(Disclaimer und Beta: siehe Anfang)

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3.

24. Dezember 2002

Harry richtete sich unter Schmerzen auf. Er wischte sich die nassen Wangen und leckte dann seine Finger ab- Wasser war zu kostbar, um es auf diese Weise zu verschwenden. Blicklos sah er sich in seiner sechs Quadratmeter großen Zelle um; vor seinem inneren Auge zog noch einmal der Prozess vorbei. Man konnte Dumbledore und seinen Freunden wirklich keinen Vorwurf machen; sie hatten alles daran gesetzt, dass er einen fairen Prozess bekam. Leider war Voldemort ihnen einen Schritt voraus gewesen.

Wütend schlug Harry mit der Faust gegen die Wand. Er hatte doch Unterricht gehabt, um sich gegen Fremdeinfluss zu schützen, wieso verdammt war er nicht gegen diesen Trank angekommen? Was auch immer man ihm zu trinken gegeben hatte (er würde das bald einmal recherchieren müssen), es hatte seine Muskeln dazu gebracht, seinen Willen komplett zu ignorieren und die Gedanken eines Anderen auszusprechen.

Verwundert hob Harry seine Hand, als er einen scharfen Schmerz verspürte. Bluttropfen glitzerten daran. Na toll. Er wusste, warum er Schlaf allgemein lieber vermied. Er war dann noch ungeschützter vor dem Einfluss der Dementoren und es kam oft vor, dass er sich während seiner Alpträume selbst verletzte.

Ein schrilles Trällern ließ Harry den Blick heben. "Ja, ich hatte wieder einen Alptraum", antwortete er.

Der Phönix, der vor ihm erschienen war, klackerte missbilligend mit dem Schnabel und setzte sich auf Harrys Schulter. Er legte den Kopf schräg und- weinte. Die Wunde auf Harrys Hand schloss sich im Nu und der Phönix pfiff zufrieden. "Danke, Mann", grinste Harry. "Wenn ich dich nicht hätte..."

"Dann hättest du dich schon längst mit deinen wilden Alpträumen umgebracht", sang Fawkes scherzhaft. Harry blickte ihn scharf an. "Das hätte ich, aber nicht nur wegen der Alpträume."

"So schlimm?", meinte Fawkes, plötzlich ernüchtert.

"Fawkes, ich habe wieder von dem Prozess geträumt. Selbst wenn ich jemals hier heraus käme, würde niemand mir verzeihen können, was ich alles gesagt habe. Du hast mir doch erzählt, dass sie all meine Sachen mit einem besonders starken Zauber vernichtet haben. Und sogar Hedwig ist... sie haben..." Er schluckte.

Fawkes sah den Jungen betrübt an. "Hedwig ist eines würdigen Todes gestorben, als sie versucht hat, dein Fotoalbum vor dem Zauber zu retten."

"Es ist alles meine Schuld."

Fawkes pfiff matt, die Phönix-Variante eines tiefen Seufzers. "Harry, du bist jetzt seit einem Jahr hier. Meinst du nicht, du könntest langsam mit den Selbstvorwürfen aufhören? Es bringt nichts. Ich werde dir doch nur immer wieder sagen, dass es nicht dein Fehler war."

Harry lächelte dankbar. "Wirklich, Fawkes, wenn ich dich nicht hätte..."

"Reden wir nicht davon. Übrigens, der neue Gang vom Hog's Head nach Hogwarts ist gescheitert, Dumbledore hat Moody und Shacklebolt geschickt und sie haben Lestrange geschnappt."

"Bellatrix ist gefangen?"

"Nein, tot. Sie hat sich gewehrt und sich mit den Auroren ein heißes Gefecht geliefert. Einer ihrer eigenen Flüche ist auf sie zurückgeprallt."

"Schmerzhaft?"

"Sehr."

"Gut."

Fawkes legte den Kopf schief. "Was war das überhaupt mit dir und Bellatrix für eine Sache?"

Harrys Züge wurden hart. "Sie hat beinahe Sirius ermordet. Nur, weil er auf der anderen Seite des Vorhangs nicht willkommen war, hat er überlebt."

"Welcher Vorhang?"

"Im Ministerium, bei den Unsäglichen. Es ist so eine Art Tor- das jedenfalls hat mir ein Unsäglicher erzählt, als Sirius von dem Ding wieder ausgespuckt wurde- für den 'eleganten Abgang', allerdings nicht in dem Sinne, wie Sirius es zu nutzen versuchte..."

