Loki stockte der Atem. Wieso? Wieso war Stark aufgefallen, was nicht einmal Thor, der ihn seit Jahrhunderten kannten, bemerkte? Wieso war Stark der einzige, der sein Verhalten hinterfragte, wenn alle anderen ihn als Bösewicht abtaten?

Doch der Ex-Gott bekam sich schnell wieder unter Kontrolle. Obwohl alles in ihm verlangte, sich jemanden anzuvertrauen, hielt er die Worte zurück. Er sehnte sich danach, alles zu offenbaren, was wirklich im letzten Jahr passiert war. Aber die Vergangenheit hielt ihn davon ab. So oft hatte man ihn in Asgard ignoriert und als Lügner beschimpft. Egal wer gegen ihn sprach, immer war Loki es, der am Ende verlor. Er war zwar als silberzüngig bekannt, aber das nützte ihm wenig, wenn niemand seinen Worten Glauben schenkte.

Er hatte die Hoffnung verloren, dass es innerhalb oder außerhalb der neun Reiche jemals anders sein könnte. Außerdem hatten Thors Beschreibungen und das Verhör mit Black Widow sicher nicht dazu geführt, dass es auf Midgard anders war.

Anscheinend hatte Lokis Zögern zu lange gedauert.

„Loki? Loks? Bambi?"

„Nur eines davon ist tatsächlich mein Name, Stark."

„Oh gut, ich hatte schon Angst, du würdest wieder in Ohnmacht fallen wie eine feine Dame."

Loki konnte sich ein Schnauben nicht verkneifen. „Die Sorge ist fehl am Platz, ich habe mein Soll an Ohnmachtsanfällen für die nächste Zeit erfüllt."

„Gut, denn ich warte immer noch auf eine Antwort."

Bei welcher Loki sich nicht sicher war, wie sie lauten sollte. Um Zeit zu gewinnen ging er zurück in die Küche und füllte sein Glas erneut. Stark beobachtet ihn, ließ Loki aber gewähren. Auf der Anrichte stand eine dekorative Schale mit Obst, welche Lokis Blick auf sich zog. Er dachte, sein Interesse wäre nicht zu sehen gewesen, aber anscheinend beobachtete Stark ihn genau, oder er war offensichtlicher, als er dachte.

„Bedien dich, ich esse es eh nicht. Zu gesund"

Das ließ sich Loki nicht zweimal sagen. Nach kurzer Betrachtung nahm er einen Apfel und biss hinein. Einen genießerischen Seufzer konnte er gerade so unterdrücken. Mit dem Apfel in der Hand ging er aus der Küche, stellte das Glas ab und lehnte sich gegen die Anrichte.

Noch einmal biss Loki von dem Apfel ab und kaute langsam.

„Ich bin ein Magier und als solcher durchaus fähig, meine Augenfarbe zu verändern."

Anscheinend klang das nicht überzeugend genug für Stark, der ungläubig schnaubte.

„Sicher, wer würde nicht waldgrüne Augen gegen schmutziges blau tauschen. Und dann doch den Rest von sich gleich lassen. Nein, ich denke, es hatte einen anderen Grund. Lust, meine Theorie zu hören oder willst du dir eine bessere Lüge ausdenken?"

Loki zuckte gekonnte gelangweilt mit den Schultern.

„Ich habe keine dringenden Geschäfte, also warum nicht?"

Innerlich zitterte er. Wie konnte Stark seine Lüge so schnell durchschauen? Es war nicht einmal eine Lüge, sondern die Wahrheit. Natürlich war das nicht der wahre Grund, aber es lag doch durchaus im Bereich des Möglichen.

Jeder, der Loki kannte, hätte gewusst, dass Loki niemals seine Augenfarbe ändern würde. Allerdings kannte Stark ihn nicht. Eigentlich hätte er die Fastwahrheit nicht anzweifeln sollen.

