Kapitel IV: Ein möglicher Abschied

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Nyota Uhura_____________________________________________

Eine Woche später.

„Ich kann es noch immer nicht fassen!"

„Was? Dass jetzt alles vorbei ist? Dass wir unsere Taschen packen und zu den Sternen reisen werden?"

„Quatsch. Dass das hier Festtagsuniformen sein sollen! Hallooo???" Entgeistert hob Shiva das Kleid, das viel zu sehr der normalen Uniform ähnelte, in die Höhe und verzog das Gesicht. „Das ist doch ein Witz!"

„Was hast Du denn erwartet?" antwortete Nyota schmunzelnd und kontrollierte vor dem Spiegel ihre strenge, aber elegante Hochsteckfrisur. Heute strahlte die Erdenfrau besonders und ihre Wangen waren rosig vor Aufregung und Stolz. Trotzdem erfüllte sie eine innere Ruhe, eine Zufriedenheit, die man ihr ansah. Ihre Augen glänzen mit den goldenen Streifen ihrer Festuniform um die Wette. Was gab es noch viel zu sagen außer: es war vollbracht. Alle Mühe hatten sich gelohnt, aller Ehrgeiz ausgezahlt.

„Mein Kopf fühlt sich an, als sei er in Watte gepackt." stellte Shiva quengelnd fest, während sie sich einen Lidstrich zog.

„Du warst ja auch diejenige, die am meisten unter dem Tisch gelegen hat." antwortete ihre Zimmergenossin grinsend, und fügte hinzu: „Und am schnellsten."

Als Antwort bekam sie eine überdimensionale Puderquaste an den Kopf, die sie sofort zurückschleuderte. „Wäre da jetzt dein grünes Puderzeugs dran gewesen, hätte ich dich leider verprügeln müssen!" schleuderte sie verbal hinterher, bekam aber nur ein Kichern zurück.

„Was ist eigentlich aus dem strammen Leutnant geworden?" fragte Shiva und grinste heimtückisch.

Nyota warf ihr einen unmissverständlichen Seitenblick zu. „Nichts. Was soll aus ihm geworden sein?"

Shivas weiteres Geplapper verschwand hinter einem Vorhang von Gedanken und Erinnerungen, der sich um die Erdenfrau zu schließen schien. Der heutige Abend war wahrscheinlich der letzte, an dem sie sich sehen würden. Sie hatte gehört, dass der Vulkanier sich hatte auf ein Schiff versetzten lassen und sie würde dasselbe tun. Dann würde das Universum zwischen ihnen stehen. Aber zwischen was? Zwischen einer Kadettin und ihrem Dozenten? Das waren sie nicht länger. Also, gab es noch etwas anderes, das entzweit werden konnte? Freundschaft? Die er vielleicht gar nicht empfand? Oder ein Hirngespinst, das sich im Nu in Luft auflösen würde, wenn die Sterne ihnen viel mehr zu erzählen hatten? Oder...

„Du hörst mir ja gar nicht zu!" Shivas Stimme klang nicht sonderlich gekränkt, sondern eher belustigt. „Du warst ja so in Gedanken! Hast du etwa–..."

„Nein, hab ich nicht. Aber irgendwie schalte ich immer ab, wenn dein Gequassel mir zu blöde wird."

„Ja, ich hab dich auch gern. Und jetzt hilf mir mit dem hässlichen Kleid."

Als der Applaus abschwoll, fielen sich die Nun-nicht-mehr-Kadetten in die Arme. Die mächtige, imposante Festhalle war erfüllt vom aufgeregten Lärm eines glücklichen Abschlussjahrgangs, der stolz seine Fähnrichabzeichen betrachtete. Es war eine feierliche Zeremonie gewesen. Einige Reden waren gehalten worden, dann hatte jeder Kadett sein Abschlusszeugnis und sein Abzeichen erhalten. Nun folgte ein Empfang und dann konnte die ganze Nacht getanzt werden. Aber wahrscheinlich würde die Nacht gar nicht so lang werden, denn die meisten der Ex-Kadetten hatten bereits die freie Woche genutzt, um auf ihre Art zu feiern – laut, feuchtfröhlich und ausgelassen. Dieser zeremonielle Abschied war gewiss um vieles förmlicher und man benahm sich – auch, wenn der Kopf noch immer etwas schwer wog. Außerdem war es eine gute Gelegenheit, ein paar wichtigen Persönlichkeiten der Sternenflotte die Hand zu schütteln.

Nyota ließ ihren Blick über die Menge schweifen. Sie brauchte eine Weile, dann aber entdeckte sie den Leutnant nahe dem Podium, etwas abseits der anderen Dozenten. Irgendwie schien er etwas fehl am Platz zu sein und sich nicht recht wohl zu fühlen. Bevor sie ihn wieder aus den Augen verlor beeilte sie sich, zu ihm zu gelangen.

„Leutnant?" Fähnrich Uhura lächelte. „Vielleicht dürfte ich sie für einen Moment sprechen? Es dauert auch nicht lang..." Gemeinsam verließen sie den Festsaal und durchquerten eine Tür, die nach draußen auf eine kleine, hochgestellte Terrasse führte, an deren Fuß der Park begann. Der Himmel war wolkenlos und die Sterne strahlten, als begrüßten die die neuen Sternfahrer auf ihre ganz eigene Art. Für einen späten Herbsttag war die Luft angenehm mild.

„Ich..." begann sie und suchte einen Moment nach den richtigen Worten, „Ich wollte Danke sagen... für alles, was sie für mich getan haben. Und bitte sagen sie nicht, dass es am Ende nur mein Verdienst war – sie haben sich so viel Arbeit gemacht, meinetwegen... Also... danke!" Für einen Moment trat ein Schweigen ein. Irgendwie fand Nyota es lächerlich ihm nun einfach die Hand zu reichen. Aber eine Umarmung kam ihr ebenso... unpassend vor. Also schlug sie lediglich kurz die Augen nieder, blickte dann wieder empor, lächelte und lehnte sich an die eiserne Balustrade. „Es ist wirklich nicht selbst verständlich! Naja, vielleicht sehen sie das ja so, aber ich nicht." Sie lachte sachte und leicht und fügte hinzu: „Meine Mutter ist ganz begeistert von ihnen... Wenn sie hier wäre, dann hätten sie sich wahrscheinlich nicht mehr retten können. Hm... Sie ist... Also, ich habe viel von ihr. Sie ist sehr impulsiv." Etwas verlegen senkte sie wieder den Blick und schaute hinab auf das goldene Laub der Bäume. „Sie kann sich auch schwer zurückhalten... Wie ich." Wieder ein Moment der Stille. Dann: „Ich habe etwas für sie!" Nyota öffnete ihre Tasche und zog ein kleines, flaches Päcken hervor, eingepackt in dunkelroten Stoff. Sie reichte es ihrem Dozenten und als jener es auspackte, kam ein kleines, recht zerfleddertes Heftchen zum Vorschein. Darauf stand in schwarzen Lettern geschrieben:

