelle steht natürlich meine Großmutter. Sie hat mir ein Heim und Liebe gegeben und somit die Wurzeln, die jeder benötigt.

Harry und Ginny, die für mich die Teenager-Eltern gespielt haben. Und neben den Unmengen Spaß, die wir miteinander hatten, haben sie mir wertvolle Ratschläge mitgegeben. Und mir damit die Flügel gegeben, um zu fliegen.

Ich möchte aber auch meinem Cousin um zig Ecken, Draco danken. Draco und Astoria waren das zweite Elternpaar, das ich hatte. Sie waren so anders und trotzdem genauso wichtig. Draco konnte mir in Dingen helfen, die andere nicht verstanden hätten. Er hat mir die pragmatische Seite des Lebens gezeigt. Und gelehrt, dass man nie aufgeben sollte.

Ich möchte mein Glas erheben auf die Menschen der Familien Tonks, Potter und Malfoy, denn sie haben mich mit Liebe und Fürsorge umgeben und ich denke, das hätten meine eigenen Eltern nicht besser gekonnt."

Scorpius sah in diesem Moment seinen Vater zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ohne seine einstudierte Fassade, seine kalte Maske. Draco Malfoy saß stumm am Tisch und starrte Teddy fassungslos an.

Scorpius sah aber auch, wie andere ungläubig auf seinen Vater starrten. Keiner hatte damit gerechnet, dass ein Mensch, wie Teddy, ihn jemals in einer solchen Form erwähnen würde.

Sein Blick wanderte über die Menge an den Tischen und traf den von Rose. Sie hatte einen Ausdruck im Gesicht, als wollte sie sagen: Siehst du, geht doch. Wieso kannst du das nicht?

Er hob nur die Augenbrauen und sie zog die Nase kraus. Dann sah sie betont in eine andere Richtung. Scorpius wurde nicht schlau aus ihr. Was wollte sie denn eigentlich?

ooo

Die Potters und Weasleys waren bekannt dafür, dass sie gerne und ausgiebig feierten und eine Hochzeit war dazu ein guter Anlass. Scorpius saß gelangweilt am Tisch und betrank sich systematisch. Seine Eltern tanzten schon den ganzen Abend. Er hatte seine Mutter sogar einmal mit Harry Potter über die Tanzfläche wirbeln sehen.

„Was ist mit dir? Zu viele Missgeburten und Schlammblüter hier für deinen Geschmack?" Rose Stimme klang bitter, als sie sich neben ihn in den Stuhl fallen ließ. Ihre Wangen waren gerötet und es hatten sich mehr Strähnen aus ihrer Frisur gelöst.

Sein Herz begann wild zu klopfen. Wieso auch immer es das tat. Gelangweilt sah er sie an. „Das weißt du doch." Sie blitzte ihn wütend an. Dann verzog sie gequält das Gesicht und zog ihre hohen Schuhe aus. Rose wedelte mit der Hand und einer der Kellner verstand das Signal und brachte Ihnen zwei Gläser Champagner.

Nachdem sie einen Schluck getrunken hatte, wandte sie sich wieder an ihn. „Du bist ein Idiot, Malfoy!" Er zog eine Augenbraue hoch. „Und du bist betrunken!" Sie versuchte wütend zu schauen, begann aber zu kichern. „Ja, aber sonst würde ich auch nicht mit dir reden!"

Er kniff die Augen zusammen. „Ich sehe niemanden, der dich dazu zwingt!"

Sie rollte die Augen. Die Bewegung verursachte ihm kurz leichten Schwindel. Er hatte zu viel getrunken für eine Auseinandersetzung mit ihr. „Wenn du nicht so ein blöder klein Todfutterer wärest, dann könntest du wirklich richtig nett sein!" Sie trank noch einen Schluck.

„Klein Todfutterer?" Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Sie kicherte wieder. „Naja, Avery und so, das sind doch keine Todesser! Die haben nicht das Kaliber. Das ist, wie wenn ein Kätzchen versucht ein Tiger zu sein." Sie kicherte wieder.

