Es war ein einziges Beten und Bangen, als die Unsäglichen sich allesamt verabschiedeten, um nach Harry zu suchen. Remus schien auf und ab zu wandern. Thomas hatte ihnen gesagt, sie würden wohl einige Zeit brauchen, doch das half Ron nicht wirklich weiter. Jason wies sie an, die Übungen fortzuführen, doch so wirklich Konzentrieren konnte sich Ron nicht.
Sie saßen in der kleinen Sitzecke im Konferenzraum. Hermine las ein Buch. Ron fiel aber auf, dass sie seit geraumer Zeit nicht umblätterte. Wahrscheinlich konnte sie sich auch nicht konzentrieren. Remus schritt noch immer hin und her. Molly und Arthur saßen an dem Tisch, beide ebenfalls voller Sorge.
Moody grummelte, als er durch die Eingangshalle in den Saal kam, „Lupin, beruhige dich! Es wird schon alles glatt gehen."
Remus knurrte darauf und ließ sich in einen Stuhl fallen. Die Situation griff seine Nerven an. Nicht nur um Harry machte er sich Sorgen. Auch Tonks und einige andere Auroren, mit denen er befreundet war, wurden zu diesem Einsatz gerufen.
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Missionseinweisungen war Tonks ja gewöhnt, aber das überschritt ihre Vorstellung. Dieser Unsägliche Thomas stand oben, vor ihm schwebte eine magische Projektion. Die kannte Tonks schon, wusste sie doch, wie sie sie interpretieren sollte, aber seine Anweisungen waren vollkommen Ungewohnt.
Sie sah neben sich. Sie standen in Gruppen. Ihre eigene Gruppe bestand aus zehn Mitgliedern. Sie stand hinter Kingsley. Sie Gruppe wurde angeführt von dem Unsäglichen Jason, welcher anstatt seiner sonst so ruhigen Art nun völlig ernst war. Er stand irgendwie verkrampft da.
Tonks wusste bei bestem Willen nicht, was sie hiervon halten sollte. Kingsley hatte sie schon gewarnt, dass es Krieg geben würde, doch das hier war ihre erste Mission, bei der sie wirklich etwas angreifen musste.
Noch schlimmer war die Aussicht auf den Einsatz selbst. Die Auroren haben alle einen Kurs durchmachen müssen. Tonks schauderte jetzt noch, wenn sie daran dachte. Ein Kurs, bei dem es darum ging, den Feind auszuschalten. Endgültig.
Thomas wandte sich ihrer Gruppe zu. „Jason! Nachhut. Abwehren von Feinden in Umgebung. Durchqueren und Sichern von Route A. Mitnahme von Geiseln, lebend."
Jason nickte. Tonks kannte die Route etwa auswendig, doch sie musste sich viel mehr darauf vorbereiten, was sie bald tun müsste. Man hatte ihr beigebracht, wie sie mit starken Schockzaubern den Gegner tötet. Als sie an den Puppen üben musste, zitterte ihre Hand so sehr, dass Kingsley sie erst mal zur Seite nahm. Sie bemerkte, dass ihre Gedanken sich zu sehr darauf fokussierten, und versuchte sich zusammenzureißen.
Der Portschlüssel führte ins Nichts – Sprichwörtlich natürlich. Sie kamen in einem dichten Wald an. Einhundert Meter vom – wie nannte Thomas das? Ach ja – Einfallpunkt entfernt. Jason blickte die Gruppe ruhig an und machte mit der Hand Kreise in der Luft. Kingsley flüsterte ihr zu, „Ausschwärmen und Gegend absuchen."
Sie hielt sich da viel lieber an Kingsley. Sie wusste gar nichts. Nach der Ausbildung fühlte sie sich toll, aber nun wusste sie dass sie nichts wusste.
Sie reagierte offenbar zu langsam. Kingsley stieß sie in Deckung, nachdem Jason „Kontakt!" brüllte. Tonks wand den Kopf um, um zu sehen, von wo der Feind kam. Es waren vier vermummte Gestalten, welche hinter den Bäumen in Deckung gingen. Viel mehr sehen konnte sie nicht.
„Du musst zielen, feuern, halten! Nicht übereifrig gucken, ob du den Feind getroffen hast!"
