Irgendwann, Ende November, saß Severus im Lehrerzimmer von Hogwarts und trank seinen schwarzen Tee. Er hatte eine üble Doppelstunde Zaubertränke hinter sich und einem der untalentierten Schüler war es gelungen, seinem Tischnachbarn einen sensationellen Buckel wachsen zu lassen, wusste Merlin selbst, wie er das bewerkstelligt hatte. Kinder waren einfach grausam. Nicht einer seiner Schüler schien auch nur ein wenig Talent für die Kunst des Zaubertrankbrauens zu besitzen. Wenn er sich an seine eigene Schulzeit erinnerte, war das vollkommen anders gewesen. Da hatten mehrere Schüler um die Spitze konkurriert. In diesem Fall hatte sogar er gewonnen, er war der ungekrönte König seiner Zaubertrankklasse gewesen und darauf war er stolz.

Scheinbar waren diese missratenen Gören es nicht und wollten es auch gar nicht sein. In der Kindererziehung heutzutage lag wohl einiges im Argen. Dann und wann fragte er sich allerdings auch, ob es nicht an ihm lag, dass ihm beinahe jeder dermaßen auf die Nerven ging, dass er nur schwerlich an sich halten konnte, wenn jemand auch nur den Mund auftat. Nun ja, manche Dinge blieben besser unergründet.

Seine Kollegen waren bereits vollauf damit beschäftigt, ihre Weihnachtsferien zu planen. Severus beteiligte sich an dem Gespräch wie üblich nicht. Es interessierte ihn herzlich wenig, ob Minerva Mc Gonagall Skiurlaub machte, oder aber ob Professor Flitwick auf dem Weihnachtsball des Zaubereiministeriums eingeladen war. Hatten ihn solche Dinge schon immer so wenig interessiert? Er konnte sich jedenfalls nicht erinnern, dass es jemals anders gewesen war.

Wie sein Weihnachten aussehen würde, wusste er: Er würde, wie jedes Jahr in Spinners End sitzen und darauf warten, dass der ganze Festtagsspuk vorbei ging. Die Haustüre würde er fest verschließen und sich keinmal in den Garten verirren, denn dort lauerte die abgedrehte Squibnachbarin sicherlich mit ihren Weihnachtsgrüßen, Wünschen und Küsschen.

„Severus, könntest du mir bitte den Zucker reichen?"

„Mh?"

Minerva sah ihn ein wenig seltsam an. „Hast du mir überhaupt zugehört?"

„Nein." entgegnete er trocken. Sie redete auch sonst stundenlang, ohne dass er ihr zuhörte, das war nichts Neues. Und sie selbst wusste es auch allzu genau.

Mit einem Schnipps seines Zauberstabs schwebte die Zuckerdose hinüber zu seiner Kollegin, die sie aus der Luft griff.

„Du hättest sie mir auch einfach reichen können." knurrte sie und gab den Zucker in ihre Tasse.

Severus Lippen wurden schmal. Er würde nicht darauf antworten. Diese Diskussion über einfache Handgriffe und Magie wurde regelmäßig im Lehrerzimmer geführt und das eigentlich, seitdem Dumbledore einen Squib als Hausmeister eingestellt hatte. Da der Squib aber sowieso nie das Lehrerzimmer betrat, sah Severus gar nicht ein, warum er seine Zauberei seinlassen sollte.

Dennoch kam natürlich immer wieder die Diskussion auf, dass Muggel sich ihren Zucker schließlich auch ohne Magie holen konnten und dass Zauberer, obgleich ihrer Überlegenheit, mit gutem Beispiel voran gehen sollten und solche Dinge auf herkömmlichem Wege erledigen sollten. Eine lästige Diskussion.

Wie er richtig vermutet hatte, waren Minerva und Rolanda auch schon nach fünf Minuten einen Streit um den Zucker vom Zaun gebrochen hatten. Wenn er es richtig bedachte, befand er sich nicht in einer Schule, sondern vielmehr in einem Irrenhaus. Er brauchte dringend Urlaub.

..::~::..

Severus hatte dieses Mal auf den Kamin verzichtet, sondern war, ganz nach Muggelart, von einem Taxi heim gebracht worden. Warum er das tat, wusste er selber nicht recht, doch er war recht dankbar, einmal dem staubigen Kamin entgangen zu sein. Die Fahrt vom Bahnhof bis nach Spinners End war vor allen Dingen leise. Der Schnee dämpfte die Geräusche und unablässig fielen neue Flocken zu Boden, die die Welt in eine weiße Decke einhüllten.

Sein Haus lag immer noch genauso da, wie er es verlassen hatte. Einige Häuser waren weihnachtlich geschmückt, einige waren so dunkel, wie sein eigenes. Lyssa hatte einige geschmacklose Rentiere aus Plastik aufgestellt, die in schrillen Farben blinkten.

Nachdem er den Taxifahrer bezahlt hatte, hievte er seinen Koffer die Stufen hinauf und schloss seine Haustüre auf. Er atmete tief durch. Zu Hause. Endlich. Das Gefühl war angenehm und wohltuend, wie schon lange nicht mehr. Vielleicht weil seine letzten Monate mehr als anstrengend gewesen waren.

