IV. Reise in die Unendlichkeit:

Müsste ich Gott benennen, so kann ich bloß auf das Universum selbst verweisen.

Toreias

Xena drehte im See ihre Runden. Sie genoss die Arbeit der Muskeln, wie sie sich bei jeder Bewegung dehnten und wieder zusammenzogen. Jede Kontraktion teilte ihr mit, dass sie am Leben war.

Nach einiger Zeit kehrte sie zum Ufer zurück, holte die Seife sowie den Schwamm und wusch mit einem Lachen ihren Körper von oben bis unten. Soweit sie sich daran erinnerte, bereitete ihr das simple Verrichten der Körperpflege bis zu diesem Zeitpunkt niemals ein solches Vergnügen.

Bevor sie durch ihren Übermut ihre Haut wund scheuerte, stieg sie aus dem Wasser, legte den Schwamm auf das Gras, die Seife darauf, spülte rasch die letzten Reste von den Händen, trocknete sich ab und widmete sich den Kleidern, die Toreias ihr dagelassen hatte.

Sie schlüpfte hinein und fuhr mit den Fingern über den Stoff. Er fühlte sich weich und geschmeidig an. Das Gewand selbst ähnelte dem von Toreias. Unwillkürlich lächelte sie. Sie besah ihr Spiegelbild auf der Wasseroberfläche und zog verzückt eine Augenbraue in die Höhe. Schließlich bemerkte sie das Fehlen des roten Seidenkleides. Ebenso verschwunden waren der Schwamm, das Handtuch, sowie die Seife.

Xena wandte sich von ihrem Spiegelbild ab und ging über die Wiese zum Haus. Neben der Eingangstüre befand sich eine Sitzbank, auf der sie Platz nahm. Die Hände in ihrem Schoß verschränkt ließ sie ihren Blick über die Umgebung schweifen. Bald schwelgte sie in ihren Erinnerungen, die sie hierhin und dorthin brachten, in der Zeit vor und zurück.

Nicht lange danach erschienen ein Dutzend Schritte von ihr entfernt zwei Personen – eine männlich und eine weiblich. Obgleich sie bloß deren Rücken sah, erkannte sie doch beide.

Die Frau, die an Toreias Seite stand, trug ihr blondes Haar kurz geschnitten, obendrein einen knielangen Rock, der den Beinen genügend Bewegungsfreiheit ließ, um in einen Kampf zu ziehen, sowie eine Bluse und lederne Stiefel. Eine Tätowierung zierte die linke Wade und den Rücken. Xena sah nicht alles von ihr – das Oberteil verdeckte einen Gutteil – dessen ungeachtet kannte sie die Zeichnung. Sie stellte einen japanischen Drachen dar. Toreias war mit Gabrielle zurückgekehrt.

Xenas Herz begann zu rasen. Sie erhob sich. Und obwohl sie ihre Gefährtin liebend gern in die Arme schließen wollte, blieb sie vor der Sitzbank stehen. Dann erklang Gabrielles Stimme. »Dieser Ort ist wunderschön!«

Mit einem Mal wandte sie sich zu ihr um. Ihre Blicke trafen sich. In Gabrielles Augen lag Trauer, aber auch ein loderndes Feuer.

»Xena?«, hörte sie Gabrielle fragen.

Dann kehrte mit einem Mal die Fröhlichkeit, die sie an ihr so sehr liebte, in deren Augen zurück.

»Xena!«

Gabrielle hatte nur Augen für Xena. Dort stand sie und lebte! Sie schoss auf ihre Gefährtin zu. Diese breitete ihre Arme aus und fing sie auf. Sie umarmten sich, pressten ihre Wangen und ihre Leiber aneinander. Tränen des Glücks und der Erleichterung strömten beiden über das Gesicht.

Schließlich lösten sie sich wieder voneinander. Gabrielle hauchte Xena einen Kuss auf die Stirn, auf die Wange und auf die Lippen, berührte diese mit ihren Fingerkuppen, ließ sie über die Haut gleiten. Ein Zittern durchlief ihren eigenen Körper.