Loki verstand nicht, wieso der Mensch sich so viele Gedanken um ihn machte. Keine zwei Tage zuvor hatten sie sich als Feinde gegenübergestanden und Stark hatte ihn angegriffen, ohne ständig Fragen zu stellen. Woher kam dieser Drang, Lokis Beweggründe zu kennen? Noch nie zuvor hatte jemand ihn gefragt, warum er etwas tat. Meist wurde ihm nicht einmal die Möglichkeit gegeben, sich zu erklären. Das neuste Beispiel war Odins sogenannte Gerichtsverhandlung. Wenn selbst der Mann, den er für eine sehr lange Zeit Vater genannt hatte, Loki bei der erstbesten Gelegenheit alle Schuld zuwies, wieso tat es Stark dann nicht auch? Er kannte Loki nicht und während des Kampfes hatte er sich keineswegs mit Ruhm bekleckert.

Über seine Gedanken verpasste Loki fast die wahrscheinlich absurde Theorie, welche Stark so wichtig zu sein schien. Es war schließlich nicht möglich, dass der Mensch die Wahrheit entdeckt hatte.

„Wenden wir uns den Fakten zu. Jarvis, würdest du bitte …?", neben Stark erschien ein Bild von Lokis Ankunft auf Midgard.

„Danke, J."

„Natürlich, Sir."

„Also, wie man auf diesem Video sehen kann, kamst du auf die Erde, und hast gleich begonnen, Agenten zu töten oder zu versklaven. Sehr eindrucksvoll, die Rüstung und das Zepter. Wenn man aber genauer hinsieht, …", Stark vergrößerte das Video und zoomte auf Loki. „… sieht man, dass du nicht wirklich so klasse aussiehst. Leicht zu übersehen, in der Hitze des Gefechts."

Loki zwang sich, keinen Muskel zu rühren und das Bild nur mäßig interessiert anzusehen. Am liebsten hätte er sich von seinem eigenen Bild abgewandt. Durch die Vergrößerung waren seine eingefallenen Wangen deutlich zu sehen.

„Und das wichtigste, die Augen.", Tony vergrößerte das Bild noch weiter, bis nur noch Lokis dunkelblaue Augen zu sehen waren. „Lässt man das Video laufen, …", der Loki auf dem Bildschirm begann sich zu bewegen. „… erkennt man, hier, wie du stolperst. Nicht sehr eindrucksvoll."

Loki wäre am liebsten aus dem Zimmer gerannt, doch diese Blöße wollte er sich nicht geben.

„Aber am interessantesten fand ich es, als du Agent Barton unter deine Kontrolle gebracht hast. Du tippst ihn mit dem Stab an, seine Augen leuchten blau und fertig. Wenn man sich aber auf dich konzentriert, sieht man genau, wie deine Augen ebenfalls aufleuchten. Und zwar nicht vor oder nach dem Vögelchen, sondern genau zur selben Zeit."

Diesmal betrachtete Loki das Video fast mit Interesse. Er wusste nicht, dass seine Augen ebenfalls aufleuchteten. Nach einer kurzen Überlegung tat er die Beobachtung aber als unwichtig ab.

„Du scheinst eine seltsame Faszination für meine Augen zu besitzen.", stellte Loki ruhig fest.

Stark stoppte. „Wie könnte man nicht von so etwas Wunderschönem fasziniert sein?", Der Mensch zwinkerte Loki flirtend zu. „Aber das ist nicht der Punkt! Wenn man sich die restlichen Aufnahmen ansieht, erkennt man ganz klar, dass deine Augen immer blau sind. Mit einer Ausnahme!", mehrere Bilder erschienen in der Luft, alle Großaufnahmen von Lokis Gesicht.

Der Exgott hob beide Augenbrauen. Man sagte ihm zwar nach, er wäre eitel, aber das war selbst ihm zu viel.

Stark ließ sich jedoch nicht beirren und wischte alle Bilder beiseite, um eines in den Mittelpunkt zu stellen. Es zeigte Loki, nachdem er von dem Hulk in den Boden geschlagen wurde.

„Das ist das einzige Bild, auf dem deine Augen vollkommen grün sind. Eine ganz andere Farbe.", zum Vergleich ließ Tony ein zweites Hologramm erscheinen. „Und zufälligerweise nachdem du einen oder mehrere starke Schläge auf den Kopf bekommen hast."