"Sondern?"

"Es ist ein Angebot an Suizidgefährdete. Sie stellen sich davor, und wenn sie sich sehr zu dem Tor hingezogen fühlen, bedeutet es, dass sie bald Selbstmord begehen werden. Sie können dann stattdessen durch das Tor gehen und dort eine Art Frieden finden - er hat nicht genau gesagt, wie- und über ihr Leben nachdenken. Wenn sie bereit sind, das Leben wieder in Angriff zu nehmen, kommen sie zurück. Allerdings..."

"Was?"

"Es gibt einen Grund, warum der Bogen heute in einem abgelegenen Zimmer verschlossen ist. Es scheinen schon einige Dutzend Testpersonen hinein gegangen zu sein, aber nur Sirius war nach einer Woche wieder draußen."

"Oh."

"Und er war so verklärt... als hätte er die ganze Woche lang dort gekifft..."

"Oh."

"Weißt du... als ich vor diesem Tor stand, hatte ich wahnsinnige Lust, den Vorhang beiseite zu schieben und hindurch zu gehen", sagte Harry kleinlaut.

"Und? Würdest du das jetzt immer noch?"

"Ich weiß es nicht... Wenn die Dementoren vorbeilaufen, sehe ich Cedric sterben, höre Mum und Dad sterben, oder sehe mich selbst, wie ich im Gerichtssaal allen ihre Freundlichkeit ins Gesicht schleudere. Es tut weh. Dann denke ich, ob es nicht besser wäre, dieses traurige Bisschen Leben, das ich hier habe, aufzugeben.

Manchmal denke ich auch, sie hätten mich trotz allem besser kennen müssen. Ich meine, ich habe fünf Jahre lang gegen Voldemort gekämpft. Wie können sie erwarten, dass ich plötzlich eine 180°- Wendung mache und mich der Schlangenfratze anschließe?!"

"Das weißt du doch."

Harry seufzte. Ja, er wusste es. Er hatte seine Gefühle immer sorgfältig unter Verschluss gehalten, um nicht verletzt zu werden. Er war mit seinen Problemen nie sofort zu seinen Freunden oder zu Dumbledore gegangen, sondern oft erst dann, wenn es fast zu spät war. Die Sache mit dem Basilisken, den er im zweiten Jahr gehört hatte, oder die Alpträume, die Voldemort ihm im fünften Jahr geschickt hatte...

Er hatte nie jemandem voll vertraut. Wie konnte er da von Anderen volles Vertrauen fordern?

Nur Hedwig war eine Ausnahme. Harry hatte die Eule vom ersten Tag an geliebt und das Gefühl war erwidert worden. Auch Fawkes war ihm sofort sympathisch gewesen und der Vogel hatte sich seitdem als sein treuester Freund erwiesen.

Er hatte nicht an Harrys Schuld geglaubt und sogar mit Dumbledore deswegen gestritten. Doch aufgrund der Beweislage gegen Harry war er auf taube Ohren gestoßen. 'Wunschdenken', hatte es geheißen. Das Kapitel 'Harry Potter' wollten alle nur noch möglichst schnell vergessen, am liebsten vollständig aus ihrem Leben streichen.

Fawkes war der Einzige, der Harry eine Woche nach dessen Verhaftung besucht hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte der Junge bereits versucht, sich mit dem Löffel die Pulsadern aufzustoßen, sich den Kopf an der Wand einzurennen und sich selbst zu erwürgen- natürlich alles zwecklos.

Fawkes Anwesenheit hatte ihn wissen lassen, dass er weder allein noch verrückt war. Und der Phönix hatte dafür gesorgt, dass es auch so blieb.

Harrys Liebe zu Vögeln hatte Fawkes dazu veranlasst, ihm ein Buch über Animagie mitzubringen und mit ihm zu üben. Animagie beruhte auf Wilder Magie und war deshalb auch ohne Zauberstab anwendbar. Sehr zu ihrer beider Freude hatte Harry nach einigen Monaten die Verwandlung in einen Phönix geschafft und war seitdem fähig, sich mit Fawkes zu unterhalten.