Den ganzen Abend hatte er schon seine Wut und Frustration gefüttert, sie brachte das Fass nun zum Überlaufen. „Du arrogante kleine ..." begann er. Aber sie hielt die Hand hoch, um ihn zu stoppen. „Ich weiß, das endet in Schlampe oder Schlammblutgesocks, oder so. Scorpius, das ist alt! Und du bist doch viel zu intelligent, um den Mist zu glauben. Meinst du im Ernst, ich bin minderwertiger als du, nur weil meine Großeltern Muggel sind?"

Sie sah ihn ernst an. Er beruhigte sich wieder. Wut war viel zu anstrengend in seinem Zustand. Außerdem fiel ihm gerade wieder ein, wie weich ihre Lippen waren. Das schien viel mehr Kapazität in seinem Gehirn einzunehmen, als Argumente für eine Diskussion zu finden.

Als er nichts sagte, nickte sie übertrieben. „Siehst du, dachte ich es mir doch!" Hatte er jetzt zugegeben, dass sie gleichwertig mit ihm war?

„Hast du Lust zu tanzen?" Sie sprang schon auf und zog an seinem Arm.

„Weasley, das ist unhöflich!" Sie grinste ihn an. „Aber seit wann bin ich denn höflich zu dir?" Scheinbar willenlos ließ er sich von ihr auf die Tanzfläche zerren. Die Bewegung beim Tanzen nüchterte ihn wieder etwas aus. Trotzdem hatte er Spaß mit ihr. Sie erzählte viel und versuchte ihn zu unmöglichen Figuren anzustiften.

Plötzlich stand seine Mutter neben ihnen. „Scorpius, wir wollen gehen." Dann streckte sie Rose ihre Hand entgegen. „Ich bin Astoria, Scorpius Mutter." Rose bereits geröteten Wangen wurden noch dunkler, als sie die Hand schüttelte. „Ich bin Rose Weasley. Ich glaube, sie haben mit meiner Mutter im Ministerium gearbeitet." Seine Mutter nickte. „Ja, sie war meine Vorgesetzte, und wenn man es genau nimmt, hätte ich ohne sie meinen Mann nicht kennengelernt."

Dann wandte sie sich an ihren Sohn. „Scorpius verabschiede dich dann, bitte. Wir warten oben, wo wir angekommen sind." Damit verschwand sie. Verlegen stand Scorpius vor Rose. Er fühlte sich, wie ein Kleinkind behandelt. Aber alleine würde er nicht nach Hause kommen.

„Ich muss dann wohl. Wir sehen uns ja im September." Sie nahm ihn am Arm. „Ich komme mit nach oben. Ich gehe dann auch und wir nehmen im Cottage das Flonetzwerk."

Zusammen liefen sie zum Tisch zurück, wo Rose ihre Schuhe aufsammelte. Auf dem Weg zum Aufstieg kamen sie an Rose Mutter vorbei. „Mama, ich gehe Heim." Ihre Mutter war in einem Gespräch mit einer anderen Frau gewesen und drehte sich nun zu ihnen.

„Gut, Schatz. Wir kommen auch bald. Ich habe deinen Vater allerdings schon seit einer Stunde nicht mehr gesehen. Harry auch nicht, wenn ich genau überlege." Dann fiel ihr Blick auf Scorpius und ihre Stirn legte sich in Falten, als sie erkannte, dass die zwei zusammen vor ihr standen.

Scorpius biss die Zähne zusammen und streckte ihr mit einem höflichen Lächeln die Hand entgegen. „Ich bin Scorpius Malfoy!" Hermine Weasley lächelte kalt. „Ja, das sieht man. Wollt ihr zwei zusammen nach oben?" Sie sah misstrauisch zwischen ihrer Tochter und Scorpius hin und her.

„Ja, Mama, und wenn er mich die Klippen hinunter wirft, wirst du es als erste erfahren." Das Gesicht der älteren Frau verdunkelte sich. „Darum mache ich mir keine Sorgen!" Rose rollte ihre Augen. „Wenn ich schwanger werde, erfährst du es auch sofort!"