William Shakespeare

Othello

Ein Trauerspiel in 5 Akten

„Ich habe gesehen, dass es nicht in ihrem Regal stand. Es gehört meinem Onkel, also will er es irgendwann zurück. Aber ihnen geht es sicher nicht verloren. Lesen sie es! Es ist ein großartiges Werk... Und sie können mich fragen, wenn sie etwas nicht verstehen."

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Leutnant Spock____________________________________________

Der Leutnant stand mit steifer Miene in der Nähe des Podiums, während die einzelnen ehemaligen Kadetten auf die Bühne kamen, um sich ihr Abzeichen abzuholen. Sie begannen nun einen neuen Lebensabschnitt, womöglich nicht auf der Erde, womöglich nicht einmal in dieser Galaxie. In manchen Blicken sah er etwas Wehmut liegen, in anderen Vorfreude, bei ganz anderen war es eine Mischung aus beidem. Nach vielen überreichten Urkunden und Abzeichen, freudigen Worten und vielen Tränen, kam auch Kadett nun Fähnrich Uhura an die Reihe. Merklich strafften sich die Schultern des Leutnants, als er die Exotin erblickte. Sein Blick fiel musternd auf sie. Sie sah... annehmend hübsch aus, sogar mehr als das. Nur kurz war sein Blick auf sie gerichtet. Doch ihre Blicke trafen sich nicht, zu früh blickte der Kadett in eine andere Richtung... oder besser gesagt, falls Uhura ihn überhaupt eines Blickes würdigte. Seitdem sie nach dem Abschlusstest das kurze Gespräch im Turbolift absolviert hatten, hatten sie sich nicht mehr gesehen. Nicht, dass man sich absichtlich aus dem Weg gegangen war, es hatte sich zeitlich nicht ergeben. Zumal der Leutnant noch immer der Meinung war, dass eine allzu feste Freundschaft zwischen ihnen keinen logischen Grund lieferte. Schließlich würden die beiden sich nun ihren Karrieren widmen.

Alleine für sich stand der Leutnant etwas abseits von den anderen Dozenten. Die Zeremonie war vorbei und der Vulkanier sah keine Zweckmäßigkeit in seiner Anwesenheit. Er hatte den höflichen Teil überstanden, wo man sein Erscheinen voraussetze. Die Stille, die zwischenzeitlich immer von dem Applaus der Anwesenden unterbrochen worden war, hatte nun einer leisen, klassischen Musik weichen müssen. Gedämmtes Geplapper flutete den großen Saal, in dem überall verschieden farbige Uniformen umher säumten. Wie aufgeregte Schulkinder standen sie in kleinen Gruppen. Sie lachten, amüsierten sich und verglichen ihre Urkunden oder Abzeichen. Es war ein Bild, was den Leutnant von innerem Stolz erfüllte. Gut, die Hälfte des Jahrgangs hatte er in verschiedenen Teilbereichen unterrichtet. Hatte ihnen Lesungen gegeben, die einmalig für eine Akademie war. Der Kubayashi Maru-Test war allen wohl eine Lehre gewesen; wie im Vorjahr hatte niemand den Test bestehen können. Zu hoffen war, dass allesamt dennoch eine wichtige Lektion gelernt hatten: Dass dort draußen im Weltall ihn niemand helfen konnte. Sie als Schiffsmannschaft mussten zu einer Einheit verschmelzen, um diesen ausweglosen Situationen trotzen zu können. Die meisten würden sich möglicherweise auf einem Schiff wieder begegnen, andere würden sie wohl niemals wieder zu Gesicht bekommen. Zwar kam es nicht allzu häufig vor, dass ein Sternenflottenschiff zerstört wurde, und die meisten frischen Absolventen kamen nicht gleich auf ein Kriegsschiff. Dennoch war dort diese andauernde Gefahr, die auf fremden Planeten oder von anderen Spezies ausging. Spock konnte nicht sagen, ob ihn dieser Gedanke etwas bedeutete, ob er womöglich in Sorge war, was das Wohlbefinden seiner Kadetten anging.

In seinem Gedankenstrom gebremst holte ihn eine bekannte Stimme in die Gegenwart zurück. Ihr einprägsames Lächeln ließ den Leutnant ein weiteres Mal innehalten. Vielleicht dürfte ich sie für einen Moment sprechen? „Gewiss doch, Fähnrich." antwortete er in vulkanischer Manier, musste sich aber eingestehen, dass er sich noch einmal ein paar abschließende Worte gewünscht hatte. Nach dem Test hatte man sie beide kaum mehr als zurechnungsfähig bezeichnen können. Unter den flüchtigen Blicken der anderen Absolventen schritten sie durch den Saal. Fähnrich Uhura bewegte sich in Richtung der großen Flügelfenster die auf die große Terrasse führten. Zielsicher steuerte Uhura auf die Balustrade zu. Spock war sich nicht sicher, was sie vorhatte. Dennoch stellte er sich schweigend neben sie. Die Hände auf die eiserne Balustrade gelehnt, den Oberkörper dem Park zugewandt, den Blick auch in den Sternen. Jedes einzelne Sternenbild konnte Spock deuten und bestimmen, an vielen Orten war er selbst schon einmal gewesen. Sein Vater hatte ihn oft bei diplomatischen Gesprächen mitgenommen. Nicht nur, um ihm die Möglichkeit zu bieten, fremde Kulturen und Planeten kennen zu lernen. Er sollte sich anderen Spezies öffnen. Ob Uhura selbst schon einmal einen anderen Planeten bereist hatte? Die Sternenflotte hatte viele Kolonien, sogar außerhalb dieser Galaxie, unmöglich war es also nicht, doch eine wirkliche Antwort auf die Frage konnte er nicht geben.