»Wie ist das nur möglich?«, hauchte sie. »Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren. Aber dennoch stehst du vor mir und lebst?«

Xena strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. »Das habe ich alles dir zu verdanken, Gabrielle. Deiner Weisheit« – sie hielt einen Moment inne – »und Toreias.«

Toreias! Gabrielle wandte sich zu ihm um. Er stand an dem Ort, an dem sie aufgetaucht waren, blickte sie an und lächelte.

»Unterschätze deine eigene Weisheit nicht, Xena!«, meinte er. »Du hast weit mehr geleistet, als ich.«

Gabrielle ergriff Xenas Hand. Dann zog sie ihre Gefährtin hinter sich her. Gemeinsam schritten sie auf Toreias zu, umarmten ihn und hauchten ihm je einen Kuss auf die Wangen.

Mit einem Mal erschrak Gabrielle jedoch. Sie ließ ihren Blick zwischen beiden hin und her schweifen. »Was ist mit den Seelen?«

Xena öffnete ihren Mund, doch Toreias kam ihr zuvor. »Sie haben sich alle neu inkarniert.« Er blickte ihr in die Augen. »Als sie dies taten, verschwand auch der Fluch.«

Bevor sie noch weitere Fragen stellen konnten, löste er sich aus ihren Umarmungen. »Ihr habt euch bestimmt, viel zu erzählen. Bis später!« Kaum dass er die Worte gesprochen hatte, war er auch schon wieder verschwunden.

Der See lag friedlich vor ihnen. Gabrielle bettete ihren Kopf auf Xenas Schulter und lauschte dem Herzschlag ihrer Gefährtin. Es klang wie Musik in ihren Ohren. Xena streichelte ihr über das Haar.

»Xena, wo sind wir hier?«

»Ich weiß es nicht, Gabrielle.«

Unvermittelt hob Gabrielle ihren Blick. »Ich wollte mich umbringen, weißt du?«

Xena sah sie an.

»Ich habe deine Urne zu Lyceus gebracht, wie ich es dir einst versprochen habe«, erzählte sie. »Dann wollte ich in die Schlucht springen.«

»Oh Gabrielle, warum nur?«, hauchte Xena betrübt.

»In einer Welt ohne dich wollte ich nicht leben«, versuchte sie ihre Motive zu erklären. »Ich wollte dir folgen.«

Xenas drückte sie an sich, schmiegte ihre Wange an ihre, hielt sie fest.

Gabrielles Blick wanderte in die Ferne. »Auf dem Weg zur Klippe lief ich an Toreias vorbei. Ich … ich hatte ihn nicht bemerkt. Er ...« Sie hielt inne. »Er rief nur meinen Namen, aber mit so einer Kraft, dass sie mich zu Boden warf. Er sagte, dass ich das nicht tun soll, dass du das nicht willst.«

»Er hat recht, Gabrielle. Versprich mir, das nie wieder zu tun!«

Gabrielle nickte, und Xena hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.

»Ich wurde zornig und hieb nach ihm. Er wich mit Leichtigkeit aus. Ich habe alles angewandt, was du mir beigebracht hast. Ich habe ihm kein einziges Mal getroffen.

Ich weiß nicht, wie lange das so ging. Irgendwann verzog sich der Zorn. Ich ließ das Schwert fallen und sank auf die Knie. Ich hörte, wie er es aufhob, und hielt ihm meinen Hals hin. Ich ... ich wollte es dir gleich tun.«

Sie sah durch ihre Gefährtin hindurch, nahm bloß die Bilder ihrer Begegnung mit Toreias wahr. Ein Lächeln trat auf ihre Züge. »Er tat es nicht. Er steckte es einfach in die Schwertscheide zurück und hielt mir seine Hand hin.«

