HYA ihr Lieben!
An dieser Stelle nun, werden wir erfahren, was die beiden einst trennte.
Tanya ist ein Biest, Kate gar nicht so gedankenlos und Garrett charmant wie immer.
Viel Spaß
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4. Kapitel – Feuerteufel
I've been seeing all,
I've been seeing your soul
Give me things that I wanted to know
Tell me things that you've done
(Flume, Drop the Game)
Garrett
Sie ist ein streitlustiges Weibsbild. Sie widerspricht des Widerworte Gebens wegen. Was für eine herzhaft zänkische Kleine. „Du hast ganz schön viel Feuer für jemanden, der sich vegetarisch ernährt.", necke ich sie. Ihre goldenen Augen weiten sich, sie sieht beinahe empört aus. Sie hat ein außerordentlich schönes Gesicht, doch ich bin immer wieder einen Moment von ihren Vorzügen abgelenkt, die sie mir in ganzer Pracht präsentiert. Gott lob, dass Vampire nicht frieren, es bedeutet, dass sich keiner von uns bedecken muss.
„Wie bitte?", sie ist hochgradig irritiert. Anscheinend ist sie es nicht gewohnt, dass ihr ein anderer Vampir auf den Kopf zusagt, dass er weiß, warum ihre Augen diese seltsame Farbe haben. Ich frage mich, wieso das so ist. Ob es keine anderen Vampire gab – was ich irgendwie bezweifele – oder ob es diese einfach nicht interessiert hat. Oder, wie die meisten von uns, einfach nichts damit anzufangen wissen, und wenn sie es dann hören, einfach völlig perplex sind, dass so etwas tatsächlich möglich ist. Ich gebe zu, wäre sie die Erste, die mir mit dieser Augenfarbe begegnet, ich hätte keine Ahnung. Aber mein Freund Carlisle Cullen ist ein seltsam freundlicher Zeitgenosse. Ein Vampir, der als Menschenarzt arbeitet und niemals einen Tropfen Menschenblut zu sich genommen hat. Das ist derart faszinierend, dass ich ihn fast ein Jahr regelmäßig aufgesucht habe, um dieses Kuriosum zu verstehen.
Seine Augen sind Gold, da es die menschlichen Enzyme sind, die unsere Augen karmesinrot färben.
Von allen Vampiren, die ich bisher getroffen habe, ist er der einzige, der mit den Menschen lebt und nicht nur unter ihnen. Seine Weltsicht ist erstaunlich wohlgesonnen, ich kann meinen Freund nicht anders beschreiben.
„Ich habe einen Freund, dessen Augen ebenfalls diese Farbe haben.", murmele ich unbestimmt. „Ich sollte ihn mal wieder besuchen.", sinniere ich, und überlege, wie viele Jahre Carlisle und ich uns schon nicht gesehen haben.
„Du kennst andere Vampire, die so sind wie ich?", überrascht, fast alarmiert.
„Oh little One, wie du ist er auf gar keinen Fall!", schmunzele, „das kann ich nicht bestätigen. Du bist ein außergewöhnliches Fräulein!", gluckse ich und versiegle ihren protestierenden Mund.
Der fette Dienstag geht vorüber. Aber ich habe nicht die Muße, mich aus diesem Zimmer zu bewegen, mich von dem kleinen beweglichen Fräulein zu trennen, das mir die letzten Tage versüßt hat.
Katie starrt mich an und kaut auf ihrer Unterlippe. Sie sieht herrlich zart dabei aus, so sieht man ihr das derbe Mundwerk gar nicht an, das sie mir zu Teil werden ließ. Das kleine Feuerwerk zieht ihre Beine an und starrt an die gegenüberliegende Wand, ihr nackter Rücken ist entzückend.
In meinem Leben als Vampir gab es immer wieder Gelegenheiten, nennen wir es Begegnungen, mit Vampirdamen. Die Zeit mit ihnen war stets erfreulich, doch konnte ich stets das Ende sehen.
Blicke Kate an. Irgendwas ist anders. Es hier und jetzt, sofort, zu beenden erscheint mir sinnlos. Das lärmende Fräulein fasziniert mich auf seltsame Art, ich kann nicht genau durch sie hindurch sehen. Sie kann derbe sein, knurrt Befehle und schreit, dann ist sie plötzlich süß, unschuldig fast, spielerisch devot. Der Wechsel dazwischen ist bisweilen schwindelerregend.
In den letzten Stunden wirkte sie immer wieder nachdenklich. Gedankenverloren.
„Du weißt also, dass es eine andere Möglichkeit gibt – eine Möglichkeit keine Menschen zu töten und nimmst ihnen trotzdem das Leben?", fragt sie. Ihre Stimme ist bedächtig, ihre Worte gewählt.
„Ich töte nicht wahllos.", Kinder sind tabu. Und meistens auch Frauen, weil sie neues Leben in diese Welt bringen, sie Mütter sind. „Aber du weißt sicherlich selbst, wie ekelhaft Tiere riechen."
„Aber du müsstest nicht mehr töten.", empört. „Du rettest Leben." Töten würde ich immer noch. Es wäre eine bloße Verschiebung.
„Es ist unsere Natur. Wir leben von den Menschen, wie die Menschen von Tieren leben. Wirfst du ihnen etwa vor, dass sie ihre Rinder und Schweine schlachten, dass sie die Tiere nur deswegen züchten, um sie zu töten?", das ist doch sehr engstirnig gedacht. Die Menschen sind frei und haben ein freies Leben, weitestgehend. 25 Menschen pro Jahr sind denkbar vertretbar, sie töten viele hunderte, tausende ihrer Haustiere, um zu überleben.
„Du setzt Menschen mit Tieren gleich?", jetzt blickt sie mich an. Die Stirn in Falten, die schönen Augen furios. „Menschen haben Ratio. Menschen sind mehr als Nahrung!"
