Das Stargate Center war niemals ruhig, aber es gab gewisse Stunden, in denen das rege Treiben zu einem leisen Surren verstummte. Wenn die Schritte in den Gängen zu einem gelegentlichen und weit entfernten Klopfen auf dem Beton wurden und die Stimmen zu einem gleichmäßigen Gesäusel der Maschinen verstummten.
Das sind die Stunden, die das Leben unter dem Berg überhaupt möglich machten.
Meist ist es genau die Zeit, in denen jeder normale Mensch tief schläft und in seinen Träumen den Alltag verarbeitete.
Jack O'Neill wunderte sich oft, was noch alles passieren musste damit die Menschen ihre Probleme in der richtigen Perspektive sahen. Es gab soviel wichtigeres, soviel größeres als die leeren Versprechungen der Politik, das langweilige Gezanke in der Beziehung oder gekränkte Egos.
Er mochte das stille Stargate Kommando. Es erinnerte ihn daran, dass egal was auch in der restlichen Galaxie passierte- es war immer noch normal ein gewisses Maß an Normalität zu genießen. Selbst angesichts eines immer näher rückenden intergalaktischen Krieges, konnte das rege Treiben verstummen.
Außerdem hatte er die meiste Zeit seines Lebens auf Militätbasen verbracht. Er zog von einer Basis zur nächsten, hetzte zu Missionen die keine andere Gewissheit zuließen, als dass nach ihnen eine weitere wartete.
Die Ironie war die, dass obwohl er nun viel weiter als früher reiste - als er im Irak, Okinawa oder Deutschland stationiert war, dass er das quasi von seinem eigenen Garten aus machen konnte. Es war kein Flugzeug oder Schiff nötig, nur sein Truck der ihn gemütliche 40 Minuten über eine Militärstraße brachte.
Es liebte diese Abenteuer, obwohl er all das sofort aufgeben würde, wenn es sein größtes Abenteuer zurückbringen würde. Kein Universum würde ihm das Wert sein, was er verloren hatte.
Aber sich an solchen Träumen aufzuhängen, war ungesund. Und in dem Stargate Programm involviert zu sein, half ihn aus dem tiefen Loch zu entkommen welches durch Charlies Tod erschaffen wurde, somit war dankbar hier sein zu dürfen. Natürlich hinderte das sein Unterbewusstsein nicht, seine schlimmsten Erlebnisse in seinen Träumen wieder aufleben zu lassen- was ihn schließlich hier her brachte. um 04:30 Uhr an einem Dienstag Morgen, volle zwei Stunden bevor seine Schicht überhaupt anfing.
Siler und Simmons waren an den Computern stationiert und es brauchte nicht lange, bis er bemerkte dass irgendetwas nicht stimmte.
"Nein, das ist es auch nicht." sagte Siler. Seine in Falten gelegte Stirn zeugte von der Konzentration die er auf den Bildschirm richtete. Jack warf einen flüchtigen Blick darauf, obwohl er schon vorher wusste, dass es sinnlos war. Lauter Zahlen und Buchstaben. Definitiv nicht seine Sprache.
"Vielleicht müssen wir einen Schritt zurück gehen." schlug Simmons vor. "Die letzte Sequenz. Wir könnten es versuchen sie zu überspielen."
"Probleme, meine Herren?" fragte Jack, mit den Händen in seinen Hosentaschen. Er nahm eine Hand heraus um sie schnell wieder abzuwinken, als sie respektvoll aufstanden.
"Der Anwahlcomputer hat einen Shutdown, Sir." sagte Siler, immer noch mit zusammengezogenen Brauen.
Jack zog eine Braue hoch. "Ah, Fachausdrücke. Ich liebe sie."
"Er wählt nicht die Chevrons in der Reihenfolge aus, die er sollte." führte Siler weiter aus.
"Sie meinen, er wählt immer wieder die falsche Nummer?"
Simmons nickte. "Ja so etwas in der Art, Sir."
"Wie lange versuchen Sie schon das zu reparieren?"
Siler verzog seinen Mund in eine Grimasse.
"Seit etwa 4 Stunden, Colonel."
Jack sah auf seine Uhr. SG-1 sollte um 10:00 Uhr nach P4X 672 reisen und es waren mindestens noch drei andere Teams vor ihnen dran.
"Vielleicht ist es Zeit, Major Carter anzurufen. Mal schauen, was sie dazu sagt. Oder?" Er erwähnte ihren Namen mit soviel Beiläufigkeit wie er konnte und hatte sogleich das Gefühl kläglich zu versagen. Doch die beiden waren viel zu sehr mit dem Computer beschäftigt, als die Veränderung in seiner Stimme wahrzunehmen.
"Ja, Sir."
Er ging zu dem Wandtelefon wartete ungeduldig, bis sich ein Soldat meldete. Er ersuchte um eine Verbindung zu Carters Haustelefon. Nachdem er mit einer Hand das Telefonkabel zu einem kleinen Knoten gewickelt hatte, zog er überrascht die Brauen hoch.