Sie sah ihre Freundin wieder bewusst an. »Xena!«, begann sie. »Er sagte, ich müsse lernen meinen Schmerz zu überwinden, lernen los zu lassen, aufhören zu wollen und zu leiden.« Nun richtete sie sich auf. »Er sagte, sich selbst zu besiegen, bedeutet den Weg zu kennen, und das der Weg das Ziel sei. Xena, er sprach die gleichen Worte, die einst Lao Ma an dich gerichtet hat.«

Bei der Erwähnung von Lao Ma wurden Xenas Augen feucht. Ein Lächeln huschte über ihre Züge. »Du hast viel mehr Kraft in dir, als ich, Gabrielle«, meinte sie. »Ich konnte damals die Worte nicht verstehen. Ich habe so viele Jahre gebraucht, um in ihnen einen Sinn zu erkennen. Aber du, Gabrielle, du bist hier!«

Gabrielle hob ihre Hand und strich Xena über die Wange. »Das ist noch mehr, Xena. Toreias sagte, dass alle Seelen sich immer wieder neu inkarnieren, dass es aber einen Weg gibt, den Kreislauf zu verlassen, dass er das getan hat. Und ...«

Sie stockte. »Und dass die Menschheit eines Tages vor einem Abgrund stehen und sich hinab stürzen wird.«

»Ich weiß, Gabrielle. Er hat es mir gezeigt«, begann Xena. Nun erzählte sie von ihrer Reise mit Toreias, erwähnte die Verfolgungsjagd, den Sturm der Soldaten, die Zerstörung der Stadt, die hungernden Menschen. »Aber es wird auch Schönheit geben, Gabrielle«, fügte sie mit einem Strahlen hinzu und berichtete über das Naturwunder, das sie gesehen hatte, die technischen Leistungen, die die Menschheit zu den Sternen bringen werden und über die Musik.

»Diese Musik, Gabrielle, sie war die schönste, die ich je gehört habe.«

Gabrielle sah ihre Gefährtin verzückt an und lächelte. Sie erkannte, mit welcher Taktik Toreias ihre Seele berührt hatte. Erst zeigte er ihr die Schrecken der Zukunft, eine Dunkelheit, die mehr und mehr zunahm. Dann, dass es dennoch Hoffnung gab und sie ein Teil davon sein kann.

»Xena!«, begann Gabrielle erneut, »Er hat mir gesagt, dass er die Menschheit nur dann retten kann, wenn sie vor dem Abgrund steht. Dass es das ist, was er tun will.«

Sie hielt inne und dachte über ihr Gespräch mit Toreias nach. »Er sagte mir auch, dass es keine Götter gibt, nur Seelen, die den Weg zur Erlösung suchen.«

»Ich weiß, Gabrielle, mir hat er es auch gesagt«, antwortete Xena.

Gabrielle sah ihre Gefährtin eindringlich an. »Xena, ich glaube ihm! Ich denke, wenn er sich den Menschen offen zeigt, wenn er eingreift, dann werden sie ihn als Gott verehren. Nur werden sie dann nie den Pfad zur Erlösung beschreiten.«

Liebevoll strich Xena ihr durch das Haar. »Meine Philosophin!«

Gabrielle boxte Xena mit einem Grinsen in die Seite. »He! Ich bin eine streitbare Bardin, schon vergessen?«

»Wie könnte ich?« Xena hob eine Augenbraue und lächelte.

»Xena«, begann Gabrielle erneut – ihre Stimme nahm einen ernsthaften Tonfall an – »Ich glaube, dass er einst Lao Ma berührt hat. Dass sie deshalb die gleichen Worte sprachen.«

Xena nickte zu Gabrielles Worten, sprach selber jedoch keine aus.

Schließlich vernahmen sie Lärm aus dem Inneren des Hauses. Töpfe klapperten, dann ertönten Schritte. Bevor Xena aufstehen konnte, stand Toreias auf der Türschwelle und blickte beide an. In seinen Händen hielt er jeweils einen dampfenden Teller.

»Habt ihr Hunger?«

Zur Antwort bekam er ein Brummen aus Xenas Magengegend. Sie lächelte verlegen. Gabrielle grinste.

