Nach einem Einsatz wie diesem war Nick immer froh, zurück in sein Büro an der Uni zu kommen. Im Arc hatte er zwar auch eines, aber hier fand er es gemütlicher und er konnte sich unbeobachtet seinen Entdeckungen widmen. Als er sich in seinen Stuhl fallen lief und zurücklehnte, fühlte er sich seit Tagen mal wieder etwas wohler. Hier konnte er die Ruhe finden, die er jetzt dringend brauchte. Er ließ den Blick durch sein Büro streifen und schloss kurz die Augen. Ihm war, als würde sein Freund Stephen in der Ecke stehen, vor dem Bücherregal. So sehr machte ihm der Tod von Stephen zu schaffen, das er jetzt schon Gespenster sah.

"Oh man Stephen, wie konntest du nur. Warum nur musstest du mir das antun?"

Er erwartete nicht eine Antwort zu bekommen. Wie auch, seinen Freund hatte er vor wenigen Stunden beerdigt. Oder zumindest einen leeren Sarg, denn von ihm war nichts weiter als seine Jacke übrig geblieben. So sehr er auf ein Wunder gehofft hatte, so wurde er doch nur enttäuscht. Als Lesteŕs Männer wieder im Arc waren, hatten sie ihm nur seine Jacke gebracht. Ohne weitere Worte hatten sie sich dann von ihm abgewandt. Delta 1 war die Einheit, die immer mit ihnen zusammen den ersten Schritt machten bei einer neuen Anomalie. Aber auch wenn er einig der Männer schon etwas besser kannte, so waren sie ihm jetzt fremder denn je. Denn sie hatten nicht einen Funken Gefühl gezeigt.

Nick stützte seinen Kopf in seine Hände und rieb sich über das Gesicht. Noch immer sah er Stephen in der Ecke beim Bücherregal stehen. Nick lächelte in Richtung und schüttelte den Kopf.

Stephen schüttelte vorsichtig auch den Kopf. Er wollte seinen Freund nicht zu Tode erschrecken. Nick sah ihn jetzt direkt an. Stephen hielt dem Blick stand. Dann lächelte er leicht. Nick fuhr erschrocken vom Schreibtisch auf. Er machte sich langsam gerade und starrte ohne Unterbrechung Stephen an. Dieser breitete die Arme aus.

"Ja hier bin ich"

Nick ging fassungslos auf ihn zu. Sein Gesichtsausdruck war wie eingefroren. Stephen wusste nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte. Er setzte sein nettestes Lächeln auf und wartete auf eine Reaktion von Nick. Dieser war völlig verwirrt. Wie konnte das nur wahr sein? Wie konnte sein toter Freund jetzt hier vor ihm stehen? Doch auf einmal spürte er, das es total egal war. Sein Freund war hier, er lebte, er war nicht tot. Er lachte aus vollem Herzen und fiel Stephen um den Hals.

"Oh mein Gott Stephen. Das ist nicht zu glauben. Ich dachte schon, ich würde Geister sehen."

"Nein Nick, keine Angst, ich bin echt" erwiderte Stephen erfreut über Nicḱs Reaktion. Nick löste sich aus der Umarmung und blickte Stephen in die Augen. Wieder schüttelte er zweifelnd den Kopf.

"Aber wie? Wie? Stephen, ich habe gesehen, wie die Tiere auf dich losgegangen sind. Es, ... es war grauenvoll. Einfach schrecklich. Wie kannst du jetzt hier vor mir stehen?"

"Naja, so genau kann ich dir das eigentlich auch noch nicht sagen. Jedenfalls bin ich wohl nicht der Stephen, der hier sein sollte."

"Wie meinst du das, Stephen?

"Tja, das ist schwer zu beschreiben. Also ich bin auch hier gewesen, als ich gestorben bin. Ich habe dich gesehen."

"Was? Stephen, ich versteh kein Wort."

Nick schaute seinen Freund verwirrt an.

Stephen setzte sich auf den Stuhl vor Nicḱs Schreibtisch. Nick nahm an der Tischkante platz. Er beugte sich vor und wartete auf eine plausible Erklärung. Stephen wußte gar nicht, wo er eigentlich anfangen sollte. Er beschloss kurz nachdem er durch die Anomalie gefallen war zu beginnen. Die Gefühle die er hatte, als er kurz davor stand, gefressen zu werden, wollte er seinem Freund ersparen. Die Sache mit Helen ließ er jedoch vorerst aus. Nick hörte erstaunt zu und sog jede Information, die er von Stephen erhielt in sich auf. Es kam ihm sehr bekannt vor. Er erinnerte sich an den Moment, wo er erkannte, das dass Foto, welches er von Helen gemacht hatte, genau das war, was er Monate vorher gefunden hatte. Er war praktisch in seiner eigenen Vergangenheit gelandet. Nur eben in einer Zeit, die tausend von Jahren zurücklag. Als Stephen mit seiner Erzählung endete, lächelte Nick. Es war ihm im Moment eigentlich völlig egal, wie sein Freund es geschafft hatte, wieder hier zu sein. Und ob es sich irgendwie erklären ließe. Ihm war es nur wichtig, das er lebte.

"Oh man, die Anderen werden Augen machen, wenn sie dich sehen. Vor allem Marlin wird überglücklich sein." Nick grinste Stephen an.