So richtete sie ihren Zauberstab aus. Sie zitterte noch immer. Der Feind war auf einem kleinen Vorsprung. Sie war hinter einem Baumstamm in Deckung. Doch viel zielen konnte Tonks nicht, da sie schon mehreren schwarzen Strahlen ausweichen musste. Fuck!
Dieser Jason feuerte mit ähnlicher Rate gegen den Feind. Tonks richtete kurz ihren Stab aus und feuerte den Schockzauber. Sie sah, wie der Feind getroffen wurde und freute sich sogar darüber. Doch die Freude wurde harsch unterbrochen. „TONKS!" brüllte Kingsley und stieß sie gegen den Boden. Geschockt sah sie zu, wie der Baum explodierte. Nicht nur eine kleine Explosion, nein, der Baum wurde regelrecht zerfetzt.
In ihrer Starre vergaß sie, dass hier noch Feinde waren. In ihrer Unaufmerksamkeit wurde sie im Arm getroffen und zurückgeschleudert. Nur dumpf merkte sie, wie sie gegen einen Baum knallte.
Kingsley feuerte dann einen Fluch, bei dem Tonks nie glaubte, dass er je über seine Lippen kommen würde. „Sectumsempra!"
Der dunkle Zauber streckte einen Feind nieder. Im Augenwinkel bemerkte sie, dass die Gegner tot waren, und es keine Bedrohung gab. Kingsley half ihr, sich aufzurichten. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie zusammengesackt war.
Als sie stand, schritt Jason auf sie zu. Es brannte noch schlimmer, als er seinen Zauberstab über die Wunde bewegte, sodass sie scharf Luft einzog. „Besser. Sie ist wieder Einsatzbereit." kommentierte er, als er die Wunde geheilt hatte. Tonks war etwas schwindelig, doch sie folgte der Truppe weiter.
Der Wald wurde zunehmend dunkler. Sie gingen auf eine kleine Lichtung zu. Tonks sah, wie sie Sonne durch die Bäume drang und die Gegend erhellte. Erst jetzt erblickte sie den Horizont und bemerkte, dass der Wald nicht zu enden schien. Doch die Lichtung wirkte… unnatürlich, als wäre hier etwas versteckt.
Jason, aber auch Thomas und die anderen Unsäglichen schienen sich zu konzentrieren. Tonks verstand nicht, was das sollte. Doch wenig später wurden Anweisungen durchgegeben.
Thomas wies die Gruppen an, zu apparieren. Er gab ihnen Entfernungen durch, mit denen Tonks nicht viel anfangen konnte, doch Kingsley nahm sie am Arm und apparierte.
Der Raum war kalt, extrem kalt. Außerdem war es hier unnatürlich dunkel. Tonks bemerkte, wie die anderen Gruppen ebenfalls hier ankamen. Doch bevor sie es bemerkte, wurden sie schon beschossen.
Eine Salve schwarzer Flüche wurde auf sie zu gefeuert. Tonks beschwor ein Schild, aber… Der Fluch prasselte durch, als wäre das Schild gar nicht da! Ihr Schild stand doch noch, trotzdem musste sie den Flüchen ausweichen und Deckung hinter einer Mauer suchen, welche sich neben dem großen Eingang in diesen Raum befand.
Der Gang war zumindest ein wenig erleuchtet. Gestalten schienen sich mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie zuzubewegen. Tonks sah gar keine Schritte, es war als würden diese Dinger schweben. Schwarze Flüche wurden auf sie gefeuert.
Tonks begann, selbst zu feuern und schaffte es, einige Gegner zu treffe. Doch als sie den Kopf wandte, sah sie etwas Abscheuliches. Dieser Thomas feuerte fette schwarze Strahlen. Doch es waren nicht einfach nur Flüche… Diese Strahlen hatten derart viel Energie, dass Tonks fast weggeschleudert wurde!
Doch das war nicht das Schlimmste. Die Gegner, die von seinen Flüchen getroffen wurden, wurden wie Puppen weggeschleudert. Sie zerbarsten in schwarze Wolken. Tonks wusste nicht, was hier vorging.
Doch sie durfte sich nicht ablenken lassen. Zu frisch war noch die Verletzung an ihrem Arm. Sie war zwar verheilt, doch einen weiteren Treffer wollte sie nicht kassieren. Wie aufs Stichwort musste sie sich wieder ducken, um drei Flüchen in ihre Richtung zu entgehen.