Es hatte nur wenige Wochen gedauert, bis er die Sprache des Phönix auch in seiner menschlichen Form verstand. Und so unterhielt er sich täglich mit dem Phönix, der ihm treu Gesellschaft leistete und mit ihm über seine Probleme, seine Alpträume und Schuldgefühle- aber auch über die jüngsten Ereignisse in der Zaubererwelt und über seine Freunde sprach.

Harry war dem Phönix unendlich dankbar. Er wusste, dass er ohne dessen Besuche längst eingegangen oder dem Wahnsinn verfallen wäre. Nur durch Fawkes gelang es ihm, an der Realität festzuhalten und sich sogar einen kleinen Funken Hoffnung zu bewahren, das er vielleicht, wirklich nur vielleicht, irgendwann hier heraus käme.

Bis dahin wollte er versuchen, keinen Hass auf die Zaubererwelt, die ihn abgeschoben hatte, zu entwickeln. Und seinen Kampf gegen Voldemort weiterführen.

Durch die Nähe der Dementoren wurde alles Unangenehme in Harrys Kopf verstärkt und ihm ständig ins Bewusstsein gerufen. Zu den unangenehmen Dingen gehörte aber unbedingt auch die Verbindung zu Voldemort.

Zwar schien es immer noch, dass Voldemort am oberen Ende der Leitung saß; Harry konnte nur empfangen, nicht senden; doch er konnte jetzt entscheiden, wie viel er empfing. Sein Geist war weit offen und fing jede Gefühlsregung des Dunklen Lords auf, vibrierte mit seinen Launen, zitterte unter seinen Flüchen- und lauschte seinen Plänen.

Ein Ausflug in Voldemorts Hirn war immer eine schmerzhafte Angelegenheit, doch Harry hatte jetzt viel mehr Kontrolle über Art und Länge seiner Abstecher in diese kranke Gedankenwelt. Was Snape versäumt hatte, ihm beizubringen, hatte er auf den kalten Steinen von Azkaban gelernt. Es ging nicht darum, Dinge vor dem Anderen zu verstecken; ein Legilimentor würde gerade diese Dinge suchen. Nein, es ging darum, all seine Gefühle, Gedanken und Ideen so offen zu zeigen, dass der Andere von der Flut von Informationen erdrückt wurde und automatisch die Luke dicht machte.

Das passierte unbewusst, und so wirkte es auf den anderen Zauberer, als sei der Geist des Angegriffenen verschlossen; obwohl dies eher auf den des Angreifers zutraf.

Harry hatte dies in seiner ersten Nacht in Azkaban herausgefunden. Er war im Traum versehentlich in Voldemorts Geist gelangt und wurde in dem Moment von Voldemort bemerkt, als draußen zwei Dementoren an seiner Zelle vorüber gingen. Harry konnte nicht rechtzeitig reagieren und seine ganze Panik und Verzweifelung rasten durch die Verbindung zu Voldemort.

Harry spürte von diesem noch ein belustigtes Wohlwollen, - dann brach die Verbindung plötzlich ab. In diesem Moment der Schwäche hatte er Voldemort ungewollt so mit Informationen bombardiert, dass sich dessen Hirn geweigert hatte, sie weiter aufzunehmen. Für Voldemort musste es gewirkt haben, als habe Harry ihn abgeblockt.

Als Harry dies klar geworden war, hatte er sich in ein Training gestürzt, das darauf abzielte, Voldemort sein ganzes Sein so vehement entgegen zu schleudern, dass dieser keine Chance mehr hatte, irgend etwas in Harrys Geist zu lesen oder darin herumzupfuschen, wie er das früher getan hatte.

Mit seinen Erfolgen zufrieden, hatte Harry sich schließlich weiter vor gewagt. Er konnte Voldemort blocken; jetzt galt es, zurück zu schlagen.

Leider gestaltete sich diese Aufgabe wesentlich schwieriger. Harry konnte zwar jetzt eine Verbindung ablehnen, die er nicht wollte- etwa, wenn Voldemort jemanden zu Tode Cruciote- doch wenn er die Verbindung akzeptierte, war sie wie früher mit heftigen Schmerzen verbunden, wann immer Voldemort einen Unverzeihlichen sprach.