Uhura unterbrach das kurze Schweigen und richtete nun den Blick wieder auf den Leutnant. Ich wollte Danke sagen... für alles, was sie für mich getan haben. Gerade, als der Leutnant die erwartete Reaktion auf diese Feststellung zeigen wollte, nahm die ehemalige Kadettin ihm die Worte aus dem Mund. Und bitte sagen sie nicht, dass es am Ende nur mein Verdienst war – sie haben sich so viel Arbeit gemacht, meinetwegen... Also... danke! Etwas irritiert schloss der Vulkanier wieder seinen Mund und schenkte ihr ein leichtes, anerkennendes Nicken. Noch immer schwieg der Vulkanier, da er nicht wusste, was er auf ihre Aussage großartig antworten sollte. Wenn er den Versuch wagen würde seinen Verdienst abzustreiten, wäre es wohl ohnehin eine Lüge, die kaum etwas mit Bescheidenheit zu tun hatte. Der Fähnrich schien sein Schweigen zu nutzen, um munter weiter zu plappern, eine Reaktion, die den Vulkanier durchaus belustigte. Amüsiert zog er eine Braue in die Höhe, als sie ihre Mutter mit ins Gespräch brachte. Spock konnte sich gut ausmalen, wie er sich ihre Mutter in Hinsicht auf sie vorzustellen hatte. Also, ich habe viel von ihr. Sie ist sehr impulsiv. „Das hatte ich bereits vermutet, aber danke, dass sie mich über diese Tatsache aufgeklärt haben." Ein leichter Hauch von Sarkasmus lag in seiner Stimme, der keinesfalls negativ aufzufassen war. Er fand es nur ziemlich erheiternd diese Tatsachen gerade hier und jetzt serviert zu bekommen. Wieder schwenkte sie das Thema, um nun mit dem wohl eigentlichen Grund heraus zu platzen, wieso sie ihn hatte sprechen wollen.

Bemüht, sein Erstaunen eher für sich zu behalten, nahm er das kleine Päckchen zur Hand. Abschätzend sah er erst auf das Päckchen, um dann wieder hinauf zu blicken. „Das wäre nicht nötig gewesen." Bescheidenheit lag nun mal in dem Wesen eines Vulkaniers, dennoch packte er das Geschenk aus. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal eines erhalten hatte. Lange sah er auf das kleine zerfledderte Heft. Konnte er so etwas annehmen? Immerhin war es ein Buch von ihrem Onkel, zumal er wusste was für Raritäten sie waren. Dennoch beschloss er, das Geschenk anzunehmen und womöglich auch auf ihr Angebot einzugehen sie zu fragen, falls sich irgendwelche Ungereimtheiten beim Lesen ergaben. „Danke, aber..." Sein Aufmerksamkeit wurde abgelenkt von einigen anderen Pärchen, die scheinbar die Terrasse nun auch für sich entdeckt hatten und da Spock Diskretion schätze und ein ruhiges Gespräch nicht einfach unter den Augen von anderen Absolventen fortführen wollte, legte er seine Hand behutsam auf die Schulter seiner Gesprächspartnerin. „Gehen wir ein Stück?" Uhura willigte mit einem Nicken ein. Spock löste seine sogleich von ihrer Schulter, das kleine Buch nachdenklich in Händen.

„Ich habe kein Geschenk für sie." stellte er fest, während sie unter den Blicken der anderen das Feld verließen. Es war vielmehr eine Feststellung, schließlich konnte Spock gerade jetzt nichts an der Tatsache ausrichten das er nichts für seine ehemalige Kadettin hatte. „Haben sie sich bereits auf einigen Schiffen beworben, oder auf einer Raumstation?" wechselte er das Thema, während sie langsam den Weg entlang gingen. Spock hatte seine Arme hinter dem Rücken verschränkt. Er wusste, auf welches Schiff Uhura kommen würde. Er selbst hatte immerhin mitbestimmt, wohin sie gehen würde. Doch wie so vieles ließ er diese Tatsache vorerst unter den Tisch fallen. „Übermorgen werde auch ich meinen Raumflottendienst wieder aufnehmen." informierte er sie weiter, um gleich ihrer Frage aus dem Weg zu gehen. „Ich werde auf der Enterprise anheuern, unter Kapitän Pike." Auf die Enterprise kamen nur die Besten, dass war allgemein bekannt. Man musste sich monatelang um einen Platz bewerben und die besten Noten als Grundleistung vorweisen. Wobei man auch mit gewissen Beziehungen dorthin kommen konnte. „Ich werde als zweiter Wissenschaftsoffizier dienen."

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Nyota Uhura_____________________________________________

„Ich habe auch nicht damit gerechnet." erläuterte sie. „Es macht nichts, es ist viel schöner ein Geschenk zu machen, als eines zu bekommen!" Natürlich hatte er kein Geschenk für sie, aber für die Erdenfrau war es ein dringendes Bedürfnis gewesen, ihrem ehemaligen Dozenten etwas... ja, mit auf den Weg zu geben. Vielleicht ein Stück von sich selbst bei ihm lassen, etwas, das ihn stets erinnerte. Irgendwann im Verlauf der langen und geschäftigen Monate hatte Nyota an seinem steinernen Wesen, seiner alles beherrschenden Logik und seiner Emotionslosigkeit zu zweifeln begonnen. Vielleicht war es nur eine Eingebung gewesen, eine irregeleitete weibliche Intuition, aber nun, da ihr Abschied vor der Tür stand, kam sie nicht umhin dem Leutnant diese kleine ‚emotionale Essenz' mit zugeben. Und Shakespeare schien ihr dazu irgendwie geeignet. Seine Geschichten waren nie sehr komplex, aber er verstand es die Plots so ineinander zu verweben und das gesprochene Wort so sensibel und präzise zu formulieren, dass... ja, das man einfach berührt werden musste. Zumindest ihrer Auffassung nach. Ebenso gut konnte es sein, dass der Vulkanier den geliebten Klassiker für irrelevant und einfältig halten würde. Aber das kümmerte sie wenig, wenn es sie auch in einer gewissen Art und Weise traurig zu stimmen vermochte.