Toreias trat vor und reichte ihnen die Teller, ehe er wieder im Haus verschwand. Das Gericht bestand aus geröstetem und gebratenem Gemüse. Gabrielle schnupperte. Ihr Magen kommentierte es nun seinerseits mit einem Knurren. Sie blickte Xena verlegen an, die schmunzelte. Dann nahmen sie die Gabeln zur Hand, die auf den Tellern lagen, und begannen mit ihrem Mahl.

Toreias kam erneut aus dem Haus und stellte zwei Becher hinter ihnen auf das Fensterbrett. Dampf stieg von ihnen auf.

»Hm, ischt das gut«, nuschelte Gabrielle.

Er lächelte zur Antwort, blieb jedoch nicht stehen, sondern verschwand erneut im Haus.

Xena wandte sich zu dem Becher um und schnupperte. »Tee!«, stellte sie fest.

Noch einmal trat Toreias aus dem Haus. Er hielt eine Decke unter seinem Arm und ging an ihnen vorbei an das andere Ende der Bank, auf der er Platz nahm. Sein Blick wanderte zum See hinüber. Die Abenddämmerung setzte ein.

»Wozu die Decke?«

»Zum Drauflegen!«

Xena hob eine Augenbraue. Er schmunzelte und blickte sie an. »Heute wird es eine klare Nacht geben. Ideal für die erste Lektion«. Seinen Worten schickte er ein Zwinkern hinterher.

»Was für eine Lektion denn?«, fragte Gabrielle.

»Eine über die Unendlichkeit.« Mit einem Lächeln wandte er sich wieder dem Sonnenuntergang zu.

Sie beendeten ihr Mahl und schlürften den Tee aus. Dann stand Toreias auf und schritt über die Wiese. Ein Stück vom Haus entfernt breitete er die Decke aus, ehe er sich auf ihr am linken Rand niederließ.

Sie folgten ihm. Die Decke bot genügend Platz für drei Personen. Xena legte sich auf die rechte Seite, Gabrielle in die Mitte.

Mittlerweile war die Sonne untergegangen. Die Sterne glitzerten, und ihr Anblick verzauberte die beiden Frauen. Bald runzelte Xena jedoch ihre Stirn.

»Ich erkenne keines dieser Sternbilder«, stellte sie fest.

»Weil wir nicht mehr auf der Erde sind«, erklärte Toreias.

Überrascht drehte sie ihm ihr Gesicht zu. Sie betrachtete sein Profil einen Moment, ehe sie sich erneut den Gestirnen zuwandte.

»Wenn ihr die Sterne anblickt, was seht ihr da?«, fragte Toreias.

»Kleine Lichter«, war Xenas Antwort.

»Löcher im Firmament«, war jene von Gabrielle.

Toreias schmunzelte. »Und was befindet sich hinter den Löchern?«

»Dahinter brennt das ewige Feuer«, setzte Gabrielle mit einer Erklärung an. »Dessen Licht dringt durch die Löcher hindurch. Deshalb sehen wir bloß kleine, helle Punkte.«

»Eine nette Deutung«, kommentierte Toreias mit einem Schmunzeln ihre Worte.

»Und nicht richtig, oder?«, mutmaßte Xena.

»Ja, Xena«, gab er ihr recht. »Die Wahrheit ist, dass jeder Stern selbst eine Sonne ist, die soweit von hier entfernt ist, dass sie nur als kleiner, heller Punkt zu sehen ist. Manche Sterne sind sogar so weit entfernt, dass ihr sie gar nicht sehen könnt.«

»Unglaublich«, hauchte Gabrielle.

Erneut schmunzelte Toreias. »Stellt euch die Sonne als einen Feuerball vor. Sie brennt ununterbrochen und strahlt Hitze und Licht aus. Um die Sonne herum kreisen die Planeten. Viele werden von Monden begleitet, die wiederum sie umkreisen.«

Er hielt inne, um seine Worte wirkenzulassen.