Offenbar hatte Lyssa ihren gesamten Garten weihnachtlich geschmückt, denn ein heller Schein erfüllte nun seinen Teil des Gartens, der vom Nachbargrundstück in warmes Licht getaucht wurde. Er ließ seinen Koffer stehen und entgegen seiner gesammelten Vorsätze ging er hinaus. Sein Atem hinterließ weiße Wölkchen.

Von drüben leuchteten bunte Lichter zu ihm herab. Das ganze Dach war mit einer Lichterkette umzogen worden und ein unsagbar hässliches „Merry Christmas" leuchtete zu ihm hinüber. Zu allem Überfluss wechselte es auch noch seine Farbe, von rot zu grün. Das passte zu ihr, wie die Faust aufs Auge.

„Hallo Professor." rief die nervige Stimme von drüben.

Er hätte sich einfach umdrehen sollen und gehen können, aber er war in einer so merkwürdigen Stimmung, dass er schließlich stehen blieb und sich nach Lyssa umsah.

„Ich hatte Sie gar nicht so früh zurück erwartet." Stille. Dann sah er ihr Gesicht am Ende des Zauns. „Hier drüben." rief sie fröhlich."

„Sind Sie eigentlich immer zu Hause?"

„Meistens." antwortete sie schulterzuckend.

„Gehen Sie nicht arbeiten?"

„Gehen ist der springende Punkt."

Durch die fehlende Latte am Zaun konnte er ihren Fuß sehen. Sie trug immer noch diese Schiene. „Haben Sie das nicht behandeln lassen?" Ärger stieg in ihm hoch. Wie konnte eine erwachsene Person so unselbstständig sein.

„Nein. Ich habe Ihnen doch schon einmal erklärt, warum, oder?"

Hörte er da Hohn in ihrer Stimme? So konnte sie vielleicht mit Anderen sprechen, aber nicht mit ihm.

„In der Tat haben Sie das. Trotzdem muss ich Ihre Ignoranz bewundern. Oder auch Ihre Dummheit, je nachdem, welcher Art Ihr Motiv dafür ist." Er zeigte auf den Fuß.

Sie wurde ein wenig rot, sofern er das beurteilen konnte, denn es war ziemlich kalt. Wie sah sie überhaupt heute wieder aus? Sie trug eine pinke Pudelmütze und ihr Haar stand in allen Richtungen darunter ab. Dazu trug sie natürlich wieder den grünen Mantel. Hatte sie nichts Anderes?

„Heute keine Musik?" fragte er schließlich, um vom Thema abzulenken. Es machte nicht einmal richtig Spaß, sie zu verhöhnen, denn heute wirkte sie einfach bemitleidenswert.

„Nein." murmelte sie. „Meine Anlage ist kaputt gegangen und ich kann sie nicht reparieren."

„Mh..." machte er. „Das tut mir Leid für Sie." Das meinte er sogar ernst. Er glaubte, dass Lyssa eigentlich den ganzen Tag lang gar nichts tat, außer Musik zu hören. Er hatte sie nie fortgehen sehen, sie bekam nie Besuch, obwohl ihr viele Leute beim Umzug geholfen hatten. Obwohl er ihr auch freiwillig beim umziehen geholfen hätte, wenn er sie dafür endgültig losgeworden wäre.

„Vielleicht kaufe ich nächsten Monat einfach eine Neue." sinnierte sie gerade.

„Haben Sie nicht jemanden, der das wieder in Ordnung bringen kann?" hakte er nach.

„Nein."

Das Nein war zweideutig und Severus wusste nicht auf was es genau die Antwort gewesen war, doch so genau wollte er es eigentlich auch nicht wissen. Er wollte sich nicht für jemanden wie sie verantwortlich fühlen, doch das tat er irgendwie dauernd, wenn sie in seiner Nähe war.

„Ist es schön in Hogwarts?"

Severus zuckte zusammen. Er vergaß immer wieder, dass sie zwar keine Hexe war, aber aber über das selbe Wissen wie eine verfügte. Offenbar hatte es in ihrer Familie einige magisch begabte Personen gegeben. Er erinnerte sich auch an eine Studie, in der er mal gelesen hatte, dass Squibs nur dann zustande kamen, wenn mindestens ein Elternteil magische Kräfte besaß.

„Ja." erwiderte er langsam.

„Ich wäre da auch gerne hingegangen." antwortete Lyssa träumerisch und lehnte sich an den Zaun.

„Woher wussten Sie, dass ich wieder zu Hause bin?" Schon wieder wechselte er das Thema. Heute waren ihm alle Themen, die er anschnitt irgendwie aus dem Ruder gelaufen.

„Ich habe das Taxi gehört."

„Also sitzen Sie drinnen und lauschen auf die vorbei fahrenden Autos?"

Sie lachte. „Manchmal."

„Miss Montjeu, mit Verlaub, das klingt, als hätten Sie einen gewaltigen Dachschaden." Das klang vermutlich nicht nur so, das war noch viel eher eine ausgemachte Tatsache.

„Kann schon sein." Sie zitterte im kalten Wind.

„Gehen Sie ins Haus." sagte er schließlich. „Ich möchte ungern daran Schuld sein, dass Sie krank werden."