Alles war reibungslos
verlaufen, die beiden Staffeln Helikopter auf dem Rückflug zur
Sammelstelle, um dort zu warten, bis sie wieder benötigt werden
würden.
Karen Hillbrough, ihres Zeichens Lt. Colonel und die
Staffelführerin ihres Verbandes, hatte John wie üblich zu ihrem
"Flügelmann" erklärt. Etwas, was ihn immer wieder ein
wenig mit Stolz erfüllte.
Karen allerdings war auch eine
besondere Frau und noch dazu eine der wenigen, die nicht seinem
Charme erlag. Vielleicht wirklich wegen der drei Kinder, den zwei
Hunden und ihres Ehemannes wegen, die irgendwo in Maine auf ihre
Rückkehr warteten. Vielleicht stimmte aber auch das Gerücht, daß
Lt. Colonel Hillbrough in Wahrheit eine verkapte Amazone war, die für
Männer eigentlich gar nichts übrig hatte.
Klar war nur, sie
hatte ihren Verband im Griff und erkor regelmäßig die gleichen zu
ihren Stellvertretern, und John stand offensichtlich ganz weit oben
auf ihrer Liste.
Vielleicht, so hatte er auf dem sehr ruhigen
Hinflug zum Kampfgebiet überlegt, wollte sie ihm auf diese Weise
zeigen, daß sie ihm vertraute und ein bißchen Wiedergutmachung
leisten, da sie bei Myers nicht eingeschritten war. Andererseits
...
John gab Steve ein Zeichen und wechselte auf die interne
Leitung. Sein Copilot würde die nächsten Minuten den offenen
Funkverkehr überwachen und es ihm mitteilen, kam eine wichtige
Nachricht herein. John seinerseits rief Mickey, der gelangweilt neben
der hinteren Tür saß und ganz offensichtlich nichts zu tun
hatte.
"Warum bist du zum Alten gegangen?" fragte John,
sich wohl bewußt, daß der letzte ihrer Viererbande, Fizz, sehr
genau mithören konnte.
"Weil dir mal einer die Grenzen
zeigen muß, Shep", kam prompt die Antwort. "Du hättest
diesen Ali Baba nie in diesen Heli steigen lassen dürfen."
"Das
war eine Teamentscheidung", widersprach John sofort und drehte
sich kurz auf dem Pilotensitz so weit um, daß er den Soldaten
ansehen konnte. "Wir sind ein Team!"
"Scheiße,
Mann, wir sind ein Team. Du gehörst aber nicht dazu!"
entgegnete Mickey. Trotzig hob er den Kopf und begegnete Johns Blick.
"Keine Ahnung, auf welchem Weltrettungstrip du bist, Shep, und
ich will auch gar nicht mehr darüber wissen. Ich will meine Ruhe,
wenn ich dienstfrei habe. Was anständiges trinken, vielleicht ne
Runde Poker - eben was normales! Sicherlich keine Trümmer
besichtigen, die früher irgendwas gewesen sind. Und ganz sicher will
ich keinen von diesen Ziegenhirten in meiner Nähe haben! Das ist
widerlich!"
"Hüte deine Zunge, Michael", ließ
sich unvermutet der letzte des Teams, Fizz, vernehmen. "Ich
gehöre nämlich auch zu diesen Ziegenhirten."
John mußte
unwillkürlich schmunzeln, als er aus den Augenwinkeln sah, wie
Mickey sich plötzlich aufrichtete. Allerdings mußte er auch
zugeben, daß Fizz' Herkunft für ihn ebenfalls ein Rätsel gewesen
war. Sicher, seine Haut war dunkler, er trug die üblichen
Gesichtszüge für die Menschen hier und er war Moslem, andererseits
aber auch amerikanischer Staatsbürger und irgendwo in Illinois
aufgewachsen seinem Slang zu Folge.
"Es war nicht richtig,
gleich zum Boß zu gehen", meldete sich nun auch noch Steve zu
Wort. "Das hätten wir vier untereinander klären sollen. Du
hättest ja nicht mitkommen müssen, Mickey."
John
konzentrierte sich wieder auf die Instrumente, als eine der Leuchten
ansprang.
Karen funkte ihn über Notfrequenz an?
Warum?
Unwillkürlich beugte John sich leicht nach vorn, um zum
führenden Black Hawk, der versetzt halb vor dem seinen flog,
hinübersehen zu können. Doch gegen das Tageslicht konnte er nicht
in die gläserne Kanzel sehen.
Er schaltete das Funkgerät wieder
frei und meldete sich:
"Kaukasus 06 ruft Kaukasus 01. Was
gibt es, Karen?"
"Südstern hat ein schwaches Signal aus
der Kampfzone aufgefangen", kam prompt die Antwort. Selbst durch
die statische Verzerrung hindurch konnte er die Besorgnis hören, die
Karen empfand. "Ein Notruf von Mothergoose 03."