„Gott bewahre! Aber wahrscheinlich bin ich nur eine alte besorgte Mutter. Lauft schon!" Sie lachte nun offen.

Scorpius und Rose entfernten sich. Als sie außer Hörweite waren, fragte Scorpius: „Ist sie immer so?" Rose sah zu ihm auf. „Immer so was?" Er zuckte mit den Schultern. „Besorgt?"

Rose lachte. „Oh, ja. Sie hat sich in meinen Dad verliebt, da waren die zwei 14 oder so. Und sie scheint fest davon überzeugt zu sein, wenn sie nicht mit der Jagd nach Voldemort beschäftigt gewesen wären, wäre sie mit spätestens 15 schwanger geworden. Zumindest glaubt sie, dass mir das passieren wird – weil ich ja nicht mit der Jagd nach dunklen Zauberern beschäftigt bin." Rose rollte mit den Augen.

Sie waren am Fuß des Steilweges angelangt und begannen nun langsam den Weg nach oben. Es war eine schöne Nacht und man hatte Fackeln am Wegesrand entzündet. Plötzlich spürte Scorpius, wie sich Rose Arm unter seinen schlängelte und sie sich gegen ihn lehnte.

„Alles in Ordnung?" fragte er kühl. Obwohl er sich innerlich ganz kribbelig fühlte. Sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt. „Ja, nur zu viel getrunken und" sie wedelte mit der Hand, in der sie ihre Schuhe trug. „zu romantisch."

Er lachte. „Weißt du, du bist wirklich ein Schlag für mein Selbstbewusstsein: erst redest du nur mit mir, weil du betrunken bist, jetzt kuschelst du dich nur an mich, weil die Umgebung romantisch ist ..." Sie hob ihren Kopf. Sie sah ihn mit Hundeblick an. Sein Herz schien sich plötzlich in seiner Kehle zu befinden.

„Nein, du bist natürlich schrecklich attraktiv und sexy und hast dieses Bad Boy Image." Ihre Stimme klang nur ein klein wenig ironisch. Er lachte wieder, dieses Mal etwas zittrig. Scorpius hoffte, sie würde es nicht merken. „Bad Boy Image? Als klein Todfutterer?" Jetzt kicherte sie wieder. „Der schweigsame Wolf, der mit seiner Gang herumhängt." erklärte sie übertrieben betonend.

Sie waren auf einer Art Plattform stehen geblieben. „So sieht man mich in der Schule?" Das wäre eine Verbesserung gegen die ewigen Anschuldigungen wegen seines Namens. Er drehte sich ihr zu. Rose legte den Kopf auf die Seite. „Nur die Mädchen. Die Jungs halten dich für einen arroganten, rückständigen Arsch." Scorpius rollte nun die Augen. Doch keine Verbesserung. Rose kicherte wieder.

Dann fiel ihm etwas ein. „Alle Mädchen?" Rose schien zu überlegen. „Vielleicht nicht alle, aber ziemlich viele!" Gedankenverloren sah Scorpius zum Meer und kaute auf seiner Unterlippe. Dann sah er Rose wieder an. „Ich könnte also alle möglichen Mädchen abschleppen?" Sie schlug ihn auf den Oberarm. „Du bist ein Arsch!"

Er lachte. „Ja, das hast du mir heute schon ein paar Mal gesagt!" Sie trat näher an ihn heran. Lächelnd sagte sie: „Aber ich hatte trotzdem Spaß." Ihre Augen spiegelten das Licht der Fackeln. Die Stimmung schlug schlagartig um. Sie stand so dicht, dass er ihre Körperwärme spüren konnte.

Mit einer Hand strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Die Geste brachte die Erinnerung an den Kuss mit sich. Er konnte in ihren Augen sehen, dass sie sich auch daran erinnerte. Sein Blick fiel auf ihre Lippen. Ohne weiter darüber nachzudenken, beugte er sich hinab und küsste sie.