Vor ihnen breitete sich der vom Herbst umfangene Park aus. Der botanische Garten gehörte sein je her zu der Akademie der Sternenflotte und war berühmt für seine exotischen Gewächse aus alles Teilen der Erde und sogar von jenseits der Sterne. Im Sommer war seine Schönheit atemberaubend und den Biologen unter den Kadetten schwoll vor Stolz die Brust an. Jetzt, wo der prächtige Sommer sein buntes, duftendes Gewand abstreifte und der Herbst Einzug gefunden hatte, kündete sogar der Garten von einer gewissen Aufbruchsstimmung. Er schien zu sagen, dass die Zeit nun gekommen war aufzubrechen und dass seine neuen Blüten ein Geschenk an die neuen Kadetten sein würden. Ein paar der Blumen und Bäume trugen allerdings noch ihre bunten Blüten – zumeist waren sie auf der Erde angesiedelt worden. Einige blühten sogar das ganze Jahr, wieder andere zeigen nur alle paar Jahre ihre Knospen geöffnet. Nyota würde den Garten gewiss vermissen: die Blumen, ihre florierenden, atmenden, wilden Leben. Ein Raumschiff bot keine solche Natürlichkeit, solche Lebendigkeit. Aber andererseits war sich die Ex-Kadettin sicher, dass sie keine Zeit haben würde allzu viel dem Leben auf der Erde nachzutrauern. Nicht im Angesicht des Abenteuers, das sie nunmehr erwartete. Der Arbeit, die ihr neue Herausforderungen bot. Was für ein herrlicher Tag!

Und doch... empfand sie eine eigenartige Bekümmerung bei dem Gedanken an den Abschied von ihrem ehemaligen Dozenten, der ebenso unaufhaltsam war, wie der Neubeginn.

„Ja, meine Bewerbungen sind schon lange abgeschickt." antwortete sie ihm auf seine Frage und fuhr fort: „Ich will auf ein Schiff. Ich kann es mir nur schwer vorstellen, auf einer Raumstation zu arbeiten – ich muss reisen. Es ist wie ein innerer Drang, der mich antreibt. Fort von hier." Ihr Blick stieg mit einem Lächeln gen Himmel, das weit entfernt schien und in ihren Augen spiegelten sich die hellen Sterne. „Ich bin die erste aus meiner Familie, die sich mit einem Leben auf der Erde nicht zufrieden geben will. Aber irgendwer muss es mir in die Wiege gelegt haben." Für einen Moment dachte sie daran zurück, wie sie schon als kleines Mädchen, nicht mehr als ein laufender Meter, zu den Sternen wollte. Vom Himmel holen wollte sie die kleinen leuchtenden Lichtpunkte an dem schwarzen Ding da oben. Hatte sogar mal ein kleines Schmuckkästen gebastelt, um die kleinen funkelnden Schätze darin zu verstecken. Und als ihre Mutter ihr erklärt hatte, dass man die Sterne nicht einfach so vom Himmelpflücken konnte, da hatte sie mindestens eine Woche lang geschmollt. Vielleicht war daraus später der Ehrgeiz entstanden wirklich nach dort droben zu wollen. Und jetzt hatte sie die Sternenflottenakademie absolviert und... ja... war auf dem Weg.

Dass der Leutnant auf der Enterprise anheuern würde, wunderte Nyota nicht. Auf die Enterprise kamen nur die besten, da war allgemein bekannt. Obwohl Spock wahrscheinlich so fern ab von jedem Konkurrenzdenken war, wie nur möglich. Wie sie den Vulkanier kannte, wollte er einfach nur auf das Schiff, was die exzellentesten Vorraussetzung für seine Studien bot. Bei Gott, wie wünschte sie sich, dass auch sie auf dieses großartiges Schiff versetzt wurde. In den Reihen der Absolventen war der Konkurrenzdruck hart. Aber sie hatte ihre Ausbildung nicht umsonst mit Glanznoten und einer Auszeichnung abgeschlossen – sie verdiente es einfach, auf dieses verdammte Schiff zu kommen. Und das würde sie auch!

„Werden sie die Akademie vermissen? Ihre Arbeit mit den Kadetten?" fragte sie und fügte dann ruhig hinzu: „Sie hatten doch sicher einen gewissen Zweck im Hinterkopf, warum sie sich am Lehrstuhl der Akademie beworben haben... Haben sie das gefunden, was sie gesucht haben?" Er sollte sagen, wenn sie mit ihrer Annahme völlig falsch lag, er wolle sich nur einen interessanten Punkt im Lebenslauf dazuverdienen. Das konnte sich Nyota beim besten Willen nicht vorstellen.

Währenddessen hatten sie den Weg, der sich an die weitläufige Wiese schmiegte, hinter sich gelassen. Der Park wurde hier dichter bepflanzt, die Wege wurden ein wenig enger, die Bäume ragten höher empor. Unter ihren Stiefeln knirschte der Kies und durch die Allee von goldbelaubten Bäumen schlendernd warf das Mondlicht perlfarbene Schatten auf den Boden. Das künstliche Licht nahm langsam ab. Die Laternen brannten zwar, leuchteten aber nicht so gleißend hell. Hier schienen sie allein zu sein, niemand sonst empfand wohl den Drang nach Ruhe, denn den Absolventen stand der Sinn nach Ausgelassenheit.

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Leutnant Spock____________________________________________

Aufmerksam hörte der Leutnant seiner ehemaligen Schülerin zu. In jenem Moment konnte er ihre Motivation gut nachvollziehen. Auch ihm war es einmal so gegangen. Zwar hatte er Dank seines Vaters oft die Möglichkeit andere Sterne zu bereisen, aber die Bestrebung sich von seiner Heimat zu lösen um andere Welten zu entdecken war eine nachvollziehbare Tatsache. Leicht nickend unterbrach er sie kurz: „Dahingehend haben wir wohl eine Gemeinsamkeit." Es war eine Tatsache die nicht zu leugnen war, in so vielen Hinsichten waren sie unterschiedlich. Auch Spock hatte es einstmals hinaus getrieben in die Ferne, wieso hatte er sich sonst gegen den Willen seines Vaters auf der Sternenflotten Akademie eingeschrieben? Er war ein Kind, das wohl immer zwischen zwei Spezies stehen würde. Auf der einen Seite war er auf Vulkan aufgewachsen und sein Wohlwollen ein Vulkanier zu sein, stand in einem vollkommenen Gegensatz zu seinen menschlichen Wurzeln. „Vor einigen Jahren zog es mich auch hinaus. Als ich meinen Abschluss auf Vulkan machte, entschied ich mich dazu der Sternenflotte beizutreten." Als er sich damals einschrieb, war seine Ankunft mit Skepsis aufgenommen worden. Kein Vulkanier würde sich zu so einer Handlungsweise herablassen. Vulkanier waren in einer gewisser weise von Arroganz geprägt – wie viele Menschen annahmen – eher war es so, dass Vulkanier ein äußerst stolzes Volk waren und lieber unter sich blieben. Weshalb es schon einige Verwunderung auslöste, dass sich ein Vulkanier bewarb.