Johns
Herz setzte einen Schlag aus. "Holland!" entfuhr es
ihm.
"Laut Südstern ist er weit hinter den Linien
runtergekommen. Kaukasus 06, wir sollen umgehend zum Sammelpunkt.
Nichts unternehmen. Hast du das verstanden, John?"
"Wir
können Holland doch nicht da draußen lassen!" entfuhr es ihm
heftiger als er gewollt hatte.
Fatima! Sie wartete auf die
Rückkehr ihres Retters. Die beiden würden Eltern werden, wollten
heiraten ...
John fühlte einen Druck im Kopf, als die Gedanken
auf ihn einzuprügeln begannen. Die Atemluft wurde ihm knapp und er
mußte sich zwingen, den Steuerknüppel nicht herumzureißen, um
schnurstracks zurückzufliegen.
"Es tut mir leid, John",
sagte Karen leise. "Ich dachte nur, du solltest es sofort
erfahren. Man arbeitet an einem Rettungsplan."
"Und wann
soll der zum Einsatz kommen, wenn wir nicht sofort zurückfliegen?
Soll Holland enden wie Carl?"
Major Carl Esposito war letztes
Jahr abgeschossen worden und den Taliban in die Hände gefallen. John
wurde immer noch übel bei dem Gedanken, wie ein Trupp Grenadiere
seinen Leichnam schließlich gefunden hatte - entstellt, halb
verbrannt und mit teils fehlenden Gliedmaßen. Augenlider, Nase und
Lippen hatte man ihm ebenso wie seine Zunge abgeschnitten.
John
hatte die Leiche damals transportieren müssen - und es war der wohl
schrecklichste Flug in seinem ganzen Leben gewesen ...
"Der
Captain wird sicherlich nicht so enden wie Esposito. Ist das klar?"
Karens Stimme gewann an Schärfe. "Wir fliegen zurück zum
Sammelpunkt und warten. Kaukasus 01 Ende."
Es war plötzlich
seltsam still im Helikopter.
John atmete einige Male bewußt ein
und aus ehe er einen Blick auf Steve wagte. Der sah ihn an, und
selbst durch die getönten Gläser der Sonnenbrille hindurch konnte
John dessen Sorge sehen.
"Was machen wir jetzt?" fragte
Fizz plötzlich in die Stille hinein. "Bis HQ und die Regierung
sich geeinigt haben, sind Holland und Carter hin."
Lieutenant
Samuel Carter, Copilot von Holland und einer der jüngsten in der
ganzen Fliegertruppe überhaupt. John hatte sich allen Ernstes
gefragt, ob der Junge überhaupt schon mit der Highschool fertig
war.
"Ihr habt den Colonel gehört", wandte Mickey ein.
"Es wird an einem Notfallplan gearbeitet. Die beiden gehen uns
schneller wieder auf die Nerven ..."
"Die beiden sind
mitten im Feindgebiet!" schnitt Steve dem Bordschützen das Wort
ab. "Wenn sie verletzt wurden und der Kopter nicht mehr will
..."
"Wir haben klare Befehle." Diese Worte klangen
bitter. John brachte sie kaum über die Lippen. Dennoch aber sagte er
sie.
"Klare Befehle, die die beiden direkt ins Jenseits
befördern." Fizz trat in den Durchgang vom Heckabteil zum
Cockpit. "Verdammt, Shep, sonst bist du doch der erste! Holland
ist dein Freund!"
"Wenn wir das machen, landen wir sehr
wahrscheinlich in Leavenworth", widersprach John. "Wir
ignorieren einen Befehl des HQs!"
"Dämliche Befehle
sind dazu da, ignoriert zu werden. Deine Worte." Steve
grinste.
"Seid ihr denn total wahnsinnig geworden?"
Mickey rappelte sich endlich auf und trat an Fizz' Seite. "Mir
ist egal, wenn ihr eure Karrieren in den Sand setzen wollt. Ich mache
da nicht mit!"
"Leute, seid ihr euch da wirklich sicher?
Das ist Befehlsverweigerung." John warf einen Blick über die
Schulter.
"Das ist ein Freundschaftsdienst. Holland hat Frau
und bald Kind. Die beiden brauchen ihn noch."
"Habt ihr
eigentlich nicht zugehört?" Mickey warf einem nach dem anderen
ungläubige Blicke zu. "Es wird ein Rettungseinsatz
geplant!"
"Für wann? Übermorgen?" fragte Fizz
trocken. "Du mußt ja nicht mit, Mickey. Hinten sind die
Fallschirme. Und ich bin dir zu gern behilflich, einen
anzulegen."
John wechselte einen Blick mit Steve, doch auch
der nickte entschlossen.
"Wir fliegen und helfen Holland und
Carter." Fizz grinste in die Runde. "Hey, schlimmer kanns
nicht werden."
Doch er sollte sich irren ...