SO habe ich das gar nicht gesagt! Und so habe ich das auch nicht gemeint! Ihre Stimme überschlägt sich, als sie darüber wettert, wie krank, destruktiv und irrsinnig mein Lebensweg sei, wenn ich doch einen besseren Weg kenne. Wie ignorant ich sei. Wie selbstsüchtig. Wirft mir vor, dass ich nie probiert hätte, einen anderen Pfad zu nehmen. Dass ich zwar davon sprechen würde, neugierig zu sein, aufgeschlossen, immer auf der Jagd nach neuen Fragen, aber nicht danach leben würde.
Dann gleitet sie aus den Laken, eine Sekunde lang bin ich wie vom Donner gerührt. Die untergehende Sonne scheint durchs Fenster, hüllt Katies zierlichen Körper in warmes Licht. Sie ist so wunderschön. Ihre Haut glüht Rotgold, schimmert sanft, mein Mund ist plötzlich ganz trocken.
Doch dann streift sie sich ihr Kleid über, bückt sich nach einem Schuh und sieht sich suchend nach dem zweiten um.
Sie verharrt und betrachtet mich. Habe mich im Bett aufgerichtet. Ihr Blick ist düster, hart und wird kalt. „Es war nett, Garrett. Aber seien wir ehrlich. Wir beide waren eine… einmalige Sache. Du führst dein kleines Vampirleben – ganz klassisch und schnöde und ich kann damit nichts anfangen. Das ist nichts Persönliches. Aber mit jemandem wie dir, kann ich nicht mal befreundet sein. Das siehst du doch genauso?", es ist keine wirkliche Frage. Ich bin etwas verstört, ich habe dieses abrupte Ende nicht kommen sehen, hätte gern versucht, das Mysterium Katie zu entschlüsseln.
„Du legst also fest, dass ich ein widerliches Subjekt bin und du die holde Maid deren Tugend ich beschmutzt habe?", sie hat diesen furchtbaren Unterton, als hätte ich sie gezwungen, sich mir hinzugeben. Vier Tage und Nächte lang. Als habe ich sie gezwungen, zu stöhnen, schreien, seufzen. Als wäre ich der Einzige, der dieses… Treffen, als angenehm empfunden hat.
Ich habe mich noch nie so… satt gefühlt, nachdem ich Sex mit einer Vampirfrau hatte. Aber ich habe es auch noch nie am Stück so lange mit einer Frau… getrieben. Als wären wir haltlose Neulinge, die ihren Trieben und Gelüsten noch nicht Stand halten können.
Sie verzieht ihr Gesicht kurz, als würde sie sich ihre Antwort genau überlegen, doch dann presst sie ihre verführerischen Lippen aufeinander, nickt. „Wenn mich jemand danach fragen sollte, so in etwa."
Dann hat sie ihren zweiten Schuh entdeckt und schlüpft hinein, als habe sie diese seltsame Anziehung nicht gespürt. Als sei der Zauber, der uns umgeben hat, verpufft. Als wolle sie nicht ergründen, was hier passiert ist. Irgendetwas… etwas, dass ich noch nicht ganz fassen, definieren kann. „Du wirst dich nie ändern. Das hast du sehr deutlich gemacht." Sie wirft ihren Mantel über und ist hinaus. Ohne jedes weitere Wort, ohne Abschied.
Die Abendsonne kriecht Orangerot über das Laken. Ich verstehe nicht, was hier gerade passiert ist. Das unberechenbare kleine Fräulein, das schnurren kann wie ein Kätzchen, ist förmlich geflüchtet, so als habe sie nur eine Ausflucht aus unserer kompromittierenden Situation gesucht.
Es ist Irrsinn, die kleine Katie hat deutlich gemacht, dass sie mich entsorgt hat, nachdem ich dem wilden Fräulein zum Vergnügen gereicht habe, und doch bin ich noch immer von dieser verstrickten Persönlichkeit – der ernsten Kate und der lieblichen Katie – fasziniert.
Auf der einen Seite. Auf der anderen ist unfassbar, was sie mir alles vorgeworfen hat, ohne die Wahrheit zu kennen. So voller Vorurteile und vorgefertigter Meinungen. Kleine kleingeistige Vampirfrau. Und doch treffen mich ihre haltlosen, unhöflichen Bemerkungen. Ich bin noch nie so beleidigt worden. Und selbst wenn doch, hat es mich bisher nicht so getroffen. Das mag daran liegen, dass es etwas sehr Erniedrigendes hat, nackt in einem Bett zu sitzen, während man als widerliches Subjekt bezeichnet wird.
Sie ist hier. Spielt sich auf, als sei sie die Kaiserin von Siam. Und doch scheint sie meine Gegenwart zu suchen, wie die Motte das Licht. Das etwas nicht stimmt, ist meinem Kameraden Liam bereits aufgefallen. Als wir Männer gemeinsam unterwegs waren, die unsichtbare Grenze zu Quileute Land beobachtend, stieß er mir seinen Arm in die Seite und deute auf die blonde Grazie die an uns vorüberzog. Wer weiß, woher sie kamen.
Bella macht Fortschritte. Sie ist eine außergewöhnliche Neugeborene in so vielen Dingen. Sie ist sehr hartnäckig. Überschlägt sich fast, Selbstverteidigungstechniken zu lernen, auch wenn Edward und Carlisle es lieber sehen würden, würde sie solche Dinge gar nicht benötigen.
Doch die Ankunft der Rumänen hat die Stimmung verändert. Die Beschwingtheit, das Zwinkern ist verschwunden. Die düsteren Alten, Stefan und Vladimir, sind getrieben von Groll und Vergeltung, aber sie sehen mehr als wir. Anscheinend ist die europäische Vampirgemeinde in Aufruhr. Sie haben von einer Prozession gehört, einer Strafexpedition gegen den Stregoni Benefici, der wie die unsterblichen Kinder und die Kinder des Mondes tief in unserer Geschichte verwurzelt ist, den Menschen wie Vampire kennen. Siobhan und Liam teilten einen besorgten Blick.