Kingsley hatte selbst zu kämpfen. Er hatte Probleme, die Schilde der Gegner zu durchdringen. Doch dann hatte er offenbar eine Lösung. Er sendete einen Explosionsfluch in Richtung des Bodens. Dieser explodierte und kleine Brocken schossen auf die Gegner zu. Außerdem bot der Rauch eine perfekte Tarnung.
Jason schien dies zu erwarten. Er hastete nach vorn, direkt auf die Gegner zu. Zur Hölle nochmal, was macht dieser Idiot?
Dieser Kerl schnellte zwischen die Todesser – soweit das überhaupt welche waren – und streckte sie mit Todesflüchen nieder.
Sie rückten weiter vor. Ihre Gruppe bildete die Nachhut. Tonks hörte die Geräusche des Kampfes in der Ferne. Die Gänge schienen sich zu vervielfältigen. Verwirrt und dennoch zielstrebig folgte Tonks Jason, welcher mit großen Schritten auf eine Gruppe von Türen zuging. Diese Räume bargen noch mehr abscheuliche Dinge.
Hier klebte Blut und weiß-der-Teufel-was an den Wänden. Tonks unterdrückte einen Würgereflex. Jason runzelte die Stirn. Was hatte er erwartet?
Der Raum war leer, bis auf ein paar ungenutzte Zellen. Tonks blickte sich verwirrt um. Sollten Harry und Ginny hier sein? Wenn ja, dann… Nein, diesen Gedanken wollte sie nicht fortführen.
Doch als sie den nächsten Raum erreichten, blieb Tonks das Herz stehen. Hier lagen sie. Harry, in die Ecke gekauert. Sein Blick war starr und er reagierte nicht. Er starrte auf eine weitere Figur, welche am Boden lag.
Scheiße, Scheiße, SCHEISSE!
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Die Stimmung war noch immer angespannt. Als das Gesicht von Kingsley im Kamin erschien, schienen sie sich alle einigermaßen zu beruhigen. Doch das bleiche Gesicht von Remus, als Kingsley ihm sagte, er solle schnell ins St. Mungos kommen, beunruhigte die Anwesenden stärker als vorher.
Als Remus in den Flammen verschwand, starrte Ron ihm besorgt nach. Offenbar ist etwas Schreckliches passiert. Mal wieder.
Rons Gehirn schaltete sich komplett ab als der bleiche Remus wieder durch das Feuer schritt. „Es wäre wohl gut, wenn ihr alle ins St. Mungos kommt."
Die Stimme von Remus klang unsicher und vollkommen geschockt. Zitternd stand Ron auf. Er verlor fast die Hälfte des Flohpulvers, bevor er mit unsicherer Stimme „St. Mungos" rief und verschwand.
Die Ankunft war wieder sehr ungemütlich, doch das störte ihn wenig. Vor ihm war der Eingangsbereich. Dort stand Heiler, welche ebenfalls ziemlich bleich waren. Remus schien zu zittern.
„…Wir versuchten wirklich unser Bestes, aber es sah schon anfangs nicht gut aus." hörte Ron noch.
Das konnte nichts Gutes bedeutet. Seine Mutter, welche wieder von seinem Vater umarmt und gehalten wurde, fragte mit zitternder Stimme, „Was ist passiert?" Sie kamen gerade von der Rezeption und trugen Besucherausweise an der Brust.
Der Heiler schien Probleme damit zu haben, mit Angehörigen zu sprechen. Auf jeden Fall mochte Ron ihn nicht besonders. „Ich weiß, das Folgende zu hören wird schwer für sie. Ginevra Weasley erlag noch am Fundort ihren Verletzungen."
Was? Stopp! Was hat er gesagt? Das ist doch wohl 'n beschissener Scherz!
Instinktiv reagierte Ron, die Ruhe wie weggeblasen. „WAS! HABEN SIE NOCH ALLE TASSEN IM SCHRANK, UNS SO EINE SCHEISSE ZU ERZÄHLEN?"
Das konnte doch nicht wahr sein. Das war doch ein Scherz. Ein ganz fieser und gemeiner Scherz! Seien kleine Schwester! Nein! Das war einfach nicht war!
„LASS MICH LOS!" brüllte er, als Remus ihn die Hand auf die Schulter legte. „Ron, bitte." sagte sein Bruder Bill, welchen Ron gar nicht bemerkt hatte.