Loki konnte seinen Blick nicht von dem Bild losreißen. Sein Gesicht, sonst eine vorsichtig konstruierte Maske, zeigte alle seine Gefühle. Das Erstaunen und teilweise auch die Freude darüber, endlich von dem Bann befreit worden zu sein.

„Loki?", Starks Stimme riss ihn aus seinem Bann. Mit einem Blinzeln sah er zu dem Mann in der roten Rüstung.

„Wenn du so weitermachst, kratzt du dir den Arm auf."

Blitzschnell zog Loki seine Hand zurück, welche wieder versucht hatte, durch seine Haut hindurch seine summende Magie zu erreichen. Er öffnete seinen Mund, um Starks Beobachtungen abzutun, konnte aber keine glaubwürdige Erklärung finden.

Nun sah Tony ihn schräg an, fuhr aber trotzdem fort.

„Von dem, was Thor uns über dich erzählt hat, bist du gerissen und ein Taktiker. Jemand, der gerne komplizierten Pläne schmiedet. Wenn man sich dagegen die Invasion ansieht, … naja. Es war dumm, sofort zu zeigen, dass du eine Bedrohung für den ganzen Planeten darstellst. So hatten wir Zeit, uns vorzubereiten. Himmel, wir hatten sogar genug Zeit, eine Gruppe zu bilden, eine Krise zu haben und uns dann stärker denn je zu verbünden. Nicht sehr intelligent. Und dieser interdimensionale Tunnel… Jeder, der mal ein Buch gelesen hat, weiß, wie dumm es ist, seine Armee durch einen Engpass zu führen. Das schreit geradezu danach, dem Gegner den Sieg zu schenken.

Das alles sieht für mich sehr danach aus, als wäre Barton nicht der einzige gewesen, der kontrolliert wurde. Es wirkt für mich so, wärst du nur der Sündenbock gewesen. Als hätte dich jemand einer Gehirnwäsche unterzogen und im Hintergrund die Fäden gezogen."

Gespannt sah Tony auf seinen Hausgast. Er war sich seiner Theorie sehr sicher. Das war auch der Grund gewesen, aus dem er Jarvis wiederholte Warnungen ignoriert und Loki im Tower behalten hatte. Und die Tatsache, dass der andere schrecklich aussah. Seine Kleidung wirkte zu groß und die Teile seiner Haut, die sichtbar waren, zeigten immer noch Spuren des Kampfes. Beunruhigend war ebenfalls, dass Loki immer, wenn seine Gedanken abschweiften, seine Arme kratzte. Er selbst unterband das, sobald es ihm auffiel, dennoch zuckten seine Hände immer wieder, als hätte er Juckpulver abbekommen.

Lokis Schweigen begann nach einer Weile, Tony zu beunruhigen.

„Loks? Hast du mir überhaupt zugehört?"

Das schien Loki endlich aus seiner Starre zu reißen.

„Ja. Ich…", Loki stoppte erneut. Stark hatte Recht. Ihm fehlten die meisten Details, aber seine Theorie stimmte. Und Loki wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Obwohl er ihn aus einem Fenster geworfen hatte, war Stark nichts als freundlich zu ihm gewesen. Er war sogar interessiert genug, herauszufinden was wirklich passiert war. Und Loki wollte so sehr, dass jemand ihn verstand. Dass es jemanden gab der ihn nicht ansah, als ob er nicht würdig war. Die einzige Person, die dies bisher getan hatte, war Frigga. Doch sie war bei seiner Verhandlung abwesend, also hatte wahrscheinlich auch sie genug von ihm. Wie alle anderen, die über die Jahrhunderte so taten, als seien sie seine Freunde, nur um näher an den Thron zu kommen.

Doch Stark müsste wissen, dass Loki niemand war, mit dem man gesehen werden wollte. Er sollte einer der intelligentesten Bewohner dieses Planeten sein. Als solcher musste er Rätsel mögen und nachdem er das um Loki gelöst hatte, würde er keine weitere Verwendung für ihn finden.

Wahrscheinlich war Loki nur ein Zeitvertreib für Stark gewesen. Interessant, weil er unbekannt war, ein Mysterium. Doch nun, da er das Mysterium ergründet hatte, würde das Interesse schwinden und Loki höchstwahrscheinlich auf Shield abgeschoben.