Die beiden Iren haben bei nächster Gelegenheit Kontakt nach Europa aufgenommen. Carlisle gibt geschlagen bekannt, dass seine französischen Freunde sich anscheinend als Zeugen den Volturi angeschlossen haben, selbst wenn sie nicht wissen, was sie bezeugen werden.
Bellas Training ist kein Vergnügen mehr. Es ist Ernst geworden und die Zeit scheint uns plötzlich davon zu rinnen. Die kleine Alice war wohl recht deutlich in ihrer Vorhersage und dennoch schien es, als hätten wir alle Zeit der Welt. Die Luft riecht noch nicht nach Schnee, die Wettervorhersagen sind noch schwammig. Und doch können einige von uns den Krieg fühlen, der über den Boden kriecht, an unseren Knöcheln emporsteigt, wie Hochnebel.
Peter hat deutlich gemacht, dass er für den Major hier ist, neigt den Kopf und blickt sich um. „Das kann nur unschön enden."
Der merkwürdige Alistair murmelt etwas von Verschwörung, Verfolgung und Hoffnungslosen Aussichten.
Eleazars Anekdoten über die Techniken der Volturi haben ihren Geschichten- Charakter verloren, sie sind nun überlebenswichtig.
Die neckische Tanya ist sehr ernst. Die Zirkeloberhäupter sind allesamt um ihre Zirkel besorgt. Die Nomaden sorgen sich um ihre Freiheit.
Beobachte Mary und Randall, die sich Geschichten erzählen. Ich mag Mary. Sie ist nicht verpflichtet hier zu sein. Sie ist aus freien Stücken hier, würde sich niemals unterwerfen. Sie ist ein kleines Kraftpaket. Randall ist noch recht jung, ein Kind der 60iger. Wenn ich Marys Bemerkungen ernstnehme, kennt er die kleine wilde Katie sehr genau. Ich habe noch nicht entschieden, ob es mir egal ist oder mich stört.
Der Junge kann nichts dafür, dass mich der kleine Feuerwerkskörper auch nach über 80 Jahren zur Weißglut treibt. Dass sie meine Nervenenden auf highalert bringt. Sie hat tatsächlich ein Abwehrtalent. Elektrizität. Wenn ich die Augen schließe, habe ich das Gefühl ihren Strom über meine Haut fließen zu spüren. Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf. Bis heute verstehe ich sie nicht. Ich verstehe Katie – Kate aus Denali – nicht. Sie reckt ihr Kinn vor, stellt sich an, als würden ihre Jahrhunderte sie zu einer Erwachsenen machen.
Als ob! Sie steht da, wie ein bockiges Kind. Hat die Arme vor der Brust verschränkt und verzieht ihr Gesicht.
„Nochmal.", verlangt Isabella. Edward stöhnt. Emmett klatscht in die Hände. „Garrett, würdest du…?"
Eleazar erklärt eine Technik und ich versuche jene umzusetzen, ein Gegner für die neue Mrs. Cullen zu sein. Peter beäugt uns aus einiger Distanz. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich für ihn anfühlen muss. Er und Charlotte weigern sich, am Kampftraining teilzunehmen. In ihren Gesichtern kann man Entsetzen sehen, böse Erinnerungen an eine dunkle Vergangenheit.
Ich finde es eher interessant, mich mit Kämpfen unter Vampiren auseinanderzusetzen. Choreographierten und geordneten Kämpfen. Obwohl ich jedem unserer Kriege auf unserem Land beigewohnt habe, habe ich doch nie einer Neugeborenenarmee gegenüber gestanden.
Nachdem was man hört, gibt es dort oft keine Kameraderie. Nur Blutdurst und Verwüstung.
Nicke.
„Warte.", Kate macht einige Schritte auf ihre „Cousine" zu. „Ich glaube es ist ganz gut, wenn du es dir mal von außen ansehen kannst.", stellt sie fest. Das konnte Bella bereits, als unser Kampftraining noch einem Rumblödeln glich, Mary und ich eine Menge Spaß dabei hatten. Meine Freundin Siobhan rollte nur mit den Augen und murmelte etwas davon, dass nicht nur Leute unter 200 Kinder sind. Das sagt die Richtige! Über 500 und noch immer wie eine 20jährige, wenn man sie im richtigen Moment erwischt.
Blicke mich nach Mary um, doch weder sie noch Randall sind zusehen. Wie kann das sein, verflucht. „Lass mich.", schlägt Kate vor. Tanya und Carmen werfen sich einen vielsagenden Blick zu. Carlisle überlegt, die meisten der Volturi, an die wir herankommen könnten, haben kein Abwehrtalent. Renata kann wohl minimal sich selbst abschirmen und ihren Meister, doch sonst sind nur die Gaben der Hexenzwillinge im Kampf von Bedeutung.
„Ich werde mein Bestes versuchen, meine Gabe nicht einzusetzen.", verspricht der kleine Feuerwerkskörper. Gut, aber nicht gut genug. „Wir haben keine Zeit um lange zu diskutieren, das habt ihr selbst festgestellt. Der Schnee wird demnächst liegen bleiben. Die ersten Flocken sind diese Nacht schon gefallen."
Mustere die kleine Kratzbürste, als sie vor mir Stellung bezieht. „Ich hoffe du hast deine Kräfte besser unter Kontrolle, als deine Stimmungen, Katie.", murre ich.