„WO IST SIE?"
Der Heiler schien zu zögern. „Sie befindet sich im vierten Stock, Zimmer 24a."
Ron stürmte an ihm vorbei. Er rannte so schnell er konnte. Diesmal würde er nicht zu spät kommen. Das konnte doch nicht wahr sein. Seine Schwester war nicht tot. Sie war nicht tot.
Als er im vierten Stock einige Heiler beiseiteschob, öffnete er die Tür zu Zimmer 24a und sackte zusammen. Emilia stellte die Apparaturen ab, welche neben seiner Schwester waren. Ron blickte geschockt die Figur auf dem Bett an. Sie sah aus, als wäre sie noch am Leben. Als würde sie schlafen.
„Sagen sie mir, dass sie schläft." Seine Stimme versagte. Er brach ab.
„Es tut mir leid, Mister Weasley." versuchte die Frau ihn zu beruhigen.
Es brach eine Welt zusammen.
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Hermine war zutiefst bestürzt. Sie kannte Ginny nicht so gut wie Ron, sie war ja auch nicht ihre Schwester. Doch sie konnte trotzdem ihre Tränen nicht stoppen als sie diese regungslose Figur sah.
Noch schlimmer war es als Emilia ihr erklärte was passiert war. „Auror Tonks hat sie gefunden." begann sie, als die Beiden später im Wartezimmer saßen, „Ihr Körper war zerstört. Ich habe ihn rekonstruiert, damit die Weasleys ihre Tochter in Erinnerung haben, wie sie früher war."
Die Tränen liefen ohne Unterlass über ihr Gesicht. Das war es also. Der Krieg hatte begonnen. „Was ist mit ihr passiert?"
„Es ist besser, wenn du das nicht weißt. Glaub es mir.", flüsterte Emilia mit einer Stimme, die schon beinahe gebrochen Klang.
Hermine konnte nicht glauben, was sie da hörte. Nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen fing sie ohne Unterlass an zu weinen. Emilia nahm sie in den Arm, bis sie sich beruhigt hatte.
„Wie geht es Harry?" fragte sie mit erstickender Stimme.
„Ich weiß es nicht. Ich habe ihm den Heilern hier überlassen." Entgegnete sie.
„Wieso konntest du ihn nicht behandeln?"
„Ich bin keine normale Heilerin. Ich bin Einsatzheilerin. Meine Spezialität ist es, die Wirkung von Flüchen und physische Wunden einzudämmen oder zu beseitigen."
Hermine nickte verstehend. Ein Heiler kam in ihre Richtung. Emilia stand auf und fing den Heiler ab, welcher dabei war, an ihnen vorbeizugehen. „Wie ist Harry Potters Status?"
Der Heiler warf einen Blick in seine Akte. „Ah, Patient Nummer 74. Sein physischer Zustand ist stabil, aber um seinen Geist mache ich mir Sorgen. Er ist dem Longbottom-Syndrom nahe. Wir wissen nicht, ob er aus seiner Trance erwacht."
Hermine sah, wie sich Emilias Blick veränderte. Sie blickte den Heiler kalt an, worauf dieser zurückwich. „Zeigt der Patient Anzeichen von Dehydration?"
Der Heiler fing an, nervös zu werden. „Ja, tut er. Wir versorgen ihn Intravenös."
„EKG?"
„Komatös."
„Magische Signatur?"
„Habe ich nicht geprüft."
Emilia ließ ein knurren verlauten. „Hauen sie ab."
Als der Heiler flüchtete, ging Emilia in Richtung der Aufzüge und ignorierte die verwirrten Blicke der übrigen Angestellten. Hermine wusste nichtmal selbst warum, doch bevor sie nachdenken konnte war sie schon Emilia hinterher.
Hermine musste beinahe rennen, um mit den schnellen Schritten von Emilia mitzuhalten. Emilia steuerte sie in Richtung der Fahrstühle. Als sich die Türen schlossen, hackte Hermine nach. „Was ist los?"
Emilia gab eine sehr knappe Antwort. „Geheim."
Hermine war zunehmend verwirrt, doch Emilias Ton ließ sie verstummen. Sie hasteten in Richtung eines der Zimmer. Im Vorbeigehen blieb Hermine fast das Herz stehen. Dort lagen Frank und Alice Longbottom, die Eltern von Neville. Doch diese waren nun nicht das Thema.