Es war wie beim ersten Mal und doch anders. Keiner beobachtete sie. Scorpius spürte ihre Hände an seinen Armen. Ihren ganzen Körper, der sich an seinen presste. Die nackte Haut an ihren Schultern unter seinen Händen fühle sich samtig an. Sein Herz raste und seine Sinne waren von Rose erfüllt.

Der Kuss hatte zart begonnen, wurde aber binnen Sekunden leidenschaftlicher. Sein Körper schien in Flammen zu stehen. Das Bedürfnis ihr nahe zu sein, sie mit all seinen Sinnen zu erforschen, war überwältigend.

Sein Mund glitt von ihrem hinab zu ihrem Kinn, zum Ohr, den Hals. Er hörte, wie sie leise Töne von sich gab. Der Gedanke, dass er der Grund für diese Laute war, berauscht ihn noch mehr.

Plötzlich lagen ihre Hände auf seiner Brust und mit einem kräftigen Schubs, drückte sie ihn weiter von sich weg. Verwirrt sah er sie an. Rose Augen glänzten und ihr Haar hatte sich gelöst und fiel nun wirr auf ihre Schultern. Sie atmete schwer und ihre Lippen waren einladender denn je.

„Scorpius! Stopp! Deine Eltern warten auf dich und hier kann jeden Moment jemand vorbei kommen. Außerdem ..." Sie straffte ihre Schultern und begann ihre Haare zu ordnen.

Er biss sich auf die Lippe. „Außerdem können wir uns nicht leiden und du bist sicher nicht so ein Mädchen!" Sie sah ihn einen Moment nur stumm an. Dann sagte sie: „Und du hast eine Freundin!"

Scorpius hatte schon seit Tagen nicht mehr an Lissy gedacht. Das schlechte Gewissen breitete sich nun aber doch aus.

Er brachte seine Haare und Kleidung in Ordnung, dann machten sie sich stumm auf den weiteren Weg nach oben. Dabei schien Rose sehr bedacht darauf mindestens einen halben Meter Abstand zu ihm zu halten.

Oben angekommen fanden sie Scorpius Eltern in einer ähnlich innigen Umarmung, wie ihre eigene. Scorpius stöhnte.

Rose kicherte. „Meine machen das auch immer. Ich finde das süß ... auch wenn es ... verstörend ist." Scorpius musste ihr Recht geben. Er mochte die Idee, dass seine Eltern sich nach so langer Zeit immer noch liebten, aber er musste das nicht mit ansehen.

Er räusperte sich laut. Seine Eltern fuhren wir erwischte Teenager auseinander. Seine Mutter kicherte und sein Vater versuchte, einen seriösen Eindruck zu machen.

Scorpius wandte sich zu Rose. „Wir sehen uns dann im September." Sie nickte, dann sah sie ihn ernst an. „Ich glaube nicht, dass wir uns dann unterhalten werden, aber ich fände es schön, wenn du deine Einstellung überdenken würdest. Jetzt wo Avery weg ist ..."

Kalt durchzog es ihn. Was hatte er da eigentlich gemacht? Er musste seine Hormone in den Griff bekommen. Und was sollte das heißen: Einstellung überdenken? Er sah sie kalt an. „Man sieht sich, Weasley!"

Er hörte sie seufzen, als er sich zu seinem Vater stellte und sie gemeinsam nach Hause apparierten.

ooo

Scorpius hatte sich zwei Tage nach der Hochzeit mit Alfred im 'Tropfenden Kessel' verabredet. Alfred lehnte an der Theke und bestellte gerade, als Scorpius an ihn herantrat.

„Scorpius! Gut dich zu sehen!" Alfred gab ihm die Hand und schlug ihm mit der anderen auf die Schulter. Scorpius freute sich, seinen Freund zu sehen. Sie besorgten sich jeder ein Bier und suchten sich einen Platz in einer der dunklen Nischen.

„Du siehst gut aus, Alfred!" Scorpius hatte Alfred noch nie so gut gelaunt gesehen. Er schien richtig zufrieden mit sich und der Welt. In der Schule hatte er immer in der Defensive gewirkt, immer bereit zum Sprung. Jetzt war er entspannt.