Dennoch wurde er angenommen und schon alsbald war die Tatsache ignoriert worden, dass Spock nur ein halber Vulkanier war. Seine Leistungen stellten alles in den Schatten. Es geschah nicht oft das er das Bedürfnis hatte sich mitzuteilen, doch bei dem frisch gebackenen Fähnrich verblasste sogar diese Tatsache und er redete weiter. „Nachdem ich frühzeitig meinen Abschluss gemacht hatte, wurde ich gleich auf einem Forschungsschiff versetzt." Ihre Frage ließ ihn kurz nachdenklich innehalten. Ob er etwas vermissen würde? Die Akademie war ein Ort an der er einige Jahre seines Lebens verbracht hatte. Nicht so viele wie auf Vulkan, zumal er auf diesem Planeten auch aufgewachsen war. Die Erde dahingehend mit ihrer fast paradiesischen Anmut, Vulkan war im Vergleich ein staubiger toter Ort. Sein Herz hing wohl eher an Vulkan, von daher was sollte er großartig vermissen? „Ich habe mich nie um den Posten eines Dozenten beworben, man hat ihn mir angeboten." Seine Richtigstellung war vollkommen neutral, kein Stolz lag in seiner Stimme, es war eben nur eine Klarstellung. „Erst sollte ich nur als Gastdozent dienlich sein, ich optimierte die Lehrpläne der einzelnen Fächer, hinsichtlich des vulkanischen Standards angepasst. Man setzte mich dann später auch als Gastdozent für verschiedene Lehrbereiche ein. Hauptsächlich um den Kadetten auf den Kontakt mit Fremden Spezies vorzubereiten."

Wieder hielt er inne um wieder auf ihre Frage zurückzukommen und nicht einen allzu großen Bogen um diese zu machen. „Nebenher war ich auch einige Monate unterwegs. Dies war mein erster und letzter Jahrgang den ich soweit gebracht habe." Möglicherweise würde er als Gastdozent zurückkehren, aber er würde sich wohl nie wieder allzu lange in der Sternenflotten Akademie aufhalten. Es war einfach nichts für ihn, er war begierig auf Erfahrungen. Kontakte mit Fremden Welten und Spezies. „Mein primäres Ziel war es etwas über mich heraus zu finden." So offen hatte er wohl noch nie mit jemandem über seine Gedanken gesprochen, ausgenommen wohl seine Mutter, die er in den meisten Fällen kaum etwas vor machen konnte.

Ob Uhura darüber Bescheid wusste. Natürlich stand diese Tatsache in seinen Akten, aber jene waren nicht für alle einzusehen, besonders nicht für die Kadetten. Für außen stehende mochte es so aussehen das er ein perfekter Vulkanier war. Spock bemühte sich auch redlich darum diesem Ideal zu entsprechen. Jedoch hatten die meisten Menschen noch nie zuvor Kontakt mit Vulkaniern gehabt, auch Fähnrich Uhura hatte er in diese Kategorie eingeordnet Merklich verlangsamte er seine Schritte, seine Begleitung passte das Tempo an, bis sie vollkommen zur Ruhe gekommen waren und Spock seine Front zu ihr wandte.

„Ich bin zur Hälfte menschlich, meine Mutter sie kommt von der Erde, mein Vater ist der vulkanische Botschafter auf der Erde." Nun wusste sie es mit Gewissheit und so konnte sie womöglich auch seine Motive verstehen was ihn dazu bewogen hatte an die Akademie zu gehen, es war ein ziemlich egoistisches Ziel, vielleicht hätte er sagen sollen das er den zukünftigen Sternenflotten Offizieren die vulkanische Kultur näher bringen wollte doch dies wäre eine Lüge gewesen. Die Logik war sein Grundsatz, dennoch musste er sich auch mit seiner menschlichen Seite arrangieren. Womöglich würde sie nun seine Handlungsweisen verstehen, obwohl er bezweifelte das ihn irgendjemand jemals wirklich begreifen konnte, wenn selbst er das nicht schaffte „Vermissen werde ich nur die Lektionen die ich ihnen erteilt habe und in denen sie jedes mal auch mich gelehrt haben, was es heißt menschlich zu sein." Wieder übermannte den Vulkanier das Gefühl, welches bereits einmal vorherrschend im Turbolift besitzt von ihm ergriffen hatte. Zu gerne hätte er ein weiteres Mal die Hand gehoben und die weiche Haut ihrer Wange an seinen Fingern gespürt.

Spock hatte nicht mitbekommen wie weit sie sich eigentlich schon von der Akademie entfernt hatten. Sie waren hatten den Weg durch den kleinen Park genommen. Die Lampen waren nicht mehr so hell und der klare Himmel lag über ihnen. War es heute kalt? Spock spürte jedenfalls nichts davon, eine angenehme Wärme durchflutete ihn und gerade konnte er sich nichts anderes vorstellen. Er war dankbar für die Fügung, dass sie sich nun hier in aller Abgeschiedenheit und Stille verabschieden konnten. Morgen würde es wohl nicht mehr dazu kommen das sie einander begegneten. Schon heute Nacht würde der Leutnant den Rest seiner Utensilien packen, damit sie noch am Abend auf die Enterprise gebeamt werden konnte. Er selbst würde beim morgendlichen Appell und der Bekanntgabe wer auf welches Schiff kommen würde auch anwesend sein. Dennoch bezweifelte er stark das man dort Zeit für sentimentale Worte finden würde. Falls man sich überhaupt über den Weg laufen würde.

Es hatte schon etwas Tragisches an sich, zu gerne hätte der Leutnant noch mehr über den Fähnrich herausgefunden. Es kam ihm so vor als wäre sie noch immer ein Buch mit Sieben Siegeln, etwas was seine Neugierde weckte und ihn magisch anzog. Er liebte das Unbekannte und sie war nun mal in gewisser weise so etwas für ihn. Noch immer wusste er nicht auf welcher Grundlage diese Motivation beruhte. Doch es fühlte sich gewiss nicht falsch an, eher im Gegenteil, es war fast so als müsse er um jeden Preis herausfinden was ihn antrieb.