"Sie ist hier?"
"Ja, Sir. Ihre ID wurde seit Sonntag 06:00 Uhr nicht erfasst."
"In Ordnung."
"Wollen Sie trotzdem noch die externe Leitung, Sir?"
"Nein, danke."
Er legte auf und sah noch auf das Telefon. Was tat sie immer noch hier?
"Major Carter ist hier." sagte er den zwei Männern. "Ich wette, dass sie in ihrem Labor ist."
Simmons drehte sich sofort zu ihm um und sagte eifrig "Soll ich Sie holen, Sir?"
Jack sah ihn an: jung, gut aussehend und mit einer Schwäche für Carter, die absolut unübersehbar war. Sein verträumter Blick sobald ihr blonder Schopf auf dem Horizont auftauchte, ärgerte Jack mehr als er zugeben wollte.
Er hat sie deshalb auch schon etwas aufgezogen, nur ein wenig natürlich, sachte und vorsichtig, immer die Regeln im Hinterkopf behaltend. Aber er hatte nicht vergessen, wie er es genoß, als ihre Wangen langsam rot wurden.
So sehr, dass er innerlich entschied, es nie wieder zu riskieren das wieder zu sehen. Gefährliches Terrain.
"Nein, nein. Bleibt dran, ich gehe sie selbst holen."
Er verschwand schnell aus dem Raum, eigentlich hätte er sie auch leicht über das interne Telefonnetz rufen können, aber er war zu gespannt darauf an was Carter gerade arbeitete. Was könnte so faszinierend sein, dass sie vergaß nach Hause zu fahren. Die Antwort kam schnell- so ziemlich alles was er nicht verstand.
Als er ihr Labor erreichte, war er derartig in Gedanken versunken, dass ihm gar nicht auffiel wie unnatürlich still es war. Er überlegte was er nun sagen sollte, welche sarkastische Bemerkung sie zum lachen bringen könnte.
Ein leichtes Lächeln würde ihm schon reichen, er war nicht wählerisch. So ziemlich jede Aufmerksamkeit die sie ihm schenkte, war ihm bereits genug.
Als er in der Tür stand, ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen. Lauter Sachen mit denen er nichts anfangen konnte aber keine Carter. Scheinbar hatte sie sich doch ein Bett gesucht um nicht ganz ohne Schlaf auszukommen. Sehr vernünftig, zumal sie bald ausrücken mussten.
Kurz war er enttäuscht aber er ließ das Gefühl nicht lange zu. Ausserdem wurden seine Gedanken je unterbrochen als er ein leises Seufzen vernahm. Sein Blick richtete sich auf ihren Computer und einem anderen Gerät welches er nicht benennen konnte und er sah ein kleines zusammen geknülltes Häufchen welches er als Sam Carter identifizierte.
Als sie regungslos auf ihrer Tastatur eingerollt war, gefror das Blut in seinen Adern. Zu viel hatte er bereits erlebt, zu viel gesehen als dass er nicht sofort an das Schlimmste denken konnte. Sofort stürmte er zu ihr hin und suchte mit zittrigen Händen den Puls an ihrem Hals. Die Angst war so groß, dass er die zarte warme Haut gar nicht registrierte, zumindest fast gar nicht. Sein Unterbewusstsein speicherte es automatisch in die Sam Carter Kartei ein, eine Kiste die ganz hinten versteckt war und die er nur zu besonderen Anlässen öffnete.
Scheinbar spürte sie die Berührung, denn sie bewegte sich kurz. Erleichtert stieß er einen Atemzug, den er scheinbar gehalten hatte, aus. Ihre Arme waren auf der Tastatur verschränkt und ihr Gesicht lag darauf. Er konnte nur die goldenen Haare, ein Ohr und ein wenig Wange sehen. Die Haut sah so einladend weich aus, dass er sofort seine Hände zu Fäusten ballte um nichts unüberlegtes zu tun.
Es war nicht das erste mal, dass er sie schlafend sah und sicher auch nicht das letzte mal. Aber es war eine Gelegenheit sie ohne Vorbehalte zu mustern. Er konnte nicht verstehen, warum der Anblick seines schlafenden Captains so eine Wirkung auf ihn hatte.
Es beruhigte ihn und wühlte ihn zugleich auf. Er sah auf den Bildschirm um sich selbst abzulenken und beobachtete einige Sekunden lang, wie das SG Logo auf den schwarzen Hintergrund hin und her geisterten.
Schließlich riss er sich zusammen und sah sich um. Kurz überlegte er einen Stift zu nehmen , um sie wieder ins Leben zu piksen, doch er entschied sich dagegen. Diese Gelegenheit würde er nicht ungenutzt lassen.