„Mir geht es auch gut! Scorp, du musst mich unbedingt so bald wie möglich in Rotterdam besuchen! Das ist ein anderes Leben, als in dem verlausten Hogwarts!" Alfreds Miene fiel kurz zurück in seine alte Maske aus Widerwillen und Verachtung, dann grinste er.

„Wir haben große Pläne, Scorp!" Scorpius schüttelte lächelnd den Kopf. „Das hatten unsere Väter auch!" Alfred sah ihn ernst an. „Aber wir haben nicht ein durchgeknalltes psychopathisches Halbblut als Anführer! Mann, Voldemort war vollkommen irre! Wenn er nicht so verrückt gewesen wäre, hätte er es schaffen können, aber so ...!"

Alfred trank einen Schluck und fuhr dann fort: „Der Typ wollte doch nur ewiges Leben! Seine persönliche Macht! Uns geht es um eine bessere Gesellschaft!" Er machte eine Pause und musterte Scorpius ernst. „Hast du es nicht auch satt, andauernd nach Regeln zu leben, die keinen Sinn machen?"

Scorpius hob fragend seine Augenbrauen und fragte: „Was meinst du?" Alfred begann lebhaft mit den Händen zu fuchteln, während er sprach. „Zum Beispiel, dass man außerhalb der Schule erst ab 17 zaubern darf, dass man außerhalb von unseren Häusern nur von bestimmten Ports apparieren darf, dass wir uns permanent verstecken müssen und uns als jemand anderer ausgeben, müssen, als wir sind!

Und das alles, weil Muggel nichts von uns wissen dürfen. Aber warum eigentlich? Hast du schon einmal eine gute Begründung gehört? Würden die Muggel verrückt werden, wenn sie wüssten, dass es Magie und Einhörner gibt? Wenn Muggel so großartig sind, wie man sie uns immer darstellt, dann könnten sie damit leben. Sie würden uns irgendwie integrieren in ihre Gesellschaft, ihren Alltag.

Das ist doch nur eine Form uns zu kontrollieren. Eine Ausrede, warum man alle permanent überwacht!

Das Ganze ist schrecklich verlogen! Denn eigentlich will unsere, ach so liberale Regierung gar nicht, dass wir uns mit den Muggeln verstehen. Dann würden sich nämlich viele Dinge ändern und nicht mehr so leicht kontrollieren lassen!"

Scorpius hatte sich nie viel Gedanken über die Regeln zum Schutz vor Muggeln gemacht. Seine Eltern und seine Großmutter hatten Bekannte im Ort, mit denen sie ab und zu etwas unternahmen. Scorpius hatte in seiner Grundschule auch Muggelfreunde gehabt. Aber durch sein Leben im Internat hatte er keinen Kontakt mehr zu ihnen. Er unterhielt sich höflich mit den Ladenbesitzern beim Einkaufen über das Wetter, aber mehr Kontakt hatte er nicht mehr.

„Und ihr wollt eine gemeinsame Gesellschaft mit den Muggeln aufbauen?" Scorpius konnte sich nicht vorstellen, dass Alfred sich so geändert hatte.

„Wir wollen uns nicht mehr verstecken! Was danach kommt, hängt ganz von den Muggeln ab."

Alfred trank einen Schluck von seinem Bier. „Die Muggelgeborenen wissen genau, warum sie die Welt, in der sie geboren wurden, hinter sich lassen. Weil unsere besser ist!

Aber sie korrumpieren die Regierungen! Wusstest du, dass wir uns permanent an Muggelkriegen beteiligen?

In Arabien toben seit Jahrzehnten blutige Kriege. Offiziell geht es um Menschenrechte und Freiheit. Und was war eines der ersten Ziele die Muggel angegriffen haben? Eine alte Ruine in den Bergen. Zumindest sah es für die Muggel wie eine Ruine aus. Es war eine Schule für die arabischen Zauberer und Hexen. Es kamen Dutzende von Kindern und Teenagern ums Leben. Ganz zu Schweigen von der zerstörten Bibliothek, in der unschätzbare Bücher aufbewahrt wurden!