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Nyota Uhura_____________________________________________

Nyota Uhura war noch nie über die Grenzen des Pluto hinausgekommen – außer in ihren endlosen Fantasien über ebenso endlose Weiten, die nur darauf warteten, von einem leidenschaftlichen Herz entdeckt und erobert zu werden. Schon auf der Erde florierte das Leben in so vielen Facetten und man sah so viele fremdartige Gesichter, hörte Stimmen mit eigenartigen Sprachen sprechen und lauschte gebannt den Erzählungen der Sternfahrer. Die Enzyklopädien spuckten zahllose Artikel über Orte und Welten aus, die der Erde so unendlich fern erschienen, dass es der Imagination schwer fiel, sie vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen. Fernweh nach etwas Unbekanntem, weit da draußen. Wie schwer konnte sich Nyota vorstellen, dass es etwas anderes war als Leidenschaft, das jemanden in diese Richtung trieb! Wie hell, oder wie dunkel diese Leidenschaft auch war. Und war Wissensdurst nicht auch eine Art von Leidenschaft? Eine Leidenschaft, die Existenz zu begreifen? Sich selbst... zu begreifen?

Wie es wohl war, die Akademie auf Vulkan zu besuchen? Um die Wahrheit zuzugeben, Nyota stellte sich es im ersten Moment als die Ausgeburt von Langeweile vor. Ein Tempel des Wissens, ja, natürlich. Aber Tempel hin oder her – vielleicht war dieser Begriff sogar gar nicht so falsch gewählt –, was tat man denn sonst noch, als den lieben langen Tag zu lernen? Gut, man meditierte. Fein. Essen (nur ausgewogen), schlafen (irgendwie wenig) und ja... diskutieren? Mal ganz abgesehen davon, was sie von Leutnant Spock hielt... ein Haufen überdisziplinierter Kadetten, die allesamt einen langen Stock im Hintern stecken hatten. Wahrscheinlich würden viele dieser spontanen Assoziation erliegen – und auch Nyota konnte sich ihrer bis zu einem gewissen Grad nicht erwehren –, aber sie war durchaus bereit sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Klischees waren nicht nur etwas dummes, sondern konnten auch etwas gefährliches sein. Eventuell würde sie ja irgendwann einmal nach Vulkan reisen? Sich davon überzeugen lassen, dass dieser Planet eine Art subtile Majestätik inne trug, ebenso, wie nicht alle seine Bewohner zum lachen in den Keller gingen? Irgendetwas musste Spock ja dazu gebracht haben, ein guter Mensch – Verzeihung... – ein guter Kerl zu sein. Und das war sicher nicht seine über alles geliebte Logik.

Sich selbst begreifen... „Ich bin zur Hälfte menschlich-" Nyota hätte gelogen, wenn sie abgestritten hätte, dass diese Information sie nicht wie ein imaginärer Holzhammer getroffen hätte. Mein Gott... Zur Hälfte menschlich! Zur Hälfte menschlich? Es war der Erdenfrau, als öffnete sich eine Tür und all die Gedanken und Eindrücke, die zuvor so ungereimt aufgetreten waren, erlangen einen Schlüssel zur Erkenntnis. Sie hatte von diesem Umstand nicht das Geringste gewusst. Aber jetzt, wo er es so überraschend und offen aussprach, kam es ihr in keiner Weise abwegig oder verwundernswert vor. Dass sein Vater der Botschafter der Erde war, registrierte sie zwar, aber irgendwie überrannte es sie einfach und war im nächsten Moment auch um die nächste Gehirnwindung verschwunden.

Seine menschliche Hälfte ließ den Vulkanier mit einem Mal ein wenig nahbarer erscheinen. Nicht, dass Nyota einen solchen... man lasse es mich ‚Ansatzpunkt' nennen, brauchte, um in Beziehung zu dem schweigsamen Leutnant zu treten, aber sie glaubte ihn nun ein wenig besser verstehen zu können. Allerdings hatte sie keine Sekunde Zeit, weiter darüber nachzudenken. Sich zu fragen, wie es wohl war, als halb menschliches Kind auf Vulkan groß zu werden. Wie es in ihm kämpfen mochte, diese beiden Teile, die so konträr zueinander waren. Wie er es geschafft hatte der zu werden, der er war. Wie seine Mutter war. Wie sein Vater. Wie-... Um über solche Fragen nachzugrübeln blieb keine Zeit, denn:

Vermissen werde ich nur die Lektionen, die ich ihnen erteilt habe und in denen sie jedes mal auch mich gelehrt haben, was es heißt, menschlich zu sein." Nyotas Inneres wurde mit einem Mal ganz... weich, berührt von diesen Worten. Wahrscheinlich wusste Spock gar nicht, dass er gerade etwas gesagt hatte, das auch Shakespeare hätte schreiben können. Es hatte etwas tragisches, etwas romantisches an sich. Und das Herz der Erdenfrau war ebenso sanft und berührt, wie es ihr Blick verhieß, mit dem sie den Vulkanier ansah. Seine Worte verhallten in der Stille des Gartens, wie ein shakespearescher Monolog. Worte, die ebenso im Hier und Jetzt widerhallten, wie sie Abschied verkündeten... irgendwo, tief zwischen den Zeilen verborgen.

Der kalte Luftzug ließ Nyota nicht fröstelnd. Eine innere Wärme füllte sie aus, als sie ihrem Gegenüber ein sachtes und leises Lächeln schenkte. Antworten lagen ihr auf der Zunge... Jetzt weiß ich, warum sie so sonderlich, so wunderbar einzigartig sind. So liebenswürdig und irgendwie ein wenig verschroben. Vielleicht sind sie menschlicher, als sie dachten. Wie stark pocht ein menschliches Herz in ihrer Brust? Aber sie schwieg. Schwieg, am Ende aller Logik.

Eine Eingebung übermannte ihren Verstand. So schnell, so unaufhaltsam. Sie wusste nicht, was sie tat. Überwand die letzten Zentimeter zwischen ihnen, im Genick vielleicht die ewige Weite nach dem endgültigen Abschied, und berührte mit ihren Lippen die seinen, zart, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.

Die Augen geschlossen. Die Fingerspitzen nur ganz leicht unter sein Kinn gelegt, als brauchte sie diese winzige Verbindung, um nicht zu entgleiten. Der Garten verschwand, hinweggescheut von einer Empfindung, die allen Platz in ihrem Inneren beanspruchte.