»Klingt kompliziert«, kommentierte Xena.

»Überhaupt nicht«, konterte er. »Ich werde es euch zeigen.« Über ihnen bildete sich ein Miniatur-Sonnensystem. »Habt keine Angst! Das ist nur eine Illusion.« Seine Hand fuhr durch die Erscheinung hindurch, als wäre sie nicht da. Dann begannen die Planeten, um die Sonne zu kreisen. Gebannt verfolgten sie das Schauspiel, das sie an einen Gruppentanz erinnerte.

»Wie wunderschön!«, hauchte Gabrielle.

»Das ist es«, stimmte Xena zu und ergriff die Hand ihrer Gefährtin.

»Nun, dann seht was passiert, wenn wir uns ihr nähern«, warf Toreias ein.

Die Sonne schwoll zu einem Feuerball an, auf dessen Oberfläche es brodelte. Sie sahen Protuberanzen und Eruptionen. Letztere schossen Plasma von ihr fort, dem sie folgten. Planeten zogen vorbei, und dann kam ein weißer Ball in Sicht.

»Was ist das?«, fragte Gabrielle.

»Ein großer Eisbrocken, ein Komet«, antwortete Toreias. »Auch er umkreist die Sonne. Wenn er sich ihr nähert, erhitzt er sich. Sein Wasser beginnt zu verdampfen, sodass ein Schweif entsteht.«

Schließlich kamen sie bei der Erde an. Sie rotierte über ihnen. Toreias zeigte mit einem Finger nacheinander auf die Landmassen.

»Griechenland, Ägypten, die Apenninenhalbinsel, Gallien, darüber Britannien, hier unten Hispania, der Atlantik.« Verzückt folgten sie seinem Finger.

»Seht! Die Säulen des Herakles'. Das Ende der Welt!«, rief Gabrielle aus.

»Aber Gabrielle, sie doch, sie dreht sich weiter, und da ...«, warf Xena ein und verstummte. Sie erinnerte sich noch lebhaft an ihre Reise mit Toreias. Rasch schielte sie zu ihm hinüber.

Er begegnete ihrem Blick. »Ja Xena, das ist der Kontinent, denn wir besucht haben«, beantwortete er ihre Frage.

Die Erde rotierte weiter. Eine weitläufige Landfläche kam ins Bild, zog an ihnen vorbei, wurde von einem weiteren Meer abgelöst

»Der Pazifik«, erläuterte Toreias.

Eine Zeit lang sahen sie fast nur Wasser, bis erneut Land in Sicht kam. Erst eine Insel.

»Japan«, sagte er.

Xenas Handgriff verstärkte sich. Gabrielle blickte zu ihrer Gefährtin hinüber und erwiderte den Händedruck.

»Chin«, hörten sie Toreias sagen. »Indien, Mesopotamien, Anatolien und wieder Griechenland«, verkündete ihr Reiseführer.

Nun bewegten sie sich von der Erde fort, an den äußeren Planeten vorbei. Dann änderte sich das Bild, und sie sahen wieder die Sonne. Nun war sie bloß ein Stern unter vielen.

Die Geschwindigkeit erhöhte sich. Immer mehr Sterne flogen vorbei, bis sie eine rotierende, spiralförmige Scheibe erblickten.

»Dies ist eine Galaxie«, bemerkte Toreias. »Sie beheimatet etwa dreihundert Milliarden Sterne.«

Die Reise ging weiter. Kontinuierlich kamen Galaxien ins Blickfeld und zogen an ihnen vorbei. Mit Ehrfurcht verfolgten die Frauen das Schauspiel.

»Das Universum«, erzählte Toreias, »ist gefüllt mit Milliarden Galaxien. Jede davon umfasst wiederum Milliarden Sterne. Die meisten werden von Planeten umkreist. Einige haben genau die richtige Entfernung zu ihrem Gestirn, so dass auf ihnen Leben möglich ist.«

»Was meinst du mit der richtigen Entfernung?« Xena war irritiert.