Als sie Harry erreichten, starrte er sie unter leeren Augen an. Hermine wusste nicht, ob er sie bewusst wahrnahm, doch schien er ihren Bewegungen zu folgen. Emilia schien ihre Blicke zu bemerken. „Das ist ein Reflex. Bei Mister Potters Vergangenheit wundert mich das ehrlich gesagt wenig."
Hermine sah zu, wie Emilia einige Bewegungen mit ihrem Zauberstab machte. Anschließend schien sie immer wütender zu werden, „Diese inkompetenten, minderbemittelten, …"
Hermine war unterdessen einfach nur verwirrt. Diese ganze Situation überforderte sie. Als Emilia dann herausstürmte, konnte Hermine nicht mehr. Sie bemerkte nur, dass die Unsägliche wenig später mit jemand anderes wiederkam, bevor die Schwärze sie umgab.
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Er saß noch immer auf dem Boden. Doch das war Ron egal. Es war Wirklichkeit geworden. Seine kleine Schwester war tot. Doch der ursprünglichen Schock wich schnell tiefer Verzweiflung. Doch vor versammelter Mannschaft wollte er nicht zu weinen anfangen. Er musste doch stark sein, erwachsen, und nicht jemand, der sich in die Ecke verkriecht und weint!
So stand Ron auf, er konnte nicht länger in diesem Raum sein. So ging er auf den Gang, nur, um von den zwei Unsäglichen Thomas und Emilia begrüßt zu werden, welche gerade eine dritte Figur den Gang entlang trugen. Wie ein Schlag traf Ron die Erkenntnis. Harry!
Was zur Hölle wurde hier gespielt? Die beiden wurden von einem Heiler aufgehalten. „Sie können doch nicht einfach einen Patienten entwenden!"
Ron hatte den Blick nicht gesehen, den Thomas dem Heiler zuwarf, doch es war offenbar genug, um ihn zur Flucht zu bewegen. Ron sah den beiden verwirrt nach, wie sie in Richtung des Flohnetzwerkes schritten.
Ron beschloss, den Beiden hinterher zu laufen, so folgte er ihnen auf den Fuß. Als er aufschloss, hatte sich seine Verwirrung enorm gesteigert, „Was ist mit Harry los? Wo bringt ihr ihn hin?"
Thomas blickte ihn noch nicht einmal an, sondern hastete nur weiter als seine kalte Stimme Ron Schauer über den Rücken laufen ließ, „Tut mir leid, wenn ich jetzt kein Schwätzchen halten will."
So richtig beruhigend war das nicht. Ron blieb stehen, teilweise aus Schock, teilweise aus Verzweiflung. Er fühlte sich auf einmal unglaublich schwach, was ihn unglaublich wütend machte. Ohne nachzudenken schlug er mit der Faust gegen die Wand. Es tat weh, doch das störte ihn wenig. Er wollte diese ganze Scheiße aus seinem Kopf verbannen. Als wäre hier nichts passiert.
Ron stolperte wieder in den Kamin. Im Hauptquartier erwartete ihn ein vollkommen leeres Haus. Er musste sich irgendwie abreagieren. Er stolperte fast die Stufen herunter. Der Gang war ebenso menschenleer wir der Rest des Hauses.
Ron suchte nach irgendeinem Raum, wo er sich abreagieren konnte. Hinter einer der Türen hörte er dumpfe Knalle. Als er die Tür öffnete, sah er einen großen Raum, der wahrscheinlich zum Trainieren galt.
Dort stand Jason vor einer Gruppe von Dummys. Ron sah ihm zu, als er die Dummys einem nach dem anderen zerfetzte. Ein Feuerwerk aus bunten Energiestrahlen verließ unaufhörlich seinen Zauberstab. Ron starrte einen der Dummys an, als dieser in der Mitte zerrissen wurde. Es schauderte ihm.
Jason hörte auf, zu feuern und atmete schwer. Als er sich umdrehte, erblickte er Ron und sofort trug er wieder die ruhige Maske, welche er schon die ganze Zeit aufhatte.
„Ah, der junge Mister Weasley. Wollen sie mir Gesellschaft leisten oder was?"