Harry hätte nicht beschreiben können, was er seit einer Weile tat, bevor er in Voldemorts Geist eindrang. Es war, als würde er einen Zeh ins Wasser stecken, um die Temperatur zu prüfen, bevor er sich mit dem ganzen Körper hinein fallen ließ. Er testete Voldemorts Gemütszustand und 'betrat' den Geist des Anderen nur, wenn dieser nicht am Fluchen war. So sparte er sich eine Menge Schmerzen und konnte ruhig genug bleiben, dass seine Anwesenheit von Voldemort nicht bemerkt wurde. Doch noch immer war es ihm unmöglich, Voldemorts Geist in der Weise zu manipulieren, wie der es im Vorjahr bei ihm getan hatte.

"Woran denkst du gerade?"

Fawkes saß noch immer auf Harrys Schulter und hatte still gewartet, während dieser seinen Gedanken nachhing.

"Ich grüble darüber nach, warum Voldemort durch meine Narbe meine Träume verändern konnte, während ich ihn kein Stück beeinflussen kann."

"Sehr gut."

"Äh... bitte was?"

Fawkes gluckste. Es erinnerte Harry in geradezu unheimlicher Weise an den Schulleiter. "Es ist gut, dass du über eine Aufgabe nachgrübelst und nicht in Schuldgefühlen badest."

Harry lächelte beschämt. "Ich vermute, da hast du wohl Recht..."

"Aber natürlich."

"Eingebildet bist du ja nicht." Ein flüchtiges Grinsen.

"Phönixe sind schön, intelligent, beliebt und tapfer. Das weiß jeder, ich muss mir also nichts einbilden- es sind Fakten." Fawkes stolzierte wie ein Pfau über Harrys ausgestreckten Arm. Harry sah ihm einen Moment sprachlos zu- dann brach er in schallendes Gelächter aus. Von ihm vollkommen unbemerkt machte ein Dementor vor seiner Zelle kehrt und floh Hals über Kopf.

Soviel Fröhlichkeit war für das kühle Wesen körperlich schmerzhaft.

Fawkes schüttelte den Kopf, dass die steil aufgerichteten Federn auf seinem Haupt lustig hin und her tanzten. "Harry, es tut gut, dich lachen zu hören!"

"Ach Fawkes, wie könnte ich nicht lachen! Ich glaube, solange du da bist, werde ich zumindest das nie verlernen."

"Du kannst dich auf mich verlassen, Harry. Die einzigen Tage, an denen ich dich jemals nicht besuchen werde, sind die drei Tage nach meinem Verbrennen, in denen ich federlos und ortsgebunden bin. Erst danach habe ich wieder die Kraft, um zu dir zu kommen."

"Ich bin so froh, dass die Banne um Azkaban nur Menschen vom hinein- und heraus- Apparieren abhalten. Du bist frei, zu kommen und zu gehen..." Ein träumerischer Ausdruck trat in Harrys Augen. "Wäre ich ein richtiger Phönix, dann könnte ich wie du einfach von hier verschwinden."

Leider hatte er, selbst wenn seine Animagusform die eines mächtigen magischen Tieres war, auch als Phönix nur die Kräfte, die er als Mensch besaß. Fawkes meinte zwar, er könne vielleicht auch eine Phönixapparation schaffen, immerhin besaßen seine Tränen minimale Heilkräfte (sie hatten es an einigen von Harrys zahllosen Schürfwunden und Frostbeulen getestet), doch selbst dann war er in seinem Wesen noch immer ein Mensch und als solcher von den Schutzbannen gefangen.

Harry hatte mal im Scherz gemeint, er könne sich ja in Brand stecken, hoffen, dass seine Asche von dem kühlen Wind, der ewig durch die Gänge der Festung pfiff, nach draußen getragen wurde, und dort aus den Resten auferstehen.

Fawkes war nicht begeistert. Harry hatte das Thema achselzuckend fallen lassen.

Hab eh keine Streichhölzer.

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Vielen Dank an alle reviewer!!!

michimaus: Ich poste meistens eher so kurze Kapitel. Aber dafür öfter. ; )

Lin-Lin: Danke, ich fühle mich geehrt! -verneig- :D Ob Harry Fawkes 'benutzt', um den Orden zu warnen, darüber kann man sich streiten...

Anne (ui toll, eine Namesverwandte!): Tja, so einfach ist das leider nicht mit den Unschuldsbeweisen...

Olaf: Wenn du mal was anderes schreibst, muss ich mir Sorgen machen, oder? -lol-

coco: Vorsicht mit vorschnellen Urteilen! - ich-weiß-was-was-du-nicht-weißt-Grinse aufsetz -