Katie knurrt, ein Angriffslaut, bevor sie auf mich losgeht. Aber sie ist nicht so schnell, wie sie glaubt. Weiche ihr aus, doch sie wirbelt herum. Einige wenige Minuten spielen wir dieses Hasch-mich- Spiel, bis die Störrische meinen Arm zu fassen kriegt. Ihre goldenen Augen blitzen, als ich die unnatürliche Wärme in ihren Finger spüren kann. Ergreife ihre Hand, versuche ihren Klammergriff zu lösen, bevor sie mich in der nächsten Sekunde niederstrecken kann. Die süße Kate scheint überrascht, dass es eine zweite Sekunde dauert, bevor ich auf ihre Elektrizität reagiere, die durch meinen Körper jagt, ich nehme ein gurgelndes Stöhnen wahr, bevor ich auf die Knie sinke, einen Augenblick wehrlos.
„Oh. Entschuldige.", kann ich Kates liebliche Stimme hören. „Das war keine Absicht. Lass mich dir aufhelfen.", schlägt sie scheinheilig vor.
Schüttele meinen Kopf, um die verschwommenen Gedanken abzuschütteln. Kates zierliche Hand streckt sich zu mir hinunter. Blicke zu ihr hinauf. Ihr Blick trotzig, überheblich.
Na warte! Strecke meinen Fuß aus, reiße sie von den Beinen und springe selbst auf, als sie fällt.
„Verzeih mir. Das war keine Absicht.", beginne ich, „Lass mich dir aufhelfen.", biete ich an. Katie schnaubt wütend, steht ohne weitere Hilfe auf und straft mich mit Missachtung.
„Idiot!", knurrt sie, stapft davon. Wenn sie von hinten nicht so hübsch anzusehen wäre…
Edward hustet. Was!? Habe ich dir nicht geraten dich aus meinem Kopf fern zu halten?!
Kate
If you could only see the beast you've made of me
I held it in but now it seems you've set it running free
Screaming in the dark, I howl when we're apart
Drag my teeth across your chest to taste your beating heart
Like some child possessed, the beast howls in my veins
I want to find you, tear out all of your tenderness
(Florence and the machine, howl)
Was für ein widerlicher Idiot! Er versteht den Ernst der Lage nicht! Es ist bald Weihnachten! Laut Carlisle hat Alice vorausgesagt, dass die Volturi anrücken, sobald der Schnee liegen bleibt. Es schneit immer häufiger. Und er macht so ein dummes Spiel.
Benimmt sich wie ein über 250 Jahre altes Kind!
Und es macht mich wahnsinnig, dass er… dass er diese Veranstaltung anscheinend als sein Bespaßungsprogramm sieht und ständig einen auf Kumpel macht. Ständig mit den anderen Männern rumhängt, Eleazar einlullt, mit seiner warmen, tiefen und sinnlichen Stimme, die einem die feinen Härchen auf der Wirbelsäule aufstellt! Dass er ständig flirtet, mit allem was zwei Beine und Brüste hat. Mich stört es, dass er mehr Zeit mit seinem Kumpel Liam, mehr Zeit mit Siobhan und Carmen verbringt, als mit m… als bei der Sache zu sein. Dass er und Mary scherzen, als wären wir auf einer High School. Dass sie sich ansehen… und das er mich nicht so ansieht! Dass ich am liebsten über ihn herfallen würde, weil er noch immer diese unsägliche Anziehungskraft auf mich ausübt wie früher. Und es ihm anscheinend leicht fällt, unsere Vergangenheit zu ignorieren.
„Was hat er dir getan, damals, auf dem Mardi Gras, Schwester?", fragt Tanya plötzlich und mustert mich besorgt, aber mit einem gefährlichen Funken im Blick. Seitdem unsere Mutter tot ist, ist sie unsere Löwin. Sie würde jeden in den Hintern treten – und ist der auch noch so ansehnlich – der mich oder eine von uns verletzt hat. Sie braucht einen Grund um ihn zu verachten, einen triftigen Grund.
„Er trinkt Menschenblut!", quietsche ich vorwurfsvoll. Zumindest hat er es früher getan. Das seltsame Orange seiner Augen und seine Behauptungen und was ich gesehen habe, zeugen davon, dass er sich heutzutage auch von Tieren ernähren kann. „Er achtet Menschenleben nicht.", knurre ich.
Tanya seufzt. „Du weißt selbst, wie schwierig das manchmal ist. Erinnere dich an unsere ersten Jahrzehnte.", ermahnt sie mich. „Er versucht es wenigstens."
Aber warum konnte er es nicht schon 1924 versuchen!
Obwohl es wohl nichts geändert hätte. Schließe kurz die Augen, denke an all die Gefühle, die dieser unsägliche Nomade in mir losgetreten hat. Gefühle, die ich nicht einordnen konnte, nicht so plötzlich, Gefühle, die mich in ihrer Heftigkeit verschrecken. Nie in meinem ganzen Leben habe ich mich je wieder so ausgeliefert und dennoch so sicher, so stark gefühlt, wie mit diesem Mann.
Einem Fremden, dessen rotglühende Augen so viel mehr in sich trugen. Dessen Augen heute noch mehr Tiefe besitzen und sein Lächeln – dieser küssbare Mund! – noch immer so leicht und unbeschwert wirken.
Ich bin nicht nur gegangen, weil er von den Menschen trinkt. Alle anderen Vampirlover tun das auch. Ich bin gegangen, habe ihn schändlich beschimpft, weil es der einzige Ausweg war, den ich gesehen habe. Habe mich vor mir selbst gefürchtet, und vor dieser seltsamen Anziehung. Vor dem Sturm, den dieser Mann in mir ausgelöst hat. Fast 100Jahre danach, kann ich nicht darüber hinweg kommen.
Aber wohin sollte das führen? Unsere Leben berühren sich nur durch diese Zusammenkunft, was sonst haben wir gemein?!