»Nun«, setzte Toreias zu einer Erklärung an. »Wenn die Planeten dem Stern zu nahe sind, verbrennt alles auf ihrer Oberfläche. Sind sie hingegen zu weit entfernt, dann erfriert die Welt.«

»Das ist wahrhaft Unendlichkeit«, entfuhr es Gabrielle.

Toreias schmunzelte. »Tatsächlich? Ich kann deine Fantasie noch vergrößern. Ich habe euch das Ausmaß des Universums gezeigt, nun sind die kleinsten Dinge dran.«

Das Bild mit den Galaxien verschwand. Stattdessen erschien eine weiße Kugel. »Kennst du die Thesen von Demokrit, Gabrielle?«, fragte Toreias.

Sie schielte zu ihm hinüber. »Demokrit? Hm, mal überlegen.« Sie legte ihre Stirn in Falten. »Der sagte doch, dass alles nur aus kleinen, unteilbaren Teilen besteht. Atome oder so nannte er sie.« Sie blickte hinauf auf die Kugel.

»Der hat damit wohl doch nicht recht?«, platzte es aus Xena heraus.

»Doch Xena, im Prinzip schon«, antwortete Toreias.

Das Bild änderte sich. Die Kugel löste sich auf, und wurde ersetzt durch einen Kreis, mit zwei Punkten darin. Ein weiterer Punkt flitzte außen herum. Dann gesellten sich zwei weitere Atome zum Ersten. Eines war ein Doppelgänger, das andere hatte mehr Punkte im Inneren. Sie bewegten sich aufeinander zu und verschmolzen miteinander. Daraus entstand ein Tropfen der im Sternenlicht glitzerte. Er schwebte über Gabrielles Nase, dann fiel er herab.

»He!«, rief Gabrielle aus. »Das ist ja nass!«

Toreias lachte. »Selbstverständlich ist es nass, es ist ja Wasser.«

Die Frauen schielten zu ihm hinüber. »Wasser besteht aus mehreren solchen … Wie hießen die nochmal? Atome?«, fragte Xena.

»Ja Xena, alles besteht aus Atomen.«

»Hm«, brummten beide.

»Wenn ihr euch einen einzelnen Wassertropfen vorstellt, so denkt daran, dass er aus Millionen von Atomen besteht. Aus wie vielen setzt sich dann ein Meer zusammen? Wie viele Atome hat ein Planet, ein Stern oder eine Galaxie?«

Die Frauen blicken zum Firmament hinauf und dachten über das Gehörte nach.

»Irgendwie kann ich mir diese Menge nicht vorstellen«, meinte Gabrielle.

»Nicht nur du«, ergänzte Xena.

»Dieses Wissen wird euch nicht bis zum Ziel bringen, aber es ist ein Anfang.«

»Ein Anfang? Wofür?«, fragte Gabrielle verwirrt.

Dieses Mal antwortete Xena an Stelle von Toreias. »Um eine Ahnung davon zu bekommen, was Unendlichkeit bedeutet.«

»So ist es«, entgegnete er. »Und nun meine Lieben, ruht euch aus. Wir sehen uns morgen wieder. Schlaft gut!«

Und er war verschwunden.

Xena und Gabrielle betrachteten verträumt den Sternenhimmel. Eine warme Nachtbrise strich über sie hinweg, brachte den Geruch von Wasser mit. Zirpen grillten rund um sie herum. Vom See her war ein Platschen zu hören.

»Weißt du, warum ihm diese Unendlichkeitsgeschichte so wichtig ist?«, fragte Gabrielle.

»Nein. Aber ich bin sicher, dass es wichtig ist. Wozu hätte er es uns sonst gezeigt?«

Mit einem Lächeln auf den Lippen kuschelte Gabrielle sich an ihre Gefährtin, und bald darauf schlief sie ein. Xena strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie blickte auf Gabrielles Gesicht und dachte über die Wendung ihres Schicksals nach.

Schließlich versank auch sie im Reich der Träume.