4. Dezember: Unnötige Angst
Wenn Dudley ehrlich wäre, dann wäre es bei jedem anderen cool, dass er ein Zauberer war und auf eine bestimmte Schule ging, um zaubern zu lernen. Das musste schon toll sein und das eine oder andere Mal hätte er gerne seine Mutter gefragt, was ihre Schwester ihr so darüber erzählt hatte. (Er würde den Teufel tun und jemals Harry fragen, so tief würde er nicht sinken.) Aber sie hatte sich so abfällig über ihre Schwester geäußert und sie hasste Zauberei mindestens so sehr wie sein Vater, dass Dudley sich nie wirklich die Mühe gemacht hatte, mehr zu erfahren. Letzten Endes war Zauberei sowieso richtig scheiße und hatte ihm nur Ärger gemacht.
Harry war schließlich daran schuld, dass die Glasscheibe im Zoo verschwunden und er in einem Gehege mit einer Riesenschlange gefangen war. Die Schlange hätte ihn jederzeit umbringen können und Harry hätte sich wahrscheinlich noch darüber gefreut. Dann hatte er sein zweites Zimmer aufgeben müssen, weil dieser durchgeknallte Riese sie verfolgt hatte und er bekam es auch nicht wieder, als Harry endlich weg war, weil seine Eltern zu viel Angst hatten.
Und dann war da noch sein Schwänzchen. Darüber würde er nie wieder auch nur ein Wort verlieren, vielen Dank auch. Nach der Operation erinnerte nur noch eine kleine Runde Narbe daran, dass es mal da gewesen war und sollte sie jemals jemand sehen und ihn danach fragen, würde er einfach sagen, dass sein durchgeknallter Cousin auf ihn geschossen hatte. Es war ja praktisch so gewesen.
Aber irgendwie war es schon merkwürdig, dass Harry plötzlich den Großteil des Jahres nicht da war. Dudley hatte niemanden mehr, den er täglich schikanieren konnte, und das war neben Computerspielen immer sein liebstes Hobby gewesen. Außerdem schenkten seine Eltern ihm plötzlich viel mehr Beachtung und das war unangenehmer, als er gedacht hatte. Früher hatte er immer die Aufmerksamkeit auf Harry und seine miserable Existenz lenken können, wenn die Schule sich über sein eigenes Verhalten beschwert hatte. Das Lob seiner Eltern hatte sich hundert Mal besser angefühlt, wenn er sehen konnte, wie sie zeitgleich Harry fertig machten. Und er konnte sich nicht mehr so leicht rausreden und Harry für alles verantwortlich machen, wenn er etwas kaputt machte.
Außerdem war es nicht mehr so einfach, sich groß und stark und überlegen zu fühlen ohne den Schwächling, mit dem er sich jeden Tag vergleichen konnte. Also ließ er es an den Schwachmaten in seiner neuen Schule aus und versuchte sich so, seinen Ruf als der Beste und Stärkste wiederzuholen. Was als Erstklässler gar nicht so einfach war, aber Dudley gab auch nicht so leicht auf. In ein paar Jahren würde er der Größte sein und dann würden die anderen schon sehen.
Irgendwie freute er sich sogar ein bisschen, dass Harry in den Ferien wieder nach Hause kam, dann hatte er endlich sein liebstes Opfer wieder und konnte allen beweisen, dass sich nichts geändert hatte, dass keiner, nicht mal ein Zauberer, irgendeine Chance gegen ihn hatte.
Leider war das nicht so einfach, denn Harry konnte plötzlich zaubern und sich wehren. Und Dudley wollte auf keinen Fall wieder ein Schwänzchen haben, also bemühte er sich so gut er konnte, seine Macht nicht an Harry auszuspielen und sich andere Opfer zu suchen. Die Knirpse, die sich auf Spielplätzen in der Nähe herumtrieben, waren schließlich immer gute Opfer, besonders in den Ferien. Und denen schlotterten schon die Knie, wenn sie ihn nur sahen, die würden nie etwas sagen und die würden nie den Mumm haben, ihm irgendwas entgegen zu setzen. Anders als Harry, der jetzt glaubte, frech werden zu können. Und das schlimmste war, dass er Recht hatte. Mit seiner blöden Zauberei war er ihnen allen überlegen. Was ein unfairer Vorteil war, wenn man Dudley fragte. Harry war der Letzte, der es verdient hatte, zaubern zu können. Harry war nur Platzverschwendung.
Das Ganze wurde sofort besser, als herauskam, dass Harry überhaupt nicht zaubern durfte, solange er bei ihnen war, weil er sonst von seinen Behörden bestraft wurde. Möglicherweise würde er sogar ins Gefängnis kommen, wenn er ihnen etwas antat! Wenn das nicht toll war! Vielleicht waren ja doch nicht alle Zauberer so große Idioten, wie seine Eltern sagten, wenn sie Harry so unter Kontrolle halten konnten.
Und am besten war, dass seine Eltern Harry sofort dafür bestraften, dass er sie so gemein angelogen hatte. Dudley hätte ihn gerne verprügelt für die ganze Zeit, in der er in seiner Gegenwart eine Heidenangst gehabt hatte, wieder so ein blödes Schwänzchen zu bekommen. Aber dass seine Eltern Harry in sein Zimmer sperrten und ihm alles wegnahmen, was Spaß machte, war wenigstens ein kleiner Trost. Am liebsten hätte Dudley alles aufgegessen, was sie ihm zu Essen gaben, aber seine Mutter meinte doch tatsächlich, dass es unmenschlich wäre, ihn einfach verhungern zu lassen. Unmenschlich! Als ob man irgendwas, was diese Missgeburt tat, als menschlich bezeichnen konnte!
Nach allem, was Harry ihnen angetan hatte, hatte Dudley irgendwie gehofft, dass Harry für immer in seinem Zimmer bleiben musste (er hatte das Zimmer ja unbedingt haben wollen, das hatte er jetzt davon!), aber dann tauchte eines Nachts plötzlich ein fliegendes Auto auf, um ihn mitzunehmen. Auch wenn er es nie zugeben würde, das war schon ziemlich cool. Zuerst hatte Dudley gehofft, dass vielleicht die Behörden gekommen waren, um Harry mitzunehmen, aber nicht mal diese blöden Zauberer würden drei Teenager einstellen, um Harry zu verhaften.
Bei dem Versuch, sie aufzuhalten, verstauchte sein Vater sich den Knöchel und war in den nächsten Wochen unausstehlich. Sogar zu Dudley war er gemein, obwohl Dudley doch absolut unschuldig war. Er hatte sich sogar bemüht, seinem Vater dabei zu helfen, sich bei diesem blöden Geschäftskollegen einzuschmeicheln, und alles getan, worum ihn seine Eltern gebeten hatten! Wenn jemand schuld war an dem ganzen Schlamassel, dann war es Harry, und Harry hatte sich schon wieder einfach so aus der Affäre ziehen können, wie nach der Sache mit dem Schwänzchen!
Also ging Dudley seinem Vater so gut wie möglich aus dem Weg und ließ seine Wut an den Nachbarschaftsjungen aus. Als die Schule wieder anfing, hatte er tatsächlich schon den Ruf, den er so unbedingt wollte, wenn auch nur bei den Erst- und einigen Zweitklässlern. Aber in ein paar Jahren würde er die ganze Schule im Griff haben.
TBC…