Ich kann ihm deswegen kaum in die Augen sehen. Mein Verhalten war pubertär und mehr als respektlos. So kindisch. Dabei bin ich nicht die aufbrausende, kindische Schwester. Meist wird mir nachgesagt, ich sei sehr zurückgenommen, reserviert anderen gegenüber. Aber dieser Mann…. Argh! Er bringt das Schlechte in mir zum Vorschein.
Was soll ich darauf sagen? In den Augen der anderen ist sein Versuch, einen anderen Weg zu nehmen, lobenswert. Die normalen Vampire fragen sich, wofür er es tut. Siobhan lächelt ihn indes nur an und ermutigt ihn, seinen Weg fortzusetzen, selbst wenn sie selbst diesen Weg nicht wählen würde.
„Du verachtest Siobhan auch nicht, obwohl ihre Familie sich… sie sind keine Vegetarier."
Natürlich nicht. Aber Siobhan ist meine Freundin. Ich kann damit leben, dass sie ganz offenkundig den klassischen Weg leben.
„Er ist ein widerlicher Typ, der die Gefahr nicht ernst nimmt. Er hat vielleicht nichts zu verlieren, aber für seine Unvorsicht wird meine Familie die Zeche zahlen müssen.", fauche ich.
Tanya verzieht das Gesicht. „So ein Unsinn.", stößt sie hervor. „Garrett ist bereit, sein Leben für unsere Familie herzugeben, obwohl es ihm gleich sein könnte.", sie kommt neben mir zum Stehen. Um uns herum hoher Wald, der dieses grüne Fleckchen Erde so unwirklich erscheinen lässt. „Sag mir was passiert ist.", fordert sie. „Vier Tage und dann kannst du ihn plötzlich nicht mehr ausstehen? Das sieht nicht nach dir aus, Katrina." Ich kann es nicht leiden, wenn sie meinen alten Namen benutzt!
Funkele sie dunkel an. „Du bist eifersüchtig.", stößt sie überrascht hervor. „Dein Stolz ist dir jedoch im Weg wie es scheint."
„Eifersüchtig? Auf den kleinen Amerikaner? Ich bitte dich!"
„Nicht auf ihn! Auf die anderen Vampirfrauen. Weil du weißt was er in der Horizontalen drauf hat.", Tanya grinst verschlagen und wendet sich eilig ab.
„Was hast du vor!?", rufe ich ihr nach, als sie behände über den Bach springt.
„Ich werde den Kleinen mal fragen, wo er diese Sache gelernt hat! Du weißt schon, die von der du damals erzählt hast!", glucksend. Welche davon? Was? Nein!
„Bleib stehen, verdammt!", brülle ich ihr nach. „Tanya!"
Setze meiner Schwester nach, verliere ihre Spur in der Nähe des Anwesens jedoch, als mich Garretts Odur ablenkt. Verlangsame meine Schritte zuerst, ich kann seine warme Stimme hören. Das Timbre darin beschert mir eine Gänsehaut am ganzen Körper, es kribbelt verräterisch auf meiner Haut, an den Stellen, die er berührt hat.
Verflucht noch eins! Er macht doch überhaupt nichts! Er steht da und redet!
Zorn überschwemmt mich, als ich feststellen muss, dass er nicht alleine ist. Seine Rückansicht verheißt viel Gutes, er scheint sich wohl zu fühlen. Seine Gesprächspartnerin ist Leah. Die Gestaltwandlerin blickt in meine Richtung, allerdings kann ich nicht sagen, ob sie mich gesehen hat. Ich kann nicht glauben, dass er sich jetzt schon „Wölfe" klar macht! Er flirtet mit einer Spezies, die sich dem Schutz der Menschen vor unser eins geschworen hat!
Leah und Garrett sehen sich tief in die Augen, mir wird ganz schlecht! Stapfe wütend und lärmend auf sie zu und schnurstracks an ihnen vorbei ins Haus. Raune Garrett ein „Widerling" zu.
„Ich genieße deine Gegenwart ebenfalls!", ruft er mir nach. Ich kann nicht sagen, ob es Ironie ist.
Garrett
Leah Clearwater ist die einzige Frau der Rudel. Ich kann verstehen, warum Siobhan sich so gut mit ihr versteht. Sie sind beide störrisch, vertreten die eigene Meinung mit festem Stand. Sie sind kämpferische Weibsbilder. Leah Clearwater ist aber auch eine große Schwester. Sie hat sich vor mir aufgebaut, den Rücken gerade, die Schultern zurück, streckt sich zur vollen Größe. Sie ist eine schöne, wenn auch außergewöhnliche Frau, wenn man auf dunkle, Rehäugige Damen steht. Sie traut mir nicht. Ihr kleiner Bruder, Seth steht entspannt vor mir. Er würde mir den Gefallen tun, sich in einen Wolf zu verwandeln, weil ich das noch nie gesehen habe. Aber dann ist Leah aufgetaucht und verweigert uns diesen Spaß.
Tanya ist bereits an uns vorbei gekommen, hatte sich in meine Seite geworfen, zu mir empor gegrinst, und gemeint, wir beide müssten uns mal unterhalten. Sie habe da eine Wissenslücke. Ihr verschmitztes Grinsen deutet auf ein prekäres Thema hin. Was könnte ich schon wissen, was ein Sukkubus nicht weiß? Nicke, bevor sie Leah und Seth nur eines kurzen Blickes würdigt und im Haus verschwindet. Ich kann ihre klingelnde Stimme nach Siobhan und Carmen rufen hören.
Tanya aus Denali ist eine sehr hübsche Frau, sehr kurvig und schelmisch. Ich kann mir gut vorstellen, wie ihr die Männerwelt, ob menschlich oder unmenschlich, zu Füßen liegt. Doch ich bevorzuge noch zierlichere Blondinen. Kleine kratzbürstige Feuerwerkskörper.