Ron hob irritiert die Augenbrauen. „Also wirklich. Sie siezen mich und ich kenne noch nicht einmal ihren Nachnamen. Außerdem sind sie wie alt? Dreiundzwanzig?"
Jason grinste ihn an. „Wenn du willst, Ron. Mein Nachname ist Green. Wie die Farbe. Aber zum Thema, was machst du hier?"
Ron war noch immer geschockt, die Dummys am Boden verschwanden, doch der Schrecken blieb. „Bis vor kurzem war ich noch wütend." Gestand er.
Jason blickte ihn an. „Hast du die Übungen gemacht?"
„Ein bisschen schwer, wenn hier alles den Bach runterläuft." Gab Ron zynisch zurück.
Jason grinste ein wenig. „Dann werden wir das jetzt nachholen. Setz dich." Sagte er und schwenkte den Zauberstab. Zwei Matten erschienen auf dem Fußboden.
Ron schaute unsicher auf, „Die Methode von grad eben ist auch nicht schlecht", versuchte er einen Scherz.
Jason wirkte darüber weniger amüsiert als erhofft. „Wenn du mal so viele Probleme hast wie ich, dann, aber auch nur dann kannst du machen, was du gerade gesehen hast. Sich derartig abzureagieren mag in den schwierigsten Situationen nützen, aber es ist nicht die idealste Art, das Geschehene zu verarbeiten. Zugegeben, die Übung, die wir im Begriff sind zu machen, ist auch Schrott zum Verarbeiten des Geschehenen, aber es ist ein Anfang. Vor allem, wenn man ruhig bleiben will."
Ron nickte. Das klang logisch, machte es für ihn jedoch nicht minder verwirrend. Sie saßen im Schneidersitz sich gegenüber. Ron belastete doch noch eine Sache, „Das wird eine Scheiße in der nächsten Zeit."
Jason nickte bedächtig, die Augen noch immer geschlossen. „Kann ich verstehen. Es ist nicht gerade einfach, jemanden zu verlieren. Aber man kann da nichts machen. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit. Aus einem Grund: sie ist vergangen. Ha, welch ein Wortspiel" Letzteres fügte er noch sarkastisch hinzu.
Es dauerte eine Weile, bis Jason wieder sprach. „Ron, ich schätze dich als eine sehr impulsive Person ein. Dagegen musst du was tun. Ich kann dir gerne dabei helfen, aber ich kann keine Wunder vollbringen und dich in einen anderen Menschen verwandeln. Dafür musst du dich bewusst entscheiden. Ich hab' gesehen, dass du mit dem Versuch ringst, erwachsen zu werden. Das wird schwer, das sag' ich dir. Ich musste diese Lektion auf die unangenehme Weise lernen."
„Wie bist du Unsäglicher geworden? Was machst du überhaupt so?"
Jason grinste wieder. „Tut mir leid, aber das kann ich dir nicht sagen. Dafür musst du entweder Unsäglicher werden oder dem Orden beitreten. Letzteres ist wohl das Wahrscheinlichste. Die Unsäglichen werben keine Leute an, die noch in ihrer Schulzeit stecken. Ausbildung, vielleicht, aber dazu müsste Dumbledore nicht nur an ein paar Fäden, sondern gleich an einem Tau ziehen."
Ron nickte. „Ich hab es einfach satt, nur rumzusitzen und nichts tun zu können. Selbst Fred und George wurden letztens in den Orden aufgenommen, und die müssten eigentlich noch in der Schule sein, aber sie haben ja abgebrochen."
Jason legte den Kopf schief. „Du willst besser werden als deine Brüder, was? Glaub' mir, Konkurrenzdenken bringt dich nirgendwo hin."
Ron schien langsam seine Ruhe zu finden. Seine Gedanken klärten sich auf. Jason musterte ihn. „Das geht mit etwas Übung immer schneller. Die junge Miss Granger, ups, Hermine, scheint das ja besser hinzukriegen als du. Bei dir müssen wir noch dran arbeiten. Aber fürs erste bist du wieder klar. Ich denke, wir können auch mal kurz zur nächsten Lektion kommen. Deine Erinnerungen und Gedanken. Okklumentik ist ja keine reine Geistesdisziplin, sonst könnte das ja jeder Muggel. Okklumentik hat auch was mit Magie zu tun. Wir erweitern mit magischer Hilfe dein episodisches Gedächtnis."
Ron verstand nur Bahnhof. „Hä?" fragte er.