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Leutnant Spock____________________________________________

Lange blickten sie einander an. Noch nie zuvor hatte Spock so dringend wissen wollen, was in einem anderen Wesen vorging. Was in ihr vorging. Es war, als würde der Moment stehen bleiben und die Welt um sie vollkommen nichtig werden. Einen Augenaufschlag später war sie ihm so nahe wie noch nie jemand anderes zuvor. Ob nun psychisch oder physisch gesehen, es war beides einerlei. In Erwartung, was nun geschehen würde, schloss er euphorisiert die Augen. Schon im nächsten Moment spürte er eine zarte Berührung. Behutsam nahm er sie auf ließ sich von der Welle tragen, die sie auslöste. Dass ein Kuss eine solche Emotion herauf beschwören konnte... Die Berührung war flüchtig, so kurz das man sie kaum für real halten konnte. Eine zärtliche Geste, die nichts mehr mit einer einfachen banalen Freundschaft zu tun hatte. Spock nahm es hin, gewillt nochmals von ihren Lippen zu kosten. Aus der ersten Starre erlöst reckte ihr der hochgewachsene Vulkanier die Lippen entgegen. Sie schmeckte nach soviel mehr, ein unbändiges Verlangen lenkte seine Handlungen. Welches zur Folge hatte, dass seine verloren geglaubte, menschliche Seite von ihm Besitzt ergriff.

Mit einer leichten Bewegung verringerte er den Abstand zu ihr, legte achtsam die Hände auf ihre Taille, ein Reflex, der scheinbar in dem Wesen eines Lebewesens verankern seien musste. Nicht anders konnte es sich der Vulkanier erklären, dass er zu so etwas fähig war. Weiter senkte er sein Haupt, um ihr mehr Spielraum geben zu können und sie von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen. Sein Kopf war leer, die Gedanken, die noch vor Sekunden in seinem Kopf waren, hatte sie weggefegt. Noch kurz zuvor hatte er es für vollkommen falsch empfunden. Was sie taten, was sie tat und das er sich darauf eingelassen hatte. Das er sie überhaupt so nah an sich ran gelassen hatte. Im Hinblick auf ihre Karrieren und ihre Zukunft war das vollkommen unlogisch. Doch Logik hatte sie nicht an diesen Punkt gebracht, an dem sie standen. Wieder spürte er ihren hart pochenden Herzschlag an seiner Brust, der dem seinen in nichts nach stand. Spock fühlte sich, als würde er keine Luft mehr bekommen, trotzdem unfähig ihre Verbindung zu lösen. Die Anfangs so flüchtige Berührung ihrer Lippen weitete sich aus, wurde vertrauter. Spock ließ sich von der Erdenfrau leiten. Ihre anfängliche Schüchternheit schien sich nach seinem wollenden Verhalten gewandelt zu haben. Die Lippen leicht geöffnet forderte sie ihn, dezent, aber mit einem Nachdruck, dem der Vulkanier nicht wieder stehen konnte.

Auch er ließ seine Lippen in die Bewegung mit einfließen, fühlte, wie sich ihre Hand an seinen Hals legte, um sich dann zärtlich an seine Wange zu legen. Er war angenehm überrascht von dem, was er hier gerade erlebte. Für unschuldig hatte er den Fähnrich noch nie gehalten, nicht im Entferntesten, doch hätte man ihm vor Wochen darüber aufgeklärt, was heute geschehen würde, so hätte er wohl nur überrascht eine Braue in die Höhe gezogen. Umso mehr erstaunte es ihn, dass er sich so vollkommen unbekümmert darauf einließ. Noch immer waren seine Bewegungen und Aktionen eher zögerlich, was wohl weitestgehend mit seiner Unsicherheit zu tun hatte. Noch nie zuvor hatte er solch einen intimen Moment mit jemand anderem erlebt. Geschweige denn darüber nachgedacht, was kommen würde, wenn es soweit wäre. In keinem anderen Bereich seines Lebens war Spock so unerfahren.

Doch er war schnell lernfähig und hatte eine rasche Auffassungsgabe. Sodass man den Kuss keineswegs als einseitig bezeichnen konnte. Nach und nach ließ sich der Vulkanier fallen, genoss das Spiel ihrer Zungen und forderte es selbst. Fester schlossen sich seine Arme um ihren Leib, nicht dass er in Sorge war, dass sie frieren könnte. Die Hitze, die in ihm aufgestiegen war könnte wohl, seiner Meinung nach, die halbe Parkanlage beheizen. Er wollte sie spüren, ihren Körper, ihren Duft genießen und versinken in ihrer Nähe. Nur leider schien jemand diese traute Zweisamkeit nicht zu wollen. Nach gefühlten Minuten drang eine Stimme vom Körper des Leutnants. „Leutnant Spock? Leutnant, bitte kommen." Nicht sofort löste sich der Vulkanier aus dem Kuss und griff währenddessen in seine Tasche, wo sein Kommunikator steckte. Mit einem Handschlag klappte er diesen auf. „Spock hier?" antwortete er mit fester Stimme, noch immer den Arm um Uhura geschlungen. „Ihr Gepäck ist noch nicht angekommen, ich wollte sie nur darüber informieren, dass ihnen noch eine Stunde bleibt." „In Ordnung, ich werde es einrichten. Spock Ende." Lange blickte er zu seiner ehemaligen Schülerin hinab. Leckte sich über die Lippen, so als ob noch immer ihr Kuss darauf brannte. Das war also der Abschied. Und nun hatte auch Spock ihr sein Abschiedsgeschenk gegeben.

Schweigend betrachtete er sie, strich mit der Hand über ihre Wange und sie wusste was nun folgend würde. Spock musste es nicht noch mal erwähnen. So küsste er sie sacht auf die Stirn, um sich dann vollends von ihr zu lösen. Beide traten den Rückweg an, während Spock noch grübelte, wie es sein konnte, dass er nur noch eine Stunde zum packen hatte. Sie hatten sich doch nur einige Minuten diesem einmaligen Moment hingegeben. Wie konnte es also sein, dass es bereits so spät war? Der Offizier musste sich irren. Doch Spock würde in seinem Quartier zugeben müssen, dass er sich geirrt hatte. Nicht wie vermutet einige Minuten, sondern, viele lange Minuten hatten sie dort in der stille des Parks zugebracht, wo sie das nachgeholt hatten, was Spock sich eigentlich die ganze Zeit ersehnt hatte. Hätte er früher einmal eine Erfahrung wie diese gehabt, hätte er sein Verhalten wohl besser deuten können.