Verziehe meinen Mund süffisant, während ich versuche, Leah davon zu überzeugen, dass ich ihrem Bruder keinen Schaden zufügen werde.
Ich kann den kleinen Firecracker spüren, sie ist ganz in der Nähe.
Es ist seltsam, dass ich ihre Anwesenheit auch über hunderte Meter wahrnehme, das kenne ich so nicht. Ich habe davon gehört, manchmal hat ein Vampir – meist zu seinem Mate – zu einem Anderen eine Art Verbindung, dass man sich gegenseitig früher gewahrt, als andere Vampire.
Sie hatte es auf meine Beute abgesehen, als wir gemeinsam jagen waren. Und natürlich hätte ich es mir noch anders überlegen und abdrehen können, aber sie war mir gefolgt. Sie hätte sich selbst andere Beute suchen können, doch sie hat sich dagegen entschieden.
Ich war eine Zeitlang wütend und verletzt. Sie hat sich fürchterlich benommen, damals wie heute. Doch Tanya bescheinigt mir ungefragt, dass ich ihre Schwester aus dem Konzept bringe. Meine Freundin Siobhan deutet es nur an, doch sie spricht von Anziehung und greifbarem Knistern.
Leah blickt alarmiert in die Richtung, aus der auch Tanya gekommen ist. Ob sie Kate schon sehen kann, kann ich nicht sagen.
Doch die kleine, elfengleiche Vampirdame macht ihrem Ruf keine Ehre, als sie polternd auf uns zukommt. Wende mich in ihre Richtung um, als sie mich beinahe anrempelt und ungehalten „Widerling" knurrt.
Ist es meine Schuld, dass wir uns über 80 Jahre nicht gesehen haben? Nein. Und doch steht das Weibsbild hier, und scheint mir die Schuld an etwas zu geben, dass ich nicht getan habe. Versteh einer die Frauen. Ich für meinen Teil, konnte das noch nie besonders gut. Nicht wenn sie so verworren und verstrickt sind, wie die schöne, wilde Katrina.
Ich mag ihren Namen, er rollt einem locker von der Zunge. Liebliche Katrina. Zänkische kleine Katie.
„Ich genieße deine Gegenwart ebenfalls!", rufe ich ihr nach, kann es mir nicht verkneifen, ihren Seifenopern-reifen Auftritt zu würdigen. Sie hat Leah bemerkt, aber mich beschleicht das Gefühl, dass sie Seth übersehen hat.
„Was macht ihr nur falsch? Sieht so aus, als wären die Blutsaugerkönige nicht das einzige Problem.", tönt es plötzlich von dem Indianerjungen an der Tür. Nicht Seth, sein Name ist Jake. Der Alpha eines der Rudel, und auf eine sehr verworrene Art in das Leben von Isabella, Edward und der kleinen Renesmee verwunden.
Würde am liebsten auf den Boden spucken! Könige! Dass ich nicht lache!
„Komm mit.", sagt Jake beiläufig.
„Jacob!", zischt Leah warnend, doch der Junge wedelt nur mit der Hand, tut ihren Einwand ab.
Allein mit dem Wolf in den Wald? Warum muss ich wieder an Rotkäppchen denken?! „Was hast du vor?"
Jacob ist einige Schritte vorgegangen und dreht sich ungeduldig zu uns um. Renesmee kommt aus dem Haus geschossen und hüpft an seine Seite. „Ich werde ihm einen Gefallen tun.", brummt Jake. Renesmee sieht zu einem der Fenster hinauf und strahlt über das ganze Gesicht. Wende meinen Blick hinauf, erkenne Edwards Gestalt an der Glasfront. „Du willst doch sehen, wie wir uns verwandeln.", fasst Jake zusammen. Renesmee ergreift seine Hand und lächelt breit. „Bevor ich zulasse, dass Seth – oder sonst wer aus meinem Rudel – sich in deiner Nähe in Gefahr bringt, werde ich es dir zeigen. Dann haben wir es hinter uns.", Leah setzt zum Protest an, doch mit einem einzigen Blick gibt sie Ruhe.
Mache ein paar lange Schritte, bis ich mit dem Alpha auf gleicher Höhe bin. Ich will ihm nicht das Gefühl geben, ich wäre auf der Jagd oder ähnliches. Ich würde sein Rudel nicht angreifen, aber egal was ich sagte, es würde nichts an seiner Überzeugung ändern.
„Edward?", nur halb eine Frage. Ich bin mir sicher, dass Carlisles Gedankenlesender Sohn seine Finger im Spiel hat. Renesmee blickt zu mir hinauf und nickt, während Jake nur ein Geräusch der Zustimmung von sich gibt. Nach einem Moment der Stille, sage ich „Danke". Überrascht blickt der Indianerjunge mich an. Was hat er erwartet? Dass Vampire die gängigen Höflichkeitsformen nicht kennen?
Ich verstehe noch nicht, woran das Rudel ihr Vertrauen knüpft. Leah scheint mir nicht zu trauen, aber ich habe sie schon mit Siobhan gesehen. „Das ist etwas, was ich noch nie gesehen habe.", gebe ich zu. Meine Neugierde packt mich, ich will verstehen, wie sie denken, wie sie funktionieren, wenn sie plötzlich nicht mehr sie selbst sind.
„Wie fühlt sich eure Verwandlung an? Carlisle sagt, ihr seid… emotionaler, als früher? Was ist es für ein Gefühl, ein Wolf zu sein? Wie ist es, im eigenen Kopf nicht allein zu sein?", Edward hat mir erklärt, dass sie in Wolfsform im Wolf- Wir denken. Das was der eine denkt, hören alle anderen. Man hat keine eigenen Gedanken mehr. Carlisle sagt, dass sie sich ebenso alle einem Alpha unterwerfen. Wie mir dieses Wort – Unterwerfung – zu wider ist. Ob sie glücklich damit sind? Aber das wage ich nicht zu fragen, immerhin ist das erhöhte Vampiraufkommen der Grund für die vielen neuen Wölfe. Damit tragen wir an ihrem Sein eine Mitschuld. Sie sind nicht freiwillig, wie sie sind. Zumindest die meisten nicht. Aber sie haben anscheinend Frieden mit ihrer Aufgabe geschlossen. Und mit den Cullens.