Erneut sog er einen Atemzug ein und lehnte sich nach vorne. Seine Hände waren noch immer in seinen Hosentaschen und er sprach direkt in ihr Ohr.
"Carter, kommen Sie. Major. Aufwachen."
Sie rührte sich nicht einmal und das überraschte ihn. Er hatte sie schon erlebt, wie sie aus dem tiefsten Schlummer aufgeschreckt ist- nur weil er leise aber scharf "Carter." gesagt hatte. Sie hatte ihre P90 bereits geschultert als er gerade mal ihren Namen fertig ausgesprochen hatte. Und jetzt hört sie ihn nicht einmal hineinkommen.
Er atmete erneut tief ein und lehnte sich noch näher zu ihr. Bewusst ignorierte er das Ziehen in seiner Magengegend, welches ihre Nähe scheinbar immer automatisch auslöste. Auch atmete er bewusst nicht ein, da er nicht wissen wollte was ihr Duft mit seinen Sinnen machen würde. Als ob er das nicht schon längst wusste. Er erinnerte sich an eine Eishöhle und die Reaktion seines Körpers auf ihren Duft. Natürlich war ihr an ihn gepresster defintiv weiblicher Körper keine Hilfe aber dennoch, er war selbst überrascht.
"Sam. Zeit aufzuwachen." Seine Stimmme war so sanft, dass er sie selbst kaum erkannte. Schnell räusperte er sich, es war definitiv keine Stimme mit der ein Colonel seinen Captain ansprach.
Dieses mal bekam er sogar eine Reaktion. Ein langsames aber glückliches Brummen kam aus ihrer Lunge und Jack wollte lieber nicht auf das Gefühl, welches es ausgelöst hatte, eingehen.
Er lehnte sich augenblicklich wieder zurück und beobachtete, wie Carters Lippen sich zu einem leichten Lächeln verzogen. Sie hob ihren Kopf und sah ihn mit verschlafenen Augen an. Auf ihren Lippen war noch immer das Lächeln, was wie ihn wie einen Hieb in die Magengrube traf und ihm seinen Atem nahm. Er wusste jetzt schon, dass es ihn einiges an Zeit und Selbstbeherrschung kosten würde, dieses Lächeln wieder zu vergessen.
"Hey." Ihre Stimme war belegt und rau, und sie fuhr sich mit einer Hand durch ihre blonden Haare. Jack konnte nicht anders als sie geschockt anzustarren. Er wusste er sollte etwas sagen aber er wusste, dass das heisere Krächzen welches er fabrizieren würde, peinlicher als seine Stille war. Sekunden vergingen als sie ihre Augen erschrocken aufriss und sich gerade aufsetzte.
"Sir! Colonel!"
"Eins von beiden reicht, Carter."
Er zuckte innerlich zusammen als er seine zittrige Stimme hörte und räusperte sich in der Hoffnung, dass ihr der Effekt den sie auf ihn hatte nicht aufgefallen war.
"Ja Sir. Colonel." Hier kam das blasse Rot welches sich auf ihren Wangen ausbreitete und es machte seine Situation um nichts besser. Sie sah beinahe ertappt aus und wenn er nicht aufpasste, würde er eine lange Zeit darüber nachdenken warum. Er wusste bereits jetzt schon, dass der Grund nichts in seinen Gedanken zu suchen hatte.
"Sie werden einen verdammt steifen Nacken haben, Major. Wir haben übrigens hier auch echte Betten. Nur zur Information."
Sie wandte ihren Blick ab und sah auf die Tastatur vor ihr.
"Ähm, ja Sir. Ich wollte nur... Ich bin ein paar Simulationen durchgegangen wegen den neuen Naquadahproben und.. scheinbar habe ich mich ein wenig darin verloren."
Jack nickte. "Tja, Sie werden im Kontrollraum gebraucht. Scheinbar ist irgendetwas.. kaputt. Siler und Simmos geben ihr Bestes aber... naja Sie wissen schon."
"Natürlich, ich mach mich gleich auf dem Weg..ich brauche nur noch ein paar Minuten wenn das in Ordnung ist?"
"Sicher."
Jack nickte erneut und drehte sich um.
Als er bei der Tür war, versuchte er sich nicht umzudrehen aber wie so oft versagte er kläglich dabei. Carter hatte sich noch immer nicht bewegt und starrte nun auf den finsteren Bildschirm vor sich. Nicht zum ersten Mal seit dem er sie kannte, wünschte sich Jack ihre Gedanken lesen zu können und gleichzeitig war er mehr als froh, dass er das nicht konnte. Er hatte so eine Ahnung, dass es für ihn nicht gut ausgehen würde.
Er drehte sich um und machte sich zurück in den Kontrollraum. Auf einmal waren die Gänge nicht mehr so still, denn alles was er hören könnte war ein Brummes. Ein leises, verschlafenes Brummen. Und er verfluchte sich selbst dafür, was es in ihm jedes mal auslöste.