„Wow, na wenn das mal keine eloquente Antwort ist. Also, deine Erinnerungen sind in einem bestimmten Teil deines Gehirns gespeichert. Durch deinen ganzen Körper fliest etwas, was man arkane Ströme nennt. Sie leiten die Magie durch deinen Körper. Sie laufen auch durch dein Gehirn und damit durch deinen Geist. Wir machen uns das jetzt zunutze und bringen etwas Klarheit in deine Erinnerungen, das hilft, wenn man später Informationen abrufen muss und vor allem, um nicht auf einmal Flashbacks zu haben." erklärte Jason.
Für Ron klang das ziemlich fremd, doch ließ er sich darauf ein. Auf der anderen Seite war es auch irgendwie logisch. Jason nahm dann seinen Zauberstab aus dem Halfter. „Ich werde dich jetzt mit Legillimentik angreifen, mir aber nichts ansehen, ich will nur, dass du die Sachen siehst."
„Okay", gab Ron seine Bestätigung.
Dann rief Jason mit eiserner Stimme, „Legillimens!"
Vor Rons innerem Auge tauchten tausende Farben auf, jede Menge Schatten und Lichter. Außerdem schien er wie zufällig mehrere Bilder vor sich zu sehen. Die meisten davon schmerzten. Seine Schwester, wie sie lachte, wenige Zeit später aber tot im St. Mungos liegt. Im Hintergrund hörte Ron Jasons Stimme, „Konzentriere dich. Die Farben, Lichter und Schatten sind Erinnerungen. Konzentriere dich. Ordne sie. Wie das geht kann ich dir nicht sagen, es ist ja dein Kopf."
Na super. Es war Rons Kopf, aber die Beziehung zwischen Ron und seinem Kopf funktionierte am besten, wenn Distanz gewahrt wurde. Jason hörte seine Gedanken, natürlich, er war ja in Ron drin. „Distanz funktioniert nicht, Kleiner - Du bist mittendrin", lachte dieser.
Ron grummelte etwas, begab sich doch an die Arbeit. Das einzige Problem war, wie das funktionieren sollte. Jedes Mal, wenn er sich auf eine Farbe konzentrierte, flackerten Bilder auf, die er eigentlich nicht sehen wollte. Hermine, wie sie vor dem Troll versteckte; Er selbst, wie er Hermine beleidigt; Er wieder, wie er Harry beschimpft; Eifersucht; Hass auf sich und andere; Der nicht enden wollende Wunsch, besser als seine Brüder zu sein.
„Diesen Gefühlen musst du dich stellen, sonst nimmt das hier kein gutes Ende", meinte Jason, „Aber das Gute ist, du hast Zeit. Aber allzu lange aufschieben würde ich das hier nicht. Das wäre nicht gut."
Das war einleuchtend. Jason brach die Verbindung ab und blickte Ron mit einer merkwürdigen Miene an. „Wenn ich du wäre, würd' ich mit dem tollen Unsäglichen sprechen, der dir dabei helfen kann. Wie war sein Name? Ach ja – Jason!" meinte dieser und grinste, dass sein Gesicht beinahe entzwei gespalten wurde. Auch Ron musste nun lachen.
Doch kurz darauf wurde Jason wieder ernst. „Aber mal im ernst. Die Übung, die wir machen, verbannt sämtliche Spannungen nur in den Hintergrund. Doch es ist alles noch da, wenn du die Übung beendest. Du musst dich dem stellen. Der kleine Einblick in deinen Kopf zeigt, dass du etwas Ähnliches schon lange machst. Wenn du dich nicht damit auseinandersetzt, dass kannst du irgendwann nichts mehr verpacken. Du endest noch so wie Bellatrix Black. Meine Güte, die ist vielleicht gestört. Und dann auch noch mächtig. Beschissene Kombination, wenn du mich fragst."
Jason ließ Ron darauf allein. Das was Jason sagte, machte wirklich Sinn, so richtig auseinandergesetzt hatte er sich nicht wirklich mit irgendwas. Vor allem bei den Jahren, die sie hinter sich hatten.
Dieses Kapitel wurde am 04.04.'14 überarbeitet. Kann sein, dass ich was übersehen habe, immerhin hänge ich am neuen Kapitel, aber mich haben drei Sachen einfach tierisch gestört.