Kate
Es ist ein Moment der Erschöpfung. So fühlt es sich zumindest an. Selbst das Haus scheint zu seufzen.
Furcht ist nicht die schiere Gewalt eines grausigen Ereignisses, sondern die ständige Erwartung dessen, hat jemand mal gesagt.
Der erste Schnee ist liegen geblieben. Noch sieht es nicht wie in Alice' Vision aus, sagt Edward. Der 22. Dezember beginnt mit einem kalten Morgen, der Himmel in Teilen Nebelverhangen.
Niemand trainiert mehr. Vielleicht liegt es an der nahenden Weihnacht, vielleicht daran, dass wir nicht wissen, nicht vorausahnen können, wie wir aus der Konfrontation herausgehen, doch alle suchen die Nähe, entweder zu ihren Mates, ihren Zirkelmitgliedern oder zu alten Freunden.
Nur Alistair hockt allein auf dem Dach. Und ich allein auf den Verandastufen und starre in den sich lichtenden Nebel, in den Wald hinein. Richte meinen Blick einen Moment zum Dachfirst hinauf. Der Tracker Alistair blickt zu mir herab. Wie ein Wetterfrosch steht er auf dem Giebel. Ich frage mich, ob er Ausschau nach den Volturi hält. Oder doch überlegt uns zu verlassen. Gestern gab es eine Auseinandersetzung zwischen Amun und Carlisle. Obwohl Amun nur dummes Zeug geredet hat.
Wir haben uns fast alle dazu bekannt, mit unserem Freund zu kämpfen, sollte dieser Fall eintreten.
Garrett strahlte die Energie eines Rebellen aus, als er seine Zustimmung gab, davon sprach, dass Aro nicht der erste König sei, an dessen Sturz er beteiligt wäre. Peter – der zwar ein Soldat gewesen ist, aber nie in einem menschlichen Krieg gekämpft hat – nickt zwar, doch es war keine direkte Reaktion auf Garretts Worte zu erkennen. Liam indes – der selbst in einer Jahre währenden Rebellion gekämpft hatte – veränderte sich. Ich weiß nicht, ob sie zuvor darüber über eingekommen waren, oder ob die beiden Freiheitskämpfer einfach grundlegende Gemeinsamkeiten haben. Es war derselbe widerwillige Ausdruck in den Augen, dieselbe kämpferische Ausstrahlung. Es heißt, Siobhan bekommt immer ihren Willen, doch ich glaube, hätte sie sich gegen einen Kampf an Carlisles Seite entschieden, wäre es vielleicht das erste Mal in ihrem Leben gewesen, dass Liam ihr nicht ihren Willen lässt und ohne sie hier bleibt. Siobhans Gesicht ließ mich vermuten, dass sie sich dessen sehr bewusst ist, und auch wenn sie Krieg verabscheut, ebenso wie Ungerechtigkeit, doch einem offenen Kampf zustimmen musste.
Der Morgen hat die Nacht ganz zurückgedrängt, doch der klamme Nebel hängt noch immer in den Ästen fest. Es ist unser erstes Weihnachten seit Jahrhunderten ohne Irina. Meine kleine Schwester, deren Herz so sehr wegen einem einzigen Mann weinte, der ihrer Liebe überhaupt nicht würdig war. Laurent wurde von unserem Zirkel angezogen und den seltsamen Machtverhältnissen, die er schon bei den Cullens nicht verstanden hat. Irina hatte in ihm ihren Mate gefunden. Ihren signifikanten Anderen. Ob er das jemals genauso gesehen hat, wage ich in Frage zu stellen.
Das ist also das Ergebnis, wenn man sein Herz an einen ungehobelten Vampir verschenkt, der ohne Oberteil aussieht, wie ein junger Gott, nur verwegener.
Laurent war ein Charmeur, ein Geschichtenerzähler, der nicht nur Boris sondern auch Vladimir und Stephan kannte. Der die Volturi aufgesucht hatte und abgelehnt wurde.
In der Ferne, irgendwo hinter dem weißen Nichts kann ich Tia und Maggie lachen hören, Benjamin stimmt in ihren SingSang mit ein.
Im weißen Gewölk kann ich zwei Schemen ausmachen. Ich vermute es sind Siobhan und Liam, die mit den drei Jüngeren von der Jagd zurückkommen.
Siobhan lehnt an ihrem Trodaí, wie sie Liam nennt, wenn sie von ihm spricht, er hat vermutlich einen Arm um sie gelegt. Ein Wanderer hielte sie möglicherweise für ein gewöhnliches Paar.
Desto näher sie kommen, je deutlich wird meine Vermutung.
Als ich sie erkennen kann, kann ich beobachten, wie sie sich ansehen. Siobhan, die mit ihren 1,80m alles andere als zierlich ist, blickt zu ihrem Hünen hinauf. Sie teilen einen Blick, in dem so viele Worte enthalten sind. Eine einzelne Geste, die sich so intim anfühlt, dass ich meinen neugierigen Blick abwende.