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Nyota Uhura_____________________________________________

Einen quälend langen Moment lähmte Nyota die Angst, der Vulkanier würde sie dezent von sich schieben und sie mit einem Blick bedenken, der sie endgültig zum törichten Kind degradieren würde. Er würde ihr irgendwelche Paragraphen der Akademieordnung zitieren und sie mental auf die gefühlte Größe eines Fingerhutes schrumpfen. Aber dem war nicht so...

Es dauerte keinen ganzen Atemzug, da wurden seine Lippen weich unter dem sachten Kuss der ihren. Nicht eine Sekunde schickte er sich an, sich ihr zu entziehen. Das Herz der Menschenfrau vollführte einen Sprung, als er sich dem Kuss hinzugeben schien, die Berührungen ihrer Lippen und ihrer Finger nicht scheute. Die Zärtlichkeit überwund den Abgrund zwischen ihnen, sprengte alle Ketten der Konventionen, die sie in ihre Rolle als Dozent und Kadett gezwängt hatten. Ihre Sinne katapultierten sie in eine fremde, süße Sphäre, die nur aus seinen Lippen, seinen Händen, seinem Duft und seiner Aura zu bestehen schien. Alle Farben und Formen um sie herum verblassen. Dafür strahlten sie beide umso gleißender. Sein Mund neigte sich dem ihren entgegen, verlangte nach mehr und löste einen Tanz winziger Flammen aus, sie ihre Haut entlang glitten, sie für einen Moment wie schwindelnd machten und ihr eine sachte Röte auf die dunklen Wanken trieben.

Spock war er, den die letzten Zentimeter an Abstand zwischen ihnen endgültig zunichte machte. Wie ein warmer Sommerregen kam der Gedanke über Nyota, dass es Verlangen war, was ihn trieb und alle Logik im Jetzt und Hier ihre Bedeutung eingebüßt hatte. Für ihn – und für sie sowieso. Wie sie so gegen seinen standhaften Leib gelehnt dastand, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, die Handflächen an seine kühlen Wange gelegt, sacht darüber streichend – da fühlte sich all dies so natürlich, so richtig an. Nur für den Bruchteil einer Sekunde öffnete sie die Augen, als müsse sie sich davon überzeugen, dass auch wirklich er es war, der sie da umfangen hielt – und nicht vielleicht doch Alastair, dessen Antlitz so dermaßen in die Ferne gerückt war, dass man ihn kaum noch wahrnehmen konnte. Kein, man konnte ihn gar nicht mehr wahrnehmen. Da war nur noch der Vulkanier, dieser ernste, von Logik geleitete Mann, der so jung und doch wieder so alt wirkte. Den die jungen Kadetten anstarrten und über den getuschelt wurde. Der eine Rarität war, ein Exot sondergleichen. Den alle bewunderten und für seinen kühlen Verstand schätzen. Tze... Gerade fühlte sich rein gar nicht kühl an... nichts kalt, nicht berechnend... nicht logisch – und das war gut so. Verlangen lag in seinen Berührungen und entfachten in Nyota eine züngelnde Leidenschaft.

Ihr Kuss wurde fordernder, begehrender... Sogar spielerischer... Und er ließ sich tatsächlich darauf ein. Nyota führte diesen kleinen Tanz gern an. Zeigte ihm, was für ein schönes Gefühl es war, wenn man dem anderen über die Lippen strich. Wenn sich ihre Zungenspitzen berührten. Wenn man die Umarmung des anderen alle Kälte dieser Welt verscheuchte. Wenn die Berührungen von Fingerspitzen Spuren hinterließen. Und wie laut ein Herz zu pochen vermochte, wenn es sich in dem Rhythmus eines anderen einstimmte.

Leutnant Spock? Leutnant, bitte kommen." Wie durch einen Nebel, der allen Schall verschluckte, drangen diese fremdartigen Laute an ihr Ohr. Nur waren sie leider in der nächste Sekunde weniger fremdartig, als Nyota es sich gewünscht hätte. Die Stimme des Kommunikators schien die Intimität zerreißen zu wollen und zerrte an ihrer unbeschwerten Leichtigkeit. Noch waren ihre Sinne viel zu sehr von ihrem Gegenüber eingenommen. Zwar lösten sich ihre Lippen voneinander, aber der Geschmack blieb.

Und so verharrte sie noch die letzten Sekunden in seiner Umarmung, das Gesicht in die Beuge seines Halses geschmiegt, die Augen geschlossen. Sie wollte sich seinen Duft einprägen, den Geschmack seiner Lippen, das Gefühl seiner Hände auf ihrer Taille und seines Armes um ihren Leib.

Denn all das war Abschied. Es kam ihr wie ein Geschenk vor, von dem man nicht sagen konnte, ob es einen eher euphorisch stimmen oder doch quälen sollte.

Der Fähnrich achtete nicht darauf, was der Leutnant mit wem-auch-immer besprach. „Spock Ende." Ja, er hatte Recht. Ende. Das war es wirklich. Sie las es in seinem Blick. Und er vermochte es in dem ihren zu lesen. Ein letzter Kuss, der Nyota fast die heißen Tränen in die Augen getrieben hätte. Aber sie war ein starkes Mädchen, sagte sie sich. Und würde nicht weinen. Sie fühlte sich schon genug wie ein Teenager und da wollte sie dem Vulkanier und sich nicht auch noch das antun. Also lächelte sie nur, eine Mischung aus Seeligkeit, Traurigkeit und Schicksalsergebenheit.

Auf dem Rückweg sprachen sie nur wenige Worte miteinander. Oder gar keine. Später vermochte es Nyota Uhura nicht mehr zu sagen. Ihre Mutter meinte, sie sehe irgendwie traurig aus, als sie ihre Tochter im Festsaal der Akademie in die Arme schloss. Sie sei so lange weg gewesen, alle hätten schon nach ihr gefragt. Nein, es sei alles in Ordnung, Sie hätte sich nur von einem guten Freund verabschiedet. Ihre Mutter fragte, ob sich dieser Leutnant Spock hier irgendwo herumtreibe. Nein, er sei schon fort. Oh, das sei aber schade. Ja... das wäre es. Ja... Ja.