"Ähm Nick? Die Anderen, ja ok, aber wer ist Marlin?" Stephen schaute seinen Freund irritiert an.

"Wie? Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich dachte, da fängt gerade an was zu laufen, zwischen euch, so wie du sie immer angesehen hast, oder irre ich mich da?"

"Cutter, wie war das noch mal mit dieser Claudia Brown?" erwiderte Stephen, zog seine rechte Augenbraue hoch und schaute Nick schief an.

"Das ist nicht dein Ernst, Stephen? Du kannst dich nicht an sie erinnern?"

"Nein, tut mir leid. Ich hab keine Ahnung, wer das sein soll. Oder ist das die Blonde vom Friedhof?"

Nick schaute erschrocken auf.

"Du warst auf dem Friedhof? Du... du willst doch nicht etwa sagen, das du bei deiner eigenen Beerdigung dabei warst?"

Stephen grinste.

"Doch"

Nick war sprachlos. Wieder schüttelte er ungläubig den Kopf.

"Also Marlin ist ein Mitglied unseres Teams. Und ja, es war die Blonde vom Friedhof. Sie ist eine Studentin an der Uni von Connor. Sie ist eine echte Expertin was Technik, Mathe und Physik angeht. Mit Connor zusammen hat sie den Detektor entwickelt. Wenn jemand herausbekommt, wie die Anomalien entstehen, dann sie."

"Nein tut mir leid, nichts davon passt in meine Zeit. Bei uns war niemand im Team, der so etwas gemacht hat."

"Hmm, das ist wirklich interessant. Vermutlich hat sie in deiner Zeitlinie auch existiert, nur war sie nicht mit uns zusammen. Oder sie wird jetzt erst dazukommen. So wie es mit Jenny bei mir war. Claudia war weg, ihr kanntet sie nicht, und kurz darauf ist dann Jenny aufgetaucht. Ja, so wird es wohl jetzt auch bei dir sein."

"Ähm Cutter, was machen wir denn jetzt? Ich meine, ich bin offiziell tot."

Nick war ganz in Gedanken und erschrak über dies Frage. Er hatte Recht. Was sollten sie nun tun. Einfach einen Toten wieder zum Leben erwecken? Ach übrigens, das mit der Beerdigung war nur ein Scherz? Oh nein, so einfach würde das nicht gehen. Dieses mal konnten die Leute von der Regierung nicht einfach irgendeine Geschichte erfinden, wie sie es bei den Anomalien taten. Ein Unfall oder eine verrückte Tiersichtung ließe sich ja noch vertuschen, aber einen Toten wieder als lebend zu erklären, das würde nicht funktionieren. Egal was sie auch taten, sie mußten mit Lester darüber sprechen. Stephen konnte sich nicht einfach verstecken und ein neues Leben anfangen. Das wußten sie beide. Stephen war schon so lange der Assistent von Cutter, er liebte diese Arbeit und die Jagd nach den Anomalien war auch seine Arbeit. Er konnte sich gar nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Vor allem, wenn er wußte, das sein Team noch weiter mit den Anomalien zu tun hatten. Gerade hatten sie beschlossen, sich vorerst heimlich mit Jenny und Lester zu treffen, als die Tür zum Büro aufflog. Connor, Abby und Marlin standen im Türrahmen. Connor legte gleich los, denn er hatte Stephen noch gar nicht wahr genommen.

"Lester hat sich gerade gemeldet. Es ist wieder eine Anomalie aufgetreten und wir waren gerade in der Nähe, deswegen..."

Weiter kam er nicht. Ein ohrenbetäubender Schrei erklang. Marlin hatte die Hände auf den Mund gepresst und Abby schrie aus vollem Hals. Cutter reagierte sofort und schubste die Drei ins Büro. Er schaute sich im Flur um. Niemand war zu sehen. Schnell schloss er die Tür und verriegelte sie. Die Drei standen immer noch bewegungslos da. Connor zeigte immer wieder auf Stephen und stotterte vor sich hin. Stephen hob verlegen die Hand.

"Hi zusammen. Überraschung!"

"Ähm setzt euch doch", sagte Nick und zog zwei Stühle heran. Doch zu spät. Gerade erwischte er noch Abby, wie sie zusammensackte. Marlin hatte nicht so viel Glück, da Connor neben ihr nicht auf ihre Ohnmacht reagierte. Sie fiel ihm direkt vor die Füße und schlug hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Connor setzte sich langsam auf einen der von Nick herangezogenen Stühle und zeigte immer wieder stumm und mit offenem Mund auf Stephen. Dieser war nun aufgesprungen und half Nick, Abby vorsichtig auf den Boden zu legen. Er griff nach Nicḱs Tasche und legte sie ihr unter den Kopf. Dann wand er sich zu Marlin um. Er drehte sie vorsichtig auf den Rücken und sah ihre Platzwunde an der Schläfe. Schnell griff er auf dem Schreibtisch nach einigen Tüchern aus der Tempobox und drückte sie gegen die Wunde. Cutter zog Connor den Schal ab und gab ihn Stephen. Dieser faltete ihn zusammen und legte ihn behutsam unter Marlińs Kopf. Besorgt sah er sich die Wunde an. Sie blutete nicht mehr so stark, doch würde das Mädchen sicher höllische Kopfschmerzen bekommen. Er schaute fragend zu Nick auf.

"Und was machen wir jetzt? "