Sie sind seit so vielen Jahren ein Paar. Keiner von beiden gibt gern nach, behauptet Siobhan. Zwei Dickköpfe, die meines Erachtens ständig aneinander geraten müssten. Doch meine neugewonnene Freundin schmunzelt auf diese Feststellung nur und vertröstet mich, dass es immer auf das richtige Maß ankommen würde. Uneinigkeiten tragen sie eben hinter verschlossenen Türen und nicht in aller Öffentlichkeit aus. Ich kann es mir bildlich vorstellen, wahrscheinlich ist Siobhan die Einzige, die während eines Streitgesprächs redet. Ich kann es mir nicht anders bei ihrem schweigsamen Mann vorstellen.
Ich sehe sie an und bin ein klitzekleines bisschen neidisch auf meine Freundin. Es liegt nicht an ihrer Ehe per se, Eleazar und Carmen oder Esme und Carlisle kenne ich schon so viele Jahre und sie sind ebenfalls verheiratet. Doch Siobhan hält es mit einem Mann aus, einem Krieger, einer raueren Persönlichkeit. Ich selbst bevorzuge Männer dieser Art, doch habe bisher nicht daran geglaubt, dass solche Mannsbilder zu richtigen Beziehungen fähig sind. Nicht zu gleichberechtigten. Tz, ich habe ja nicht mal daran gedacht, dass ich mich je fragen würde, ob es einen passenden Deckel für mich geben würde. Doch sie sind so… Argh!
„Du bist früh auf den Beinen.", witzelt Siobhan. Es ist eine Art Running Gag unter den „normalen" Vampiren. Sie tun so, als würden wir Vegetarier unsere menschliche Farce so weit treiben, dass wir sogar Schlaf vortäuschen würden.
Verziehe meinen Mund zu so etwas wie einem Lächeln. Eleazar, Carlisle und Garrett sind auf der Jagd. Meine Schwestern sind mit Esme zu Gange. Meine Cousine hat vorgeschlagen, dass wir eine „Zwischen den Jahren Feier" machen könnten. Eine Zusammenkunft, die unsere Letzte sein könnte. Weit draußen, in der Nähe der Lichtung, auf der Edward und Carlisle unser Zusammentreffen mit den Volturi planen.
Ich glaube Esme fehlt es, dass sie dieses Jahr nicht einmal einen Weihnachtsbaum haben. Je näher unsere Konfrontation rückt, desto bedrückender ist der Verlust von Alice und Jasper. Sie fehlen. Ich hätte niemals gedacht, dass ich das plappernde dunkelhaarige Mädchen vermissen könnte, doch die Stille in unserer Familie scheint gespenstisch, sind wir doch alle an ihre fröhlichen Worte gewöhnt. An ihre Sorglosigkeit. Auch habe ich nie gemerkt, wie stark Jasper negative Gefühle in Gang hält.
Siobhan löst sich von ihrem Ehemann und nimmt neben mir auf den Stufen Platz. Hinter uns tritt Randall hinaus. Er ist ein süßer Kerl. Wir haben einige sehr… ereignisreiche Wochen miteinander verbracht. Unter anderen Umständen wäre ich einer Wiederbelebung dessen nicht abgeneigt, auch wenn Randall noch nichts dergleichen angedeutet hat, aber hallo, ich bin ein Sukkubus! Hätte die Warme Nähe und das Vergnügen eines Mannes willkommen geheißen, doch in Garretts Gegenwart…
Randall tut mir leid, dass ich ihn nicht mal ansehe, sondern die Stufen zwischen mir und Siobhan.
Ich verstehe den Witz nicht, den er macht, doch Liam brummt ein zustimmendes „Eh.", bevor sie gemeinsam durchs Haus gehen. Es ist die Art Witz, wie Emmett ihn schon gemacht hat, der plötzlich betont, dass er aus einer schottisch- irischen Familie kommt. Als ob ihm das irgendwelche Pluspunkte einbrächte.
„Stimmt es? Kannst du Situationen nach deinem Willen beeinflussen?", Maggie und Carlisle hatten darüber gesprochen. Als ich Eleazar danach fragte, murmelte er nur, dass es ein gut verborgenes Talent sei, dass das irische Zirkeloberhaupt ihre Gabe vor der Welt verstecke. Es ihm schwerfalle, ein messbares Ausmaß festzustellen.
Siobhan rollt ganz undamenhaft mit den Augen. „Glaub nicht alles, was sie dir erzählen."
„Aber du wirst es trotzdem versuchen?", immerhin hat sie es Carlisle versprochen.
Ungläubig schüttelt Siobhan den Kopf. „Natürlich. Einer meiner ältesten Freunde bittet mich um diesen einen Gefallen."
„Also kann es ja nicht zu einem Kampf kommen, nicht wahr?", lache ich.
Wir sehen auf, als Carlisle, Edward, Eleazar und Garrett den Weg hinauf kommen. Sie sind früh zurück. Ich habe nicht mitbekommen, wann Edward seinem Vater gefolgt ist.
Doktor Cullen eilt direkt ins Haus, dicht gefolgt von Edward.
Eleazar und Garrett bleiben einen Moment am Treppenabsatz stehen.
„Was ist passiert, Bruder?", erkundige ich mich besorgt. Carlisles sah beunruhigt aus.
„Edward sagt, dass Alistair uns verlassen wird. Er wartet nur auf Carlisles Rückkehr.", erklärt Eleazar.
„Meinst du denn, Carlisles Worte würden etwas ändern?", hake ich nach.
„Nein.", bestimmt. „Doch Alistair möchte sich von seinem Freund verabschieden."
„Tzt.", Siobhan. Wir sehen sie an. „Es ist doch immer dasselbe mit den englischen Aristokraten.", seufzt sie.
„Aber Prinz Harry ist wenigstens ein Schnuckelchen.", ergänze ich, sollte doch bei meiner neuen Freundin mit einer Vorliebe für Rothaarige Männer ins Schwarze treffen.
Garrett schnalzt verächtlich mit der Zunge. „Ist der nicht ein wenig jung für dich?"
Will etwas erwidern, doch ich wüsste nicht was.