Zurück auf bekanntem Territorium, fand Loki endlich eine Antwort.

„Ja, Stark, deine Schlussfolgerungen stimmen. Hast du noch weitere Fragen oder soll ich die Ankunft von Shield abwarten?"

Hatte Tony während des ersten Satzes noch genickt, so wurde er vom Rest der Antwort vollkommen aus der Bahn geworfen.

„Wieso sollte ich Shield holen?"

„Ich habe deine Fragen beantwortet, deine Neugier ist gestillt. Ich nehme an, mich erwartete jetzt eine Gefängniszelle bei Shield."

„Woah, Moment! Ich dachte, wir hätten gerade geklärt, dass du kontrolliert wurdest. Warum sollte ich einen Unschuldigen in eine Zelle stecken?"

„Unschuldig? Waren es nicht diese Hände, die Menschen töteten? Die das Zepter schwangen? Die dich aus dem Fenster warfen? Jeder außer dir hält mich für schuldig, Stark."

Stark war erstaunt von der Intensivität, mit welcher Loki gegen sich selbst sprach. Er seufzte, die nächste Zeit würde interessant werden.

„Loks, ich werde dich nicht Shield ausliefern. Du hast Recht, sie würden dich wahrscheinlich einsperren und nichts hinterfragen. So könnten sie dich immer verhören oder Experimente durchführen, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Aber so bin ich nicht! Himmel, vor Gericht würdest du für unzurechnungsfähig erklärt werden und keiner könnte dich verurteilen. Ich werde dich nicht einfach ausliefern."

Loki war wie erstarrt. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Von Beginn an, als er auf Midgard erwachte, war er davon ausgegangen, weggesperrt zu werden. Einzig und allein das Wann war unklar gewesen. Er hatte mit langen Jahren in einem engen Raum gerechnet, mit genug Wasser und Brot, um ihm am Leben zu halten. Vielleicht würden sie ihn zu Beginn verhören, aber auch das würde aufhören, ehe er irgendwann vergessen auf einer fremden Welt starb. Loki hatte sich keine Hoffnungen gemacht, dass sein Schicksal anders aussehen würde und es teilweise sogar begrüßt. Er wusste inzwischen, dass es weitaus schlimmeres gab, als den Tod.

Den Gedanken, dass Stark bereit war, mehr für ihn zu tun, als er bisher schon getan hatte, zog Loki nicht einmal in Erwägung.

„Wenn ich dieses Gebäude verlasse, wird Shield mich ohnehin finden.", stellte er schließlich sachlich fest. Dieses Dilemma hatte er bereits durchdacht. Immerhin hatte er geschlafen, gegessen und getrunken, sodass er sich allmählich besser fühlte. Vielleicht konnte Loki mit Shield verhandeln und sein Wissen zur Verfügung stellen. Die Chancen waren zwar gering, aber zu etwas sollte seine Silberzunge doch nützlich sein.

„Vielen Dank für die Gastfreundlichkeit Stark, ich werde mich erkenntlich zeigen, falls es möglich ist."

Loki drehte sich von Stark weg und ging in die Richtung, in welcher er den Ausgang vermutete.

„Warte!", Tony hielt Loki am Arm zurück. „Du musst nicht gehen, ich schmeiße dich nicht einfach so raus. Du kannst hierbleiben. Nur wenn du möchtest, natürlich! Mir ist das mit Shield klar und ich habe mehr als genug Platz, ist alles kein Problem."

Er fuhr sich mit dem Handschuh übers Gesicht. „Setzt dich auf die Couch und wir reden darüber, okay? Jarvis, bestell Pizza, das übliche und …", er sah Loki prüfend an. „Einmal nur Schinken."

„Sofort, Sir."

„Danke J. Okay, ich gehe nur kurz die Rüstung ausziehen, langsam komme ich mir komisch vor. Nicht wegrennen!", rief er Loki über die Schulter zu, als er auf den Balkon ging und nach oben flog.

Loki, inzwischen vollkommen verwirrt, setzte sich auf die Couch und wartete auf Starks Rückkehr.