Das war doch kein Zufall! Und was macht unsere Regierung? Nachdem die arabischen Zauberer aus Notwehr anfingen, sich zu verteidigen, schickte unsere Regierung Sondereinsatztruppen hin, die den Muggeln halfen. Damit die Geheimhaltung gewahrt wird.

Ich sag' dir was, die arabische Gemeinschaft ist vollständig reinblütig. Die haben keine Halbblüter in ihren Reihen und merkwürdigerweise kommen dort auch so gut wie nie Muggelgeborene vor.

Das passt einigen hier nicht! Die Muggelgeborenen hier haben eine Sonderstellung. Die wissen genau, wie man mit Muggeln umgeht und sie wissen alles über unsere Welt. Und das nutzen sie, um uns gegen die Muggel auszuspielen und umgekehrt.

Und das geht nur, weil die Muggel nichts von uns wissen dürfen!

Ich sag's dir: über kurz oder lang haben die alten, reinblütigen Familien nichts mehr zu sagen und nur noch Schlammblutgesocks sitzt in der Regierung!

Und Voldemort und die Todesser haben die fehlende Begründung geliefert, die standhaften Familien vollends auf das Abstellgleis zu setzen!"

Scorpius musste unwillkürlich an die Hochzeit zurückdenken. Das halbe Ministerium wurde mittlerweile von einer einzigen Familie gestellt. Fast alle Weasley-Potters hatten einen Posten in der Regierung oder bei irgendwelchen anderen öffentlichen wichtigen Stellen. Das war ja fast schon eine Monarchie, mit König Harry und der Beraterin Schlammblut-Granger-Weasley.

Dann fiel ihm etwas anderes ein. „Hatte die Schule nicht Muggelabwehrzauber zum Schutz?" Alfred nickte, als würde er sich über die Frage nicht wundern. Leise, aber bestimmt sagte er. „Doch, die hatte sie. Es war eine Schule, die Jahrhunderte älter als Hogwarts war. Die Zauber waren stärker als alles, was es hier in Europa gibt. Und nun fragt man sich, wie trotzdem Bomben von Flugzeugen ihr Ziel erreichten."

Scorpius Augen wurden groß. „Du meinst, sie hatten Hilfe von Zauberern?" Alfred verzog das Gesicht zu einem kalten Lächeln. „Zauberern oder Schlammblütern, die eine alte Rechnung mit der reinblütigen arabischen Gesellschaft offen hatten."

Scorpius trank einen Schluck Bier. Seine Gedanken rasten. Wie konnte jemand so etwas tun? Eine Schule ungeschützt lassen, damit man Bomben darauf werfen konnte?

„Und wieso habe ich davon noch nichts gehört?" Scorpius wurde nun doch misstrauisch. Alfred zuckte die Achseln. „Weil das zum einen schon Jahre her ist – da hast du noch in die Windeln gemacht. Und weil die Regierung kein Interesse daran hat, das weiter an die große Glocke zu hängen. Das fällt ja nicht einmal auf, dass das in Magischer Geschichte nicht dran kommt. Da wird doch sowieso nichts unterrichtet, was außerhalb Europas passiert!"

Scorpius nickte. Das alles war unfassbar.

Alfred sah ihn wieder ernst an. „Und das ist noch nicht alles. Ich könnte dir tausend solcher Geschichten erzählen! Du musst mich besuchen kommen, Scorp! Unsere Bewegung die 'Innere Revolution' benötigt immer Leute mit einem klaren Kopf!"

Scorpius nickte zustimmend. Er wollte mehr davon wissen. „Spätestens nächste Sommerferien! Versprochen! Wir reisen übermorgen nach China ab und kommen erst Ende August wieder her."

Alfred nickte. „Gut! Ich werde dich daran erinnern!"

Danach unterhielten sie sich über die bevorstehende Reise und wie Rotterdam so war.